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Full text of "Heidelbergische Jahrbücher der Literatur. Heidelberg, Mohr & Zimmer 180872"

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HEIDELBERGISCHE 



JAHRBÜCHER DER 



LITERATUR. - 
HEIDELBERG, 
MOHR & ZIMMER 



1808-72 



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HEIDELBERGER 

JAHRBÜCHER 



DER 



LITERATUR. 



SECHS und ZWANZIGSTER JAHRGANG. 



ZWEITE HÄLFTE. 
July bis December. 



HEIDELBERG. 

In der üniversitäts- Buchhandlung yon C. F. WINTER. 



18 33. 




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N°. 40. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 



Apokalyptische ältere und neue Erwartungen auf die 
Jahre 1830 bis 1836, mit Beurtheilung. 

Kein Theil der Bibelerklärung beweist auffallender 
als die Apokalypse, wie unsicher der seligmachende 
Glaube an Gott und göttliche Dinge seyn würde, wenn 
er von der Auslegung historischer Ueberlieferungen ab- 
hängen müfste. Wie viele unläugbar Gutwollenden unter 
den Bibelerklärern suchten hier Weg und Ziel , Bahn 
und Richtung. Und doch : wie weit und immer weiter 
divergent von einander sind die Linien geworden, auf 
denen ihre Auslegung fortschreitet, während an der 
Redlichkeit ihres Forschens und auch grofsentheils an 
dem Mafs ihrer Vorkenntnisse nicht zu zweifeln ist. 

Eine Zeitlang freilich wurde es für das entschiedenste 
Zeichen des Unglaubens ausgeschrieen, wenn kritisch - 
historische Gelehrte, seit Joh. Sal. Semler, über- 
haupt darauf aufmerksam machen, dafs die protestan- 
tischen Kirchenlehrer zwar mit Recht behaupteten : das 
Urchristenthum sey nicht aus späterer, unstäter Tradi- 
tion, sondern nur aus der Sammlung der ächt urchrist- 
lichen Schriften (~ dem Kanon) zu erkennen! dafs 
aber eben diese Vorsteher der Kirchen, welche zu dem 
Urchristenthum reiner zurückzugehen den Vorsatz haben, 
doch bis in die Mitte des 18ten Jahrhunderts herab nicht 
einmal die erste Vorfrage genug untersucht hätten, näm- 
lich: welche Schriften mit vollem Recht für ächt 
urchristlich erkannt und nach genügenden Grün- 
den in den Kanon aufgenommen worden seyen. Es galt 
besonders für heterodoxen Unglauben, wenn Zweifels- 
gründe, warum die Johanneische Apokalypse a) nicht 
apostolisch, 6) nicht von späteren Zeiten erklärbar, und 
c) nicht als geschichtlich erfüllt zu erkennen sey, immer 
mehr ins Licht gestellt wurden. 

XXVI. Jahrg. 7. Heft. 40 



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Apokalyptische Erwartungen 



Jetzt endlich, da den sachkundigen Untersuchungen, 
wie es seyn soll, einige Decennien hindurch, ohne eine 
Hinderung von der (vermeintlich) episkopalischen Kir- 
chengewalt, die Laufhahn zum Ziel der Wahrheit (d. i. der 
überwiegenden Ueberzeugung) frei gelassen worden war, 
zeigt sich das Resultat soweit vorgerückt, dafs (s. unsere 
deswegen ausführliche Recension im Heft 4. und 5.^, 
ein achtungswürdiger Theolog, welcher gegen alle Par- 
thien sich mit Umsicht in der Mitte zu halten sucht, 
nicht nur ausspricht, sondern auch mit vieler Ruhe und 
Sachkenntuifs nach allen Seiten die Beweise dafür Con- 
centrin, dafs die Apokalypse a) nichtapostolisch, b) nicht 
auf spätere Erfolge hinausdeutend , und c) factisch nicht- 
erfüllt ist, dennoch aber d) da sie, im Kirchenkanon 
stehend, den Kiichengenossen bekannt seyn und bleiben 
mufs, auch für dieselbe ausgelegt und anwendbar ge- 
macht werden soll. Unstreitig wird sie demnach den 
Nichtgelehrten anders nicht, als so, wie die Kritik der 
Nicht-Heterodoxie sie endlich erkenneu mufs, nach jener 
ihrer eigentümlichen Beschaffenheit kirchlich zu er- 
klären und anzuwenden seyn?? 

Je weiter nun diese allmählich zum Ziel führende 
Linie sich rechts hin gewendet hat, desto weiter diver- 
girt von ihr die gewifs noch bei den allermeisten Kir- 
chengenossen fortdauernde (in ihr religiöses Bewufstseyn 
recht tief aufgenommene und eingesenkte) Behauptung, 
dafs die Apokalypse ächtapostolisch, dafs sie 
geschichtlich, besonders a n tipapistisch, wun- 
dervoll erfüllt, und noch in weitere Erfül- 
lungen hinaus leuchtend und wahrsagend sey. 

Da wir von jener nicht nur Tür die Aufgeklärten er- 
wiesenen, sondern auch allmählig in die Orthodoxie 
übergehenden kritischen Ueberzeugung in Bezug auf die 
Lückesche. Einleitung im 4. und 5. Heft dieser Jahr« 
bücher Bericht erstattet, und daran auch durch aus- 
führliche Darlegung unserer Ansicht gerne einen eigenen 
Antheil genommen haben, so ist es der Mühe werth und 
wird auf der andern Seite für die Sache der Wahrheit 



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nach Bengel, Oslander, Wurm, Burk u. A. 



förderlich seyn, gleich unpartheiisch den Gesichtspunkt 
darzustellen, auf welchem gegenwärtig die an Wahr- 
sagung glaubige Apokalyptik sich noch zu er- 
halten bemüht ist 

Meist nehmen die kritisch Denkenden oder Denk- 
glaubigen gar zu wenig Notiz von der immer weiter sich 
von ihnen ablenkenden Divergenzlinie des mirakulosen 
Prophezeihungsglaubens, welcher doch wahrscheinlich 
für jetzt noch unter denen Kirchenmitgliedern, die nicht, 
vom Unglaublichen bereits allzusehr abgestofsen, in völ- 
ligen Indifferentismus ubergegangen sind, vorherrschend 
ist. Und doch kann die Berücksichtigung dieser Wir- 
kungen des Wunderglaubens in der Bibelauslegung, man- 
cherlei wichtige Betrachtungen veranlassen. Man frage 
sich z.B., ob der Gemeindelehrer sich von d erMenge 
leiten lassen sollte? oder vielmehr „(mit redlicher Vor- 
sicht) die Menge auf das Richtigere hinzuleiten habe? 
Das heifst: Man frage, ob etwa Der, welcher Astro- 
nomie, so gut er sie versteht, lehren soll, dadurch ge- 
bunden seyn solle, dafs uns allen dennoch die Sonne zu 
laufen scheint? Man frage etwa ferner: ob eine seit 
vielen Jahrhunderten aus der löblichen und frommen 
Absicht, sich dem Antichristlichen entgegenzusetzen, 
sehr verbreitete Deutungsart eben deswegen, weil sie 
mit dem religiösen Bewufstseyn Vieler gleich- 
sam identificirt ist, dadurch einen traditionellen Vorzug 
habe? und dergl. m. 

Um die Sache lind ihren Werth durch sich selbst 
klar zu machen, wollen wir zu authentischen Erklärungen 
dieser dem Supernaturalismus unstreitig angemessensten 
Apokalyptik übergehen. Da gerade jetzt und 1896. die 
bedeutendsten Erfüllungen eintreten sollten, so wären 
wir dem irrefragabelsten Beweis für den Weissagungs- 
beweis endlich recht nahe gerückt. Es ist der Mühe 
werth , zu fragen : was hatte man , wie supernaturali- 
stisch ausgerechnet, zu erwarten? und wie sucht man 
nunmehr, da die ausgerechneten Erfüllungen kaum in 
einigen Punkten zutreffen, bereits provisorisch wieder 



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628 Apokalyptische Erwartungen 

neue Vertagungen und Fristen für diese mirakulose Aus- 
legungsweise vorzubereiten ? 

Kurze, sinnreiche Andeutungen hierüber sind zu 
nehmen aus zwei kleinen Schriften eines mir unbekannten 
Verfs., aus welchen ich das Wesentliche, soviel möglich, 
wörtlich zusammenziehe : 

[1.] Der vierzehnte October 1832. Stuttgart, bei Löflund und 
Sohn. Geschrieben den 14. Aug. 1832. 

„Nach der Berechnung des seligen J. A. Bengel 
(s. dessen Lebensbeschreibung *) von Burk S. 277.) soll 
den 14. Oct. 1832. in Erfüllung gehen, was Offenb. 17, 
12. 13. geweissagt ist. Der Sinn der Stelle sey nach 
dem Grundtext wohl so zu fassen : Zehen Könige, welche 
vorher nicht Könige waren, werden in Einer Stunde 
mit dem Thier (also zu gleicher Zeit mit dem sich wieder 
erhebenden Menschen der Sünde) eine königliche Gewalt 
empfangen, einstimmig die Oberherrlichkeit desselben 
anerkennen, und sich zu seinen Zwecken gebrauchen 
lassen." — Nach der Bengel'schen Rechnung wäre der 
uns bereits unmittelbar gegenwärtige Zeitzustand auf 
folgende Weise bestimmt: 

ä) Das Weissagen der zwei Zeugen dauert 
1260 gewöhnliche Tage, zwischen den 
Jahren 1830 — 1834. 

6) Die letzte Zertretung Jerusalems dauert 

42 gewöhnliche Monate, zwischen 1830 — 1834. 

c) Das Aufsteigen des Thiers aus dem Ab- 
grund, das bei seiner Ankunft, als ein in 
Einer Stunde sehr mächtig gewordenes 
Thier, höchlich bewundert wird, etwa 
im Jahr - . . . 1830. 

*) Diese — viel authentisches von dem ehrwürdigen Verbreiter der 
Kritik des Neuen Testaments , und philologirch mustermäfsigen 
Scholiastcn desselben aufbewahrende — Reliquicnsammlung ent- 
hält so viele gediegen Wahre Aussprüche und Lebenserfahrun- 
gen, dafs sie für den Vorurteilsfreieren fast noch anziehender a 
seyn kann, als für den Beschränktdenkenden. P*. 



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nach Bengcl, Oslander, Wurm, Burk u. A. f>2<) 



d) Das Thier nimmt seinen Thron auf den 
sieben Bergen, wo es eine „kleine Zeit" 
bleiben mufs 1831—1832. 

e) Die einstundige Macht der zehen Könige 
Cap. IT, 12. dauert Eine prophetische 
Stunde, d. i. acht Tage vom 14. bis 22. Oct. 1832. 

„Alle diese Ereignisse hätten nun bereits anfangen, zum 
Theil auch schon geschehen seyn müssen, wenn Bengel 
Recht hätte. Dafs das nicht der Fall ist, bedarf (auch 
für Die, welche nicht zum voraus, sondern nur durch 
hangreifliche Erfahrungen klug werden)' keines Beweises. 

Daher wankte dem Verf. schon im August 1832. auch 
die Richtigkeit der Zahl 1836, indem jener „Fürsten • 
Congrefs," den man aus Apok. 17, 13. auf den 14. Oct. 
1832. berechnet hatte, nicht mehr zu erwarten war. 
Dem deswegen zu befürchtenden Unglauben zuvorkom- 
mend , unternimmt der Verf. jetzt sogar „ einen biblischen 
Beweis," dafs das Jahr 1836. nicht das Jahr der Zukuift 
Christi seyn kann, und somit auch auf den 14. Oct. 
1832. nicht zu zählen war. Er rückt mit einem Mal — 
vorsichtig und entschlossen genug — alles Erwartete 
und sogar fast inspirationsartig Ausgerechnete, hinaus in 
eine unbestimmbare Weite der Zukunft, die er aber 
doch eher nahe als weit entfernt zu ahnen scheint. 

„Matth. 24. und Mark. 13. rede Jesus nur in den 
2 ersten Versen von der Zerstörung Jerusalems , und 
derjenige Abschnitt des 24. Cap. im Matthäus, in dem 
der 15te Vers vorkommt, müsse von der letzten (!) 
Zeit verstanden werden, da unmittelbar vorher V. 14. 
sage, dafs das Evangelium zuvor gepredigt 
werden müsse allen Völkern." 

Daher macht sich der Verf. zum 15. Vers, der sich 
auf den Propheten Daniel beruft, eineUebersetzung 
und Ausdeutung, die das glaubige Erwarten mit einem 
Male in das — Grenzenlose der Zukunft versetzt. Der Sinn 
der Danielitischen Stelle 9, 24 — 27. sey so zu fassen: 
„Siebenzig Jahrwochen (von sieben Jahren) sind „ab- 



630 Apokalyptische Erwartungen 

schnittsweise" bestimmt über dein Volk und Ober 
deine heilige Stadt (Jerusalem), mit deren Beendigung 
alles längst verheifsene Heil deinem Volke zu Theil werden 
wird. Von diesen 70 verlaufen 7 und 2 und 60 (also 
im Ganzen 69) bis zum Tode des Messias. Nachher 
wird ein mächtiges Volk (die Römer) kommen, und die 
Stadt und das Heiligthum zerstören, und sie werden bis 
zum Ende verwüstet seyn. In der letzten (!) Jahr- 
woche aber wird Gott Seinen Bund mit Einer Anzahl 
Seines Volks erneuern (sie werden den Tempel wieder 
bauen, und in demselben wieder Opfer bringen). In 
* der Mitte der 7 Jahre aber wird das Opfern auf- 
hören; der Antichrist wird sein Bild vor dem Tempel 
aufstellen, und diese Entheiligung des Ortes wird bis 
an's Ende währen/' 

Die 70 Wochen, folgert nun der Verf., werden also 
in 3 Abschnitte getheilt: in 7, 2 und 60 und Eine. 
Zwischen diesen Abschnitten aber verfliefsen 
Zeiten, die nicht gerechnet werden, und na- 
mentlich zwischen der 69sten und 70sten 
Jahrwoche laufen 18 Jahrhunderte ab, die 
bei der prophetischen Rechnung gar nicht 
in Anschlag kommen (!), weil während derselben 
von der Kreuzigung Christi , und besonders von der 
Zerstörung Jerusalems an, die Judenschaft nicht mehr 
als ein Volk Gottes, und ihre Stadt nicht mehr als eine 
heilige Stadt zu betrachten ist, die 70 Wochen aber nur 
auf „das Volk und die heilige Stadt" sich beziehen 
können." Somit wäre die 70ste Woche noch 
zurück, und begreift die letzten 7 Jahre vor 
dem Ende der gegenwärtigen Weltverfassung 
in t sich. Denn die 70ste Woche müsse sich auf eine 
teit beziehen, in welcher wieder von einem Volk Gottes 
und einer heiligen Stadt die Rede seyn kann. 

Jetzt, da die langgeglaubte Ausrechnung durch den 
Erfolg sich ergeben sollte, und da sie aicji nicht er- 
probte, jetzt also, da die, welche endlich das Lauger- 



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I 



nach Bengel t Oslander, Wurm, Burk u. A. 631 

harrte erleben sollten, umsonst gewartet und ge- 
glaubt zu haben, handgreiflich lernen muteten, werden 
endlich gegen die Berechnung selbst beachtungswerthe 
Bemerkungen mitgetheilt, denen nichts fehlt, als dafs 
sie dem wunderbegierigen Zeitalter schon längst hätten 
entgegengestellt werden sollen, da sie längst zum voraus, 
ohne die leidige Widerlegung aus dem Erfolg erleben 
zu müssen, leicht zu machen gewesen wären. 

S. 4. bekennt der Verf. nunmehr: „Ohne genü- 
genden Grund behauptete Bengel , dafs die Weltdauer 
auf 7777 7 / 9 Jahre festgesetzt sey, und ebenso, dafs die 
beiden Jahrtausende der Gebundenheit des Satans und 
der Regierung der Heiligen nach einander ablaufen. 
Indem er die 2000 Jahre von hinten herein von den 
7777% Jahren abzog, kam Er auf das Jahr 5777% Jahr 
der Welt oder auf das Jahr 1836. nach Christi 
Geburt. Da sich aber dieses Jahr zum Ablaufstermin 
desNon- Chronus, der „wenigen Zeit" und der vierthalb 
Zeiten so gut schickte, so war es natürlich, dafs Ihm 
diese Zahl richlig wurde, obgleich die Richtigkeit der 
Anfangstermine für diese Perioden auch nicht hinlänglich 
erwiesen ist." 

„Suchen wir eine Bestätigung der Bengefschen Rech- 
nung in der Geschichte, so treffen wir auf das berühmte 
Jahr 1809, dessen Ereignisse (Napoleons Decrete gegen 
die weltliche Herrschaft der römischen Hierarchie über 
den Staat von Rom) eine so auffallende Erfüllung seiner 
Voraussagungen zu enthalten schienen, und jenem Rech- 
nungssystem bei Vielen neuen Credit erwarben. Man 
erinnre sich aber (dies erinnert jetzt der Verf.), dafs 
Bengel schon bei der ersten Auflage seiner „Erklärten 
Offenbarung" ungewifs gewesen: ob die 666 Jahre von 
dem Jahre 1143. bis 1810. oder von 1077. bis 1744. zu 
rechnen seyen? und dafs Er auch in der 2ten Auflage, 
als das Jahr 1740. ohne auffallende Veränderung vorüber- 
gegangen war, über den Anfangstermin der 666 Jahre 
ebenso anbestimmt sich ausspricht! (s. Erkl. Offenb. 



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632 Apokalyptische Erwartungen 

III. Aufl. 6. 1071. und 1083.) Man darf also — wie 
der Verf. jetzt einsieht — nicht zuviel Werth auf die 
Jahrzahl 1809. legen; um so weniger, als es augen- 
scheinlich ist, dafs die Macht des Pabstthums in der 
2ten Hälfte des 18ten Jahrhunderts bereits gebrochen 
war, und die Ereignisse des Jahrs 1809. nur einen 
vorübergehenden Moment in der Periode des Nichtseins 
darstellten, also mehr eine Offenbarung seiner bereits 
eingetretenen Schwäche , als die Schwächung seiner 
Macht selbst bewirkten. Vielmehr ist es nun dem Verf. 
das Wahrscheinlichste, dafs die Zeit des Thiers von 
1073. bis 1740. laufe, in welch letzterem Jahre das 
Pabstthum sichtbar genug zu sinken anfing. 

Psychologisch ist , nach allem diesem , nichts merk- 
würdiger, als durch eine zweite Flugschrift 
desselben Verfs. zu sehen, wie die Glaubigen, da 
man sie so eben von einem , endlich durch das Erlebte 
unvermeidlich gehobenen, Irrthum befreit (oder: erlöst) 
werden läfst und lassen mufs, sogleich wieder auf einen 
neuen, und was das schlimmste ist, auf einen viel we- 
niger übersehbaren, nämlich auf einen bis in die unbe- 
stimmbare Zeitferne hinaus gedehnten Irrweg festglaubig 
eingeleitet werden sollen. 

Unter dem Titel: 

[2.] Das J ahr Von dem Verfasser der Schrift: „Per vier- 

zehnte October 1882." Stuttgart, bei Löflund u. Sohn. 1833. 8. 

wird seit dem Nov. 1832. freimüthig erklärt: „Der vier- 
zehnte October ist vorüber , und seit demselben Zeit 
genug, um uns Nachricht zu bringen, wenn der von 
Bengel auf diesen Tag vorausgesagte „Fürs ten-Con- 
grefs" (= der 10 Hörner, Apok. 17, 12.) an irgend 
einem Orte wirklich gehalten worden wäre ! Durch das 
Unterbleiben desselben erhält die Bengel'sche Zeit- 
bestimmung einen Stöfs, von dem sie sich, der Natur 
der Sache nach , auch im Jahre 1836. nicht wird erholen 
können. Aber, sagt Er, soll denn nun das ganze apoka- 



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nach Bengel, Oslander, Wurm, Bork n. A. f>33 

■ 

typtische System des sei. Ben gel als unbrauchbar 
verworfen werden, weil es erwiesen ist, da fs seine Be- 
rechnungen auf das Jahr 1836. keinen Grund haben f 

Verhüten will daher der Verf., dafs nicht nament- 
lich die erklärtesten Anhänger der Bengel'schen Rech- 
nung im Unwillen Ober ihre Enttäuschung das 
Wahre (?) mit dem Falschen wegwerfen. Er besteht 
darauf, dafs, was die Zahl 666. betrifft, welche den 
Schlüssel zur ganzen apokalyptischen Zeitrechnung Ben- 
gels bildet, gegen seine Auffassung derselben nichts Ge- 
gründetes sich einwenden lasse. Denn die Zahl desThieres 
Offenb. 13, 18. könne sich, weil im ganzen Capitel sonst 
keine Zahl vorkömmt, nur auf die V. 5. vorkommenden 
42 Monate beziehen. Da aber nach der allein pas- 
senden (??), fast von allen protestantischen, und selbst 
von katholischen, Kirchenlehrern angenommenen Ausle- 
gung durch das Thier das Pabstthum bezeichnet 
wird, so passe kein auderes Wort als Subjekt zu dieser 
Zahl, wie das Wort Jahre.*) Wenn nun der Auf- 



*) Die entschiedenste Widerlegung 'der Grundlagen alles apoka- 
lyptischen Rechnens geht aus zwei Bemerkungen hervor: 

1) Die Zahl 6(>6 als Zahl des Thiers ist nach Apok. 13, 17. 
nicht eine Zahl der Jahre, sondern eine Zahl des Namens 
des Thiers. Das heilst : das Thier hat — nach der mysteriösen 
Andeutung des Apokalyptikers — einen Namen, den Er nicht 
angehen will, der aber aus Zahlbuchstabcn bestehe, die zu- 
sammcngercchnct~(wie man oft dergleichen Zahlbuchstaben zu- 
sammen zu zählen pflegt) der Zahl 666 gleich seyen. Vergl. 
diese Jahrbücher Heft 4. S. 359. 

2) Bedeutet Chronos wie immer, so auch in der Apokal. 
nicht eine bestimmte Zeitperiode, sondern Zeit überhaupt. 
Dies hat schon Storr bei Apok. 2, 21. angedeutet und dadurch 
in einem kleinen Nötchen all jenem Rechnen seine Basis ge- 
nommen. Ich Büge: Storr, der ebenfalls ehrwürdig fromme 
und tiefgelehrte, an welchen hier um so mehr gedacht werden 
sollte, weil auch Er in seiner Apologie der Offenbarung diese 
nicht anders zu retten wufste, als durch die Annahme, dafs — 
das Meiste erst in ferner Zukunft erfolgen werde. Ich 
machte Ihm, meinen unververgefslichen Lehrer, schon vor 
40 Jahren die Bemerkung, dafs doch Apok. 9, 20. die Menschen, 



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634 Apokalyptische Erwartungen 

schlafs im 18ten Vs blos den 42 Monaten gelten sollte: 
so wäre es hinreichend gewesen, zu sagen, sie Seyen 
gleich 666 Jahren; wenn man aber [die Zeit? nicht: den 
Namen?] rechnen und also die Länge des einzelnen Mo- 
nats suchen soll, so lasse sich davon kein Zweck einsehen, 
als um einen Mafsstab für die Berechnung anderer pro- 
phetischer Zahlen in der Apokalypse zu finden. Nur bei 
dieser Voraussetzung hätten die Worte im Anfang des 
18ten Verses: — „Hier ist Weisheit" — einen Sinn. 
Soweit also habe Bengel Recht. Wenn uns aber die 
Apokalypse selbst einen Fingerzeig gebe, wie die 42 
Monate und ähnliche Zeitbestimmungen , die nach dem 
Zusammenhang nicht eigentlich zu nehmen sind, be- 
rechnet werden können: so lasse sie dagegen wohl ab- 
sichtlich die Ausdrücke Zeit (kairos) und Periode 
(chronos) unbestimmt, ob gleich nach Offenb. 6, 11. 
10, 6. 12, 14. gemessene Zeitläufe vorausgesetzt 
werden müssen , für welche uns aher der Mafs- 
stab fehle. 1 

„Wenn aber demnach Ben gel auf die Zeitrechnung 
in der Apokalypse ein viel zu grofses Gewicht gelegt 
hat, so folge dennoch daraus nicht, dafs mit dem Ein- 
sturz seines Rechnungssysteins auch sein ganzes Er- 
klärungssystem fallen müsse. Seine Auslegung sey 
bei weitem in den meisten Punkten von seiner Rechnung 
unabhängig, wie man aus der neuesten „Erklärung der 
Offenbarung Johannis, von August Osiander, Pfarrer 
in Münklingen u. s. w. Sulzbach, 1831." sehen könne, 
die sich auf Bengels Rechnungen nicht einlasse, wäh- 
rend sie mit seiner Auslegung der Begebenheiten gröfs- 
tentheils einverstanden sey. Nach dem Verf. sollen dem- 
nach die auf 1836. verkündeten Ereignisse dennoch 



deren spätere Schicksale angedeutet wären, als Abgötter be- 
schrieben würden , schwerlich aber je eine Zeit kommen möchte, 
wo die Heidenvölker gegen die cultivirtere Menge der Christen, 
(und selbst der Mohammedaner) übermächtig geworden seyn 
könnten. Ps. 



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nach Bengel, Oslander, Wurm, Burk u. A. 6&5 

gewifs eintreffen, wenn sie gleich nicht in diesem, — 
sondern in einem andern Jahre kommen. Das, was 
geschehen soll, sey wichtiger zu wissen, als zu wissen, 
wann es geschehen werde. 

Und was ist es denn nun hauptsächlich, was jetzt 
als supernaturale Entdeckung in einem unabseh- 
baren Prospect, als Glaubensaufgabe , zu erharren seyn 
soll? — Wundervolle Dinge! Abgesehen von Zeit- 
bestimmungen, sagt S. 9, müssen [ja: müssen!] nach 
einer richtigen Erklärung der Apokalypse — in Verbin- 
dung mit den übrigen Weissagungen des A. u. N. T. — 
folgende Ereignisse früher oder später ein- 
treffen: 

„Eine Anzahl glaubiger Israeliten (!) mufs 
Erlaubnifs bekommen, einen Tempel in Jerusalem zu 
bauen, und wird den jüdischen Gottesdienst, so- 
weit er sich mit christlicherErkenntnifs ver- 
trägt, in demselben einrichten. Dies wird unter An- 
führung der beiden Zeugen geschehen , welche zu dem 
Ende vom Himmel herabkommen. [Vor nicht langer 
Zeit, wollte man wissen, dafs die für die endlose Meh- 
rung unserer Staatsschuldenlast so wohlthätige, israeli- 
tische Geldmacht Europas auch mit Constantinopel in 
Verhältnisse zu treten suche und sich Anweisungen auf 
das heilige Land der Väter ausbedingen werde. Jetzt 
wären bereits wieder andere Pläne auf Mehemed Ali 
von Aegypten, den nunmehrigen Erbpachter des ara- 
bisch - mohamedischen Staats, zu richten, welcher hof- 
fentlich der christlichen Civilisation auch Palästina 
öffnen wird. Der goldene Schlüssel öffnet überall, zu 
Rom , zu Stambul , zu Kairo.] 

„Ungefähr zu gleicher Zeit mit den zwei Zeugen 
erhebt sich," so fahrt der Verf. fort, „aus dem Ab- 
grunde der Mensch der Sünde, welcher alsbald 
grofse Macht und Anhang gewinnt und das „Pabst- 
thum" wieder emporbringt. Denn dafs unter dem Thier 
aus dem Meere das Pabstthum zu verstehen sey, müsse 

i 

• - 



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636 ApokalyptUehc Erwartungen' 



(meint unser Ungenannter) jedem Unbefangenen ein- 
leuchten, da es keine andere Macht in der Geschichte 
gebe, auf welche alle Merkmale so genau pafsten. Schon 
der heilige Bernhard sage (Epist. 125.): „Die Päbste 
sollten Diener Christi seyn; sie dienen aber dem Anti- 
christ. Es ist nichts mehr übrig, als dafs der Mensch 
der Sünde offenbar werde; ja das Thier aus der 
Offenbarung Johannis sitzt bereits auf dem 
Stuhle Petri." Dasselbe habe zu gleicher Zeit der 
berühmte Abt Joachim unter Clemens III. den Königen 
von Frankreich und England ausgelegt. Unter Bo- 
nifaz VIII. war diese Erklärung beinahe allgemein; und 
Frankreich liefs gegen den Pabst eine Münze mit der 
Umschrift schlagen : „Per dam Babylonis nomen" 

„Eben Der „Mensch der Sünde" [horresco refe- 
rens] werde alsdann den päbstlichen Stuhl selbst be- 
steigen , das Pabstthum aber stürzen und sich sogar für 
den Messias erklären , demnach als entschiedener Anti- 
christ auftreten." 

- 

Nicht*) genug! „Jerusalem mufs erweitert, seine 
Einwohnerzahl bis auf 70,000 vermehrt werden. In den 

der letzten grofsen Entscheidung vorangehenden 42 

Monaten aber wird die Stadt bis auf das Innere des 
Tempels in der Gewalt des antichristlichen Heeres und 

*— 

•) Der Verf. hat seinen Wahrsagungen seihst das Motto vorgesetzt: 
Tunc etiam fatis aperit Cassandra futuris 
Ora Dei jussu — non unquam credita Teucrit. 

Nur darin, dafs sie non unquam credita seyn würden, bat 
Er wahrscheinlich nicht wahrgesagt. Je unglaublicher, desto 
eher geglaubt! Dies ist immer die Losung der Mehreren. Das 
Unglaubliche zu glauben kostet einige Willensanstrengung. 
Diese, meint man dann, mufs doch Gott belohnen und als Got- 
tesdienst anerkennen. Und überhaupt ist — irgendwas vor dem 
Denken zum Voraus zu glauben (d.h. aus Vertrauen lür- 
wahrzuhalten) etwas so angenehmes, die Leere des Gemüths 
ohne Mühe ausfüllendes, dafs die Denkträgen es hoffentlich nie 
aufgeben werden. % 



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nach Bengel, Oslander, Wurm, Burk u. A. 087 

Volkes seyn. Die prophetische Wirksamkeit der beiden 
Zeugen gehe von dem Innern des Tempels (zu 
Jerusalem) aus, in welches sie sich mit ihren Anhängern 
zurückgezogen haben. 

„Von allem börgerlichen Verkehr werden Diejenige 
ausgeschlossen, welche nicht das Mahlzeichen des 
Thier es an sich tragen. Die römische Kirche aber 
werde von den zehen Königen verwüstet und vertilgt. 
Der Antichrist sammelt sein Heer am Ende der 42 Monate 
in Syrien, um eine von Morgen und Mitter- 
nacht (!) gegen ihn heranrückende Heeresmacht zu 
bekämpfen. Die beiden Zeugen fallen in seine Gewalt, 
werden getödtet und stehen wieder auf. Das Erdbeben 
und der grofse Hagel (Offenb. 11. und 16.), die Erneue- 
rung des Himmel und der Erden (2Petr. 3.) erfolgen. 
Der Herr kommt Er vernichtet das Heer des Anti- 
christs (welcher mit dem falschen Propheten lebendig 
in den Feuerpfuhl geworfen wird), läfst den Satan auf 
1000 Jahre in den Abgrund verschliefsen , und erhebt 
die Todten aus der ersten Auferstehung, zu welcher 
alle Glaubigen gelangen, sammt den lebendig 
Verwandelten zu sich in den Himmel. Ein Frie- 
densreich wird auf der Erde gegründet. Jerusalem 
und der Tempel werden nach dem Plane Ezechiels 
ausgebaut. Jerusalem wird die Hauptstadt der 
Welt Nachdem durch die letzten Zorngerichte Gottes 
gegen 600 Millionen Menschen umgekommen sind, so 
wird nun von Jerusalem aus durch die bekehrten 
Juden (!) unter dem noch übrigen Drittheil des Men- 
schengeschlechts das Evangelium verkündigt. Alle Heiden 
bekehren sich und die Erde wird voll Erkenntnifs des 
Herrn u. s. w." 

Ausdrücklich will der Verf. bemerkt haben , dafs an 
diesem Friedensreich, das zunächst für die 
Juden (!) bestimmt ist, die in der letzten Zeit leben- 
den glaubigen Christen nach der Schrift keinen An- 
theil haben werden. Diese werden entweder unter 



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638 Apokalyptische Erwartungen 

dem Schwerte des Antichrist« umkommen, oder, wenn 
sie den Tag Christi erleben , lebendig verwandelt werden." 

Quae? Qualia? möchte man ausrufen. Seiten- 
blicke auf das so eben sich gestaltende neue Araberreich 
in Syrien u. s. w. scheinen schon auf die neuen Voraus- 
sagungen Einfhtfs gehabt zu haben. Besonders die Ju- 
denschaft mag ihm Dank zollen. Wird Ihr Jerusalem 
künftige Wellstadt, so kann man nicht schnell genug sie 
emancipiren und in unsere niedere und obere Regierungs- 
behörden aufnehmen. Nach dem neuen Offenbarer aber 
ist daran, dafs alles, was er so fand, im Allgemeinen in 
der angegebenen Ordnung, in der letzten Zeit ge~ 
schehen werde, nach den Weissagungen der Schrift, 
sobald diese, wie es dem Worte Gottes gebührt, genau 
genommen werden, gar nicht zu zweifeln. Und warum? 
Antwort: 1) Weil theils durch Missionäre, theils durch 
Bibeln die Nachricht von Christo bereits in alle Welt- 
th eile gedrungen sey. [Gegenfragen: Wie viele Millionen 
haben in 18 Jahrhunderten und jetzt immer noch von 
Jesus als Christus kein Wort gehört? Weit mehr, die 
nichts davon hörten, als umgekehrt. Und von denen, 
welche auf diesen Wegen Etwas von Jesus hörten, wie 
nur wenige können das Aechturchristliche , wie viele 
müssen nur das Dogmatische verschiedener Kirchen als 
die Hauptsache gehört haben!] 

2) Der Abfall (nach 2 Thess. 2 , 3. vgl. Matth. 24, 
10—12. 23. 24. 27 — 39.) sey noch in keiner Zeit zu 
einer solchen Höhe gestiegen , und das Volksleben so 
davon durchdrungen worden, wie in der unsrigen. [Und 
doch sind die Länder, welche wir am besten kennen, 
selbst nicht im Praktischen der Religion, noch weniger 
aber im Theoretischen weniger christlich , als in den 
nächstvorhergegangenen Jahrhunderten!] Der philoso- 
phische Schein, mit welchem in neuerer Zeit der Un- 
glaube in der pan theistischen Form so manche 
Gemüther verblende, sey um so gefahrlicher, weil der 
Pantheismus nicht nur alle wahre Philosophie, sondern 



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nach Bcogel , Oeiander, Wurm, Bark u. A. «39 

auch allen Glauben, aufs er dem an die Luge, ja Gott 
selbst vernichte, und somit das Wahrheitsgefühl ganz 
untergrabe. Wo aber dieses fehlt, da habe der falsche 
Prophet leichte Arbeit. Der Empör ungsgeist hänge 
mit diesem Abfall genau zusammen. Uebrigens werde 
das neu auflebende Pabstthum mit andern Waffen streiten, 
als zu Gregorys VII. und Innocenz III. Zeiten; — und 
wie verführerisch die Aufsenseite eines Pabstthums wer- 
den könne, sey an den Set. Simonisten zu ersehen. 
Dafs das Pabstthum von seinen Anmafsungen noch nichts 
vergeben habe, dafs es nur auf einen günstigen Zeit- 
punkt warte, um seine Ansprüche wieder geltend zu 
machen; dafs die Jesuiten bereit seyen, mit erneuertem 
Eifer ihm ihre Dienste anzubieten ; dafs es auch unter 
den Grofsen noch manchen Gönner zähle, habe die Ge- 
schichte der neuesten Zeit hinlänglich bewiesen. Wenn 
es nun mit einer wohlgerüsteten politischen Macht in 
Verbindung träte, wenn es Versprechungen machte, die 
dem fleischlichen Sinn der Zeitgenossen angemessen wä- 
ren: was sollte seiner Erneuerung und Wiederherstel- 
lung im Wege stehen? Dafs es immer noch Christen 
giebt, welche es zweifelhaft machen wollen, ob unsere 
Zeit die letzte sey, dies werde nur ein Beweis mehr 
dafür; denn es zeige, dafs die klugen Jungfrauen schlafen. 
Nun sollten nur nicht auch die, welche bisher noch ge- 
wacht haben, schläfrig werden" 

So die neueste Apokalyptik. Wir ergänzen diesen 
Ueberblick, indem wir aus einer dritten Flugschrift: 

[3.] Veber die Beweisgründe für Bengels apokalyptische Zeitrech- 
nung mit besonderer Beziehung auf die Erwartungen im Jahre 
1886. Von J. F. Wurm, Prof. in Stuttgart. Stuttgart 1832. 

die Hauptpunkte der Bengelischen Berechnung für 
die Apokalypse überhaupt und besonders für das Jahr 
1836. nebst deren gründlicher Prüfung um so mehr bei- 
fügen, da Dr. Lücke auf diese Deutungsweise, seinem 
Plan gemäfs, am wenigsten Rücksicht genommen hat, 



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Apok. Erwartungen nach Bengel , Oslander, Wurm , Bark u. A. 

sie aber doch, da sie so sehr verbreitet ist, auch an- 
ders überzeugten Gelehrten nicht ganz unbekannt blei- 
ben darf. 

Eine gründliche, ausführliche Beurtheilung der Ben- 
gelischen Berechnungen und Ahnungen gab Joh. Ge. 
Pfeiffer schon 1788. als „Neuen Versuch einer Anlei- 
tung zum sichersten Verstand und Gebrauch der Offenb. 
Johannis, wovon Burk in Bengels Leben S. 323—329. 
mit rühmlicher Unpartheilichkeit einen Auszug giebt. 
Aber das Unglaublichere geht dem Verständigeren bei 
den meisten Ueberglaubigen und Gernestaunenden, so 
lange vor, bis es nicht mehr zu halten ist, aber eilends 
mit einer andern Unglaublichkeit vertauscht wird. Jeder 
Aberglaube hat schon zum voraus seinen Ersatzmann. 
Den Bengefschen ganz entgegengesetzte Grundsätze der 
Zeitbestimmung enthält eine 1826. gedruckte, und in 
Ernst Gottl. BengeTs Archiv für Theologie 4. Bd. 
1. St. eingerückte Abhandlung über die richtige Auffas- 
sungsart der Apokalypse von Dr. Steudel, Prof. in Tü- 
bingen (auch einem Abkömmling Joh. Albr. Bengels.). 
Dagegen beruft „man sich darauf, dafs einiges, was 
Bengel mit scharfem Seherblick, den man ihm aller- 
dings nicht absprechen kann, z.B. vom Authören des 
römisch -deutschen Reichs bald nach 1800, von Auf- 
hebung der geistlichen Stifter u. s. w. geahnt hatte, in 
der Folge sich bestätigt habe. Etwas gewaltsamer hat 
man auf Napoleon gedeutet, was Bengel (s. das Leben 
von Burk S. 301. und 276.) auch vermuthete, dafs näm- 
lich „der König von Frankreich einst noch Kaiser (wie 
der ganze Zusammenhang lehrt, römischer Kaiser) wer- 
den dürfte. x 

, ■ 

(Der Beschlufs folgt.) 



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» 



n\ 41. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 18*3. 

I i | 

* 

Apokalyptische altere und neue Erwartungen auf die 
Jahre 1830. bis 1836 , mit Beurtheilung. 

( Bes c hlufs.) 

m 

„Der Punkt, von welchem Ben gel überall ausgeht, 
wo es die Befestigung seines Systems gilt, ist die Zahl 
des Thiers. 1) Die Zahl des Thieres 666. 13, 12. 
druckt Jahre aus. 2) Diese Jahre seyen nicht genau 
666. Man müsse noch den Bruch 6 /p eines Jahres hinzu- 
fügen, weil es schicklich sey, mit jenen 666 Jahren 
noch eine andere Jahrsumme, nämlich die 1000 Jahre 
C. 20, 1 — 4. zu verbinden, indem erst in dieser Ver- 
bindung ein sehr einfaches Zahlenverhältnifs, wie 2 zu 3, 
sich ausspreche. Denn nicht 666, sondern 666% ver- 
hält sich zu 999% oder zu 1000 wie 2 zu 3. — 3) Die 
in der Apokalypse vorkommende Zeitbestimmungen, z.B. 
Eine Zeit, eine halbe Zeit u. s. w. lassen überhaupt 
sich durch Zahlen, ähnlich den schon erwähnten 666% 
und 999% ausdrücken , oder, mathematisch zu sprechen, 
jene Zeitbestimmungen seyen fortlaufende Glieder einer 
arithmetischen Progression, in der jedes folgende Glied 
vom vorhergehenden um III Jahre verschieden, und 
deren erstes Glied 111 j£ ist. 

H1J/9 Jahr = eine halbe Zeit, auch kleine Zeit 

genannt. C. 12, 14. 20, 3. 

222% — = Eine Zeit. 12, 14. 

333% — = Eine Zeit und eine halbe Zeit, (eben- 
daselbst.) 

555% — = Ein halber Chronus. 6, 11. 
666% — = Die Zahl des Thiers. 3, 14. Einerlei 

mit den 42 (prophetischen) Monaten. 

13, 5. 

W% — = 1 Zeit, 2 Zeiten und % Zeit. 12, 14. 
888% — = wenige Zeit. 19, 12 

XXVI. Jahrg. 7. Heft. 41 



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042 Apokalyptische Erwartungen 

099% Jahr sc oder 1000 Jahre. 20, 1 — 4. 
1111 % — = Ein Chronus, oder Zeitperiode. 

6,11. 

2222% — b Ein Aeon, oder: Ewigkeit von be- 
stimmter Zeitdauer. 14, 6. 

51)l 7 / 9 — = Anfang des Einen Jahrtausend, das 

dem Ende der Welt vorausgeht. 20, 
1 — 4. 

%¥lV/ 9 -r- a= Anfang des andern Jahrlausend un*- 

mittelbar vor dem Ende der Welt 
Vm% — — Ende der Weh. 

Wichtig ist besonders der Chronus, ein apoka- 
lyptischer Universal-Zeitmesser, denB. in seinem Cyklus 
(s. unten) selbst am Himmel wieder findet. Auch einen 
Nicht- Chronus, der kein ganzer Chronus seyn soll, 
hat B. aus 10, 6. abgeleitet. Er giebt ihm 1036 Jahre. 
Aber dieser Nicht- Chronus pafst nicht zur Bengefschen 
Progression und ist kein Glied derselben. Ferner sagt 
davon, dafs die Zahl 666 eine Anzahl Jahre bedeute, 
der griechische Text der Offenbarung nichts. Wahr- 
scheinlich ist es, dafs ein anderes W 7 ort (als Subjekt) 
darunter zu verstehen seyn möchte. Am wenigsten läfst 
sich der mit dem Text im Widerspruch stehende Satz 
von % Jahr über die 666 Ganzen rechtfertigen. B. würde 
wohl nie diesen ungebührlichen Zusatz sich erlaubt haben, 
wenn er ihn nicht zur Zusammensetzung einer nur durch 
diesen Zusatz möglichen arithmetischen Progression nöthig 
gehabt hätte. 

Er fühlte nun wohl, dafs er solchen ohne Beweis 
vorangestellten Behauptungen eine Stütze geben müsse. 
Zur Beglaubigung des darauf gebauten Systems beruft er 
sich auf die Uebereiirstimmung "desselben mit der Ge- 
schichte!! Aber bedenklich ist, dafs er gerade in 
Ansehung dessen, worüber man mehr als über alles an- 
dere eine unzweideutige Zeitbestimmung hätte erwarten 
sollen, nämlich über die Zahl und Währung des 
Thiers fortwährend unschlüssig war, und nie zu ent- 



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nach Beugel, Oslander, Wurm, Burk n. A. 643 

scheiden sich getraute, mit welchem Jahr «He Macht 
des Thieres angefangen habe, und mit welchem dann 
das Nichtseyn desselben eingetreten sey oder eintreten 
werde. Geschichtliche Untersuchungen leiteten ihn zu 
Verschiedenen Zeiten auf verschiedene sehr von einander 
abweichende Zeitpunkte, auf die Jahre nach Chr. Geb. 
|073, 1077, 1080, 1143, 1159. In jedem dieser Jahre 
konnte die Währung des Thiers, oder die überwie- 
gend grofse Macht des Pabstthums ihren Anfang genom- 
men haben. Die Schwierigkeit wird keineswegs geho- 
ben, wenn B. die auffallende Behauptung wagt: „der 
Anfang lasse sich erst aus dem Ende genau bestimmen." 
Wenn erst der Erfolg erklären soll, was wir noch .nicht 
erklären können^ wozu bedurfte es einer Voraussagung? 
Wozu nutzt sie? Wenn nicht viel darauf ankommt, 
ob man den Anfang ungefähr 80 Jahre früher oder später 
setzt, so ist es kaum begreiflich, warum die prophe- 
zeihte Dauer selbst bis auf einzelne Jahre, selbst bis auf 
6 /q Jahre und 666 ganze, so genau vorausbestimmt ist. 

Wenn überhaupt die BengeFsche Reihe über die apo- 
kalyptischen Zeiten den sichersten Aufschlufs giebt, so 
hätte B. , um folgerecht zu verfahren, dieselbe schon mit 
den ersten Zeiten des Neuen Testaments anfangen, bis 
auf 1059. und 1836. fortführen , und geschichtlich dar- 
thun sollen , was sich Merkwürdiges bei dem Ablauf 
jedes einzelnen aus III ] /y Jahren bestehenden Gliedes, 
oder auch einer Anzahl von mehreren Gliedern der ganzen 
Zeitkette ereignet hat. ' 

Da B. die 42 Monde 13, 5. den .666 % Jahren des 
Thieres gleich setzt, und diese Monde für prope- 
tische hält, so ist nach seiner Erklärung ein prophe- 
tischer Monat = 15 5 % 3 gewöhnliche Jahre, und hier- 
nach berechnet er die in der Apokalypse genannten, 
zwischen die Jahre 94T und 1836. fallenden Tage und 
Stunden. Aber Er nimmt sogar einen gedoppelten pro- 
phetisch- mystischen Sinn der Worte: Jahr, Monat u. s. w. 
an; der eine ist gültig für den Propheten Daniel, der 
andere für die Apokalypse. Nach seiner Berechnung 



844 Apokalyptische Erwartungen 



sind 3 f / 2 Zeiten, prophetisch verstanden, soviel als 1111 ! / 9 
Jahre bei Daniel 12, 7. und Tf7^ Jahre in der Offen- 
barung. 12, 14. 

Durch ein sonderbares Mifsverständnifs sprechen 
Manche, weil sie Bengels Schriften mit Zahlen angefüllt 
sehen , sogar von mathematischen Beweisen, durch 
welche die Bengel'sche Zeitrechnung begründet sey. Ein 
Zahlenspiel aber ist keineswegs ein mathematischer Be- 
weis. Der Mathematiker geht von erwiesenen unbe- 
streitbaren Sätzen und Gleichungen aus, und kommt nach 
deren Verbindung auf etwas, das zuvor nicht erwiesen 
war. B. ging vom Unerwiesenen , Zweifelhaften aus. 
Wie konnte er sicheres damit finden? Es fehlt seinem 
chronologischen System an nichts, als, sowie auch man- 
chem philosophischen, an streng erwiesenen Grund - und 
Vordersätzen. 

Die nächste Frage Aller ist wohl diese : Was hat 
man denn nach B. im J. 1836. und unmittelbar nach 
demselben zu erwarten? Grofses und Durchgreifendes 
allerdings! Nach seiner Erklärung soll in demselben vor 
den Augen aller Welt buchstäblich Alles in Erfüllung 
gehen, was 19, 11 — 21. geweissagt ist. Christus 
erscheint. Anfuhrer der Seinigen in einem furcht- 
baren , siegreich endenden Streit vernichtet er die zum 
letzten Widerstreit versammelten Schaaren der Feinde 
des Christenthums. Satan [so gewifs eine Person, als 
Christus!] fällt dem Abgrunde anheim, Thier und fal- 
scher Prophet dem Feuersee! Zugleich mit dem 
J. 1836, und nachdem durch die wichtigen Ereignisse 
desselben eine neue Ordnung der Dinge, eine neue Welt- 
epoche, sich vorbereitet hat, beginnt das Erste der 
2 Jahrtausende, die von diesem Zeitpunkte an noch 
bis zum Ende der Welt rückständig sind. Im 
ersten Jahrtausend liegt Satan gefesselt im Abgrund; 
seine bisher auf Erden ausgeübte Macht ist gebrochen, 
ob er gleich am Ende dieses Zeitraums auf 111 % Jahre 
wieder los wird. C. 20. 



- 

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nach Bengel, Oslander, Wurm, Bark u. A. 645 

Mit diesem ersten apokalyptischen Jahrtausend ge- 
winnt achtes Christenthum immer mehr Boden, und unter 
dessen Bekennern herrscht eine außerordentliche Fülle 
des Geistes; auch gesunde, fruchtbare, friedliche Zeiten 
sind zu erwarten; der Luxus, eitler Tand und Pracht, 
und so manche andere Plage der Menschheit sind ver- 
schwunden; die Menschen leben länger. Auch zwischen 
Fürsten und Völkern hat ein neues schöneres Verhältnifs 
sieh gebildet Die Zeiten der Revolutionen sind vorüber. 
Regenten und Obrigkeiten gehen mit Unterthanen, wie 
mit ihren Brüdern, um. (s. Burk in der Lebensbeschr. 
Bengels S. 293.) Wer möchte nicht, ergriffen von dieser 
ßengel'schen Schilderung, solchen Chi liasmus, auch 
abgesehen von der Frage, ob er in der Offenbarung 
prophezeiht ist, nur recht bald und eifrig herbeiwün- 
schen ! 

Wie aber wurde B. durch seine Berechnungen so 
bestimmt auf das J. 1836. als Wendepunkt einer neuen 
Zeit geleitet? Die Antwort ist kurz diese : Das Welt- 
ende fallt nun einmal ins Jahr der Welt 7777 
Rechnet man 2000 Jahre rückwärts, so kommt man auf 
das Jahr der Welt 5777 7 / 9 oder in runder Zahl 5778, 
Unmittelbar vor dem ersten Jahre unserer gemeinen Zeit- 
rechnung sind nach B. 3942 Jahre der Welt verflossen. 
Zieht man diese 3942 Jahre von 5778 ab, so kommt man 
mit B. auf das J. 1836, welches demnach einerlei ist mit 
dem Jahr der Welt 5778 , in welchem Satan auf 1000 
Jahre gebunden wird. 

Wie sicher aber sind nun eben diese Berechnungen, 
die B. gerade auf das J. 1836. geführt haben? Offenbar 
um nichts sicherer, müssen wir antworten, als das, was 
dabei als entschieden vorausgesetzt wird. Bengel geht 
dabei aus von — dreierlei Voraussetzungen: 
d) dafs bei dem Anfang unsrer gewöhnlichen Zeitrech- 
nung 3942 Jahre seit der Schöpfung verflossen waren ; 
h) dafs das J. 7777 7 / 9 das letzte Erdenjahr sev und 
c) dafs 2000 Jahre vor dem Ende dieser Welt, demnach 
im J. 5778, der Satan gefesselt werde. — Kaum darf 



ft4(» Apokalyptische Erwartungen 

der Betrachter diese Voraussetzungen anrühren, so zit- 
tert, Schwankt lind fällt das ganze Zahlen - und Ahnungs- 
Gebäude, Wenn man auch nicht die überhaupt für unser 
Theolbgisiren nichtige Frage in Anlchlag bringt: Ob 
dehn tinser Erdenplanet, der nicht einmal in unserm 
Sonnensystem mehr als ein Mittelding vorstellt, gleich- 
sam das Centruni der Schöpfung sey, mit welchem Gott 
ganz besonders in Beziehung stehe, Mensch werde* den 
Himmel (welchen?) mit der Tellus besonders verbinde, 
als Regent dahin herabkomme? u. s. w. Die Astronomen 
sagen uns jetzt, dafs es unübersehbar viele Sonnen und 
Sonnensysteme gebe. — Aber genug. Schon die Prä- 
fiing der nächsten Momente wird tiberweisend. 

Das wahre Jahr der Geburt Christi setzt B. 
4 Jahre vor dem ersten unsrer gewöhnlichen christli* 
chen Zeitrechnung. Dafs die letztere in sofern fehlerhaft 
ist, als sie 2 bis 4 Jahre zu wenig zählt, hat man Schon 
längst wahrgenommen. Aber wie Viele Jahre es gerad* 
sind, um welche sie das wahre Jahr der Geburt Christi 
zu spät giebt, dies mit Zuverlässigkeit auszumitteln , ist 
eine noch nicht gelöste Aufgabe. Wurm selbst hat dej> 
gleichen Versuche angestellt, aber ohne ein festes Re- 
sultat gewonnen zu haben, (s. Astronomische Beiträge 
zur genäherten Bestimmung des Geburts- und Todes- 
jahres Jesu , eingerückt in E. G> Bengels Archiv fifr 
Theologie II. Bd. und : Nachtrag zu diefcen Beiträgen in 
Dr. Klaibers Studien 1. Bd.) 

Noch weniger ist das Jahr der Welt bekannt, *dafc 
mit dem Geburtsjahr Christi zusammentraf. Nach B. 
fiel das wahre Geburtsjahr Jesu in das J. der Welt 3939<> 
und das erste Jahr unsrer gemeinen Zeitrechnung m das 
J. der Welt 3948. Allein über eben diesen Punkt wei- 
chen ältere und ueuete Kemrer der Zeitwissenschaft tah 
viele Jahrzehende von einander ab. Wer das Jahr dter 
Welt, in welchem Christus geboren ward* genau er- 
geben will, mtifsle mit der »Ittestamentlicheu ZeftHech- 
nung ins Reine gekommen seyh. Allein u*er weifs-, 6b 
unter den Jahren bei Mose für jene frühesten Zeltern, 



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nach Bengel, Oslander, Wurm, Burk u. A. G4T 

als die Welt [d. i. unser bischen Erden weit] noch in 
ihrer Kindheit war, Monds- oder Sonnenjahre zu ver- 
stehen sind. Unser hebräischer Text, der samaritanische 
Text, die griechische Uebersetzung der Bücher des A.T., 
der jüdische Geschichtschreiber Josephus, zählen die 
Jahre der Erzväter oft um mehr, als hundert Jahre, von 
einander verschieden. Auch pflegten die Juden, wie 
schon die Stammtafel Jesu bei Matthäus lehrt, absicht- 
lich oft bei ihren Geschlechtsregistern einige Genera- 
tionen auszulassen, und Lukas in seinem Evangelium K.3. 
schiebt, der griechischen Uebersetzung des A. T. fol- 
gend, einen Cainan ein, den Moses (IB. Mos. K. 11.) 
nicht hat u. s. w. Wie mancherlei Unsicherheiten B. sich 
gelöst und sicher gelöst zu haben meinte, sieht, wer 
sehen kann, in der schon angeführten Lebensbeschrei- 
bung. S. 240 — 254. B. beruft sich auf die Stelle Ha- 
bakuk 3, 2, wo er das Mittel der Jahre, aber 
gegen die wahrscheinlichere Erklärung anderer Exegetea, 
von der Mitte der Weltdauer vor und nach Christus ver- 
stand. Und selbst nach seiner Meinung liegt das wahre 
Geburtsjahr Christi, oder das J. der Welt 3939. doch 
nicht so genau in der Mitte, da nach B. die 
2te Hälfte der Wehdauer sich mit 3878. endigen, die 
Zeit des N. T.'s also um 100 Jahre kürzer seyn soll, als 
die des A. T.'s. Denn B. sucht wahrscheinlich zu ma- 
chen, dafs die Welt [d. i. unsere jetzige Tel Ins- Periode] 
nicht kürzer, als 7692, nieht länger, als 1880 Jahre 
dauern könne, und bleibt endlich bei Hill 7 / 9 stehen, 
ganz vorzüglich aus dem Grund, weil er in diesem Jahre 
nicht nur ein Glied seiner arithmetischen Progression 
(das 70ste) fand, sondern weil aus demselben zugleich 
die beilige Siebenzahl unverkennbar hervorleuchtet, 
s. Ordo teuiporum £. 329 und 330. Wenn aber zur 
Erklärung der Offenbarung jene Progression nicht uolk- 
wendig ist, so fallt auch die Ursache hinweg, warum 
Bengel gerade das Jahr WXT 7 / 9 gewählt hat. 

Da nun , um Alles kurz zusammenzufassen, a) das 
Jahr der Welt 3039, in welches 4iesjifibnit Christi fallen 



Q48 Apokalyptische Erwartungen 

soll, äußerst ungewifs ist, da b) eine Weltdauer von 
Uli 7 /g Jahren blos auf willkührlichen Voraussetzungen 
beruht, und da e) ebenso willkührlich ein Aufeinan- 
derfolgen von 2 Jahrtausenden vor dem Ende 
der Welt zu Gunsten das Jahr 5718 angenommen wird: 
so kann das J. Chr. 1836. unmöglich richtig berechnet 
seyn , indem man zu diesem Jahre nur unter der Bedin- 
gung gelangt, dafs es mit obigen 3 Punkten seine voll- 
kommene Richtigkeit habe. B. war, wie wir oben an 
einem Beispiel sahen, über gewisse Punkte seines Sy- 
stems nicht immer mit sich selbst einig. Aber wegen 
der Hauptsache dessen, was im J. 1836. geschehen, was 
vorangehen, was nachfolgen sollte, war Er von der Gül- 
tigkeit seiner Berechnungen so sehr überzeugt, wie von 
irgend einem Hauptpunkt seines Systems. Und doch 
trug er in lauterer Wahrheitsliebe keiti Bedenken , sich 
(Burk S. 300.) auf folgende Art zu erklären: „Schon 
lange habe ich es bei mir ausgemacht, dafs es mit meiner 
„Erklärten Offenbarung" dahin kommen werde, dafs es 
scheint, es sey alles aus, so dafs ich ganz vernichtet 
werde. Zuletzt aber wird doch noch das Siegel auf 
meine Beweisführung (?) gedruckt werden, und sich 
dieselbe als Wahrheit legitimiren. Sollte aber selbst das 
Jahr 1836. ohne merkliche Veränderung vorbeistrei- 
chen, so wäre freilich ein Hauptfehler in meinem System, 
und man müfste eineUeberlegung anstellen, wo er stecke." 
— Die Zeit drängt; Bengels Offenbarungen über die so 
wenig offenbare Offenbarung hat, wie Er selbst erkennt, 
bald eine entscheidende Probe zu bestehen. Man hat 
sich selbst und Andern etwa Fragen, wie die folgenden 
sind, zu beantworten: 

Wo und wer ist nunmehr das im J. 1830. dem Ab- 
grund entstiegene, und plötzlich zu grofser Macht ge- 
langte Thier, das 1831 — 1832. seinen Thron auf den 
Bergen aufschlug? Apok. 17, 10. — Wo und wer 
sind die 10 verbündeten, morgen- und abend - ländischen 
Könige, die ihre vereinigte, nur Eine prophetische 
Stunde, d. h. acht Tage lang vom 14 — 22. Oct. 1832. 



nach Bengel, Oslander, Wurm, Burk u. A. 649 

dauernde Macht — vielleicht, wie B. vermuthet, auf 
einem Congrefs — clemThiere übertragen (Apok.17,12.)? 
und die, mit Genehmhaltung des Thiers, Rom, das 
neue Babylon, im J. 1833. verwüsten? — Welche Zei- 
chen unsrer Zeit deuten auf das letzte, zwischen 1832. 
und 1836. fallende Wüten des Thiers aus dem Abgrunde 
oder des Antichrists, sowie auf eine gegen 1830—1834. 
zu erwartende Zertretung oder Verheerung Jerusalems, 
das um diese Zeit eine Bevölkerung von 70,000 Einwoh- 
nern (nach unser» Geographen zählt es beiläufig nur 
halb so viele) und wieder einen Tempel haben wird. 
Apok. IL 

Auf jeden Fall gereicht es Dengeln zur Ehre, auch 
nur die Möglichkeit eines Grundfehlers in seinem 
System zugegeben zu haben. Die Schriften B.'s, auf den 
man die Denkart vieler seiner enthusiastischen Verehrer 
nicht übertragen darf, zeugen von einem sehr beson- 
nenen, von fanatischer sowohl als von süfsiiehter, lie- 
belnder und doch verfolgungssüchtiger Schwärmerei weit 
entfernten Charakter. 

Zu vollständiger Beurtheilung der Bengel'schen apo- 
kalyptischen Berechnungen, welche begreiflicherweise 
einen übergrofsen Eindruck machten, weil die allerwe- 
nigsten das Mathematische und Astronomische, auch nur 
nach den angenommenen Voraussetzungen, zu erwägen 
vermögen, gehört besonders noch eine soviel möglich 
allgemein verständliche Enträthselung unter dem Titel: 

[4.] J. A. Bengers Cyklus, oder der astronomische Theil 
von Dessen apokalyptischem System, gemeinverständ- 
lich darge$tellt und geprüft von J. F. Wurm. Prof. in Stutt- 
gart. Stuttg. 1831. 8. 20 S. 

Diese Schrift eines so eben verstorbenen kenntnifs- 
reichen, von Anmafsung äufserst entfernten Verfs. ist bei 
aller Kürze so klar und aufklärend, dafs sie Jedem, der 
lieber selbst sehen als blos staunen will, nicht genug 
empfohlen werden kann. Sie giebt, was noch Burk im, 
Leben Bengels S. 336. vergeblich gewünscht hatte. 



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«50 Apokfttjptfeche Erwartungen 

Ich erinnre mich hierbei noch an das vielleicht auf- 
fallendste Beispiel, wie die subtilsten und doch unhalt- 
barsten Entdeckungen alsdann gemacht zu werden pfle- 
gen , wenn ein scharfsinniger, wortglau biger Mann in 
einigen — populär ausgesprochenen — Bibel worten ver- 
hüllte Geheimnisse ahnet, und alsdann alle seine Com- 
bi nationskraft anwendet, um, wie er hofft, der Offenbarer 
dessen zu werden, was die Bibel selbst nicht geoffen- 
bart hat. 

Bei Luk. 18, 8. ist als Wort Jesu aufbewahrt der 
Ausspruch: „Wird übrigens der gekommene Menschen- 
sohn den Glauben finden auf der Erde?" Durch 
diese Worte wurde in jener ßtüthezeit der Mathematik 
als Freund von Barow, Newton, Leibnitz, Bernoulli 
u. s. w. ein Schottländischer Mathematiker Johu Craig 
zu der Frage bewogen : Wann denn der historische 
Glaube, welcher mit der Entfernung von seinem Ent- 
stehungspunkt sich vermindert, allmählich sich so sehr 
mindere, dafs er dem Aufhören nahe sey und also, wie 
Jesus gesagt habe, fast nicht mehr gefunden wer- 
den könne? 

Craig schrieb 1699. Theologiae christianae 
principia mathematica. London. — eine Schrift, 
die zwar 1155. zu Leipzig wieder gedruckt, doch aber 
wegen ihrer mathematischen Einkleidung wenig bekannt 
worden ist. Ein Hauptpunkt darin ist, dafs der Verf. zu 
berechnen sucht, in welchen Zeitabstufungen allmählich 
etwas einst historisch- Bezeugtes durch die Zeitferne so 
verdunkelt werde, dafs seine Glaublichkeit sich beioahe 
in Null verliere und menschlich nichts mehr darauf ge- 
baut werden könne? Die überraschendste Rechnungs- 
formeln, durch welche Craig das all mahl ige Ver- 
schwinden der historischen Probabiiität be- 
weisen zu können meinte, sind 1791. in einem Resiocke r 
Weihnachtsprogramm von Prof. Becker deutlich 
dargelegt uud zugleich gründlich beurthelit worden. 
Craig wurde dadurch, wie er meinte, mathematisch 
überzeugt, „ Christum anno 3150. ad Judicium escire- 

I 



s 

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mich Ikngel, Oslander, Wurm, Burk u A. 651 



müin verdumm esse" Er sohlofs nämlich au* der Stelle 
bei Lukas: Christus mutete gerade alsdann wieder kom- 
men, wenn historischer Glaube an die Voraussagungen 
seines Wiederkommen* fast nicht mehr zu finden seyn 
würde. Dies aber sollte, nach seinem Calculus, üin'i 
J. Christi 3150. oder 3156. zu erwarten seyn. i 

fis ist gut, dergleichen Verirrungen des Tiefsinns 
nicht ganz zu vergessen, weil zu keiner Zeit Warnungen 
gegen ähnliche bald speculativ- bald exegetisch - Irans- 
cendente Versuche überflüssig werden. 

Die Entstehungsgeschichte des Bengelisch -apoka- 
lyptischen Systems findet sich auf eine auch für den Psy- 
chbiogen sehr interessante , glaubwürdige Weise S. 240 
bis 344. in der schon belobten Biographie: 

{§.] Dr. Joh. Alirr. Bengels Leben und H'irken, meist nach 
handschriftlichen Materialien Von M~ Jon. Chr. Fr. liurk, 
Pfarrer zu Theilfingen. Mit Bengels Bildnifs. Zweite Auflage» 
Stuttg. 1832. 51Ü & in 8. 

- * » ■ ■ 

In langer Zeh las ich keine Schrift mit gemisch- 
teren Empfindungen. Neben ganz fixtrten Sonderbar- 
keiten, eine Überwiegentie Fülle von praktischem, durch 
etile Frömmigkeit zu vielem Wahren geleiteten Verstand ! 
Mail könnte eine Anthologie daraus machen. 

Dr. Paulus. 

■ ■ ■ ' 

■ 

Matirimlieh kvr Qsttrreichisch*« Geschit/ite. Am Archiven 
und Bibliotheken. Gesammelt und herausgegeben ven J osvph'Chmel, 
regulirtem Chorherrn von $t. Florian. Erster Band. Linz, bei Jos. 
Pinie und Sohn. 1832. 4. 

Auch unter dem besonderen Titel : 

Beiträge zur Geschichte K. Friedrichs des Herten. Erster 'Bd. Erstes Heft. 

Oer Br. Verf. verspricht, utoter diesem Titel eine 
fortgesetzte Sammlung dessen h eraufcaii geben ^ was et in 
Bibliotheken trnd Archiven ztfr Aufhellung der Österrei- 
chische^ ifescfcfch*« Dtentiehes g^ftiwre'n tind zusammen* 



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<>52 Chmel, Materialien stur österreichischen Geschichte. 



getragen hat Bis jetzt ist aber nur dieses erste Heft 
erschienen. Wie der zweite Titel anzeigt, beziehen sich 
die darin enthaltenen Beiträge alle auf die Geschichte 
Kaiser Friedrichs des Dritten oder, wie ihn der öster- 
reichische Patriotismus zu nennen pflegt, des Vierten« 
Es sind im Ganzen drei, alle drei aber von der Art, dafs 
jeder, der sich mit der Geschichte des fünfzehnten Jahr- 
hunderts näher beschäftigt, gewifs dem Hrn. Verf. fui 
deren Mittheilung Dank wissen wird. 

Zuerst hat Hr. Chmel aus den Verzeichnissen des 
k. k. Archivs die Titel der Handschriften ausgezogen, 
welche irgend eine Aufklärung über die Geschichte der 
Zeit gewähren können, wo Friedrich das Oberhaupt des 
teutschen Reiches war (1440 — 1493.). Er hat einen 
grofsen Theil dieser Handschriften selbst näher unter- 
sucht, verglichen und excerpirt; dadurch hat er ihren 
wahren Inhalt genauer kennen gelernt und ist in den 
Stand gesetzt worden, das Verzeichnifs an mehreren 
Stellen zu verbessern. Mit diesen Verbesserungen und 
eignen Bemerkungen theilt er uns nun den erwähnten 
Auszug daraus mit. 

Ohne Zweifel ist es aber von grofsem Werthe, dafs 
die reichen Schätze, welche jene Sammlung verschliefst, 
immer bekannter werden, damit dies die Geschichtsfor^ 
scher veranlafst, soweit es gestattet wird, sie immer mehr 
zur Aufhellunng der Geschichte im Allgemeinen, der 
teutschen und der österreichischen in s Besondere zu be- 
nützen. Daher halten wir es immer für ein verdienst- 
liches Werk, den aufserordentlichen Keichthum jener 
Archive den Gelehrten Vor Augen zu legen, obgleich 
Pertz in dem Archive der Gesellschaft für ältere teutsche 
Geschichtskunde Bd. VI. S. 100 u. ff. mit seiner ge- 
wohnten, musterhaften Genauigkeit und Gewissenhaftig- 
keit ein ähnliches Verzeichnifs der für teutsche Ge- 
schichte brauchbaren Handschriften aus dem erwähnten 
Archive gegeben hat 

Da diese treffliche Zeitschrift leider nicht die weite 
Verbreitung gefunden hat, welche die Reichhaltigkeit, 



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Chmel, Materialien zur dtterreichiRthen Geschichte ; 053 

namentlich ihrer letzten Bände, an schlitzenswerthen Bei- 
trägen zur Quellenkunde des teutschen Mittelalters ver- 
diente, und wir daher voraussetzen müssen, dafs einem 
grofsen Theile der Leser dieser Blätter Pertz s Verzeich- 
nifs nicht zur Hand ist, so erlauben wir uns, mit einigen 
Worten auf die Reichhaltigkeit der dort und bei un- 
serem Verf. verzeichneten Materialien aufmerksam zu 
machen. 

Sehr verschiedenartige Quellenschriften finden sich 
in jener Sammlung vereinigt. Den weniger wichtigen 
Theil derselben bilden die Handschriften schriftstelleri- 
scher Werke; doch finden wir auch hier neben schon 
bekannten und gedruckten Büchern noch viele unge- 
druckte und und unbenützte, deren Titel zum Theil we- 
nigstens viel verheifsen. Bei weitem der wichtigere Theil 
sind aber die urkundlichen Schriften, welche in dem 
Archive aufbewahrt werden. Natürlich ist hier der 
Reichthum aufserordentlich grofs: bei der Menge von ' 
Ländern, welche die Herrschaft des österreichischen 
Hauses nach und nach umfafste, deren urkundliche Denk- 
mäler gröfstentheils , entweder in der Urschrift, oder in 
genauen Abschriften hier aufbewahrt werden — bei der 
historischen Wichtigkeit, welche theils das Hauptland 
der Monarchie, theils einzelne Nebenländer Jahrhunderte 
hindurch besessen — bei der Sorgfalt, die man, wie 
es scheint, für regelmäßige Sammlung und sichere Auf- 
bewahrung ihrer urkundlichen Schriften trug — ist na- 
türlich ein fast unerschöpflicher Schatz von solchen Denk- 
mälern früherer Jahrhunderte hier aufgehäuft worden. 

Wir zeichnen unter der grofsen Zahl der aufgeführten 
Diplomenfascikel nur 2 Classen aus, welche von beson- 
derer geschichtlicher Bedeutung sind. Zuerst nennen 
wir die grofsen allgemeinen Sammlungen aller wichtigeren 
Urkunden, durch die im Laufe der Zeit die Verhältnisse 
einzelner Länder des Österreichischen Staates festgestellt 
worden sind. Solcher Sammlungen sind viele aufgeführt, 
welche theils die Urkunden im Originale, theils in wört- 
lichen Abschriften enthalten und oft durch eine Reihe 



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654 Chmcl, Materialien zur österreichischen Geschichte. 



von Jahrhunderten ununterbrochen fortlaufen, also die 
fest beglaubigten Grundlagen de? ganzen Geschichte ein- 
zelner Länder enthalten. 

Hierher gehört vor Allem der Codex diplomaticus 
Amtriacus , die Sammlung aller auf das eigentliche 
Oesterreich sich beziehenden Urkunden von 1136 bis 
1100, in 8 Bänden, mit einem genauen Register; 

dann die Salzburg ischen Kammerbuch er oder 
das Diplomatariutn der wichtigsten Urkunden des Erz* 
stifls Salzburg, in 6 Bänden, gleichfalls mit einem all- 
gemeinen Register; 

eben so das Tyroler Diplomatari um, die wich- 7 
tigsten Freibriefe, Landesverordnungen und Vertröge für 
Tyrol enthaltend ; 

ferner eine Copie der für die ganze europaische Ge- 
schichte so unendlich wichtigen, in Venedig befindlichen 
Sammlung der vorzüglichsten Traktate der Republik Ve- 
nedig, der bekannten hibri de Patt i von 883 bis 1454, 
in 1 Bänden; und als Ergänzung dazu eine Abschrift der 
10 ersten Theiie der gleichfalls in Venedig befindlichen, 
aus 33 Theilen bestehenden hibri Commemorali ; (sie 
enthalten die wichtigsten diplomatischen Verhandhingen 
der Republik von 1295 bis 1785, jene 10 Theiie aber 
umfassen die Zeit von 1295 bis 1417, berühren also die 
Regierungszeit Friedrichs selbst nicht unmittelbar;) — 
die bekannten Sammlungen Andreas Dandulo's, Uber albus 
und Uber blancus , die auch in jenem Archive aufbe- 
wahrt werden, fehlen in Hrn. Chmefs Verzeichnifs na- 
türlich, weil sie von Friedrichs Regierungszeit fast um 
2 volle Jahrhunderte getrennt sind; — 

endlich das Elsasser Diplomatarium vom vierzehnten 
bis zum sechzehnten Jahrhundert; u. s. f. 

Diezweite Klasse von Urkundsfascikeln, die wir er» 
wähnen, gehört ansschliefslich der Zeit an, weicher das 
vorliegende Verzeichnifs gewidmet ist : es sind theils 
einzelne gröfsere Urkunden, theils Sammlungen aller a«f 
ein einzelnes wichtiges Ereignifs bezüglichen Original- 
Schriften. Fast für jedes der 'Ereignisse, welche grofsen 



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Ghmel , Materialien mir österreichischen G«8chic*lca 653 

Einflufs auf den Gang der Regierung Friedrichs übten ^ 
findet sich eine solche Sammlung vor : so die Schriften, 
-welche die Verbindung Friedrichs mit Frankreich gegen 
Burgund betreffen; ' — so alle die«, welche sich auf die 
Händel Oestrichs mit Burgund , insbesondere wegen 
«ler Verpfändung von Elsa fs und von Pfirt, beziehen; — 
so die Schriften über die Entlassung Ladislause ans 
Friedrichs Vormundschaft: — «He Friedensschlüsse zwi- 
sehen Friedlich, Maximilian und W lad islaus von Ungarn 
und Böhmen; ein Diplomatarium der Päbste Martin V., 
Eugen IV., Nicolaus V M dann der Kaiser Sigismund, 
Albrecht und Friedrich , die Kirchen Versammlung zu 
Basel betreffend; u. s. f. 

Der wichtigste von den Beiträgen, weichender H** 
Verf. diesmal geliefert, ist aber der zweite: nämlich 
der Anfang eines Repertoriums der Urkunden, die zu 
Aufhellung der Geschichte Friedrichs vom Anfangeseiner 
Begierung in Oesterreich 1424. bis zu seinem Tode 1493. 
dienen können. In diesem Hefte reicht dasselbe erst bis 
zum Jahre 1439, betrifft also nur Friedrichs herzogliche 
Regierung. Die Einrichtung dieses Repertoriums ist 
dieselbe, wie in Böhmers trefflichen Regesten der teut- 
schen Könige (Frankfurt am Main, 1831. 4to) : in der 
ersten Coiumne eine fortlaufende Zahl; in der zweiten 
die Ausstellungszeit; in der dritten der Ausstellungsort; 
in der vierten eine gedrängte Angabe des Inhalts und 
sonst etwa zu bemerkender Dinge, endlich der Aufbe- 
wahrungsort des Originals, und wenn dasselbe schon 
gedruckt worden, in welchem Werke der Abdruck zu 
finden ist. So enthalt dieses Heft das Verzeichnifs von 
264 Urkunden österreichischer Archive in chronologi- 
scher Ordnung, welche Urkunden atte die Verhältnisse 
Oesterreichs oder seines Regentenhauses betreffen oder, 
wenn dies bei einigen Privaturkunden nicht der Fall ist, 
wenigstens, wie ihr Inhalt zeigt, Licht auf die Ver- 
hältnisse des Privatlebens in diesen Ländern wahrend 
jener Zeit werfen. Bei dem Stande der historischen 
Wissenschaften in unserer Zeil ist es unnöthig, ein Wert 



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«66 ChAiel, Materialien tar öiterreichUchen Geschichte. 

über die Wichtigkeit einer solchen Sammlung und über 
die außerordentliche Erleichterung zu verlieren, welche 
sie der Forschung gewährt Jeder, der sich für die 
Geschichte jener Zeit interessirt, wird gewifs mit uns 
begierig der Fortsetzung und Vollendung dieses Werkes 
entgegensehn, vorzüglich da seine Wichtigkeit sich in 
den folgenden Jahren natürlich noch vermehren mufe, 
wo der Herzog Friedrich auf einen gröfseren Schauplatz 
tritt oder vielmehr gehoben wird. 

Gleichsam als Anhang schliefst sich diesen beiden 
Aufsätzen ein Urkunden buch an, in welchem 32 bis 
jetzt ungedruckte Originalschriften aus österreichischen 
Archiven, die in die Regierungszeit Friedrichs gehören, 
wörtlich und diplomatisch genau abgedruckt sind. Auch 
dies ist eine recht dankenswerthe Mittheilung, obgleich 
die einzelnen abgedruckten Schriften von sehr verschie- 
denem Werthe sind und nur der kleinere Theil von 
ihnen sich auf . allgemeine Verhältnisse bezieht, und 
daher zur Ausmittelung wichtigerer geschichtlicher That» 
Sachen, zur Lösung historischer Fragen benützt werden 
kann. Wer wollte aber deswegen die übrigen Stücke 
für werthlos achten , ihren Abdruck für unnötliig halten? 
Giebt es ja doch überhaupt wohl nicht leicht eine Samm- 
lung von Originalschriften aus einer länger vergangenen 
Zeit, die dem ächten Geschichtsforscher nicht mannich- 
fachen Nutzen und Genufs gewährt. . Freilich dem ge- 
meinen Sinne uud dem hochtrabenden Schwätzer und 
selbst dem die Geschichte nur in Bausch und Bogen be- 
handelnden Universalhistoriker bleibt eine solche Samm- 
lung eine Anhäufung von unbedeutenden Schreibereien, 
an denen man sich ohne Frucht und Nutzen abmühen 
würde, — oder gar ein Gonvolut von Erzeugnissen einer 
rohen und ungebildeten Zeit, die durch die Spuren dieser 
ihrer Entstellungsperiode jeden Meuschen von aufge- 
klärtem Verstände im Voraus zurückschrecken, so wie sie 
durch ihre geschmacklosen, schleppenden Formen jedem 
feineren, gebildeteren Geschmacke ungeniefsbar, ja uner- 
träglich sind. 

(Die Fortsetzung folgt.) 



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N°. 42. HEIDELB. JAHRB. ». LITERATUR. 1833. 

\ 

i 

i 

Chmel, Mitlerialien zur österreichischen Geschichte. 

1 r 

(Fortsef s«n 

Von den kleinen, aber gediegenen Goldkörnchen , die 
in den alten, modernden Papieren und Pergamenten ver- 
borgen liegen, die sich aber freilich nur dem emsig' 
suchenden und ungetrübt blickenden Auge entdecken, 
ahnen Jene natürlich nichts, nichts von dem Genüsse, 
durch den diese Kleinigkeiten dem sinnigen Geschichts- 
freunde hundertfach die Mühe und Anstrengung ersetzen, 
die er auf ihr Aufsuchen gewendet hat. Wem aber dieser 
Sinn verliehen ist, der Sinn für die Erscheinungen} eines 
vergangenen Jahrhunderts, für Zustände eines verschwun- 
denen Geschlechts, diese halb dem Verstände, halb der 
Einbildungskraft angehörige Fähigkeit, sich deutlich in 
andere Zeiten und Verhältnisse hineinzudenken, wer also 
für denGenufs wahrer Geschichte überhaupt fähig ist, t— 
dein leuchtet oft reiner und heller das Seyn und das 
Wesen einer Zeit aus einem Papierstreifen hervor, der 
mit unwichtigen Worten in ihr selbst beschriebe« wurde, 
als aus den schönsten und glänzendsten Erzählungen eines 
Jahrhunderte späteren Geschichtschreibers, ja leicht 
selbst ungefärbter und ungetrübter, als aus den Darstel- 
lungen eines gleichzeitigen Schriftstellers, der seine Zeit 
mit einem bestimmten Zwecke, mit einer überlegten Ab- 
sicht schilderte. Denn da auch dessen Schilderungen 
nur unter der Einwirkung des überlegenden Verstandes, 
durch vielfache Abstraction aus speciellen Facten entstehen 
konnten, so fehlt auch in ihnen die Unmittelbarkeit des 
Lebens; die Einwirkung der Ueberlegung, der Einflufs 
der Individualität verwischt leicht auch in ihnen die 
eigrenthümlichen Farben der geschilderten Zeit, — wäh- 
rend in den nicht für Schilderung der Zeit bestimmten 
Schriften, die uns absichtslos mit ihren Sitten und Ge- 
XXVI. Jahrg. 7. Heft. 42 



* 



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I 



•58 Chmel, Materialien zur öeterreichiichen Geschichte 

bräuchen bekannt machen, ihr Charakter in aller unmit- 
telbaren Fülle und Wahrheit, frei von Ueberlegung und 
Absicht hervortritt. Mag man es immerhin einen klein- 
lichen, beschränkten Sinu nennen, der sich an diesen 
Kleinigkeiten freut, oder wohl gar mehr für ein nutz- 
loses Spiel erklären , als für wissenschaftliches Forschen, 
— es ist einmal so, je specieller, je eigeuthümlicher, 
je individualisirter die Quellen unserer Geschichtskenntnifs 
sind, desto freundlicher sprechen sie uns an, desto mehr 
wirken sie nicht nur belehrend auf unseren Verstand, 
sondern auch belebend auf unsere Phantasie, erwärmend 
auf unser Gemüth. Wir können es nicht läugnen, gern 
gäben wir die meisten Bücher mit schön äusgedachter 
Auseinandersetzung der allgemeinen Staats-, Reichs-, 
Kirchen - und Welt- Verhältnisse für die Schriften, die 
uns heimisch machen in den Städten einer anderen Zeit, 
uns durch ihre Gassen führen, zu den Käufern und Ver- 
käufern auf dem Markte , zu dem Toben der bewegten 
Volksmenge auf den Plätzen, zu den ruhigen Ueberle- 
gungen der hoch weisen Herren auf dem Rathhause, die 
uns in die Kirchen und Schulen geleiten, dafs wir die 
Reden der Priester, die Fragen der Lehrer, die Dispu- 
tationen der Weltweisen und Schriftgelehrten hören, die 
uns in die Kassen der Schösser und Zöllner, in die Läden 
der Kaufleute, in die Werkstätten der Handwerker, in 
die Kinder - und Wohn - Zimmer der Häuser sehen lassen , i 
kurz die uns im unmittelbaren Schauen Theil nehmen 
lassen an den Freuden und Leiden, an der Gröfse und 
der Kleinlichkeit , an den wichtigen Ereignissen und den 
unbedeutenden Sorgen einer längst vergangenen Zeit, 
die uns so also über die Beschränktheit unserer Zeit und 
unserer Lebensverhältnisse erheben, um uns für Augen- 
blicke in die eben so engen Schranken einer anderen Zeit, 
anderer Lebensverhältnisse zu verschliefsen , damit wir 
uns der bleibenden, über das Zufallige erhabenen Ein- 
heit im menschlichen Leben bewufst werden, zugleich 
über auch der unumgänglichen Noth wendigkeit steter 
Beschränkung des Allgemeinen durch einengende, zu- 

- 



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Chmel , Materialien aar österreichischen Geschichte. (#9 



fällige Formen, der Hohlheit und Luge alles ohne solche 
beschränkende, individualisirende Formen Gedachten oder 
Gesprochenen von angeblicher Allgemeingöltigkeit, — 
ein Bewufstseyn, dessen Bedürfnifs ja doch am Ende 
alles geschichtlichen Strebens Ursprung und Anfang, 
dessen Fähigkeit eben geschichtlicher Sinn, dessen Be- 
friedigung aller wahren Geschichte letzter und einziger 
Zweck ist. 

Wer sollte daher also (wenn ihn nur einigermafsen 
dieser geschichtliche Sinn belebt) die Mittheilung der 
hier abgedruckten Originalschriften des 15ten Jahrhun- 
derts nicht für eine dankenswerthe Zugabe zu dem Buche 
des Hrn. Verfs. halten,- da auch sie uns vielfach in das 
innere Leben jener Zeit nach seinen mannichfaltigsten 
Beziehungen und Verhältnissen blicken lassen, — wenn 
auch der gröfste Theil von ihnen, wie bemerkt, nicht 
gerade von grofsem Nutzen für die Aufklärung factischer 
Verhältnisse, für die Beantwortung factischer Fragen 
sevn kann. Doch geht auch dieser Nutzen nicht etwa 
allen hier mitgetheilten Schriften ab, viele von ihnen 
beziehen sich auf die allgemeinen Verhältnisse des öster- 
reichischen Staates und seines Regentenhauses, und können 
daher auch zur Aufklärung der äufseren und allgemeinen 
Geschichte Oesterreichs im löten Jahrhundert gebraucht 
werden. 

Denn zuerst finden wir mehrere officielle Actenstücke, 
durch welche die Schicksale der österreichischen Staaten 
und des österreichischen Regentenhauses in jener Zeit, 
wenigstens theil weise, bestimmt wurden. Z.B.: 

No. 10. ist eine Urkunde Herzog Sigismunds vom 
28. Februar 1445, worin er für sich und seine Erben 
und Nachfolger verspricht, dafs, wenn er zu seinem vä- 
terlichen Erbe, der Grafschaft Tyrol kommen sollte, 
er Nichts thun wolle ohne Wissen und Willen. König 
Friedrichs. — No. 26. Eine Urkunde von demselben , 
worin er, nachdem er in den Besitz von Tyrol eingesetzt 
worden, auf alle weiteren Ansprüche an seine väterlichen 



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0(iO Chrocl, Materialien aur österreichischen Gefleischte. 



Erbstücke zu Gunsten König Friedrich s und seiner Erben 
verzichtet. (Vom 9. April 1446.) 

No. 18. Vertrag auf 3 Jahre zwischen den Gesandten 
König Friedrichs in seinem Namen, dem des Königs 
Ladislaus, seines Mündels, und seiner Erben eines Theils 
- — und den Landleuten und Städten von Mähren andern 
Theils, abgeschlossen zu Znaim den lOten März 1445, 
am Sonnabend vor Palmsonntag. 

No 24. 25. 26. 2T. Einigungen und Theilungen zwi- 
schen König Friedrich, seinem Bruder Albrecht und 
seinem Vetter Sigismund vom Jahre 1446. 

No. 31. Eine alle Verhältnisse des Landes umfas- 
sende, sehr weitläufige Verabredung der Tyroler Stände 
wegen Verwaltung des Landes während der Abwesenheit 
Herzog Sigismunds. 

No. 6. Eine Urkunde König Albrechts, gegeben zu 
Prag den 14. October 1438, wodurch er dem Herzoge 
Friedrich dem Jüngeren den Blutbann in seinem Lande 
verleiht. 

Hieran schliefsen sich andere urkundliche Schriften 
an, die zwar nicht officielle Aktenstücke sind, aber sich 
doch auf allgemeine politische Verhältnisse Oesterreichs 
und seiner Regenten beziehen. Wir erwähnen davon 
nur folgende: 

No. 1. Schreiben Herzog Friedrich des Aelteren an 
Herzog Albrecht in Angelegenheiten der Vormundschaft 
über seinen Neffen, Herzog Friedrich den Jüngeren, 
vom 4. December 1434. 

No. 2. Schreiben Herzog Friedrich des Jüngeren an 
Herzog Albrecht, seinen Vetter, wegen derselben Vor- 
mundschaft, vom 10. December 1434. 

No. IT. Gedenkzettel und Gewaltbrief König Fried- 
richs an die österreichischen Machtboten für die Ver- 
handlungen über den oben erwähnten Vertrag zu Znajm , 
vom 2ten März 1445. Die Gesandten sind, aufser dem 
Probste von Neuburg und 6 Rittern, auch Andree hil- 
brand die czeit des Rats geschworn der Stat zu Wienn 
und Rainhart Zettlinger burger daselbs. „Sunderleich 



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Chmel, Materialien zur österreichischen Geschichte. 661 

ist zu merkehn das meniger zu Merhem sunder Zuspruch 
zu dem lannd mainent zu liabti der etleichn man villeicht 
Rechtieich nicht vil schuldig ist Mochtn die Rett dann 
umbgeen das Si In umb solh ir sunder Zuspruch bei dem 
Tag nicht antburtt tettn untz das der frid wurd beslossn 
und besteet So wurd dann der fridbrief jedem man wol 
underweisn wo vnd an welhem endnn er sein Zuspruch 
zu Recht oder zu mynn furpringn vnd vordem solt." 
Dann kommen aber doch viele Punkte, die Privatver- 
hältnisse betreffen und deren Lösung vorgeschrieben 
wird. Im Vertrag selbst aber wird bestimmt , dafs König 
Friedrich 4 Männer und die Mähren 4 ernennen sollen, 
die sollen sich zu Znaym versammeln und vor sie sollen 
alle Privatklagen aus dem einen Lande gegen das andere < 
gebracht werden, die sollen dann durch Stimmenmehrheit 
entscheiden; „wurdn aber vnder den Achten vier gen 
viern gleich stossig," so soll ein in dem Vertrage na- 
mentlich aufgeführter Obmann (Christoph von Lichten- 
stain, oder Michael von Maidburg, oder Ulrich Eyn- 
tzinger von Eyntzing) entscheiden u. s. f. 

No. 19. enthält: o) Vollmacht an die oben erwähnten 
vier Schiedsrichter, einen neuen Frieden von kürzerer 
Dauer abzuschliefsen, weil der früher verabredete nicht 
zu Stande gekommen war; b) Befreiung der Gesandten 
von der Verantwortung für den abgeschlossenen Frie- _ 
den: — „Also verhaissen wir In bei unsern kunigkleichn 
wortn das wir Si all vier von solher gelubnuss wegn vnd 
was Si in solihn frid machn gehandelt habn ob Si icht 
daromb begegnend wurdn nach unsrer Rete Rat an 
schadn haltn welln genedigkleich vnd vngeuerleich ; " 
e) und d) Ratification des verabredeten Friedens. 

Hieran reihen sich nun aber unter den mitgetheilten 
Stücken viele, die gleichsam in der Mitte stehen zwi- 
schen den vSchrif ten , die sich auf die allgemeinen Ver- 
hältnisse des österreichischen Staates beziehen und daher 
zur Aufklärung seiner äufseren allgemeinen Geschichte 
gebraucht werden können und den Schriften, die, aufser 
allem Zusammenhange mit den Staatsverhältnissen, ganz 



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062 Chmel, Materialien zur österreichischen Geschichte. 

nur die Verhältnisse des Einzellebens berühren. Es sind 
dies nämlich Schriften, die entweder wohl auch Ver- 
hältnisse des Staats betreffen, aber innere, Finanz-, 
Gerichts-, Verwaltungs- Einrichtungen, und daher keine 
Aufklärung Ober seine Schicksale im Ganzen und Allge- 
meinen, wohl aber über seine Lage im Innern geben 
können, oder Schriften , welche sich auf die Angelegen- 
heiten einzelner Theile des Staats, einzelner Gemeinden, 
Corporationen und dergl. beziehen, oder endlich solche, 
die zwar das Regentenhaus angehen, aber nicht dessen 
äufsere, politische Stellung, sondern die Privatverhält- 
nisse seiner Mitglieder. 

Hierhin rechnen wir z. B. die vielen gerichtlichen 
Schreiben, theils Herzog Friedrichs, theils der Richter, 
theils der Partheien über vielerlei , verschiedene Klagen 
und Rechtsstreite, welche recht viel interessante Beiträge 
über Sitten, Einrichtungen und Gebräuche, Torzuglich 
Gerichtsverfassung und Rechtsgang im 15ten Jahrhun- 
dert enthalten. 

Wir erwähnen davon nur No. 23, ein Schreiben König 
Friedrichs an den Bischof Leonard von Passau, worin 
er ihm verbietet , über das im österreichischen Gebiete 
gelegene Schlofs „Pirkchenstain" Gericht zu halten. 
(Vom Jahre 1448.) Dabei liegen, wie der Hr. Verf. 
bemerkt, im Archive 1) ein Brief von demselben Tage 
an die Gebrüder Hans und Ulrich von Stahremberg, wo- 
durch ihuen verboten wird, bei einem vom Bischof etwa 
doch gehaltnen Gerichte zu erscheinen und 2) ein Brief 
an die Herren, Ritter und Knechte, die zum Recht spre- 
chen gefordert werden, mit dem Gebote, weder Recht 
noch Urtheil zu sprechen. 

Nicht uninteressant waren Ref. auch 2 Stücke, die über 
die damaligen Geld - und Finanzverhältnisse einigen Auf- 
schlufs geben, nämlich No. 28. und No. 30. Ersteres ist 
der Anschlag einer Prinzessinsteuer in Steiermark, Kam- 
then und Krain bei Vermählung der Erzherzogin Katha- 
rina: „Vermerkht der Anslag der Stewer zu Junkfrawn 
Kathrevn vnsers gnedigisten herrn kunig Fr id reich s 



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Chmel , Materialien cur österreichischen Geschielt«. •€< 

Swester als sy Margkgraf Karin Margkhgrauen zu Paden 
vnd zu Spanhaym gegebn vnd gen Regeuspurg geantt- 
wurtt ist wordn. Anno domini etc. Quadragesimo sexto." 
„Von erst im lannd Steyr auf dye Prelaten Abtessih vnd 
prvorin vnd Juden vor dem perg vnd in dem perg." Die 
Prälaten , Aebte und Aebtissinnen , Prioren und Prio- 
rinnen , Johanniter und Teutschherren in Steiermark 
zahlen zusammen 7240 Gulden, „dye Juden in Steir 
kernden vnd Krayn vnd hiedishalb des pergs," die zwi- 
schen der Priorin zu „Studenycz" und den Teutsch- 
Herren aufgeführt werden, 6000 Gulden; die Summe 
der ganzen Steuer beträgt 46,632 Gulden. — Das 
zweite (No. 30.) ist ein Preistarif einiger von dem 
Schranschreiber-Ambt auszustellenden Urkunden: „Von 
erst Ladung vnd Zeugbrief daruon xij Pfennige. Von 
Zeugbriefen der Andertag dauon vj Pfennige. Von Zeug« 
briefen da Recht auf erkannt wird auf Red vnd Widerred 
vu lohn xij Pfennige." u. s. f. „Und ob er solichs oder 
anders handelt das wider soliche Ordnung wär, oder in 
annder wege sich nicht hielt nach der Landleut willen 
vnd geuallen, so haben in die landtleut albeg abzusezen, 
oder weg darinn machen." 

Am interessantesten waren Ref. aber einige von den 
Schriften dieser Klasse, in welchen uns die Eigentüm- 
lichkeit der Zeit, in der sie entstanden, recht deutlich 
vor Augen gefuhrt wird. Wenn uns nämlich manche 
andere Erscheinung jenes Jahrhunderts leicht verleiten 
könnte, uns dessen Verhältnisse schon zu sehr denen der 
neueren Zeit ähnlich zu denken, so tragen diese Mit- 
theilungen gewifs dazu bei, uns zu fiberzeugen, dafs 
jene Zeit, wenn sie auch an das Ende des Mittelalter« 
grenzt, doch ihm noch völlig angehört, so ganz tragen 
jene Stücke das Gepräge dieses Zeitalters. 

So z.B. No. 4, welches uns wohl am meisten in die 
verflossenen Jahrhunderte, auf den Höhepunkt des Mittel- 
alters zurückfuhrt. Es ist dies ein Geleitsbrief des vene- 
zianischen Dogen Franz Foscari für Herzog Friedrich 
von Steiermark zur Reise nach Jerusalem, vom Jahre 



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664 Chmel, MaterialienT zur österreichischen Geschichte. 

1436. Die ganze bewegte Welt der Kreuzzüge , die 
Gefahr der Pilger auf der Reise uach dem heiligen 
Laude, Richard Löwenherz s Gefangennehmung — aber 
auch die Herrschaft Venedigs im Mittelmeere und auf 
den Inseln und Küsten des Morgenlandes, die Erobe- 
rung Konstantinopels unter seiner Leitung, kurz alle die 
bunten Bilder des bewegten Mittelalters aus den Jahr- 
hunderten seines höchsten Glanzes steigen unwidersteh- 
lich bei diesem Briefe vor unsern Augen auf. 

Auf denselben Gegenstand beziehen sich die beiden 
Schriften unter No. 5: d) Pabst Eugen IV. erlaubt Herzog 
Friedrich dem Jüngeren (von Steiermark), das heilige 
Grab in Jerusalem mit 1 00 Begleitern zu besuchen und 
alles Nothwendige mit sich zu führen, „dummodo tu 
aut persone prefate ad partes illas alias iUa non 
deferatis aut deferri faciatis que m profecturn vel 
favorem hostium fidei Christiane redundare ualeant" 
b) Pabst Eugen IV. gesteht Herzog Friedrich zu, dafs 
sein Beichtvater auf der Reise ihm die bereuten Sünden 
vollkommen erlassen dürfe, aber nach der Rückkehr 
müssen Herzog Friedrich oder, wenn er stürbe, seine 
Erben die auferlegte Bufse thun. „Ei ne quod absit 
propter hujusmodi gratiam reddaris procliuior ad 
ülicita hnposterwn committenda , uolumus quod si ex 
confidencia remissionis hujusmodi aliqua forte com- 
mitteres quoad illa predicta remissio tibi nullatenus 
suffragetur. Et insuper per vnum annum a tempore 
quo presens nostra concessio ad tuam notitiam per- 
uenerit computandum singulis sextis feriis impedirnento 
legitimo ccssante ieiunes." Könnte es an diesem Tage 
nicht seyn, so soll er an einem anderen Ersatz leisten, 
oder im äufsersten Falle sich vom Beichtvater dispensirea 
und sich andere gute Werke auflegen lassen. 

Wenn uns diese Schriften aber in der Erinnerung in 
das Mittelalter versetzten, weil die schwache und klein- 
liche Xachahmung eines bufsfertigen oder abentheuernden 
Fürsten uns das Bild glänzender, aber damals schon 
längst vergangener Ereignisse vor die Seele rief, — so 



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Chrucl, Materialien zur österreichischen Geschichte. 665 



versetzen No. 11. 12. und 13. uns dagegen mitten in das 
Leben des Mittelalters, als das der Gegenwart, hinein, 
nicht ein Anklang früherer Zeit ist es, der uns hier be- 
rührt, nein, es ist die frühere Zeit selbst, die noch 
fortdauert, ungeändert, wenn auch herabgedrückt und 
verunstaltet. 

No. II. ist nämlich ein Klagbrief der Bürger von 
Budweis (vom 15. Mai 1443.) an Pilligrin von Puchhaim 
über Hans von Stahremberg, der mehrere Bud weiser mit 
14 Wagen voll Waaren auf dem Wege zum Linzer Jahr- 
markt gefangen hat Stahremberg soll die Gefangenen 
herausgeben, hätte er gegen die* Bürger von Budweis 
eine Klage, so wollen sie ihm vor dem römischen Könige, 
seinen Rathen oder Anwälten in Oesterreich Rede stehn. 

No. 12. Schreiben Balthasar Schellenbergers zu Weis- 
senberg an Hans von Stahremberg wegen derselben Ge- 
fangeneu, vom 6. Juni 1443: — — „den vom Budweis 
vast wider Ratn wirdt, sunder von dem von Rosenberg, 
das Sv die gefangn nicht höcher aufs porgn, dann vmb 
Tausend Schokch. dauon Geniel mir woll, vnd wollt 
Ewch das, auch Treulich Ratn So von der gefangn 
wegn mit ew geredt wurd, alls Ich vernvm das beschehn 
werd, das Ir dann dar Inn nicht ze hertt seyt, damit 
jeglicher seinen frewndt auff porgschaft von Ew bringn 
mug. Damit sy In kurtz ob einander kämen, Dann vmb 
die armen ob sych Niemant darumb anNemen wurd , da 
wolltn mein prüder vnd ich auch woll wege mit Ew 
vindn, das die auch gelympfleich von Ew kamen, Lieber 
Herr Durch gotz willen Seydt in den Sachen nicht ze 
hertt, damit die gefangn nicht verwarlasst werdn Alls 
ich dann daz zu gueter mass mit Ew berett hab." 

No. 13. Schreiben desselben in derselben Angele- 
genheit, vom 10. Juni des nämlichen Jahres. 

So wie hier aber ganz der Charakter des sinkenden 
Mittelalters hervortritt, Faustrecht, Selbsthülfe, Gesetz- 
losigkeit, Schwäche der obersten Gewalt, die nicht ver- 
mag, die streitenden Partheien zur Unterwerfung unter 
ihre Richtersprüche zu zwingen , deren Einflufs vielmehr 



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Gtiti Chmel, Materialien sur öaterreich lachen Geschichte. 

von der freiwilligen Unterordnung der Partheien ab- 
hängt, so ist dasselbe auch noch in einem andern der 
mitgetheilten Stücke der Fall , welches uns von allen am 
meisten angesprochen hat Dies ist No. 32 , das Protokoll 
einer Rathssitzung zu Wien. Auch hier tritt jener Cha- 
rakter freier und kräftiger Individualität hervor, der das 
Mittelalter charakterLsirt, jener Mangel höheren Schutzes, 
der die Einzelnen und die Corporationen auf eigne Kraft 
und Anstrengung verweist, auch hier erkennen wir die 
Zeit des Faustrechtes und der Gesetzlosigkeit, — aber 
hier kommt noch ein zweites Element dazu, was das 
Anziehende der Erscheinung sehr erhöht. Während wir 
nämlich durch die Fallgitter der Thore Wiens, durch 
die Schiefsscharten der Mauern, über die Zinnen der 
Thurme draufsen auf dem offenen Lande den rohen, 
kriegerischen Adel sich in ewigen Kämpfen und Fehden 
herumtummeln sehen , während wir die Bürger selbst in 
dieses Kriegsleben verwickelt erblicken, wie sie, um die 
Anmafsungen feindlicher Ritter zurückzuweisen, die Wehr 
ergreifen, sich in kriegerische Schaaren ordnen und 
ihre wohlbefestigten Thore, Mauern und Thürme be- 
setzen, — bemerken wir im Innern der Stadt auch das 
Regen jenes Geistes der Bürgerlichkeit, aus dem die 
neuere Zeit hervorging, in dem sie sich entwickelte, 
durch dessen Verbreitung über alle Theile des Staate - 
und Volkslebens sie ihre Schöpfungen vollendete oder 
vollenden wird. Es ist das der Geist der Gewerbsthä- 
tigkeit gegenüber dem ritterlichen Müssiggange, der Geist 
der Friedensliebe gegenüber der ritterlichen Kampfbe- 
gierde, der Geist der Unterordnung unter Gesetz und 
gemeinen Nutzen gegenüber der stolzen Unabhängigkeit, 
der völligen Ungebundenheit des kriegerischen Grund- 
herreu. Dieser Geist, dessen Erblicken, wie gesagt, 
schon die Ahnung der neuen Zeit in uns erweckt, in 
engster Vereinigung mit jener bürgerlichen Wehrhaftig- 
keit, die uns das Mittelalter keinen Augenblick ver- 
gessen läfst, bietet das treueste , schönste Bild jener 
Uebergangsperiode dar, deren Charakter eben in jener 



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Cbmel, Materialien zur österreichifcben Geschichte. 667 



Vereinigung der Zustände zweier Zeiträume besteht, die 
in ihr sich die Hände reichen und eine Weile verschmol- 
zen neben einander fortlaufen. Darum also ist uns dieses 
Protokoll eine sehr angenehme, mannigfach erfreuliche 
Gabe gewesen. 

An sand Paulstag conversionis (25. Jan.) waren näm- 
lich eine ziemliche Zahl von „Artikeln" aufgesetzt wor- 
den, über die in einer folgenden Rathssitzung Beschlüsse 
gefafst werden sollten. Dies geschieht nun am Freitag 
vor Lätare in einer Sitzung, wo 1? Personen als gegen- 
wärtig bemerkt sind. Der Rathsschreiber aber zeichnet 
die „underredung vnd betrachtung" auf, „so die herren 
fies Rats vnd die genanten getan habent." Das Jahr, 
in welches die Sitzung fallt, ist nicht angegeben, aber 
eine sturmische,' kriegerische Zeit mufs es gewesen sevu, 
denn die meisten Beschlüsse handeln von kriegerischen 
Rüstungen der Bürgerschaft, Befestigung der Stadt und 
dergleichen , „von der veint wegen die ytz gar starkch 
zu anger ligent." Wer wollte sich auch über dieses 
kriegerische Ansehen der Zeit wundern, da das Protokoll 
doch wohl der Regierung Friedrich's des Dritten ange- 
hört, die durch des Königs Schwäche für Oesterreich 
zu einer fast ununterbrochenen Kette innerer Unruhen 
und äufserer Kriege wurde. Daher freuen wir uns des 
mannhaften Rathes, der gehörige Fürsorge trifft und die 
Stadt durch ihre Festungswerke und die Waffen ihrer 
Bürger zu sichern sucht, damit sie ritterlichen Ueber- 
muth und feindliche Plünderungs - und Eroberungslust 
kräftig zurückweise und, ungestört durch die Stürme der 
Zeit, in ihrem Schofse die Gewerbe und Künste des 
Friedens hegen und pflegen könne, für deren Unter- 
stützung und Förderung der hochweise Rath nicht we- 
niger besorgt ist, als für die Wehrhaftigkeit der Stadt, 
so wie er auch für die Sicherheit der Bürger gegen 
Feuersgefahr und anderen Schaden wacht. 

Wie gesagt, die Wehrhaftmach ung der Stadt bleibt 
»ber der Hauptgegenstand seiner Fürsorge. Deswegen 



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(>68 Chmel, Materialien zur öetcrrcichiechen Geschichte. 

sollen zuerst die Pestungswerke der Stadt in gehörigen 
Stand gesetzt werden : 

„Item von der Statmaur vnd Statturn zuzerichten vnd 
Sieg Tor ze machen etc. Ist beredt das man die Stat- 
maur pessern vnd die Statturn zu der weer zurichten 
vnd darin haben solh Puchsen Stain, Phal Pulver vnd 
andre wer das mau sich aus denselben Turn gewern mug 
wenn sein not wirdet." 

Aber auch die äufsere Brücke soll nicht ohne Schutz 
bleiben, damit der Feind dort der Stadt nicht Schaden 
thun könne: 

„Item so ist auch verlassen vnd beredt das man 
die ausser Prugk mit leuten vnd Söldnern sterkehen, 
vnd dauor aufm land Polwerch darinn sich die leut wider 
die veindt enthalten mögen, machen sol, vnd darumb 
ainen graben als darezu gehört, von der veint wegen 
die vtz gar starkeh zu anger ligent, von den der Stat 
gewisse Warnung komen vnd gesagt ist, das sy ye der 
Stat aiu smach vnd schaden au der Prugken erezaigen 
vnd bewaisen maineu, als zu fürchten ist, nachdem vnd 
der von liechtenstain ainen frid mit denselben veinten 
aufgeuomen hat." 

„Item als der egenant artikel aufgeschribn was, 
ward darnach zum Pesten gedacht an das Paw des Pol- 
werchs, so mein herren vor angefengt vnd geschafft 
habent forderlich ze machen auf die Prugk das nuez 
sol sein, das man dem nachgeen vnd zu end pringen 
vnd machen sol wie dann das glinget, darnach sull man 
sich verrer richten als man das versteen vud sehen, 
welhs weerlich notdurft vnd gut sein wirdet wider <iie 
veindt." 

Auch für gehörige Bewehrung der Festungswerke 
mufs gesorgt werden, deswegen wurde oben schon an- 
geordnet, Puchsen, Stain, Phal, Pulver vnd andre wer 
auf die Thürme der Stadtmauer zu schaffen, und weiter 
wird nun verordnet, auch für schweres Geschütz Sorge 
zu tragen; 



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Chrael, Materialien znr österreichischen Geschichte. 6fi!l 



„Item von der grofsen Füchsen wegen Ist ver- 
lassen , das man die solt lassen machen etc. daraus ist 
yeez nemlich beredt worden, das man die förderlich 
vnd anuereziehen sol lassen giessen, als den mit mai'ster 
hannsen daraus geredt ist, damit die Stat ainen guten 
zeug habe, vnd die nyembt leihen denn alain der Stat 
ze frumen vnd not durften riuczen." 

„Item als man vor geredt hat das man ainen ordent- 
lichen guten Puchsenmaister haben sol etc. darauf haben 
mein herrn Thoman von Passau zu ainen Puchsenmaister 
aufgenommen." 

Auf mehrfache Weise wird aber claneben auch für 
Anschaffung kleinerer WafFenstücke gesorgt, damit es 
der Burgerwehr nicht an ihnen fehle; theils werden sie 
auf Kosten der Stadt herbeigeschafft: 

„Item das die Stat im Rathaus haben sol Tatisent 
Tartschen vnd tausend Spiefs," 

theils auf Kosten des Einzelnen, der als freier Bürger 
bewehrt seyn, und auch, wo möglich, noch reisiges 
Dienstvolk mit sich bringen und für dessen Bewehrung 
sorgen mufs: 

„Item es soll auch in jedem haus beschaut werden 
feürstet härnasch weerspies, vnd wer des nicht hiet, 
der sol darum trachten das er es hat." 

„Item es sol auch ein yeder der es vermag rosknechtt 
vnd was zu weer gehört haben in seinem haus ob es zu 
schulden kumbt, das er damit berait sey." 

„Item das auch ain yeder hauswirt oder Inmann für 
sich vnd sein dienstvolkch, der nicht Armbst nochPüchsen 
vermag Tartschen vnd Spies haben sol zu yeder Person 
ain schufllir oder ein Eysenhut." 

Vorzüglich aber mufs für gehörige Eintheilung und 
Ordnung der ßürgerschaaren gesorgt werden, damit, wenn 
die Noth hereinbricht und der Feind vor den Thoren 
erscheint, oder auch, wenn im Innern der Stadt der Friede 
gestört wird, schnell die ganze Wehrmannschaft zusam- 
mengerufen werden könne und dann jeder seine Schaar 
uu<l seine Führer bestimmt und festgesetzt vorfinde: 



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(170 Chracl, Materialien xur österreichischen Geschichte. 



„Item das yeds Tor besunder seinen haubtmann 
haben sol vnd yeds Tor ain gelögkl, vnd jede gassen 
irn haubtmann vnd yeds Virtail seinen haubtmann." 

„Item ob icht ain geschray in der Stat würd oder 
sich erhub da got vor sei, wan man die grofs glogken 
leütt das dann menigelich komen sol, die in Stuben 
virtail siezent an den Platz am Lugegk, die in kerner- 
virtail siezent an den Newenmarkht die in widmer virtail 
siezent an den graben vnd die in Schottnervirtail siezent 
an den Juden Platz, vnd was dann die obristen haubt- 
leut yeds virtails mit in schaffen, das sy des gehorsam 
seyen." 

Aber nur für den Dienst in der Noth kann der ge- 
werbfleifsige Bürger seinem Geschäfte die Zeit abbre- 
chen, um gewaffnet zu erscheinen; nicht zum steten 
Dienst, zur Wache und Ausspürung nahender Gefahr 
kann er verwendet werden, auch fehlt es ihm an der 
Waffenübung, der Kenntnifs des Kriegshandwerks, der 
Kunde von Stärke, Persönlichkeit, Stellung der Feinde, 
die dazu nöthig sind, u. s. f., dazu müssen Leute gedun- 
gen werden, die aus dem Waffenwerk wirklich ein Hand- 
werk machen und für den Lohn der reichen Stadt gern 
in ihre Dienste treten, gleichsam ihr stehendes Heer 
bilden und zu jenen Diensten verwendet werden , wozu 
der Bürger, so kriegsgerüstet er auch seyn mag, nicht 
gebraucht werden kann. 

„Item es ist auch meidung geschehen vnd verlassen 
von des Philippko wegen, der vil kuntschaft vnd gele- 
genheit der veint hat, vnd ein tetiger gesell znd versucht 
ist, das man dem au uerziehen schreiben vnd hervordern 
sol, vnd ob er sich herziehen vnd mit drein Pherden 
ain gleichen vnd zimlichen Jarsold nemen wolt, alsdann 
vor auch daraus geredt ist, so sol mau in aufnemen vnd 
halden , wan er der Stat in den leuffen , als die yetz Stent 
wol nutz vnd dinstlich sein müge." 

Vorzüglich aber bedürfen die Bürger eines geübten 
und bewanderten Anführers. Aus ihrer Mitte geht bei 



1 



Chmel, Materialien aar österreichischen Geschichte. ftU 

dem Mangel an Uebung, da nur selten die Noth die 
Börger wirklich in die Waffen ruft, ein solcher nicht 
leicht hervor, zudem soll er auch seine ganze Zeit auf 
das Kriegsgeschäft wenden, was der Bürger aber nicht 
kann, daher wird auch hier wieder gern ein angesehener 
Krieger, gewöhnlich ritterlichen Standes, angenommen, 
der denn auch gleich seine Gefährten mitbringt, und 
so jene geübtere Söldnerschaar der Stadt verstärkt, sey 
es nun, dafs er immerwährend in der Stadt Diensten 
bleibt, oder, dafs er nur in der Zeit der Noth, für einen 
ausbedungnen Lohn zu Hülfe zieht: 

„Item von des Ebser wegen, ist beredt, das man 
dem auch anvereziehen schreiben vnd bitten sol, das er 
sich her zu dem Rat füge, vnd das die dan aigentlich 
sich mit im vuderreden , ob sy im vberkomeu mochten, 
das er der Stat hie haubtman sein weit vnd vmb ein 
gleichs gelt, das der Stat zu geben sei, vnd auf etlich 
Person vnd Pherd des der Rat mit Im ainig mag werden, 
so sol er zu ainem haubtman der Stat werden aufge- 
nomen auf ein Jar, wann sy gut vertrawn zu in haben 
nachdem vnd er sich vor gegen den veindten gehalten, 
vnd zu Zurichtung der Stat wol wiss zu raten. Ob er 
sich aber in dem Sold nicht gleich wolt vinden lassen, 
das der Stat zu swer wer, das man in darnach auf ain 
Jar soll bestellen , als verr er ain geleichs gelt nemen 
wolt, also wenn sein der Rat begert, das er der Stat 
dien von haus vnd treulichen anezaigen vnd zu Richten 
vnd allenthalben bewarn sull, wo des notdurft ist, oder 
sein wirdet" 

So gerüstet kann die Stadt aber auch als mächtige 
Corporation nicht nur dem raubsüchtigen , aber gegen 
die Stadt in seiner Vereinzelung ohnmächtigen Adel und 
ihren minder bevölkerten, minder reichen und minder 
befestigten Mitstädten in entschiedener Weise entgegen- 
treten, sondern auch ihrem Landesherrn gegenüber er- 
scheint sie als jene mächtige Corporation, stark durch 
ihre Wehrhaftigkeit und durch die Freiheit, ja fast 



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Chmcl, Materialien zur österreichischen Geschichte. 

völlige Unabhängigkeit, welche schätzbare Freibriefe 
ihrer Regenten von Alters her ihr sichern. 

Daher führt sie bei allgemeinen Landesangelegen- 
heiten eine entscheidende Stimme, und ihre Bürger er- 
scheinen unter den ersten Notabili täten des Landes, um 
in Auftrag des Königs einen Frieden mit seinen empörten 
Unterthanen zu unterhandeln (siehe oben S. 660.), und 
ihr eigner Landesherr wendet sich nur bittweise an sie, 
um Schonung eines von ihm Begünstigten von der Stadt 
zu erhalten. Auch beschliefst ein hochweiser Rath, nur 
theilweise auf des Königs Verwendung einzugehen: 

„Von ersten haben sy gehört vnsers genedigisten 
herrn des Kunigs brief, darauf sind sy zu rat worden, 
das man darumb dem hubmaister von vnsers genedigen 
herrn des künigs wegen sol zu antwurt geben also. Als 
vnser genedigister herr kunig Fridrich vns geschriben 
vnd begert hat vnsern vnwillen gen Oswalten Reicholf 
vallen zu lassen, vnd ob wir des nicht meinten ze tun, 
das wir dann die Sachen auf seiner genaden Wiederkunft, 
angesteen, vnd den Reicholf dieweil hie hanndien vnd 
wandten Sölten lassen etc. Ist vnser antwurt, das .wir 
die Sachen gen dem Reicholf nicht mugen geuailen 
lassen, wenn wir nicht wissen was noch darinn mocht 
aufersteen aber vnserm genedigistem herrn dem kunig 
ze geuailen, wellen wir die Sachen auf seiner genaden 
Zukunft vnd schreiben zu austrag angensteen und dem 
Reicholf die zeit hie handeln lassen nach notturften, 
vnd in vnguten mit im nicht schaffen haben, von der 
sach wegen unz das die Sachen austragen wirt als vor- 
. gemelt ist, doch das seine guter hie auf solhen austrag 
unverkümert bleiben." 

{Der Beschlufs folgt.) 



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N". 43. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 

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Chmel, Materialien zur österreichischen Geschichte. 

( Beschlufs.) 

Doch schützt sie alle diese Macht und alles dieses 
Ansehn nicht dagegen, dafs in jener Zeit, wo nur tapfere 
Abwehr vor Unrecht schirmen konnte, nicht eine kleine, 
gegen sie ohnmächtige Stadt, die sich von einem Wiener 
Bürger verletzt glaubte, ihr, oder wenigstens diesem 
ihren Bürger, Fehde ankündigt. Der Rath, obwohl im 
Gefühle seiner Uebermacht und daher mit ziemlich stol- 
zen Worten , beschliefst gleichwohl , damit nicht das 
Ganze unter dem Streite eines Einzelnen leide, sich für 
denselben zu Recht zu erbieten und auf friedlichem Wege 
die Sache beizulegen : 

„Item auf das schreiben so die von Troppau vnd irs 
mitburgers absag hergetan vnd gesant habent, von Niclas 
Ponhalm wegen ist beredt das der Rat selber darinn 
raten vnd für den Ponhalm schreiben vnd recht pieten 
6ol. Als sy das ze tun bedunkcht nach dem pesten, als 
vmb solhe Sachen gepurt ze tun , vnd ob sy solch schrei- 
ben absiahen, so sol man dan verrer Rat darinn haben, 
damit man solhes mutwillens vertragen werde." 

So weit ist also Alles kriegerischen Ansehens; die 
gerüstete Bürgerschaft als mächtige, unabhängige Cor- 
poration jedem Feinde Trotz bietend, selbst dem Lan- 
desherrn stolz gegenüber, Erscheinungen (wie wir oben 
schon bemerkten) dem Mittelalter angehörig, dessen 
letzten Jahrzehnten die Schrift ihre Entstehung dankt. 
Aber neben dieser Erscheinung kommt nun eine andere, 
ganz entgegengesetzter Art in demselben Bilde uns ent- 
gegen. Während nämlich in dem Staate des Mittelalters 
die Sorge für das Wohl seiner Angehörigen fast nirgends 
hervortritt, der Staat sich vielmehr fast ganz auf den 
(noch dazu sehr unvollkommenen) Rechtsschutz beschränkt 
XXVI. Jahrg. 7. Heft. 43 



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074 Chmel, Materialien zur österreichischen Geschichte. 

(den ihm Jahrhunderte spater systematisirende Politiker 
wieder als einzige Aufgabe stellen wollten) — und der 
Einzelne sonach sich ganz selbst überlassen bleibt, wie 
es dem Sinne der kriegerischen Grundbesitzer, die ur- 
sprünglich den Staat allein bildeten, ganz angemessen 
ist, — finden wir in den Städten die Aufgabe der Ge- 
meinheit viel höher aufgefafst und (versteht sich, un* 
willkühi lieh) ihre wahre Bestimmung in Anwendung 
gebracht, dafs sie ihre Kräfte der Kraft jedes Einzelneu, 
überall, wo diese auf gute und nützliche Zwecke ge- 
richtet ist, aber zu deren Erreichung allein nicht hin- 
reicht, als Ergänzung biete. Wir finden also dort die 
Gesammtheit und ihre Vertreter mit dem Wohle de9 
Einzelnen beschäftigt, Schaden von ihm abwendend, 
erworbene Vorlheile ihm sichernd, den Weg zu Erwer- 
bung noch mehrerer ihm bereitend. Die gesellschaft- 
liche Ordnung nimmt also dort schon viel mehr das 
Gepräge der neuen Zeit an, und eben dadurch bieten die 
Städte uns jenen reizenden Gegensatz, jene Verschmel- 
zung widerstreitender Art und Sitte, jene Verbindung 
durchaus verschiedener Zeiten in ganzer Schärfe und 
Fülle dar. 

Auch in diesem Protokolle vermissen wir die Fürsorge 
des Wiener Raths für das Wohlbefinden seiner Bürger 
nicht ganz und, mitten unter den vielen Sorgen für die 
kriegerische Kraft der Stadt, erläfst er mehre Verord- 
nungen zur Abwendung von Feuersgefahr und Gebote 
zur Sicherung des Gewerbes seiner Bürger: 

„Item es sol auch in yedem haus beschaut werden 
feürstet" etc. 

„Item das man von haws zu haus sagen sol das nie- 
nigelich das feur bewar, das nicht schad dauon kom." 

„Item das man vor yedem Tor feüerhagken haben 
Sol. Item das ein yeder da die Nerb an seim haus , 
daran man keten legen sol , das Slos darezu haben sol 
auch von haus zu haus besieht werden." 

„Item es sol auch ain yeder Hauswirt in seinem haus 
haben vir schaff! oder mer, vnd laiter, vnd patiag mit 



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* 



Chrael, Materialien znr österreichischen Geschichte. (575 

wasser, ynd krukchen vndern dechern zum ausstosseu. 
Auch sullen all Pader mit Irm gesind frawn vnd man 
mit irn Padschefflein vnd wendlein zu lauffen ob ein 
feur auf kein ynd dasei bs wasser zu tragen vnd helffen zu 
retten, desgleichen sullen die maurer zimmerleut, Trager, 
kaltrager vnd ander ledig kriecht zu hilff komen vnd 
treulich helffen ze retten vnd solhen leuten die zu hilff 
vnd rettung darkomend vnd Trewlich rettend vnd arbei- 
tend den sol vmb ir müe genug geschehen nach des 
Rats erchantnufs." 
Und eben so: 

„Item das man der ladner vnd ladnerin mvnner haben 
sol. wenn sy grossen furchauf Treiben , daraus der Stat 
Tewrung geet, vnd sich pöse weiber vnd vil püberei 
bei in aufhaltend 

„ Item von den gasthewsern vor den Torrn ist beredt 
das man vor den Torrn kain gastum sol haben vnd das 
auch die ladner vnd ladnerin in der Stat vnd in den vor- 
steten auch nyembt halden noch gastum darinn treiben 
sullen. Es sullen auch all geest geraisig vnd vngeraisig 
ze rossen vnd zu fussen in der Stat in den rechten offen- 
baren gasthewsern zu herberg sein vnd nyndter an- 
derswa." etc. 

Zuletzt kommt der Wiener Rath auf die Frage, die 
auch in unseren Staaten sich noch immer jeder Einrich- 
tung , oft das Beste hindernd , an den Fufs hängt : 
„Item wo man das gelt nemen soll, damit solher zeug 
der Stat ze nuez zewegen bracht vnd gemacht werde." 
Die Antwort auf diese schwierigste aller Fragen hat der 
Herr Stadtschreiber uns nicht aufbehalten und wir er- 
fahren nicht, was der hochweise Rath über diesen Artikel 
für einen Beschlufs gefafst. Nur vorher haben wir schon 
beiläufig einmal gehört, „das die Stat yetz nicht geld 
vorhanden hat.* Daher finden wir auch mehrere Be- 
schlüsse, dafs Einrichtungen unterlassen oder aufgehoben 
werden sollen , die Kosten verursachen , damit die un- 
nöthigen Ausgaben für das Nothwendige erspart werden. 
Deswegen : 



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676 Chmel, Materialien zur österreichischen Geschichte. 

„Item voo den hüttern an den Thoren, ob die ab 
sein sullen oder ob man sy lenger halten sul. Ist beredt, 
dafs man der, nachdem vnd ir wochensolt am nagsten 
ausgeen wirdet, nicht lenger halten so!" 

„Item von den fünfezig (was? der Gegenstand ist 
wahrscheinlich durch einen Schreibfehler des Stadt- 
schreibeas oder ein Versehen des Herausgebers wegge- 
blieben) wegen die man solt lassen machen als vor geord- 
net ist, daraus ist geredt, das man die yetz vnderwegen 
lassen vnd nicht machen soll." 

„Wann die Sieg Tor ze machen, das sol man vnder- 
wegen lassen" u. s. f. 

Zuletzt wird natürlich noch Fürsorge getroffen: 
„Item wer in allen vorgeschoben geordneten stukehen 
nicht gehorsam sein wil, wie derselb zu püssen sey." 
Auch hier ist aber nur diese Rubrik und nicht der dazu 
gehörige , wahrscheinlich sehr in das Einzelne gehende 
Beschlufs in das Protokoll aufgenommen. 

Endlich finden sich in unserer Sammlung noch meh- 
rere Stücke, die ganz dem Privatleben angehören, Kauf- 
briefe, Verhandlungen wegen Anleihen u. dergl., wovon 
wir No. 20. als den kürzesten unter allen gelieferten Bei- 
trägen unsern Lesern wörtlich mittheilen wollen, damit 
sie sich mit uns an der Feierlichkeit ergötzen, womit 
der nach Hofmähren und einem gutem Stück Wildprett 
lüsterne Bischof sein kleines Billetchcn , wie die hoch- 
wichtigste Staatsschrift, beginnt: 

„Dem Edeln vnserm lieben freunt Reinprechtn von 
walsse, obristem Marschaich in Oesterreich obrisfem 
Drugseczem in Steier vnd haubtman ob der Enns." 

„Leonart von gotes gnaden Bischoue zu Pas- 
saw. Vnser freuntschaft beuor Edler lieber freund, wir 
schickchen vnsern lieben freundn deinen Sunen zway 
Ärmst, das Sie die zu irn kurzweiln an dem Gyaid 
prauchn vnd hettn In die langest gern gesandt soltn wir 
zeitlicher anhaim komen sein, daz sy vnser mit aim 
wiltpret ob Sj icht damit hietn geschossen, gedacht 
hettn. Sunder bittn wir dein freuntschaft mit gutem 



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Chmel , Materialien zur österreichischen Geschichte. 671 

fleifs, ob du icht hofmer wessest, die vns zuuerkundeo 
wem, daz du vns die hettest wissn lassen, wir schreiben 
dir auch gern ettwas hofmer, so wissen wir diczmals 
nichts, dann, das vnser her herczog Hainrich, vnsern 
herrn Herczog Ludweign gen Burkhausen gfürt hat, 
wie sich aber dieselbn sachen machen werdn, wissen 
wir nicht/' 

„Geben ze Passau an Montag vor vnser frawntag 
Nativitatis Anno etc. xlvj°." 

Eine dankenswerthe Zugabe zu dieser Urkunden- 
sammlung sind auch die beiden im Anhange vom Hrn. 
Pf. Kurz mitgetheilten Stücke, namentlich das zweite, 
eine Angabe der Einkünfte der Erzherzoge von Oester- 
reich in den Jahren 1437. und 1438. Es sind diese Ein- 
künfte nach den einzelnen Provinzen zusammengestellt 
und hier auch wieder auf die einzelnen Städte und Aemter 
vertheilt. Bei manchen Provinzen sind sie auch nach 
den verschiedenen Quellen, aus denen sie geflossen, be- 
sonders angegeben. Bei dem „ Fürstenthumb Oester- 
reich" z.B. zerfallen die Steuern, welche die Einkünfte 
bringen, in folgende Klassen: 

1) „Vngelt." Dies macht für 1438. zusammen 30,563 
Pfund, 2 Pfennige. Dazu trägt Wien 9230 Pfund Pfen- 
nige, Linz 300 Pfund bei. 

„ Maut vnd Zoll." Zusammen 17,454 Pfund Pfennige. 
Dazu trägt bei: Wien 1437. (1434, wie im Buche steht, 
ist ein Druckfehler , wie aus den weiter hinten folgenden 
Rechnungen hervorgeht) nur 814 Pfund Pfennige ; 1438. 
sogar nur 678 Pfund 4 Schilling 6 Pfennige, so dafs 
die meisten anderen Städte Wien hierin weit übertreffen; 
so bezahlt Linz z. B. 4380 Pfund 5 Schilling 16 Pfennige 
für 1437. und 3568 Pfund 58 Pfennige für 1438; Ge- 
münden 3876 Pfund 3 Schilling Pfennige; Stein 3053 
Pfund 3 Schilling 6 Pfennige für 1137 und 2404 Pfund 
5 Schilling 23 Pfennige für 1138 u. s. f. Bemerkens- 
werth ist dabei die durchgehende außerordentlich grofse 
Verminderung des Zollertrags im Jahr 1138. gegen 1137, 



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678 Chmel, Materialien zur uaterreichwchen Geschichte. 



die auch Hr. Kurz am Schlüsse der Mittheilung bemerkt 
hat. Ob sie durch Herabsetzung der Zölle oder aus 
andern Ursachen entstanden, ist aus dem Verzeichnifs 
nicht ersichtlich. 

3) „Vrbar." Die Summe ist nicht angegeben. Wiea 
trägt hier wieder nur 200 Pfund Pfennige, Lioz sogar 
nur 40 Pfund, andere Orte viel mehr, aber wahrschein- 
lich sind bei ihnen die Aemter mit dazu gerechnet, deren 
Hauptorte sie sind. 

4) „Zechent Perckrecht, Pawwein, pringen zu mitt- 
lem Jarn bey hundert vnd achzjg fueter mit sambt des 
huebschreibers Weingarten." 

5) „ Järliche Steur." Zusammen 3630 Pfund Pfen- 
nige, wozu Wien allein 2000 Pfund beiträgt, Linz gar 
nichts. 

Sehr lehrreich wurde es bei der Vollständigkeit, 
welche diese Verzeichnisse zu besitzen scheinen, gewifs 
seyn, die einzelnen Angaben zusammenzuzählen und eine 
Gesammtsumme der damaligen Einkünfte des österrei- 
chischen Regentenhauses aus seinen in dem Verzeichnisse 
begriffenen Staaten daraus zu ziehen , was zu sehr nütz- 
lichen Vergleichungen Anlafs geben könnte. 

Bei dem vielfachen Interesse, was also die meisten 
der vorliegenden, durchaus urkundlichen und aus den 
besten Quellen geschöpften Mittheilungen für die Ge- 
schichte Oesterreichs und für die des fünfzehnten Jahr- 
hunderts überhaupt haben — wünschen wir, recht bald 
ein zweites Heft dieser „Materialien zur österreichischen 
Geschichte" aus dem fast unerschöpflichen Reichthume 
der Archive und Bibliotheken Oesterreichs anzeigen zu 
können, welches, hoffen wir, die glückliche Stellung des 
Hrn. Verfö. ihm, recht bald zu geben, erlauben wird. 

Mittler. 



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Roquefort , Dictionn. etj mologique de lä langue Francaige etc. 679 

1) Dictionnaire c'tymologique de Im langue francaise ou 
les mots sunt classts par f amilies <$"c. , par B. de Roquefort, 

des Acadvmies roy. de Göttingue , des Antiquaires de France et de 
frormandie <$*c. tyc; auleur du gfossaire de la langue romane , de 
l'etat de la poisie francaise dans les 12e et 13. Steeles, preedde d'une 
dissertation sur VEtymologie par J. J. Ck ampollion- Figeac. 
2 Thle. 8. 1. Th. XL u. 462, 2. TA. 764 & mit einer 213 Seiten 
umfassenden table alphab. des mots contenus dans les deux volumes 
de ce dictionnaire. Paris, Decourchaut , rue d'Erfurth Ao. 1. 

2) Vollständiges (?) f r anz. -deutsches W brterbuch in ety- 
molog. Ordnung, bearbeitet von C. F. Deyhle. Stuttg. E. Schwei- 
zerbarVs Verlagshandlung , 1832. Ein Theil in 8. XII (wovon 
Hrn. D.'s Vorrede 4, die aus Hirzel entlehnte Abhandlung über 
die Wortbildung 13 Seiten einnimmt) und 554 Seiten (inbegr. ein 
alph. Reg. von 43 Seiten.) 

Diese beiden Werke verhalten sich im Ganzen wie 
Vater und Sohn, so dafs ich mir erlauben werde, in der 
davon zu gebenden Anzeige und Beurtheilung beide stets 
zusammenzufassen. Herr Deyhle nämlich hat, wie er 
in seiner Vorrede berichtet, nachdem er schon lange (?) 
die Absicht hegte, ein etymologisches Wörterbuch der 
französischen Sprache zu schreiben, das indessen in Paris 
erschienene von Herrn v. Roquefort seiner Arbeit zu 
Grunde gelegt. Dürfen wir uns erlauben, diesen Aus- 
druck etwas zu berichtigen, so müssen wir sagen, dafs 
Hr. D. sein franz. Original*) blos übersetzt hat, mit 
Uebergehung aller auf Etymologie, Geschichte u. s. w. 
bezüglichen Erörterungen, sowie mit willkührlicher Weg- 
lassung theils allgemeinerer, theils speciellercr, auf Künste 
u. s. w. sich beziehenden Ausdrucke, als z.B. abaque > 
ablatif, ablais, abomasus , abrotone, absides , ab- 
»ternc, acompte, acame u. s. w. , welche sich alle bei 
Hrn. v. R. vorfinden ; so dafs es auf den ersten Augenblick 
scheinen könnte, als hätte sich Hr. D. vielleicht auf die 



*) Einige Verlies gerungen in der Unterordnung abgerechnet, wofür 
er auch wieder eigene Sünden zu hülsen hat, indem er z. B. 
loculairc (von locus) unter logic (v. Ao*yo$) Dachträgt, wäh- 
rend er das von H. dort aufgeführte triloculuire hätte streichen 
und dies alles zu Heu stellen sollen. 



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680 Roquefort , Dictionnaire e'tymologique de la langue Franca ige. 

der gewöhnlichen Sprache mehr angehörenden Wörter 
beschränken wollen, woran er, nach des Ref. Ermessen, 
sehr wohl gethan haben wurde. Allein Nr. D. befolgte 
bei Verwerfung oder Aufnahme jener speciellern Aus* 
drücke durchaus keinen Plan , sonst wurden nicht z. B. 
blos acacia, coryne, Aristoloche, Dyscrasie, Dyse- 
8t he sie , Dyshemorrhe'e , Dyslochie n. s.w. fehlen, und 
doch andre dieser Gattung, z. B. acajou, eorsoide, 
Dyscme'sie, Dysecee, dysodie , dyspepsie, Dysthymie 
u. s. w. dastehen. Auf eine planmäfsige Durchführung in 
dieser Beziehung müssen wir verzichten ; und es scheint 
überhaupt Hr. D. sich seine Aufgabe nicht recht klar 
gestellt zu haben. Jedenfalls hätte er den sehr ungeeig- 
neten Beisatz „vollständig," den er in seiner Vorrede 
p. 5. ohnehin gewissermafsen schon widerruft , weglassen 
sollen. 

Anders verhält es sich mit Hrn. Roquefort, der 
vorerst auf dem Titel ausdrücklich bemerkt, sein Diction- 
naire sey kein vollständiges, sodann sich zur Aufgabe 
gesetzt hat (s. S. X.), den Franzosen ein ähnliches Werk 
in die Hände zu geben, wie die Italiener, Spanier, Eng- 
länder, Deutschen ( — er nennt blos das Wachtersche — ) 
bereits besäfsen; indem nach seiner Aeufserung die mei- 
sten in dieser Beziehung in Frankreich früher erschie- 
nenen Werke kaum mehr als einzelne Nachweisungen 
gäben , auch die Verfasser sich bien des absurdites 
hätten zu Schulden kommen lassen ( — leider hat sich, 
wie wir seheu werden, auch Hr. v.R. nichts weniger als 
frei davon erhalten — ). Welche neuere Werke jedoch 
Hr. v.R. benutzte, hat er uns nicht gesagt; auch geht 
aus dem seinigen hervor, dafs er z.B. weder das Boi- 
ste'sche zu Rathe zog,*) noch viel weuiger Werke, 
von Burnouf oder Klaproths Asia polyglott a nebst 
den dazu gehörigen Tabellen oder die Merian sehe Sya- 

— — — _ . 

*) Was ihm jedoch kaum möglich war, da es in demselben Jahre 
mit dem Beinigen erschien. 

i 

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und Deyhle, Frans. - Deutsches Wörterbuch. 681 

glosse *) studierte, da sonst «1er ganze Gang seiner Dar- 
legungen ein andrer hätte werden müssen. Auch sind 
wir verwundert, dafs Hr. v. R. des im J. 1826. erschie- 
nenen etymologischen Wörterbuches von Noel keiner 
Erwähnung thut; obwohl an diesem häufig eher zu sehen 
war, wie man nicht zu Werke gehen soll. Wie dürftig 
des Verfs. Kenntnifs von den in Deutschland erschienenen 
hierher gehörigen Werken ist,**) geht aus der oben 
schon beigebrachten Angabe hervor, und wenn Hr. v. R. 
nicht ohne eine gewisse Selbstgefälligkeit davon spricht, 
wie dies sein Buch eine consequence seye, des progres 
faits dam Vetude comparative des langues en general 
et des nouveües conquetes faites dans la science et 
la metaphysique des langues, so wünschten wir, er 
hätte nicht verschmäht, die Leistungen eines Adelung, 
Vater und (wenn ihn die zwei dicken und so abstofsend 
als möglich gedruckten Bände nicht erschreckt hätten) 
unseres Grammatikers Grimm genauer kennen zu lernen, 
um so etwas mit mehr Recht von sich prädiciren zu 
können. Oder hätte er doch nur wenigstens dasjenige, 
was seinem Zwecke am allernächsten lag, Weinharts 
Verwandtschaft der Sprachen, Landsh. 1821. benutzt. 
Allein die Forderung, von der Literatur und den Arbeiten 
der Deutschen Notiz zu nehmen, wurde bekanntlich früher 



*) Nämlich die von Klaproth in's Französische übersetzte (mit 
Bemerkungen über die Wurzeln der semitischen Sprachen , 
worin er zu zeigen sucht, dafs sie nur aus zwei Consonanten 
und einem vermittelnden und Endvokale bestehen). Paris, 
Schubart et Heideloff. Leipzig, Ponthieu, Michelsen et Comp. 
1828. 

") Nach der häufig fehlerhaften Weise , wie die in seinem Lexikon 
angeführten deutschen' Wörter gedruckt sind, scheint er über- 
haupt unsere deutsche Sprache nicht sehr zu kennen. Davon 
möchte, statt aller weitern Beispiele, folgendes einen hinrei- 
chenden Beweis liefern. Nachdem er unter dem Worte Bern- 
hard sowohl Bern die Stadt, als den Bernhardiner aufge- 
führt bat, fügt er noch die Anmerkung bei: on ne »auroit 
faire une insulte plus grande ä un aUcmand qu'en Vappelant 
Bernheiter (sie) gardeur d'ours. 



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683 Roquefort, Dictionnaire <$tvraologiq«e de la languo Francaisc. 

gar nicht an die Franzosen, und wird auch jetzt erst 
einigermaßen an sie gemacht, seitdem sie ihren Nach- 
barn einige Aufmerksamkeit zu schenken anfingen. *) 
foach diesem Stande der Sachen mufs also Ref. frei be- 
kennen, dafs, so achtbar Hrn. v. R.'s Unternehmen auch 
an und für sich ist, so viele Entschuldigung er in den 
zum Theile bedeutenden Schwierigkeiten einer solchen 
Arbeit zu linden berechtigt ist, so hoch wir auch seine 
Gelehrsamkeit in manchen Fächern der Literatur achtes 
(wir denken hier besonders an sein Dict. de la langue 
romane. 'S Thie. Parin 1808.), dieses Dictionnaire ety- 
molog. dennoch den Anforderungen der Wissenschaft, 
wie sie die jetzige Zeit macht, durchaus nicht ent- 
spricht, indem er selbst, obwohl gegen «las Verfahren 
der altern Schute eifernd, sich, wie oben schon bemerkt, 
allzusehr noch von ihr abhängig machte , ja ihre Chi- 
mären sogar mit einigen neuen vermehrte.**) Wir haben 
somit auch vorläufig unser Urtheil über Hrn. Dey hl es 
Buch ausgesprochen , das jedoch für den Gebrauch noch 
unzweckmäßiger dadurch wird, weil ihm alle etymo- 
logischen, und also vermittelnden, Erörterungen fehlen, 
wodurch Manches sehr sonderbar, ja ganz unnatürlich 
zusammengeschoben erscheint. Dieses unser Unheil über 
Beide wollen wir nun ausführlicher begründen, nach- 
dem wir eine kurze Bemerkung über die französische 
Sprache ***) vorausgeschickt haben. 

Die frühere Art nämlich, dae Feld der Etymologie 
auch in dem französischen Idiome zu bebauen, war, dafs 
man das Meiste als unmittelbar herstammend von der 



') Wie mangelhaft jedoch die Renntnife unserer Literatur seibat 
z. Ii. bei einem Cham pollion-Figeac war, geht ziemlich 
klar aus dem hervor, was er in dieser Beziehung in seiner 
Diu. *ur VEtym. p. XXXI. vorbringt. 

'*) Man sehe gef. weiter unten das bei AUeu Bemerkte. 

'*) Man sehe auch, was H. Meidinger in seinem , dem Ref. im 
Laufe seiner Arbeit zugekommenen, vergleichenden ety- 
mologischen Wörterbliche der go th i sc h- te u t o n i - 
«eben Mundarten, p. XXXI. über das Französische beibringt. 



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und Dey hie / Franz.- Deutsches Wörterbuch. fiSo 

griechischen, lateinischen, celtischen (und aquitanischen) 
Sprache ansah, die deutsche nicht zu vergessen. Diesen 
Grundsatz ohne eine gewisse Vorsicht und Einschränkung 
anwenden, würde heifsen, das ganze V er hältnifs wissen- 
schaftlich umstofsen. Wollen wir nämlich auch hier ah- 
strahiren von einer allgemeinen Verwandtschaft der 
Sprachen — eine Idee, die, so viel und so apodiktisch 
sie auch verworfen wurde, keineswegs aufzugeben ist — 
so erleidet doch die Annahme, dafs wenigstens die grie- 
chische, lateinische*) und deutsche Sprache einem ge- 
meinsamen Stamme **) entsprossen sey, keinen Zweifel 
mehr. Dafs nun die französische Sprache unter ganz 
besonderin Einflüsse einesteils der lateinischen, an- 
derntheils der germanischen, und, jedoch meist auf 
beschränktere Weise, der griechischen stand (aufser 
wo vielleicht mehrern Wörtern verwandter Sprachen ein 
griechisches Zeitwort zur Erklärung dienen mufs , weil 
die verwandten Dialekte es entweder nie hatten oder 
wenigstens jetzt nicht mehr haben), das zeigt uns, wie 
gesagt, die Geschichte. Ob die italienische***) später 
so bedeutend auf sie einwirkte, wie Manche annehmen 
wollen, könnten wir ohne Weiteres zugeben , •)•) ohne 
dafs in der Hauptsache sich etwas änderte. Ausserdem 



♦) Obwohl das Verhältnifs dieser Sprache zu diesen andern 
beiden ihr verwandten vielleicht schwieriger zu bestimmen seyn 
mag, wie neulich der Recensent von Jack eis Schrift: Ur- 
sprung der latein. Sprache (s. weiter unten) in der Jen. Lit. Zeit, 
von diesem Jahre No. 71. p. 86. bemerkt hat. 

"*) Neuerdings scheint man hänfig das Sanskrit, seiner überra- 
schenden Aehnlichkeit wegen , dafür nehmen zu wollen. Nach 
der Ansicht der Kenner, z. B. eines Klaproth, ruht anch 
dieses auf dem Altpersischen. 

* M ) Welche, eine Tarthic Fremdlinge abgerechnet, wohl nichts 
sevn dürfte, als die alle römische Bauernsprache. 

f) Auch die italien. Sprache scheint dem Ref. mehr zufällige Ein- 
wirkung auf die Richtung des fraazös. Geschmacks (cf. Boil. 
Art. podt. 1,43. 2, 105.) oder manche Sprachform überhaupt, 
als auf die eigentlichen Sprai hfundamente geäufsert zu haben. 



< 



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684 Roquefort , Dictionnaire 4ty mologique de la langue Francaisc. 



aber waren doch auch frühere Landessprachen da, aufser 
der belgischen (also einem Dialekte des deutschen) die 
aquitanische und celtische. Erstere jedoch dürfte wohl 
mit letzterer verwandt gewesen seyn (cf. Weinh. p. 3.), 
obwohl den Aquitanien! gewöhnlich iberische Abkunft 
zugeschrieben wird. Ist es nun wahrscheinlich, dafs 
die Kelten (welches wohl derselbe Name ist wie Gallier) 
zu demselben grofsen Volke gehörten mit den Germa- 
nen,*) so können wir nicht anders als annehmen, dafs 
neben der allerdings grofsen Menge lateinischer und 
deutscher**) Wörter, neben manchen, die mehr auf 
griechische und italienische Abkunft hindeuten, sich noch 
eine beträchtliche Anzahl anderer finden wird , die eben so 
gut für ursprünglich gallisch (oder aquitanisch) gelten 
können als die verwandten deutschen , griechischen , la- 
teinischen (und italienischen) für ursprünglich deutsch, 
griechisch, und lateinisch gelten (cf. Weinh. p. 90.). 
Werden wir immer im Stande seyn, hier Verwandt- 
schaft und Abstammung scharf zu unterscheiden 
und zu bestimmen? So oft wir dies vielleicht auch nach- 
bestimmten Regeln und Analogien können, immer wer* 
den wirs nicht. Aber der Unpartheiische mag ent- 
scheiden, welcher Weg philosophischer ist, ob der, 
apodiktisch diesen oder jenen Ausdruck einer Sprache 



*) Man vergl. gef. Jäkel germ. Urspr. der lat. Sprache 
p. 10. o. s.w. der Einleitung (der Scharfsinn und die Gelehr- 
samkeit des Verfs. verdient alle Anerkennung, wenn man auch 
dem von ihm aufgestellten Resultate nicht huldigen kann). 
Gelegentlich bemerkt Ref., dafs Hr. J. bereits einen Vorgänger 
hatte an dem prenfs. Appellationsgerichtsrathe P. F. J. Mul ler, 
der in seinem Buche, betitelt die Ursprache (die alte Ausg. 
ist mit einem neuen Titel und der Jahreszahl 1826. versehen) 
zu zeigen sucht, dafs die andern Sprachen aus der deutschen 
genommen sind. Sieht man von der Unnahbarkeit dieses Satze« 
und manchen einzelnen Sonderbarkeiten ab, so enthält* dasTBuch 
viel Interessantes. 

**) Man vergl. die vor dem Supplementbande zu Roquefort s 
Dict. rom. befindliche Abhandl. du genie de la langue fr. von 
Auguis. 



4 



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und Dcyhle, Franz.- Deutsches Wörterbuch. 685 

als Quelle dieses oder jenes andern in einer andern auf- 
zustellen (man s. gef. in unserer Ree. die Artikel balance, 
boucle, bougie, briser, brusque, ceremonie u. s. w ), 
oder dem Lernenden eine soviel als möglich freie Aus- 
sicht Ober das Gebiet der Sprache und Sprachen zu 
eröffnen, ihn dadurch gewissermaßen selbst mit in die 
Untersuchung hereinzuziehen und ihn in den Stand zu 
setzen, frei von Autoritätsglauben zu urtheiien? Wo 
unsrer Sache weniger oder gar nicht genügt wird, ist 
es nicht ihre, sondern ihrer Wortführer Schuld. Nach 
dieser kleinen Abschweifung gehen wir nun zur Sache 
selbst und untersuchen von vorn herein eine Reihe Artikel 
1) in Bezug auf die etymologische Behandlung,*) 2) in 
Bezug auf die Anordnung ganzer Wortfamilien. 

Abeille leitet Hr. v. R. ohne Weiteres von apicula ab, 
und es mag seyn. Aber hat das suddeutsche Beieli**) 
nicht viel mehr Verwandtschaft damit? Jedenfalls hätte 
auf avicula (süddeutsch Vögel i) und auf die Zeitwörter 
ao, driiii, wehe (südd. wein) verwiesen werden 
sollen. — Acheron kommt ihm, nicht etwa blos von 
dxoQ (Hr. v.R. schreibt acheos, und beiläufig gesagt, 
alle griechische Wörter mit latein. Buchstaben), wie 
Andern auch, sondern, wegen der Sylbe ron auch zu- 
gleich von pico. Er dachte also nicht daran, dafs doch 
alle 4 Flüsse, welche im Alterthume diesen Namen hatten, 
ihn unmöglich aus dem von ihm angeführten Grunde 
haben konnten. Acheron ist nichts weiter als Acherusia, 
Acronius, Acragas, d.h. unser deutsches Ach oder 
Bach, und alle bedeuten Wasser; wer noch mehr 
Formen derselben Wurzel sehen will, vergl. Fabers 



*) Wobei wir es — nach dem oben Bemerkten — blos mit dem 
Roquefort' sehen Werke zu thun haben. 

'*) Wenn Hr. Äugais in seiner Abh.: du genie de la l fr. p. 66. 
sagt, dies sey eines derjeniger franz. Wörter, welches am mei- 
sten Weichheit und Wohllaut habe, so dürfen die Schwaben 
stolz daranf seyn, dafs sie diesen Vorzog allerwenigstem theilen. 



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(»86 Roquefort i Dicttonnaire «Hjmologiquc de la lang-ae Francaise. 

* 

(d.h. Merians) Syngl. p. 57, (Weinharts) Sprachwur- 
zeln (Augsb. 1831.) p. 128 — 29. Tripart. I, 313. 

Bei Acre fuhrt uns Hr. v. R. ein sächsisches (?) 
Ach er auf, das wahrscheinlich unser gewöhnliches 
Acker ist. Mit acna hat acte nichts gemein. Cf. Adel, 
sub v. Acker. . 

Albdtre mufs es sich gefallen lassen, auch hier noch 
vom de <rTSQt]Tixov und Xaßelv herzukommen, parceque 
les vases d albdtre etoient si polis , si unfa (!) quils 
glissoient entre les mams ! Wie kann ein gescheuter 
Mann solche nugas zu Markte tragen! Aber freilich 
das Ktymol. magnum (sub v. 'Ahaßdorrgov) sagt es ja 
und citirt sogar den Erfinder dieser Erklärung, Metho- 
dius, und eine Menge gelehrter Leute sagen es ihm 
nach. Jedoch hatten mehrere daran noch nicht einmal 
genug, und ersannen andre nicht minder gelehrte, aber 
eben deswegen nicht minder unhaltbare Etymologien, 
wie bei Vofs: Etymol. und zum Theil auch bei Bec- 
mann Manud. sub h.v. zu ersehen ist, obwohl Letz* 
terer auf dem richtigen Wege war, als er bemerkte, 
alabaster sey ein durch seine Weilse ausgezeichneter 
Stein. Wahrscheinlich ist Plin. H. N. 13, 2. oder sect 3. 
die sehr unschuldige Veranlassung zu diesem etymologi- 
schen Mifsgriffe geworden. Alabaster ist nichts mehr 
und nichts weniger als ein weifser Stein. Glückli- 
cherweise haben wir zur Erhärtung unserer Erklärung 
nicht etwa blos den gesunden Menschenverstand für uns 
— der bekanntlich nicht immer seine volle Anerkennung 
findet, — sondern ebenfalls eine, und zwar entschei- 
dende, Stelle bei demselben Plinius, 1. 33. c. 6. oder 
sect. 33, wo er sagt: — invenitur spumae lapis cun- 
didae nitentisque : stimmi appellant , alii stibium alii 
alabastrum. Nun ist Spiefsglas und unser Ala- 
baster doch wohl nicht eins, beide haben also ihren 
gemeinschaftlichen Namen von einer ihnen gemeinschaft- 
lichen Eigenschaft, hier von der Farbe. Die Römer haben 
noch ihr albus, die Sassen olf, die Franzosen haben noch 
aube (albe) f wenn auch in specieller Anwendung, nicht 



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und Deyhle, Franc. - Deutschet Wörterbuch. 687 

zu rechnen andre dahin gehörende Ausdrücke; die grie- 
chische Sprache giebt uns noch das einfache dXtpoc;, 
freilich in sehr besondrer Bedeutung, allein ursprüng- 
lich konnte dies Wort nichts Anderes bedeuten, 
als „Weifse," wie eben alfmgo im Latein., äXtpoq = 
Xevxri im Griechischen auch. Wird nun irgend ein Be- 
sonnener lieber des Methodius (der seinem Namen 
wenig Ehre macht) im Etymol. gegebene Erklärung 
adoptiren wollen: napä t6 äXlorparriQ nq elvai? Die 
Endung aster ferner zeigt bekanntlich Aehnlichkeit, 
wie z.B. sur düster (taub - ähnlich , oleaster, bleudtre 
(weifsartig), rougedtre, metrdtre = einer Mutter ähn- 
lich (ohne es zü seyn), dem Sinne nach ganz entspre- 
chend der Form litricus (= Patricus), welches uns 
einige homines doctissimi , die jedoch von Vossius ge- 
bührend abgefertigt werden , wirklich von vi und tri- 
cari herleken, ähnlich den französischen Etymologen, 
Hrn. v. R. nicht ausgenommen, die die maratre, 
Sprache und Erfahrung höhnend, zu einer „mater 
atra ' machen, Hr. Auguis in seinem Discours p. 56. 
sogar, indem er es einen terme expressif nennt. 

Das einfache aller will R. dem latein. compositum 
ambulare verdanken. Die Sprachvergleichung hätte 
ihm die verwandten verba sal-ire, aX-äouai, aX- 
eofxat , dX - voxo , äXX - opai , unser wallen und 
fallen zuführen müssen, in denen allen ursprünglich 
blos der Begriff der Bewegung lag. 

Bei Allen versucht Hr. v. R. selbst eine Erklärung 
aus dem griechischen IXttätooq. Wer wird's ihm 
glauben? Und heifst so was etymologisiren ? Die dem 
Autor von Hrn. Mi 11 in und Ciavier gegebene Expli- 
cation, als bestehe es aus dem so oft mifsbrauchten et pri- 
vativen und lodum (?) = lods y oder aus a und leudes, 
ist erstens viel früher schon vorhanden gewesen, und 
unter Andern bei Becm. sub v. allodium zu finden, 
wo, wer Liebhaber solcher Curiositäten ist, noch einige 
weitere finden kann; zweitens ist sie falsch, da weder 



■ 



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688 Roquefort, Dictionn. dtjmologiquc de la langue Fran9aise See. 

die französ. noch selbst die latein. Sprache solche voces 
hybrida8 bildete; überhaupt ist sie gar nicht aus dem 
Griechischen zu holen, obwohl Becm. behauptet: qui 
elegantiorem literaturam cum Jurisprudentia conjun- 
gat , non negaturum , esse graecae sttrpis, quasi dXXo 
tdiov. Auf die Gefahr, der melegantia beschuldigt zu 
werden, schlägt Ref. einen andern Weg vor, nämlich 
das Wort als zusammengesetzt anzusehen aus „a 11" 
= ganz und dem alten „Od" = Eigenthum, das 
sich noch in Klein-od findet, wobei blos das einiges 
Bedenken erregen könnte, dafs das Wort allen gewöhn- 
lich mit frone verbunden ist, allein wir sagen im Deut- 
schen auch „freies Eigengut oder Eigenthum da 3a 
bekanntlich auf manchem Eigenthume Lasten haften. 

Jimputer leitet R. von puiare richtig her; dies aber 
unrichtig von nevSopat , die einfachere Form von einer 
bereits umgebildeten und verlängerten , die ohnehin gar 
nicht hierher, sondern zu Formen wie itvSfiijv, ßv$6c, 
ßiv$OQ 9 fundus, fut-aille u. s. w. gehört. Das deutsche 
putzen wurde ganz vergessen. 

Das unschuldige untre gewährt nach Hrn. v. R. dem 
Blicke und der Seele quelque chose d'affreux!*} 
Angeführt wird antrum als von dem griech. ävrpov 
kommend. Und dieses? — Wenigstens die griechische 
und lateinische Form werden auf gleicher Linie stehen 
und sich auf ein Zeitwort wie ptya/ gähne, zurück- 
führen lassen. Denn dafs die Gutturale häufig wegfiel , 
ist bekannt. In ordre wird also eben so wenig etwas 
Grauenerregendes liegen, als in Kluft von klaffen, in 
Grube oder scrohs von graben. 

(Der Betchlufs folgt.) 



•) Man vergl. veiter unten cercueil. 



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I 



X°. 44. IIEIDELB JAHRB. n. LITERATUR. 1833. 



Roquefort, Dlctiormaire e'tymologique de la langue 
Francaise und Deyhlc, Französisch - Deutsches 

Wörterbuch. 

(Bcschlufs.) 

Arbre wird ganz schulgerecht als Baum. im eng- 
sten Sinne defioirt, *) wiewohl es ursprünglich gewifs 
vorerst überhaupt etwas Gewachsenes, d.h. Hohes oder 
Gerades anzeigte, wie etwa altus , celsus. Es lautet im 
Altpersischen orwer und ist mit gramen, Gras, cresco, 
englisch to grow verwandt. So verhält es sich z. B. mit 
den Ausdrücken Sovg, Soqv, derb, der (=Baum, z.B. 
in Holder), slaw. Derewo, die sich auf ein Zeitwort 
wie todtpa, rinnen (ursprünglich dick machen) zu- 
rückfuhren Jassen müssen. 

Warum bei are*te eine ganz specielle, **) also eine 
abgeleitete Bedeutung: os des poissons? und es doch 
herleiten von arista, und dann erst ein zweites areife 
aufstellen in der Bedeutung von barbe de tepi du ble'? 
Heifst dies vielleicht die Sprache metaphysisch behan- 
deln? Hier konnte Hrn. v. R. sein eigenes cremte oder 
unser deutsches Grath (Gräthen z.B. eines Hauses, 
einer Mauer) oder auch das englische aright, Angels. 
areht, zurechtlegen. 

Arroi soll von radhis kommen. Warum verschmähte 
er das italienischte arrddo , das deutsche Gerät he? 
Auf jeden Fall konnte er, bei seiner Vorliebe für griech. 
und latein., xQW a un( * res beiziehen. — Ferner leitet 



*) Nur Boiste in seinem Dictionn. geht noch genauer zu Werke, 
indem er sogar die Ausdehnung bestimmt, au-dessus de 6 — 80 
pieds ! — 

'*) Wir werden weiter unten am gehörigen Orte mehrere auffal- 
lende Beispiele dieser Art beibringen. 
XXVI. Jahrg. T. Heft. 44 



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<>90 Roquefort, Dictionnaire eHymologique de In langue Francaige 

er balance von bilanx her, allerdings sehr wahrschein- 
lich für den, der blos nach Gleichlauten etymologisirt, 
Wie, glaubt Hr. V.R., dafs Wörter mit so breiter Be- 
deutung, als balancer hat, von einem so speciellen, aus 
irgend einer Ecke hervorgeholten latein. Worte entstanden 
seyn? Was würden die Deutschen dazu sagen, wenn 
ihnen irgend ein Grammatiker die Wörter wagen, 
wegen (d. h. be-wegen) von dem metallenen oder höl- 
zernen Instrumente (das davon den Namen hat, weil 
es wagt, d. h. sich bewegt) herleitete? Wollten 
wir bizarr seyn, so sagten wir grade umgekehrt, bilanjc 
sey ebenfalls von balancer, und nur aus Mifsverständnifs 
durch bis und lanx erklärt worden. Es wäre wenig- 
stens immer noch wahrscheinlicher. Und dafs die röm. 
Sprache Wörter hat, die nur durch das französische 
erklärt werden können, wer will es läugnen, wenn er 
sors und sort vergleicht und das Zeitwort dazu sucht? — 
Balance ist von balancer gebildet, wie avance von 
avancer, und hat selbst wieder ein zwar veraltetes Pri- 
mitiv baier, dessen Existenz aber noch aus „balant" 
erhellt und in baller nur etwas verändert ist. Dies ein- 
fache baier ist = dem griech. ßdXXeiv und unserm 
wallen, und beide sind eins mit aller (cf.), so sicher 
wie Bach nichts anders ist als Ach. Zu diesem Pri- 
mitiv gehört auch halayer (ungefähr wie zu kehre 
xoq4od); ferner das provinzielle balocher = langsam 
dahinschlendern (dafs es in der Kutsche geschieht, wie 
die franz. Lexika angeben, ist nicht wesentlich). Auch 
Galoches mufs hierher gehören, obwohl die Fran- 
zosen es viel gelehrter durch Gallicae erklären. Ferner 
baldaquin, so wie das italien. baldachino, zu wel- 
chem Hr. v. R. die Etymologie aus Bagdad *) holt! Er 
geht gern weit (cf. Bougie). Beide Formen sind ur- 
sprunglich deutsch und == W a 1 1 - (d. h. wallendes) Dach. 



# ) Ott Von fabriquoit des draps de diverse» couleurs, appeles , 
selon Menage, babylonica. Demnach wäre ein mit einem ein- 
farbigen Tuche gebildeter Baldachin kein Baldachin. 



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und Deyhle, Frans. -Deutsches Wörterbuch. 



691 



Daqum ist eine andern Form für dais.*) Zn derselben 
Familie gehören endlich auch Baieine und Phalene, 
welche letztere Hr. R. und D. unter baieine stellen , ob- 
wohl nach der von R. dabei gegebenen etymologischen 
Erklärung, als käme es von fda.**) Baieine — ba- 
laena — und phaUne bezeichnen ursprünglich nichts 
als: etwas Wallendes, d.h. sich Bewegendes. So ist 
ja auch (pdXri eine andere Form für cßdXaiva , und vor- 
trefflich kommt unsrer Behauptung das zu Statten, dafs 
die Phalene auch 7} nsTOfidvri -tyvyji heilst 

Bei Bateau führt Hr. v. R. zur Erklärung und 'Her- 
leitung das griechische xißcorog an. Dieses aber gehört 
zum Stamme cav, coff (cavus, coffre u. s. w.), bateau 
dagegen zu boute, botte , le boot , englisch boat, Boot 
(welches Hr. v. R. auch richtig angeführt hat). 

Ueber Verwandtschaft und Abstammung von Bois 
scheint R. zweifelhaft. Mit ßaaxeiv jedoch hat es nichts 
zu thun. Es ist dasselbe mit dem französ. bouquet , 
buisson, bocage, dem holländ. bosq, uuserm Busch, 
welches Einige von dem spätem Arbuscus herleiten wollen. 
Viel richtiger ziehen wir Alles zu Zeitwörtern , wie 
itoiia (itoioD , tpvcy (xlkri), facio, faire, fasen. 

Bei boucle giebt R. zur Erklärung bucula. Allein 
dadurch wird eigentlich, wie bei allen ähnlichen Fällen, 
nichts erklärt. Boucle ist unser Wickel, verwandt mit 
Bug, und also auf biegen zurückzuführen. 

Um bougie zu erklären, wandert Hr. v. R. bis nach 
der afrikanischen Stadt Bugia, allwo die Franzosen Wachs 
und Wachslichter geholt hätten ! Er hätte es näher 
haben können, wenn er poix vergleichen oder unser 
Wachs, weich nicht verschmäht, oder vielleicht ge- 
kannt hätte. 

Bouillir, sagt Hr. v. R., sey ein onomatopee; manch- 
mal nennt er dies auch un mot factice. ***) Mit diesen 

*) Welches bei Hrn. v. R. von Dos herkommt! 

") Die Phalene leuchtet ja nicht von selbst. Hr. v. R. macht öfters 
solche Gedankensprünge, so z. B. bei der Erklärung von Rou6. 

***) Ohnehin ein sehr ungeschickter Ausdruck. 



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Roquefort , Dictionnaire e'ty mologique de la langue Francaige 

sogenannten Onomatope'es oder Naturlauten wurde von 
jeher ein grofses Unwesen getrieben, uud wird es na- 
mentlich von unserm Verf. Ref. glaubt und der Beweis 
dafür ist nicht weit herzuholen, dafs die Classe derselben 
sehr gering ist. Warum soll bouilür darunter gehören ? 
Und wird dann unser sieden nicht auch, und scheinbar 
mit mehr Recht, darunter gehören? Boullir wird ver- 
wandt sevn mit unserm wallen, sowie £eetv ursprüng- 
lich gewifs nichts bedeutet hat als sich bewegen, was 
aus dem damit nahe verwandten £yv hervorgeht. *) 

Ks sey uns erlaubt , hier noch einige der auffal- 
lendsten Roquefort'schen Onomutopees aufzuführen: 
Aboyement, wovon sodann aboyer ! Baiser, onoma- 
topee du son des levres; was fangen wir dann mit un- 
serm Kufs an, der scheinbar so ganz auders lautet und 
doch dasselbe Wort ist (die Oestreicher sagen Busserl, 
die Perser und Türken hos). Catacombes, sagt er, 
sey ein Naturlaut, dessen ausdrucksvolle (pUtoresques !) 
Töne (pittoresk freilich für den, der kein Griechisch 
versteht) den Schall des Sarges ausdrücken, wenn er von 
Stufe zu Stufe auf den scharfen Kanten derselben hinab- 

| 

rollt und plötzlich, mitten zwischen den Gräbern, 
Halt macht. Was würde uns ein solcher Erklärer nicht 
Alles aus dem so anspruchlosen, obwohl noch schauriger 
lautenden xaraxo^evofÄaL herausbringen? Nicht viel 
weniger schauerlich schildert er uns das Onomatopee 
cataracte, obwohl er am Ende die richtige Erklärung 
giebt. So soll Claque ein Onom. seyn. Dann ist Schlag- 
auch eines; und was fangen wir sodann mit schlagen 
und legen an? Sind vielleicht colaphus, Klapps und 
alapa auch Naturlaute? — Und kommt xoAarcTw von 



*) Alle Wörter nämlich, die Leben bezeichnen, bezeichneten vorerst 
nichts als Bewegung; in den monaeeischen Glossen (s. Adel.) 
ist lepen = thun, handeln; so ist vivo webe, d. h. be- 
wege mich; und wird zwischen ttfxi und slpi die Sprachphi- 
losophie einen andern Unterschied statuiren als einen will- 
kührlichen, vermittelst der Accente — wie so häufig — be- 
merklich gemachten? 



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« 

und Dcyhlc, Franz. - Deutsches Wörterbuch. 

4 

coluphus u.s.w. oder umgekehrt? Aber leider stellt. 
Hr. v. R. (und ihm nachschreibend Hr. D.) die Sache 
sehr häutig grade auf den Kopf, jedoch nicht blos hier, 
wie wir später sehen werden. So heifst ferner Croas- 
sement , obwohl es unter corbeau steht, ein onoma- 
topee. Diese beiden Wörter aber gehören zu einer 
grofsen Familie, der wir das griech. yrjp~va (xyiq-vg>) 
oder yap-va zu Grunde legen dürfen; dazu sodann 
unsre krei- sehen, schrei -en, das französ. cri-er, das 
latein. grurmio ; hierauf die davon gebildeten Substantive 
xdp-af (cor-beau) und xrip-vl (gleichviel ob mit 
Schnabel oder Mund; gebildeter nennt den X7?pu| der 
Römer praec-onem , einen S-prech-er). Endlich 
rechnen wir hierher noch grenouitte (st. garanule) , 
rana st. garana, und yovpovvi, welches letztere, so- 
viel ich weifs, im, Neugriech. Grunzer, d.h. Schwein 
bedeutet Hält Hr. v.R. auch cano (verwandt mit ^cuVo, 
gähne) für ein onomatopee, weil man sagen kann rana 
canit? — Auch cosser ist ihm ein tnot factice, wäh- 
rend esseine Abstammung von quatio (catio, cutio) an 
der Stirn trägt und mit dem italien. eozzare und eozzo 
(cousse , secousse) verwandt ist. — Crachat ferner 
heifst ein onom. und steht vor cracher (so wird speien 
von Speichel kommen?) Gerade so heifst croulement 
ein onomatope'e, und steht vor crouler; und an rouler 
wird gar nicht gedacht — welches, beiläufig gesagt, , 
höchst falsch unter roue steht. — Doch genug davon. 

Berceau, sowohl Laube als Wiege, kommt dem 
Hrn. v. R. von brebis, parceque les premieres ber- 
geries etaient construites avec des branches d'arbres ! 
JBerceau, die Laube, kommt entweder von bergen 
oder wohl richtiger von virgula (italien. pergola), vir* 
gultum. Berceau, die Wiege, kommt von bercer, d.h. 
ver8er = versare , gleichsam versellum. 

Briser soll von ßgföa kommen. Es wird zu bre- 
chen gehören , so wie fraiser in der Bedeutung 6ter 
ia peau (dune feve). Süddeutsch sagt man bret- 




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694 Roquefort, Dictionnaire etyniologique de la langue Fran^aise 

sehen; niederdeutsch ist Brist (Brest) = Mangel, und 
bryta = briser. 

Brusquc kommt nicht vom italien. brusco, sondern 
ist mit diesem auf bruit zu beziehen? Wie kann Hr. v.R. 
an la-bru8ca denken! Diese Buchstabenjägerei hat 
eben die Etymologie so sehr und so lange in Mifscredit 
gebracht. 

Bei cacher hören wir Du Cange's Ableitung, 
quasi m saeco sese (?) abscondere. Saccus gehört 
höchstens neben, wohl besser unter cacher, was na- 
türlich nicht so zu verstehen ist, als käme Saccus un- 
mittelbar von cacher. Mit diesem verwandt und es er- 
klärend sind xevSco, schützen, hegen, Kasse, Kiste, 
caisse, Schutz, Hut, cosse , gousse , housse, Hoseu.s. w. 

Chee wird nach R. aus capsa. Warum nicht aus 
casa. — Calfater könnte mit Umgehung aller neu- 
griechischen und arabischen Wörter unser kielfüttern 
seyn. — Cwcueil soll von accpl kommen ! Es ent- 
spricht genau unserm Zargel, Sarg (gleichsam Sär- 
gel). Sarg bedeutete ursprünglich überhaupt eine Ver- 
tiefung, einen Trog, z. B. zu Wasser u. s. w. 

Ceremonie soll von ^atpo kommen ! Der erste Theil 
des Wortes möchte verwandt seyn mit gero, dem nie- 
dersächsischen göra, dem engl, to char ; die andre 
Hälfte mit munus. — Was hat aber cerfeuil mit ^a/pca 
gemein? Es ist unser Kerbel, von kerben (schneiden), 
verwandt mit carpo, xdgcpG), xeiga , wegen der einge- 
schnittenen Blätter. Dahin gehört auch charpie und chenr- 
pente. — Chame von catena, und dies? von xa$* eva ! 
oder von xdSefxa. Sehr wahrscheinlich ist es auf gadden, 
gatten {= verbinden) zurückzuführen. — Chiche soll 
kommen von ciccum — membrane d'un gram de gre- 
nade! Es ist verwandt mit siech, siccus. — Com- 
biner gehört viel eher zu binden (prov. binnen) als zu 
compono; conge (italien. congedo) zu concessio , aber 
nicht zu commeatus. 

Corve'e finden wir unter corps, weil sie, nach Cujac, 



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und Deyhle, Franz. -Deutsches Wörterbuch. 695 

corporis molestia (corpee) seye. Aber wie soll man 
nachher den Ausdruck corvees de corps erklären, der 
sich doch findet? Näher scheint der Sache die Erklä- 
rung durch corrogare zu kommen, schon deswegen, 
weil corvee im Romanischen auch train, mite , queue 
bedeutet. Wir wollen vorerst die mittel lat. Formen cor- 
veia y corrueia, corrua, corvata anfuhren, sodann 
darauf achten, wie nahe diese letzte Form unsrer pro- 
vinziellen Aerwet für Arbeit steht. Ich bin überzeugt, 
wir sehen in corvee nur eine andre Form von dem alem. 
und fränk. Arabeit , schwed. Arfwode , angels. ear- 
foeth. Dazu pafst 1) die Bedeutung ager, cf. I)u- 
Cange t 1. p. 610. ed. Basil. ; denn in ganz ähnlichem 
Sinne sagt man auch Tagewerk, neulatein. diurnum, 
franz. Journal , auch Tage wand, Tagewann (cor- 
rumpirt in Gewann , überhaupt = ein Stück Feld in 
einer bestimmten Gegend); 2) die in der roman. Sprache 
davon noch übliche Bedeutung suite, train, indem 
dies dann Hos das pflichtgemäfse Geleite bedeutet; 
3) dafs corvee figürlich für etwas Lästiges gebraucht 
wird, gerade wie unser Arbeit, besonders früher, z.B. 
Theuerdank (s. Adelung): wie er den Helden bringen 
kunt in Schaden, Angst, Not und Arbeyt. 

Diese Proben von der Art, wie Hr. v.R. etymologisirt, 
mögen genügen. Wir gehen zum zweiten Punkte, 
der Kritik über die Anordnung einzelner 
Wortfamilien. Hier zeigt sich in der franz. Sprache 
allerdings eine nicht unbedeutende Schwierigkeit, indem 
manchmal bei einem Worte zwar derselbe Stamm , aber 
bald in lateinischen, bald in griechischen, bald in ur- 
sprünglichen französischen Formen zum Vorschein kommt; 
man vergleiche nur z. B. Wörter wie coeur, oreille , 
brefy cuire, Her. Ja selbst schon einfachere führen 
eine gewisse Buntheit herbei , wie etwa nur cheval, 
neben dem auch das (wiewohl nur landschaftlich, näm- 
lich niederbretagne'sche) Wort caval , das latein. ca- 
ballus vorkommt. In solchen Fällen hätte Ref. die lat. 
Form (wenn auch provinzielle oder veraltete) Form 



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696 Roquefort, Dictionnaire cStymologique de In langue Franchise 

vorausgestellt,*) und dann, nach Aufführung der davon 
herkommenden Wörter, gesagt: von caval ist gebildet 
ckeval, und unter dieses sodann die unmittelbar davon 
herstammenden gestellt. Schwieriger wird die Anord- 
nung da, wo das lateinische oder griechische Primitiv 
fehlt, wie z.B. bei coeur, wo kein cor, wohl aber 
ein cordial, dagegen das griech. cardia sich findet. 
Hier wäre es wohl für die Deutlichkeit und Brauchbarkeit 
des Buches am gerathensten, die verschiedenen Familien 
genau auseinander zu halten, die aus dem Griechischen 
oder Lateinischen beizuziehenden Primitive in Klammern 
beizusetzen und zu erklären, und diesem das mit ihnen 
zunächst Verwandte unterzuordnen, sodann durch Ver- 
weisungen den wechselseitigen Zusammenhang und die 
verschiedenen Verwandtschaften klar zu machen. Sehen 
wir nun an einem Worte, wie R. und D. hier verfahren. 
Sie stellen z. B. das mit dem Deutschen zunächst ver- 
wandte Deminutiv oreille (Oehrle) als Stammwort 
voraus und ordnen ihm unter 1) was unmittelbar davon, 
2) was von auris , 3) was von ovg, 4) was von audio 
herkommt, wobei ecouter, das doch von ausculto ab- 
zuleiten ist, von Beiden erst noch unter acoustique ge- 
stellt wurde. Dieses Verfahren giebt den einzelnen Ar- 
tikeln ein mehr oder weniger krauses und buntes Ansehen, 
und macht namentlich das Deyhle'sche, aller etwa mo- 
tivirenden Fingerzeige entbehrende Buch schon deswegen 
ziemlich unbrauchbar. Hätten jedoch die Verff. sonst 
nur nach festen Grundsätzen verfahren, so wäre, wie 
gesagt, in der nicht unbedeutenden Schwierigkeit dieses 
Punktes gewissermafsen eine Rechtfertigung oder Ent- 
schuldigung zu finden. Allein auch die übrige Organi- 
sation beider Werke zeigt sich gleich unvollkommen und 
fehlerhaft, indem 1) häufig Stammwörter aufgestellt wur- 
den , die keine sind ; 2) das zusammen Gehörende (wovon 
oben schon Beispiele) häufig falsch geordnet und darge- 
stellt ist; 3) was zusammengeordnet ist, häufig gar nicht 
zusammengehört Dies ist nun zu beweisen. 

♦) Ungefähr wie Hr. v. R, bei ärder hat, 



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und Deyhle , Franz. - Deutsches Wörterbuch. «97 

1) Häufig werden als Stammwörter solche aufgestellt, 
die keine sind. Wir meinen natürlich nicht solche, die 
aus andern Sprachen als composita herübergekommen, 
in der französischen kein Primitivum haben, wie z.B. 
Abdiquer, AboUr , Abommable , weil dies vielleicht zu 
viele Schwierigkeiten darböte. Aber was soll Abattre 
als Stammwort? (Hr. D. hat dies, so wie noch einige, 
am rechten Orte). — Was Abces , das so gut unter ceder 
gehört als proces , was Aberration, Abander, Accent 
(welches eben so gut zu chanter gehört als caresse zu 
cherir). So ist ferner Accomter zu com, ital. canto , 
deutsch Kante , zu stellen, denn davon kommt es, nicht 
aber von accomitare , worauf schon die Construction 
9 accomter de quelquun aufmerksam machen konnte. 
Accuser wollen wir gelten lasseu, wiewohl auf juser , 
das engl, chatter, und auf die lateinischen Stämme 
8uas- und caus- (causari) , so wie besonders auf 
causer und kosen (verwandt mit dem griech. xöt- 
iX'keiv) Rücksicht zu nehmen war. Adorer sollte nicht 
getrennt seyn von oracle, oraison u. s. w. Angoisse 
findet sich als Stammwort neben anxiete ; dafs, bei 
bei gründlicher Behandlung, angle eigentlich dazu ge- 
hörte, wollen wir nicht geltend machen; armillet findet 
sich neben arme, als Stamm; Avtel gehört zu Haut 
(ohnehin ist es die spätere Form). Auteur ist .getrennt 
Ton Autorite (wahrscheinlich weil letzteres nicht heifst 
Autorschaft?), Avoir von Avidite, branche u. s. w. 
von bras, cependant und coup paradiren jedes als 
Stammwörter, so auch crottre, das als inchoat. unter 
creer zu stellen ist. 

2) Das Zusammengehörende ist häufig 
falsch geordnet und dargestellt Wir wählen, wie 
auch bisher, die Belege zu dieser Behauptung, wiesieuus 
zufallig unter die Augen kommen, und verweisen zugleich 
auf das oben gelegentlich der Onomaiopees Beigebrachte. 
Absorber ist als Stammwort hin- und Alles darunter- 
gestellt, was von dem einfachen sorber oder wie die 
Franzosen sagen: sorbir, sammt absorber, herkommt; 



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I 



\ 

I 

698 Roquefort, Dictionnaire t?tymologiouc de la languc Francaise 

sorbir selbst aber ist gar nicht angegeben, und sorhet 
steht für sich. Aehnliche Inconsequenz bei /Illusion , 
unter dem iüusion und ekider steht; bei Assister, wo 
zudem noch „sister" bei den Franzosen im Gebrauche 
ist , aber freilich als terme de palais ! Besonders häufig 
aber begegnen wir diesem Unwesen auch bei compositis 
aus der griechischen Sprache; so findet sich unter An- 
drogene gestellt: Andröide , Andromanie, Androma- 
que, Andromede , androtomie (Hr. Deyhle hat diese 
Wörter zufällig nicht aufgenommen, also diesen Fehler 
zufällig vermieden). Gleiche Verkehrtheit bei An- 
thropologie (hier folgt Hr. D. leider seinem Originale). 
Unter Apostasie , Abfall vom Glauben, findet sich 
bei Beiden Apostdme, das Geschwür! *) 

*) Eben so vernünftig und der Metaphysik der Sprache gcmäfs, 
setzen Beide anter Archi =r Erz . . ., das Wort Anarchie, 
unter Bi b le = d i e h e i 1 i g e S c h r i f t , bibliogr aphe , biblio- 
mane, Bücherkenncr u. s. w. (Hr. v. R. noch vernunftiger» 
weil er wenigstens ßi'ßhov und dessen erste Bedeutung anfuhrt). 
So steht unter Traditeur (Bi b el v erräth er) , Tradition, 
Uebergabe eines Guts; unter Cosmique, mit der Sonne 
aufgehend (bei R. jedoch wieder motivirt durch das Grie- 
chische), Wörter wie cosmoerate, cosmogonie , cusmopo- 
Ute u. s. w.; unter Ciseau, Meiscl, steht decider, entschei- 
den; unter Duc, Herzog, unter andern abdueteur, Ab- 
ziehmuskel, eduquer, erziehen u. s. w. Unter Druide, 
der Druide, gruerie, Forstamt; dryopte"ride, Farn- 
kraut; unter cupide, geldgierig, der Gott Cup idon ; Coate 
wird erklärt durch Schote, und darunter steht gousse Hosen- 
sack (aber das Zauberwort fehlt, das den Besen in die Ecke 
bannt und aus ihr hervorruft; so steht bei Trabe zuerst der 
Begriff: Feuersäule, und dann kommt travee, das Fach, 
entrave», Fesseln u. s.w.; so ist Traire übersetzt durch 
Melken, und darunter gestellt unter andern: trayon, Strich, 
trait , Pfeil, traitö, Abhandlung, attrait, Reiz, 
contrie , Gegend (etwa weil in manchen Gegenden Kühe 
weiden, und diese gemolken werden?) — Unter Ltguer , ver- 
machen, steht alteguer, anführen u. s. w. ; unter Mercure, 
Mercier der Krämer; unter Orbe, Bahn eines Kometen, 
exorbitant; unter Vagin die Mutterscheide, gaine die Mes- 
ser scheide. Lexika solcher Art heifsen etymologische per anti- 
phrasin. 



I 



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und Dcyhle, Franz. -Deutschet* Wörterbuch. 699 

Micht minder beklagenswerth ist die Anordnung oder 
vielmehr Unordnung in manchen andern Wortfamilien, 
wo die gewöhnlichste Kenntnifs von der Wortbildung 
vor unzähligen Mifsgriffen hätte schützen können. Davon 
nur wenige Belege: Jilleurs (von aliorsum) ist als 
Stammwort aufgestellt von aliener ; Aitelage als Stamm- 
wort von atteler; so steht bercer unter berceau (s. oben); 
Culmmer unter Culmmation, concupiscent unter Concu- 
piscence, chier (x,e£c>) unter caca. Unter caisse findet 
sich capse, case, casaque, caserne, chez (s. oben 
cacher). s CeUre steht unter celerite , casens und 
mcendie unter cendre , cirque unter cercle (dem 
Demin. von cirque); chaud (romanisch auch cal, cald, 
caud) unter chaleur;*) cabrer unter chhrre , — so 
wird gaison (prov.) von Gais, bocken von Bock , ätaao 
von du| 9 hupfen von tnitog kommen. 

Aufser diesem, durch das ganze Buch sich fortzie- 
henden, Gebrechen fallt bei der Prüfung einzelner Wort- 
familien nicht weniger auf, dafs auch das allernächst 
Verwandte durchaus nicht zusammen- , und dem es be- 
dingenden Worte untergeordnet, sondern mit gleicher 
Planlosigkeit und Sorglosigkeit beliebig irgendwo unter 
dem als Stammwort aufgestellten eingeschoben ist, also 
dem Ueberblicke die nöthigenSub- und Subsubdi Visionen 
nicht gegeben sind. So finden sich z. B. unter Dome in 
gleicher Linie nach einander aufgeführt domestique, 
domesticite und domestiquement ; domaine und do- 
manial; domicile, domiciliarre , domicilier und dornt- 
eilte (!); domißer und domification. Dieser Fehler, 
so grofs er ist, wäre noch erträglicher, wenn die zu- 
nächst zusammengehörenden wenigstens immer unmit- 
telbar unter einander ständen ; aber auch hierin sogar 
herrscht blinde Willkühr. Decacheter z. B. und recar 
cheter sind von cacheter durch drei Wörter anderer 



*) Gelegentlich sey bemerkt, wie scharf das Dict. de VJcademie 
von 1817. diese beiden Ausdrücke definirt : bei chaud sagt es: 
qui a de la chaleur bei chaleur: Qualite de ce gui est chaud. 



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700 Roquefort, Diclionnairc etvmologique de la langue Fran^aisc 

Bedeutung-, nämlich cuchette , cachot und cachotterie 
getrennt , und zwischen capsuluire und unicapsulaire 
stehen nicht weniger als neun und dreißig , zwischen - 
loculaire und triloculaire bei Hrn. D. acht und vierzig. 

Doch gehen wir zu unserm letzten Punkte, dafs 
nämlich das unter eine Familie Zusammen- 
gestellte häufig gar nicht zu saun menge hört. 
Allerdings ist es sehr schwierig, manchmal, ohne das 
ausgebreitetste Sprachstudium , kaum möglich , hier 
überall den rechten Weg zu finden oder festzuhalten. 
Auch reden wir hier nicht von solchen Fällen, wo der 
Beurtheilende vielleicht blos eine andre Ansicht hätte 
als der Beurtheilte (also als Hr. v. R., denn Hr. D. hat 
nur sehr selten eine eigene); sondern von solchen, wo 
der Fehlgriff durchaus am Tage liegt und notorisch nach- 
gewiesen werden kann. 

So findet sich z.B. unter Abeille das Wort Abigeat, 
lat. Abigeatus ; unter Acre (lat. acer) das griech. Acrisie 
(Hr. D. hat diese 2 Fehler vermieden); unter Babü 
(Geschwätz) das Wort Bave (Geifer), wahrscheinlich 
weil, wer plaudert, manchmal geifert! Babiller und 
Babil ist unser päppeln, Gepappel; Bave aber ge- 
hört zu Buo (Imbuo)) zu dem alfr. eve , zu ebe (Ebbe), 
zu evier und zu abee , welches letztere Hr. v. R. falsch 
von apwtura herleitet, da nicht die Oeffnung als 
solche so heifst, sondern in sofern Wasser herausläuft. 
Dazu gehört auch das engl, eaves = Wasser vom Dache 
und das ital. maffiare, besprengen. 

Unter Bac, welches im Deutschen auch Trog und 
Schüssel bedeutet, und verwandt ist mit Becken, 
Becher, und auf ein Zeitwort zurückgeführt werden 
mufs, wie biegen, gehört nicht Barque, welches mit 
bahre, fahre, nog-evofxai verwandt sevn wird. Unter 
Bader steht Imbe'cile, weil die Etymologen letzteres 
gewöhnlich von Bacillus (gewifs falsch — so auch Ref. 
noch in seiner letzten Ausgabe des lat. Sch.wb.) herleiten. 
So leitet, ich glaube ironisch, Hr. v. R. impotent von 
potences (Krücken) her. 



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und Dejhle, Franz. -Deutsches Wörterbuch. 701 

Brouet gehört nicht unter boire. Jenes ist verwandt 
mit unserm Brühe, nieders. Broi, unserm Brei, holl. 
Broye, Brue ; verwandt mit brauen. Wie kommt 
ferner pote, unser Pfote (pfälz. Pote, lat. pcd-, pes) 
unter pot? Weil Hr. v. R. es erklärt: mam enflee 
comme un pot ! Wie kommt ferner pot unter boire £ 
Selbst wenn pot mit poc-ulum verwandt ist, dürfte 
noch sehr die Frage seyn, ob letzteres nicht eher zu 
Bech-er, Beck-en gehört (s. oben). 

Falsch steht Trebucher uuter Bois; da es zu tre- 
pigner, trip-tidiare , tripp-eln gehört. Oder was 
hätte le tre buchet , die Gold wage, mit bois gemein? 

Unter borne finden wir sub-orner ! so unter cou- 
rir: parc! es ist nämlich der Rest dieses soi disanl- 
Compositums ( — ourir.), dem ersten Franzosen, der 
es auszusprechen wagte , im Halse stecken geblieben 
und hat sich bis jetzt keiner ähnlichen. Erlösung zu er- 
freuen gehabt, wie jene Töne im Münchhausen sehen 
Hörne. Parc gehört bekanntlich zu Pferch, bergen 
( == hegen). 

Brasser, unser braten, d. h. brauen, griech. 
/Spoc^ö, steht unter Bras ! Was soll ferner Troc unter 
Uroche, der ^Tausch, unter dem Spiefs, Zapfen 
und Hauzahn? Wahrscheinlich ist dies Troc mit 
tragen verwandt, im Begriffe von unserm anbrin- 
gen, oder dem griech. ni^gdaxo (von neodo), dem 
latein. miliare. 

Was soll unter Bure, grobes Tuch, die andre 
Bedeutung Schacht? In der zweiten Bedeutung ist 
es verwandt mit fahren, Fuhre (letzteres wird in 
den nieders. Mundarten auch statt Furche gebraucht). 
Was soll unter bure ferner bourrer, welches eher ver- 
wandt ist mit bohren, foro; was ferner bourrasque, „ 
das latein. boreas , das griech. ßoppäg, in Dalmatien 
jetzt noch bora, und auf ein Zeitwort zu reducieren wie 
burren, purren = brummen; was endlich bourri- 
que , latein. ßurricus , und wie veredus wahrscheinlich 
auf ein Zeitw ort wie fero zurückzufuhren ? 



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702 Roquefort, Dictionnaire etymologique de la languc Francaise 



Cancan (das latein. quamquam) finden wir unter 
canard; sarcasme (von aragxdga und dies von aaipo 
aber nicht von aap!) unter cercueilü so wie auch 
sarcite , Rindfleischstein, sarcotique , fleischmachend 
und ein halb Dutzend ähnlicher. Unter CÄa/ steht c/ia- 
touiller ; so werden wir im Deutschen kitzeln unter 
Katze (kitze) setzen. Chatouiller ist eben mit un- 
serm kitzeln dasselbe Wort, verwandt mit dem latein. 
titillo , angels. citelan, engl. £i7//e und /;c£/e. Unter 
chdre, Mahlzeit, Bewirthung , freundlicher Empfang, 
steht acaridtre (von acerj und accarer, von xapa 
= confronter. Ignorer (Stamm gnar-) findet sich 
unter connoüre; crotte, mit axap, ord, ordures ver- 
wandt, unter craie ; decrepit (allerdings ein crux in- 
terpretum) nebst crepuscukim unter cre'pe, Flor! Unter 
cuisme der gneux , denn er ist reduit ä en demander 
les restes. Gneux gehört zu quet er (quester) italien. 
queslare , und ist verwandt mit dem deutschen geizig, 
denn im Lettischen heifst geidziu noch: ich begehre. 

Unter Curie {Curia, verwandt mit %g)qoq, und zu 
reduciren auf xeoa (xc/po), schere, d.h. trenne, 
scheide ab) steht Decurie (von decem). Zu trennen 
waren Curer = curare und eurer = reinigen ; letz* 
teres ist eins mit ecurer (welches keineswegs ein compos. 
ist) und unserm scheuern, engl, scour. Unter logie 
( vom griech. Xoyog ) , löge , loger u. s. w. Louvoyer , 
lavieren, unter loup ; Mite, das deutsche Made, 
Motte, steht unter Midas, weil dies die griech. Form 
desselben Wortes ist. Das griechische aber sammt dem 
deutschen und französischen läfst sich reducieren auf 
das alte Zeitwort maten = zernagen. Parvis ferner 
und parc stehen unter paradis; unter poule , Henne, 
unter andern pulluler , polisson, potele (unser fett), 
pulpe. Unter trabe das Zeitwort estraper, das zu 
straff, streif, gehört. Unter trois z.B. trös (von 
trans, wie trepas aus transpassus) , tresser (andere 
Form für dresser), und um unter den unzähligen Miß- 
griffen nur noch einige zu bemerken , unter tenir : ap- 



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und Deyhle, Franz. - Deutsches Wörterbuch. 703 

partement (von pars), contigu (zu tago, tango, tigo), 
destiner (vom obsol. stmci), reticence (von tacere). . 

Wenn nun über diese beiden Bücher schließlich 
noch ein bestimmtes Urtheil auszusprechen ist, so läfst 
sich dem Ro quefor t' sehen , seiner, obwohl sehr oft 
irrigen etymologischen Erörterung wegen, ein wenn gleich 
sehr zweideutiger Werth nicht ganz absprechen, nicht 
gerechnet manche historische Notizen,*) deren Ausführ- 
lichkeit jedoch zum Th eile im Mifsverhältnisse mit der 
Behandlung der übrigen steht. Dagegen wüfste ich dem 
Deyhle'schen Auszuge, ein Dutzend Berichtigungen 
etwa abgerechnet , kaum irgend eine Seite abzugewinnen 
— es müfste denn der der Wohlfeilheit seyn (da er nur 
2 fl. rhein. kostet), von der es empfohlen werden könnte. 
Im Gegentheile sind wir im Interesse der Jugend und 
einer gedeihlichen, d.h. vernünftigen Heranbildung der- 
selben durch Sprachen, selbst durch neuere, genöthigt, 
ein förmliches Anathema über dieses ganz verunglückte 
Werk auszusprechen, und den Hrn. Verf. aufzufordern, 
vorerst selbst gründlichere Studien auf dem Sprachge- 
biete zu machen, ehe er es versucht, Andere darauf zu 
führen; da ein Wörterbuch der französischen Sprache, 
selbst nur in dem Umfange, wie Hr. D. ihn sich steckte, 
allerdings sehr grofse, und nach des Ref. Ansicht selbst 
gröfsere Schwierigkeiten hat, als ein ähnliches der grie- 
chischen oder lateinischen Sprache. Der Unterzeichnete, 
die verehrten Leser um Verzeihung bittend, wenn er ihre 
Geduld hie und da vielleicht allzusehr in Anspruch nahm, 
schliefst mit der Bemerkung, dafs ersieh erlauben wird, 
seine Ansichten über die Art und Weise, ein solches Buch 
für den Schulunterricht nützlich zu machen, dem Ur- 
theile des gelehrten Publikums in dieser Zeitschrift bei 
einer andern Gelegenheit vorzulegen. 

Karlsruhe, den 20. Mai 1833. 
Dr. R Kür eher. 

•) Aach manche witzige Bemerkung, wie z. B. bei dem Worte Sor- 
bonne, wo es heilet: faeulU oü Von dispute depuis pre» de rix 
cents an», tan» avoir rien conclu; docteur» qut la composent et 
gut sont loin d'avoir tout dit. 



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704 Fries, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Thcil. 



Handbuch der praktischen Philosophie oder der philoso- 
phischen Zwecklehre. Zweiter Theil. Die Reli gionsphi- 
to sophie oder die W eltzwecklehr e. Oder: Handbuch der 
Reli g ions philosophie und philosophischen Aesthetik. 
Von J. Fr. Fries. Heidelberg, bei Chr. Fr. H inter 1832. XII ». 
291 £ 8. 

Schon längst hätte eine Anzeige von diesem wichtigen 
Werke hier erscheinen sollen : aber zufällige Hindernisse 
verzögerten die Ausführung dieses Vorhabens. Der Verf. 
liefert nämlich damit, wie auch der Titel angiebt, den 
zweiten Theil seiner praktischen Philosophie, deren erster 
die Ethik enthält, von der aber bis jetzt nur die erste 
Abtheilung, nämlich die Sittenlehre, erschienen ist, so 
dafs an der vollständigen Darstellung des ganzen Svstems 
dieses verdienstvollen Denkers nur noch die 2le Abth. des 
IstenTheiles der praktischen Philosophie, der die philo- 
sophische Rechts - und Staatslehre enthalten wird, fehlt; 
indessen haben wir über diese Wissenschaften schon früher 
abgesonderte Darstellungen erhalten. (Philos. Rechtslehre. 
Jena 1804. und : Vom deutschen Bund und deutscher 
Staatsverfassung. 2te Ausg. Heidelberg 1832.) 

Was nun die hier vorliegende Darstellung der Reli- 
gionsphilosophie und Aesthetik betrifft, so bezeichnet der 
Verf. gleich im Voraus die Eigentümlichkeiten derselben 
in der Einleitung durch folgende drei Punkte : 1) Verei- 
nigung der Philosophie der Religion mit der philosophi- 
schen Aesthetik , 2) Erhebung des Glaubens über das 
Wissen, Darstellung der Religionsphilosophie, nicht als 
höchstes Wissen , sondern vielmehr als Philosophie von 
dem Glauben und dem Gefühl, 3) Nicht blos Aussprechen 
dieses Glaubens oder dieses Gefühls, sondern auch wis- 
senschaftliche Rechtfertigung derselben durch Deduction 
aus der Theorie der Vernunft. Damit ist denn auch aller- 
dings eine sehr bedeutende Eigentümlichkeit dieser He* 
ligionsphilosophie bezeichnet, durch die sie sich von den 
meisten jetzt herrschenden religionsphilosophischen An- 
sichten wesentlich unterscheidet und mit einer Menge in 
der Theologie und Philosophie geltenden Vorurtheilen in 
Widerspruch tritt. 

(Die Fortsetzung folgt.) 



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W. 45. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 

■ 

Fries, Handbuch der praktischen Philosophie , 2r TA. 

fFortsetzan g.) 

Keine von den theologischen Partheien unseres 
protestantischen Deutschlands wird mit dieser Behand- 
lungsweise der Religionsphilosophie zufrieden seyn, ob- 
gleich eine jede doch wieder manche ihr zusagende 
Elemente finden wird. Der Rationalismus, in seiner 
gewöhnlichen Gestalt , wird , wenn er auch in dem Stand- 
punkt der Religionsphilosophie selbst, nämlich in dem 
des durchaus selbstständigen Denkens und Strebens nach 
eigener Ueberzeugung, immer einen Anklang finden 
wird, doch gerade an den Hauptsätzen, worauf diese 
Religionsphilosophie gegründet ist, der Erhebung des 
Glaubens über das Wissen, und eben so an der Be- 
gründung der Religion auf Gefühl, so wie an der nur 
ästhetischen Entwickelung der religiösen Ideen, leicht 
Anstofs nehmen; denn ihm gilt der Glaube häufig nur 
als eine niedere religiöse Erkenntnifsweise, die in ein 
Wissen verwandelt oder zu einem Wissen erhoben wer- 
den soll, oder er will doch den Glauben erst noch auf 
Gründe und Beweise stützen, und seinen Inhalt in einem 
vollständigen verständig vermittelten System von Dogmen 
darstellen. Gefühl und ästhetische Auffassung gilt man- 
chen einseitigen Rationalisten als Zeichen der Schwär- 
merei und des Mysticismus. Eben deswegen aber wird 
sich durch diese Ansichten vom Glauben und Gefühl der 
Mysticismus und Super naturalismus zu dieser 
Reiigionsphilosophie hingezogen fühlen. Der Superna- 
turalismus wird sich der Beschränkung des Wissens auf 
das Irdische und der Erhebung des Glaubens über das 
Wissen erfreuen, indem er den freien Vernunftglauben 
Fries's in seinen blinden Autoritätsglauben umwandelt; 
aber auch abgesehen davon, dafs er, sobald er diesen 
seinen Irrthum rücksichtlich des Glaubens bemerkt, sich 

XXVI. Jahrg. I. Heft. 45 



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10« Fries, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter TheiJ. 



1 t 




1 »' 





mit diesem plötzlich auf den 
Rationalismus versetzt sehen wird, mufs auch ihm, wie 
dem einseitigen Rationalismus , die nur ästhetisch - sym- 
bolische Bedeutung aller Dogmen durchaus zuwider seyn, 
denn in den Dogmen glaubt ja der Supernaturalismus den 
verständig ausgesprochenen Inhalt der geoffenbarten re- 
ligiösen Wahrheit zu haben, ihm müssen also die Dogmen 
durchaus ganz eigentliche Bedeutung haben. Und wenn 
der Mysticismus sich vielleicht hauptsächlich gern an 
die Ableitung der Religion aus dem Gefühl und au die 
philosophische Rechtfertigung der Ahndung als religiöse 
Ueberzeugungsweise anschliefst, da er in diesem Gefühl 
und dieser Ahndung eine dunkle, geheimnifsvolle Quelle 
seiner höheren inneren Offenbarungen, Visionen, Erfah- 
rungen und eine psychologische Bezeichnung für sein 
inneres Licht zu haben wähnt, so mufs er sich doch 
auch bald wieder davon abwenden, wenn er findet, dafs 
dieses Fries'sche Gefühl in seiner näheren Erklärung 
keine einzige dieser Erwartungen erfüllt, und er mufs 
sogar eine feindliche Stellung dagegen annehmen, wenn 
er sieht, wie diese Ahndung nur eine ästhetisch -sym- 
bolische Bedeutung hat, mithin sein Anspruch au ein 
unmittelbares Schauen Gottes, ein unmittelbares Verneh- 
men der ewigen Wahrheit selbst, ein empirisches Ver- 
hältnifs des Menschen zu dem göttlichen Seyn , als etwas 
ganz Unmögliches entschieden abgewiesen wird. Aber 
ungeachtet dieses theilweise günstigen und theilweise 
wieder ungünstigen Verhältnisses der religionsphilosophi- 
schen Ansicht von Fries zu unseren theologischen Par- 
theien, ist sie doch von nichts mehr entfernt, als von 
einem schwankenden und schwächlichen Streben nach 
blofser Vermittlung und Verdeckung der Gegensätze, 
und von der Begünstigung eines principlosen , flachen 
theologischen Jnste-milieu, das, mit Hülfe künstlicher 
dialektischer Spiele und gezwungener allegorischer Deu- 
tungen, die Versöhnung zwischen historischer Tradition 
und freiem Denken, zwischen positiver, altkirchlicher 
und Philosophie bewerkstelligt zu haben sich 



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Friet , Handbach der praktischen Philosophie, 2ter Theil. 701 

rühmt, und, ausgerüstet mit halber philosophischer Bil- 
dung und halber historisch - philologischer Gelehrsamkeit 
sich so vornehm breit mache. Vielmehr ist die Grund- 
ansicht dieser Religionsphilosophie in ihrem tiefsten In- 
nern ein völlig entschiedener Rationalismus, wenn 
man darunter nur im Allgemeinen den Grundsatz des 
freien Denkens, und nicht eine besondere Art, diesen 
anzuwenden oder einen besonderen Inhalt der religiösen 
Lehre versteht. Dieser Grundsatz des Rationalismus ist 
eben darin so entschieden enthalten, dafs hier die reli- 
giöse Ueberzeugung rein auf den Glauben gegründet 
ist, denn dieser Glaube ist der reinste Ausspruch der 
Selbstständigkeit der menschlichen Vernunft, er macht 
sich ganz rein durch das Selbstvertrauen der Vernunft, 
durch freie Erhebung der Vernunft über ihre sinnliche Be- 
schränktheit geltend. Am häufigsten wird die Fries sehe 
Religionsansicht wohl darin verkannt, dafs sie für eine 
Gefühlsreligion gehalten wird, sowie man über die 
Fri es' sehe Philosophie überhaupt oft das oberflächliche 
Urtheil vernimmt, sie sey eine Gefühlsphilosophie. Dies 
ist in einem gewissen Sinne wohl wahr, nur nicht in 
dem , «worin man diese Ausdrücke gewöhnlich nimmt, 
dafs sie der Reflexions- oder der Verstandesphilosophie 
entgegensteht; denn auch dies ist die Fries' sehe Phi- 
losophie in vollem Sinne, ihr Philosophiren ist Reflectiren, 
und es giebt keine andere wissenschaftliche Erkenntnifs 
für sie, als eine reflectirte, mithin auch keine wissen- 
schaftliche religiöse Ueberzeugung, als eine reflectirte, 
selbst der Glaube ist reflectirte Ueberzeugung. Das Mifs- 
verständnifs hat seinen Grund hauptsächlich darin, dafs 
das Verhältnifs der natürlichen Ansicht des Wissens zu 
der idealen Ansicht des Glaubens häufig nicht richtig 
erkannt wird, woraus die falsche Anmafsung der Re- 
flexion entsteht, dafs alle religiöse Ueberzeugung durch 
Begriffsbestimmung und Beweis gewonnen und gesichert 
werden müsse. Die richtige Ansicht der Erhebung des 
Glaubens über das Wissen fordert hier nur eine Wissen- 
serhaft von dem Glauben, nicht eine Wissenschaft des 



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708 Fries, Handbuch der praktischen Philosophie, 2^er Theil. 

Glaubens, <1. h. eine wissenschaftliche Deduction von 
dem Rechte und dem reinen Gehalte des Glaubens, aber 
nicht eine Verwandlung des Glaubens in das Wissen. Was 
die Entwicklung des Inhalts des Glaubens betrifft, so 
steht Fries in dieser Hinsicht eben durch seine nur 
ästhetische Darstellung der Ideen auf dem freiesten ratio- 
nalen Standpunkt, weil hiernach alle Dogmen nur ästhe- 
tisch-symbolische Bedeutung haben, mithin eine über- 
natürliche Mittheilung der ewigen Wahrheit in bestimm- 
ten, begriffsmäfsig ausgesprochenen Lehren, der Natur 
der menschlichen religiösen Ueberzeugungsweise ganz 
zuwiderläuft, und jede positive Religionsform nur als 
Symbol des Einen , unaussprechlichen Glaubens gilt. 
Damit steht der Verf. freilich so ganz über der jetzt 
geltenden Auffassungsweise religiöser Angelegenheiten, 
indem man sich durchaus nicht von dem Vorurtheil los- 
reifsen kann , in einem nach bestimmten Begriffen darge- 
stellten System von Dogmen oder religiösen Lehrsätzen, 
sey es, aus einer angeblichen Offenbarung oder aus der 
Vernunft eine allgemein gültige wissenschaftliche Dar- 
stellung der ewigen Wahrheit zu gewinnen, dafs er für 
nöthig hält, gleich in der Vorrede sich dagegen zu ver- 
wahren, dafs er „nicht vor das Gericht der bestehenden 
Institutionen gezogen werde, so wenig auch er auf der 
andern Seite sich anmafse, für Ort und Zeit nach seinen 
allgemeinen Ansichten zu entscheiden , was nur durch 
Geschichtskunde und Kenntnifs der wirklichen Dinge im 
Leben beurtheilt werden dürfe." 

Doch nicht geringeren Widerspruch wird dieFries'- 
sche Religionsphilosophie von Seiten der herrschenden 
Ansichten in dem Gebiete der Philosophie selbst zu 
erfahren haben. Die aufserordentlich verschiedenartigen 
Richtungen der Religionsphilosophie unserer Zeit, möch- 
ten sich etwa auf folgende drei Hauptrichtungen zurück- 
bringen lassen: die Kantische, die Jacobi'sche 
und die Schelling-H egel'sche oder naturphilo- 
sophische: die erstere gründet sich hauptsächlich auf 
Reflexion und logisch demonstrative Methode, diezweite 



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Fries, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Theil. ?<K) 

beruft sich auf Gefühl , Glaube, unmittelbare Vernunft, 
die dritte auf transcendentale Speculation, intellectuelle 
Anschauung oder Dialektik. Unter diesen nun steht 
~ Fries sowohl historisch, der Entstehung seiner Lehre 
nach, als auch in vieler Hinsicht der Methode nach, 
nämlich in Hinsicht der kritisch - anthropologischen Me- 
thode, der ersten Classe am nächsten. Fries nennt 
sich selbst überall einen Schüler Kants, denn er ver- 
schmäht den Kitzel, durchaus originell zuseyn, keinen 
Lehrer zu haben, sondern selbst nur Meister zu seyn. 
In der Religionsphilosophie aber hat er sich in wesent- 
lichen Punkten von den eigentlich Kan tischen Lehren 
Josgesagt. Vorzüglich darin , dafs er die Religion nicht 
mehr einseitig auf die moralischen Grundüberzeugungen 
der praktischen Vernunft stützte, sondern ihr unmittelbar 
in der menschlichen Vernunft ihren Grund anwies, indem 
er erstlich neben dem praktischen Glauben einen gleich 
unmittelbaren speculativen Glauben nachwies, und da- 
durch den oft getadelten Zwiespalt der Kan tischen Lehre 
zwischen der gänzlichen Erniedrigung der theoretischen 
und der Erhebung der praktischen Vernunft aufhob; 
zweitens, indem er den praktischen Glauben selbst nicht 
blos als moralische, sondern auch zugleich als religiöse 
Ueberzeugung auffafste, so dafs nämlich die Eine Idee 
des absoluten Zweckes einmal als natürliches Zweckgesetz, 
ethische, und dann als ideales Zweckgesetz, religiöse 
Bedeutung erhält. Eine zweite, noch wichtigere Unter- 
scheidung der Fries'schen Lehre von der Kantischeu 
ist die, dafs Fries sich vollständig von der logisch de- 
monstrativen Methode frei gemacht hat und alle Beweise 
für die religiöse Ueberzeugung durchaus abweist. Zwar 
hatte dafür Kant schon den richtigen Weg gezeigt, 
indem er die Unfähigkeit der Vernunft zur Erkenntnifs 
des Ewigen nachwies, hauptsächlich aber durch die 
klare Unterscheidung zwischen Erscheinung und Seyn 
an sich. Aber er verlor das richtige Ziel wieder aus den 
Augen , indem er zwar die Nichtigkeit aller theoretischen 
Beweise für das Daseyn Gottes und die Unsterblichkeit 



« 

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710 Fries, Handbuch der praktischen Philosophie, ZterTheil. 

der Seele unwidersprechlich darthat, dann aber seine 
eigene religiöse Ueberzeugung doch wieder in der Form 
von Beweisen, nämlich aus moralischen Postulaten, recht- 
fertigte. Fries gründete dagegen die religiöse Ueber- 
Zeugung ganz rein auf die unmittelbare Vernunftüber- 
zeugung des Glaubens, der über dem Wissen steht, 
keiner Begründung durch Beweise bedarf und fähig ist, 
und vollendete dadurch den transcendentalen Idealismus, 
den Kant nur unvollständig angedeutet hatte. 

Mit dieser Ueberzeugungsweise des Glaubens nähert 
sich Fries der Jakobi'schen Ansicht. Jakobi war 
es, der zuerst der damals herrschenden falschen demon- 
strativen Methode und dem Vorurtheile für die Allgewalt 
der Beweise entgegentrat, und einen Glauben und ein 
Gefühl als letzte unmittelbare Ueberzeugung forderte. 
Darin nun harmonirt allerdings Fries mit Jakobi, und 
es ist bekannt, dafs man ihn deshalb eines Synkretismus 
zwischen Kant und Jakobi beschuldigt hat. Dafs diese 
Beschuldigung grundlos ist, ergiebt sich aus den bedeu- 
tenden Abweichungen der Fries'schen Ansicht von dem 
Glauben von der Jakobi'schen. Diese bestehen darin, 
dafs erstlich Jakobi unter dem Glauben jede unmittel- 
bare Ueberzeugung überhaupt versteht, also auch die 
sinnliche, daher er ihn als gleichbedeutend mit der An- 
schauung nimmt; Fries dagegen nur die unmittelbare Ver- 
nunftüberzeugung darunter versieht und ihn daher auf 
das Bestimmteste von der Anschauung unterscheidet 
Ferner was diesen Glauben als unmittelbare Vernunft- 
Überzeugung selbst betrifft, so erhebt sich Fries darin 
wesentlich über Jakobi, dafs dieser den Glauben aar 
schlechthin als Behauptung ausspricht, ohne für die Gül- 
tigkeit dieser Ueberzeugungsweise irgend eine wissen- 
schaftliche Rechtfertigung zu geben, Fries dagegen 
liefert eine vollständige Deduction aus der Theorie der 
Vernunft, dafs der menschlichen Erkenntnifs dieser Glaube 
nothwendig inwohne, dafs er einen ursprünglichen Be- 
standteil der menschlichen Vernunft ausmache. Dann 
aber erhält auch in der Anwendung der Glaube eine ganz 



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I^n cö ^ Uft iid bei cli dop pt*üli. bleich co tlosophio ^ 2t>0p I^IaqiI» 711. 

andere Bedeutung bei Fries als bei Jakobi. Nach 
ihm beruht dieSinneserkenntnifs ebea so gut auf Glauben, 
als die reine Vernunfterkenntnifs: die Sinnesanschauung 
hat also dieselbe objektive Gültigkeit als die Vernunft- 
erkenntnifs , die Sinnenwelt oder die Natur und das 
Uebersinnliche oder Göttliche stehen als zwei verschie- 
dene Realitäten neben einander, ohne eine mögliche 
wissenschaftliche Einheit beider. Hier läuft also die 
Weltansicht auf einen rohen objektiven Dualismus hinaus. 
Bei Fries hingegen ist die Sinnesanschauung nur die 
menschlich beschränkte Er kenntnifs weise, die daher zwar 
auch objektive Gültigkeit hat darin, dafs wir wirkliches 
Seyn darin erkennen, aber nur eine subjektiv beschränkte 
objektive Gültigkeit, so dafs sie uns nur die Dinge zeigt, 
wie sie uns erscheinen, nicht wie sie an sich sind. Der 
Glaube hingegen ist die Anerkennung eines Seyns au 
sich, eines unbeschränkten vollendeten Seyns, der ans 
dem reinen Vertrauen der Vernunft auf sich selbst ent- 
springt. So stehen Sinnenwelt und Uebersinnliches als 
Ein und dasselbe Seyn da, das uns nur in der ersteren 
subjektiv beschränkt erscheint, im Glauben als Ueber- 
sinnliches seinem Seyn an sich oder seinem vollendeten 
Seyn nach gedacht wird. Der Dualismus ist so durch 
den transcendentalen Idealismus aufgehoben. Endlich 
bei Jakobi gilt der Glaube als eirfe objektive Erkennt- 
nifs des Ewigen , Göttlichen, er ist eine unmittelbare An- 
schauung des Ewigen, hat also eine realistische Bedeu- 
tung; hiergegen fafst Fries den Glauben durchaus nur 
idealistisch, er enthält keine höhere, intellectuelie Er- 
kenntnifs des Göttlichen selbst, sondern nur eine ideale 
Anerkennung desselben, eine subjektive Noth wendigkeit 
von einem Seyn an sich, frei von den Schranken des 
Cndüchen oder Sinnlichen. Der Friesische Glaube ist 
also kein unmittelbares Bewufstseyn von dem Ewigen und 
Göttlichen, wie maneche Schüler Jakob i's (Clodius) 
die religiöse Ueberzeugung als ein solches fassen, son- 
dern in das Bewufstseyn kömmt er uns nur mittelbar 
durch Reflexion , und zwar nur in negativer Form , durch 



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712 Fries, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Theil. 

Verneinung der Schranken der Endlichkeit. In der Ja- 
kob i ' sehen Schule wird das Ewige und Göttliche ge- 
wöhnlich als das letzte Glied in der Reihe des endlichen 
Daseyns gedacht, die Freiheit als unbedingter Anfang 
des Bedingten; nach Fries dagegen steht das Ewige 
ganz über dieser Reihe des Endlichen und Bedingten, 
es steht mit diesem in gar keinem naturlichen Zusam- 
menhang, sondern beide sind nur subjektiv verschiedene 
Ansichten des Einen Sevns. Zu dem Ewigen kommen 
wir nicht durch Vollendung des Endlichen (dies ist und 
bleibt unvollendbar), sondern durch Verneinung der 
Schranken der Endlichkeit. 

Am meisten steht der Verf. in Widerspruch mit der 
Identitätsphilosophie, da hier schon in der Me- 
thode zu philosophiren überhaupt, in der ersten Richtung 
des Denkens der Widerstreit zwischen dogmatisch- spe- 
culativer und kritischer Philosophie statt findet. Manche 
Berührungspunkte zwar giebt es doch auch hier, wie 
z. B. die Erhebung einer höheren Weltansicht der Ver- 
nunft über die niedere des reflectirenden Verstandes, 
und die in der Schel 1 i ngischen Schule geltende 
ästhetische Auffassung des Religiösen. Allein auch diese 
Berührungspunkte verschwinden wieder bei näherer Be- 
trachtung. Denn jener höhere Standpunkt über dem end- 
lichen Verstand soll dort selbst wieder ein höheres Wissen, 
eine speculative Erkenntnifs von dem Absoluten seyn, und 
jene ästhetische Ansicht der Schel Ii ngischen Schule 
wird als unmittelbare, intellectuelle Anschauung des Ab- 
soluten gefafst, die also doch wieder dem Wissen zufallt. 
Fries hingegen, nach seiner Ansicht des transcenden- 
talen Idealismus, verwirft durchaus jedes Wissen von dem 
Ewigen oder Absoluten, jede Wissenschaft aus Ideen, 
sey diese auf intellectuelle Anschauung gegründet, wie 
bei Schelli ng, oder auf transcendente Speculation, 
dialektische Bewegung des reinen Denkens, wie bei 
Hegel. Ihm gilt als ideale Weltansicht von dem Ab- 
soluten nur eine Anerkennung desselben im Glauben, der 
über dem Wissen steht, in bestimmten Begriffen nicht 



Friei, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Theil. 713 

ausgesprochen werden kann, untl keinen andern wissen* 
schaftlichen Ausspruch zuläßt als einen negativen, in 
schrankenverneinenden Ideen. Einen positiven Ausspruch 
der Ideen giebt es nur für das Gefühl, die Ahndung, 
deren Ausspruche jedoch nur ästhetische und symbo- 
lische Bedeutung haben, nur als Bild des Ewigen, nicht 
als das Ewige selbst. So unterscheidet der Verf. auf 
das Bestimmteste die reine ideale Weltansicht von den 
mystischen Philosophemen jener Schule, welche, die 
leeren Formen der Einheit der Vernunft für das Wesen 
der Dinge haltend, die Ideen selbst hypostasiren. Damit 
hängt endlich die Differenz zwischen Fries und der na- 
turphilosophischen Religionsphilosophie zusammen, dafs 
diese letztere nie von dem Pantheismus loskommen kann, 
dem die kritische Philosophie einen festen Theismus ent- 
gegenstellt. Die mystische Abstraction , die Verwechs- 
lung des Allgemeinen, des Begriffs, mit dem Wesen ist 
es, die Gott für das Wesen, die Substanz der Welt hält, 
statt ihn über die Welt zu erheben als den Grund der 
Welt. Die leere Abstraction des All wird hypostasirt 
zum Wesen alles Daseyus. Aber nicht durch Zusammen- 
fassen alles Endlichen kommen wir zu der Idee des 
Ewigen , sondern durch Negation der Schranken der 
Endlichkeit, also nicht das All aller beschränkten Reali- 
täten ist die unbeschränkte Realität, sondern vielmehr 
die Negation aller Beschränkung an den Realitäten ist 
die absolute Realität, also eine Realität, die über allen 
Beschränkungen der Welt steht, nicht eine Zusammen« 
fassung derselben. 

Diesen allgemeinen Bemerkungen fügen wir eine 
kurze Uebersicht des, im Verhältnifs zu dem geringen 
aufseren Umfange, äufserst reichhaltigen Inhalts dieses 
Werkes bei. 

In der Einleitung wird, nächst der schon ange- 
gebenen Bezeichnung der Eigentümlichkeit dieser Dar« 
Stellung (§. 1.), die Stellung der Religionsphilosophie 
im System der Philosophie erklärt (§.2 und 3.), wonach 
sie (nicht zu der theoretischen, sondern) zu der prakti- 



» % 

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714 Friet, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Theil. 



sehen Philosophie gehört, und zwar hier als praktische 
Ideenlehre oder Lehre von dem Zweck der Welt neben 
der Ethik als praktischen Naturlehre oder Lehre von dem 
Zweck des menschlichen Lebens steht. Nach einer vor- 
läufigen Gliederung des Ganzen unserer religiösen Ueber- 
zeugungen nach den metaphysischen Kategorien (§.4.), 
wird die Aufgabe der Religionsphiloeophie in ihrem Ver- 
hältnis zur Aesthetik näher bestimmt (§. 5 — 7.), durch 
genauere Erläuterung der Begriffe vom Glauben, der 
Religion und der Schönheit. Besondere Beachtung ver- 
dient hier die Nachweisung (§.6.), da(s die Religion 
ihrem psychologischen Ursprung nach dem Herzen oder 
dem Lustgefühl gehört, also nicht, nach dem Vorurtheil 
vieler Rationalisten, ursprünglich ein Wissen ist In so- 
fern aber die Religion Gegenstand der Erkenntnifs wird, 
die Religion als Ueberzeugung, ist Glaube; im Leben 
und in der Gemeinschaft spricht sich die Religion in der 
Ahndung ästhetisch als Symbol aus. Charakteristisch ist 
dafür der Satz (S. 9.): „die Geisteskraft der Religioa 
liegt in der Frömmigkeit (dem Herzen), ihre Be- 
rührung mit der Wissenschaft giebt sich durch die Lehre 
vom Glauben, ihre äufsere Gestaltung aber durch die 
religiöse Symbolik" (die unter der Idee der Schön- 
heit steht, mithin in der Aesthetik ihre philosophische 
Grundlage findet). — Das ganze Werk zerfällt in drei 
Bücher: 1) Glaubenslehre, 2) philosophische Aesthetik, 
3) die positiven Religionen. 

Erstes Buch: Glaubenslehre. Der Verf. han- 
delt hier zuerst (Abschn. 1.) von der religiösen 
Ueberzeuguag im Allgemeinen, und geht dabei 
von der logischen Lehre von der Begründung 
der Urtheile (Kap. 1.) aus. Die Aufgabe für die 
religiöse Ueberzeugung ist nämlich die: eine wissen- 
schaftliche Rechtfertigung für Behauptungen zu finden, 
die, ohne sich auf Anschauungen berufen zu können, 
blos in dem Innern der Vernunft ihren Grund haben. 
Die Lösung dieser Aufgabe ist weder durch Demonstration 
(Nachweisung in der Anschauung), noch durch Beweis 



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Fries, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Theil. 715 

• 

(Ableitung aus Prämissen), sondern nur durch De- 
duction möglich, d.i. kritisch -anthropologische Nach- 
weisung aus der Theorie der Vernunft. Die Bedeutung 
dieser eigentümlichen Begründungsweise idealer Ueber- 
zeugungen ist zwar schon von Kant anerkannt worden, 
aber erst von Fries in vollkommener Klarheit und Rich- 
tigkeit verstanden und angewendet worden. Die durch 
diese Deduction gewonnene religiöse Ueberzeugungsweise 
ist der Glaube und die Ahnd ung, die über dem Wissen 
stehen. Zur näheren Verständigung dieser Begriffe un- 
terscheidet der Verf. die logische Bedeutung von 
Wissen, Meinen und Glauben, wonach sich der 
Glaube nur durch einen geringeren Grad der Gewifsheit 
und das zur Entscheidung des Urtheils mitwirkende sub- 
jektive Interesse von dem Wissen unterscheidet, von der 
metaphysischen Bedertung derselben. Wissen ist hier 
die auf Anschauung gegründete Ueberzeugung von dem 
Sinnlichen oder Natürlichen, Glauben und Ahnden sind 
Ueberzeugungen von dem Uebersinnlichen oder Ewigen. 
Der Glaube ist ursprünglicher Vernunftglaube, nicht 
historischer oder Ueberlieferungsglaube; er kann wissen- 
schaftlich nur negativ in Ideen ausgesprochen werden, 
aller positive Ausspruch derselben gehört der symbolisch- 
ästhetischen Ansicht der Ahndung. Der Glaube und die 
Ahndung deuten auf dem Menschen undurchdringliche 
religiöse Geheimnisse hin, für die es keine höhere, na- 
türliche oder übernatürliche Einsicht der Eingeweihten 
giebt. Es giebt keine übernatürliche Offenbarung, keinen 
Unterschied zwischen profaner und heiliger Geschichte; 
positive Religion ist eben so natürlichen Ursprungs als 
die natürliche, und unterscheidet sich nur von dieser 
durch die durch historische Tradition und Gemeinschaft 
fixirten Bilder und Symbole. 

Im 2ten Kapitel: „Altgemeine metaphysische 
Lehre von der religiösen Ueberzeugung," wird 
die Deduction der religiösen Ueberzeugung selbst aus- 
geführt; hier treffen wir also auf den Mittelpunkt des 
Systems des transcendentalen Idealismus und die Grund- 
lage der Religionsphilosophie. Der Verf. konnte sich 



716 Frioe, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Theil. 

I 

indessen mit Recht auf die vollständigeren Ausführungen 
dieser Deduction in seiner Kritik der Vernunft und dem 
System der Metaphysik berufen (auf die wir deshalb 
ebenfalls den Leser verweisen), und durfte sich hier nur 
mit Hervorhebung der wichtigsten Punkte, auf die es 
dabei ankömmt, begnügen. Der Verf. geht von dem 
aus der Kantischen Lehre bekannten Unterschied zwi- 
schen der endlichen Wahrheit der Erscheinung und der 
ewigen Wahrheit des Seyn an sich aus. Um dies Ver- 
hältnifs näher zu entwickeln , spricht er im Besonderen 
1) von der Beschränktheit der sinnlich- bediugten Er- 
kenntnifsweise des Wissens, welcher wesentlich die Form 
der Unvollendbarkeit und Weseulosigkeit anklebt (wofür 
aber, zum Schutze gegen den Skepticismus, neben dem 
Grundsatz der Beschränktheit der menschlichen Vernunft, 
immer auch der Grundsatz des Selbstvertrauens der Ver- . 
nunft festzuhalten ist, der, über die sinnlichen Schranken 
hinaus, auf ein davon unabhängiges Seyn an sich hinüber- 
deutet). 2) Von dem negativen Ursprung der Ideen, 
welche nach den 4 Kategorien entwickelt werden (wobei 
darauf zu achten ist, dafs die Negation nur den Aus- 
spruch des Glaubens in wissenschaftlicher Form trifft, 
während der Glaube selbst die erste affirmative Ueber- 
zeugung ist, und dafs die Negation nur die Schranken 
der Endlichkeit trifft, welche selbst Verneinungen sind, 
so dafs also die doppelte Negation doch die affirmative 
Bedeutung der Ideen wieder herstellt); 3) von der Selbst- 
ständigkeit des Geistes : nach der Negation aller Schranken 
der Endlichkeit , d. i. aller mathematischen Bestimmungen 
von Raum und Zeit; bleibt nämlich von der Körperwelt 
nichts, diese hat also kein Seyn an sich, es bleibt aber 
das Ich, der Geist, da dieser nicht blos mathematisch 
bestimmt ist, in ihm also, behalten wir einen Gegenstand 
für das Seyn an sich. Aus dieser Deduction treten dann 
als oberste Kriterien unserer idealen Ueberzeugung drei 
Grundsätze heraus: 1) das Princip der Beschränkung des 
Wissens für die Idee: die Sinnenwelt unter Naturge- 
setzen ist nur Erscheinung , 2) das Princip des Glau- 
bens: dieser Erscheinung liegt der Dinge wahres Wesen 



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Fries, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Theil. 71? 

zu Grande, 3) das Princip der Ahndung: die Sinnen - 
weit ist eine Erscheinung der Dinge an sich. Hiernach 
werden endlich noch die Philosoph enie von dem Mate- 
rialismus, Spiritualismus und Dualismus, und 
von dem Fatalismus und Theismus beurtheilt, und 
das letztere gerechtfertigt. — Damit ist jedoch nur die 
speculative Grundlage des religiösen Glaubens gegeben; 
dieser erhält jedoch seine praktische und mithin erst 
eigentlich religiöse Bedeutung durch die Kap. 3. ent- 
wickelte Idee vom Zweck der Welt, nach welcher 
die Religionsphilosophie als Weltzwecklehre zu behan- 
deln ist. Der Grundgedanke von der Selbstständigkeit 
des Geistes fuhrt zu den sittlichen Zweckgesetzen, diese, 
als noth wendige Zweckgesetze, gelten zugleich als Zweck- 
gesetze der Welt, und lassen diese als Reich der Zwecke 
anerkennen, zum Grundsatz der besten Welt entwickeln. 
So erhält auch hier die religiöse Ueberzeugung aus der 
sittlichen ihren Gehalt und ihre Farbe, doch nicht auf 
dem Wege des Beweises, durch sogenannte moralische 
Postulate, sondern nur durch Nachweisung des gleichen 
Ursprungs der religiösen und sittlichen Ideen in dem 
menschlichen Geiste. 

1 Im 2ten Abschnitt folgt nun die „besondere 
Betrachtung der Grundwahrheiten des Glau- 
bens." Die Grud Wahrheiten des Glaubens können zwar 
nur bildlich als ästhetische Weltbetrachtung ausgespro- 
chen werden, aber doch nicht in beliebigen Bildern. Es 
müssen vielmehr abgewiesen werden 1) alle körperlichen 
Vorstellungen von Gott, Seele u. s.w., 2) alle Bilder 
von Gluckseligkeit und irdischem Gelingen, 3) alle Bilder 
von menschlicher Gesetzgebung, juristisch -politische, 
und 4) nur in dem reinen sittlichen Leben darf diese 
heilige Dichtung ihre Bilder finden. Nur Pflicht und 
Liebe geben die reinen Grundgedanken der religiösen 
Dichtung." (S. 92.) Aus allem Menschlichen ist uns 
daher das allein würdige Bild (aber doch Bild!) des 
Göttlichen die reine Liebe, das Herl ige u. s. w. Diese 
Auffassung« weise der religiösen Wahrheiten ist 1) nicht 
durch Beweise zu rechtfertigen, sondern nur in Erörte- 



-- 



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718 Fries, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Theil. 

runden, und was von Kant, in Form von Beweisen für 
die Rechtfertigung der Religionswahrheiten gegeben wor- 
den ist, ist nur unrichtig in Ansehung der Form der 
Beweise, meistens aber richtig in Ansehung der Sache 
selbst, als blofse Erörterung. Ganz zu verwerfen ist 
aber 2) die falsche Dialektik der neoplatonischen Ideen- 
lehre (der sich auch die neuere transcendentale Specu- 
lation bedient), die die allgemeinen Vorstellungen nicht 
blos (wie sie sollte) für analytische Hülfsmittel des den- 
kenden Verstandes, sondern für synthetische Erkennt- 
nisse wirklicher Gegenstände hält (die Abstractionen hy- 
postasirt), und deswegen in den abstracten Einheitsfor- 
men eine Erkenntnifs des ewigen Seyn selbst zu haben 
wähnt (wie Fichte's moralische Weltordnung, Send- 
lings Absolutes, Hegels concreter Begriff u. s. w.). 
Ueber Hegel sagt der Verf. in einer Anmerkung S. 99: 
„Das auf den Preufsischen Schulen verbreitete Hegel' sehe 
Philosophem, das dürrste und geschmackloseste unter 
allen, die in der K an tischen Schule Beifall fanden, 
gestaltet sich in der gröfsten Härte unter diesem Fehler. 
Von der Körperwelt weifs man da nur, dafs es das An- 
dersseyn des Einen, und von der Geisteswelt, dafs es 
das Einsseyn des Anderen sey." 

Die religiösen Grundwahrheiten stellt der Verf. in 
drei Ideen dar: Idee der Seele, der Freiheit, 
der Gottheit, die aus den drei Kategorien der Rela- 
tion des Wesens, der Ursache und der Wechselwirkung, 
abgeleitet sind. 

Kap. 1< Die Idee der Seele ist speculativ: Ewig- 
keit unseres Wesens, praktische: höhere, ewige Be^- 
Stimmung des Menschen. Der Ewigkeit unseres Wesens 
werden wir uns bewufst, indem wir ein Glauben nur als 
Person , als Geist anerkennen. Damit wird die panthel- 
stische Abstractionsweise verworfen , wonach die Persön- 
lichkeit als Einzelheit nicht durch sich selbst besteht, 
sondern erst durch den Körper gebildet wird , also mit 
der Vernichtung des Körpers (im Tode) auch wieder 
aufgehoben und in die Einheit des All wieder aufgelöst 
wird. Auf der andern Seite aber wird auch die Ansicht 



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Fries, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Theil. 119 

des gemeinen Lebens, die die Idee der Ewigkeil als ein 
Daseyn durch alle Zeit, als ein künftiges Leben auffafst, 
abgewiesen, denn die wahre Idee der Ewigkeit ist nicht 
ein Daseyn durch alle Zeit, sondern vielmehr ein Seyn 
über der Zeit Daher ist die Idee des ewigen Lebens 
nicht eigentlich als Unsterblichkeit, sondern vielmehr als 
Unverderblichkeit des Geistes zu fassen. Dämonologie 
und Eschatologie sind nur Gegenstände der träumenden 
Phantasie. Ferner, die s. g. Beweise der Unsterblichkeit 
der Seele sind als solche ohne Gültigkeit, und haben nur 
als Mittel der Belebung dieser Idee Bedeutung. Sie sind 
theils speculative, und diese verwechseln die Einzelnheit 
und Identität des Ich mit der Einfachheit derselben 
(M. Mendelssohn); theils praktische, weiche aller- 
dings die bedeutendsten sind , aber ebenfalls nicht eigent- 
lich als Beweise , sondern nur als Deduction der unauf- 
löslichen psychologischen Verbundenheit der ethischen 
Zweckideen von der persönlichen Würde mit der religiösen 
von der Ewigkeit unseres Wesens und unserer Bestimmung. 

Kap. 2. Freiheit des menschlichen Willens 
u. s. w. Die Freiheit darf nur negativ, als Unabhängigkeit 
der Wirksamkeit von den Schranken der Natur, gefafst 
werden. In dieser negativen Fassung wird leicht die so 
oft irrig beurthcilte Collision der menschlichen Freiheit 
mit der göttlicheu Allmacht vermieden. Denn die Unab- 
hängigkeit von der Natur ist nicht absolute Unabhängig- 
keit, und ein erschaffen es Wesen, eine Wirkung der höch- 
sten Ursache, kann doch frei seyn gegen die Natur. Zur 
näheren Bestimmung der Freiheit gegen die Natur ist 
ferner sehr wichtig, die scharfe Unterscheidung zwischen 
idealer und psychologischer Freiheit, d.i. der psychisch 
bedingten Kraft der Willkühr. Diese Ansicht von der 
idealen Freiheit als einer gegen die Natur, auch die psy- 
chische, unbedingten Wirksamkeit, hat für die praktische 
Bestimmung dieser Idee eine sehr wichtige Folge. Ihre 
praktische Bestimmung erhält nämlich die Freiheit des 
Willens in dem Gegensatze von gut und bös. Hier folgt 
nun aus der idealen Freiheit des menschlichen Willens, 
angewandt auf praktische Beurtheilung des endlichen Le- 



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720 Fries, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Theil. 

bens des Menschen, die Sündhaftigkeit aller Men- 
schen, der ursprüngliche Hang des Men- 
schen zum Bösen. So sehr auch diese Ansicht mit 
der der meisten religiös-freisinnigen streiten mag, so mufs 
sie doch als das unvermeidliche Ergebnifs der unläugbar- 
sten philosophischen Consequenz zugestanden werden. 
Der gewöhnliche Einwurf dagegen, dafs die allgemeine 
Schwäche und Mangelhaftigkeit aller endlichen Tugend 
nicht Schuld , sondern nothwendige Folge der Endlichkeit 
sev, fällt aus dem Gesichtspunkte der idealen Freiheit in 
Nichts zurück, da eben diese Schwäche aus dem idealen 
Standpunkt der Unabhängigkeit von der Natur als freie 
That , mithin als Schuld zu beurtheilen ist. Dagegen aber 
wird auch diese reine Idee der menschlichen Sündhaftig- 
keit von allen jenen abergläubischen Entstellungen und 
Mifsdeutungen derselben scharf gereinigt. So wird sie 
entschieden von dem Dogma vou der Verdorbenheit des 
zeitlichen Willens und dessen Unfähigkeit zum 
Guten unterschieden als blos ideale Sündhaftigkeit, 
so wird alle Unterstützung des Willens durch Zauber mittel 
religiöser Gebräuche und göttliche Gnade als abergläu- 
bisch abgewiesen , so wird den religiösen Lehren von Sun- 
denfall , Erbsünde, Bekehrung und Erlösung alle wissen- 
schaftliche Wahrheit abgesprochen und nur bildliche Be- 
deutung zugestanden. — Hiernach sind auch die Lehren 
von der Gnaden wähl und Vorher best i in in u 11g zu 
beurtheilen. Es kömmt nämlich dafür hauptsächlich auf 
die strenge Unterscheidung des idealen und natürlichen 
Standpunktes an, von der dann die Unterscheidung- der 
religiösen und der sittlichen Beurtheilung dieses Verhält- 
nisses abhängt. Von dem religiös - idealen Standpunkt aus 
gilt nämlich allerdings Gnadenwahl und Vorherbestim- 
mung, wenn man nämlich die natürliche Causalnoth wen- 
digkeit des psychischen Lebens ideal als Gnade und gött- 
liche V orherbestimmung deutet ; von dem sittlich- natür- 
lichen Standpunkt aus hingegen gilt einzig die Idee der 
Selbstständigkeit des Geistes , hier findet göttliche Kraft 
keine Stelle. 

{Der Beschlufs folgt.) 



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N*. 4& HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 

* 



Fries, Handbuch der praktischen Philosophie , 2rTh. 

■ 

(Beachlufs.) 

Kap. 3. Vom Glauben an Gott. Speculativ ent- 
steht die Idee Gottes durch Negirung der in der Kate- 
gorie der Wechselwirkung liegenden Naturnothwendig- 
keit. Die Welt, als nicht bestimmt durch wechselseitige 
Naturnotwendigkeit, ist geschaffen , also bestimmt durch 
Gottj die Ursache der Welt. Diese Hauptidee 
wird dann nach den Verneinungen in den übrigen Kate- 
gorien näher bestimmt: quantitativ als das einige, ein- 
zelne, einfache Wesen, qualitativ als absolute Realität, 
modalisch als nothwendiges Daseyn. Dieses höchste Ideal 
der Vernunft mufs gegen Einmischungen und Entstel- 
lungen der Wissenschaft hauptsächlich dadurch gesichert 
werden, dafs der Theismus gegen alle panthei- 
stischen Ansichten behauptet werden, d.h. dafs Gott 
als Ursache der Welt (also als Wesen über der Welt), 
nicht als Substanz der Welt (also Wesen in der Welt) 
aufgefafet werde. So darf Gott der Qualität nach nicht 
als Allheit der Dinge, als Inbegriff aller Realitäten, son- 
dern als unbeschränkte Realität, als Negation aller Be- 
schränkungen der Realität gedacht werden. Eben so 
mufs die Idee Gottes in den übrigen Kategorien nicht, 
durch Ergänzung oder Vollendung, sondern durch Ne- 
gation aller Beschränkungen des Endlichen gebildet wer- 
den. Für den Ausspruch der Idee Gottes ist allerdings 
das Bildliche unvermeidlich, aber nur ein psychischer 
Anthropomorphismus ist zulässig, durchaus verwerflich 
sind alle mathematischen Bestimmungen aus der äufseren 
Natur. Daher warnt der Verf. hauptsächlich gegen die 
Vermischungen der Gotteslehre mit der Naturlehre , wie 
sie in der naturphilosophischen Mystik Jac. Böhmes 
und Sendlings vorkommen. — Was die Beweise 

XXVI. Jahrg. 7. Heft. 46 



722 Fries, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Theil. 

für das Dasein Gottes betrifft, so zeigt der Verf. 1) rein 
logisch die Unmöglichkeit derselben, und 2) prüft er 
die gewöhnlichen Beweise metaphysisch, einestheils ihre 
Nichtigkeit als Beweise, anderntheils ihre theil weise 
Wahrheit als Erörterungen der Idee Gottes aufweisend. — 
Für den speculativen Ausspruch der Idee Gottes stellt 
der Verf. zwei Hauptgedanken auf. Gott ist nämlich 
1) Schöpfer und Erhalter der Welt, 2) Herr des Schick- 
sals und Lenker der Vorsehung. Um diese Vorstellungen 
von Naturbegriffen frei zu halten, ist 1) die Schö p f un g 
nicht als ein Act in der Zeit zu denken, sondern als 
ewige Schöpfung, aufser der Zeit, aber auch die Welt 
darf man nicht als ewig neben Gott denken, und Gott 
nur als ihren Ordner, sondern die Schöpfung aus Nichts 
ist hier der rein ideale Gedanke. Bei dieser Gelegenheit 
erklärt sich der Verf. über die Wunder dahin, dafs sie 
nur dichterisch gelten können, als Ahndungen des Gött- 
lichen in den Erscheinungen der Natur, eigentlich ge- 
nommen aber etwas ganz Undenkbares sind, weil die 
Vernunft gar nicht das Vermögen hat, etwas in der Natur 
zu beobachten, was doch gegen die Naturgesetze wäre, 
da diese Naturgesetze die (subjektiv) nothwendig-en 
Grundformen unserer Erkenntnifs, also die Bedingungen, 
unter denen Beobachtung von Naturerscheinungen für uns 
möglich ist, und nicht objektiv gültige Gesetze des We- 
sens der Dinge. 2) Die richtige, rein ideale Ansicht 
von der Idee Gottes zu dem Schicksale ist die, dafs 
das Schicksal und dessen Notwendigkeit die subjektive 
(modalische) Notwendigkeit der Naturgesetze ist: eben 
diese aber ist für die Idee zu negiren, Gott also steht 
über dem Schicksal. Dies gilt nicht allein gegen den 
gemeinen Fatalismus, sondern auch gegen unsere neuere 
Natur- oder Identitätsphilosophie, die Gott einem hö- 
heren Gesetz (Schicksal) unterwirft und ihn durch dies 
Gesetz zwingt, sich so und so zu offenbaren, sich selbst 
zu setzen u. s. w. (so entsteht der Hegel'sche Gott nach 
den Gesetzen der dialektischen Bewegung des Denkens), 



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Fries, Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Theit. 723 

Die Idee Gottes als Lenkers des Schicksals mufs sich als 
sittliche Ordnung aussprechen, deren Herr Gott ist; aber 
auch darin ist ein nur bildlicher Anthropomorphismus, 
der von dem Bilde eines menschlichen Staates herge- 
nommen ist. — Damit werden wir zu der praktischen 
Bedeutung der Idee Gottes hinübergeführt, nach wel- 
cher Gott als Gesetzgeber, Beherrscher und Richter im 
Reiche der Zwecke, in der sittlichen Ordnung der Dinge, 
zu denken ist. Die reine Grundidee darin ist aber die 
Idee vom höchsten Gute. Hier ist das subjektiv be~ 
stimmte höchste Gut , das Sittliche, die Tugend, strenger 
zu unterscheiden, als es gewöhnlich geschehen ist von 
objektiv, d.i. religiös, nach dem Zweck der Welt be- 
stimmten. Ferner sind aus dieser Idee des höchsten 
Gutes als Zweck der Welt alle sinnlichen Elemente von 
Gifickseligkeit ganz zu entfernen, und namentlich auch 
die Kantische Ansicht von der Vertheilung der Gluck- 
seligkeit nach Würdigkeit. Objektiv läfst sich der Zweck 
der Welt nicht wissenschaftlich erkennen, sondern es 
läfst sich nur im Glauben rein ideal anerkennen, dafs 
die Welt, ihrem Seyn an sich nach, der Idee des höch- 
sten Gutes entspreche — und darin liegt die höchste 
religiöse Idee, die Idee von der besten Welt oder 
der Optimismus, unter dieser Idee aber giebt es nur 
eine ästhetische Unterordnung, nur in der Ahndung läfst 
sich in den Erscheinungen der Natur und des Menschen- 
lebens die absolute Zweckmäfsigkeit wieder finden. So 
bleibt als höchstes Geheimnifs in den Ideen der Welt- 
regierung die Zulassung des Bösen im Verhältnifs 
der Idee von der besten Welt stehen, das durch keine 
Theodicee gelöst werden kann; und als derächt reli- 
giöse Glaube an die Vorsehung gilt die reine Entsagung 
auf alles irdische Gluck bei voller Hingebung an die 
weltbeherrschende ewige Liebe. Diesen Gedanken spricht x 
die folgende Stelle sehr schön aus, die den Schlufs der 
Glaubenslehre ausmacht (S. 155.) : „Wir glauben an Vor- 
sehung und allgütige göttliche Weltregierung, deren 
ewiger Liebe wir uns treu und demüthig unterwerfen. 



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724 Frie«, Handbach der praktischen Philosophie, Zter Theil. 

Aber wir suchen die Hülfe dieser Idee nicht in dieser 
Zeitlichkeit hoffend oder gar durch Gebete schmeichelnd, 
sondern im Glauben an ewige Wahrheit und ewige Selbst- 
ständigkeit des Geistes, kraft deren uns die ewige Gute 
Rechtfertigung und Heiligung möglich halten wird. Alles 
kommt uns hier darauf an , gegen Opferdienste und Ent- 
sfindigungsgebräuche nur den Gedanken an die ewige 
Wahrheit festzuhalten. Dieser Glaube soll das Vertrauen 
auf die ewige Liebe seyn, welches dem Menschen in 
Gottergebenheit und Andacht lebt. Nicht Vertröstungen 
auf Gluck und Erdenfreuden sollen wir lehren, sondern 
den einzig reinen Gottesgedanken der Erhebung des 
Geistes über alle Wechsel von Freude und Leid. Nur 
dieser Glaube tröstet in der Zerstörung alles Erdenglucks, 
nur dieser Glaube hat den Tod überwunden." 

Zweites Buch. Schönheitslehre. Um diese 
Anzeige nicht zu sehr auszudehnen, sey von der Schön- 
heitslehre nur das etwas genauer betrachtet , was zur 
näheren Erörterung des Verhältnisses der Aesthetik zu 
der Religionsphilosophie dient. Dafür kommt es zunächst 
auf den Unterschied zwischen logischen und ästhe- 
tischen Ideen an. Bestimmte Erkenntnifs mufs Verei- 
nigung von Begriff und Anschauung seyn: Idee ist die 
Vorstellung dessen, was über die Grenzen dieser be- 
stimmten Erkenntnifs hinaus liegt Logische Ideen 
nun sind Begriffe, die über eine mögliche bestimmte 
Anschauung hinausreichen, wo also dem Begriff der Fall 
der Anwendung in der Anschauung fehlt, ästhetische 
Ideen sind Anschauungen, die Ober bestimmte Begriffe 
hinausreichen, wo also der Fall der Anwendung gegeben 
ist ohne den bestimmten Begriff, worunter er gehört 
Die logischen Ideen gehören dem Glauben, der Glau- 
benslehre, die ästhetischen Ideen der Ahndung, der 
Aesthetik. Zur Schönheit aber kommt es auf zweierlei 
an: 1) auf die ästhetische Idee selbst, 2) auf die Form 
derselben, wodurch sie schön oder erhaben wird. An 
der Form der ästhetischen Ideen ist ferner, wie an den 



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Friet, Handbach der praktischen Philosophie, 2ter Theil. 725 

logischen Ideen, die spekulative and die prak- 
tische oder teleologische Form zu unterscheiden. 
Die speculative ist die der mathematischen Schön- 
heit, in welcher Gestalt und Spiel die beiden Formen 
der Schönheit machen , welche in der Einheit in der 
Anschauung, ohne bestimmten Begriff der Einheit, be- 
steht, und in der äufseren Natur ihre Gegenstände findet; 
die teleologische Schönheit ist die Zweckmäßigkeit in der 
Anschauung ohne bestimmten Begriff von dem Zweck, 
welche ihre Gegenstände hauptsächlich in dem geistigen 
Leben und dessen Analogie in dem Ausdruck des Lebens 
und Organismus in der Natur findet. Die mathematische 
Schönheit gehört dem Geschmack, ihm gefallt das 
Ebenmafs in belebter Gestalt und belebtem Rhythmus, 
die teleologische Schönheit gehört dem ästhetischen 
Gefühl, ihm gefällt das Lebendige für sich und be- 
sonders das Ideal geistiger Schönheit. Vorzüglich diese 
letztere ist es, die zu der Verbindung der Aesthetik mit 
der Religionsphilosophie führt , indem sie die religiösen 
Zwecke der Welt, die als logische Ideen im Glauben 
ausgesprochen waren, in der Anschauung nach ästheti- 
schen Ideen anerkennt, oder, indem umgekehrt in der 
ästhetischen Anerkennvng der Zweckmäßigkeit der Er- 
scheinungen die religiösen Zweckideen lebendig werden. 
Daher sind die religiösen Gefühlsstimmungen auch zu- 
gleich die Grundformen der ästhetischen Ideen. Der 
Geruh Isstimmung der Begeisterung gehören die epi- 
schen Ideen, der Resignation die dramatischen 
Ideen, der Andacht die lyrischen Ideen. — Dies 
Verhältnifs tritt noch klarer hervor durch die kritisch - 
anthropologische Deduction der Schönheit, die der Verf. 
§. 46. liefert Das Reich des Geschmacks gehört dem 
contemplativen Leben des Geistes, dem Herzen oder 
Gemüth , d. h. dem Vermögen der Gefühle von Lust 
und Unlust, der Welt der Wünsche und Hoffnungen, 
im Unterschied von dem Gebiete der That. In dem 
Herzen liegen als ursprüngliche Arten des Wohlgefallens, 
die des Angenehmen, des Schönen, des Guten und der 



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126 Frict , Handbuch der praktischen Philosophie, 2ter Thcil. 

relative Werthbegriff der Vollkommenheit Mit allen 
diesen Arten des Wohlgefallens kann sich das ästhetische 
Wohlgefallen verbinden, in sofern die rein contemplative 
Seite derselben fDr sich, ohne Beziehung auf die That, 
festgehalten wird. Es erhält seine niedrigste Sphäre in 
der sinnlichen Anregung zu Vergnügen und Schmerz; 
darüber erhebt die Phantasie die Unterhaltung, das 
Wohlgefallen an dem inneren Spiel geistiger Thätig- 
keiten untereinander; aus den höheren Werthurtheilen 
entwickeln sich, nächst den Spielen des Scherzes, die 
Herzlichkeit der Liebe und zuhöchst der Ernst des Glau- 
bens. Diese drei beleben alle Dichtung, sie bilden den 
Stoff für die ästhetische Weltansicht. Aber die Erhe- 
bung des reinen Wohlgefallens an dem in sich Schönen 
über den niederen Sinnengeschmack ist die Aufgabe der 
ästhetischen Kritik. Indem sich mit den Interessen der 
Phantasie an blofser Unterhaltung die der Zufriedenheit 
verbinden, und diese ihr höchstes Ideal in der Selbst- 
zufriedenheit, in der Zufriedenheit unter den Ideen des 
Weltzwecks finden , erhält die ästhetische Weltansicht 
ihren Ernst und ihre Vereinigung mit dem religiösen 
Gefühl. Nach ästhetischen Ideen sprechen sich die reli- 
giösen Ideen von dem Weltzweck in geheiligten Sym- 
bolen aus, die für den Gebildeten auch nur als Symbole 
gelten, für den Ungebildeten leicht als ewiges Sejn 
selbst gelten und so zu Aberglauben werden. — Damit 
ist endlich die hohe Bedeutung der Schönheit für das 
öffentliche Volksleben klar: sie liegt darin, dafs die 
religiöse Stimmung sich in der ästhetischen Weltansicht 
abspiegelt und in ihr lebendig wird. „Wir finden daher," 
heifst es S. 177, „unter den drei Elementen der Religion 
die Glaubenslehre mehr als Angelegenheit der Erkennt- 
nifs, die Herzensreligion der Frömmigkeit als eine Sache 
der sittlichen Ausbildung, die Symbolik des Cultus aber 
bleibt die eigen thümliche positive Reli- 
gionsangelegenheit und das Wichtigste in der 
ästhetischen Ausbildung des Völkerlebens. In unserer 
europäischen Völkerausbildung ist freilich die ästhetische 



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v Fric§, Handbuch der pralttUclien Philosophie, 2ter Theil. 727 

Ausbildung des Öffentlichen Lebens von der Gewerbs- 
bildung ungemein zurückgedrängt (Straßenbau und 
Dampfmaschinen können wir erfinden, Kirchen nur erben 
und nachahmen), dabei die Geschmacksbildung im reli- 
giösen Leben von dem verständigen Interesse der Fort- 
bildung der Glaubenslehre Uberwältigt und für die geniale 
Erfindung meist nur untergeordnetes Spiel im Dienst 
der Laune und Mode geblieben : aber die Geschichte 
der Völker zeigt überall, dafs der Genius seine grofsen 
Gestaltungen nur im Öffentlichen Dienste des Volks- 
lebens zu schaffen vermöge, dafs jede würdige Ausbil- 
dung der schönen Kunst nur im Dienste der Religion 
gelungen sey." 

Die Schönheitslehre zerfällt in zwei Abtheilungen: 
Analytik des Schönen und Erhabenen, und 
von der schönen Kunst. Die Iste Abth. handelt 
von den drei ästhetischen Ideen besonders. Kap. 1. Die 
epischen ästhetischen Ideen begreifen dieSchön- 
heit in engerer Bedeutung, d.i. die Anerkennung der 
ewigen Zweckmäfsigkeit in den Erscheinungen, unter 
der Idee der Begeisterung in sich. Dafür betrachtet 
der Verf. näher die Verhältnisse von : Schönheit und 
Annehmlichkeit, Schönheit und Vollkommenheit (Schön- 
heit und Brauchbarkeit, Schönheit und das an sich Gute, 
Schönheit und Regelmäfsigkeit , Schönheit und Leben, 
Schönheit der Seele). — Kap. 2. Die dramatischen 
ästhetischen Ideen erhalten ihre Form in dem Wi- 
derspruch der Erscheinungen gegen die Ideen der ewigen 
Zweckmäfsigkeit, also in dem Zweckwidrigen, unter 
religiöser Idee der Resignation Sie begreifen das 
Komische, Elegische und Tragische in sich. — Kap. 3. 
Die lyrischen Ideen vom Erhabenen sind dieje- 
nigen, in welchen die Ideen der ewigen Wahrheit un- 
mittelbar vergegenwärtigt werden , unter der Idee der 
Andacht, und zwar durch die Anschauung des Grofsen 
als Symbol des Absoluten. — Kap. 4. Von dein Ganzen 
der ästhetischen Weitansicht unter den religiösen Ge- 



72* Frie«, Handbuch der praktischen Philosophie , 2ter Theil. 

inüthsstimmungen. — Diezweite Abtheilung, von der 
schönen Kunst, bestimmt zuerst Kap. 1. den Begriff 
der Kunstschönheit im Unterschied von der Natur- 
schönheit, Kap. 2. entwickelt die Arten der schönen 
Künste, nämlich der Bildungskünste, und der Künste 
des Genies, Kap. 3. handelt von den Aufgaben an die 
Künste des Genies, und zwar im Besondern an die Dicht- 
kunst, Tonkunst, die Schauspielkünste und die bildenden 
Künste (Gartenkunst und Baukunst, Plastik oder Bild- 
hauerei und Malerei). 

Das dritte Buch handelt von den positiven 
Religionen. Sehr gern möchten wir auch den Inhalt 
dieses, an eigentümlichen und höchst wichtigen An* 
sichten reichhaltigen Abschnittes näher angeben, aber 
die unserer herrschenden Denkart zu ungewohnte und 
zum Theil ganz neue Beurtheilungsweise des Verfs. in 
diesen Angelegenheiten würde uns doch zu ausführli- 
cheren Erörterungen nöthigen, als der Raum hier ge- 
stattet. Wir verweisen daher nur im Allgemeinen vor- 
züglich Theologen auf diesen Theil des Werkes, worin 
der Verf. einen reichen Stoff zu neuem Nachdenken 
und weiteren Untersuchungen über die grofsen Fragen 
unserer Zeit, über Vernunft und Offenbarung, positive 
Religion, historische Grundlage der Theologie, Mystik, 
Cultus , und über das Verhältnifs der Kirche zum Staat 
niedergelegt hat 

H. Schmitt. 



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Epistolam Aonii Palearii cmend. ed. Dr. Illgcn, Lip«. 729 

KURZE ANZEIGEN. ' 



Ad memoriam ecelesiae christianae instauratae. Interprete Christ. 
Fr. lllgen, ord. theol. h. t. decano. — Inest Aonii Palearii 
de concilio universali et lib'ero epistola etnendatius 
edita atque praef atione adnotationibusque illustrat a. 
23 & 4. (Leipzig, 21. Oct. 1832.) 

Das Andenken an den vortrefflichen philosophischen Humanisten, 
Palearins, welcher 1570. ein Opfer des vormaligen Dominikaner - 
Inquisitors, P. Pias V., geworden ist, and über welchen schon Baylc 
im Dictionaire einen interessanten, nur in den Jahrzahlen nicht ganz 
richtigen, Artikel gegeben hat, wird von Zeit zu Zeit mit Recht er- 
nenert. 1804. und 1805. gab der freisinnige theologische Humanist, 
Or. Gurlitt im 4. Bd. des Biographen, und alsdann in einem be- 
sondern Programm seine über jenen Märtyrer der Wahrheit gesam- 
melte Nachrichten. Auch das 1. Heft der (leider, nicht fortgesetzten) 
Zeitschrift für gebildete evangelische Christen von Dr. Gieseler 
u. And. gab 1823. Erinnerungen an den edeln Aon ins, welche 
hauptsächlich aus der — in der schönen Amsterdamer Ausgabe seiner 
„ Opera ad illam editionem , quam ipse autor *) recensuerat et auxerat, 
excusa, nnnc novis accessionibus locupletata (ap. Henr. Wetteten ium 
1696. 8.) vorangesetsten — latein. Biographie genommen ist. Diese 
selbst ist so trefflich geschrieben und in gedrängter Kürze so viel 
sagend, dafs sie (etwa mit untergesetzten Erläuterungen und Be- 
legen aus den Werken des P. selbst) besonders abgedruckt zu werden 
verdiente. 

Bei der Inquisition zu Rom .bestund eine Hauptanklage gegen P. 
in dem Vorwurf der ihn damals verfolgenden Franziskaner, dafs er 
cum Germanis , und zwar namentlich mit Oecolampadius, Roterodamus, 
Melanchthon, Luther, Pomeranus, Bucer u. A., qui in suspicionem 
vocati aint, gleich denke. In seiner Selbstverteidigung«- Rede an 
den Senat su Siena (Opp. p. 83.) hatte P. darauf die sehr freimüthige 
Antwort gegeben : Ego vero ex theologis nostris tarn stupidum arbiträr 
esse neminem, qui non intelligat et fateatur, permulta esse in bis, 
quae ab iüis scripta sunt, digua prorsus omni laude. Sunt enim gra- 
viter, accurate et sincere scripta; repetita vel ex patribus Ulis primis, 



♦) Ist diese aus der litterar. Welt ganz verschwunden? Ich be- 
sitze eine Ausgabe Basileae ap. Jo. Oporinum. 61? S. in 8. ohne 
Jahrzahl und Vorrede, die auf italienischem Papier gedruckt 
scheint. r B P, 



730 Epistolam Aonii Palearii emend. ed. Dr. II Igen, Lips. 



qui praecepta nobis salutaria reliqaerant, vel ex coinmentationibua 
Graecornra et Nostrorum hominuro , qui, ctsi com columinibus Ulis 
conferendi non sunt, (in) interpretatione tarnen non negligendi Vi- 
deo tu r. In bis, quae sunt ex commentationibus sumta, qui Gerrnano* 
accusant, Origenem, Chrysostomum, Cyrilluin, Irenaeum, Hilarium, 
Augtistinum , Hteronymum accusant. Quos si cgo mihi ad imitandum 
prnpoaui, quid obtundis? quid garris, quod „iura Germanis sen- 
tiain?" So Faleariue mitten io Italien, ungefähr ums Jahr 1540. 
(Denn, leider, ist keiner seiner Reden oder Episteln eine Jahrzahl 
beigesetzt). 

Einen näheren Beweis, wie herzlich und verständig P. mit den 
genannten Deutschen oder vielmehr mit dem Ernst für das Kirchen- 
verbesserungs- Bedürfnis übereinstimmte, kannte man durch Schell- 
horns Amoenitates historiae ecclesiasticae. T. 1. p. 425 — 462. (173?.), 
wo ein, aber ohne des Verfs. Namen, in mehreren Abschriften an 
die obgenannten Männer, auch an Calvin us und die Schweizer 
überhaupt gerichteter Brief mitgetheilt and commeotirt worden ist. 
Eben diese für die beiderseitigen Reformatoren ehrenvolle Epistola 
giebt nun der — um die theologische Literatur dnreh mehrere der- 
gleichen ausgesuchte Erneuerungen des Altertümlichen (namentlich 
über Soein) und durch Leitung einer fruchtreichen kirchenhistori- 
schen Gesellschaft zu Leipzig und deren Zeitschrift für die historische 
Theologie — sehr verdiente Verf. des hier anzuzeigenden Programms 
deswegen aufs Neue, weil Er aus der Wolfenbüttler Bibliothek durch 
den tbätigen Bibliothekar, Schönemann, eiae berichtigende Abschrift 
von dcrselden erhalten hat. Ein eigenes Verdienst dabei ist die von I. 
vorangestellte historisch beleuchtende Einleitung zu der für die Ge- 
schichte ' des Tridentischen Conciliums zunächst merkwürdigen und 
(p. 11. gewifs mit Recht) in's Jahr 1545. gesetzten Epistola. Dazu 
kommen einige von dem neuen Editor sehr glücklich gemachte Wie- 
derherstellungen der richtigen Lesart in dem Briefe selbst. 

Beiläufig erlaube ich mir noch etliche Vermuthungen zur Be- 
richtigung dieses Textes vorzuschlagen; p. 13. lin. 14. „ itthuic " statt 
„isthuc;" Ii«. 19. „episcopatum" oder vielmehr „ episcopium " statt 
„episcopura ;" p. 14. lin. 1. „ f ae" statt „vel;" p. 14». lin. 8. „ad ser- 
vitium" statt „ad saevitiera;" p. 17. lin. 22. „Pontificis" statt „ pon- 
tificiae;" p. 18. lin. 24. „in loco ad id agendum parato" statt 1. 
quid ag. p. ," lin. 27. „scriptas. Primo loco" st. „scriptas: primo 1.;" 
p. 19. lin. 22. „extiturum" statt „eoram;" p. 20. lin. 4. „asaecuturo*" 
statt „assecutos;" lin. 23. „in quibus nunc" statt „in quibus non." 

Der Brief ist aus Rom selbst und schildert aus naher lebhafter 
Beobachtung, wie sehr Paust Paul III. daran gedacht habe, dafs 
in hoc Concilio de majestate ecclesiae roraanae deque fortunis omni um 
Episcoporum et summorum pontificura agatur. Daraus folgert P. , 
dafs also freilich das Judicium nicht cupiditati episcoporum, qui veluti 



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Epistolam Aonü Palearii emend. cd. Dr. Ulgen, Lips S31 



unum quod dam corpus conficiunt, cujus caput est ponttfex romanus, 
überlassen werden sollte , weil diese membra omnia capiti annexa 
atque allignta inserviunt, quod ejus vita sentiant se quoque percom- 
mode vivere ! P. macht hierauf, eigene, wegen der Lauheit aller 
Zeiten für moralischen Ernst und grundliche Verbesserungen — leider 
unausführbar gebliebene Vorschläge : wie die damaligen Regenten 
durch eine Auswahl der redlichsten Bischöfe, als Schiedsrichter, 
<• wesentliche Kirchenverbesserungen herbeizuführen , Pflicht, Recht 
and Macht gehabt hätten. 

Für uns ist die merkwürdigste Stelle (p. 20.) die so christ- 
liche und verständige Ermahnung gegen die damalige, in Wahrheit 
höchst klägliche Meinungs -Feindschaften zwischen den deutschen 
und Schweizer- Reformatoren selbst, welche grofsentheils nur ein 
transcendent metaphysisches oder supernaturalistisches: Est in den 
Grundtext, wo es nicht ist, hineinzwängen und dann wieder nach 
den verschiedensten Deutungen in ihr vermeintlich christliches Be- 
wurstseyn herausholten. Der bedachtsame und philologisch aufge- 
klärtere Italiener stellt ihnen dagegen höchst eindringlich vor: Omnia 
tarn bona, fratree, imo vero necessaria reip christianae vos assecu- 
turos video , si quas inimicitias habetis, christiana pietate depnnatit. 
Adfertur enim ad nos, nec obscuro, nec vario sermone, magnas con- 
tentiones dissensionesque esse inter vos , quibus discrepantes non in 
unain sententiam sed ne in eundem [quidem] locum possitis con venire. 
Hern! fratres, date hoc Christo nostro saltem pro tempore, ut una 
coneurratur, ne impetum sustinere possint adversarii. St tot tantos- 
que abusus romanae Babyloniae unä rejecistis, si pro apostolicis in- 
stitutis servandis defenjriendoque evangelio una mens est idemque 
animi vestri sensus, quid unum aut ad suramum alterum caput vos 
tantopere distrahit ac disjungit? . . . Colligite vos per Jesum Chri- 
stum .... Defendenda sunt multa ista, quae superioribus annis 
pulchre illustrastis . . . . Si qua interpretationis variettu in aliquo est 
capite scriptorum divinorum , ne confodite vos. Unusquisque in suo 
sensu abundet .... Defendite , tuearaini ea, de quibus non errantem 
et vagam, sed stabilem certamque sententiam habetis. Quos animos 
putatis 8uinturos esse cos horoines^ quos in Italia, Galliis atque Hispa- 
niis scriptis vestris excitnstis, si audierint Germanos non modo non 
esse dissipatoB (quod primo quoque verbo objiciunt adversarii, quo- 
niam „non sit dissensionis" Dens) sed iis Britannos atque Helvetios 

esse conjunetos. Dennoch aber; wer blieb unverbesserlich? Die 

vermeintliche Orthodoxie oder das Rechthabenwollen über Geheim- 
fcenntnissc, welche die Bibel nicht offenbar gemacht hat, worin aber 
die Theologen die eigentlichen Offenbarer werden zu können sich so 
lange beredeten , bis endlich der gerade Menschenverstand darin nicht 
langer ein Unionshindernifs finden zu müssen, zu unserer Zeit über- 
wiegend einsah. 

* i 



Epistolara Aon» Palearii emeod. ed. Dr. Illgen, Lips. 



Merkwürdig ist et, dafs P. in eben dieeera Brief p. 13. tob eich 
■elber schreibt, aU „nobi$, qui pro Christo emori possumus." Diea 
war bekanntlich da« Ende seiner Laufbahn ; das schauerliche Ende 
Eines von Denen, „deren die Welt nicht Werth war." Hebr. 11, 38. 

Unbekannter scheinen die beiden Briefe an seyn, welche 
der edle Märtyrer, mit grabet Moderation , aos dem Gefängnis an 
seine (sweite) Gattin and 2 Söhne geschrieben hat Ich gebe des- 
wegen hier die nicht unmerkwürdige Notia davon, welche zugleich 
1510. (statt 1569.) als sein Todesjahr bekannt macht, aber in Deutsch- 
land, soviel ich sehen kann, nicht in Umltuf gekommen ist, aus 
Novelle Letterarie dell' Anno 1745. p. 328. 329. 330. 

Roma. 

Articolo, e memoria, copiata da un llbro di San Giovanni de'Fio- 
rentini di Roma. 

Luned* a d\ 3. Lnglio 1570. essendo stata chiamata la nostra 
Compagnia Domenica notte venendo 11 Lunedl giorno 3. dl Luglio 
1570. in Tordinona, ne fu dato nclle mani condennato a morte per 
via di giustizia dalli ministri della sacra Inquisizione Messer Aonio 
Paleario da Veruli, abitante in Colle dt Valdenza, quäle confesso 
e contrito domando perdone a Dio, ed alla sua gloriosa madre Ver- 
gine Maria, e a tutta la Corte del Cielo, e diese voler moriro da 
buonCristiano, e credere tutto quello, che crede la S. Roroana Chiesa. 
Non fece teatamento alcuno, se non che ci dette le due sotto scritte 
lottere scritte di sua mano, pregandoci le mandassimo alla moglie e 
figliuoli suoi a colle di Valdenza. 

Copie delle Lettere de verbo ad verbum. 

„Consorte mia carissima. 

„Non vorrei che tu pigliasse dispiacere del mio placere, e a mali 
il mio bene. £ venuta V ora che io passi da gueste vita al mio Signore 
t Padre e Dio. Io vi vo tanto allcgramente , quanto alle nozze del 
Figliulo del gran Re del che ho sempre pregato il mio Signore , che 
per sua bontä e liberalitä infinita mi conceda v Sieche la mia Con- 
sorte dilettissima, confortateci della volonta di Dio, e del mio con- 
tentu, ed attendete alla famigliuola Sbigottita, che resterä, di alle- 
varla e custodirla col timore di Dio, ed esserli madre e padre. Io 
era giä di sextant' anni vecchio, e disutile. Bisogna che i figli con 
la virtü e col sudore si forniscano, a vivere onoratamente. Dio Padre, 
ed il Signore nostro Gesa Cristo, e la comunione dello spirito Santo, 
sia con lo spirito vostro. 

„Roma il dl 3. di Luglio 1570. 

Tuo marito 
Aonio Paleari." 

Sicque l'altra lettera de verbo ad verbum. 

„Lampridio, e Fedro, figliuoli dilettissimi , questi miei signori 
cortesissimi insino all' ultimo non mancaao con esso me della loro 



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Epistolani AonK Palearii emend. ed. Dr. Illgen, Lips. 13* 



cortesia, e im permcttono ehe io vi scriva. Piace a Dio dl cfiia- 
marrai a se per questo mezzo, che voi intendcrete, che vi parra 
aspre cd amaro; che se il considcrate bene, essendo eou mia somma 
contentezza e piaeere, per conformarvi alla volonta di Dio, vi avete 
anche voi ä contentare. La virtu e diligenza vi lascio per patrimonio 
con quelle poche facoltä, che avete. Non vi laacio debito: molti 
chiedono alle volte, e devono dare. Voi siete emaacipati pifc di dici- 
otto anoifa, non siete tenuti a'mici debiti. Quando vi fossero chieiti 
ricorrete a Sua Excellenza il Signor Duca, che non vi lascerä far 
torto. Chiedi a Luca Pridio il conto del dare e avere. Ci sono la 
dote di vostra madre, e di allevare la vostra sorellina, como Dio vi 
darä la graaia «na. Salotate Aspasia, e aor Aonilla, mie figlinole 
dilettissime nel Signore. Uwa mia $i avvicina. Le spirito di Dio vi 
consoli e conservi nella sua grazia. 
„Di Roma il di 3. Laglio. 1570. 

Vostro Padre 
Aonio Paleari." 

Soprascritta. 

„Alla sua carissima Cdnaorte Mariette Paleari e a suoi di- 
lettiMimi figliuoli Lampridio et Fedro Paleari, a Colle vi Val- 
denza, in Borgo vicino a S. Caterina. Qucsta notizia puo servire per 
correggere appresso il Moreri e il Bayle l'anno della morte 
d' Aonio Paleario di cui fu gran disgrazia l'esser viatuto nel se- 
colo XVI. 

Demnach hatte doch (s. Bayle's Diction. unter dem Art. Palea- 
rius) Simler in Epitome Biblioth. Gesoer. recht, dafs 1570. das 
Todesjahr dieses Aoniden war. Von der Inquisition hatte Er schon 
in der Oratio pro Se ipso geschrieben : ut aica ista, districta in omnes 
seriptores , de inanibus eorum eztorqueatur, qui vel levissimis de causis 
crudeluBtme ferire didicerunt. Zu den Stellen der beiden Abschieds- 
briefe aber, in denen Er seinem Tode so wundervoll gelassen entge- 
gen sieht, verdient sehr verglichen zu werden, wie Er im Vorwort 
zu seiner Actio in Pontificea rom. sagt , dafs er diese geschrieben 
habe, ut, si bene instructum ad mortem, mors prior occupasset, 
post mortem etiam prodessem optimis fratribus meis, quorum malis 
Testimonio hoc mederi in Concilio cupiebam. Noch stärker spricht 
Er schon in jener Rede p. 91. dieses aus , wie Er längst zuvor über 
das Märtyrerthum gedacht hatte. Man sieht aus dieser Hauptstelle 
zugleich die Hauptrichtung seiner humanistisch- theologischen Auf- 
klärung und wie Er schon damals das Christenthum als messianische 
Theokratie und die Anwendungen des Lebens und Todes Jesu histo- 
risch aufgefafst hatte. Er beruft eich nämlich auf seine dem Senat 
zu Siena vorgelegte Theologica. „In iis de serie et ordine ez omni 
aeternitate fluenti; de Republica ante mundi prineipia designata con- 
■titutaque a Den, cujus duz, auetor et moderator unus est Christus; 



de lege abrogata, et gravissiino jugo servitutis, disscruimus tantum, 
quantum tenipura haec misera , in quae incidimus permiserunt, non 
quantum certe optabamus , qaod in iis aperiendit locus nullus sit pe- 
riculo vacuus. Sunt eniui homines acerbi, duri, criminosi , apud quo« 
ne parens quidem et Dens salutis nostrae Chrhtus, omnium gentium, 
oronium populorum Res, omni ex parte laudari potest; cujus ex motte 
quanta commoda allatu sint humano generi , cum hoc ipso anno Thusce 
seripsissem, objectum fuit in accusatione. Quid hoc indignius dici, 
aut excogitari potest? Ajebam ego, ab eo, in quo divinitas inesset, 
vita cum sangnine pro saline nostra tarn amanter profusa, nihil noa 
debere (de) coelestium voluntate dubitare , omnia nobis tranquilla et 
quieta posse poUiceri: affirmabam ex monimentis vetustissimis et cer- 
tissimis, finein malorum esse factum, notam omnem deletam iis, qui 
animo in Christum crucifixum conversi, ejus fidei se permitterent, 
acquiescerent promissis, spe pleni haererent in uno, qui fallere nescit 
opinionem. Haec ita amara, dctestabilia , execranda sunt visa XII 
illis, non dico hominibus, sed feris immanissimis , ut scriptorcm in 
ignem deturban 'um ccnserent: quae pocna si mihi obeunda est, pro 
testimonio dicto, quod testimonium existimnri illuil toIo potius, quam 
libellum, nihil est me beatius P. C : neque enim puto Christianuni 
esse, hoc tempore in lectulo mori : parum est accusari, et deduci in cor- 
cerem : virgis caedi, reste suspendi, insui in culleum, feris objici, ad 
ignem torreri nos decet, si his suppliciis veritas in lucem est proferenda. 

Dr. Paulus. 



Staatswissenschaftliche Versuche über St aa t s kr e di t , 
St aatssc hulden und Staatspapiere, nebst drei Anhängen , 
enthaltend zwei üebersichten der englischen und französischen Fi- 
nanzen seit dem eilften Jahrhunderte und eine Zusammenstellung 
aller im europäischen Handel vorkommenden Staatspapiere , von 
Dr. E. Baumstark. Heidelberg, bei G. Reichard. 1833. XX und 
604 & 8. 

Unter diesem Titel hat Unterzeichneter im Frühjahre 1832. eine 
Sebrift dem Drucke übergeben. Da derselbe aufgefordert wurde, 
davon eine Anzeige in diesen Jahrbüchern zu machen, so thut er es 
hiermit, um zugleich die Gelegenheit benutzen zu könneu , Einiges 
der Lesewelt nachträglich mitzutheilen , was ihm zur Kritik dieser 
Schrift nothwendig scheint und in der Vorrede nicht erörtert werden 
konnte. Es giebt der Gründe so viele, warum ein junger Gelehrter, 
besonders wenn er die akademische Lehrerlauf bahn betreten , schrift- 
stellerische Arbeiten veröffentlichen mufs, dafs der Unterzeichnete, 
von dieser Seite vorwurfsfrei, nur darauf bedacht seyn zu müssen 



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Bau in star Ii . staatswissenschaftlichc Versuche. ?&5 

- 

glaubt, dar» die Kritik seine Schrift, was den Gegenstand und die 
Untersuchung selbst betrifft , von dem richtigen Standpunkte aus be- 
trachte. Es giebt aber auch gewisse Gegenstande , über welche nur 
ein geistreicher Mensch schreiben kann und sollte, während man 
jede andere Schrift überhaupt unter übrigens gleichen Umständen 
mit Recht nach der Eigentümlichkeit beurtheilt, womit sie das Bis- 
herige ansieht und Neues sagt. An dieser Klippe scheidert der 
junge Gelehrte am leichtesten , aber auch mancher ältere , und der 
Schiffbruch wird um so unheilvoller, je mühesamer man nach Ori- 
ginalität , Genialität u. s. w. , oder wie diese Eigenschaften alle ge- 
nannt werden , gekrochen ist. Glücklicherweise gehört der Gegen- 
stand obiger Schrift nicht zu jener Classe, sondern vorzüglich zu 
der andern, in deren Behandlung man schon durch Fleifs, Beobach- 
tungsgabe, Kenntnifs der Literatur, der Statistik und Geschichte, 
durch umsichtiges Urtheil und redliche Ueberzeugung von der Wahr- 
heit der ausgesprochenen Meinung Etuas leisten kann. Nach diesen 
letzten Gesichtspunkten wünscht Unterzeichneter obige Schrift beur- 
theilt zu sehen , weil ihn bei der Ausarbeitung derselben das Streben 
nach jenen Eigenschaften beseelte. Oerselbe verhehlt es sich nicht, 
da Ts eine Schrift über diesen Gegenstand nach dem classischen Werke 
von Nebenius nur zu leicht eine llias post Homerum seyn kann, 
und wohl .auch seyn mnfs. Allein dieses Geschick könnte Einen nur 
dann von der Verfassung eines solchen Buches abhalten, weiui man / 
sich zum Zwecke gesetzt hätte, die Sache besser zu machen. Dafs ' 
der Verf. dies nicht von ferne im Sinne hatte, das sieht man leicht 
an der ganzen Gestalt des Buches , welche von jener der Schrift von 
Nebenius ganz abweicht, und an dem Inhalte selbst, da sie, was 
die Darstellung des Unbestrittenen und Unbestreitbaren anbelangt, 
sich in gebührender Bescheidenheit als Schuldnerin bekennt, und 
selbst im Kampfe, wo er Tüchtiges, Ernstes und, wie alles was 
Nebenius schreibt, aus inniger Ueberzeugung Behauptetes betrifft, 
mit mäfsigera Selbstvertrauen ficht, wohl eingedenk, dafs es keine 
Schande ist, in der ersten Schlacht ohne Feigheit der gröfsern Kraft 
weichen zu müssen. Zwei Hauptfragen schwebten dem Verf. vor: - 
welchen Einflufs hat der intellectuelle , moralische, rechtliche, poli- 
tische und wirthschaftliche Zustand des Staats auf seinen Kredit? — 
und welchen Einflufs hat die Benutzung des Staatskredits oder die 
Staatsschuld auf den Zustand des Staates? — Der I. Versuch handelt 
jene Frage in f> Abhandlungen ab, wovon die 5te am voluminösesten 
, werden mufste, da sie alle Gegenstände der Finanzwissenschaft be- 
rührt, und hier insbesondere die ganze Lehre vom Staatssehulden- 
wesen abhandelt Der VI. und letzte Versuch hat die andere Frage 
zum Gegenstande. Da bei beiden Objekten die Grundlagen des Staats- 
kredits und der Staatsschuld auch die Fundamente der Untersuchung 
bilden, so war es natürlich, dafs der Verf. im II. Versuche die 



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736 Baumstark , 



icbe Versuche. 



Frage über die Mitwirkung des Staatsobereigenthumsreehtes beim. 
Staatsschuldenwesen zergliederte. Alle bis hierher erörterten Mo- 
mente concurriren bei der Cursbildung der Staatspapiere ; darum ver- 
suchte es der Verf., im IV. Versuche die Regulatoren des Curses der 
Staatspapiere grundsätzlich zu entwickeln. Dies konnte aber nicht 
-vollständig geschehen, und die Schrift wurde eine Lücke gehabt 
haben, wenn nicht im V. Versuche die Handelsgeschäfte mit den 
Staatspapieren kurz erklärt worden wären, da sie gerade und die 
dahin einschlagenden Operationen den Curs in der Regel am meisten 
verändern. 

So, glaubt der Unterzeichnete, finden sich die Grunde von der 
Entstehung dieser Versuche in ihnen selbst. Nur der III. Versuch — 
der Verf. gesteht es gerne — hat so etwas von einem Fremdlinge 
in der Familie. Doch möchte er als angenommener Sohn um so 
mehr Anerkennung finden dürfen , als sein Wesen mit allen übrigen 
harmonirt 

Anders verhält es sich mit den drei Anhängen, welche wohl 
als drei wesentliche Pfeiler des ganzen Gebäudes angesehen werden 
sollten, da sie die Auszüge aus Vorarbeiten sind, mit welchen sich 
der Verf. zu dieser Schrift vorbereitete. Bei fleifsigen Studien kann 
man um das Material nicht in Verlegenheit seyn ; aber schwieriger 
ist seine Wahl , auch schon darum , weil sie Einem oft wehe thut. 
Darum erklärt Unterzeichneter hier, dafs daraus, dafs er Etwas 
nicht angeführt hat , nicht gefolgert werden kann , er habe es nicht 
gekannt Er will sich aber dadurch nicht für unfehlbar erklären, 
sondern wird vielmehr jede gut gemeinte Zurechtweisung, Mitthei- 
lung und Belehrung, wie schon in der Vorrede bemerkt ist, mit 
dem gröfsten Danke annehmen. 

Auch hier will der Verf. wiederholt um Nachsicht wegen der 
Druckfehler bitten, unter der festen Versicherung, dafs aufser den 
angezeigten in den Zahlen keine vorkommen. Später noch aufge- 
fallene Druckfehler sind unter anderen auch : S. XI. Z. 6. v. unten 
Gefellschaft statt Gesellschart. — S.445. Z. 16. v. unten essectiv 
statt effectiv. — S. 453. Z. 2. v. oben Simonistan statt Simon isten ; 
und Z. 10. v. unten Capitalen statt Capitalien. — S.469. Z.8. v.oben 
Arbeiter statt Anbieter. — S. 528. Z. 13. v. oben Vezsuch statt 
Versuch. — Im ersten Anhange , besonders S. 544. und 545. mehrmals 
in dem stat. Illustr. anstatt in den stat. Illustr. - S. 557. a. 1988. 
statt a. 1683. 

Dr. B. Baumstark. 



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N\ 47. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 



Baptismatis expositio biblica , historica , dogmatica. Scripsit 
Conr. Steph. Matthies. Berlin, bei Laue. 1831. FI II und 
378 S. 8. 

Der Verf. dieser mit auffallender Ausführlichkeit 
bearbeiteten , vermehrten und auf's Neue revidirten Preis- 
schrift giebt nicht an, wie die Preisaufgabe der Berliner 
theol. Facultät gelautet habe. Wir müssen also voraus- 
setzen, dafs dreierlei Beleuchtungen der christlichen 
Taufe, eine exegetische, eine dogmengeschichtliche und 
eine dogmatische verlangt gewesen sev. Der dogmen- 
geschichtliche Theil war leicht zu bearbeiten. Im Exe- 
getischen hängt der Verf. am Herkömmlichen, ermangelt 
noch sehr der logikalischen Methode, unabhängig den 
ursprünglichen Sinn zu erforschen, und mischt überall 
seine Dogmatik ein. Z. B. weil der jüdische Proselyt 
auch eine Waschung (eine Lustration) als Heiligungs- 
zeichen vor dem Opfern an sich vornehmen mufste, so 

, bleibt er geneigt, dies mit der Taufe, wegen welcher 
Johannes doch den unterscheidenden Namen der Täufer 
bekam, doch zu identificiren. Es sey ja doch baptis- 
tnus quidam gewesen (S. 155.). Jesu Worte: ot5r© 
yao %pe%ov taxiv ri{iiv itXrjQGicrai-itaaav dixaiocrvvriv 
erklärt S. 63: ita enim nos decet , omne verum, 
omne justum quod in ritibus inest et comprobare et 
complere, perficere, ad summum gradum veritatis per- 
ducere. Zugegeben, dafs auch in der ethnica et judaica 
religio manches wahr und recht war, woraus könnte 
man denn sehen, dafs Jesus bei dem Ausdruck aaaa 
Sixaiocrvvrj an das Gute in jenen Religionen gedacht 
habe? und wie hätte sein Getauft werden als Bestätigung 
lind Vollendung von jenem verstanden werden können, 
dessen mit keinem Wink erwähnt ist. Dafs die heidnische 
und j üdische Religion deswegen nothwendig gewesen 
sey, weil sine Ulis ipsa religio christiana ab homi- 

rzibns intellectu comprehendi non potuerit , ist eine 

XXVI. Jahrg. 8. Heft. 41 



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108 MaUhief, Eipotitio Baptiimatis bibl. bist, dogmatica. 



dogmatische Fictiou, welche den Grundsatz voraus- 
setzen müfste: Das Wahre kann nicht verstanden werden, 
wenn nicht Irrthum und Halbwahres vorher geglaubt 
worden ist. 

Am meisten zeigt das Ganze, in welche überschwing 
lieh dogmatische Begriffe er selbst eingegangen war. 
S. V. lesen wir: extra religionem nulla est Salus! und 
nach dem Zusammenhang wäre unter religio wenigstens 
das Wesentliche der christiuna fides zu verstehen. Diese 
aber ist dem gröfsten Theil der Menschen seit 18 Jahr- 
hunderten nicht einmal historisch bekannt geworden. Ist 
also denn für alle diese NichtChristen nulla salus? oder 
kann man vielleicht nach dem Verf. auch unwissend die 
wahre Religion haben? Wenigstens lesen wir an der 
nämlichen Stelle „religio hommem veluti inscium 
ad veritatem ducit" Und dies müfste freilich möglich 
seyn , wenn (nach der dogmatischen Erklärung S. 341.) 
die Religiosität dadurch entstünde, dafs der göttliche 
Geist sich selber im Menschen entfalte (sese 
explicet ) und zwar nach S. 303. auf diese Weise , dafs ! 
Gott in der Religion seiner selbst sich be- 

wufst wurde. „Deus m religione sibi est conschts 

• • • » 
sut tpsms. 

Nach der Erfahrung und aller Religionsgeschichte 
erkennen wir, dafs allerdings die Religion in einem Be- 
streben der Menschen, sich mit der Gottheit zu ver- 
binden, besteht. „Religio est intima inter hommem 
et deum conjunetio" Aber immer ist und bleibt diese 
Verbindung eine Vereinigung des Denkens und Wollens, 
nicht ein Verweben und Verflechten der selbst- 
ständigen Wesen ineinander. Wie sehr zieht der Verf. 
das Geistige herab in das Sinnlich -phantastische, indem 
er die Erklärungen geben will: humana natura cum 
divina, et haec cum illa contexitur . . . ipsum per 
deum, qui m komme v er satus humana innectit divinis. 
Solche Miterklärungen, wie wenn durch Religiosität die 
Naturen (Gottes und der Menschen) ineinander ver- 
flochten werden müfsten, würden die besten Menschen 



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Matthie», Expotitio BaptismatU bibl. hitt. dogmatica. 789 

von dem ächtreligiösen Bestreben , im Wollen und Denken 
mit dem Wollen Gottes Eines zu werden, ablenken, wenn 
sie sich bereden Jiefsen, dafs die Religion in einem 
contexere beider Naturen, der göttlichen und der 
menschlichen bestehe und eigentlich nur Gott selbst 
im religiösen Menschengeist Seiner selbst bewufst sey. 

Sehr allmählig, sehen wir in aller Religionsgeschichte, 
werden die Menschen einer würdigen Idee von 
der Gottheit sich bewufst. Aus den unvollkommenen 
Anwendungen der menschlichen Verständigkeit und Ver- 
nunft werden die so lange von der vollkommneren Idee 
über Gett in vielerlei Abstufungen entfernte Religionen 
begreiflich. Wenn aber Gott selbst in der Religion sich 
seiner selbst bewufst wurde, so müfste ja wohl die Gott- 
heit sich ihrer selbst richtig bewufst, und dieses ächte 
Selbstbewufstseyn Gottes müfste wenigstens in dem We- 
sentlichen jeder durch Gott in den Menschen entste- 
henden Religion rein enthalten and den Menschen in's 
Bewufstseyn gebracht seyn. Da dies aber nicht so ist, 
so müfste es unbegreiflich bleiben, warum die Religionen 
in der Wirklichkeit meist ein der Gottheit so unwürdiges 
Bewufstseyn vom Göttlichen , besonders vom Heiligen , 
enthalten. Wenn Gott es ist, der in der Religion „sibi 
est conschzs seu ipsius" so müfste ein unwürdiges Be- 
wufstseyn von der Gottheit entweder unter den Menschen 
gar nicht statt finden, oder die Schuld müfste auf die 
Gottheit fallen, dafs zwar sie selbst ihrer in der Religion; 
richtig bewufst würde, eben dieses Bewufstseyn aber 
nicht in dem Menschengeist entfaltete, welcher doch die 
Religion nur durch sie bekommen und haben könnte. 
Denn nach S. 304. religionis idea ab aeterno in hi- 
storia est expUcita , quam detss in aeternum in 
homine sese revelaverit. Wer mufs nicht mit Erstaunen 
fragen: Ist denn die historia — ab aeterno, wie 
sie doch seyn müfste, wenn religio in ihr ab aeterno 
(und in aeternum) explicita seyn sollte. 

Diese sonderbare Verwicklungen der Begriffe ent- 
stehen blos dadurch, dafs Gedanken , die aus Begriffen, 



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740 Matthiw, Expositio BaptUmatis bibl. hist. dogmatica. 

Ideen und Sätzen bestehen, und nur sind, wenn sie von 
Denkenden gedacht werden , in jener mehr poetischen , 
als philosophischen Sprache und Lehrmethode immer 
personificirt , und unvermerkt so behandelt werden, wie 
wenn sie etwas an sich Bestehendes , Handelndes und 
sich Mittheilendes wären. Dazu kommt, dafs alle Augen- 
blicke Aehnliches mit Aehnlichem verwechselt und da- 
durch als identisch behandelt wird, so dafs, wenn zwei 
Begriffe ge wisser mafsen einander gleich sind, sie 
plötzlich in ganz anderer Beziehung identificirt werden. 
Ein solches Phantasiespiel ist es, wenn S. 304. gesagt 
ist: „Es war von Ewigkeit her nur Eine Religion" 
(= nullt tempori obnoxia), oder: Eine und ebendie- 
selbe Idee von Gott hat nach und nach in allen Religionen 
sich selbst entfaltet und geoffenbart. Eine Idee kann 
nicht sese explicare et revelare. Jede Idee (oder 
Vernunftanschauung eines Möglichen, welches entweder 
um der Vollkommenheit willen wirklich ist, wie die 
Gottheit — oder sevn und werden sollte) — ist nir- 
gends als in dem Geiste, in welchem sie (mehr oder 
weniger vollkommen) gedacht wird; und so ist sie immer 
Gedanke der sie denkenden Geister. Man kann veran- 
lassen, dafs ein Anderer, welcher denken kann und will, 
eine gleiche Vollkommenheitsidee denke, aber überall 
und in jedem Einzelnen ist sie doch nur Gedanke, so 
erhaben, aber auch so manchfach gedacht, als der ein- 
zelne Geist zu denken vermag. Ebenso ist auch die 
Religion, als eine andächtige Erhebung des Geistes 
zu der Idee des Vollkommnen, nirgends wie ein an- 
sich-seyn, wie ein ab aeterno esse, sondern nur in 
jedem einzelnen Geist vermittelst seines Strebens, das 
Vollkommene, besonders das Heilig- vollkommene , zu 
denken und ihm sich selbst verähnlichen zu wollen. Ideen, 
wie etwas an sich Bestehendes, sich Mittheilendes und 
sich selbst Entfaltendes zu behandeln, wäre eine poe- 
tische Methode zu philosophiren, die gar zu schnell in 
das Phantasiren unendlicher Folgerungen übergeht. Wenn 
nämlich nach §. 31, in der Religion sich Gott seiner 



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Mattlües, Expositio Baptismatis bibl. bist, dogmatica. 741 

selbst bewufst würde, so müßte also Gottes Bewufstseyn 
voo sich selbst in jedem Religiösen gerade so seyn, wie 
es der Geist desselben fassen oder wie es sich selbst in 
diesem entfalten könnte. Wäre alsdann dies nicht ein 
eigentlicher Pantheismus von der sonderbarsten Art? 
Ueberall, in jedem Einzelnen, müfste das Selbst bewufst- 
seyn der Gottheit seyn und , weil doch alle diese Geister 
unvollkommne Individuen sind , so müfste es in jedem 
ein anderes seyn, nämlich ein mehr oder weniger voll- 
kommen sich Entwickelndes. Der Verf. setzt sich auch 
ausdrücklich S. 305. eine tota idea der religio aeterna 
aus den variis explicationis momentis zusammen, in 
denen sie in plures religiones non divisa quidem , 
sed . . posita (oder gradweise collocata) sey. So 
fuhrt die Phantasie, als die Philosophie, in die nicht 
platonische, sondern alexandrinisch - scholastische Ver- 
wandlung der Ideen in Substanzen, die in Gott subsi- 
stieren und sogar aus dem Bythos emanieren sollen. So 
weit bringt man es, wenn die Jugend sich im Phanta- 
sieren immer nur Möglichkeiten wie Wirklichkeiten er- 
scheinen läfst und sich ihrer Sonderbarkeit freut, weil 
man das beurtheilende Reflectieren in einen Mifscredit 
bringt, woraus selbst bis in das gemeine Leben hinein 
die gröfsten phantastischen Unklugheiten entstehen. 

— Etwas sehr Wahres, sagt der Verf. S. 347, dafs 
die christliche Religion die Religion des Geistes 
seyn soll. Nur der Geist nämlich ist fähig, ein Ideal 
der Vollkommenheit zu denken und zu verehren, nur 
der Geist also vermag sich zu Gott zu erheben; und das 
Christenthum will, was in keiner andern Volksreligion 
klar wurde, dafs der der Heiligkeit fähige Menschen- 
geist sich selbst als das Höchste im Menschen erhebe, 
wollend und denkend alle andere Kräfte sich unterordne, 
und dadurch sich dem Göttlichen möglichst verähnliche. 
In diesem Sinne stimme ich dem Verf. sehr bei, wo er 
sehreibt: Christianus, qui Deum colit, totus in spi- 
<r itu ine 88 e ac per eum nummi debet decedere. 
Auch ist es eben so gewifs, dafs der Menschengeist sich 



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UZ Matthice, Expoiitio BapttimatU bibl. hht. dogmatica. 

die Gottheit soviel möglich als den „vollkommnen Geist" 
fcu denken habe. Aber um so weniger ist diese psycho- 
logisch nnd moralisch wichtige Beschreibung dessen, 
was der Menschengeist nach Jesu Aufforderung „im Geist 
und in der Wahrheit seyn und thun" solle, so umzu- 
kehren, dafs am Ende der religiöse Geist des Menschen 
Nichts seyn müfste und nur Gott als Geist etwas in ihm 
wäre. Um acht gut und rechtschaffen = aya^og xai 
dixaiog zu seyn, mufs der Geist sich gleichsam in sich 
selbst zurückziehen und fragen, was er, wenn er nichts 
als Vernunft und Verstand wäre, als recht und gut er- 
kennen und wollen würde. Dieser geistigen wohlbe- 
dachten Entscheidung ist das Sinnliche unterzuordnen. 
Der Geist regiert es alsdann so, dafs es, um ohne ver- 
werfliche Nebenrücksichten das geistig anerkannte Mög- 
lichbeste zu verwirklichen, auch alle sinnliche Kräfte 
anwendet. 

Aus des Verfs. Umkehrung der Begriffe entsteht es, 
dafs S. 348. sagt: Dens in komme se ipsum amat 
(wie wenn Gott als der gröfste Egoiste zu denken wäre ! 
womit verbunden wird: homo Dei sprritum sentit in 
se versantem — wie wenn eigentlich nur Gott als 
Geist im Menschen umginge?) 

Vermöge solcher ungehinderter Bewegungen der 
Phantasie im Absoluten werden S. 366. auch sonderbar 
versinnlich ende, Idealisir ungen der Trinitätslehre gefol- 
gert. Die infinit a substantia, in welcher vere-Esse et 
Cogitare einerlei sey, ist dem Verf. der Vater. (Dies 



ewigen Akt, sich ans sich selber heraus au manifestiren, 
aeterno se ex semetipso manifestandi actu, könne dann 
dieser Gott nichts, als sich selber zeugen = nihil 
nisi se gignere, und dies sey unigenitus filius , in 
omnibus rebus creatis omnipraesens , ab omni fine 
Uber, suaque sponte in onrne tempus agens; wozu bei- 
läufig noch zu bemerken ist, dafs die Zeit aus der 
Ewigkeit Gottes hervorgebt, aber auch Eine ewige 
Zeit ist, die von den drei Dimensionen, Gegenwart, 



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MaUhics, Expoeitio Baptismatis bibl. hitt dogmatica. 743 



Vergangenheit und Zukunft frei (und doch eine Zeit?) 
wäre. 

Wie denu nun aber das dritte? S. 367. antwortet: 
Weil ferner Gott nicht nur wi se , sondern auch aus 
sich selbst sey, so sey er zugleich einzig für sich 
selber ss pro semet ipso, nec pro alio quoquam; 
folglich sey pater pro filio et filkts pro patre, damit 
alles m creata universitate ad patris substantium [sub- 
stantiam't] zurückgehe. Nun aber, weil das absolute 
Seyn Gottes sein Cogitare ist, dieses Cogitare aber die 
reaUtas Dei und beides, das Esse und Cogitare nur 
für sich selbst (pro nullo alio) ist, so sey inßnito 
atque aeterno utriusque complexu vel mutuo alterius 
ad alterum motu Gott auch — sanctus amoris 
Spiritus; und weil pater infinitus satis est aeterno 
filio und filius in omne tempus satisfacit patri 9 so 
sey dieser Gott als heiliger Geist omni in gener e 
beatus. 

Wäre alles dieses mehr ein wirkliches Philosophiren 
als ein Phantasiespiel (welches deswegen auch bald so, 
bald anders ^gestaltet erschien), wer wurde alsdann doch 
auf irgend eine Weise wahrscheinlich machen können, 
dafs den Urchristen bei der Taufformel Jesu Christi etwäs 
dieser Art zu denken möglich gewesen sey? Was ge- 
schieht also durch dergleichen Deutungen anderes, als 
dafs man drei urchristlichen Worten ,drei Deutungen bei- 
legt, die, wenn sie äufserst richtig wären, doch gewifs 
im Urchristenthum und lange nachher nicht geahnet wer- 
den konnten? Auf jeden Fall wäre also das Urchristen- 
thum durch seine drei damals ganz anders verstandene 
(Einweihungs-) Worte nur die Veranlassung, dafs auch 
das Philosophiren in und^aus dem Absoluten eine Trias, 
aber eine ganz andere , denkbar machte. Dadurch möchte 
dieses Philosophieren zwar sehr mysteriös und daher für 
unsere ubervernunftige und verstandesscheue Decenjiien 
empfehlenswerth scheinen, doch in Wahrheit nicht christ- 
lich werden können, während Denen, welche die ur- 
christliche Bedeutung der Drei in der Taufformel histo- 



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?44 Matthies, Expositio Baptisinatis bibl. hiat dograatica. 

risch - exegetisch suchten, wenigstens der gute Wille, 
die urchristliche Dreieinheit zu finden und verständig zu 
lehren, inwohnte. 

Manche Gnostiker (nach Kräften tiefsinnende Gott- 
heitskenner) des Alterthums waren offenbar schon auf 
jener Bahn. Nur sahen und zeigten sie, dafs, einmal 
ins Abtolute eingegangen, man schwerlich einen Grund 
habe, dasselbe auf eine Dreiheit einzuschränken. Zeugt 
der Vater sich selbst (nihil, nisi se gignens — p.366.) 
als Vnigenitus filius, und ist das wechselseitige „Ge- 
nugseyn" des Vaters für den Sohn und „das Ge- 
nugthun" des Sohns für den Vater der heilige 
Geist — der Liebe (S. 36T), warum sollte nicht 
infinito et aeterno hör um trium complexu vel mutuo 
aUerius ad alterum motu, wie Liebe, so auch Glaube 
und Hoffnung (welche vereint in Gott ewiges Ver- 
trauen auf sich selbst sind) als ein Viertes in der Ewigen 
Causa 8ui, aus dem Seyn, Denken und Lieben ewig 
sich erzeugen und ewig erzeugt seyn? Oder warum 
soll das Esse, als Cogitare (als = Geistseyn), sich 
nicht selbst als ein Scire und Velle (= in ein Rich- 
tigwissen und ein Heiligwollen) unterscheiden müssen , 
und dadurch schon eine Dreiheit in sich selbst haben, 
zu welcher sich die Liebe als ein viertes, Einigendes, 
der Glaube aber als ein fünftes, verhalten möchte? 
und dergl. m., bis vielleicht das Philosophiren, sich im 
Absoluten immer mehr umschauend, mit Apokal. 1, 20. 
und 4,5. wenigstens auf die Siebenzahl der rcteu- 
p,ara tov §eov kommen könnte. 

Ich beabsichtige nichts weniger, als eine Ironie geg;en 
den Verf., von welchem, da indefs die Vorlesungen He- 
gels über Religionsphilosophie gedruckt erschienen sind, 
klar ist, dafs er dortige Hauptgedanken mit Ernst ge- 
fafst und in der Kürze zum Theil deutlicher, als der 
erste Offenbarer , ausgedrückt hat. „ Qui vero ideam 
divinum objective scse explicantern, divinum f»er 
res mundanas triumphum ag entern , vohierit con- 
templari , ad quem alium virum " sagt S. 306 , eum 



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Metthies, £spoftitio Baptismaüs bibl. hiat. dogmatica. 145 

— 

debemus relegare (?) nisi ad Hegelium , qui tum 
de plurhnis philosophiae locis, tum de hoc mprimis 
argumenta , ut eo dignum est , exposuit m Phaenome- 
nologia p. 625 — 741" (Die Phänomenologie ist be- 
kanntlich schon vom J. 180?.) 

Meine Absicht ist nur auf die Stellung und Methode 
der verschiedenen Bearbeitungen der Theologie, wie sie 
sich unter uns zeigen , nach einem Hauptunterschied auf- 
merksam zu machen. Dafs sie, die christliche Theologie 
als Wissenschaft, oder wenigstens als ein Streben nach 
Wissenschaft über das Verhältnis des Menschen zu Gott, 
zwar das Kunstloswahre der urchristlichen Bibelreligion 
empfinden und verehren wolle, doch aber über das Po- 
puläre (der Volksverständlichkeit angemessene) hinaus- 
gehen müsse, liegt im Begriff der Religionswissen- 
schaft. Die Frage und Zeitaufgabe ist folgende: 

Ist es richtiger und besser, anzuerkennen, dafs in 
sehr allmähligen, also nicht infalliblen Fortbildungsstufen 
die biblische Religionsoffenbarung vor und nach Jesus 
Christus dem menschlichen Gemüth das, was darüber 
der Menschenverstand fafste und das Menschenherz mit- 
empfand , in Lehren und hauptsächlich im Leben, im 
Thun und Leiden der Besseren vorgehalten hat? Ist es 
besser, daraus zu folgern, dafs wir also auf dieser be- 
gonnenen biblischen Bahn und in jener der Erfahrung 
und der Verständigkeit gemäfsen Richtung, rationell 
fortzuarbeiten haben, das ist. dafs man mit Anwendung 
aller der menschlichen, zum Erkennen und Wollen des 
Wahren und Guten wirkenden Kräfte, regelmäfsig und 
lebenskundig fortrücke? Ist es demnach besser, dafs 
man z. B. dem Alten nicht das Neue entgegensetze, aber 
auch das Neue (von religiösen Einsichten und Empfin- 
dungen) durch das Alte nicht hindern lasse, dafs man 
z. B. durch die Auctorität des Ueberlieferten die Neuerungs- 
sucht zwar zurückhalte und besonnener mache, aber auch 
der Tradition durch so manche unläugbar neuentdeckte 
Wahrheit die Anmafsung einer unverbesserlichen Infalli- 



746 Matthie«, Eiponitio Bffptisniatie bibl. hist dogmatica. 



bilität abgewöhne, dafs man aber hauptsächlich in allem, 
was doch als Religionsüberzeugung zum allgemein an- 
wendbaren Wissen gehört, auf Verständigkeit (um gründ- 
lich zu überzeugen) und auf Verständlichkeit halte, um 
nicht blos Worte, sondern das Verstehen zu verbreiten? 

Oder kann und wird es richtiger und besser seyn, 
wenn man ebenfalls bei dem Biblischverständlichen , als 
dem Populären, nicht allein stehen zu bleiben, sondern 
zu wissenschaftlicher Ueberzeugung weiter fortzuschreiten 
entschlossen ist, aber durch ein Uebersch reiten in's Ab- 
solute in weit mehr Mysteriöses und eigentlich in selbst- 
gemachte Mysterien, wozu aus dem Lirchristlichen höch- 
stens einige Namen geborgt werden, überzugehen strebt 
und dann doch von einer religio spricht , extra quam 
nulia salus est 9 und welche also doch für die Gottan- 
dächtigen allgemein wahr, fafslich und anwendbar seyn 
müfste ? 

Alle diese Freunde einer christlichen Religionswis- 
senschaft wollen von dem Biblisch bekannt gewordenen 
ausgehen. Der Exegisierende und Rationalisireude Theil 
erforscht, was dort durch Wort und That wirklich als 
Religion gelehrt worden sey, unterscheidet aber das gei- 
stig bleibende und wesentliche von Zeitmeinungen, welche 
jedoch damals nicht blos Einkleidung, sondern buch- 
stäblich geglaubt waren (wie Dämonologie, Messianische 
Herrschafts - Parusie u. s. w.) Durch Abscheidung sol- 
cher Zeitmeinungen zeigt er das Wesentliche als desto 
glaublicher, und vereinigt damit alles, was in 18 Jahr- 
hunderten weiter als wahr in religiöser Beziehung aner- 
kennbar wurde und werden kann. Der idealisirende Theil 
der deutschen Theologen dagegen nimmt auch die Zeit- 
meinungen, oft (wie in der Trinitäts- und Gottversöh- 
nungslehre) blofse patristische , nichtbiblische Denk- 
versuche auf, und behandelt sie wie Symbole von ge- 
heimnifsvollen Theilen der Gottesidee, die man entweder 
durch ein Hineinversetzen des endlichen Geistes in Gott 
als absoluten Geist entdecke, oder aus einem sogenannten 



Matthie* , Expositio Baptismatis bibl. bist, dogmatica. 74? 

christlichen und kirchlichen Bewufstseyn hervorrufe, 
immer aber als das christlich tiefste zu glauben habe, 
ungeachtet sie im Urchristenthum nicht so gedacht und 
Dicht so denkbar waren. 

Der Verf. giebt schon im Eingang S. 2. zur Recht- 
fertigung solcher gewagter Ausdeutungen ein eigenes 
Bekenntuifs. Das N. T. nämlich ist ihm wohl „das hei- 
lige Denkmal, wodurch Gottes Wort aufgezeichnet" auf 
uns kömmt. Es enthalte nicht nur alles, was zum from- 
men Glauben hinreicht, sondern auch die Summe aller 
christlichen Dogmen , aber — wohl zu merken ! alseine 
summa nondurn plane exposita. Nach S. 5. ist 
sogar der einfache Glaube oder das Wesentliche (sub- 
stantia) in der Bibel nondum accurate explicata. Daher 
ist ihm dann die Kirche die weitere Erklärerin und 
zwar nicht durch die ratio, welche alles durch Eintei- 
lung erläutere und die Einheit zum Zweck habe (in 
ecclesia ratio rem per partes explanet, solam ad 
impetrandam unitat em tendens) , sondern auch dadurch, 
dafs der heilige Geist eine zweite und höchste Ein- 
heit gewähre, und endlich eine vollständige Vollendung 
der Wahrheit bewirke = altera autem fidei unilas, 
quae summa est, per divinum spiritum impetratur . . 
qui planam denique Verität is perfectionem efficit. Man 
sieht also wohl, dafs erst die Kirche und in ihr der 
heilige Geist die religiöse Wahrheit vollends zur Per- 
fection bringen soll, welche in der Bibel nondum plane 
explicata wäre. Unstreitig kann das theologische Nach- 
denken nicht auf das , was schon vor 18 Jahrhunderten 
Ober die Religion eingesehen werden konnte, beschränkt 
seyn. Aber sehr bedenklich wäre es zu behaupten , dafs 
dieser zur pleno veritatis perfectio führende Geist 
gerade an die ecclesia (man weifs zugleich nicht, 
an welche?) sich binden sollte. Dies behauptet eigent- 
lich nur die patrtstisch- katholische traditionelle Kirche. 
Nach S. 4. liegt es im Begriff der ecclesia militans, 
dafs sie immer pro vera fide wache. Soviel 
aber Ree. weifs, ist nur in der katholischen Kirche der 



748 Prof. Matth ica Erklärung des Briefs an die Galater. 

Artikel de Ecclesia der erste und eigentlich funda- 
mentale, weil nur eine infallible Kirche immer weifs, 
was, wenn ein christlicher Religionsartikel oppugnirt 
wird, die vera fides sey. Jede andere Kirche weifs, 
dafs zwar in der fides als Treue für den von Chri- 
stus offenbar gemachten Willen der heiligen Gottheit 
Alle ubereinstimmen können, über Wahrheit der 
Glaubensartikel aber nicht das ßewufstseyn , wel- 
ches Alle oder Viele von dem, was sie in sich aufnah- 
men, haben können, sondern nur die wissenschaftlich 
Geübten urtheilen können, ebendeswegen aber nie wie 
infallible Wächter des Wahren auftreten. 

Noch weiter geht der Verf. S. 4 , indem er den i n 
der Kirche wirkenden Geist als den Gottes Sohn 
zu beschreiben scheint. „Nunc per illum spiritum, 
qui aeternus in ecclesia est Dei filius, omnes 
Christi imitatores unum totum constituunt , et alter 
alteri par est; ita, ut neque unus sit dominus, neque 
alter servus , sed omnes ipsi sint tarn servi , quam 
dommi" 

Doch wegen dieses Strebens nach einer plena veri- 
tatis perfectio erwartete Ree. in einer neueren exege- 
tischen Schrift des Verfs. zu erfahren, was denn die 
Kirche und der Geist ihm zu einer genaueren Erklärung 
der urchristlichen substantia fidei entdeckt und gleieh- 
sam geoffenbart haben möge. Aber aufrichtig zu sagen , 
war für mich in der so eben erschienenen 

„Erklärung des Briefes Pauli an die Galater, von C. St. M at thie 8 , 
aufscrord. Prof. der TheoU zu Greifswalde. Mit besonderer 
Berücksichtigung des Comment ars von l^iner. Greifs- 
walde, bei Koch. 1833. 138 & 

nicht eine einzige Stelle zu finden, in welcher Spiritus 
pleniorem veritatis perfectionem effecisse videatur. 
Nicht einmal von den ingeniösen Erweiterungen der 
Dogmatik, welche der dritte Abschnitt der Preisschrift 
nach Hegel und Marheinecke zu geben versucht hat, 
findet sich hier irgend eine interessante Spur. Ueber 



tized byX^oogle 



Prof. Matthies Erklärung des Briefs an die Galater. 749 

die Wahrheit deutet S. 37. auf 3 Quellen, von denen 
aber nur Eine, die längst aligemein bekannte, etwas 
gewähren kann. „In Gott nämlich," wird gesagt, „hat 
die Wahrheit ihren reinen und ungetrübten Urquell." 
Daran zweifelt gewifs Niemand, der irgend wahrhaft 
Gott denkt. Wer aber vermag aus jenem Urquelle zu 
schöpfen? So fort giebt der Verf. eine zweite Quelle. 
Da Gott in seiner ewigen Gegenwart und Wirksamkeit 
Geist ist, so werde gleichfalls die Wahrheit in dem 
Geiste begriffen. Dies sagt mit andern Worten 
wieder das Erste, dafs in Gott (nämlich als Geist) voll- 
kommen die Wahrheit seyn müsse. Wer zweifelt, dafs 
die Wahrheit im Geiste Gottes begriffen werde? Aber 
dadurch, dafs dort alles vollkommen begriffen ist, erhält 
doch unser Geist von dem allem noch keinen Begriff. 
Das dritte ist, dafs die in dem Vater unmittelbar 
begründete Wahrheit nun als die von dem Vater 
empfangene in dem Sohne offenbar geworden sey, 
die Substanz des Evangeliums ausmache und mit dem 
angeeigneten Evangelio zugleich Eigenthum des Men- 
schen werde. (Was erhalten wir denn nun durch diese 
künstliche weitläuftige Umschreibungen über die Wahr- 
heit anderes, als was immer ganz einfach zu sagen ist, 
dafs das Urchristenthum über die Religion mehr Geistig - 
wahres gegeben habe, als die Menschen sonst aus dem 
Geiste oder aus Gott selbst zu schöpfen vermocht hatten?) 
Was an dieser Nachweisung einer dreifachen Wahrheits- 
quelle wahr ist, erscheint als gar nicht neu, wenn gleich 
verkünstelter ausgesprochen; was aber neu daran wäre, 
die Entdeckung einer ersten und zweiten Wahrheits- 
quelle, ist leider weder wahr noch nutzbar. Wenn in 
Gott die Urquelle die Wahrheit ist, und auch Gott als 
Geist sie haben mufs, so wird dadurch gar nicht auf- 
gehellt, wie wenn Der, welcher im Neuen Testament 
als Gottes Sohn zu uns redet, diese Wahrheit aus der 
Urquelle hatte. Wir erfahren nur beiläufig und dunkel, 
dafs der Verf. Gott und Vater und Geist eigentlich iden- 
«ificirt, indem er die Wahrheit als unmittelbar in dem 



t 



750 Prof Matthics Erklärung det Brief« an die Galater. 

Vater begründet und in Gott als Geist begriffen angiebt 
Da er alsdann die in dem Sohne offenbar gewordene nur 
eine von dem Vater empfangene nennt, so kömmt dieser 
Sohn in eine Abhängigkeit, welche schwer zu denken 
wäre, da ihm S. 21. eine Wesensgleichheit zuer- 
kennt, welche der Sohn mit dem Vater t heile. Der 
philosophirende Verf. vergifst demnach, dafs zwar bei 
allen andern Wirklichkeiten das Wesentliche (z. B. die 
Menschheit, die Thierheit) etwas Generisches ist, wei- 
ches in den einzelnen Dingen individuell existirt, und 
nur von den Denkenden dorther als das den Einzelnen 
gemeinschaftliche in Einen Gedanken, in einen Gattungs- 
begriff, zusammengefafst wird, welcher aber als gene- 
risch keine Substanz ist. Gerade das Wesentliche der 
Gottheithingegen, oder die Ali Vollkommenheit, ist nicht 
als etwas Generisches, welches also in mehreren gleich 
sehr existiren könnte, sondern nur als die höchste Eine 
Substanz denkbar. Deswegen sagte die Kirche nicht: 
Der Vater und der Sohn habe gleiches Wesen, so 
dafs die essentia divma (die Gottheit) im Vater wie in 
dem Sohne sey (wie das generische Wesen Menschheit 
in a, b, e. individualisirt seyn kann und alle Menschen 
ejusdem essentiae , öfxovaiot sind.) Vielmehr sagte 
die orthodoxe Kirche und mufste, wenn sie ihre wissen- 
schaftliche Terminologie verstand , sagen : Vater und 
Sohn und Geist seyen Ein Gott, weil sie nicht etwa nur 
einander wesentlich gleich, sondern weil sie zu- 
gleich; öfjiov nur seyen in Einem und ebendemselben 
Wesen, in eadem ovaia, so dafs substantia et essentia 
divma numerice una bleiben sollte. 

Noch unerwarteter war es mir, von einem solchen 
sonst ins Absolute klealisirenden Dogmatiker S. 63. zu 
lesen: Christus, der Sünden lose Sohn Gottes, habe nur 
wegen unserer Sünden ein schwergestrafter, xa-rapa, 
werden können. In seinem Kreuzestode wurden also 
die Sünden der Menschheit bestraft. Christo 
widerfuhr, was eigentlich uns 1 widerfahren 
mufste u. s. w. Wäre der Verf. mit dergleichen Exe- 



oy Google 



Stiebitz, Geich, d. Eigeothums an Wald u. Jagd in Deutscht 251 

geseii beim Wort zu nehmen, so müfste man fragen: 
Hätten denn eigentlich alle Menschen gekreuzigt werden 
sollen? Wären alsdann die Sünden der Menschheit (vor 
Gott) gestraft gewesen? — — Aber wie? wo? denkt 
sich die Schrift und das Urchristenthum Jesu Hinrich- 
tung als jeine göttliche Strafe? als Bestrafung in 
Beziehung auf Sünden? Nackt aufgehenkt zu 
werden, war nach Mose eine abscheuliche Todes- 
art, xarapa, für Menschen- Der Entblöfste sollte vor 
Nacht Allen aus den Augen weggeschafft werden. Ge- 
schah aber dies einem Sündlosen, so konnte dieser da- 
durch doch nicht ein für Gott gestrafter gewor- 
den seyo. 

Doch an den wahren Takt für philologisches und 
archäologisches Exegesiren ist hier gar nicht zu denken. 
Ueberali hängt des Verfs. Erklärungsweise an dem längst 
Abgethanen. Daher ruft er hundertmal gegen die Wi- 
nerischen Erklärungen sein : „Sonderbar! Sonderbar!" 
ans, ohne sonst philologische Methode zu zeigen. Von 
Meiner Erklärung des Galaterbriefs (Heidelberg 1831.) 
sagt S. V. sehr witzig: „Paulus weifs mit seinem scharf 
aufgeklärten Verstände alles Schwierige und Tiefe in 
den meisten Fällen dermafsen zu verflüchtigen, dafs der 
unbefangene Blick statt des biblischen Inhalts nicht selten 
mancherlei Mifsgeburten in neugebildeten Worten er- 
blickt." Est aliquid, laudari a laudato vfoo. 

Dr. Paulus. 



Geschichtliche Darstellung der Eigenthumsverhältnisse au Wald und 
Jagd in Deutsehland von den ältesten Zeiten bis zur Ausbildung 
der Landeshoheit. Ein Versuch von Christian Ludwig Stieg- 
litz, der Rechte und der Philosophie Doetor und Privatdocenten 
an der Universität Leipzig. Leipzig, bei F. A. Brockhaus. 1832. 
X und 309 S. in 8. 

i 

Wenn gleich in den zahlreichen Schriften über Re- 
galität der Jagden, die das Ute und 18te Jahrhundert 



Digiti. 



152 Stieglit», Geich, d. Eigentums an Wald u. Jagd in Dcottchl. 

•s. - 

aufzuweisen hat, immer auch manche brauchbare hi- 
storische Notizen über die Eigenthumsverhältnisse an 
Waid und Jagd sich finden, so fehlte es doch bis jetzt 
an einer zusammenhängenden Geschichte dieses Gegen- 
standes. Denn sowohl Stissers Forst- und Jagdhistorie 
als Antons Geschichte der Landwirthschaft enthalten 
mehr eine Geschichte der technischen als der juristischen 
auf Wald und Jagd sich beziehenden Verhältnisse , und 
zumal auf die Frage über die Veränderungen, welche 
im Eigenthum dieser Gegenstande Torgingen , ist nur 
sehr wenig eingegangen. Eine sehr willkommene Er- 
scheinung mufs daher jedem Freund des germanischen 
Rechts die vorliegende Schrift seyn, da sie einem so 
interessanten Gegenstande eine umfassende, sorgfältige, 
ganz auf die Quellen zurückgehende Untersuchung widmet. 

Eins möchte man freilich gleich bei Betrachtung des 
Titels bedauern, dafs nämlich der Verf. Wald und Jagd 
nicht in allen ihren rechtlichen Beziehungen, sondern 
nur in ihren dinglichen betrachtet hat. Allein theite 
leistet in der That das Buch in dieser Beziehung mehr, 
als der Titel verspricht, indem der Verf. gelegentlich 
auch auf manche nicht dingliche Verhältnisse, wie z. B. 
Forst- und Jagdstrafen, eingeht, theils bieten diese 
letzteren im Ganzen wenig Eigenthümliches und daher 
kein bedeutendes Interesse dar, allenfalls mit Ausnahme 
der Lehre von den Wald- und Jagdgerichten, in wel- 
cher Beziehung aber rücksichtlich der Marken schon 
das Hauptsächliche in einer Reihe von Schriften ge- 
schehen ist, rücksichtlich der Forste aber bei der Dürf- 
tigkeit der Quellen, wie es scheint, wenig Neues zu 
hotten seyn wird. 

(Der Besohlufs folgt.) 



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N°. 48. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 



Stieglitz, Geschichte des Eigenthums an Wald tmd 

Jagd m Deutschland. 

« » " ' " • * •«*'•.', 

(Fartsctsung.) 

' ■ ■„• , * • ' ..*•» 

Ein zweites, was man bei Durchlesung der Schrift 
wünschen möchte, ist, dafs der Verf. seinen Gegenstand 
noch weniger isolirt, noch mehr im Zusammenhange mit 
dem ganzen übrigen Rechtszustande des Mittelalters be- 
trachtet haben möchte. Wir sagen noch weniger isolirt; 
denn gewifs leistet die Schrift auch in dieser Beziehung 
recht viel. Wir müssen jedoch unsern Verf. auch hier 
gegen die Ungenügsamen in Schutz nehmen. Allerdings 
ist es die höchste Aufgabe des Rechtshistorikers, jedes 
einzelne Institut nur als ein durch alle andern bedingtes 
und getragenes zu betrachten und darzustellen. Wir 
glauben aber, dafs hiervon eine Ausnahme gemacht wor- 
den mufs, wenn die Untersuchung einen bisher noch 
wenig oder gar nicht bearbeiteten Gegenstand betrifft 
Wir glauben, dafs es hier vielmehr Pflicht des Forscher« 
ist, sich so viel als möglich an die unmittelbaren Er- 
gebnisse der Hauptquellen zu halten und durch sorg- 
faltige Verarbeitung dieser, wobei ja bei der Lücken'» 
haftigkeit derselben es an Gelegenheit zu geistreichen 
Combjnationen nie fehlen wird, ein getreues, möglichst 
objektives Bild zu geben, Ideen aber, die sich ihm 
rücksichtlich des Zusammenhangs seines Instituts mit an- 
deren aufdrängen , von der Hauptuntersuchung getrennt 
zu halten und hinzustellen. Gar leicht führt das Streben 
nach jener allseitigen Behandlungsweise zu einseitigen 
Ansichten, die dann unwillkührlich in die weitere For- 
schung selbst übergehen, und so dem späteren Bearbeiter 
den Vortheil entziehen, auf einer festen Grundlage nur 
Weiler fortzubauen. Vorzugsweise mufs aber wohl das 
Gesagte gelten, wenq, wie im vorliegenden Falle, man 

xxvi. j.hr ff . aifeit. 48 



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von dem Forscher ohne Unbescheidenheit nach keine 
umfassende Ueberschauung aller altdeutschen Hechtsin- 
stitute und ihrer geschichtlichen Entwicklung verlan- 
gen kann. 

Wir wollen nun der Schrift im Einzelneu folgen, be- 
sonders das hervorhebend , was zur Charakteristik der- 
selben dient, und hie und da unsere Bedenken, Wünsche 
und eigene Ansichten beifugend. 

Der Verf. theilt das Ganze in drei Abschnitte, von 
denen der erste den Zeitraum bis zur Entstehung der 
Bannforste, der zweite den bis zur Ausbildung der Lan- 
deshoheit, der dritte die nach der Entwickelung der 
Landeshoheit eingetretenen Veränderungen schildert. 
Die letzte Abtheilung ist gewifs durchaus in der Natur 
der Sache gegründet ; denn sowohl die Forsthoheit als 
die Jagdhoheit und das Jagdregal , als die drei Institute, 
welche in neuerer Zeit in den rechtlichen Verhältnissen 
der Wälder und Jagden Veränderungen hervorgebracht 
haben, sind ohne weifel einzig als Ergebnisse der aus- 
gebildeten Landeshoheit zu betrachten. Wohl liefse sich 
dagegen streiten über die Zweckmäfsigkeit und selbst 
Richtigkeit der ersten Abtheilung. Denn was die letz- 
tere, die Richtigkeit, betrifft, so bleibt es doch immer 
sehr zweifelhaft, ob nicht schon lange vor Karl dem 
Grofsen und vielleicht schon in der ältesten Zeit das 
königliche Eigenthuin und insbesondere die königlichen 
Wälder eines besonders starken Schutzes genossen. Die 
Gesetze Rothars (c. 325 ) wenigstens sprechen einen sol- 
chen für einen einzelnen Fall bestimmt aus, wie auch 
der Verf. S. 41. selbst zugiebt; das ripuarische Gesetz 
aber scheint im tit. 60. c. 3. auf die Verletzung des kö- 
niglichen Eigenthums die Strafe von 60 Solidi zu setzen 
(vergl. Rogge Gerichtsverfassung S. 43. 44.), und un- 
terscheidet im tit. 76. die silva Regis ausdrücklich von 
denen der Privatpersonen. Zwar wird in dieser letzten 
Stelle auf jeden Holz- und Wilddiebstahl, ohne Unter- 
schied, wem der Wald gehörte, dieselbe Strafe von 
15 Solidi gesetzt ; allein dies rührt wohl von den eigen- 



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ad Wald und Jagd in Deutschland. 755 

» 

thümlichen Ansichten , die man über den Besitz von 
Holz und Wild in der ältesten Zeit hatte (quid res non 
est possessa, sagt der angeführte Titel), her, und 
schliefst nicht aus, dafs die Verletzung des Grund und 
Bodens selbst, z. B. die Anrodung, von welchem Falle 
namentlich tit. 60. C. 3. zu reden scheint, mit höherer 
Strafe bedroht war. Was aber zweitens die Zweckmäs- 
sigkeit obiger Eintheilung angeht, so will Ref. nicht 
verhehlen, dafs es ihm besser geschienen hätte, wenn 
der Verfasser nur zwei Abschnitte, die Zeit vor und 
die Zeit nach der Ausbildung der Landeshoheit ge- 
macht, und im ersten nach einer allgemeinen Einlei- 
tung über Wald - und Jagdeigenthum überhaupt , in 
drei Theilen von den Privatwaldungen , Markwäldern 
und Forsten getrennt gehandelt hätte. Manche unange- 
nehme Zerstückelung und Wiederholung würde dadurch 
vermieden, und überhaupt der Verf. genöthigt worden 
seyn, den Zustand des späteren Mittelalters dem der 
ältesten Zeit enger anzureihen, und beide noch mehr 
wechselseitig durch einander zu erklären. Insbesondere 
würden, wie wir glauben, die Markwälder ganz anderes 
Licht erhalten haben. Denn überall wird man uns nicht 
entgegnen, dafs es überhaupt ziemlich gleichgültig sey, 
welche Abschnitte man wähle. Nur gar zu leicht bringt 
ein Zeitabschnitt Spaltung und Sonderung dahin, wo 
Uebergang und Verschmelzung ist , und kann so eine 
ganze Reihe von Thatsachen in einem schiefen Lichte 
erscheinen machen. 

Nachdem der Verf. sich im §. 1. einleitungsweise 
über die Beschaffenheit der Quellen seines Gegenstands, 
über die Zulässigkeit des Zurückschliefsens aus den 
Quellen späterer Zeit auf die frühere, und über die 
Gründe, warum die ältesten Volksrechte so wenig über 
den fraglichen Gegenstand enthalten, ausgesprochen hat, 
handelt er im §. 2. von den ältesten Eigenthumsverhält- - 
pissen an Grund und Boden, und erklärt sich hier für 
die Ansicht, dafs zu Cäsars Zeit die Deutschen mit ihren 
Aeckern gewechselt hätten und erst später ein dauernder 



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166 StiegUtt, Geschieht« de« Eigeirtliitttts 

privativer Grundbesitz eingetreten sey. Da (s Ref., Man- 
ne rt folgend, die bekannte Stelle des Cäsar von Völ- 
kern, die auf der Wanderung begriffen sind, versteht, 
hat er in seiner Geschichte der deutschen Reichsver- 
fassung ausgesprochen und mufs dabei bleiben. Eine 
solche Einrichtung bei einem Volke anzunehmen, das 
schon feste Wohnsitze genommen, würde ohne eine sehr 
feine Politik und eine grofse Macht der Obrigkeiten nicht 
möglich sevn ; erstere läfst sich bei den alten Deutschen 
nicht wohl annehmen , und gegen letztere streiten die 
mehrfachen ausdrücklichen Zeugnisse von ausgedehnter 
Volksgewalt. In Folge seiner eben erwähnten Ansicht 
nimmt nun der Verf. im §. 3. weiter eine völlige Gemein- 
schaft aller Wälder und Jagden an und giebt höchstens 
zu, dafs einzelne Gemeinden schon Wälder wie ganze 
Fluren in Besitz genommen. §.4 — 7. entwickelt dann, 
Wie später ein Theil von Grund und Boden in dauernden 
privativen Besitz der einzelnen Freien gekommen , wie 
aber daneben das Gesammteigenthum fortbestanden , und 
das Recht der Benutzung desselben als Zubehör des Be- 
sitzes von ächtem Privateigenthum betrachtet worden, 
wie zu diesem Gesammteigenthume insbesondere auch ein 
grofser Theil der Waldungen gehört, neben diesen Ge- 
ineindewaldungen (Marken) aber auch, besonders in den 
Ländern, wo die Römer früher festen Fufs gehabt, Pri- 
vatwalder bestanden hätten , wenn gleich das Eigenthum 
an ihnen noch nicht das Recht , jeden Dritten von der 
Benutzung derselben auszuschliefsen , in sich gefafst 
habe. Dieser Zustand soll wenigstens schon zur Zeit der 
ältesten Volksrechte, also im oten und 6ten Jahrhunderte 
ausgebildet gewesen seyn. Wir glauben jedoch, dafs 
vom Verf. sorgfältiger, als es geschehen, zwischen den 
Ländern, welche längere Zeit im Besitz der Römer und 
denen, welche dieses nicht gewesen, hätte unterschieden 
werden sollen. In jenen ersten also, namentlich in allen 
Ländern westlich vom Rhein und südlich von der Donau 
finden sich schon gleich nach der Gründung germanischer 
Staaten überall Privatwaldungen erwShnt; so namentlich 



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im Wald uud Jagd in DeiiUcliland. 



in den salischen, ripuarisciieu , bairischen , longobardi» 
schen , burgundischen und westgothischeu Gesetzen. 
Zweifelhafter ist es, ob es auch Mark Waldungen in allen 
jenen Ländern gab. Von Volksgesetzen erwähnt der- 
selben nur das ripua rieche Gesetz im tit. T6. Denu die 
Steilen im Burgundischen und Westgothischen , welche 
der Verf. anfuhrt, reden, wie dies schon Grimm*) 
richtig bemerkt hat, nur davon, dafs die Wälder, welche 
zu den «wischen dem römischen Gutsbesitzer und dein 
germanischen hospen bei der Eroberung des Landes ge- 
seilten Landgütern gehörten, nicht realiter getheilt, 
sondern von beiden, dein Römer und Germanen, ge- 
meinschaftlich benutzt werden sollten. Die commarchani 
des bairischen Gesetzbuchs aber sind wahrscheinlich nur 
Bewohner derselben Dorfgemarkung, ohne weitere Be- 
ziehung auf in ihrem Gesamuiteigeuthume befindliche 
Waldungen, vielleicht auch nur Grenznaclibaren. Unser 
Verf. findet zwar eine Hindeutung auf Gesammteigenthum 
in dem Worte exurtum , weiches in XVI. C. 1. §. 2, 
und Grimm eine in der sttuu , welche in XXI. 11. 
vorkommt. Allein das exurtum kann eben so gut von 
Anrodung von Haidegrund als von Anrodung eines Waldes 
verstanden werden, die säva in der andern Stelle aber 
ist nur ein Privatwald ; denn das Gesetz schreibt vor, 
-dafs nur Bewohner einer und derselben Gemarkung (oder 
vielleicht Grenznachbaren) das gegenseitige Recht haben 
«ollen, in des andern Walde (silva alterius) Vögel 
zu fangen. Trotz dieses Schweigens der Volksrechte 
glauben wir jedoch annehmen zu müssen, dafs es we- 
nigstens in den Ländern südlich von der Donau und in 
denen des linken Rheinufers, also namentlich bei den 
Baiern, Alemannen, Ripuariern und Saliern überall neben 
den Privatwäldern auch Gemeindewaldungen gab, indem 
dieselben sieh in diesen Gegenden noch viel später und 
sogar zum TheU noch bis auf den heutigen Tag erhalten 


*) In der Reccnsion meiner Schrift über die Markgenossenschaften, 
In den Wieoer Jahrbüchern der Literatur, Bd. 45. 



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758 StiegliU, Geschieht« de. Eigenthom. 

haben. Was dagegen das westliche und südliche Gallien 
betrifft, so mögen zwar dort wegen des längeren Aufent- 
halts der Römer die Gemeindewaldungen nicht mehr so 
häufig gewesen seyn, dafs sie aber gleichwohl auch dort 
noch vorgekommen, schliefsen wir aus einer bisher noch 
nicht beachteten sehr interessanten Stelle in einem Ge- 
setze, welches Karl der Kahle im J. 844. zu Toulouse 
über die Verhältnisse der Spanier, die sich im fränki- 
schen Reiche angesiedelt, erliefs. Es heifst dort: Licet 
eis, secundum antiquam conauetudinem ubique 
pascua habere et ligna caedere et aquarum ductus 
pro suis necessitatibus ubicunque pervenire potuerint , 
nemme contradicente juxta priscum morem Sem- 
per deducere. 

Anders als in den Ländern südlich von der Donau 
und westlich vom Rheine dürfte sich dagegen nach un- 
serer Ansicht die Sache im innern Deutschland verhalten 
haben. Hier glauben wir vor dem 9ten Jahrhunderte 
weder Privat- noch Gemeindewaldungen annehmen zu 
können, sondern uns die Wälder überhaupt so ungeheuer 
an Umfang denken zu müssen , dafs an eine Vertheilung 
derselben an Gemeinden oder gar einzelne Personen und 
eine Beschränkung des Nutzungsrechts noch gar nicht 
gedacht ward. In dem sächsischen , friesischen und thü- 
ringischen Gesetzbuche wird denn auch eben deswegen 
nie eines Eigenthums an Wäldern Erwähnung gethao, 
und eine Stelle im thüringischen scheint uns sogar einen 
indirekten Beweis zu liefern, dafs zur Zeit seiner Abfas- 
sung noch kein solches bekannt war. Es heifst nämlich 

in XVII , 2 : Si horno , quodUbet machinämen- 

tum ad capiendas feras in sylva posuerit , ibique 
pecus — aUerius captum vel mortuum fuerit, qui 
machmamentum fecit, damnum emendet. Dafs Je- 
mand für Schaden , der einem Thiere auf seinem eignen 
Grund und Boden zugestofsen , einstehen soll, ist sehr 
unwahrscheinlich ; es kann also das 'sylva wohl nur von 
Wäldern, die in keines Privat -Eigenthume waren, ver- 
standen werden, und dafs nun dies nicht ausdrücklich 



- 



an Wald und Jagd in Deutschland. 75D 

beigefügt ist, hat wohl in nichts anderem seinen Grund, 
als dafs überhaupt noch gar keine Privatwälder exi- 
stirten. , t \ 

Seit dem 9ten Jahrhunderte scheint nun aber auch im 
innern Deutschland Anbau und Bevölkerung so weit vor- 
geschritten zu seyn, dafs man an die Vertheilung der 
Wälder *) zu denken anfing , und daher finden sich denn 
in den Urkunden dieser Zeit die ersten Spuren von Ge- 
meinde- und Privatwäldern. Unser Verf. hat uns von 
den ersteren mehrere interessante Beispiele mitgetheilt. 
So heifst es in einer Urkunde von 806. (S. 130. Note 36.): 
ego tradidi — particulam hereditatis et proprii la- 
boris mei, id est totam comprehensionem (wahrschein- 
lich Bifaug) in sylva, que dicitur Hoissi in aquilonali 
ripa fluvii Rurae — communionemque in e andern 8il- 
vam. In einer andern v. J. 801. (S. 133. Note 12.): 
tradidi particulam Heredität in meae — in villa Halt- 
heim — dominationemque in st/lvas ad supradictam 
villam pertinentes cum pastu ptenissimo juxta modu- 
lum curtilis ipaius. In einer dritten v. J. 798. (S. 150. 
Note 25.) : tradidi — curtile unum et duodecimam 
partem in syJvam quae dicitur Braclog cum pascuis 
et pleno dominatione. Zwei andere Stellen aus dieser 
Zeit, die uns aufgestoßen , wollen wir nachtragen. Es 
heifst in den Tradit. Fuldens. p. 125: Fratres Fuldes 
ses — dederunt — rnansos XXXIX. cum fönte ad 
salem faciendum, quantuncunque eorum portio ibidem 



*) Uebcr die Art, wie man dabei zu Werke ging, thcilt uns der 
Verf. S. 149. Note 19. eiue interessante Stelle aus den Monum. 
Bote. X. p. 882. mit. Es heißt dort: Wobiiis quidam comes de 
Ckastelin, — ingressus cum servis et rusticis suis — liberum sil- 

vam in loco , qui dicitur Helngerswenga , — et sibi eam 

absque omni contrudietione apprehendit : sicut mos est et erat 
communem silvam de legitimis curtiferis apprehendere : et in pa- 
testatem sui juris tarn populari more, arborum scilicet incisione, 
ignium ustione domorumque edifieatione, quam triam dierum in 
eodem loco, quod hereditario jure hereditatem retinere mos est* 



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16» Stieglitz, Geschichte des Eigenthume 

est et cum silvu cotnmuni, quae omma sunt in pago 
Mthogowe. Ferner in Formul. Goldast Nf. 25. (Can- 
ciani II. p. 427. c. 2.) : omnem uttUtatem id est m pas- 
cuis , — in fignis caedendis et m omnibus , quihus 
homo m communi salin uti potest. Häufig kommt auch 
schon damals das Wort marckae so vor , dafs es nicht 
wohl etwas anders als gemeinschaftliche Walder bedeuten 
kann. Z. B. Form. cit. N. 11. (Canc. p. 425. c. 1.): ad- 
jacentia cuneta, pascuas, marchus, aquarumque de- 
cursiones. N. 18. (p. 425. c. 2.) V. kobas — et easns 
cum curtis — aique cum silvaticis marchis nd tas- 
dem pertmentibus. 

Sehr interessante Beispiele von Mark waldern aus dem 
Ilten Jahrhunderte hat Grimm in der oben angeführten 
Recension gegeben. Seit dem 12ten Werden sie dann 
immer häutiger. Wie sehr wäre zu wünschen, dafe, 
besonders was die Urkunden des Oten bis Uten Jahr- 
hunderts enthalten, sorgfältig gesammelt würde. Wir ver- 
denken es unserm Verf. einigermafsen , dafs er sich dieser 
Mühe nicht unterzogen, da es bei Gelegenheit der Be- 
nutzung jener Urkunden für Privatwälder, Forste und 
Jagden in einem hingegangen wäre. Besonders erläu- 
ternd ffir tlie Geschichte der Marken würde es aber 
nnsres Bedünkens seyn , wenn man eitie oder mehrere 
Marken von der ersten Spur ihres Vorkommens bis auf 
die neueste Zeit verfolgte und die Veränderungen, welche 
mit ihnen vorgegangen , die Theiluogen , welche bei 
ihnen statt gehabt , mit Genauigkeit auszumitteln suchte. 

Es bleibt uns noch übrig, auf den vom Verf. aufge- 
stellten Satz, dafs das Eigenthum an Privatwäldern, wo 
es überhaupt vorkam, doch noch nicht das Hecht, jeden 
Dritten von der Benutzung derselben auszuschheisen , in 
sich gefafst habe, genauer aufmerksam zu machen. Klar 
ist dieser bisher noch nicht beachtete, als Ueberbf eibsel 
der früheren völligen Freiheit der Waldbenutzung zu 
betrachtende und eben deswegen gewifs sehr interessante 
Satz ausgesprochen in der L. Burgund. 28. 1, wo es 
heifst : si quis Burgundio aut Romanus eyfoarn non 



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an Wald und Jagd in Deutschland. f %$\ 

hubeut , meidend i ligna ad usus suos de jacentwis et 
sme fruetu arboribus m cujusUbet sylva habeat libe- 
rum potestatem, und dann sogar eine Strafe auf das 
Abhalten von Seiten de* Waldeigenthömer« gesetzt wird 
Dasselbe scheint hervorzugehen aus L. Sal. 27. 28: Si 
quis arber em post anmtm quam fuerit signala pri- 
ser it , nullam exmde habeat cuipam , si quis mf ru 
unnum eam capulaverit — solid. III. culpabiüs judX- 
ettur. Doch liefse sich diese Stelle auch von Gemeinde* 
Waldungen verstehen. Endlich wird in demselben Gesetze 
und in dem ripuari sehen nie von einer Composition des 
Diebstahls stehender Bäume, soudern nur von der schon 
gehauenen und bearbeiteten Hölzes geredet , und die 
Bufse, welche darauf gesetzt wird, ist Überdies, wie 
auch in den longobardischen Gesetzen , unverhaltnifs- 
mäfsig gering, wovon das ripuarische Gesetz, wie schon 
oben erwähnt ward, als Grund augiebt: quia lignum 
non est ves possessa. 

Im §.8. und 9. wird nun von dem Jagdrechte gehan- 
delt, «und der Verf. stellt hier thetts alle in den ältesten 
Gesetzen vorkommenden Bestimmungen über Jagd gegen- 
stände zusammen, theils sucht er zu beweisen, dafs das 
Jagdrecht auf Privatgrundstücken dem freien Eigen- 
tümer, in Gemeindewäldern allen Markgenossen ge- 
meinschaftlich zugestanden habe, Unfreie aber nie hätten 
jagen dürfen. Schwerlich wird man gegen diese Sätze 
etwas Gegründetes einwenden können. 

§. 10. redet endlich von den königlichen Waldungen, 
und es sollen dieselben nach des Verfs. Ansicht damals 
•noch in nichts von den übrigen Privatwäldern verschieden 
gewesen seyn. Dafe Ref. hierin andrer Meinung, hat er 
bereits eben ausgesprochen und mit Gründen zu unter- 
stützen gesucht. 

Wenn wir bei -den zehn ersten Paragraphen unseres 
Werks etwa« länger uns verweilt haben, so können wir 
dagegen bei -den zehn folgenden , welche nach einer Ein- 
leitung «her Jagd und Windverhältnisse des zweiten 
Zeiträume überhaupt und Ober die Quellen dieser Zeit, 

- 



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I 



von der Entstehung, Beschaffenheit und weiteren Elit- 
wickelung der Bannforste handeln, desto kurzer seyn, 
da der Verf. gerade auf diesen Theil seine Hauptsorgfalt 
gewendet, und wir also ohne Anmafsung seinen For- 
schungen und Ansichten nicht entgegenzutreten wagen 
dürfen. §. 13. redet zunächst von der Art, wie die 
Bannforste errichtet wurden und von den Gründen, warum 
ihr Ursprung unter Karl den Grofsen gesetzt werden 
müsse. Auch berührt hier der Verf. die Mos er 'sehe, 
von Grimm gebilligte Ansicht, dafs die Forste aus den 
heiligen Hainen der Deutschen entstanden Seyen und 
erklärt sich gegen dieselbe, weil man nicht einsehe, 
warum diese Forste nicht unmittelbar an die Kirche, 
sondern an den König und von diesem erst tlurch Schen- 
kung an jene gekommen, da doch in dem Capit. Car. M. 
de partibus Saxoniae c. 1. ausgesprochen sev, dafs die 
Rechte der Tempel in gröfserem Mafse auf die Kirchen 
übergegangen. Gewifs ein Einwand von nicht unbedeu- 
tendem Gewichte. Der Beispiele von Errichtung von 
Forsten giebt der Verf. hier und in den folgenden Para- 
graphen viele. Wir hätten gewünscht, dafs er nach 
Vollständigkeit gestrebt oder allenfalls seinem Werke eine 
Spezialkarte von Deutschland mit Angabe aller bekannt 
gewordeneu Forste beigefugt hätte. Dadurch wäre nicht 
. unbedeutend einer Marken -Karte vorgearbeitet worden, 
welche immer noch zu den frommen Wünschen gehört 
und freilich auch wohl gröfsere Schwierigkeiten hat 
Es folgt nun von §. 14 — 16. eine Schilderung der auf 
die Forste sich beziehenden Rechtsverhältnisse selbst, 
und zwar wird in §. 14. zuerst von dem Wesen der 
ßannforste im Allgemeinen, ihrer GrÖTse, den über sie 
angestellten Beamten, der Strafe des Königsbanns und 
der später an ihre Stelle tretenden geredet, im §. 15. 
aber werden die Jagd Verhältnisse, im §. 16. die Wald- 
Verhältnisse in den Forsten besonders betrachtet Die 
Jagdgesetze Karls des Gr. und die Bestimmungen des 
Sachsen- und Schwabenspiegels werden zusammenge- 
stellt. Verleihung der Jagdgerechtigkeit an andere von 



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an Wald und Jagd in Deutschland. 



765 



Seiten des Forstherrn kommt schon öfter vor , und selbst 
eine geschlossene Zeit wird dabei erwähnt. Die Jagd- 
folge wird dem Forstherrn zugesprochen; die Beschrän- 
kung des Forstbanns auf gewisse größere Thiere aber, 
also den Unterschied zwischen hoher und niedrer Jagd 
in der späteren Bedeutung leugnet der Verf. für diese 
Zeit. Das Jagdverbot erstreckte sich auch über einge- 
forstete Grundstücke , doch wohl in der Regel nur über 
solche, die nicht ächtes Eigenthum waren, so dafs also 
das Jagdrecht fortwährend Ausflufs des ächten Eigen- 
thums blieb und nur, da gerade «damals so viele Freie 
dieses letztere aufgaben und auf geistliche und welt- 
liche Grofse übertrugen, in immer wenigeren Händen 
concentrirt wurde. Gesetze über die Wald Verhältnisse 
in den Forsten, namentlich über Anrodungen, kommen 
ebenfalls in den Capitularien Karls des Gr. vor, fehlen 
aber gänzlich in den Rechtsbüchern und in den Ur- 
kunden der Zwischenzeit. Erst als die Forste sehr durch 
Devastation gelitten, erscheinen sie wieder; so in einer 
Urkunde des Klosters Maurmünster vom J. 1144. und 
des Klosters Lorsch vom J. 1165, in einem Gesetze Hein- 
richs VII. über den Nürnberger Forst, in Verordnungen 
Ludwigs IV., Karls IV. und Albrechts I. u. s. w. Aufser 
Bestimmungen über Anrodung enthalten diese späteren 
Forstordnungen dann auch schon Vorschriften über die 
Art des Holzhiebs, derHutung, besonders mit Schweinen 
und der Bienenzucht in den Wäldern, Nutzungsarten, 
welche häufig den Umwohnern des Forsts gegen gewisse 
Abgaben (Forsthafer, Forstzehnte) und Frohnden (Forst- 
dienste) überlassen waren. Schliefslich macht der Verf. 
aufmerksam auf die Aehnlichkeit der Waldbenutzungs- 
rechte in den Forsten mit denen in den Marken , und 
erklärt dieselbe besonders daraus, dafs viele Forste aus 
Marken entstanden. Interessant ist in dieser Beziehung, 
dafs der dreieiche r Forst einmal Mark, ein andermal 
der Kaiser oberster Märker über den Büdinger Reichs- 
forst genannt wird, und dafs in einer Urkunde von 1319. 
einmal geforstete Marken des Grafen von Nassau vor- 



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SüegliU, Geschichte des Eigentlwuis 



kommen. Im §. 11 — 19. wird nun von der Erwerbung 
der Forste durch geistliche und weltliche Grofse geredet, 
und als Erwerbungsgründe unterscheidet der Verf. kaiser- 
liche Verleihung von Reichsforsten, kaiserliche Erthei- 
iung de« Forstrechts auf eignem Grund und Boden, 
eigenmächtige Einforstung von Gemeiudewäldern , eigen- 
mächtige Verwandlung eines zur Aufsicht und Verwal- 
tung übertragenen Reichsforsts in eignes Besitzthum. 

Der nun folgende zweite Abschnitt handelt im §. 20 
bis 23. von den Marken, und der Verf. beschränkt sich 
hier darauf, eine gedrängte Uebersicht des in Grimms 
Rechtsalterihumern und in meiner Schrift über die Mark- 
genossenschaften Befindlichen zu geben. Wir hätten 
freilich gewünscht, auch über diesen interessanten Ge- 
genstand weitere Aufschlüsse zu erhalten, sehen aber 
ein, dafs so lange sieht neue Urkunden zugänglich wer- 
den , kein bedeutender Fortschritt möglich ist Dem 
Ref. selbst ist seit der Herausgabe seiner Schrift bei 
seines germanistischen Studien nichts Neues aufgestoßen, 
als eine Aufklärung des ihm und auch Grimm unver- 
ständlich gewesenen Worts Schar, welche wir hier nicht 
vorenthalten wollen. Es heifst in einer mir handschrift- 
lich mitgetheilten, in dem Archiv des Klosters Cappen- 
berg in Westphalen befindlichen Urkunde vom J. 1351: 
Universis praesentia visuris vel audkurh patent evi- 
denter quod ego Arnoldm de Estene alias dictus de 
Kamene , proprio et spontanea voluntate, de consensu 
»et beneplucko Lyn ehe uroris mee legitime Brunonis 
Jilii riostri Julie et Gostike filiarum nastrarum 9 nee 
non her e dum et coheredum nostrortun onmuan vendidi 
et resignavi rite et ralionabiliter justo venditionis tytulo 
dommo praeposito et conventui Kapenbergensi , quin- 
deeim rasuras Ugnorum quod vulgo dicunt viftin schar 
holtes euas [Leg. meas^ m murka tho Berch- Ka- 
mene ad habendum et possidendum libere hereditarie 
et in perpetuum pro mere proprio quod vulgo dicunt 
vor eyn dorslacht eygen cum earum juribus , utüita- 
tibus , aUmentiis et appendieüs quibuscunque pro cerUt 



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im Wald und Jagd in Deutschland. 7«5 

pecunie summa mich* ad voltmtatem meam plene tra- 
dita et soluta et in usus michi et meis heredibus ne- 
cessarios posita et conversa. Aus dieser Stelle geht 
miri mit Bestimmtheit hervor, dafs das Wort Schar nicht, 
Wie ich früher behauptete, auf das Mastrecht beschränkt 
werden darF, sondern dafs es auch von der Beholzigung 
gebraucht ward , und also gar nichts anders als ein 
ideeller Antheil an den Marknutzungen, mithin ganz 
gleichbedeutend mit dem Worte War, Wahr ist. 

Im dritten Abschnitte (§. 24 — 29.) wird endlich von 
den Eigentumsverhältnissen an Wald und Jagd bei den 
Privatgrundstucken geredet. Der ältere Begriff von Wald- 
eigenthum verschwindet nun, der neuere, der eines aus« 
schliefslichen Rechtes, tritt an die Stelle. Die Haupt- 
ursache des Uebergangs setzt der Verf. in die Ausbil- 
dung der Bannforste. „Denn," sagt er S. 143, „die 
durch die Ei nforstungen erfolgte, theils gänzliche , theils 
nur theilweise Ausschliefsung der Angesessenen von der 
Benutzung der Forste unter schweren, kaum zu er- 
schwingenden Strafen, und in späterer Zeit auch unter 
der Furcht willkührlicher harter Ahndung, mufste eben 
so wie der Umstand , dafs die den Umgesessenen in den 
Forsten verbliebenen Nutzungen nicht mehr wie früher, 
jedenfalls blos durch ihr Bedürfnifs begrenzt, oder gar 
in ihre Willkühr gestellt waren, sondern dafs hierüber 
feste urkundliche Bestimmungen entworfen, und diese 
oft unter Form von Gnadenbriefen ertheilt worden , und 
dafs solche Berechtigungen durch eben solche Erthei- 
Itingen oft auch andere, als die ursprünglich Berech- 
tigten, empfingen, die Idee eines förmlichen Eigenthums 
nach und nach erzeugen , neben dem die Erhaltung aller 
dieser Berechtigungen, als Rechte Dritter an einer frem- 
den Sache, sehr gut bestehen konnte. War aber diese 
Idee eines Eigenthums an Wald in einem dem unseren 
nahe liegenden Sinne einmal da, so konnte sich dieselbe 
auch nicht auf die Bannforste blos beschränken, und ihr 
Uebergang auf die den Privatpersonen zuständigen Wälder 
fm Allgemeinen nicht ausbleiben." Bestätigt scheint diese 



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76« Stieglits, Geschichte des Eigenthtimt 

Ansicht besonders durch eine Stelle im ba irischen Land- 
rechte, wo Privatwälder Bannhölzer genannt werden, 
da hierin wohl eine Hindeutung auf den Porstbann ent- 
halten ist. Zur Zeit der Rechtsbücher findet sich nun 
jener Begriff eines Eigenthums an Wald schon ausge- 
bildet; als Rest des älteren Begriffs erscheint aber, dafs 
nach eben diesen Rechtsbachern Eingriffe in jenes Eigen- 
thum härter geahndet werden sollen, wenn eine Mühe- 
waltung von Seiten des Eigenthümers an dem Holze stßtt 
gefunden. Uebrigens werden die Privatwälder selten als 
für sich allein stehende Besitzungen, vielmehr fast immer 
als Zubehör der Höfe und Aecker, und zwar nicht blos 
der Freien , sondern auch der Hof hörigen erwähnt ; im 
letzteren Falle hatte jedoch der Besitzer natürlich nur 
die Rechte am Walde, welche ihm der Gutsherr ein- 
geräumt. Rücksichtlich des Jagdrechts sucht der Verf. 
zu beweisen, dafs auch in diesem Zeiträume die Jagd nie 
Regal , dafs sie vielmehr aufserhalb der Forste stets er- 
laubt , und dafs die Jagd befugnifs Pertinenz des Grund- 
besitzes «nd zwar nur des ächten Eigenthums oder der 
rechten Lehne gewesen. Der Beweis des ersten Satzes 
wird besonders aus den Rechtsbüchern geführt, der des 
zweiten aus zahlreichen Urkunden, in welchen die Jagd 
als Pertinenz vorkommt, und aus allgemeinen historischen 
Gründen. Einwürfe der Vertheidiger der Regalität wer- 
den widerlegt. Wir fügen allen diesen Sätzen, denen 
wir unbedingt beistimmen, nichts hinzu, als eine Stelle 
aus den Gesetzen des angelsächsischen Königs Canut, in 
welcher trotz der früh in England ausgebildeten Forste 
die völlige Jagdfreiheit auf eignem Grund und Boden 
ausdrücklich anerkannt wird. Sie lautet (Canciani IV. 
p. 310. C. L): Volo etiam, ut quilibet homo sit dignus 
venatione sua in sylva et in agris sibi propriis , ap 
abstinent quilibet a venatione mea ubicunque pacem 
kaber i volo pro pleno mutet a. 

Wir kommen zur dritten Abtheilung, die nach der 
Entwicklung der Landeshoheit statt gefundenen Verän- 
derungen abhandelnd, und beschränken uns hier, da die 



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an Wald und Jagd in Deutschland. 707 

Untersuchung nun immer festeren Boden gewinnt, wieder 
lediglich darauf, den Gang, den der Verf. genommen 
und die Resultate, die er gewonnen , anzudeuten. § 30. 
redet von der Ausbildung der Landeshoheit und ihrem 
Einflufs auf die Wald - und Jagdverhältnisse im Allge- 
meinen. „ Eigentümliche Ansichten," sagt der Verf. 
S. 203, „ über Landeshoheit , mit der die älteren Juristen, 
ehe sie den Landesherrn für den princeps des römischen 
Rechts anerkannten, nicht recht wufsten, was sie anfangen 
sollten, und die sie für ein rnerum und mixtum Impe- 
rium, was sie mit römischen Amtsideen (praefectusprae- 
torito) in Verbindung brachten, ansahen, aus der sie 
aber doch endlich ein allgemeines Landeigenthum , über 
dessen Wesen nie klare Begriffe bestanden, durch die 
Verbindung von grofsem Privateigenthum , lehnsherrli- 
cher Gewalt und Regierungsrechten in der Hand des Für- 
sten hervorgerufen, bildeten; Einmischungen der Lehren 
des römischen Rechts, namentlich Anwendung und Aus- 
dehnung der den Vortheii des Fiscus betreffenden Vor- 
schriften; Demonstrationen aus dem Slaatszwecke , und 
namentlich übermäfsige Anwendung der Lehre vom öffent- 
lichen Wohl: dies waren die Momente, die theils mit fast 
gänzlicher Unkenntnifs der innern deutschen Geschichte 
und der deutschen Rechtsinstitute, theils aber auch wieder 
auf einzelne derselben, die dem Leben näher lagen, ge- 
gründet, die Ausbildung der Regalitätslehre überhaupt 
hervorbrachten." Nachdem dann §.31. die verschiedenen 
Ansichten Anderer über die Entstehung der Forsthoheit 
kurz berührt sind, wird in §.32. 33. das Wesen der Fort- 
hoheit genauer entwickelt, der Unterschied zwischen ihr 
und crem älteren Forstbann gezeigt, und der Inhalt der 
einzelnen wichtigeren Forstordnungen angegeben. Ein 
zweiter Abschnitt (§.34 — 42.) redet dann von dem Jagd^ 
reg-a! , urnd zwar §.34. und 35. zuerst einleitungsweise von 
dem Begriffe und der Entstehung der Regalien überhaupt. 
Als Kntstehungsgründe nimmt der Verf. an das grofse 
Gru»deig"enthum ^ es nonen Adels, Uebertragung der Re« 
gaWen der römischen Kaiser auf die Deutschen , und Ver* 
leijhung derselben von diesen letzteren an die Landesherrn, 



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768 Stieglitz, Geach. d. Eigenthums an Wald u. Jagd in Deutschi. 

r _ ' 



endlich Anmafsungen der Landesherrn, durch Lehren der 
Juristen von einem dominium tei-ritorii, von der Beför- 
derung des öffentlichen Wohls u. dgl. unterstützt. §, 36. 
entwickelt nun das Wesen der Jagdhoheit aus den älteren 
Jagdordnungen, §. 37 — 40. die Entstehung des eigent- 
lichen Jagdregals in einigen Ländern. Vorbereitet war die 
letztere besonders durch das Forst regal, indem theils „das 
an den Forsten sich darstellende Beispiel die Idee eines 
schon begründeten Jagdregals mit hervorrufen half," 
theils die Grenzen der alten Forste leicht materiell ausge- 
dehnt, und so auch in andern Landesdistrikten die dem 
Landesherrn in jenen zustehende Jagdbefugnifs erworben 
werden konnte Fördernd wirkte dann ein : 1) die Jagd- 
hoheit, indem theils die Vieldeutigkeit des Worts Wild- 
bann benutzt ward , theils das in der Jagdhoheit enthal- 
tene Recht, die Zeit des Jagens zu bestimmen, auf den 
Gedanken führen konnte, "dafs die Staatsgewalt dasJagen 
auch ganz verbieten dürfe, theils der allgemeine und un- 
bestimmte Begriff des öffentlichen Wohls gar manche Be- 
Kränkung des Jagd rechts gestattete. 2) Der Einflufs von 
Ansichten der Rechtsgelehrten. Manche nahmen ein 
allgemeines Eigenthum des Fürsten am Lande an, und 
gründeten diese Annahme theils auf einzelne Beispiele 
kleiner Territorien, theils auf die Analogie des dominium 
mundi, welches man dem Kaiser schon zuzugestehen ge- 
wohnt war, theils auf die grofse Ausdehnung des Lehns- 
verbandes. Andere Juristen dagegen nahmen das Jagdregal 
als durch Immemorialverjährung von Seiten der Fürsten 
und stillschweigenden Con§eflS4ier Unterthanen entstanden 
an, während noch andre die Re^ltiOus dem Wohl des 
Staats herleiteten, weil ohne dieselbe a^e^gd verwüstet, 
ielegenheit zur Arbeitlosigkeit, zur Ver\v^jJ erun g> 
Streitigkeiten, Meutereien und Aufruhr gegeöip werde, 
und weil die Jagd eine Vorschule des Kriegs se$> diese 
aber der Leitung des Fürsten untergeben seyn** 110880 - 
Endlich nahmen viele ihre Gründe aus dem röniff 0 ^ 611 
Rechte, namentlich aus den Grundsätzen desselben Urtier 
herrenlose Sachen , her. V 

(Die Forttetaung folgt.) \ 



I 



N*. 49. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 

===== 

Stieglitz, Geschichte des Eigenthums an Wald und 

Jagd in Deutschland. 

( B e s c h l uf s. ) 

Nachdem dann noch im §.41. gezeigt worden, wie 
sich die Ansicht, dafs nur Adliche zur Jagd berechtigt 
seyn könnten , ausgebildet, wie die Eintheilung in hohe 
und niedere Jagd häufig dazu beigetragen, wenigstens 
die Regalität der ersteren durchzusetzen, und wie die 
immer häufiger werdenden Gnadenjagden ebenfalls die 
Idee der Regalität begünstigten , werden in §. 42. die 
bedeutendsten praktischen Folgen der früheren Paragra- 
phen in folgenden Sätzen zusammengestellt: 1) Gemein* 
rechtlich ist das Jagdregal nicht ; weder eine allgemeine 
Gewohnheit noch ein Reichsgesetz läfst sich nachweisen; 
der historische Beweis, den die Juristen zu führen ver- 
sucht haben, ist unrichtig. 2) Selbst in den Ländern, 
in welchen die Regalität besteht, ist sie nie durch ein 
klares Gesetz eingeführt worden, sondern hat sie sich 
allmählich ausgebildet; als Kriterium, woran die Exi- 
stenz derselben in einem einzelnen Lande zu erkennen, 
mufs daher besonders die Vorschrift betrachtet werden, 
- dafs beim Jagdrechte im Zweifel die Vermuthung für den 
Besitzstand des Landesherrn streiten , der Unterthan also 
den Beweis der Verleihung oder unvordenklichen Ver- 
jährung führen müsse. 3) In der Regel haben jedoch 
die Ritter und öfters auch die Städte zufolge ihres be- 
deutenden Einflusses auf die Landesregierung während 
des 16ten Jahrhunderts, kraft allgemeinen Privilegiums 
die Jagd auf ihren Gütern behalten. 4) Ist in einem 
Lehnbriefe die Jagd nicht ausdrücklich erwähnt, so kommt 
es darauf an, ob derselbe vor oder nach Entstehung des 
Jagd regals verfafst ist, nur im letzteren Falle ist dein 
Vasallen das Jagdrecht abzusprechen; wo gar keine Re- 

XXVI. Jahrg. 8. Heft. 49 



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770 Winter, Systeme de la diplomatie. 



galität der Jagd statt findet, kann nie eine Nichtver- 
leihung angenommen werden. 5) Im Zweifel ist nur die 
niedere Jagd als verliehen zu betrachten. 6) Das öfters 
demonstrirte Mit- und Vorjagdrecht des Landesherrn 
ist nicht begründet und widerspricht sowohl der Natur 
einer Gerechtigkeit als eines Prekariums. T) Auch die 
Jagdfolge ist Öfters, wenn sie von Unterthanen gegen den 
Landesherrn ausgeübt werden soll, an ausdrückliche Ver- 
leihung oder unvordenkliche Verjährung gebunden worden. 
Im §. 43. spricht der Verf. schließlich seine Vermuthun- 
gen aus über die Veränderungen in den Wald - und Jagd- 
verhältnissen, welche die nächste Zukunft bringen dürfte. 
Er hofft und erwartet Beschränkung der Forsthoheit auf 
eine der Natur der Sache angemessene polizeiliche Auf- 
sicht, Aufhebung der Forstgerichtsbarkeit Privatberech- 
tigter, sowie der Vorrechte und Begünstigungen, welche 
den landesherrlichen Waldungen gegen die Privatwal- 
düngen zustehen, Ablösung der Waldservituten, allge- 
meine Verpflichtung zur Ersetzung des Wildschadens, 
Beschränkung der Jagdhoheit , Beschränkung oder selbst 
Aufhebung des Jagdregals und Rückkehr zu dem alt- 
deutschen Grundsatze durchgängiger Verbindung der 
Jagd mit dem Grundeigenthume. 

v. L ö w. 

————————— 

Systeme de la diplomatie; redige' prealablement en c baue he pour 
servir de base et de guide aus cours de diplomatie theorique et 
pratique. Par Hellmuth Winter. Paria und Berlin. 1830. 
LXXI und 69 5. 8. 

Die Schrift enthält theils einen discours prelimi- 
naire, theils einen Abrifs des Systemes, das der Verf. 
demnächst auszufuhren gedenkt. In der Einleitung er- 
klärt sich der Verf., der früher Vorlesungen über die 
Diplomatie in Paris gehalten hat, über die Grundlagen 
seines Systems. In dem Abrisse giebt er die Einthei- 
lungen und den Inhalt der einzelnen Paragraphen. 



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Winter, Systeme de la diplomatie. 711 

Die Staatswissenschaft, sagt der Verf., zerfallt in 
zwei Theile. Der eine handelt von den inneren, der 
andere von den äufseren Verhältnissen der Staaten. 
Den erstem nennt der Verf. die Politik (oder die Staats- 
wissenschaft in der engeren Bedeutung,) den letzteren 
die Diplomatie. Von der Diplomatie giebt er fol- 
genden Abrifs: 

Erster Theil. 
Materielle Diplomatie. 

Erstes Buch. 
Philosophische oder rationelle Diplomatie. 

Erster Abschnitt 
Naturrecht der Staaten oder Metaphysik des äufseren 
Rechts der Staaten. (Völkerrecht.) 

Zweiter Abschnitt 
Naturliche Politik der Staaten oder Metaphysik der 
auswärtigen Politik der Staaten. (Hier scheint der 
Verf. die Völkermoral abhandeln zu wollen.) 

Zweites Buch. 
Geschichtliche oder empirische Diplomatie. 

Erster Abschnitt. 
Aeufsere Statistik. (Darstellung des dermaligen Zu- 
standes der europäischen und der amerikanischen 
Staaten in Beziehung auf ihre auswärtigen Ver- 
hältnisse.) 

Zweiter Abschnitt 
Positives oder praktisches Völkerrecht. (Auch hier 
wird der Verf. nicht blos auf Europa, sondern auch 
auf Amerika ftücksicht nehmen.) 

Dritter Abschnitt. 
Positive oder praktische auswärtige Politik der (euro- 
päischen und amerikanischen) Staaten. 
Zweiter Theil. 
Formelle Diplomatie. 

Erstes Buch. 

Verwaltung der auswärtigen Angelegenheiten der 

Staaten. 



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712 Winter, Systeme de la 

Erster Abschnitt. 
Von dem Ministerium der auswärtigen Angelegen- 
heiten. 

Zweiter Abschnitt. 
Von diplomatischen Missionen. 

Zweites Buch. 
Praxis der auswärtigen Angelegenheiten. 

Erster Abschnitt. 
Von dem diplomatischen Style im Allgemeinen. 

Zweiter Abschnitt 
Von den einzelnen Arten diplomatischer Schriften. 

Dritter Abschnitt. 
Von deu Schriften, welche sich insbesondere auf die 
Dienstverrichtungen diplomatischer Personen be- 
ziehn. 

Die Idee, welche dem Plane des Verfs. zum Grunde 
liegt, dürfte, nach Rctns Urtheile, allerdings Beifall 
verdienen. Man kann zwar darüber streiten, ob der Name, 
welchen der Verf. für die unter seinem Plane begriffe- 
neu Wissenschaften gewählt hat, — der Name: Diplo- 
matie, — der passende sey, obwohl dieser Streit mehr 
den Worten als den Sachen gelten würde. Aber so viel 
ist gewifs, dafs die Staatswissenschaft, wenn man sie in 
Beziehung auf ihren Inhalt eintheilt, ganz so einzutheilen 
ist, wie sie der Verf. eingetheilt hat. Und eben so gewifs 
ist es, dafs alle die Wissenschaften, welche der Verf. 
unter dem Namen Diplomatie begreift, für denjenigen, 
welcher sich für die diplomatische Laufbahn bilden 
will , ein unmittelbares Interesse haben. Reft. glaubt 
daher den Verf. zur Ausführung seines Planes auffor- 
dern zu dürfen und von dem Werke, das der Verf. 
ankündiget, der Wissenschaft Gewinn versprechen zu 
können. 

Die Ausführung wird den Verf. zugleich die beste 
Gelegenheit und Veranlassung geben, den Plan einer 
nochmaligen Prüfung zu unterwerfen. Wenn dieser auch , 
naach Rctns. Dafürhalten, die Prüfung im Ganzen 



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I 



Winter, Systeme de la diplomatie. 773 

gewifs bestehen wird, so könnte es doch der Verf. viel- 
leicht rathsam finden, den Plan in einigen seiner Theile 
zu verlassen oder abzuändern. Man kann z.B. die Frage 
aufwerfen, ob es nicht in dem Interesse der Leser oder 
Zuhörer besser seyn würde, den Vortrag des allgemeinen 
Völkerrechts (oder, in der Kunstsprache des Verfs., 
den Vortrag des Naturrechts der Staaten,) mit dem des 
positiven Völkerrechts zu vereinigen. Zwar ist es an 
sich vollkommen richtig, dafs man, (wie der Verf. 
bemerkt,) Wissenschaften, die ihrem Inhalte nach von 
einander verschieden sind, auch im Vortrage von einander 
zu sondern habe. Aber wie? wenn die eine Wissen- 
schaft nur eine Anwendung der andern ist oder die andere 
nur theilweise modificirt oder genauer bestimmt? Soll 
der Lehrer in einem Falle dieser Art nicht auch das 
subjective Interesse oder Bedürfnifs der Lernenden be- 
rücksichtigen? Noch weniger konnte sich Rft. die Zweifel 
beantworten, welche in ihm bei dem Theile des Planes 
entstanden, den der Verf. pohtique naturelle des etats 
ou metaphysique de la politique exte'rieure de Vetat 
(erster Theil , erstes Buch, zweiter Abschnitt,) über- 
schreibt. Wenn anders Rft. den Verf. recht verstanden 
hat, so soll die Völkermoral der Gegenstand dieses Ab- 
schnittes seyn. Aber haben Völker andere Pflichten 
gegen einander, als Rechtspflichten ? gehören aber nicht 
diese insgesammt in das Völkerrecht ? Ist die Politik , 
die auswärtige, nicht die Kunst, was unter Völkern 
Rechtens ist, ins Werk zu setzen, oder, in Noth fällen 
den Staat gegen auswärtige Feinde um jeden Preis zu 
vertheidigen ? Allerdings giebt es, auch wenn man das 
Wort in diesem Sinne nimmt, iheils eine allgemeine, 
theils eine besondere (auswärtige) Politik oder eine Po- 
litik der und der in der Erfahrung bestehenden Staaten. 
Doch möchte sich die erstere auf einige wenige und 
sehr einfache Maximen beschränken. — Auf der an- 
dern Seite dürfte sich dem Verf. bei der Ausführung 
seines Planes die Nothwendigkeit aufdringen, die VöU 
kergeschichte von der diplomatischen Statistik zu trennen. 



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774 Graberg v. Hemsö, das Kaiserreich Marokko. 

Jedoch alle diese Bemerkungen treffen nicht das 
Wesen , sondern nur einzelne Theile des von dem Verf. 
vorgelegten Planes. Niemand ist hesser im Stande, 
diese Bemerkungen zu prüfen und sie, nach Befinden, 
zor Vervollkommnung der Wissenschaft zu benutzen, als 
der Verfasser. 

Z a c har i ä. 

— — - . . 

Das Sultanat Mogh'rib - ul- Aksä oder Kaiserreich Ma- 
rokko. In Bezug auf Landes-, Volks- und Staats -Kunde be- 
schrieben von J. Graberg von Hemsö, vormaligem königlich 
schwedischem Konsul zu Tanger und Tripoli u s. f. Aus der ita- 
lienischen Handschrift übersetzt von Alfred Reumont. Stuttgart 
und Tübingen, in der J. G. Cotta 1 sehen Buchhandlung. 1833. 

Ref. ist erfreut, die Leser dieser Blätter auf diese 
wahrhafte Bereicherung der ethnographischen Literatur 
aufmerksam machen zu können, wodurch die Kenntntfs 
eines Landes außerordentlich gefördert wird , welches 
trotz seiner Nähe bei Europa, trotz seiner Wichtigkeit 
im Allgemeinen und bei der Nachbarschaft von Algier in 
den jetzigen Zeiten in's Besondere unbekannter ist, als 
manche der entferntesten und für Europa bedeutungs- 
losesten Gegenden. Der Verf. desselben hat sich als 
schwedischer Consul sechs Jahre lang in Tanger aufge- 
halten, hat daher Gelegenheit, das geschilderte Land 
und Volk genau kennen zu lernen, gehabt und hat, wie 
das vorliegende Werk beweist, mit Fleiß und Scharfsinn 
die sich darbietende Gelegenheit benutzt, um zuverläs- 
sige Angaben über dasselbe einzuziehen. So wurde er 
in den Stand gesetzt, eine alle Theile des Staats- und 
Volks -Lebens umfassende Beschreibung jenes Reiches 
zu geben und eine Menge von Irrrthümern und unrich- 
tigen Ansichten zu verbessern, die bis jetzt über dasselbe 
verbreitet waren. Den reichen Stoff, welchen der Hr. 
Verf. uns also bietet, hat er in drei Hauptabtheilung-en 
vertheilt: Chorographie nämlich, Ethnographie und To- 
mographie. 



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Graberg v. Henisö , das Kaisen eich Marokko. 775 

Io jener spricht er zuerst über die geographische 
Lage, die Eintheilung des Landes, seine Küsten und 
Seehäfen, Berge und Thäler, Flüsse und Seen, und fügt 
eine sehr reichhaltige Uebersicht der Schriftsteller aller 
Nationen bei, welche das Mogh rib- ul- Aksä (von den 
Europäern gewöhnlich weniger richtig Marokko genannt) 
entweder systematisch beschrieben oder in Reisebeschrei- 
bungen geschildert oder auf Karten bildlich dargestellt 
haben. Von diesen bildlichen Darstellungen , um das 
hier im Vorübergehen zu bemerken, hält der Verf. die 
noch für die genaueste, welche Michaelis auf seiner 
Karte des mittelländischen Meeres und der anstofsenden 
Länder (Tübingen 1830.) gegeben hat Aus der sehr 
genauen Beschreibung der chorographischen Verhältnisse 
des Landes, welche der Hr. Verf. giebt, heben wir nur 
die folgenden, allgemeinsten Angaben aus: Das ganze 
Reich durchzieht von Nordost nach Südwest, von der 
Grenze Algiers bis an die Küsten des atlantischen Oceans 
das Atlas -Gebirge, dessen Haupttheil von den Einge- 
bomen A'drär genannt wird , was in der Sprache der 
Urbewohner dieser Gegenden (der amazirghischen, deren 
ethnographische Verhältnisse wir später näher erwähnen 
werden) Berg bedeutet. Daraus, glaubt der Hr. Verf., 
sey durch die so häufige Verwechselung des r und l und 
durch die eben so gewöhnliche Umgestaltung des r am 
Ende in s der Name des ganzen Gebirgszuges bei den 
Alten, Atlas und Mordes atlantici entstanden, und aus 
diesem Letzteren wieder durch Weglassung der ersten 
Svlbe seine Benennung bei den Arabern des Mittelalters, 
Lamta. — Durch dieses' Gebirg wird das ganze Land 
in zwei Theile zerspalten, wovon der eine nördlich und 
westlich vom Atlas die Reiche Fez und Marokko, der 
andere südlich und östlich von jenem Gebirge sieben 
einzelne, fast unabhängige Provinzen unter der Ober- 
hoheit des Sultans von Marokko umfafst. Die Gröfse 
beider zusammen genommen schätzt der Hr. Verf. auf 
13,725 geographische Quadrat- Meilen. 

In dem zweiten Abschnitte schildert der Hr. Verf. das 



na 



Üraberg v. ftfemsö . daa Kaiserreich Marokko. 



Klima und den Boden des Mogh* rib-ul- Aksä. Auch 
er stimmt in die Lobeserhebungen ein, welche alle jener 
Lander kundigen Männer dem westlichen Theile des nörd- 
lichen Afrika in dieser Hinsicht ertheilen. Der Atlas 
schützt (wenigstens was die nördlich von ihm gelegenen 
Provinzen betrifft, und von denen ist hier eigentlich allein 
die Rede) vor den heifsen Südwinden aus dem Innern 
Afrikas, und das Meer,' welches von zwei Seiten das 
Land umgiebt, trägt aufserdem noch sehr viel zur Mil- 
derung der Hitze bei. Daher steigt das Thermometer, 
auch selbst in einiger Entfernung von der Küste, sogar 
in der heifsesten Jahreszeit selten über -f 28° Re'aum., 
so wie man es in der Ebene noch nie unter + 4° Reaum. 
hat fallen sehen. Auch die Beschaffenheit des Bodens 
ist der Fruchtbarkeit aufserordentlich günstig. Die Felder 
nur 5 bis 0 Zoll tief mit hölzernen Pflugschaaren aufge- 
rissen, nie gedüngt, überhaupt auf das Nachlässigste 
bearbeitet, bringen stets wenigstens 20 bis 30 fältigen 
Ertrag, in besseren Gegenden 60 bis 80 fältigen, in man- 
chen Jahren sogar 100 bis 120 fachen, ja Mais in man- 
chen Gegenden mitunter 300 fältigen. Daher ist denn 
auch der Reichthum an Bodenerzeugnissen , von denen 
der Hr. Verf. im dritten Abschnitt eine ins Einzelne aus- 
geführte lieb ersieht mittheilt, aufserordentlich, und die 
reichsten Gegenden Europa's bleiben daneben weit zurück. 
Im vierten Abschnitte der ersten Hauptabtheilung schil- 
dert uns der Hr. Verf. noch die Beschaffenheit der Dörfer 
des inneren Landes und der Städte in den Gegenden , 
welche diesseits des Atlas liegen, namentlich in denen, 
welche weniger entfernt von der Meeresküste sind. Auch 
giebt er hierbei eine nähere Beschreibung der bedeuten • 
deren unter diesen Städten. 

Hierauf geht er zu der zweiten Hauptabtheilung des 
ganzen Werkes , zu der Ethnographie über. In dem 
ersten Abschnitte dieses zweiten Theiles beschäftigt er 
«ich wieder zunächst mit den Zahlen Verhältnissen. Zwi- 
schen den Angaben der bisherigen Beschreiber, welche 
bei der Einwohnerzahl des ganzen Mogh'rib-ul-aksä 



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I 



Graberg v. Hemtö, das Kaiserreich Marokko. 777 

zwischen 4 und 14 Millionen schwankten , hat er eine 
Mittelzahl von 9 Millionen aufgefunden, — durch Be- 
rechnungen, deren Grundlagen und Gang er uns bei 
dieser Gelegenheit näher angiebt. Diese Bevölkerung 
glaubt er auf die einzelnen Theile des Gebietes so ver- 
theilen zu können : 

im Reiche Fez 3,200,000 auf 5543 QBf. 

* — — Marokko .... 3,600,000 — 8211 — 

• — Tafilelt und Sudschclmesa 700,000 — 1791 — ' 

— A'drar, Sus u.b. w. . . 1,000,000 — 3169 — 

Im Ganzen 8,500,000 auf 13,714 QM. 

Dies würde im Durchschnitte eine Bevölkerung von 646 
Seelen auf die Quadratineile geben. Diese Dichtigkeit 
der Bevölkerung wäre noch immer viel geringer, als die 
von Andalusien, Algier, Tunis, der europäischen Türkei 
ist. Nach den Grundlagen seiner Berechnung aber, 
welche der Hr. Verf. diesen Angaben vorausschickt, 
scheint diese Zahl in der That zu geringe, und wir müssen 
daher entweder jene Grundangaben modificiren , oder 
müssen aus ihnen schliefsen , dafs die Bevölkerung des 
MoghVib - ul - aksä in der Wirklichkeit viel gröfser ist, 
als die hier gegebenen Zahlen. Von dieser Einwohner- 
zahl kommen etwa 500,000 auf die Städte und stadtähn- 
lichen Ortschaften , und hiervon wieder 88,000 auf die 
Stadt Fas, 56,000 auf Meknes, 30,000 auf Marokko u.s f. 

Der Abstammung nach theilt der Hr. Verf. die Be- 
wohner in folgende Classen: 

Amazirghen oder Mazirghen. Sie sind die ächten 
Abkömmlinge der ältesen Bewohner des ganzen nördli- 
chen Afrika von dem Nilufer bis zum atlantischen Welt- 
meere. Ihr eigentlicher Name tritt schon bei den Alten 
in den Formen Mazyes, Mazisci, Mazyces, Mazichi 
und dergl. m. hervor. Im Mogh'rib-ul- aksä zerfallen 
sie in die Bereber und Tuariks und die Schellöchen. 
Jene, etwa 2,300,000 Köpfe stark, wohnen am nördli- 
chen Abhänge des Atlas in den fruchtbaren Thälern, 
die sich von dem Gebirge bis in die Nähe des Meeres 



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(rrfilicr*^ v« Heimo ^ dfts f£fti8€KT€ich sirokko 



herabziehen; diese, etwa 1,450,000 Köpfe stark, wohnen 
westlich von ihnen, längs des westlichen Abhanges des 
Atlas bis zum Strande des atlantischen Oceans. — Süd- 
lich des Atlas leben -andere sehr zahlreiche Amazirghen- 
Stämnae, deren Gröfse sich aber durchaus nicht auch 
nur annähernd in Zahlen angeben läfst. Die Sprache der 
Amazirghen, welcher der Hr. Verf. sehr genaue Studien 
gewidmet, hat nicht die geringste Aehnlichkeit mit den 
semitischen Mundarten, und unterscheidet die Amazir- 
ghen dadurch streng von den späteren Einwanderern aus 
Asien. Man hört diese Sprache jetzt noch in ganz Nord- 
afrika, vom Innern Aegyptens an bis zu dem Kap Nun 
am atlantischen Ocean; vor 100 Jahren wurde sie auch 
noch auf den canarischen Inseln gesprochen, die so in 
ethnographischer, wie in geographischer Beziehung die 
Fortsetzung des Atlas - Gebirges bildeten. Die Dialekte 
der amazirghischen Sprache sind übrigens so verschieden 
unter einander, dafs z. B. Bereber und Schellöchen sich 

nicht ohne Dollmetscher verstehen. Gröfslentheils 

sind die Amazirghen -im Mogh'rib-ul-aksa fast ganz 
unabhängig von dein Sultan und leben unter eignen 
Stammhäuptlingen und einem fast unbeschränkten Grofs- 
Scheich als allgemeinen Oberhaupte in stetem Kampfe 
mit den übrigen Bewohnern des Landes, weil sie hinter 
ihren steilen Bergen nicht leicht aufgesucht und für ihre 
Angriffe bestraft werden können. 

Zunächst an Zahl kommen den Amazirghen im Mogh'- 
rib-ul-Aksa die Mauren, die sich etwa auf 3,550,000 
belaufen. Der Hr. Verf. hält sie für Abkömmlinge der 
Einwanderer von verschiedenen asiatischen Stammen, die 
nach und nach in Nordafrika eingedrungen sind. Die 
eiste solche Einwanderung geschah nach ihm schon lange 
vor den Zeiten der Römer, und es waren- daher schon 
in dieser Zeit die jetzigen Mauren in dem westlichen 
Theile Nordafrikas vorhanden. Seitdem haben sie aber 
alle Einwanderer, die nach und nach in diese Länder 
gekommen sind, immer wieder in sich aufgenommen und 
sie gänzlich mit sich verschmolzen. So noch zuletzt die 



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Graberg v. Hemsö, da« Kaiserreich Marokko. 



119 



Araber, die bei weitem die überwiegendste Zahl der 
Einwanderer ausmachten. Deswegen ist auch jetzt die 
Sprache der Mauren ein Dialekt des Arabischen, aber 
mit vielen fremden Beimischungen, vorzüglich mit dem 
Amazirghischen. Den Hauptbestandtheil der Mauren, 
die jetzt im Mogh*rib-ul~ Aksa wohnen, bilden die Nach- 
kommen der aus Spanien zurückgetriebenen Mohame- 
daner. Daher machen die Mauren auch jetzt noch immer 
den gebildeteren Theil der Bewohner des Mogh'rib-ul- 
Aksa aus, sind die vornehmsten und mächtigsten unter 
den Einwohnern der Städte, haben die bedeutendsten 
Stellen bei der Regierung, bilden den Kern des Heeres 
und sind die einzigen Marokkaner, die mit den christ- 
lichen Völkern in unmittelbarer Verbindung stehen. Doch 
sind sie unter dem Einflüsse des unbeschränkten Despo- 
tismus und ihrer Stellung zu den übrigen Bewohnern des 
Landes nach und nach tief von der Bildungsstufe, welche 
ihre Voreltern, die Mauren, in Spanien einnahmen, herab 
und sogar in schreckliche Rohheit und sittliche Verdor- 
benheit versunken, so dafs ihr Charakter jetzt ein Ge- 
misch fast aller hassenswerthen Eigenschaften des mensch- 
lichen Geistes ist, selbst derer, von denen man ihrer 
Entgegengesetztheit wegen glauben sollte, sie könnten 
in demselben Individuum nicht zugleich vorhanden seyn. 
Sie sind furchtsam und doch wieder unbezwinglich hart- 
näckig, anmafsend und kriechend demüthig, grausam 
und wollüstig, schmutzig und doch genufssüchtig , hab- 
gierig und doch trag, deswegen, um ohne Anstrengung 
ihre Habgier befriedigen zu können, betrügerisch gegen 
Stärkere, räuberisch und gewaltsam gegen Schwächere 
w. s» f. Kurz, nach des Hrn. Verfs. Schilderung sind 
diese Mauren eine der verworfensten Menschenclassen , 
die es auf der ganzen Erde giebt 

Ihnen zunächst stehen der Abstammung uach die un- 
vermischt gebliebenen Araber, die theils in den Städten 
wohnen, theils als Beduinen auf dem Lande ein Wander- 
leben führen. Ihre Zahl beträgt im Ganzen etwa 740,000. 
Sie haben auch hier ihre ursprünglichen Sitten, wie ihre 



780 Graberg v. Hemsö, da« Kaiserreich Marokko. 

Sprache, in grofser Reinheit und Unverändertheit be- 
wahrt uud theilen alle Fehler und Tugenden ihrer Stam- 
mesgenossen in dem Heimathlande sowohl , als in den 
verschiedensten Gegenden, in die sie nach und nach vor- 
gedrungen sind. 

Hierzu kommen dann uoch 539,500 Juden, 120,000 
Schwarze aus dem Innern Afrika's , die meistentheih» 
Sklaven, doch zum Theil auch frei geworden sind und 
Reichthum und Bedeutsamkeit erlangt haben, so wie sie 
auch ihrer Treue wegen die etwa 10,000 Mann starke 
Leibwache des Sultans bilden. 

Christen giebt es nur einige hundert, als Konsuln, 
Kaufleute, Handwerker und Dienstboten bei christlichen 
Herrschaften. Nur in Tanger, Tetovan, El- Araisch und 
Mogodore finden sich einige Ausgewanderte aus Spanien 
und andern europäischen Läudern, die sparsam von ihren 
Einkünften leben. In den andern Häfen des Reiches ist 
es ihnen nicht gestattet, sich aufzuhalten und ein Haus zu 
besitzen, sondern sie dürfen nur auf eine beschränkte Zeit 
bei Juden sich einmiethen. Diese Strenge soll ihren Ur- 
sprung in dem fanatischen Eifer des Sultans haben und 
in der Eifersucht der Muselmänner, welche die Vorliebe 
ihrer Frauen für die Christen sehr ungern bemerken. 
Christensklaven giebt es seit 20 Jahren nicht mehr, und 
selbst die, welche aus den unabhängigen Provinzen des 
Innern kommen , werden frei , sobald sie die Besitzungen 
des Sultans von Marokko betreten. Die Abschaffung der 
Christensklaverei war ein völlig freiwilliger Act der ma- 
rokkanischen Regierung bei Lebzeiten des letzten Sultans 
Mulai Suleiman. 

Eben so vermindert sich die geringe Zahl der christ- 
lichen Reuegaten (l'lgi) von Tage zu Tage mehr, da- 
gegen mehrt sich täglich die der zum Mohatnedanismus 
übertretenden Juden (Aslami ). Bemerkens werth ist, dafs 
wenn ein Jude Mohamedaner werden will, er zuerst be- 
kennen mufs, dafs Jesus Christus, wenn nicht der Sohn 
Gottes, doch sein gröfster Prophet vor Mohamed ge- 
wesen und, dafs das Neue Testament die Botschaft Gottes 



Graberg v. Herasö, «tat Kaiserreich Marokko. 181 

I 

ist, damit er "dadurch gleichsam erst Christ werde und so, 
wie die Mohamedaner sagen, der Ordnung der ver- 
schiedenen Religionen folge und die Grade ihrer stufen* 
weisen Vollendung durchgehe. 

Im sechsten Abschnitte geht der Hr. Verf. zur Dar- 
stellung des Ackerbaues, der Viehzucht, des Fischfangs, 
der Jagd über. Alle diese Gewerbe werden natürlich 
ganz roh getrieben , und trotz der außerordentlichen 
Fruchtbarkeit des Bodens befinden sich die Ackerbauer 
oft in drückender Armuth. Hierzu trägt die Gewalttä- 
tigkeit der Regierung, die Unsicherheit des Besitzes und 
das Verbot der Getreideausfuhr nach Christenländern 
gemäfs den Gesetzen des Korans, wovon der Sultan nur 
einzelne Ausnahmen gestattet, zu gleichen Theilen mit 
der Trägheit der Bewohner bei, welche letzte freilich 
wieder eben so sehr eine natürliche Folge jener übrigen 
Verhältnisse, als eine Wirkung des Klimas und der ur- 
sprünglichen Eigentümlichkeit der Bewohner ist. — 

Gepflügt wird gewöhnlich nur mit einem Ochsen, 
den der Lenker des Pflugs mit einem spitzen Stachel an- 
treibt. Nur wenn man tiefer pflügen will, spannt man 
neben den Ochsen noch ein anderes Thier, einen Esel, 
ein Pferd , eine Kuh oder eine — Frau. Der Hr. Verf. 
sagt, es geschehe dies in den ärmeren Gegenden sehr 
häufig, und er habe es z. B. selbst in einem Orte Bahh'- 
rein bei Tanger öfter gesehen, dafs eine Frau in der 
Blüthe ihrer Jahre und ihrer Kraft mit einem Esel oder 
Maulthier zusammengejocht, fast nackt und in Schweifs 
gebadet, gekrümmt den Pflug zog, und dafs der Lenker 
sie eben so, wie das Thier, durch Stiche mit seinem 
Stachel zum schnelleren Gehen antrieb. 

Welche ungeheure Ergebnisse der unendlich reiche 
Boden bei einer besseren Bearbeitung gewähren würde, 
das sah der Hr. Verf. an einem Acker des portugiesischen 
Consuls zu Tanger , welcher gehörig gedüngt und be- 
wässert und mit sorgfaltig ausgelesenem Saamen besäet 
worden war. Hier war der Ertrag wirklich ganz un- 
glaublich. Ein Korn z.B. hatte 160 Halme getrieben, 



182 Graberg v. Hemaö, da» Kaiserreich Marokko. 

von denen einige drei Aehren tragen , welche selten zu- 
sammen weniger als 40 Körner enthielten. Auch Wein- 
reben gedeihen vortrefflich. Die Trauben reifen schon 
im Juni. Die Mohamedaner brauchen dieselben zwar 
nur, um sie frisch oder als Rosinen zu essen, sie geben 
aber auch, wie die Versuche der Christen gezeigt haben, 
einen vortrefflichen , feurigen und haltbaren Wein. Obst 
bringt das Land fast ohne Pflege in unendlicher Fülle, 
eben so Hanf, Tabak, Oel u. s. f. , kurz, die ganze in's 
Einzelne gehende Schilderung des Ackerbaues und seiner 
Ergebnisse, wie sie der Verf. liefert, bietet überall das- 
selbe Bild dar, die Natur nämlich bei der schrecklich- 
sten Vernachlässigung von Seiten der Menschen in fast 
unglaublichem Reichthume. 

Wir brauchen kaum weiter zu erwähnen , dafs es mit 
den Künsten und, Handwerken, mit denen der Hr. Verf. 
sich im folgenden Abschnitte beschäftigt, im Allgemeinen 
sehr schlecht bestellt ist, da sie fast ganz von dem Men- 
schen allein abhängen, und die Natur nur in geringerem 
Grade Unterstützung bieten kann. Doch giebt es von 
dem trostlosen Zustande der Gewerbe im Allgemeinen, 
im Einzelnen einige Ausnahmen. So werden zu Fas sehr 
schöne Arbeiten von Goldfaden gemacht und in vielen 
Provinzen sehr geschmackvolle Teppiche gewirkt , die 
in Europa unter dem Namen türkischer Teppiche bekannt 
sind. Der ausgezeichnetste Zweig der Industrie ist aher 
die Lederbereitung, die nach der Ansicht des Hrn. Verfs. 
in Fas alles übertrifft , was Europa in dieser Art kennt 
Freilich liefert auch hier die Natur wieder die besten 
Mittel zur Betreibung dieses Industriezweigs, zwei unbe- 
kannte Pflanzengattungen nämlich, Tizra und Tasaja, 
die am Atlas wachsen, vermittelst deren man selbst aus 
Löwen- und Partherfellen Leder macht, weifs wie Schnee 
und weich wie Seide. Hat jia> doch eine der feinsten 
Lederarten (Maroquin) von diesem Laude den Namen 
und wird wirklich in seltener Vollendung in demselben 
fabricirt. Den besten rothen Maroquin liefert Fas , den 
besten grünen Taütelt, den besten gelben Marokko. 

i 



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Graberg v. Hemgö. das Kaiserreich Marokko. 783 

Weit bedeutender uod gewinnreicher für das Mogh'- 
rib-ul-aksä ist aber der Handel, vorzüglich der aus* 
wärtige, — über den der Hr. Verf. sehr genaue und 
schätzenswerthe Nachrichten inittheilt. Es zerfällt der- 
selbe aber in 3 Theiie : 1) den Handel mit dem Innern 
von Afrika, 2) den Handel mit Europa, 3) den mit dem 
Orient. Der erste wird durch Karavanen getrieben. Aus 
etwa 100 bis 150 Personen und 1000 bis 1500 Kameelen 
bestehend, brechen die Caffilen (einzelnen Karavanen) 
von Marokko, Tetovan, Fas, Tafilelt u. s. f. auf. Zu 
Tatta und Akka, am Anfange der Wüste, stofsen sie zu- 
sammen, um gemeinschaftlich als Accabe (Karavanen- 
Vereinigung), mitunter 500 bis 1600 Personen und 16,000 
bis 20,000 Kameele umfassend , die Wüste zu durch- 
ziehen und dadurch in Etwas die Gefahren dieser Reise 
zu vermindern. Zu derselben Zeit stofsen auf gleiche 
Weise zu Agabli, dem Hauptorte der Oase von Tuat, 
mitten in der Wüste die Karavanen von Algier, Tunis, 
Ghadams', Tripoli und Fezzan zusammen; an dem Ende 
der Wüste, auf den Grenzen des Sudan tritt diese Kara- 
vanenvereinigung mit der aus Marokko zusammen, und 
vereinigt setzen beide ihren Weg nach dem grofsen Bin- 
nenmarkte, Tom buk tu fort, wo sie theils mit den ein- 
heimischen Kaufleuten verkehren, theils mit den Kauf- 
leuten, die in gleicherweise, wie sie selbst, aus dem 
Süden, aus Senegambien, aus Guinea u. s. f. erschienen 
sind und durch Karavanen die Produkte ihres Landes 
zum Austausche herbeigebracht haben. Etwas fabelhaft 
klingt die Erzählung von der Art des Verkehres an man- 
chen anderen Orten Nigritiens, welche der Hr. Verf. mit- 
theilt. Auf eine Seite irgend eines Hügels, sagt er, 
stellen sich die mogh'rebinischen Mauren , auf die andere 
Seite die Schwarzen von Beru und andern Ufern des 
Nils der Neger. Jene legen Ihre Waaren auf den Hügel 
nieder und entfernen sich sodann. Die Neger untersuchen 
sie und legen unter jedes Stück Waare so viel Gold- 
staub , als sie geben wollen , ■ worauf auch sie sich ent- 
fernen. Die Mauren kehren zurück, und finden sie den 



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184 Graberg v. Hemsö, das Kaiserreich Marokko. 

Goldstaub mit dem Werthe des Gegenstandes stimmend , 
so nehmen sie ihn und lassen die Waare; wenn nicht, so 
nehmen sie diese zurück, und wird das Gebot nicht er- 
höht, so ist der Handel zu Ende und man trennt sich. 
Ist man hingegen beiderseits zufrieden , so vereinen sich 
Mauren und Neger und reisen vierzehn Tage mit einan- 
der. — Desto schätzenswerther sind die Angaben über 
die Gegenstände, welche dieser Handel umfafet und das 
Resultat desselben für Marokko. Der Hr. Verf. meint, 
dafs etwa für eine Million Piaster marokkanischer Waaren 
durch denselben in das Innere Afrikas geführt, dafür 
aber für mehr denn zehn Millionen Erzeugnisse desselben 
nach dem Mogh'rib- ul-aksä zurückgebracht und wenig- 
stens zu zwei Drittheilen wieder mit grofsem Gewinne 
nach Algier und Tunis (und Europa, nach dem unten 
Folgenden) abgesetzt werden , so dafs also dieser Ver- 
kehr für das Mogh'rib -ul-aksä aufserordentlich vortheil- 
haft ist. 

Nicht weniger gewinnreich ist auch der Handel mit 
Europa, so sehr derselbe auch durch Ausfuhrverbote 
bei dem Getreide (wie oben schon erwähnt wurde, ans 
religiösen Gründen), unerschwingliche Zölle (zumTheil 
100 bis 200% des Kaufpreises) und wülkührliche Be- 
drückungen der Regierung gehindert wird. Die Ausfuhr 
besteht theils in Naturprodukten und einigen Kunsterzeug- 
nissen Marokko s selbst , theils in den durch den Binnen- 
handel eingeführten Waaren des Sudan , die mit unge- 
heurem Gewinne an die Europäer verkauft werden. Die 
Einfuhr dagegen besteht in europäischen Manufaktur- 
waaren (Leinwand, Tuch, Seidenwaaren) , in Kolonial- 
waaren und Spezereien , in verschiedenen Metallen u.dgl. 
und in etwa 130,000 Piastern in baarem Gelde, womit 
der Ueberschufs der Ausfuhrartikel aufgewogen wird. 
Ueber dies Alles giebt unser Verf. die genauesten Nach- 
richten, selbst Preise und Zölle der einzelnen Artikel, 
welche Angaben alle die genaueste Bekanntschaft mit 
dem Gegenstaude verrathen. 

(Der Betchluf* folgt.) 



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50. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 

• * . ». 

« • » 

Gr ab er g v. Hemsö, das Kaiserreich Marokko. 

(Heschlufs.) 

Sehr interessant ist auch die ziemlich ausführliche 
Schilderung des Handels mit dem Oriente, wovon wir 
einige charakteristische Zuge ausheben. Sieben Monate 
vor dem Geburtsfeste Mohammeds vereinigen sich die 
Pilger, welche des Propheten Grab besuchen wollen, in 
der Stadt Fas. Ein Theil schifft sich ein, um die Reise 
bis Aegypten ganz oder zum Theil zur See zurückzu- 
legen , bei Weitem der gröfste Theil schlägt den Land« 
weg ein. Die Kaufleute, welche den Zug nur des Ge- 
winnes wegen mitmachen, oder den Handel wenigstens 
mit Uebung der Religionspflicht verbinden, machen ihre 
Einkäufe, alle Pilger versehen sich wenigstens mit ihren 
Reisebedürfnissen bis Tunis und Tripolis, der Emir-al- 
Hodscha übernimmt die Anführung des Zuges mit unum- 
schränkter Gewalt, selbst dem Rechte über Leben und 
Tod. Nachdem noch von allen Seiten Pilgerzüge dazu 
gestofsen sind, bricht die Karavane auf, zuerst die Ka* 
meele und Maulesel mit den Vorräthen, dann die Pilger, 
die aus Armuth oder zur Bufse zu Fufs gehen , endlich 
die auf Pferden oder Mauleseln reitenden Pilger. Die 
Karavane. zieht durch das Innere des Landes über Kair- 
van nach Tripolis, dann nach Alexandrien, nach Mekka. 
Ueberall, wo die Karavane durchzieht, schliefsen sich 
neue Züge an , die seitwärts her aus andern Gegenden 
kommen, eben so gehen aber auf jedem Punkte andere 
Züge ab, die ihr Ziel erreicht haben, indem sie sich zu 
einer kürzern Reise, nur der Sicherheit wegen, der 
Karavane anschlössen ; doch sind diese Abgänge weniger 
zahlreich , als die Zuflüsse , und der Zug erhält zuletzt 
eine ungeheure Stärke. Sechs bis sieben Monate währt 
gewöhnlich die Reise , während derselben wird überall 

XXVI. Jahrg. 8. Heft. 50 



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186 Graberg v. Hemsö, da« Kaiserreich Marokko 



der lebhafteste Handel getrieben, die Karavane ist die 
Hauptverbindung der durchzogenen Länder, Kaufleute, 
die sich ihr anschlössen, trennen sich, wenn sie zu dem 
Orte ihrer Bestimmung gekommen sind, andere kaufen 
in jedem Orte und verkaufen in dem folgenden mit Ge- 
winn und wiederholen dieses Geschäft viele Male, bis 
sie nach Mekka gelangen. Hier angekommen, trifft die 
Karavane einen Jahrmarkt, dem wohl keiner der ganzen 
Welt gleich kommen mag, fünf Monate währt er jähr- 
lich, und über 200,000 Menschen mit mehr als 100,000 
Kameelen besuchen ihn aus allen den Theilen der Erde, 
wohin der Mohammedanismus sich verbreitet hat. Hier 
kaufen die Pilger nun wieder Handelsgegenslände der 
verschiedensten Art, die aus allen diesen Gegenden dort 
zusammen gebracht worden sind, und kehren dann wieder 
theils zur See, theils zu Lande zurück. Letztere wieder- 
holen dabei in umgekehrter Ordnung ganz den Verkehr 
des Herweges, mit Kaufen und Verkaufen, und bringen 
endlich die bunteste Mischung von Waaren aus Mekka, 
Alexandrien, Tunis, Algier u. s. f. mit nach Hause. 

Zur Vervollständigung dieses Kapitels dienen noch 
die Angaben, welche der Hr. Verf. über Münzen, Maafse, 
Gewichte u. s. f. mittheilt, so wie über die Art, wie Euro- 
päer sich bei dem Handel mit den Eingebornen des Mogh'- 
rib - ul - aksa zu benehmen haben. Interessant ist hierunter 
auch die Angabe, dafe der Sultan von Marokko sogar eine 
Art von Quarantäne in seinem Reiche eingeführt hat. Der 
Sultan Mulai Suleiman verlieh nämlich vor etwa 20* Jahren 
den christlichen Konsuln zu Tanger die Befugnifs einer 
obersten Sanitäts- Junta für die Seeseite, und die Be- 
schlüsse dieser Junta werden ohne Appellation an Lokal- 
behörden in allen Häfen beobachtet. Verdächtige odejr 
verpestete Fahrzeuge müssen alle zu Tanger Qkuaraaiäa« 
halten; sind sie zu sehr angesteckt, so werden- sie oJboe 
Verzug nach Port -Malion gesendet. 

Zum Schlüsse dieser ethnographischen; Schilderung 
der Bewohner von Marokko und ihrer Stammes- und 
Gewerbsverhältnisse, stellt der Hr. Verf. unter der Auf- 



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Graberg v. Hemsö, das Kaiserreich Marokko. 

■ 



T81 



Schrift Civilisation noch die hervortretendsten Züge aus 
ihrem Leben (vorzüglich dem der Maaren) zusam- 
men, die uns in Stand Setzen können, über ihre gesell- 
schaftliche Bildung überhaupt ein ürtheii zu fällen. Wir 
erhalten daher hier neben einer Schilderung ihrer Sitten 
und Gebräuche im Privatleben, ihrer Erholungen, ihrer 
Familienverhältnisse und dergl. vorzüglich nähere IVach- 
wejsungen über die Sorge dieser Völker für Entwicke- 
Jung ihrer geistigen Fähigkeiten, für Befriedigung ihrer 
höheren Bedürfnisse. Die obige allgemeine Schilderung 
der Marokkaner, vorzüglich der Mauren, reicht aber 
hin, uns schon im Voraus zu überzeugen, dafs wir hier 
nicht viel Tröstliches finden werden , dafs unter einem 
Volke, wie das geschilderte, weder die geistigen Be- 
dürfnisse , noch die Anstalten zu deren Befriedigung 
grofs se vn Werden. So ist es denn auch in der That. 
Zwar giebt es nämlich in Städten und Dörfern, wenig- 
stens in den dem Meere näher gelegenen Gegenden, sehr 
zahlreiche Elementarschulen , entweder Privatschulen 
(Mesid oder Mektib) oder öffentliche bei den Moscheen 
(daher aueh Dschäma'ä genannt) , die von den Knaben 
vom sechsten «fahre an besucht werden, sowie Mädchen- 
schulen, von alten Frauen gehalten ; — aber in allen 
diesen Anstahen lernen die Kinder nichts, als die Verse 
des Korart 20 lesen, auszusprechen, aus dem Gedächtnifs 
herzusagen und abzuschreiben. Die meisten Schüler ver- 
lassen diese Schulen auch , sobald sie lesen und schreiben 
k4ra rieft 1 . Viele bleiben aber auch , bis sie den ganzen 
Koran auswendig gelernt haben , dann gehen sie zu den 
höheren Lehranstalten über, den Mtfda'ris (Orte des Un- 
terteilte) Und endlich zu der hohen Schule in Fafe 
Dar-el-?lm (Haus der Weisheit), wo von förmlich ange- 
stellten Lehrern in der Grammatik , Theologie, Logik, 
Rhetorik, Poesie, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, 
Arzneikunde Unterricht ertheilt, die Sagen und Com- 
mentare des Koran erläutert, das bürgerliche und geist- 
liche Recht mit den Procefsformen gelehrt, und die 
akademischen Würden eines Taleb, Fkih und A'lem 



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788 Gräber^ v. Hemeö, das Kaiserreich Marokko. 



(Plur. O'läma, bei den Europäern gewöhnlich Ulema) 
ertheilt werden. Aber da die Buchdruckerei im Mogh'- 
rib-ul-aksä nicht bekannt ist und, um die zahlreichen 
Abschreiber nicht um ihr Brod zu bringen , auch nicht 
eingeführt wird, so sind Bucher selten und aufserordent- 
lich theuer, ihre Verbreitung sehr gehemmt, daher auch 
der Kreis der Schriftsteller (von denen der Hr. Verf. für 
jedes Fach die bedeutendsten anführt) sehr beschränkt, 
und religiöse Vorurtheile wetteifern mit der sittlichen 
Entwürdigung des Volkes, jeden geistigen Aufschwung , 
selbst nur bis zur Mittelmäfsigkeit, zu verhindern ; daher 
bleibt nicht nur die Bildung des Einzelnen, sondern 
Sitte, Lebensweise, Arbeit und Vergnügung des ganzen 
Volkes auf dem Standpunkte kaum halbgesitteter Bar- 
baren, und denselben Charakter tragen dann auch, sowie 
alle Anstalten für Sicherung , Veredelung und Verschö- 
nerung des Lebens, so auch die Einrichtung und Ver- 
waltung des Staates. 

Von diesem letzteren handelt die dritte und letzte 
Hauptabtheilung des vorliegenden Werkes. Im Allge- 
meinen bietet die Einrichtung des marokkanischen Staates, 
so wie der Hr. Verf. sie hier schildert, picht viel Eigen- 
thümliches und deswegen Interessantes dar, — sie gleicht 
ziemlich der aller übrigen mohammedanischen Staaten 
des Orients, und aus deren Schilderungen sind uns die 
meisten Züge, die uns hier begegnen, schon bekannt. 

Es giebt in der Welt keinen unbeschränkteren Herr- 
scher, als der Theorie und Praxis nach der Sultan von 
Marokko ist. Wie in den meisten orientalischen Reichen, 
bieten sich nämlich auch hier Volkssitte und religiöse 
Ueberzeugung die Hand, um den Emir-al-Mumenin 
(Beherrscher der Rechtgläubigen), den Khalifat- Allah 
fi hhalkihi (den Statthalter Gottes auf Erden) , den Imam 
(obersten Priester), wie die Bewohner des Mogh'rib- 
" ul-aksä ihren Gebieter nennen, welcher nach ihrem 
Glauben in gerader männlicher Linie von Hhosein, dem 
zweiten Sohne Fatme"s, der einzigen Tochter Moham- 
meds, abstammt, über jede Beschränkung zu erheben. 



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Graberg v. Hemsö, das Kaiserreich Marokko. 789 



Weder ein Mufti , noch ein Corps des Ulema 's steht mit 
gewissermaßen unabhängiger Gewalt neben ihm , wie 
neben dem Sultan in Constantinopel , da er der recht- 
mäßige Nachfolger, sowie der leibliche Nachkomme des 
Propheten auch in kirchlicher Beziehung mit der höch- 
sten Weihe und Würde geschmückt ist. Eben so wenig 
hat ein Di van in politischen Dingen einen althergebrachten 
Anspruch, mit seinem Rathe gehört zu werden, ja nicht 
einmal Minister existiren, welche einen bestimmten Wir-, 
kungskreis besäfsen, und darin modificirend auf die Ent- 
schlüsse des Sultans einwirken könnten. Ein kleiner, 
nach der Laune des Sultans gewählter Rath (Emd- 
schelles, die Vereinigung sitzender Personen), der aus 
irgend einem Oheime des Sultans, einigen Schreibern 
und Rechtsgelehrten und den obersten Befehlshabern der 
Leibwache zu bestehen pflegt, wagt es fast nie, auch 
nur einen anderen Rath der Meinung des Sultans entge- 
genzusetzen und ist nur berufen , durch stets gleich de- 
möthige Billigung denselben in seinen etwa wankenden 
Entschlüssen zu bestärken. Einige Günstlinge, mit den 
vorzüglichsten Hofamtern bekleidet , werden bald mit 
einem bestimmten Zweige der Verwaltung beauftragt, 
wo sie dann mit einem Scheine von Selbstständigkeit zu 
handeln vermögen, bald aber auch nur zu unmittelbarer 
Vollstreckung der Befehle des Sultans ausersehen, wenn 
derselbe im Gefühle seiner Macht und Weisheit es vor- 
zieht, die unmittelbare Leitung aller Zweige der Staats- 
verwaltung selbst persönlich zu übernehmen. Kurz, auch 
nicht der Schein einer Beschränkung stellt sich der All- 
gewalt des Sultans von Marokko entgegen. Gesetze sind 
nur die Ausflüsse seines Willens, er übertritt, ändert, 
vernichtet, erneuert, erläfst sie ganz nach Willkühr, 
gestattet Ausnahmen von ihrer Geltung, oder läfst diese 
auch rückwärts , und in Fällen , die eigentlich nicht 
darunter gehören, eintreten, — er hat nicht nur die 
Verwaltung des Landes unter sich, er ist auch der oberste 
Richter, er verhängt willkührlich Strafen, begnadigt 
die Verbrecher oder erhöht die von anderen Richtern 



190 Graberg v. Hemaö, das Kaiserreich Marokko. 



ausgesprochenen Strafen ; in Civilsachen giebt er nach 
Willkühr der einen oder der anderen Parthei Recht oder 

m eignet, um den Streit auf die kürzeste Weise zu enden, 
sich den streitigen Gegenstand selbst zu; wie es Mulai 
Suleiman im Jahre 1821. unter den Augen des Hrn. Verfs. 
zu Tanger mit einer schönen Jüdin machte, um deren 
Besitz zwei junge Israeliten stritten, die der Sultan, 
nachdem er sie, um mit Sachkenntnis zu urtheilen, in 
einem Nebenzimmer im Stande der Natur betrachtet hatte, 

. um keinen der Beiden auf Kosten des Andern begünstigen 
zu müssen, selbst behalten zu wollen erklärte. Selbst 
durch die Gesetze der Religion ist er aus dem oben be- 
rührten Grunde viel weniger gebunden, als andere Herr- 
scher , weil bei seiner erhabenen Stellung unter den 
Glaubigen, bei seiner leiblichen und geistigen Verbin- 
dung mit «lern Propheten er mehr als irgend ein Anderer 
im Stande ist, einer seinen Absichten entsprechenden 
Interpretation allgemeine Geltung zu verschaffen und da- 
durch die Gesetze nach seinen Wünschen zu wenden und 
zu drehen. Im Jahre 1620. erschien nämlich im Reiche 
Tafilelt, wo schon seit langer Zeit die Scheriffe, d. h. 
die Nachkommen Mohammeds, die Herrschaft besafsen, 
ein Mann, Namens A'li Ben Mohammed Ben A'li Ben Jusuf 
aus Jambo bei Medina in Arabien gebürtig, und sieben 
und zwanzigster Nachkomme Alfs und Fatmes , der 
Tochter Mohammeds. Diese seine hohe Abstammung, 
seine persönlichen Eigenschaften und der Umstand , dafs 
unmittelbar nach seiner Ankunft auf mehrjährige Un- 
fruchtbarkeit eine fruchtbare Erndte folgte und der 
Himmel so selbst seine Schritte zu segnen schien, ver- 
schafften ihm die Herrschaft von Tafilelt, worin ihm 
sein Sohn Mulai Scheriff folgte, der als der eigentliche 
Stifter der Dynastie angesehen wird. Siege und Erobe- 
rungen brachten seinem Enkel Mulai Ar'shid die Herr- 
schaft über das ganze Mogh'- rib -ul-aksa. Bei den 
Nachkommen jenes Mulai Scheriff ist seitdem die Herr- 
schaft erblich geblieben. Diese bilden freilich schon 
wieder ein ziemlich zahlreiches Geschlecht, da die Zahl 



* 



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Graberg v. Heimo , das Kaiserreich Marokko. 791 

der von Mulai Scheriff abstammenden Scheriffe sich be- 
reits auf mehr als 40,000 beläuft; was nicht zu verwun- 
dern ist, da z.B. Mulai Scheriff selbst 84 Söhne und # 
124 Töchter hatte, sein Sohn Ismäail aber, der Nach-* 
folger des oben erwähnten Mulai Ar shid sogar von 8000 
Frauen Wenigstens 825 Söhne und 342 Töchter u. dgl. in. 
Gewöhnlich folgt dem Sultan sein erstgeborener Sohn, 
aber fast immer mufs er gegen mehrere seiner Bruder, 
die alle ihre Parthei haben, Krieg führen, und der 
unter ihnen bleibt fast immer Sieger und Herrscher, der 
sich des Schatzes zu bemächtigen weifs. Der jetzige 
Sultan, Mulai- A'bd-er-rahhmän , war beim Ableben seines 
Vaters, des Sultan Mulai Hischam , noch zu jung, um 
seinen Oheim Mulai Suleiman hindern zu können, sich 
des Thrones zu bemächtigen und denselben bis zu seinem 
Tode (28. November 1822.) zu behalten. Da aber hin- 
terliefs ihn Mulai Suleiman, gottesfurchtig, wie er war, 
durch Testament seinen Neffen, weil er ihn für den recht- 
mafsigen Erben und denjenigen hielt, der am fähigsten 
wäre, das Land gut zu regieren und Friede und Buhe 
in dasselbe zurückzuführen, die durch einen fürchterli- 
chen Aufstand aller Bergvölker seit 4 Jahren auf das 
Schrecklichste gestört waren. In dieser Erwartung täuschte 
er sich auch nicht, und der jetzige Sultan, den der 
Hr. Verf. ganz aufserordentlich erhebt, stellte die Ruhe 
mit Kraft und Weisheit wieder her und regierte mit einer 
bisher unbekannten Milde und Gerechtigkeit. 

Die Staatsverwaltung im Einzelnen, die der Hr. Verf. 
weitläufig und sehr genau beschreibt, wollen wir hier 
nicht weiter auseinandersetzen; dieselben Einrichtungen 
und Erscheinungen, wie in andern mohammedanischen 
Staaten des Orients, begegnen uns auch hier : Statthalter, 
die ihr Amt nur als Mittel der Bereicherung ansehen 
und vermittelst der Polizei, Finanzverwaltung, Criminal- 
justiz und Militäranführung, die sie in ihren Händen 
vereinigen , die ihnen Untergebenen auf das Schreck- 
lichste drücken und quälen, um ihre Habgier auf deren 
Kosten zu stillen; Cadhi's, die bei der Mangelhaftigkeit 



792 Graberg v. tlemeö , das Kaiserrtfich Marokko. 

der Gesetze bei Verwaltung der Civilgerichtsbarkeit oft 
recht erfreulichen Gerechtigkeitssinn und grofsen natür- 
lichen Verstand entwickeln , öfter aber auch nur für 
* ihren eigenen Vortheil nach Willkühr Recht sprechen; 
eine Regierung endlich, die alle diese Beamten gleichsam 
wie Schwämme betrachtet, die sie erst sich vollsaugen 
läfst, um sie dann in die kaiserliche Schatzkammer aus- 
zudrücken. Auch von den scheuslichen , grausamen Straf- 
arten wollen wir weiter nichts erwähnen , die ohne Ver- 
hältnifs zu dem Verbrechen ganz nach Willkühr verhängt 
werden , so , dafs einem weit weniger Schuldigen , aber 
dem Richter Verhalten Mund, Nase, Ohren voll Schiefs- 
pulver geschüttet und dieses angezündet, oder er bis an 
den Hals lebendig vergraben wird, worauf denn alle 
seine Feinde an seiuem Kopfe ihren Grimm auslassen, 
oder er, an den Schweif eines Maulthieres mit den 
Füfsen angebunden, todt geschleift wird — während 
ein vorsätzlicher Mörder mit Bewilligung der nächsten 
Verwandten sich durch eine gewisse Summe straflos 
kaufen kann und dergl. m. — Nur von einem Verhältnifs 
wollen wir noch einige Angaben des Hrn. Verfs. wieder- 
holen, von einem Verhältnifs , welches vorzüglich schwä- 
chend und zerrüttend auf das sonst mächtige marokka- 
nische Kaiserreich einwirkt. Es ist das die Stellung der 
fast unabhängigen amazirghischen und arabischen Berg- 
und Land - Bewohner im Innern des Mogh'rib-ul-aksa. 
Bei den maurischen, arabischen und jüdischen Bewoh- 
nern der Städte und Dörfer findet nämlich unbeschränkt 
die strengste Unterordnung unter die Befehle des Sultans 
und seiner Beamteten statt, die Idee einer freien bürger- 
lichen Gesellschaft ist hier ganz fremd. Ganz anders 
ist es aber bei den übrigen, theils nomadisirenden, theils 
auch ansässigen Bewohnern, vorzüglich im Innern des 
Landes und in den Gebirgen. Auch sie stehen zwar 
unter der Gewalt der Statthalter des Sultans in den Pro- 
vinzen , wo sie sich aufhalten , aber neben jenen Beamteten 
des Sultans gehorchen sie Horden- und Stammes - weise 
Oberhäuptern aus ihrer eignen Mitte, auf das Einzelne 



Graberg v. lletusu, das Kaiserreich Marokko. 793 



im Innern dieser Stämme hat der Statthalter gar keinen 
Einflute, nur über den Stamm im Allgemeinen fuhrt er 
die Oberaufsicht, treibt den Tribut von ihm ein, beruft 
die Soldaten, die derselbe bei einem Kriege zu stellen * 
verpflichtet ist, hält, womöglich, den Landfrieden zwi- 
schen ihm und andern Stämmen aufrecht und dergl. Am 
meisten Einflute hat der Sultan noch auf die nomadisi- 
renden Beduinen- Araber. Hier ernennt oder bestätigt 
er wenigstens die Scheikh's, die Oberhäupter der ein- 
zelnen Stämme, auch ist ihre Gewalt beschränkt, und 
sie noch zum Theil der Civil- und Criminal - Gerichts- 
barkeit maurischer Beamteten unterworfen. Dagegen sind 
die Oberhäupter der Berebern , die Amergaren , und die 
der Schellöchen, die Amucranen, erblich, im Innern 
ihrer Stämme von keiner Obrigkeit beschränkt und daher 
fast unabhängige Lehnsfürsten. Aber was hier für das 
Ansehn des Sultans am allerschädlichsten ist, — sämmt- 
liche Amazirghen- Stämme in diesen Gegenden erkennen 
als gemeinsames Oberhaupt einen von ihnen selbst ge- 
wählten Grote- Scheikh (Scheikh-Kebir) an, dessen 
Unterthanen nur zum Theil auf dem Gebiete des Herr« 
schers von Marokko, zum grofsen Theile aufserhalb des- 
selben wohnen. Durch diese Stellung ist er nun von dem 
Sultan fast ganz unabhängig und ein gefährlicher Neben- 
buhler für dessen Macht Da nun dabei diese Stämme 
alle sehr roh und kriegerisch sind , so ruft die geringste 
Kleinigkeit einen inneren Krieg hervor. Die marokka- 
nische Regierung behauptet ihr Ansehen daher nur da- 
durch, date sie die steten Zwistigkeiten zwischen den 
einzelnen Stämmen selbst stets nährt und unterhält, und 
sich so Gelegenheit bereitet, sich des einen gegen den 
andern zu bedienen; eine Vereinigung derselben würde 
die augenblickliche Vernichtung ihrer Auctorität herbei- 
führen, da jene Stämme zusammen den übrigen Unter- 
thanen des Sultans weit überlegen sind , wie das der 
fürchterliche Bürgerkrieg in den letzten Regierungs- 
jahren des vorigen Sultans beweist. 

Zuletzt giebt der Hr. Verf. noch eine Uebersicht der 



794 Ornberg v. Hemsö, das Kaiserreich Marokko. 

0 

\ 

Geld- und Militärverhältnisse des marokkanischen Staates, 
Ober die er im Jahre 1822, während eines mehrmonat- 
lichen Aufenthaltes des Hofes zu Tanger, wo er sich zu 
"gleicher Zeit befand, nähere Erkundigung einzuziehen 
Gelegenheit hatte. Was zuerst die Finanzen betrifft, so 
glaubt er, dafs die Gesammteinnahmen des Sultans aus 
Steuern, Zöllen, Geschenken und dergl. sich jährlich 
belaufen auf 

2,600,000 span. Piaster 

die Ausgaben auf 990,000 — — 

— . — . 

so dafs ein jährlicher Ueber- 

schufs von wenigstens 1,610,060 span. Piaster 

bliebe, welcher jährlich im Beit-el -mell zu Meknas 
begraben wird. Es ist das die von 2000 Schwarzen be- 
wachte Schatzkammer des Sultans, in der gewöhnlich 
gewifs über 50 Millionen spanische Piaster an Juwelen, 
Gold- und Silber -Stangen und gemünztem' Metall in 
spanischen und mexikanischen Dublonen und Piastern 
liegen, welche Masse nur bei aufserordentlichen Gele- 
genheiten, Aufruhr, Bürgerkrieg, einer Thronverände- 
rung und Kampf um die Erbfolge vermindert zu wer- 
den pflegt. 

Das stehende Heer beträgt jetzt nur noch etwa 15,000 
bis 16,000 Mann, worunter 1 — 8000 Neger. Es liegt 
in den Residenzen , Festungen und Seehäfen. Festungen 
mit regelmäfsigen Garnisonen giebt es 24, die Befesti- 
gungen sind aber schlecht unterhalten, die Geschütze 
nicht zureichend an Zahl , schlecht aufgestellt und noch 
schlechter bedient. Im Kriege kommen zu diesen ste- 
henden Truppen die Aufgebote aus den kriegerischen 
Völkern der Militärprovinzen und im Nothfall aus dem 
ganzen Reiche. Ohne Mühe können 100,000 Mann und 
mehr aufgeboten werden. Die Bewaffnung eines solchen 
Heeres ist freilich schlecht, Disciplin unter ihm gar 
nicht vorhanden, aber der einzelne Soldat ist ein vor- 
trefflicher Reiter, ein ausgezeichneter Schütze und bis 
zur Tollkühnheit verwegen. Daher möchte im lang 



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Graberg v. Henwö, das Kaiserreich Marokko. 795 

dauernden Kampfe ein solches Heer zwar jeder gere- 
gelten Armee endlich unterliegen, sein erster Angriff 
aber ist furchtbar und fast unwiderstehlich. 

Die Seemacht, die 1793. aus 10 Fregatten, 4 Briggs, 
14 Galeotten und 19 Kanonier -Schaluppen bestand und 
mit 6000 geschickten Seeleuten bemannt war, zählt jetzt 
nicht mehr, als 3 Briggs oder Goeletten mit etwa 40 
Kanonen und 13 Kanonierschaluppen. Auch sind es nicht 
diese Kriegsschiffe, sondern die kleinen Korsarenschiffe 
von Privatleuten, die in seichten Flüssen und Meeres- 
untiefen, vor europäischen Kriegsschiffen sicher, lauernd 
den Kauffahrern der gebildeten Völker so furchtbar ge- 
worden sind , dafs fast alle Nationen sich entschlossen 
haben, durch Geschenke und Tribute die Freundschaft 
des marokkanischen Kaisers zu erkaufen. Mit der Auf- 
zählung dieser Geschenke und der Traktate, auf denen 
sie beruhen, so wie der Verträge zwischen Marokko und 
den europäischen Staaten überhaupt, und einer kurzen, 
aber sehr lehrreichen Geschichte des Mogh'rib-ul -aksä, 
aus welcher wir oben die Hauptpunkte, die das jetzige 
Kaiserhaus betreffen, mitgetheilt haben, schliefst der 
Hr. Verf. sein Werk. ' 

Aus der Vorrede erfahren wir, dafs dieses Buch nur 
einen Theil des Werkes bildet, woran der Hr. Verf. seit 
16 Jahren arbeitet, welches eine historisch - geogra- 
phische Beschreibung des nördlichen Theil es von Afrika 
enthalten wird. Das vorliegende Buch ist ursprünglich 
italienisch geschrieben und wurde von Hrn. Reumont 
aas der Handschrift des Hrn. Verfs. übersetzt Die 
Uebersetzung ist gröfstentheils gut und läfst nur selten 
dws Sprache durchblicken, aus welcher sie genommen 
wurde. Wir wünschen, dafs uns entweder Hr. Graberg 
von Hemsö selbst recht bald mit dem Originale der 
übrigen Theüe seines Werkes oder Hr. Reumont mit 
einer eben so gelungenen Uebersetzung von denselben, 
wie die dieses Theiles ist, beschenken möge. 



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1 



796 GurHU'i archäologische Schriften, von C. Möller. 

J. Gur litt's, vorm. Dr. der Phil. u. Theol. , Prof. u. Direet. d. Jo- 
hanneums u. Prof. der Orient al. Sprachen am akademischen Gymna- 
sium zu Hamburg, archäologische Schriften, gesammelt und 
mit Anmerkungen begleitet, herausgegeben von Cornelius Müller, 
Dr. der Phil, Prof. am Hamburg. Johanneum, d. Kbnigl. Philol 
S. zu Leipzig und der Grofsherzogl. hat. Ges. zu Jena Rhrenmit- 
gliede, der Deutsch. GeseUsch. zu Leipzig correspond. Mitglied* 
Altona, bei Joh Friedr. Hammerich, 1831. Vlll u. 422 Ä. in gr. 8. 

Wir unterlassen nicht, die durch Zufall verspätete 
Anzeige dieses neuen Abdrucks oder dieser Sammlung 
archäologischer Schriften des sei. Gurlitt nachzutragen, 
indem diese Bekanntmachung einer Reihe von Schriften, 
die zwar bereits gedruckt, aber durch ihre Seltenheit 
einem gröfseren Publikum weniger zugänglich waren, 
als sie es verdienten, zugleich das beste Mittel ist, das 
Andenken an den Hingeschiedenen auf eine ehrenvolle 
Weise unter uns dauernd zu erhalten, während die rei- 
chen Zusätze oder Nachweisungen , die der Herausgeber 
(so getreu er auch sonst, und mit Recht, seinem Grund- 
satze war, in dem Text Gurlitt' s selber nichts zu än- 
dern und denselben vielmehr so zu überliefern, wie er 
von Gurlitt selber ausgegangen war) überall beigefügt 
hat, den Werth und die Brauchbarkeit des Ganzen nicht 
wenig erhöhen. Denn Gur litt's Aufsätze fallen zum 
Theil in eine Zeit, wo dieser Zweig der Alterthumswis- 
senschaft erst ausgebildet oder vielmehr erst begründet 
wurde. Seit dieser Zeit hat sich der Stoff und das Ma- 
terial durch zahlreiche neue Entdeckungen gewaltig ver- 
mehrt, und die darüber von gelehrten Forschern ange- 
stellten Untersuchungen haben den Standpunkt der ar- 
chäologischen Wissenschaft seit dieser Zeit , d. h. seit 
Heyne und Winkelmann, in Vielem gänzlich ver- 
rückt und verändert, so dafs manche früher in Umlauf 
gebrachte Ansichten eine völlige Umgestaltung erlitteu 
haben. Und deshalb haben die vom Herausgeber aus 
der neueren Literatur hinzugefügten Nachweisungen einen 
um so gröfseren Werth und verdienen um so eher dank« 
bare Anerkennung, weil sie zur Vervollständigung des 
Ganzen wesentlich beitragen, selbst wenn bei der täglich 



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Gurlitt's archäologische Schriften , von C. Müller. 79? 

wachsenden Masse des Stoffs und den von Tag zu Tag 
gemachten neuen Entdeckungen, auch hier und dort Ein* 
zelnes nicht angeführt worden und somit noch weitere 
Znsätze zu diesen Zusätzen oder Nachträgen gemacht 
werden könnten. 

Es sind übrigens in diesem Bande folgende Abhand- 
lungen enthalten: 1) Allgemeine Einleitung in 
das Studium der schönen Kunst des Alter- 
thums (ursprünglich eine Einladungsschrift zu den 
Schulfeierlichkeiten im Kloster Berge 1799, zu Magde- 
burg erschienen). 2) Ueber die Gemmenkunde (auch 
jetzt noch sehr lesenswerth, zumal bei den bedeutenden 
Zusätzen und Nachträgen des Herausgebers, durch welche 
der Aufsatz bedeutend erweitert worden ist.) S. 73 — 156. 
Dasselbe können wir auch von den beiden folgenden Ab- 
handlungen rühmen: „Ueber die Mosaik," S. 157 ff. 
und „Versuch über die Büstenkunde," S. 189 ff.; 
letztere der ausführlichste Aufsatz des Ganzen, da er bis 
S. 343. reicht, und unter Andern auch ein Verzeichnifs 
der noch vorhandenen antiken Köpfe , Hermen und Büsten 
zu geben sucht, das nicht weniger als dreihundert und 
fünfunddreifsig Nummern zählt. Auch die gesammte Li- 
teratur dieses Theils der archäologischen Studien ist mit 
Genauigkeit und Vollständigkeit verzeichnet. Nun folgt 
noch das Fragment einer archäologischen Abhandlung 
über Herkules S. 343 ff., und eine biographische und 
literarische Notiz von Johann Winkelmann S. 371, 
erschienen zuerst als Programm 1797. zu Magdeburg, 
ivorauf später mehrere Nachträge erfolgten; unser Herausg. 
hat auch hier nicht verabsäumt, die reichhaltige Literatur 
der seitdem über Winkel mann erschienenen Schriften 
nachzutragen. Und so wird das Ganze eine willkommne 
Gabe ebensowohl für die Verehrer des sei. Gurlitt als 
für die Freunde der Alterthumskunde zu nennen seyur 
Mit der äufseren Ausstattung , Druck und Papier hat 
man alle Ursache zufrieden zu seyn. 



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798 



Baltische Studien, 2ter Band. 



Baititehe Studien. Herausgegeben von der Gesellschaft für Pom- 
mer'' sehe Geschichte und Alterthumskunde. Zweiter Jahrgang. 

Erstes Heft. Auf Kosten und im Selbstverlag der Gesellschaft* 
Stettin, 1833. Gedruckt bei F. Hessenland. IV und 208 £. in & 

* 

• 

Wir müssen bei der Anzeige dieses zweiten Bandes 
Baltischer Studien auf unsere frühere Anzeige des ersten 
Bandes (Jahrgg. 1832. No. 45. S. 712 ff.) verweisen, 
und freuen uns, den dort geäufserten Wunsch erner bal- 
digen Fortsetzung dieser Forschungen erfüllt zu sehen. 
Möge der rege Eifer für Erforschung vaterländischer 
Vorzeit, wodurch erst das Interesse an der Gegenwart 
seine wahre Bedeutung gewinnen kann , stets reichere 
Früchte zu Tage fördern und so die Gemfi ther von den 
störenden Eindrücken einer geräuschvollen Gegenwart in 
die stillen Hallen der Vorwelt zurückführen. Denn so 
allein kann das Crute wirklich gefördert werden, indem 
von der richtigen Auffassung der Vergangenheit und dem 
gründlichen Studium sowie der Achtung, die wir der- 
selben zollen, unsere Wirksamkeit in der Gegenwart, s 
wenu sie anders eine segensreiche seyn soll, abhängt 

Wir haben bereits in der früheren Anzeige den 
Zweck dieser Blätter angedeutet, und durch nähere Au-» 
gäbe des Inhalts die darin vorherrschende Richtung zu 
bezeichnen gesucht. Auch fernerhin wird die Gesell- 
schaft im Ganzen dieselben Zwecke verfolgen un<l dem- 
nach, wie bisher, ihr Hauptaugenmerk der Erforschung 
vaterländischer Vovwelt zugewendet haben; indefs sollen 
auch die Interessen der liegen wart, so weit Anlage und 
Umfang dieser Studien es erlauben, berücksichtigt wer* 
den ; es soll die Vergangenheit nicht als ein in sich ab- 
geschlossenes,, von der Gegenwart völlig getrenntes be- 
trachtet werden; es sollen in ihr vielmehr die Keime 
•aufgesucht werden, die ihre Saaten und Früchte bis auf 
unsere Zeit her vor treiben. Die vielfachen Interessen der 
Gegenwart, die Anforderungen, die man jetzt, oft drin- 
gender als je und mit mehr Ungestüm als je, an die 
zunächst macht, welche durch ihre amtliche Stellung 



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Baltische Studien, 2ter Band. Hfl 

den Beruf haben , darauf einzugehen , erfordern eben , 
vonSeiten der letzteren, wenn sie nicht durch schnelles 
Hingeben und Gewähren dem ganzen Staatsorganistnus 
gefährliche und in ihren Folgen oft höchst verderbliche 
Wunden schlagen wollen, eine gründliche Erforschung 
der Zustände der Vergangenheit, und so wird sich mit 
der Berufstätigkeit ein frei wissenschaftliches Streben, 
wie es durch diese Studien genährt und gefördert werden 
soll, freundlich vereinigen lassen. Daher ist denn auch 
Behandlung des Stoffs für staatswissenschaftliche Zwecke 
Theil der zu lösenden Aufgabe in diesen Blättern ge- 
worden, die sich nach S. III. der Vorrede über folgende 
Gegenstände nun erstrecken : „Verfassung und Verwal- 
tung des Landes, kirchliches Leben, rechtliche Verhält- 
nisse, Handel und Verkehr, Kunst, Wissenschaft, Sitte 
und Sprache der Bewohner, auch Kunde der natürlichen 
Beschaffenheit des Bodens und seiner Erzeugnisse : lauter 
Gegenstände, die historisch zunächst behandelt werden 
sollen in der Art, dafs ihr Hervortreten, ihr allmähliges 
Ausbilden, ihre Eigentümlichkeit und ihr innerer Gehalt 
erkannt und erfafst werde. Neben der streng histori- 
schen Forschung soll aber anch die Kunst nicht ausge- 
schlossen seyn, wovon einige Poesien von L. Giesebrecht, 
welche diesem Bande S. 1. 19. eingeschaltet sind, einen 
erfreulichen Beweis geben* 

Zuerst stofsen wir in diesem Bande auf eine sehr aus- 
fuhrliche Darstellung des Klosters Beibog bei Treptow 
an der Bega, dessen vielfache mit der ganzen Pominer- 
schen Geschichte in engem Verband stehenden Schicksale 
hier in einer umfassenden Darstellung besprochen und im 
Einzelnen verfolgt werden. Dann folgt S. 81 ff. ein 
Auszug aus der (isländischen). Laxdäla-Saga, die 
zwar erst kürzlich vollständig herausgegeben, in Deutsch- 
land aber schwerlich näher bekannt seya dürfte. Es mufs 
uns daher dieser von Hrn. Mohnike verfafste Auszug 
um so erwünschter seyn, da er das Wesentliche des In- 
halts genau mittheilt und dabei besonders auf das Cha- 



800 Baltische Studien, 2tcr Band. 

rakteristische der Sage, einzelne merkwürdige Besonder- 
heiten und dergl. m. Rücksicht nimmt. Die Hauptbege- 
benheiten der Sage fallen um das Jahr tausend unserer 
Zeitrechnung, oder eigentlich noch etwas früher; die 
Abfassung der Sage wird in das dreizehnte Jahrhun- 
dert verlegt 

Nun folgen S. 101 ff. Nachrichten über den Ro- 
stocker Landfrieden und dessen Einflufs auf Pommern 
(von L. Gieseb recht)' gegen den Schlufs des drei- 
zehnten Jahrhunderts. Die Hauptbestimmungen dieses 
Vertrags, der, ausgegangen 1282. von Bogislav und Ni- 
colaus von Werle, alsbald eine unerwartete Ausbreitung 
gewann und die meisten Herrn und Städte der pommer- 
schen und mecklenburgischen Lande längs dem Gestade 
der Ostsee, bei der Zusammenkunft zu Rostock am Sonn- 
tage vor St. Veit 1283. (zunächst gegen Brandenburg) 
vereinigte, werden mit Verweisung auf die betreffenden 
Urkunden S. 103. mitgetheilt; wir sehen daraus, dafs 
dieser Vertrag im Inhalt, sowie auch in den für das Land 
heilsamen Folgen, dem, was in Süddeutschland durch 
Rudolph von Habsburg für den Landfrieden geschah, 
sehr ähnlich war. 

Einen interessanten Beitrag zur Kulturgeschichte lie- 
fern die Bemerkungen von F. Kugler S. 10? ff. über 
die älteren Kirchen Stettins, deren Bauart, Styl 
u. s. w. Von ähnlicher Art sind die S. 114 ff. von Pur- 
gold gelieferten Beiträge zur Münzkunde Pom- 
merns, wobei zunächst seltene nnd merkwürdige ältere 
Münzen der Städte Anclam, Stralsund, Demmin, Stettin 
and Greifswalde angeführt werden. 

{Der Beschlufa folgt.) 



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N°. 51. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 

- • * * ... 

i 

■ 

Baltische Studien, 2ter Theil. 

(Beseht ufa.) 

¥ 

Uoter der Aufschrift: Geschichtliche Denk- 
mäler, erhalten wir einen genauen Abdruck von fünf 
für die Geschichte Pommerns wichtigen, bisher nicht 
durch den Druck bekannt gewordenen , Urkunden in la- 
teinischer Sprache, wovon die vier ersten aus den Jahren 
1281 — 1284. auf den oben erwähnten Landfrieden und 
die darauf sich beziehenden oder damit in Verbindung ste- 
henden Verhältnisse, als Verpfändungen, Fehden u.dgl. 
sich beziehen; in der fünften bewilligt ein Pommerscher 
Herzog der Stadt Stettin die Anlage eines Damms und 
die Erhebung eines Zolls auf demselben , unter dem 
12 Novbr. 1299. Aus dem Inhalt dieser Urkunde er- 
sehen wir schon, zu welcher Bedeutung und Wohlha- 
benheit damals die Stadt Stettin gelangt war. Künftighin 
soll in jedem Heft unter der oben bemerkten Aufschrift 
eine Auswahl der wichtigsten, auf die Geschichte Pom- 
merns und der Nachbarländer bezüglichen, noch nicht 
gedruckten Urkunden mitgetheilt werden, dann auch 
einzelne Bruchstücke von Chroniken u. A. der Art, wobei 
besonders auf solche Denkmale Rücksicht genommen wer- 
den soll, welche zur Erkenntnifs der Verfassung, des 
politischen und kirchlichen Lebens, des Handels u. s. w., 
kurz zur näheren Kenntnifs des öffentlichen Lebens bei- 
tragen, daher auch das Lehnswesen vor Allem beachtet 
werden wird. Der Abdruck dieser alten Urkunden wird 
(wie auch die in diesem Band mitgetheilten hinreichend 
beweisen) in möglichster Treue und Genauigkeit veran- 
staltet werden, also mit Beibehaltung der ursprünglichen 
Sprache, der lateinischen (worin wohl die meisten Ur- 
kunden abgefafst sind) wie der niederdeutschen, als der 
Sprache des Volks. Mit vollem Recht aber wird ver- 
langt, dafs man den alten Urkunden eine gröfsere Auf- 
XXVI. Jahrg. 8. Heft. 51 



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802 



Daltischc Studien, 2tcr Theil. 



merksamkeit zuwende, als solches bisher meistens der 
Fall war. 

Für den Sprachforscher interessant ist der folgende 
Aufsatz von W. Böhmer, über die Niederdeutschen 
Mundarten in Pommern, S. 139 ff. Es ist nämlich 
die Absicht des Vereins, einen vollständigen Ueberblick 
der Mundarten Pommerns zu gewinnen: ein Zweck, der 
nicht anders als durch genaue Nachrichten über die 
Mundarten der einzelnen Gauen und Landschaften, von 
einzelnen in denselben lebenden gebildeten Männern nrit- 
getheilt, erreicht werden kann, auf dafs dereinst eine 
vollständige Sammlung zu Stande gebracht und dadurch 
dann ein Ueberblick des Ganzen möglich gemacht werde. 
Daher wird die schon früher ausgegangene Bitte zu Ein- 
sendung solcher Beiträge dringend wiederholt; das, 
was bisher eingegangen, besteht meistens in Beiträgen 
der durch den Hrn. Bischof Ritsehl dazu aufgefor- 
derten Landgeistlichen, die freilich durch ihre Ver- 
hältnisse und durch ihre Stellung über solche Punkte 
zunächst besser, als andere Beamte, Auskunft geben 
konnten. Es wird ein genaues Verzeiclinifs der von 
dieser Seite dem Verein gemachten Einsendungen S. 145 ff. 
mitgetheilt, dann werden S. 151 ff. einige wichtige daraus 
bereits gewonnene Ergebnisse vorgelegt. Dahin gehört 
zuvörderst der Hauptsatz, den wir auch hier niederieg-en 
wollen, dafs nämlich in Pommern „zwei gründlich 
verschiedene niederdeutsche Mundarten neben einander 
bestehen, in denen zugleich alle Unter- und Spielarien 
der Provinz begriffen sind;" die eine derselben ist mehr 
rund und leicht rollend, die andere mehr breit, ge- 
dehnt, voll, schwer u. s. w. Zur Annahme eines dritten 
Hauptdialektes (des Zachaner) scheint allerdings noch 
nicht gehöriger Grund vorhanden; dafs übrigens jene 
beiden oben genannten Mundarten sich nicht so mit einem 
Male und scharf von einander abschließen , sondern auch 
vielfach mit einander mengen, ist eben so natürlich als 
begreiflich ; indefs sucht der Verf. doch , So weit als 
möglich, die geographische Lage der beiden Mundarten 



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Baltische Stadien , 2ter Theil. 808 

und die Distrikte, in welchen zunächst eine oder die 
andere statt findet, nachzuweisen; daran knüpfen sich 
noch andere interessante Bemerkungen über Charakter, 
Eigentümlichkeiten dieser Sprache u. A., worauf wir 
hiermit aufmerksam machen wollen. Den Schlufs bilden 
eine Reihe von sehr merkwürdigen Sprachproben, theils 
in Poesie (Volkslieder und dergl. m.), theils in Prosa, 
die zu interessanten Vergleichungen mit andern Mund- 
arten Stoff genug darbieten. Dahin gehört auch das 
S. 172. mitgetheilte , an frischer Einfalt und Gesinnung 
mit den gefeiertsten alt- englischen und alt -schottischen 
Balladen wetteifernde Volkslied, dessen Heldin eine pom- 
mersche Herzogin ist, Sophie, Tochter. des Herzogs 
Wartislav Vi. von Pommern, der um 1394. starb, und 
erste Gattin des Herzogs Heinrich d. J. Wir verdanken 
die Mittheilung dieses Liedes und der darauf bezügli- 
chen Nachrichten über die Schicksale der genannten Her- 
zogin dem Hrn. Kretzschmar. 

Den Schlufs des Ganzen macht der S. ITT ff. von 
Hrn. Hering gelieferte sechste Jahresbericht 
der Gesellschaft Der Bericht des Stettiner Aus- 
schusses verbreitet sich zunächst über die beabsichtigte 
Urkundensammlung des Vereins und die seit dem letzten 
Jahresbericht eingegangenen handschriftlichen Denk- 
mäler. Die hier Vorgeschlagene Herausgabe eines eigenen 
pommerschen Urkundenbuchs verdient alle Beachtung 
und läfst die Ausführung um so mehr wünschen, als der 
reiche vorliegende Stoff an Urkunden nicht füglich in 
die Zeitschrift der Gesellschaft ganz übergehen kann 
und nur höchstens, wie wir auch oben bemerkt, einzelne 
wichtige Urkunden, mehr als Probe, in dieselben nach 
zweckmäfsiger Auswahl aufgenommen werden können. 
Dann werden in der zweiten Abtheilung die altertümli- 
chen Denkmäler aus. vorchristlicher Zeit (Burgwälle, 
Opferstälten , Grabmäler und dergl.) , worüber nähere 
Berichte eingegangen, aufgeführt, und bei dem grofsen 
Reichthum, den Pommern an Denkmalen dieser Art 
besitzt, der Wunsch einer fortgesetzten aufmerksamen 



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804 Baltische Studien, 2ter Theit. 

Beobachtung derselben ausgesprochen. Unter den hier 
mitgetheilten Nachrichten haben die über zwei heidnische 
Grabstätten auf der Ostseite des Dorfes Suckow, 1 Meile 
nördlich von Usedom besondere Bedeutung, desgleichen 
die über einen bei Virchow im Daraburger Kreise ent- 
deckten Granitblock, dessen Erscheinen auf einer an 
Steinen ganz armen Feldmark allerdings sehr auffallend 
ist; ob es ein Opferstein war oder nicht, wagen auch 
wir nicht zu entscheiden. An die Angabe der nicht 
unerheblichen, zahlreichen Aufsätze, die meist aus dem 
Gebiet der vaterländischen Alterthums- und Geschichts- 
kunde eingegangen sind, reiht sich der Bericht über 
die Sammlungen der Gesellschaft und den Zuwachs, den 
selbige theils an Büchern, theils an Münzen (römischen 
und andern, in einzelnen Gegenden Pommerns gefun- 
den), theils an alterthümlichem Geräth, sowohl in Metall 
(darunter ein besonders reicher, von Hrn. Dohm zu 
Hökendorf , woselbst die Gegenstände ausgegraben wor- 
den, eingesendet), als in Stein und Thon (Aschenurnen 
und dergl.), endlich an Gemälden und Bildwerken er- 
halten hat, woran die Angabe der Veränderungen in 
dem Personal der Gesellschaft sich schliefst. 

Möge der rühmliche Eifer des Vereins und seiner 
würdigen Vorsteher überall die gerechte Anerkennung 
finden und sein Bestreben durch reiche Resultate ge- 
krönt werden. 

Chr. Bahr. 



Strabo's Erdbeschreibung in sieben z e hn Büchern. Nach 
berichtigtem griechischem Texte unter Begleitung kritischer und 
erklärender Anmerkungen, verdeutscht zon Christoph Gottlieb 
Groskur d, Doctor der Philos. und vormals Lehrer am Gymnasium 
zu Stralsund. Erster The iL Mit einem Blatt geometrischer Fi- 
guren. Berlin und Stettin, in der Nicolaischen Buchhandlung. 
XC1V und 587 & in gr. 8. 

■ 

Diese deutsche Bearbeitung eines der wichtigsten 
griechischen Schriftsteller für die gesammte Kunde des 



i 



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GroBkurd, Uebersetzung des Strabo, leter Thcil. 805 

Alterthums verdient keineswegs, unter die gewöhnliche 
Klasse von Uebersetzungen gestellt zu werden, da hier 
ein schon mehr wissenschaftlicher Standpunkt vorwaltet, 
welcher dieser Uebersetzung gröfsere Beachtung und 
selbst Auszeichnung vor andern Werken ähnlicher Art 
zuwenden mufs. Was der Verf. beabsichtigte, das hat 
er in der Einleitung §.11. S. LXV. klar und bestimmt 
ausgesprochen: „Zur Aufgabe und Leistung hatte ich 
mir zunächst gestellt, eine anstofsfrei lesbare und den 
Grundtext in Sinn und Form treu wiedergebende und 
somit zuverlässige Verdeutschung zu liefern, welche nicht 
nur dem der griechischen Sprache unkundigen Liebhaber 
der alten Erdkunde dieses grofse Schriftwerk zugänglich 
machen und ihm in ungestörter Lesung befriedigende 
und genufsreiche Unterhaltung und Belehrung gewähren, 
sondern auch dem gelehrten Kenner und Forscher den 
vielleicht fehlenden griechischen Text einigermafsen er- 
setzen, oder auch den nicht fehlenden in schwierigen 
Stellen erleichtern und erhellen könnte." Bei der grofsen ' 
Verdorbenheit des Textes war aber zur Erreichung dieses 
Zwecks eine kritische Behandlung und Untersuchung 
unerläfslich , und so erhalten wir mit dieser deutschen 
Uebersetzung zugleich eine fortlaufende Kritik des viel- 
fach entstellt auf uns gekommenen Textes, der hier viel- 
fach gebessert und berichtigt erscheint, so dafs in dieser 
Hinsicht der Uebersetzung in der Reihe der kritischen 
Bearbeitungen Strabo's eine wesentliche Stelle gebührt. 
Weniger ist in Absicht auf die Erklärung, wir meinen 
Exegese und insbesondere sachliche" Erörterungen , wie 
sie bei einem solchen Schriftsteller so höchst Wünschens- 
werth , ja nothwendig sind , geschehen ; im Ganzen finden 
sich solche Erörterungen nur da, wo sie durch die kri- 
tische Behandlung des Textes hervorgerufen und so in 
gewisser Hinsicht nothwendig geworden sind. Wir be- 
dauern dies, -unterlassen aber nicht, die Entschuldigung 
des Verfs. anzuführen, dafs er die Masse des vornan- 
denen Stoffs durch solche Anmerkungen nicht noch mehr 
habe anschwellen und so das Ganze über Gebühr habe 



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Groskurd, Uebersetzung des Strabo, litcr Thcil. 



ausdehnen wollen (vergl. p. LXVII.) Dafs solche An- 
merkungen auch allerdings mehr Schwierigkeiten haben, 
als dies bei den kritischen der Fall ist, leuchtet ein, 
zumal da bei Strabo, wo sich im Ganzen noch so 
wenig einigermafsen bedeutende Vorarbeiten vorfinden, 
während andererseits, theils durch gebildete Reisende, 
theils durch gelehrte Forscher des Alterthums viele sonst 
dunkle Parthien der alten Geographie jetzt in ein klares 
Licht gestellt sind, die Schwierigkeiten sich häufen. 
Diese Forschungen mflfsten freilich bei einem sachlichen 
Commentar (den wir bei Strabo für unerläfslich und 
durchaus nothwendig halten, wenn ein richtiges Ver- 
standnifs desselben und eine Auffassung im Geist und 
Sinn der wissenschaftlichen Alterthumskunde erreicht 
werden soll) benutzt und verarbeitet werden, was hier 
nicht geschehen ist, weil, wie gesagt, der Verf. dies 
als aurser seinem Kreise liegend betrachtet hat, und blos 
auf das Kritische und die getreue Auffassung des Sinns 
seine Sorgfalt und Aufmerksamkeit auf eine allerdings 
rühmliche Weise gerichtet hat. Daher ist die Ueber- 
setzung im Ganzen sehr genau und getreu, ohne dafs 
jedoch dem Genius der deutschen Sprache eine Gewalt 
angethan worden wäre^ und wenn auch über einzelne 
Stellen Verschiedenheit der Ansicht über die Richtigkeit 
der vom Verf. gelieferten Uebersetzung oder des von 
ihm eingeleiteten kritischen Verfahrens statt finden sollte, 
so wird man doch im Gaflzen keine gegründete Ursache 
haben, einen Tadel über eine Arbeit auszusprechen, 
die den Charakter der Gründlichkeit, Genauigkeit und 
Sorgfalt an sich trägt, und dabei von solchem Umfang 
ist, dafs wenigstens einzelne Verstöfee oder Verirr ungen 
sehr verzeihlich sind. Auf diese Weise gewinnt aber 
die Uebersetzung nicht blos für den gebildeten, aber der 
griechischen Sprache nicht kundigen, Freund des\Alter- 
thums, sondern auch für den gelehrten Interpreten ein 
Interesse, das noch vermehrt wäre, wenn die oben ge- 
wünschten sachlichen Bemerkungen hinzugekommen wä- 
ren. Dagegen ist eine sehr ausführliche Einleitung voraus- 



Groskurd, üebcraeUang des Strabo, Itter Theil. 801 

geschickt, welche aufser der Darlegung der Grundsätze, 
nach denen der Verf. seine Uebersetzung geliefert hat, 
zugleich alle die allgemeinen auf Strabo's Person und 
sein hinterlassenes Werk sich beziehenden Punkte ab« 
handelt, welche in solchen Prolegomenen behandelt zu 
werden pflegen. Der Verf. führt zuerst das Wenige auf, 
was wir über Strabo's Person und seine Familienverhält- 
nisse wissen, und erstreckt seine Kritik über mehrere 
damit in Verbindung stehende Punkte, wie z. B. die 
Frage nach dem Geburts- und Todesjahr Strabo's. Er- 
steres wird auf 687. u. c. oder 36. a. Chr. verlegt, ob- 
wohl aus andern Ursachen, als die von Korai beige- 
brachten sind, die durch des Verfs. Darstellung als un- 
haltbar erscheinen. Das Todesjahr wird als wahrscheinlich 
auf T77. u. c. oder 24. p. Chr. bestimmt. Auch die Zeit, 
während welcher Strabo sein grofsentheilsnoch vorhan- 
denes Werk schrieb, sucht der Verf. näher zu bestim- 
men, und daran knüpfen sich weitere Untersuchungen 
über seine Jugendbildung durch gelehrte Studien, über 
seine philosophische Bildung (Strabo war nämlich Stoi- 
ker), über die Reisen und deren Verhältnifs zu dem 
• hinterlassenen geographischen Werke, über Plan, An- „ 
läge und Bestimmung, über Charakter und Eigentüm- 
lichkeit desselben, über dessen Vorzüge, wie Gebre- 
chen, von denen es sp wenig wie irgend ein anderes 
menschliches Werk frei bleiben konnte, obwohl in ge- 
ringerem Grade, als viele ähnliche Produktionen , und 
dergl. m. Daher ist auch eine Uebersicht des Inhalts 
des ganzen Werks zweckmäfsig eingeschaltet, weil diese 
einen Ueberblick giebt, der die Würdigung des Ganzen 
erleichtert und zugleich eher von dem Umfang des 
Werkes, dem Plan und der Anlage uns eine Idee geben 
kann. Wie wenig im Ganzen seit dem Wiederauf- 
blühen der alten Literatur Strabo behandelt, wie wenig 
für ihn bisher geleistet worden, zeigt die im §. 10. 
gegebene Uebersicht und Beurtheilung der bisherigen 
Bearbeitungen (deren Ungenügendes wohl Jeder, der 
mit Strabo nur einigermafsen bekannt geworden ist, 



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808 Encyclop<5die de« Gens du Monde. Tome premier. 

sattsam erfahren hat); die Beschaffenheit des Textes, 
die verschiedenen uns bekannten Handschriften , die 
übrigens sämmtlich aus Einer Quelle zu stammen scheinen, 
und anderes der Art fällt ebenfalls in den Kreis dieser 
Untersuchungen, deren Hauptmomente wir hier nur im 
Allgemeinen in der Kurze anzudeuten versucht haben. 

Ref. wünscht, sein kurzer Bericht über Inhalt und 
Charakter dieser deutschen Bearbeitnng Strabo's möge 
die Leser dieser Blätter von dem inneren Gehalt derselben 
überzeugen; er zweifelt nicht, dafs seine Wünsche, bal- 
dige Fortsetzung und Vollendung des Ganzen zu sehen, 
von allen Denen getheilt werden, welchen diese Bear- 
beitung zu Gesicht gekommen oder welche dieselbe näher 
geprüft haben. Auch Druck und Papier sind sehr be- 
friedigend. 

Chr. Bahr. . 



Ency clopddie des Gens du Monde, repertoire universel des seien' 
fes, des lettres et des arls ; avec des notices sur les principales 
familles historiques et sur les personnages cdlcbres, morts et vivans; 
par une socidte de Savans de literateurs et (Tartistes, fran$ais et 
e'trangers. Tome premier. Paris. Libraire de Treuttel et H'ürtz, 
Rue de Lille No. 17; Strofsbourg , grand rue JS'o. 15. Londres, 30, 
Scho- Square, 1833. 13 und 400 S. in gr. 8. mit doppelten Co- 
lumnen auf jeder Seite. 

Der allgemeine Beifall, welcher bei uns dem Con- 
versationslexikon zu Theil geworden ist, mag uns 
entschuldigen, wenu wir hier auf eine ähnliche Erschei- 
nung in Frankreich aufmerksam machen, die allerdings 
durch das deutsche Unternehmen hervorgerufen zu sevn 
scheint. Wollte man freilich das deutsche Werk , so wie 
es, auch nach den mehrfachen Auflagen, die es erlitten 
und den mehrfachen Nachdrücken, die davon gemacht 
worden, jetzt ist, mit allen seinen Ungleichheiten und 
allen seinen blos auf Deutschland und deutsche Leser 
berechneten Artikel, die oft nicht einmal für diese ein 
allgemeines Interesse haben , auf französischen Boden 
verpflanzen, so würde schwerlich demselben in Frank- 



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■ 

Enryclopddie de« Gens du Monde. Tome premier. 80H 

reich ein gleicher Beifall zu Thei! werden. Sollte daher 
in Frankreich etwas Aehnliches unternommen werden, so 
durfte weder eine Uebersetzung noch ein Auszug des 
deutschen Werkes gegeben werden, sondern es mufste 
im eigentlichen Sinne des Wortes ein neues Werk ge- 
schaffen werden, berechnet zunächst auf französische 
Leser und nach deren Geschmack, sowie nach deren 
Bedürfnisse eingerichtet ; es konnten demnach (wie auch 
in vorliegendem Werke geschehen) wohl einzelne Artikel 
des deutschen Werks darin aufgenommen oder in verän- 
derter Gestalt wiedergegeben werden. Die ineisten Ar- 
tikel bedurften einer völligen Umarbeitung in den oben 
bemerkten Beziehungen; zahlreiche Artikel des deutschen 
Werks mufsten gänzlich wegfallen, während andere hin- 
wiederum eine gröfsere Aufmerksamkeit und Berück- 
sichtigung erhalten mufsten. Manche Artikel des deut- 
schen Werkes scheinen eher für Gelehrte vom Fach , als 
für gebildete Leser ausgearbeitet, sie enthalten Dinge, 
die viel zu speciell für ein solches Werk sind , oder wis- 
senschaftliche Deductionen, die solche Leser, für die 
doch das Buch seyn soll, in der That wenig anziehen. 
Andere Artikel des deutschen Werkes beziehen sich, 
zum Theil in unverhältnifsmäfsiger Breite und Ausdeh- 
nung, auf die nächsten Zeitereignisse und einzelne darin 
hervortretende, sonst unbedeutende Personen, welche 
auf diese Weise zu einiger Bedeutung gelangen und ihren 
sonst so leicht verschollenen Namen im Gedächtnifs der 
Nachwelt einigermafsen erhalten wollen. Zu diesen und 
ähnlichen Uebelständen rechnen wir noch die grofse Un- 
gleichheit in den einzelnen Artikeln, die, was freilich 
keine geringe Aufgabe war, vor Allem vermieden werden 
mufste, um in das Ganze mehr Gleichförmigkeit zu 
bringen; es mufste ferner in allen die Politik berüh- 
renden Artikeln die erforderliche Ruhe und Mäfsigung 
beobachtet werden, die sich nicht von den Interessen 
des Tags und den Leidenschaften der Menge hinreifsen 
läfst; es mufste daher auch die in dem deutschen Werke 
bald mehr bald minder hervortretende Vorliebe für eine 



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810 Kncycloprfdie de« Gent du Monde. Tome premier. 

bestimmte Parthei wegfallen, da das Werk keineswegs 
dazu dienen soll , politische Ansichten unter der Menge 
zu verbreiten, sondern grundliche Belehrung und nütz- 
liche Kenntnifs denen zu geben, die durch ihre Stellang 
im Leben, durch vielfache Berufsthätigkeit abgehalten, 
nicht selbst auf eigenem Wege dazu gelangen können. 
Diesen Charakter der Unparteilichkeit zeigt das fran- 
zösische Werk in höherem Grade als das deutsche, und 
wir können darum wünschen , dafs das Werk in Frank- 
reich und aufserhalb Frankreichs unter der Classe von 
Lesern, für die es zunächst bestimmt ist, recht ver- 
breitet werde, zumal da auch die Gründlichkeit (ohne 
steifen Pedantismus), mit welcher die einzelnen Artikel 
von den namhaftesten Gelehrten Frankreichs ausgearbeitet 
sind, dem Werke einen eigenthümlichen Charakter und 
Gehalt giebt, der es von so manchen Machwerken und 
mittel mäfsigen Productionen der französischen Presse 
höchst vortheilhaft unterscheidet. Es sollte ein Werk 
geliefert werden (und hierin liegt nach der Absicht und 
nach dem Plane der Herausgeber, ein wesentlicher Un- 
terschied von dem deutschen Werke), welches nicht blos 
für die Conversation, also für die Tagesinteressen — 
denn über diese conversirt man — bestimmt sey, son- 
dern welches das für jeden Gebildeten Wissenswürdigste 
aus den verschiedenen Zweigen menschlicher Wissen- 
schaft und Kunst enthalte, also eine Art von Enzyklo- 
pädie, nicht für Gelehrte, sondern für gebildete Leser 
jeden Standes. Daher auch der Titel : Encyclopedie 
des gern du Monde. Doch wir müssen wegen des Ein- 
zelnen hier auf den überall verbreiteten Prospectus ver- 
weisen ; zur Charakteristik des Ganzen mögen die oben 
vorausgeschickten Bemerkungen dienen. Was aus dem 
deutschen Conversationslexikon aufgenommen worden, 
ist durch ein beigefügtes C.L. kenntlich, was unter ver- 
änderter Gestalt und Form daraus entlehnt ist, bezeichnet 
dieChifFer C.L.M. (Conversationslexicon modifiee). Aber 
die meisten Artikel sind, wie bemerkt, neu ausgearbeitet; 
einem jeden Artikel ist der Name des Verfassers (eine 



« 

Encyclopedie de« Gens da Monde. Tome premier* 811 

< .' 

löbliche und nachahmungswürdige Einrichtung) beige- 
fügt, der Kurze wegen durch einzelne Zeichen, deren 
Bedeutung auf einer Tafel nach dem Discours prelhni- 
naire angegeben ist. Wir finden darunter die Namen 
Artaud, Berville, Depping (der eine Reihe sehr 
schätzbarer Artikel bearbeitet hat), von Eckstein (von 
dem unter andern ein vorzüglicher Artikel über Abelard 
in diesen Band aufgenommen ist), Fetis (der insbeson- 
dere die in das Gebiet der Musik einschlägigen Artikel 
geliefert), Genc'e, de Joug, Klaproth, ferner 
Lebrun, Lefebvre-Cauchy, Matter, Orfila, 
Parisot, Reinaud, Schnitzler (der die zahlreich- 
sten Artikel aus dem Gebiet der Geschichte, Mytho- 
logie, Geographie und dergl. geliefert — wir machen 
hier nur auf den einen Artikel über den verstorbenen 
Kaiser Alexander aufmerksam — ), von Sinner, Baron 
Walckenaer, der über geographische Gegenstände 
(man vergl. z. B. den Artikel Afrique), Reisen u. dergl. 
Artikel geliefert, u. A. Eben so bitten wir z. B. die 
Artikel Abrantes , Adelaide, Agier u. a. nachzulesen. 
Der Artikel Aboukir ist aus leicht zu er rathenden Grün- 
den nicht sehr ausführlich ausgefallen. 

Wir wünschen, dafs das Werk in, der Art fort- 
geführt werden möge, in welcher es hier begonnen 
worden und sehen, im Vertrauen auf die gelehrten 
Männer, welche dem Unternehmen beigetreten sind, 
und so allerdings dem Publikum die beste Garantie 
Aber die Ausführung des Ganzen geben können, mit 
Verlangen der baldigen Fortsetzung und Vollendung ent- 
gegen. Mit zwölf Bänden soll das Ganze geschlossen 
seyn. Vorliegender Band endigt mit Alexander, 

Druck um! Papier lassen, wie überhaupt bei fran- 
zösischen Werken der Art, die für ein gröfseres Publi- 
kum bestimmt sind, nicht leicht Etwas zu wünschen 
übrig. Sinnentstellende Druckfehler sind uns nicht auf- 
gestofsen. 




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812 Julius. Sieben Gesänge von J. H. v. -WeMcnberg. 

Julius. Pilgerfahrt eine» Jünglings. Ein Gedicht in sieben 
Gesängen von J. H. A. IVessenberg. Stuttg. u. Tüb. bei Cotta, 
1831. 318 & in 8. 

Lebte Schiller noch, so wäre ich begierig, sein 
Urtheil über dieses für die moralisch- religiöse Lebeos- 
philosophie wichtige Gedicht zu vernehmen. Mehr 
Handlung und einen mehr motivirten Zusammenhang 
der Ereignisse, welche dadurch auch poetisch - glaubli- 
cher würden, hätte wohl auch Er verlangt. Im Uebrigen 
würde Er wahrscheinlich seinem Urtheil die Forde- 
rungen zum Grunde gelegt haben , die Er mit so vielem 
Scharfsinn in seinen Rapsodien über naive und senti- 
mentale Dichtung der höhern Idylle (des idyllischen 
Epos) geltend zu machen sucht. Er verlangt dort vor 
Allein, dafs der Dichter nach dem Ideal strebe. „Treibt 
ihn," sagt er, „der sentimentalische Dichtungstrieb, so 
stehe er nicht eher als bei dem Höchsten stille; er ver- 
schmähe den unwürdigen Ausweg, den Gehalt des Ideals 
zu verschlechtern, um es der menschlichen Bedürftigkeit 
anzupassen, und den Geist auszuschliefsen, um mit dem 
Herzen ein leichteres Spiel zu haben. Er mache sich 
die Aufgabe einer Idylle, welche jene Hirtenunschuld 
auch in Subjecten der Cultur und unter allen Bedin- 
gungen des rüstigsten, feurigsten Lebens, des ausge- 
breitetsten Denkens, der raffinirtesten Kunst, der höch- 
sten gesellschaftlichen Verfeinerung ausführt, welche, 
mit Einem Wort, den Menschen, der nun einmal nicht 
mehr nach Arkadien zurückkann, bis nach Elysium 
führt. — Ruhe, fahrt er fort, sey der herrschende 
Eindruck dieser Dichtungsart, aber Ruhe der Vollen- 
dung, nicht der Trägheit, eine Ruhe, die aus dem 
Gleichgewicht, nicht aus dem Stillstand der Kräfte 
fliefst, und von dem Gefühle eines unendlichen Vermö- 
gens begleitet wird. Eben darum, weil aller Widerstand 
hinwegfallt, wird es hier ungleich schwieriger, 
die Bewegung hervorzubringen, ohne welche doch 
keine poetische Wirkung sich denken läfst. Die höchste 
Einheit mufs seyn; aber sie darf der Manchfaltigkeit 



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I 



Julius. Sieben Gesänge von J. H. v. Wegsenberg. 813 

nichts nehmen ; dasGemüth mufs befriedigt wer« 
den, aber ohne dafs das Streben darum auf- 
höre" 

Diesen Forderungen des selbstschaffenden Kunstrich- 
ters nähert sich die Pilgerfahrt des Jünglings, Julius, 
auf eine edle Weise. Als idyllisches Epos ist es mehr 
der sentimentalen als naiven Gattung angehörend. Sein 
Vorsatz ist, das Rein - menschliche und Menschlich - 
göttliche in seiner Verklärung so hervorzuheben, dafs 
es sich über der Verwirrung der Zeiten und über allen 
Glanz äufserer Welterscheinungen als das darstelle, was 
unsrer Liebe, Achtung und Bewerbung ewig am wür- 
digsten bleibt Vieles Merkwürdige in der sichtbaren 
Mitwelt geht an Julius bedeutungsvoll vorüber; Er wird 
in Theilnahme an dem Wichtigsten, was vorgeht, hinein- 
gezogen, doch nur so, dafs seine noch unverderbte Kraft 
dadurch angeregt, geprüft, geläutert wird. Der Dichter 
will, dafs die Klarheit seines Geistes, die Unschuld seiner 
Gesinnung und Neigungen nicht nur ungetrübt bleiben, 
sondern sich gefördert zeigen. Er lebt nicht in Arkadien. 
Aber Alles wirkt zusammen, um ihn nach Elysium zu 
leiten. Heitere Ruhe ist der vorherrschende Eindruck. 
Diese jedoch wird Ihm nicht durch Trägheit, durch 
ungestörten Genufs, durch müfsiges Schwärmen zu Theil. 
Durch alles Grofse und Rühmliche fühlt Er sich ange- 
zogen. Auch wo auf Seite des Gegners ein edler Zug 
hervorschimmert, empfindet Er Theilnahme. So weit 
Er dem Eroberer auf seinen Zügen folgt, ist sein Gemüth 
nur dem zugethan, was der Förderung der bessern Men- 
schennatur zuzusagen scheint Erst als der Schein davon 
vor der Evidenz verschwindet, entschliefst sich Julius, 
zur Rettung seines Bewufstseyns aus der Kraftanwen- 
dung für das Oeffentliche zurücktretend , das reine Men- 
schenglück in den ruhigen Thälern der Schweiz , im 
stillen Heiligthum einer unentweihten Liebe zu suchen: 

Diese, schon in den Spielen der unbefangenen Kin- 
derwelt an den Ufern des Genfersees erwacht , wird im 
Verlauf des Lebens mehrmals auf die Probe gesetzt; sie 



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814 Julius. 8ieben Gesänge von J. H. Westenberg. 

besteht aber die Probe, und gewinnt dadurch an Läu- 
terung und Stärke. Sie empfängt zuletzt nach einer poe- 
tisch malerischen Wanderung durch all die Naturwunder 
des ewig idyllischen Schweizerlands auf der Kuppe des 
Rigi gleichsam vom Himmel selbst Weihe und Bekrän- 
zung. Die Wahl des Rigi für den beglückenden Aus- 
gang der Idylle darf um so mehr eine glückliche genannt 
werden, als auch der Rigi es war, wo im Beginn der 
Dichtung dem Knaben Julius, als Waisen der erste Trost 
über den Verlust seiner Mutter in die Seele gekom- 
men war. 

Bis dahin, wo seine Liebe ihr Ziel erreicht, hat 
ihm die Freundschaft das Geleit gegeben; zuerst 
in der Gestalt eines würdigen Erziehers, dann als dieser 
stirbt, in der eines edlen Jünglings Franzesko, der, 
selbst schon in der Schule des Leidens geprüft, tief das 
Bedürfnis und den Werth ächter Freundschaft fühlt 
und sie treu bewährt. 

Durch diesen Entwickjungsgang wird in diesem Ge- 
dicht die Anerkennung bezweckt: dafs reiner Sinn für 
Gott und Vaterland , "treue Freundschaft und nie ent- 
weihte Liebe die Gestirne sind, die dem Menschen zur 
höchstmöglichen Glückseligkeit auf Erden den Pfad er- 
hellen ! 

Man wird vielleicht dem Dichter entgegenhalten, 
dafs er gerade in dfe -Episoden, deren allerdings viele 
in das Gedicht verwebt sind, das meiste Leben, die 
meiste Bewegung gebracht habe. Was aber hindert uns, 
das Ganze als eine Vereinigung von lieblichen Miniatur- 
bildchen und besonders auch von örtlichen Schilderungen 
zu betrachten, filr welche die äufsere, wenig ausgemalte 
Lebensgeschichte der Personen gleichsam der Rahmen 
seyn soll, um sie gemeinsam zusammenzuhalten? Zu 
bemerken ist zugleich, dafs die Episoden im Julius theils 
als noth wendig erscheinen , wie die von Franzesko's 
Schicksalen, um den Freund ins rechte Licht zu stellen 
und auf die Folgen ihrer Verbindung vorzubereiten , theils 
dafs sie zweckmäßig wirken, um den Eindruck, den die 



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Julius. Sieben Gelange von J. H. v. Wassenberg. 815 

Weltbegebenheiten auf das Gemüth des Julius und jedes 
Beschauers machen sollen, zu verstärken. Von dieser 
Art ist die Episode von dem polnischen Krieg und von 
dem Heldenmädchen von Zaragoza. 

Einigen mag tadelhaft vorkommen, dafs der Dichter 
sich mehrerer Traumgesichte, als Maschinerie, be- 
dient. Ist denn aber dieses nicht die natürlichste Ma- 
schinerie. Ist nicht durch Träume und Ekstasen mit 
der wenigsten Verletzung der Wahrscheinlichkeit das 
äufsere und innere Leben und selbst die irdische Welt 
mit der übersinnlichen zusammenzuknüpfen? Da die 
neuere Poesie auf eineu glücklichen Gebrauch der veral- 
teten Göttersagen und des eigentlichen Wunderglaubens 
verzichten mufs, so ist nicht wohl abzusehen, Mas sie 
zweckmässiger an ihre Stelle setzen könnte, als Traum- 
gesichte. Nur dafs diese mit den Verhältnissen inXJeber- 
einstimmung stehen , oder gar aus ihnen hervorzugehen 
den Anschein erhalten müssen ! Jede Dichtung stellt 
ihre Hauptpersonen auf höhere Stufen, über die gewöhn- 
liche Empfindung und Erfahrungswelt. Sollen Exaltirte 
nicht auch Seher werden können? nicht in einem halb- 
wachenden Mittelzustand zwischen Sinnlichkeit und Gei- 
stigkeit ahnungsvolle Anschauungen haben? War der 
Enthusiasmus der alten Welt (wo er nicht Schein und 
Täuschung war) nicht in der Exaltation der Seelenkräfte, 
in dieser innern Realität gegründet? Sind nicht die 
Nebijim, selbst nach der Sprache — Exaltirte? 

In wenigen Gedichten dieser Gattung werden so viele 
Beschreibungen wirklicher Naturscenen gegeben , wie 
hier. Tadel würde dies nur dann verdienen, wenn diese 
Naturgemälde (deren Urbilder meist in der Schweiz und 
Italien sind) nicht wahr und gut gewählt, und nicht 
zugleich sehr passend wären, um den moralischen 
Eindruck zu erhöhen , Welcher durch diese Schilde- 
rungen belebt wird. Dafs der Dichter dagegen um- 
ständliche Beschreibungen von Schlachten und Gefechten 
möglichst vermied , wird man ihm mit Recht zum Ver- 



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816 Julius. Sieben Gelänge von J. fl. r. Weseertberg. 

dienst anrechnen , besonders wenn man an die Natur seines 
Gedichts denkt. 

Zu einer Vergleichung mit der Luise von Vofs und 
mit Göthes Hermann und Dorothea wird weder der 
Kuustbeurtheiler noch der Leser veranlagst. Auch sind 
Vergleichungen dieser Art weder gerecht noch natürlich, 
wo das neue Kunstwerk weder Nachahmung noch Rival 
der andern seyn will. Jene unsterblichen Idyllen be- 
schränken sich auf die Schilderung einer Liebe, die im 
erstem gar kein Hindernifs, im letztern ein nur in der 
Einbildung bestehendes vorfindet, das desto schöner sich 
entfaltet und gehoben wird; wobei aber die grofsen An- 
gelegenheiten der Menschheit bei Vofs nicht berührt, 
von Göthe nur benützt werden, um die zwei Haupt- 
personen in ihrem individuellen liebenswürdigen Lichte 
aus der übrigen Weltverwirrung hervorzuheben. Der 
Dichter des Julius hat es vorgezogen, die Verbindung 
dieses jungen Mannes mit der schweizerischen Luise, die 
wir seinen weiblichen Genius nennen möchten, als den 
schönen Lohn der unversehrten Bewahrung seines sittli- 
chen Charakters bei allen Eindrücken der Welt, in die 
er verflochten ward , darzustellen. Wesentlich aber ge- 
hörte es zu seinem Plan, die bedeutendsten Erscheinungen 
der neuesten Zeit, mit Rückblicken auf die Vorzeit und 
auf das Eigenthümliche verschiedener Völker in einem 
treuen Spiegel zu zeigen. Sie sollten sich in der Seele 
seines Julius so reflectiren, dafs das wahrhaft Grofse, 
Schöne und Edle von allem falschen Schein sich ablöse 
und scheide. Es sollte mit möglichster Klarheit aus einer 
der Wahrheit und Tugend geweiheten Dichtung überall 
dies hervorleuchten, dafs der Mensch trotz allem Wirren 
und Wechseln der Zeiten die Befriedigung seiner edlern 
Natur erreichen könne, wenn er aufrichtig das Göttliche 
verehrt, in dem Menschen seinen Bruder liebt, und un- 
verrückte Treue in der Lieocr bewahrt 

(Der B c s c hlufs folgt.) 



> 



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N°. 52. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833* 

- ■• • - 

Julius. Sieben Gesänge von J. ff. v. Wessenberg 

( B e a c hlufs.) 

In ein Paar Strophen, welche zum Voraus von der 
Gewandtheit des Ausdrucks und der reinfliefsenden Vers- 
bildung (welche in der gebundenen Rede der neuesten 
Zeit bei Vielen, leider, zur Seltenheit geworden ist!) 
eine Probe geben, hat der Dichter selbst seinen allge- 
meinhin wirksamen und wichtigen Zweck dem Leser zum 
Theil entdeckt und die dafür angewendete Mittel an- 
gedeutet : 

An ans ging eine grofse Zeit vorüber* 
Oft reich an Hoffnung, düster oft und wild. 
In mancher Seele spiegelte sich trüber, 
In andern heiterer ihr fliehend Bild. 
Ihr Mifsgctön zuckt noch durch manche Fiber) 
Des Weisen Auge nur sieht klar und mild* 
Und was der Weise sah, ein edler Richter, 
Zeigt euch, von Zauberglans verklärt, der Dichter. 

Der Dichter warnt im vielbewegten Lieben« 
Wo Täuschung oft den Edelsten belog. 
Ihm ziemet, das mit Strahlen zu umgeben, 
Was eitler Wahn zum Staube niederbog. 
Den schönsten Ruhm soll im Gedicht ergehweben 
Was in der Welt den Blicken sich entzog. 
„Nichts bringt die Zeit, das nicht die Zeit begrübe) 
„Ein Stern nur strahlet ewiglich — die Liebe! 

Der Plan und Ueber blick des Ganzen ist folgender! 
Julius, die Hauptperson, an welcher die unserer 
viel lernenden , unklar empfindenden , aber desto weniger 
denkend wollenden — Zeit so nöthige sittliche Aus- 
bildung gezeigt wird, ist so eben als Knabe von der 
sterbenden Mutter verlassen. Ein alter Freund der El- 
tern aber, ein Schuler Aeskulaps , Eudor, nimmt ihn 
zu sich und bildet Geist und Herz in ihm zuerst durch 
Bewunderung der Natur und ihrer wohlthätigen Ordnung 
XXVI. Jahrg. 8. Heft. 52 



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818 Julias. Sieben Gesänge von J. H. v. Wessenberg. 

im Großen und Kleinen, auch durch Einkleidung des 
Wahren in kindliche Mährchen und Sinnbilder, alsdann 
aber durch geschichtlich bewährte Musterbilder nicht 
nur der RechtschafTenheit, sondern auch der Lebensthä- 
tigkeit und des praktischen Unternehmungsgeistes. 

„Durch solcher Bilder Rcih'n führt ihn von Weiten 
Die Hand Eudor's zur lichten Himmelshöh', 
Von wo man sah den Sohn des Ew'gcn schreiten, 
Die Menschheit zu hefrein vom Sündenweh, 
Um für das Gottesreich sie zu bereiten. — 
Wie, wenn nach langer Fahrt zn Land und See 
Des IHlgers Aug* entdeckt Heimathsgclilde, 
Steht Jul ius entzuckt vor Jesu Bilde. 1 ' 

Nach dem zweiten Gesang führte Eudor seinen Pflege- 
sohn auch durch die poetische Welt von Homer an bis 
zu Tasso und Klopstocks Messiade. Zugleich aber wird 
schon im Kinderumgang durch jenen ätherischen Magne- 
tismus zwischen der männlichen und weiblichen Psyche, 
ein geheimer Zug von Liebe gebildet, die in der ganzen 
Folgezeit (auf eine freilich mehr wunderbare, als moti- 
virte Weise) die Leiterin und Tugendbeschützerin seines 
Lebens wird. 

„O Sympathie, die schon in Kinderseelen 
Mit leiser Hand geheime Bande webt, 
Dafs 6ie vor Tausenden einander wählen , 
Da Ts Eine ganz wie in der Andern lebt, 
In Beiden jede Wonn' und jedes Quälen, 
Wie Klang aus Einer Saite, wiederbebt. 
Ihr Engel waehet an der heii gen Quelle, 
Dafs kein Gewölk trüb* ihre Aetherhclle ! " 

Kaum aber tritt Julius in die Junglingsjahre, als das 
Sturtngewitter geldgieriger Freiheitspiraten (man lese 
Leben und Abentheuer Hanet Clary's wahrend der 
Revolution, übers, von Gleich. 1S29.) von Frankreich 
her den Schwei zerbund zu zersplittern drohte. Auch Er 
mit seines Spielgenossen eilt, auf des Land Hauptmanns 
von Beding Ruf, dem Vaterland zu Hülfe. So tritt 
der kurze Freiheitskampf bis zur Unterdrückung des 
kleinen Hirtenvolks der Bergkantone in die Idylle als 
Aenderung der Scene. Auch Julius stürzt und wird für 



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-I* 



Juli «8. Sieben Gesänge von J. H. v. Wessenberg. 819 

todt hin weggetragen ; aber Luise nebst der Matter sind 
ebenfalls verjagt und bemühen sich jetzt um des jungen 
Freundes Verpflegung. Eudor führt den Genesenden 
nach Italien. Denn des weiter blickenden Alten Ahnung 
über das Schweizerland ist: 

„So lang es mute um den Kometen irren, 

Dem Frankreich folgt, wird nur Betrug es kirren.'* 

Unverkennbar ist, wie den Dichter selbst sein unzerstör- 
bares Italien anzieht, dessen Vergegenwärtigung jetzt 
der dritte Gesang gewidmet ist. 

„Italia! Ein Göttertraum dem Blieke 
Noch jetzt, wo fremder Waffen Klang dich füllt, 
Und deinem Volk der Weiterobrer Tücke, 
In Luftgestalt von Freiheit, sich verhüllt. 
Was that nicht die Natur zu deinem Glücke, 
Du sel'ge Flur, die jede Sehnsucht stillt? 
Zum Paradies bist du von ihr erkoren!" 
So rief Eudor, im Reize ganz verloren." 

Statt der vielen Lokalschilderungen , auf welche wir hier 
nur hinweisen können, heben wir zwei gedankenvolle 
Strophen heraus, die in jene Zeit der Oemuthigung 
fallen, aber immer warnend wiedertönen müssen: 

„0 Rom! Trüb tönt um Dich der Völker Klage. 
Zweimal hat Gott ihr Wohl Dir anvertraut, 
Und zweimal warfst Du in des Schicksals Wage 
Die llachtbegier, die in die Wolken baut. 
Granitfels glaubtest Du die Unterlage, 
Du, dem vor keinem Abgrund je gegraut. 
Doch zweimal brach den Bau die Zeit zusammen; 
Du stehst verwaiset , und rings die Welt in Flammen. 

Gesondert sind auf ewig beide Mächte, 

Von Gott zur Hut der Menschheit aufgestellt. 

Da, wo Religion und Staat die Rechte 

Sich freundlich bieten , freuet sich die Welt. 

Doch wehe dann dem menschlichen Geschlechte, 

Wenn Leidenschaft der Beiden Plan entstellt, 

Dafs bald die Kirche strebt den Staat zu meistern, 

Und bald der Staat mit Fesseln droht den Gei- 
stern!" 

Der Greis Eudor stirbt. 

„Das Staubgewand, die vielbeweinte Leiche, 
Bestattet Julius bei Tasso's Eiche. 



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I 



820 Julius. Sieben Gesänge von J. H. v. Wasenberg. 

Wie durch ein Wunder (denn unser Dichter schafft 
Wunder ohne Maschinerie aus dichterischer Macht- 
vollkommenheit) wird dagegen im vierten Geesang Julius 
plötzlich mit Franzesko, einem würdigen Freunde 
vereint, der einst nach Tripoli ins Harem eines Bassen 
geraubt und dort der Liebling einer ebenfalls geraubten 
Zaire geworden war, die mit ihm entfloh, aber doch 
nicht lebend Italien erreichen konnte. Beide Freunde 
durchwandern jetzt die südlicheren Naturherrliclikeiten», 
die den Dichter selbst so innig angezogen haben: 

„O N a p o 1 i s ! Italiens Frühlingsgarten ! 

Warum erstarrt in Deinem Schoos der Geist 

Von Winterfrost? Wie konnte so entarten 

Dein Volk, das nur für Raub Geschick noch weis't? . . 

Des Stromes AbfluTs scheint es abzuwarten 

Mit offnem Mund. Das süfse Nichtsthun heifst 

Ihm Gluck. Was Wunder, bist Du längst dem Norden 

Und Sud, dem Ost und West ein Spielball worden?" 

Hier, gestehen wir, war uns die Episode von dem 
Karthäusermönch Vs 50 — 57. vorzuglich ansprechend. 

In einer Wundergrotte, dem schauerlichen Avernus 
nahe, sehen die Freunde am Ende des vierten Gesangs 
unter zauberischen Harmonikas Melodien in einer weis- 
sagenden Fernsicht halb träumend , zum Voraus trefflich 
geschildert Napoleons Gestirn, von seinem Aufsteigen 
an — bis zu dem Eiland, wo 

Auf kahlem Vorsprung safs ein düstrer Krieger. 
Die Woge seufzt : Seht hier den Weltbesieger ! 

Sie selbst sollten bald an der Kometenbahn dieses Sohns 
der Revolution Antheil nehmen, welcher allzu gutmiithige 
Freiheitsfreunde, ebenso wie die gezwungenen Gewalt- 
herrscher, zu Maschinen seines genievollen, aber nur 
um so mehr verdammlichen Egoismus zu machen wufste. 

Zuvor läfst ein neues Wunder Franzesko am Vesu? 
Vater und Schwester seiner Zaire finden. Flora veran- 
lafst beinahe in Julius eine Untreue gegen das Andenken 
an Luise und in Franzesko eiue Eifersucht; aber eine 
glückliche Traumerscheinung entwölkt die Gemüther, 



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Julias. Sieben Gesänge von J. H. t. Wassenberg. 821 

und Flora's Vater treibt vorerst beide zu neuer, würdiger 
Thätigkeit in das, noch räthselhafte, Frankreich hinüber ; 

„Am Schlafs erhob der Gastfreund hoch den Becher. 

,, Auf Washington« und Kosziusko's Wohl!" 

Rief er begeistert aus. „Das Bild der Rächer 

Der Menschheit leuchte hell von Pol zu Pol ; 

Es strahle Freiheit unter alle Dächer, „ 

Doch Schrecken in der Willkühr Capitol!" — 

Der Alte hatte unter beiden Fahnen 

Gelernt, der Menschheit schönern Tag su ahnen. 

Der Raum und die mehr verflochtene Verwicklung 
der folgenden Begebenheiten erJaubt uns nicht, weiter 
im Einzelnen zu zeigen, wie die Freunde, denen Luise 
und Flora „immer ihre Träume waren,* 9 sich jetzt doch 
auf des Vaters Antrieb erst noch in die Wagnisse des 
Lebens unter Napoleon stürzen, wo selbst Corsika 
(S. 195.) glaubte, 

Auch ihm sey jetzt der Freiheit Tag erschienen. 
Lenkt Frankreichs schöne« Loos ein Korse doch! 
Bald seht ihr Ihn, den alle Welt bewundert, 
Den Genius vielleicht für manch Jahrhundert ! 

Sie landen zu Frejus, wo 

„Noch stand ein Jubelbogen an der Stelle 
Wo, kehrend aus Aegypten war an's Land 
Gestiegen — Frankreichs Held, wie Morgenhelle 
Aus finstrer Nacht. Froh auf dem Stelsfufs stand 
Ein Kriegsmann dort; gleich der geschwätzten Quelle 
Pries er in Einem fort, wie er am Strand 
Des Nilstroms sich und bei den Pyramiden 
Für ew'gen Ruhm gekämpft zum Invaliden. 

Das Freundepaar nimmt jetzt an allen Unternehmungen 
Napoleons Antheil. Des Dichters Muse aber bleibt par- 
teilos. 

„Der Wahn war ungeheuchelt , dafs Befreiung 
Der deutschen Stamme Zweck des Krieges sey. 
Voll Mitleids blickten sie auf die Entzweiung 
Der Fürsten, auf der Völker Sklaverei, 
Und glaubten gern der schönen Prophezeiung 
Von Deutschlands Rettung aus der Barbarei. 
Wie mancher Deutsche, theilend die Bethörung, 
Half, gegen Wunsch, zu seines Volks Entehrung.» 



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822 Julius. Sieben Gesänge von J. H. v. Westenberg. 

Wie freut sich Julius! Schon sieht erblühen 
Der Freund auch sein gelichtes Vaterland. 
Von schöner Hoffnung Leide Herzen glühen; 
Froh bieten dem Befreier sie die Hand. 
„Befreier!" holder Klang von Harmonien; 
Doch ach ! wie oft zu spät als Trug erkannt 
„Schön lacht der Blüthcnstrauch ; doch, Wandrer lange 
„Nicht rasch darnach ! Still lauert drin die Schlange." 

Die Täuschung dauerte, wie bei Vielen, bis zu den 
gewaltsamen Unternehmungen gegen Spanien. An sich 
betrachtet sind diese dem Ree. immer wie politisch not- 
wendig erschienen. Frankreich kann, es mag nun ab- 
solutistisch oder repräsentativ- monarchisch seyn, nie 
gleichgültig dabei bleiben, ob es in seinem westlichen 
Rücken nicht von dem entgegengesetzten System be- 
droht werde, und also zwischen zwei Feuern stehe. Al- 
lerdings aber wurde die Ausführung des politischen Ge- 
bots, Spanien sich zu assimiliren, von dem neuen Charle- 
magne mit einer so auffallenden Betrüglichkeit versucht, 
dafs jeder Zeitbeobachter indignirt seyn und, von nun 
an, eine Nemesis nahe erwarten mufste. Für den Dichter 
ist diese unsre beiläufige Bemerkung blos Nebensache. 
Ihn möchten wir vielmehr fragen, ob es nicht doch 
zweckmäfsig gewesen wäre, von der äufseren kriegeri- 
schen oder politischen Thätigkeit der beiden Hauptper- 
sonen mehrere einzelne Züge zu schildern. Allerdings 
ist zwischen der Idylle und dem Epos ein grofser Un- 
terschied. Sollte aber dieser nicht auch dariti bestehen, 
dafs, wenn das Epos mehr den Zusammenhang des Ge- 
schehenen geben mufs, die Idylle, wenn auch abge- 
rissen, doch einzelne anziehende Handlungen, wie cha- 
rakteristische Miniatur -Gemälde, mittheiien kann. 

Seinem mehr sittlich - religiösen Zweck gemafs wendet 
sich der Dichter dahin, dafs bald unter der Gewalt- 
herrsejiaft die Ueppigkeit, „die Fürstin böser Feen," 
durch die That bewiesen habe. 

Mir mufs eich Alles schmiegen, 

Mir zierat'e, den WcJt-Besieger au besiegen. 



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Julia«. Sieben Gesänge tob J. H. v. Westenimg. 823 

Auch gegen Julius werden Netze aufgestellt Die be- 
leidigte Gefallsucht, in Jokonde personificirt , reifst das 
Freundepaar auseinander. Durch höfische Arglist soll 
selbst Luise getäuscht werden. Im ganzen Gedicht 
streiten der böse und der gute Dämon nie angestrengter 
gegen einander. Ein neues Wunder aber bringt Julius 
mit Luise bei einer vogesischen Heilquelle zusammen, 
doch nur so, dafs gerade jetzt der Eroberer alle seine 
Kämpfer am Fufse,der Pyrenäen versammelt. 

„Den Adlerblick hat Cäsar längst geweidet 
Von seiner Sonnenhöhe an der Gegner Schmaeh ; 1 
Da steigt, in eines Seraphs Glanz rerkleidet, 
Die Ehrsucht tief herauf in sein Gemach, 
Und haucht, indem sie Lug und Trug vergeudet, 
In ihm die schlummernden Begierden wach. 
„Dein ist die Welt," sagt sie im Schmeicheltone, 
„Fällt auf das Haupt Dir noch Hi Spaniens Krone. 1 ' 

„Sieh, wie sie wankt, das Spielzeug eines Weibes, 
Und ihres Günstling»; allem Volk zum Hohn! 
Sie fällt Dir zu, ein Spiel des Zeitvertreibes, 
Fugst Du zur List der Drohung Donnerton. 
Regt sich das Volk, der Waffenglanz betäub' es! 
Der Gnadcnfüllc scy der Zahmheit Lohn ! 
Die Herrscher werden Deinem Zweck begegnen 
Und ihre Schwache Deine Gro fem uth* segnen." 

Napoleon, So scharfsichtig und glücklich in der Be- 
handlung der Franzosen, der Italiener und Deutschen, 
verfehlte den Charakter der Spaniel*, wie nachher der 
Polen und Russen. Er scheint mehr die gereiften und 
überreifen, als die halbcultivirten Volkscharaktere be- 
griffen und die Kunst, ihrer sich zu beitieistern , in sich 
gehabt zu haben. Das Freundepaar mufs, bei all seiner 
patriotischen Tapferkeit, diese Fehlgriffe auch in der 
Belagerung von Zaragoza mit büfsen. 

In Italien war indefs auch Vater Alphons gestorben. 
Flora wendet sich deswegen zu Luisen in ihr Schweizer- 
land. Den Freunden in Spanien begegnet zu gleicher 
Zeit noch ein glücklich hergezaubertes Abentheuer mit 
einem feindlichen Heldenmädchen, die von rächender 



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824 Julius. Sieben Gesänge von J. H. Wassenberg. 

Liebe auch in das Kriegsspiel getrieben worden war. 
Endlich aber sehen beide Freunde (auch im Träumen mit 
einander übereinstimmend), was jetzt ihrer würdig sey. 

„Wie mahnt uns jetzt die Gottheit? — Freund, ich meine, 

Nicht länger locken darf uns Siegesmlira , 

Ein tapfres Volk mit falschem Freiheitsscheine 

Zu machen zu der Hersrehsucht Eigenthum. 

Lars ziehen uns in unsre stillen Haine, 

In unsrer schönen Au'n Elysium; 

Lars mit der Myrth' uns dort den Lorbeer tauschen, 

Wo weltvergessen unsre Quellen rauschen !" 

Eine treffliche Wendung ist es, dafs der Dichter sie 
jetzt durch Bearn fuhrt und ihnen den Gedanken ein- 
giebt — 

„Wie wär' es, in der Troubadours Gewände 
„Durchzogen wir, werth ihrer Zeit, die Lande?" 

In den Anmerkungen wird bei dem Geburtslande Hein- 
richs IV. die sinnvolle Anekdote herausgehoben: „Auf 
dem Platze zu Pau in Bearne wurde Ludwigs XIV. Statue 
errichtet , deren Fufsgestell die Bearner mit der Inschrift 
verzieren liefsen : „ Celuici est petit fite de notre bon 
Rot Henry!" Nur so liefsen sich die guten Bearner 
die Schmeichelei für einen Monarchen gefallen, der 
so wenig Volksfreund war." 

Auch wir möchten hier mit dem Dichter einstimmen ; 

„Warum doch schickt man nicht des Thrones Erben 
Hieher, damit sie, fern vom Schmeicheltrug 
Und Siechthum eines Hofes, das erwerben, 
Was* Heinrichen der Liebe schönen Zug , 
Von dessen Glanz die Strahlen nie ersterben , 
Grub in das Herz, dafs für sein Volk es schlug? 
Hier ward beim Volke, treu und heiter, 
In groTeer Bergnatur die Brust ihm weiter. 11 

Bei Petrarka 's Quelle schliefsen die beiden Trouba- 
dours die Sängerfahrt nach ihrer Liebe Land 

„Und an das Felsportal der Quelle hängen 
„ Die Freunde jetzt die Leier mit Gesängen." 

Bald aber • 

„Die Mädchen staunen, zweifeln, stch'n betroffen. 

„Kein Seheinbild isfs. Wir sind es Selbst!" So spricht 



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Julias. Sieben Gesänge von J. H. v. Wessenberg. 825 

Mit klarer Stimme Julius , und offen 

Sind alle Arme zum Empfang. Es bricht 

Di© Thrän' hervor. O Wonne über Hoffen! — 

Nur eines tritt noch in die Mitte. Der Dichter selbst 
(wir meinen uns , das folgende schöne Zwischenspiel , das 
aber eine harte Prüfungszeit für die Liebenden gewesen 
sejn möchte , kaum anders erklären zu können ! ) ist, 
seinem Stande gemäfs, so einzig der platonisch-religiösen 
Liebe ge\veiht, dafs er es nicht zu hart findet, vorerst 
noch die ganze vereinigte Karavane von Müttern und 
Brautpaaren durch eine Menge schweizerischer Natur- 
prachtgebiete umherzuleiten, bis er sich endlich beim 
herrlichsten Sonnenaufgang auf dem Rigi die ersehnten 
Belohnungsworte erlaubt — 

„Hier, wo im Bild uns strahlt der Liebe Quelle, 
Werd' auch ihr cw'ger Bund geweihet Gott!" 
Die Bräute lächelten ihr Ja! mit Wonne, 
Und nie sah einen schönern Bund die Sonne. 

Vor einigen Jahren war Ree. bei dem Betrachten 
der beiden Heldengedichte von Pyrker innig 
durch den Gedanken erfreut: So wahrhaft dichterisch 
ist also ein hoher Wurdeträger der Kirche, welche für 
das Anschauliche aus der Religiosität das Meiste thun 
kann, für reine Kunstempfindungen ausgebildet und be- 
geistert geworden ! Diese Freude erneuert sich ihm in 
erhöhetem Grade. Ein Mann von gleich hoher Stellung, 
dessen kirchlich wohlthätige Wirksamkeit Ihm äufserlich 
grofse, Und innerlich noch gröfsere, Würde gewährt, 
vereinigt hier mit einem gleich kräftigen und aufs Feinste 
ausgebildeten Kunstgefühl den Edelmuth der Ge- 
sinnung, dafs ihm Geschmack und Kunst nur deswegen 
höchst werth sind, weil sie Ihm Ideale der sittlichen 
Lebensthätigkeit als liebenswürdig und menschlich 
möglich im unvergänglichen Glanz idyllischer Dichtung 
aufstellen helfen. 

Dr. Paulus, 



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82« C. L. Bing-. Veben. v. Lcmontey MonarchUm. Ludwigs XIV. 



KURZE ANZEIGEN. 



Die monarchische Staatsverfassung Ludwigs des Vier- 
zehnten. Bin geschichtlich - politisches Gemälde, nach dem Fron- 
zösischen der zweiten Ausgabe des Peter Eduard Lemont ey. 
Leipzig 1830. J. C. Mnrichs'sche Buchhandlung. 

Auf diese mit Geist und durchdringendem Scharfsinn , zugleich 
aber mit der genauesten Detailkenntnils entworfene Schilderung jenes 
Ideals von absolutistisch - g ute n Zeiten, wie sie Ludwig d. Grofse (? ) 
zuerst im neuern Styl hervorgebracht hat, macht Ree, wegen diese« 
höchst belehrenden Inhalts, aber auch deswegen vorzüglich aufmerk- 
sam, weil die hier gelieferte Uebersetzung wie im Original zu lesen 
und mit beleuchtenden Noten ausgestattet ist. Der Verf. starb zu 
Paris den 26. Juni 1825. Der Uebersetzer, welcher dieses seiner Bear- 
beitung würdige Werk schon nach der Ausgabe von 1818. auszu- 
wählen wulstc, und im 21. und 22. Bande der allgemeinen politischen 
Annalen 1826. und 1827. bekannt machte, ist der badische geheime 
Referendar, Karl Ludwig Ring. Die jetzige Ausgabe ist vervoll- 
ständigt aus der, nach des Verfs. Tod mit dessen Verbesserungen 
erschienenen, Ausgabe seiner Oeuvres, Paris 1829. 

S. XIV. finden wir bemerkt , dals desselben Verfs. kritische Ge- 
schichte der beiden Regierungen nach Ludwig XIV., wozu er unter 
Napoleon aus dem Archiv des auswärtigen Ministeriums historische 
Aktenstücke erhalten hatte, nach seinem Absterben unter das Sigill 
der Regierung genommen worden ist. Die Vorrede bemerkt S. XV: 
,,Dcr Verf. dringt zu tief in den Geist einer Regierung, die man als 
musterhaft angesehen wissen will, und erinnert zu nachdrücklich an 
die Rechte der geistig moralischen Elemente der Gesellschaft. Seine 
historischen Arbeiten mufsten also wohl als furchtbar erscheinen. 
Jeder unbefangene Freund der Geschichte mufs um so mehr mit Un- 
geduld wünschen, dafs jene kritische Geschichte, so weit nie von 
Lcmontey vollendet ist , nicht unterdrückt bleiben , sondern unter 
günstigen politischen Conjuncturen recht bald der OefTentlichkeit frei 
gegeben werden möge." Ree. fragt angelegentlich: ob dies nicht seit 
der Reformwoche von 1830. bereits erfolgt sey, so dafs es auch für 
Deutschland , und zwar am besten durch eben diesen Uebersetzer 
fruchtbar gemacht werden könnto. 

Dr. Paulus. 



I 
i 



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Erster u. »weiter Jahresbericht d. Sinzheimer Gesellschaft. 82T 

- 

Erster Jahresbericht an die Mitglieder der Sinzkeimer Gesell- 
schaff zur Erforschung der vaterländischen Denkmale der Vorzeit 
von Stadtpfarrer K. ff'ilhelmi in Sinzheim, d. Z. Director der 
Sinzheimer Gesellschaft , wirkl. Mitglied der naturforschenden Ge- 
sellschaft #c. Sinzheim 1831, auf Kosten der Gesellschaft. 64 S. 
in gr. 8. 

Zweiter Jahresbericht an die Mitglieder der Sinzheimer Ge- 
sellschaft zur Erforschung der vaterländischen Denkmale der 
Porzeit von Stadtpfarrer K. IVilhelmi in Sinzheim fc. Mit einer 
lithographirten Tafel. Sinzheim 1832. Auf kosten der Gesellschaft, 
55 S. in gr. 8. 

Wir haben schon früher in diesen Jahrbb. Jahrg., 1830. No. 33. 
8. 521. bei Gelegenheit des daselbst angezeigten Werkes des Hrn. 
Stadtpfarrer Wilhelm! über die Germanischen Todeshügel bei 
Sinsheim, der rühmlichen Bestrebungen des in dieser Stadt durch 
die Thätigkcit des Herrn Stadtpfarrers gebildeten Vereins zur Er* 
forschung vaterländischer Denkmale der Vorzeit gedacht, und er- 
greifen gern die sich uns darbietende Gelegenheit, hier einige Nach- 
richt zu geben von der weiteren Thätigkcit des Vereins und seines 
würdigen Vorstehers, von dessen Untersuchungen wir noch weitere 
Aufschlüsse über die in Dunkel gehüllte Vorzeit unserer Gegenden 
zu erwarten haben. Seinem unermüdeten, die Spuren der Römischen, 
wie der Germanischen Zeit verfolgenden Eifer, und seiner Thätigkeit 
insbesondrre verdanken wir die Erscheinung der beiden Jahresbe- 
richte, in welchen uns Derselbe zuvörderst genaue Naehrichten mit- 
theilt über den Aufenthalt der Römer in den Gegenden des Rheins 
und Neckars, über deren Heeresznge und deren Ansiedelungen, so 
weit historische Traditionen und lokale Denkmale, an Ort und Stelle 
gefunden, dies zu bestimmen erlauben. Entscheidend dürften hier 
für die Folge auch die weiter südlich bei Pforzheim entdeckten Rö- 
mischen Niederlassungen werden, deren fortgesetzte Nachgrabung 
noch manches für die Geschichte nicht unersprießliche Resultat zu 
Tage fördern und die Kenntnifs der Römischen Niederlassungen in 
unsern Gegenden nicht wenig aufhellen wird. Aulserdem aber giebt 
uns Hr. Wilhelm i noch weitere Nachricht über die seitdem statt- 
gefundene Aufdeckung mehrerer Grabhügel in der Nähe von Sinz- 
heim, welche iin Ganzen ähnliche Resultate lieferten als die früher 
aufgegrabenen ; ferner über mehrere andere in der Nähe befindliche 
Alterthümer der römischen, wie der germanischen, der heidnischen, 
wie der christlichen Vorzeit. Diese Angaben werden im zweiten Jah- 
resberichte fortgesetzt, welcher unter Anderm merkwürdige Nach- 
richten über die rön^i sehen Gräber enthält, welche kaum eine 
halbe Viertelstunde von den früher geöflneten vierzehn deutschen To- 
deshügeln entfernt sind, ferner einen mit einem Grundrifs beglei- 



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828 Pudor, ober Gothel Iphigcnia. 

teten, ausführlichen Bericht über die Ausgrabung der Fundamente 
eines gröfseren römischen Gebäudes in der Sinzheimer Stadtwaldung 
(durch Hrn. Rechtspraktikant F. Heck mann). In Verbindung damit 
stehen ebenfalls Machrichten über andere im Odenwald entdeckten 
Reste römischer Niederlassungen und Spuren derselben. Ueber diesen 
Nachrichten und Entdeckungen von alt -römischen und heidnischen 
Resten sind aber keineswegs die Denkmale der christlichen Zeit und 
des Mittelalters vernachlässigt worden. Dies zeigt aufser andern 
vielfachen Beweisen, welche wir in den Berichten selber uachzulcscn 
bitten , auch die rühmliche Aufmerksamkeit auf ältere Gerichtsord- 
nungen und Ortsweisthümer, wie dies aus dem zweiten Jahresbericht 
ersichtlich ist.* Hier wird nämlich vorzugsweise mitgetheilt eine sehr 
merkwürdige Urkunde, eine der ältesten vollständigen, schrift- 
lichen Gerichtsordnungen des sechszehnten Jahrhunderts, welche ein 
Hans Pleickcrt Landschade in seinen churpfälzischen Lehensdörfern 
Ober- Aicholsheim und Heidensbach einführte, mitgetheilt durch 
Hrn. Hofr. Heck er zu Eichtersheim. Dem S. 15. von Hrn. Dr. Batt 
ausgesprochenen Wunsche einer speciellcn Charte dieser Gegend des 
Odenwaldes, auf welcher die Niederlassungen der Römer, ihre Strafsen- 
und Heereszüge und dergl. m. genau angegeben seyen , wünschen wir 
baldige Ausführung. Wir hoffen , diese wenigen Mittheilungen und 
Andeutungen aus dem reichen Inhalt dieser beiden Jahresberichte 
werden genügen, um unsern Lesern von dem Zweck der Gesellschaft, 
ihren Bestrebungen und der Bedeutung der bereits gewonnenen Re- 
sultate einen Begriff zu geben , und damit zu Fortsetzung des so 
rühmlich Begonnenen aufzufordern. Wir zweifeln nicht, dafs ihre 
Bemühungen mit dem besten Erfolg gekrönt werden und unsere Er- 
wartungen , das Dunkel , welches bisher die frühere Geschichte un- 
serer Gegenden umgab, erhellt zu sehen, nicht unerfüllt bleiben. 

Chr. Bahr. 



Ueber Göthe's Iphigcnia, ein ästhetisch - literarischer Versucht als 
Beitrag zu Vorstudien über Göthe , von Ka rl Heinrich Pudor. 
VIII u. 164 & 8. Marienwerder, bei Baumann, (brosch.) 

„So lange noch Geschmack und Freude am höhern Schönen 
und Erhabenen ein Erbtheil des deutschen Gern üthes ist, so lange 
wird auch Iphigcnia auf Tauris, in deutscher Znnge vernommen, 
durch die inwohnende Schönheit und durch den Ausdruck der erha- 
bensten Ideen des ^Menschengeistcs unvergänglich seyn." Erkennt 
man diese Worte des Verfs. an, so liegt darin auch die Anerkennung 
der Absicht seines Buches. Indem wir diese Anerkennung voraus- 
setzen , und voraussetzen müssen, weil ja das Schöne und seine 



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Potior, über Göthe's Iphigenie. 82<f 

Noth wendigkeit für das menschliche Lebeo nicht bewiesen nnd ge- 
lehrt werden kann, sondern in dem freien Menschengemüthe als ein 
ursprüngliches, lebendiges Wissen sich entfaltet — also unter solcher 
Voraussetzung sehen wir nur darauf, wie unser Verf. seinem Zwecke 
nachgegangen ist, „mit Innigkeit nach dem veredelten Urbilde eines 
Rhapsoden gestrebt zu haben, um auch an seinem Theile einen Weg 
bahnen zu helfen, auf welchem das volle Verständnis der großar- 
tigen Denkmale unserer Literatur dem gebildeten Leser erleichtert, 
und so die reine Flamme der Bewunderung und Liebe für alles hei- 
mische Schone, Grofsc und Edle genährt werden." (S. 14) 

In der Einleitung spricht er erfreuliche und anregende Worte 
über die Notwendigkeit , bei unserer gelehrten Schulbildung die 
Muttersprache nicht zu vernachlässigen, sondern sie vielmehr zu 
einem Hauptgegenstande des Unterrichts zu machen. „Die gelehrte 
Welt, so wie die deutschen Erziehungs- und Unterrichtsbehörden 
haben diesen Gegenstand einer vorzüglichen Beachtuag gewürdigt, 
und noch unlängst hat sich die höchste preufsische Aufsichtsbehörde, 
vielleicht zugleich durch die Wahrnehmung geleitet» dafs durch das 
hereingedrungene, neualexandrinische Zeitalter die heitern, freien, 
produetiven Anlagen, erdrückt zu werden, in Gefahr sind, darüber so 
weise und umsichtig, als nachdrücklich ausgesprochen, dafs man in 
den Ergebnissen des deutschen Sprachunterrichts, insbesondere in den 
deutschen Aufsätzen der für die Hochschule geprüften Jünglinge 
die Geistesblüthe der Jugend und die Stufe ihrer Ge- 
sammtbildung wahrnehmen möge." (S. 5.) Möchte doch „die ge- 
lehrte Welt" überall im Vaterlande jenen weisen, umsichtigen und 
nachdrücklichen Ausspruch der hohen preußischen Behörde beher- 
zigen ! Was Hr. P. zugleich dabei über den Unterricht im Altdeut- 
schen sagt, billigen wir gänzlich. Ohne uns jedoch länger bei der 
Einleitung aufzuhalten, gehen wir jetzt gleich zur eigentlichen Un- 
tersuchung über. Sollen wir nun von dieser ein allgemeines Urtheil 
fällen; so ist es dahin auszusprechen, dafs die Untersuchung, hin- 
sichtlich desjenigen, was sie wirklich giebt, noch gar Manches wün- 
schen läfst, jedoch hinsichtlich der Subjectivität , aus welcher sie 
hervorgeht, eine anerkennende Zuneigung ansprechen kann. Natürlich 
geht hieraus hervor, dafs in ersterer Hinsicht auch manches Schätz- 
bare gegeben wird. Eben weil wir dem geistreichen Verf. in letzterer 
Hinsicht freundlich entgegen zu kommen haben, sprechen wir unsem 
unbefangenen Tadel ans. Um dieses allgemeine Urtheil zu begrün- 
den, gehen wir jetzt genauer in die Betrachtung des Geleisteten ein, ' 
uud da finden wir denn zuerst, dafs sich der Verf. die Totalan- 
schauung dieses köstlichen Gedichts nicht bestimmt genug verdeut- 
licht hat, um eine selbstständige Einsicht zu gewinnen, und nun 
diese Einsicht der Art vor uns zu entwickeln, dafs dieses schöne Le- 
bensbild mit allen seinen großartigen Hintergründen sich als eine 

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830 Pudor, über Göthe's Iphigenie. 

höhere, idealische Welt vor uns entfaltet, und die Figuren de« Bildes 

als Bewohner jener ewigen, in sich begründeten Welt sich kund 
geben, so dal« jede einzelne Person nicht blos mitleidend erscheint 
an einer von verschiedenen Personen gebildeten Handlang, sondern 
zugleich mitwirkt, dar» ein vollständiges Bild jenes höbern Lebens 
sich in unserer Phantasie darstellt. Dies letztere ist es vorzüglich, 
was der Verf. vernachlässigt hat. Denn gerade das ist das Eigen- 
thfuuliche dieses Drama's, dafs es sieh vor dem Hintergrunde eines 
grofsartigen und reichen Lebens bewegt, indem zugleich dieser Hin- 
tergrund durch die auftretenden Personen selbst gleichsam in den 
Vordergrund gezogen wird, und sich da als mitwirkende höhere 
Mächte zeigt. Dieser Hintergrund besteht ans dem Walten der Götter, 
Griechenland und dem Volke des Thons. Um dies deutlicher einzu- 
sehen, und zugleich den dem Verf. gemachten Vorwurf zu rechtfer- 
tigen, wenden wir uns jetzt zu einigen Personen des Drama, in so- 
fern sie nämlich als von dem Verf. schon Charakter isirt zu beur- 
theilen sind. 

Bei dem Charakter der Iphigenie ist nicht bedeutend genng dar- 
gelegt, wie durch dieselbe eine religiöse, und darum acht historische 
Idee zur poetischen Anschauung gelangt, nämlich die Erlösung eines 
alten, grofsartigen Geschlechts vom schweren, selbstverschuldeten 
Schicksale. Diese Entführung wird durch Iphigenien vollbracht, 
einmal dadurch, dafs sie ferngehalten wird aus der heimischen Le- 
bensweise ihres Geschlechts, der nach notwendigen Gesetzen den 
Daseyns selber, die auch kein Gott ändern kann, eine uaheilerzeu- 
gende Gestaltung angenommen hat, und zweitens, dafs. es ihr eben 
dadurch möglich wird, mit höchster Reinheit des Gemüthes und 
daraus hervorgehendem unbedingten Vertrauen zu den Göltern den 
Fluch auszulöschen, den Tantals Enkel „mit vollen, wilden Händen 
ausgesä't." Indem sie nun das Selbslbewufstseyn dieser ihrer Be- 
stimmung hat, welches eben nur in dem unbedingten Vertrauen zu 
den Göttern beruht, bildet sie so den schönen Mittelpunkt des Ganzen. 
Dies hat der Hr. Verf. nicht bestimmt genug hervorgehoben. Sie ist 
durchaus mehr als eine edle Jungfrau, die der Neigung ihres reinen 
Herzens folgt, sondern aie ist die von der Göttin auserwählte Prie- 
sterin, die anerkennt, dafs die Göttin etwas Höheres mit ibr vor- 
habe. Auch Thons und Arkas sehen immer aur das Weib in ihr, 
und können {sieh daher manches in ihrem Betragen nur ala Stein, 
Eigensinn , weibliche Schwäche erklären. Hierin liegt besonders eine 
Schönheit des Gedichtes, die hier weiter auseinander zu seinen, es 
uns nn Raum fehlt. — Wir wollen nur noch bemerken, dafs der 
Hr. Verf. auch ans innere Verhältnis des Arkas zu dem ganzen Ge- 
dichte nicht vollständig aufgefaßt hat. Gerade durch Arkas kommt 
ein bedeutendes Moment in das das ganze Gemälde hinein, näm- 
lich der Blick nuf das Scvthische Volk, durch welchen gewaltig 



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Fremd Wörterbach von J. Ch. A. Heyee. 6te Ausg. 881 



wirkenden Hintergrund besonders die Gestalt der Iphigenie und 
die de« Thons hervorgehoben wird. Hierbei zugleich Arkas viel edler 
geholten als Thoos, worin sich auch wieder die Besonnenheit des 
Dichters zeigt. Wir machen Hrn. P. nur auf folgende Worte des 
Arkas aufmerksam : 

Des Königs aufgebrachter Sinn allein 
Bereitet diesen Fremden bitte rn Tod 
Das Heer entwöhnte längst von harten Opfer 
Und von dem blut'gen Dienste sein Gemüth. 
(IV. Aufz. 2. Auftritt.) 

^Wie konnte der Hr. Verf. sagen, dafe das Murren des Volks die 
Erneuerung der alten, blutigen Fremdenopfer verlange? 

Gern gingen wir noch weiter in der Betrachtung über vorlie- 
gendes Buch , wenn wir nicht die Grenzen einer Uecension zu uber- 
schreiten fürchteten. Möchte Hr. P. dies durch unsere Keccnsion 
Angedeutete nicht ganz »einer Beachtung unwerth halten, wenn er 
einen zweiten Theil bearbeiten sollte , zu dessen Herausgabe wir ihn 
aufmuntern. Allem Anschein nach war ihm folgendes Buch nicht 
bekannt: „Kleine Abhandlungen, die Poesie und Kunst betreffend 
von J. D. Falk. Weimar 1803." 

Dr. Aug. Ernst Umbreit. 



Allgemeines Fremdwörterbuch oder Handbuch zum Verstehen 
und Vermeiden der in unserer Sprache mehr oder minder gebräuch- 
lichen fremden Ausdrücke, mit Bezeichnung der Aussprache, der 
Betonung und der nöthigsten Erklärung von Dr. Joh. Christ. 
Aug. Heyse, weil. Schuldirector zu Magdeburg und Mitglied der 
Gelehrten- Vereine für deutsche Sprache zu Berlin und Frankfurt 
am Main. Erste Abtheilung. Von A bis l. Zweite Abtheilung 
von Kbis Z. Hebst einem Nach trage. Sechste rech t mäßige , sehr 
vermehrte und verbesserte Ausgabe. Hannover 1833. Im Verlag 
der Hahn'schen Hofbuchhandlung. XVII u. 444 und 446 S. in g r . 8. 

Wir können unser in diesen Jahrbb. 1828. No. 56. p. 895 ff, 
bei Anzeige der fünftea Ausgabe ausgesprochenes Urtherl über die 
Vollständigkeit, Zweckmäßigkeit und Gründlichkeit dieses Wörter- 
buchs , welchem kein anderes in dieser Hinsicht an die Seite gestellt 
werden kann, nur wiederholen, zumal da diese Vorzüge bei der 
sechsten, vorliegenden Ausgabe noch mehr hervortreten. Leider über- 
eilte ein für die Wissenschaft zu früher Tod den thätigen Verfasser, 
bald nach der Vollendung der fünften Ausgabe, ehe er noch Hand 
an die neue sechste legen konnte, deren Erscheinen wir der Thä- 
tigkeit seines gelehrten Sohns, des Professors Heyse zu Berlin, ver- 
danken , welchem mit dem übrigen Nachlaß des verstorbenen Vaters 



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832 Fremdwörterbuch von J. Ch. A. Heysc. 6te Ausg. 



auch die S#rge für dieses Werk zufiel, und der es als eine Pflicht 
der Pietät betrachtete, sich demselben mit allem Fleils und Eifer zu 
widmen. „Ueberzeugt," so sagt Derselbe in der Vorrede S. XVI, 
„dafs unbedingte Vollendung bei Werken der Art unerreichbar ist, 
lieft ich mich durch die ungemein gunstige Aufnahme der früheren 
Ausgaben und den hinlänglich gesicherten Ruf des Buches in dem 
Streben nach fortwährender Vervollkommnung nicht aufhalten und 
scheute keine Muhe, sowohl durch Bereicherung, als durch Berich- 
tigung den Werth des Buches noch zu erhöhen." 

Als Beleg dieser Aeufserung und unseres eignen Urtheils wollen 
wir nur den einen Umstand anführen, dafs blos in der ersten Ab- 
theilung der neuen sechsten Ausgabe an f ünf ze hnh an dert, in der 
zweiten (ohne die in dem Nachtrag enthaltenen) über 2250, also im 
Ganzen über 3100, oder richtiger an viertausend neue Wörter in 
Allem aus den verschiedensten Gebieten des Lebens, der Wissenschaft 
und Kunst hinzugekommen sind ! Aber wir müssen auch weiter be- 
merken, wie der ganze Inhält des Buchs einer genauen und sorgfäl- 
tigen Revision von Wort zu Wort unterworfen worden ist; die Be- 
weise liegen auf jeder Seite des Buchs vor. So sind manche Irrtbü- 
mer, die in den früheren Ausgaben sich eingeschlichen hatten, 
beseitigt, Manches in der Orthographie, so wie in Angabe der Quan- 
tität, des Geschlechts und dcrgl. m. berichtigt und vervollständigt, 
und dadurch iler innere Gehalt des Buchs, neben seiner möglichsten 
Vollständigkeit, nicht wenig erhöht worden. Aus diesen Gründen 
zweifeln wir nicht, dafs auch dieser neuen Ausgabe der verdiente 
Beifall in noch höherem Grade zu Theil werde, als dies bei den 
früheren Ausgaben der Fall war, und dafs die mühevolle Arbeit des 
Herausgebers die gebührende Anerkennung finden werde, zumal da 
auch seinerseits der Verleger keine Mühe gescheut hat, durch eine 
angemessene äufsere Ausstattung billige Wünsche zu befriedigen und 
daher auch, wenn man Umfang und Gehalt des Werkes bedenkt, einen 
gewifs höchst billigen Preis, um die Anschaffung zu erleichtern und 
die Verbreitung zu fördern, festgestellt hat. Noch bemerken wir, 
dafs wir von demselben Herausgeber ein zunächst für den ächtdeut- 
schen Sprachschatz bestimmtes Handwörterbuch der deut- 
schen Sprache zu erwarten haben, das, nach einem schon mit 
dem Vater gemeinschaftlich verabredeten Plane 
ausgeführt werden soll. 



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!V 0 . 53. MEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 

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» 

Der Apostel Paulus. Erster Theil oder chronologische Be- 
merkungen über das Leben des Apostels Paulus. Von 
Karl Schräder. Lcipz. 1830. IV u. 264 S. mit zwei Charten. 

Schon als Mitglied des theolog. Seminars zu Bonn 
1821. wurde der Verf. zu chronologischen Bemerkungen 
über das Leben des Apostels Paulus veranlagt und seine 
Arbeit als Preisschrift gekrönt. Davon gingen in der 
Folge seine weiteren Untersuchungen Qber Leben und 
Lehrart des Apostels aus. Und welcher Gegenstand aus 
der Geschichte des Urchristenthums ist, neben der Ge- 
schichte Jesu selbst, wichtiger, als ein heiteres Forschen 
über den Mann, welcher das Christenthum der jüdischen 
Apostel, die so bald wieder der ceremoniöseren , auf 
Weltbezwingung hoffenden Theokratie anhänglicher sich 
bewiesen, aus der sektenartigen Abhängigkeit vom Ju- 
denthum herausarbeitete und auf die höheren Grundsätze 
der von Satzungen freien Ueberzeugungstreue, d. i. auf 
den Geist Jesu, zurückführte? Durch seine uneigen- 
nützige , rastlose und kluge Thätigkeit war ja dieser 
Apostel das Organ der Vorsehung, welches durch Be- 
freiung der christlichen Religiosität vom pharisäischen 
Ceremoniendienst und durch Hinweisung auf das überall 
mögliche Gottverehren durch geistiges Rechtwollen, 
durch Stxaioavvrj ex iturreQQ, die Möglichkeit zeigte, 
wie die christliche Religion eine universale seyn kann, 
wenn sie sich nicht weder durch theologische Metaphysik 
noch durch kirchliche Herrschsucht in ausschliefsende 
Meinungsgesellschaften und Kirchenparthien verwandeln 
läfst. 

Der Verf., gegenwärtig evangelischer Prediger zu 
Hörste bei Bielefeld in der Grafschaft Ravensberg, hat 
diesen hohen Zweck seiner Forschungen tief empfunden. 
Er beweist nebst der für die Aufgabe npthigen Gelehr- 
samkeit und vorurtheilsfreien Forschungslust eine lebhafte 
Begeisterung für die Hauptsachen, welche auch seinen 

XXVI. Jahr&. ». Heft. 53 



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334 Karl Schräder, über die Chronologie 

Ausdruck so hebt, dafs Licht uud Wärme darin vereinigt 
sind, wodurch Er entweder bei einer aufgeklärt religiösen 
Gemeinde oder zur akademischen Ausbildung gründlich 
beredter Religionslehrer vorzüglich zu wirken fähig 
seyn wird. 

Während dies der Eindruck ist, welchen sein Werk 
im Ganzen auf den Ree. gemacht hat, erlaube ich mir, 
ohne irgend von dieser günstigen Beurtheilung etwas zu- 
rückzunehmen , um der Sache selbst willen bei einsehen 
Stellen einige Bemerkungen , welche ich für Berichti- 
gungen halte. 

Sehr zweckmäfsig ist's, dafs der Verf. zuerst die 
chronologischen Data und Beweisstellen über die Folge 
der Hohenpriester, der Könige und der römischen Statt- 
halter in Judäa nebst der Zeitfolge der Imperatoren bis 
Nero, noch ohne unmittelbare Anwendung auf die Le- 
bensgeschichte des Apostels, S. 1 — 35. vorausschickte 
und festzustellen suchte. Dafs S. 4. die Zerstörung Je- 
rusalems auf den September 71. statt 70. gesetzt wird, 
ist wahrscheinlich nur Druckfehler *) und ohne Einflufs 
auf das Leben des Apostels. 



♦) Hr. Repetent Göschen zu Göttingen macht hierüber in seinen 
„Bemerkungen zur Chronologie des N. Test." (s. theol. Stadien. 
1831. Heft 4.) S. 730 — 32. eine weitläufige, an sich richtige, 
aber wahrscheinlich für Hrn. Schräder ganz entbehrliche Be- 
richtigung., — Ich habe bei dieser Gelegenheit über jene Be- 
merkungen' auch einige auf Meine chronologische Forschun- 
gen sich beziehende Bemerkungen beizusetzen. 

1) Weifs ich nicht, warum in der „Vergleichenden Tabelle 
über die Chronologie des N. T." S. 706. neben 23 angeführten 
andern Berechnungen gerade Meine Untersuchungen übergangen 
sind. Mein Commentar war 1800 — 1803. nach langer Zeit das 
erste Werk, wo alle die Chronologie der Evangelien betref- 
fende Momente neu und ausführlich untersucht wurden. Die 
genau entwickelten Resultate hätten um so mehr in die Tabelle 
eingetragen werden sollen, weil alle dort von No. 10 bis 23. 
folgende Untersuchungen sich selbst mehr oder minder aof die 
Meinigen bezogen haben. Einen nicht allzu gewöhnlichen Grad 
▼on Gründlichkeit und Sachstudium wagen ihnen auch Diejenige 



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im Leben des Apost. Paula«. 835 

Dafs nach S. 15. Herodes I. lux J. 3. ante Chr. mt 
oder vor Anfang- der aera Dyonishma et vulgaris und 

nicht abzusprechen, welche dergleichen mühsame Ausübungen 
der historischen Interpretation als Bemühungen für das Nie- 
dere, nämlich für die Wirklichkeit, beschrieben, während sie, , 
freilich viel leichter, in'« Höhere und Tiefere phantastischer 
Meinungen über das Ueberm enschliche und Unsichtbare über- 
fliegen oder untersinken. 

2) Selbst die bedeutenden Nachträge zu den chronologischen 
Untersuchungen des Commentars und deren Ausdehnung auf die 
Apostelzeit, wie ich sie im 1. Thcil Meines exegetischen Hand- 
buchs (als neuer Bearbeitung des Commentars) gegeben habe, 
hätte wohl der neue Untersuchet zu berücksichtigen Ursache 
genug gehabt, da sie schon 1830* herausgekommen sind und 
anderwärts nicht versuchte, vielseitige Combinationen über diese 
ganze Reihe der urchristlichen Zeitverhältnisse enthalten , die 
mit denen von Bengel, Vogel und Süfskind verglichen, zu 
einer fast unerwarteten Uebereinstimmung über die Hauptpunkte 
nahe hinleiten, ßesteht etwa jene andachtvoll erscheinende 
Sentimentalität für das Tiefe darin, dafs mau gerade das gründ- 
licher forschende, weil es das schwerere seyn niufg, ignorirt 
und dem glaubigen Publicum soviel möglich aus den Augen 
rückt? 

3) Nur einmal wird auf Meine Untersuchungen hingedeutet, 
aber so, dafs Hr. G. weder mich noch die Sache richtig gefafst 
hat. S. 705. schreibt Er: Da nun Süskind mit Dr. Paulus 
von der (s. Idelers Handb. der Chronol. Th. 2. S. 47 ff. 145 ff. 
173- Anm.) nachweisbar falschen Ansicht ausgeht« 
dafs die Jahre der Stadt [ = ab Urbe Cond."] auch da- 
mals noch jedesmal mit dem Fest der Palilien, d. h. 
dem 21. April, begonnen hätten, so folgt" . . . Die 
Sache ist: a) der Jahre ab Urbe Condita wurden zwar meh- 
rere oder wenigere angenommen, aber ihr Anfang war, oh 
man nach Varro, Pltnius 8, 7. u. A. oder nach den Fastis Ca- 
pitolin. oder nach Dionys, von Halik. zählt, immer das Früh- 
lingsfest der Palilien. (s. Riccioli Chronologia reform. T. I. 
L. IV. e. 2. fol. 152 auch Idelers Lehrb. d. Chronol. S. 280. 
336.) fr) Davon mufs der Chronolog nur unterscheiden , dafs 
der Anfang des bürgerlichen Jahrs der Consuln seit 
601. ab U. C. auf den 1. Jan. gesetzt war und daher auch jedes 
Jahr unserer aera Dionys, oder vulgaris mit dem 1. Jan. anfängt. 
Der Af}t Dionysius setzte voraus: Jesus sey den 25. Dec. vor 
dem Anfang seiner aera geboren, konnte aber, da d^e Differenz 



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836 Karl Schräder , über die Chronologie 

zwar kurz vor dem Pascha starb, ist richtig, und es 
bleibt eben deswegen das Paradoxon , dafs Jesus, 



nur wenige Tage betreffe, immer das vom 1. Jan. beginnende 
erste Jahr seiner aera Post Chr. Nat. auch als das erste 
Lebensjahr Jesu geltend raachen. Nur weil wir dagegen 
jetzt nachweisen können, dafs Herodes I. kurz vor dem Pascha 
des Jahres 3. ante annum 1. aerae vulgaris 8. Dionys, starb, 
und Jesus wenigstens 2 bis 3 Monate früher geboren Heyn rnufs, 
ist auch gewifs , dafs (wenn Jesu Geburt nicht noch bedeutend 
weiter von dem Tode des Herodes I. entfernt war — welches 
anzunehmen die bei Ideler im Lehrb. d. Chronol. S. 425. nach 
Keppler und Munter berücksichtigte grofsc Planeten - Con- 
junetion keinen hinreichenden Grund giebt) der dritte annus 
curren8 ante Chr. N. dem ersten laufenden Lebensjahr Jesu 
gleich war, und folglich Jesus im Lauf des 1. annus Dio- 
nys, post Chr. A\ schon vierjährig wurde, c) In diese Be- 
rechnung aber hat bei mir nur die aera Olympiadum einigen 
Einflufs. Hr. G. irrt deswegen sehr, wenn er meint, dars es 
Meine Ansicht stören könnte, gesetzt, dafs die Palilien nicht 
immer der Anfang der Jahre ab Urbe Cond, gewesen wären. 
Für Meine Data würde davon nichts Bedeutendes abhängig 
seyn. d) Endlich klagt Hr. G. ganz ohne Noth , wie wenn Süfs- 
kind (oder ich, oder irgend ein Sachverständiger) unsre jetzt 
gewöhnliche aera Dion ys. verdrängen wollte. Nur in den Zeiten 
des Urchristenthums , wenn wir manches andere Gleichzeitige 
damit zu vergleichen haben (z. B. wenn zu fragen ist, wie 
alt Jesus im I5ten Regierungsjahr des Tiberius war?/oder mit 
welchem Jakr die Apostelzeit beginne? wann Pauli Bekehrung 
geschehen seyn könne? und dergl), ist es noth wendig, wohl 
daran zu denken , dafs Jesus im Lauf des 1. ann. Dion» schon 
vierjährig, also während des 21. Jahrs unserer aera schon 
dreifsigjährig geworden ist, dafs also die Apostelzeit im 31. 
(nicht im 33.) a. aerae Dion. anfing, folglich zum Beispiel der 
Tod des Agrippa (Apg. 12.), da er in's J. 44. Dion. fiel, nach 
dem 13ten Ostern der Apostelzeit erfolgt ist, wo also, da Paulas 
und Barnabas über den Versuch , Heidenapostel zu seyn , die 
Judenbekehrung aber den jüdischen Aposteln zu überlassen , 
sich mit Diesen nach Gal. 2, 9. vereinigt hatten, das 14te Jahr 
seit Jesu Auferstehung begonnen hatte, e) Während demnach 
alle dergleichen Zeitangaben gar wohl immer auf den pa- 
rallelen annus Dionys, zu reduciren sind, so vergessen 
die Exegeten und die Lehrer der Geschichte des Urchristen- 
thums nur gar zu oft , dafs für die dem Urchristenthum eigen - 



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im Leben des Apost Paulus. 83? 

welcher wenigstens etliche Monate vor dem Tode des 
Herodes geboren seyn mufs im Jahr 3. ante Chr. 
na tum geboren ist. Dafs aber in dieses Jahr 3. der 
dionysischen Aera gar keine zu Jerusalem sichtbare N 
Mondseklipse fiel, ist indefs durch die astronomischen 
Untersuchungen von (dem kürzlich verstorbenen) Prof. 
Wurm zu Stuttgart entschieden und im Bengel'schen Ar- 
chiv 2. Bds, 1. St. S. 34. bekannt gemacht worden. Die 
im J. 4. ante Chr. iV. zu Jerusalem in der Nacht vom 
12ten zum 13ten März sichtbar gewesene partielle Monds- 
finsternifs darf uns aber dennoch nicht bewegen , den Tod 
des Herodes I. um Ein Jahr früher zu setzen; wie Ide- 
lers Lehrbuch der Chronologie (Berlin 1331.) S. 423. 
deswegen annimmt, dafs unsere aera mindestens vier 
Jahre zu wenig zähle. 

In dieser Beziehung habe ich im 1. Theil Meines 
exegetischen Handbuchs über die 3 ersten Evangelien 
(Heidelberg 1830.) S. 256, noch vollständiger als 1803. 



thümliche Begebenheiten der wirkliche nnd wahre Synchronis- 
mus immer in einem Jahr zn suchen ist, welches um 3. über 
das Dionysische hinaus läuft, das heilst, dafs, z. B. was im 
a. Dion. 44. geschah, eigentlich im 47. Jahr nach Jesu Geburt, . 
und theils im I3ten, theils im 14. Jahr nach seinem Tod ge- 
schehen ist, da die erste Ostern (= Auferstehungstag) nach 
dem Pascha des 34sten Lebensjahres Jesu eintraten. 

4) Hr. G. drückt sich S. 707. sehr unrichtig aus , wenn Er 
schreibt: „Ich rechne die Jahre Roms vom 1. Jan. bis zum 
31, Dec." Nicht die Jahre der Stadt können so gerechnet 
werden, aber das Jahr der Consuln und das von Julius 
Cäsar verbesserte lief vom 1. Jan. S. Idelcrs Lehrbuch 
S. 328. 338. 

5) Ueberhaupt ist nach der Natur der Sache unmöglich, 
dafs, wie S. 710. annimmt, ein Chronolog, s. B. Eusebius, ver- 
schiedene aeras „trotz ihrer ursprünglichen Verschiedenheit 
mit einem und ebendemselben Datum beginnen und 
schliefscn lasse." Wer kann gegen das Ursprüngliche? Man 
kann nur sagen, in dem vom 1. Jan. beginnenden ann. Dion. 40. 
ante Chr. N. beginnt die 185. Olympiade, aber erst im August, 
nicht im Januar. Auch sind Eusebius und Hieronymus in 
diesen Fragen Berechener, nie wir, keineswegs aber Zeugen. 



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838 Karl Schräder, über die Chronologie 

in der 2. Ausgabe des Commentars, gezeigt, dafs deir- 
' . noch Herodes I. in dem durch viele andere Data genau 
bezeichneten annus dionysianus 3. gestorben ist und nur 
seine Krankheit noch von der Zeit jener Mondsfinstemifs 
an (s. Jo.s Archaeol. IT, 6. 4.) bis in die Nähe des 
Pascha, welches in das wirkliche Geburtsjahr Jesu fiel, 
gedauert hat. Diese zuverlässige Unterscheidung zwi- 
schen dem wirklichen Anfang des Lebens Jesu und unsrer 
gewöhnlichen, erst vom Abt Dionysius (seit a. 525.) mit 
einem Fehler von 3 Jahren gangbar gemachten Zeitrech- 
nung hat zwar in der weiteren Zeitentfernung keinen be- 
deutenden Einflufs, ändert aber doch in jener Zeitnähe 
vielerlei sonst gewöhnlich angenommene Synchronismen. 
Ich habe deswegen keine Mühe gespart, um durch Ver- 
gleichung verschiedener Data im exegetischen Handbuch 
noch weit vollständiger, als ehedem in Meinem Com- 
mentar, zu zeigen, dafs das dritte Messiaspa*scha , an 
welchem Jesus gekreuzigt wurde, zwar in das 34ste Le- 
bensjahr Jesu fällt, diesem aber doch nur das 31ste Jahr 
der aera Dionysiana parallel ist. Auch die Päbste, 
welche seit Pelagius IL ( = a. 578 — 590.) nach In- 
dictionen zählen, beginnen diesen Indictionen-Cyklus vom 
1. Jan. anni 3. vor Christi Geburt, und da die Geburt Jesu 
wenigstens um Ein Paar Monate früher als Herodes des I. 
Tod erfolgt seyn mufs , so rückt der Anfang des Lebens 
Jesu ziemlich nahe an den 1. Jan., als den Anfang des 
Dionysischen Jahrs. 

Nothwendig hat nun diese Berechnung , dafs die 
Kreuzigung und die Auferstehung Jesu als der Anfang 
dar apostolischen Zeit auf Ostern 31. unserer Zeitzählung 
und nicht, wie gewöhnlich, auf 33. oder 34. anni Dion. 
zu setzen ist, auch bedeutenden Einflufs auf die wahr- 
scheinlichste Beantwortung der Frage : wie bald Pau- 
lus zum Christenthum übergegangen seyn 
könne? Verständiger Weise reduciren wir jede andere 
Zeitangabe, auf unsere kirchlich und politisch allgemein 
reeipirte aera, welche aufser Gebrauch setzen zu wollen 
keinem Exegeten einfällt. Dennoch muffr, wer in der 



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im Leben des Apost Paulus. 839 



ersten Geschichte des Christenthums das Gleichzeitige 
richtig vergleichen will, immer daran denken, dafs Jesu 
Leben um 3 Jahre früher als unser Kalenderjahr ange- 
fangen hat | dafs also Jesus nicht im arm. Dion. 30. auch 
nur 30 Jahre alt war, dafs die Wiederbelebung Jesu, 
der Anfang der Apostelzeit, die Bekehrung Pauli u. s. w. 
früher fielen , als man gewöhnlich rechnet u. s. w. 

Der Verf. wurde, nach S.31, über diese Fragen zum 
Voraus in eine unrichtige Bestimmung verwickelt, weil 
er sich durch eine Stelle des Josephus, Archäol. 18, 6. 8. 
(S. 625. Kölner Ausg.) zu der Voraussetzung bestimmen 
liefs, dafs Herodes Antipas seinen unglücklichen Krieg 
mit dem Araber- König Aretas erst, nachdem so 
eben der Tetrarch Philippus gestorben war, 
unternommen habe. Der Tod des Philippus, welcher 
nach Herodes I. Tod , also nach dem Pascha des Jahrs , 
in welchem Jesus schon geboren war, Regent der Bata- 
näischen Tetrarchie wurde, fallt nach der Angabe hei 
Josephus in sein 37. Regierungsjahr, zugleich aber in 
das 20. Regierungsjahr des Tiberius. Dieses endigte 
mit dem 19. August. Deswegen mufs Philippus zwischen 
dem April und August des annus Dien. 34. (oder 3 Jahre 
nach Jesu Kreuzigung) gestorben seyn. 

Josephus nun (Arch. 18, % 8. 626.) erzählt die 
ganze Geschichte der Herodias allerdings erst, nach- 
dem er den Tod des Tetrarch Philipps nach jenen 
richtigen Bestimmungen angegeben hat Auch macht 
Josephus den Uebergang von der Nachricht über das 
Ende der Regierung des auch aus dem N. T. vorteilhaft 
bekannten Tetrarch Philippus zu der Geschichte der He- 
rodias durch die Formel i 9 Ev tovt<$ Se ardaia^ovaiv 
ApfiTccs 6 7t€T()<uo£ ßaaiXevg (Vater der ersten Frau des 
Herodes Antipas) xou'HQadrig (Antipater berüchtigt wegen 
deren Verstofsung und der Heirath mit Herodias, der Mör- 
derin Johannes des Täufers). Verfehlt aber ist dennoch 
die Zeitbestimmung, indem der Verf. folgerte , der Ueber- 
gang der Herodias zu dem Tetrarch Antipas in Galiläa 



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640 Karl Schräder, über die Chronologie 

müsse nach dem Tode des Philippus erfolgt seyn, da 
Joseph us vielmehr nur den ganzen Verlauf der Geschichte 
der Herodias, wie er sich von der Zeit des Verliebt- 
werdens bis zum Tode des Imperator Tiberius fort ent- 
wickelte, mit einem Mal zusammenfaßt, sein iv tovtq 
aber bei einem Geschichtschreiber, der nicht annalistisch 
erzählt, nur den allgemeineren Sinn : tv tovto sc. xqovq 
e= in diesem Zeitraum, ausdrückt Hätte der Krieg 
wegen der Herodias nach dem Tode des Philippus , also 
in der zweiten Hälfte des a. Dion. 34, begonnen, so 
müfste freilich der Täufer Johannes , welcher durch Mifs- 
billigung ihres Uebergangs aus der Ehe mit dem ärmeren, 
in die mit dem reicheren, über Galiläa und Peräa regie- 
renden Bruder, sich den Hafs der Herodias spätestens 
im a. Dion. 33. zugezogen haben und im Jahr 34. ent- 
hauptet worden seyn. Daraus folgert der Verf., dafs 
die Kreuzigung Jesu nicht früher, als um das Pascha 
anni Dion 35. erfolgt seyn könne. Eben dadurch wird 
. die Möglichkeit der Bekehrung des Saulus noch viel 
weiter hinausgerückt und der' Verf. auch veranlafst, zu 
behaupten, dafs Paulus, welcher bei dem Tode des 
Stephanus veaviag genannt wird, damals erst noch ein 
junger Mensch von ungefähr 20 Jahren gewesen sey. 

Dagegen würde für mich die nächste Bedenklichkeit 
diese seyn, dafs einem pharisäischen Lehrjünger, dessen 
Alter von dem gewöhnlichen Alter eines Rabbioen noch 
so weit entfernt gewesen wäre, schwerlich jene grofee 
Vollmachten nach Damaskus von den Hohenpriestern 
hätten anvertraut werden können. Noch entscheidender 
aber ist dagegen, dafs Jesu Geburtsjahr zuverlässig vor 
dem Tod Herodes des I. , also um 3 Jahre früher ist, 
als annus 1. Dionys, post Chr. iV. Dafs Jesus, als Er 
sich taufen liefs, ungefähr 30 Jahre alt war (sein 
31stes Lebensjahr z=z dem a. Dion. 28. so eben geendigt 
hatte), und dafs Er am dritten Pascha nach diesem An- 
fang, schon im a. Dion. 31. gekreuzigt wurde. Die Ent- 
hauptung des Täufers, welche nach dem zweiten Mes- 
ftiaspascha Jesu erfolgte, fiel demnach in den a. Dion. 30. 



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i in Leben des Apost. Paulus. 841 

» 

oder in das 33ste Lebensjahr Jesu ; die Apostelzeit aber 
begann mit den ersten Ostern, im Elsten a. Dionys. , so 
dafs die Umwandlung des Saulus in einen Verehrer Jesu 
als des geistig wahren, eine Universalreligion möglich 
machenden idealischen Messias schon im Lauf des a. 
Dion. 31. oder 32. geschehen seyn kann. 

Nach meinen weiteren Untersuchungen gestaltet sich 
das Verhältnifs von Herodes Antipas zur He- 
rodias und zum Täufer Johannes, zugleich auch 
das des Aretas zur Stadt Damaskus im dritten 
Jahr nach Saulus Bekehrung, Apostg. 9, 23. 
2 Kor. 11, 32. — wenn wir Arch. 18, 5, 1 — 4. ge- 
nauer und mit Mensch enkenntnifs erwägen — so, dafs 
des Täufers und des Apostels Paulus Lebensgeschichte 
einige aufklärende Data daraus erhält, welche die Unter- 
suchung belohnen und mich hier zu Mittheilungen der- 
selben veranlassen. 

Herodes Antipas, der jüngste Sohn Herodes des I., 
vpn einer Samariterin Marthake (Arch. 17, 1. S. 584. 
17, 12. S. 605. 17, 8. S. 595. — hatte des Araber-Kö- 
nigs, Aretas, Tochter %qovov rjdn noXvv geheirathet, 
ehe er eine gewisse, hier wirksam werdende Reise nach 
Rom machte (nicht etwa die uuter Augustus, um Te- 
trarch zu werden, sondern eine viel spätere, unter Ti- 
berius , um das J. Dion. 28. oder 29.) 

Auf dieser Reise nach Rom = a-vEkXo^Levoq int 
Poprc, „kommt er abwärts" in die Wohnung eines 
„Her.odes, der sein Bruder (Herodes I. Sohn), aber 
nicht von Einerlei Mutter war." = xardy erat 
tv 'HpoSoi;, adeX(pov ovrog ovx öfJLOfxrirgiov sc. ot- 
xiav* (Wo diese oixia war? wird hier nicht bestimmt. 
Nur dafs sie nicht zu Rom war, wird klarer.) 

Bei diesem Besuch wird Er verliebt in Herodias, 
die Frau jenes Herodes (welcher Matth. 14, 3. cpiXtu;- 
jtog genannt wird). Die Herodias ist Tochter des Ari- 
stobulus, eines Bruders jener beiden (Herodes), Schwe- 
ster Agrippas des I. (=z dessen, der späterhin das 



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842 



Karl Schräder, über die Chronologie 



ganze Gebiet Herodes des I. wieder vereinigt bekam). 
Er, Aiitip as, wagt von Heirathen zu sprechen. Sie 
nahm es an. Uebereinkünfte (avr&rixai, vermuthlich 
auch mit ihrem Manne, dem ärmeren) werden gemacht, 
dafs sie in des Tetrarchen Haus übergehen wolle, wann 
Er von Rom her (zurück) gekommen sevn würde. 
Herodias und ihr erster Mann waren demnach damals 
nicht zu Rom. , 

In den Uebereinkünften zwischen den Dreien war 
auch, dafs Antipas die Tochter des Aretas ver- 
stofsen solle (exßaheiv), da Er sie sonst nach jüdi- 
schem Gesetz neben der Herodias zu behalten die Frei- 
heit gehabt hätte. 

„Nun schiffte Antipas nach Rom" = xai 6 
liev üg tt\v Vcoiiriv eitXei , ravra avföepevog. Alles 
dies war also noch vor dem Wegschiffen aus Pa- 
lästina oder Syrien geschehen, so dafs Herodias 
und ihr erster Gemahl dort — wo? — gewohnt haben 
müssen. Wahrscheinlich in Syrien, wo früher (Ärch. 
1H , 12. S. 610.) bei dem Prätor Varus ein Herodes Phi- 
lippus als Privatmann gelebt hat. 

Da Antipas vo.n Rom zurück, also wieder nach 
Syrien und Palästina kam — enave^cogeij meinte er, die 
Araberin wisse noch nichts. (Er hatte also die Herodias 
nicht von Rom mitgebracht!) Diese aber hatte schon 
itvartg (Ausforschung), floh zu ihrem Vater, über die 
Burg Machärus, die „damals ihrem Vater zins- 
bar war" = tot€ tg) %argt avTiiQ ,vnoT*\ii — UQ d 
entdeckte dem Vater ilie Absicht des Antipas (als noch 
nicht vollzogen). 

Aretas fafste nun Feindschaft, begann aber Krieg, 
nicht unter Erklärung, dafs es wegen der Tochter ge- 
schehe, sondern wegen der Grenzen sv tjj 
FafiaXiTidi. Sie schickten argarriyovg gegeneinander 
und paffle yevofjLevrjg , Sucp^apri w*g 6 (TTgazog f Hpo- 
Sov» Dies besonders durch Verrätherei, weil einige aus 
der Tetrarchie des Philippus (aus Batanän u. s. w.) ent- 



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. \ 



im Leben des Apost. Paolos. 843 
flohene in HerodesHeer mitgefochten hatten = cpvyadeg 

Alles zusammengenommen, mufs also diese Flucht 
und des Kriegs Anfang geschehen seyn", ehe die Tochter 
des Aretas verstofsen und Herodes öffentlich an Antipas 
fibergegangen war. Denn wäre dies schon geschehen 
gewesen, so würde der Araber nicht blos Grenzstreitig- 
keiten zur Ursache des Kriegs angegeben haben. 

Wahrscheinlich fiel also der Kriegszug des Antipas 
über den Jordan hin schon in die erste Zeit, als der 
Täufer auftrat Luk. 3, 14. (ins J. Dion. 29.) 

Erst während der Krieg ausbrach, ging Herodias 
öffentlich zum Tetra rch Antipas über. 

Damals, als Johannes dies getadelt hatte und ge- 
fangen genommen wurde , war Machärus wieder 
in des Antipas Gewalt, so dafs Dieser den Täufer 
dort gefangen setzen konnte, a. Dion 30 — 31. Jesu 
S'S — 34. Der Anfang des Kriegs mufs demnach etwas 
früher erfolgt und Machärus dein Araber abgenommen 
worden seyn. 

Nach einer allzu unglücklichen Schlacht mit Aretas 
erbittet Antipas vonTiberius und erhält den Befehl : Vitel- 
lius, der Prätor Syriens, solle den Aretas bekriegen und 
lebend oder todt dem Imperator liefern. (Die Schlacht 
selbst mufs später als des Täufers Hinrichtung im a.Dion. 
30, doch aber so nahe erfolgt seyn, dafs man sie als Gottes 
Strafe wegen der Enthauptung des Täufers deuten konnte.) 

Vitellius (dem Antipas auch sonst nicht geneigt) 
war Endlich mit einer Hauptrüstung gegen den Araber 
(Kleineres mag vorher, um Herodot und Tiberius zu 
befriedigen, geschehen seyn) erst bis Ptolemais und auf 
das grofse Blachfeld ((isyanedtov vorgerückt, als er zu 
Jerusalem des Tiberius Tod erfuhr, also nach 16. März 
3t. Dion. 

Damals also, da Aretas mit Herodes und desseu Be- 
schützer, Tiberius im Krieg war, «rer syrische Prätor 



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844 



Karl Schräder, über die Chronologie 

4 



aber bis 3T. mit dem Krieg wenig, und unter Cajus gar 
keinen Ernst machte, mochte Aretas wohl Damas- 
kus occupirt haben, nämlich 3 — 4 Jahre nach Jesu 
Tod, da Saulus aus Arabien nach Damaskus zurückkam 
und die Juden gerne dort ihn verhaftet hätten. Apg. 9, 20. 
2 Kor. 11, 32. Gal. 1, 17. Die damaskenische Gegend 
hatten früher die Römer zu Antonius und der Kleopatra 
Zeit an Herodes (I.), noch ehe er König wurde, ver- 
pachtet. Arch. 15, 5. S. 518. Leicht kann sie also da- 
mals, da Saulus dort, 3 Jahre nach seiner Bekehrung, 
vom arabischen Ethnarch (!) verhaftet werden sollte, 
an den Araber -König auch verpachtet gewesen seyn. 
Selbst dies, dafs Aretas über Gamalitische Gegenden 
Streitigkeiten mit dem Tetrarch von Galiläa und Peräa 
haben konnte, setzt voraus, dafs der Araber im Nord- 
osten von Peräa (im Damascenischen Arabien) Be- 
sitzungen oder Ansprüche hatte. Denn vom Peträi- 
schen Arabien lag Gamala so weit weg und war durch 
Peräa vom Gebiet des Peträers so abgeschnitten, dafs 
durch Gamala Aretas zum Krieg gegen Antipas keinen 
Vor wand hätte bekommen können, wenn er nicht von 
einer andern, als von der Peträischen und Peräischen 
Seite, nämlich von Damaskus her in einer Beziehung 
auf das Gamalitische gestanden wäre. 

Diese Momente deutlich zu fassen, ist für die neu- 
testamentliche Geschichte und Chronologie bedeutend. 
Aber zugleich läfst sich auch die Frage: Welcher 
Herodes-Philippus denn der erste Mann der 
Herodias gewesen sey? der Entscheidung näher 
bringen und eine Lücke in Josephus Arch. 17, 1. be- 
richtigen. *) 



*) Ich weifs wohl, dafs dergleichen Bemühungen um genaue 
Sachkenntnisse, um die Grundlagen aller historisch - psy- 
chologischen Interpretation , nicht nach dem Zeitgeschmack 
Derer sind, welche alles aus dem religiösen Bewufstscyn und 
der christlich-evangelischen Gesinnung genommen haben wollen 



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I 



im Leben des Apost. Paula«. 845 

Nach Arch. 11, 10. S. 599. war der Tetra rch 
Philippas ein yvyatog adsXcpog (= von Vater und 
Mutter her Bruder) des Archelaus, welchen Au- 
gustus nach dem dritten und letzten Testament Herodes 
desl. zum Ethnarch von Judäa, Samaria u.s.w. machte. 

Herodes Antipas war auch des Archelaus Bruder 
von derselben Mutter, einer Samariterin, Arch. 17,1. 
S. 584, Namens Marthake, Arch. 17, 12. S 605. 

Dennoch sind in Josephus Aufzählung der 9 Frauen 
(welche Herodes I. zu gleicher Zeit hatte) und der Kinder 
derselben Arch. 17, 1, S. 584. nur Aniipas und 
Archelaus, nebst einer Tochter, Olympias, als Kinder 
ebenderselben Mutter, der Samariterin (Marthake) ge- 
nannt. = rjv §£ €v raig yvvai^i xqx rov Zapageeav 
eSvovg (xia* xai naideg av.ry Avrmag xav Ap^eAaoc 
xai ^vyaTiiQ OXv[jimag . . . 

Hier mufs also der Name des Philippos, des 
nachmaligen Tetrarch von Batanea u.s. w. ausgefal- 
len seyn/ Denn als yy^aiog adeXcpog von Archelaus 
müfste er dort mitgenannt erscheinen. 



und das übrige nur zur niederen Wirklichkeit rechnen. Aber 
— religiöses, christliches Bewufstseyn soll jeder Christ haben. 
Wozu dann theologische Studien, wenn der Lehrer nicht auch 
noch manches haben soll, was der Laie nicht so leicht sich 
erwerben kann. Allerdings sollte keiner bei theologischen Stu- 
dien bleiben, der nicht religiöse', evangelische Gesinnung haben 
will. On ne peut pas itre vraiement Theologica, sans avoir de 
la Religion. Aber der theologische Lehrer der Nichtgelehrten 
soll sich zugleich um alles das bemühen, wodurch er diesen 
das Religiöse, besonders das Biblische, verständlicher, anschau- 
licher, glaublicher zu machen vermag. Alsdann wird der geist- 
liche Lehrerstand die jetzige Gefahr abwenden, für entbehrlich 
gehalten zu werden, Wer in seiner Sache so zu Hause ist , 
- • dars er Grofses und Kleines den Andern aus seinem Vorrath 
hervorholen kann, der wird als unentbehrlich gelten. Matth. 
13, 52. Vornämlich deswegen verbreitete sich das Urchristen- 
thum so schnell, weil es mit seinen moralisch - heiligen Wahr- 
heiten überall historisch auftrat! 



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84« Karl Schräder, über die Chronologie 

• 

Ebenderselbe nachmalige Tetrarch, Philip- 
piis, war auch mit Archelaus zugleich von Hero- 
des I. im zweiten Testament zurückgesetzt, weil 
Antipater sie beide dem Vater verdächtig gemacht 
hatte. Arch. 17, 8. S. 595. Dagegen hatte Herodes 
damals den Jüngsten (nach K. 11. S. 604.), den An- 
tipas zum Haupterben ernannt. — Im dritten und 
letzten Testament hingegen — Arch. IT, 10. S. 599. 
war Archelaus als Haupterbe, Antipas als Tetrarcn 
von Galiläa und Peräa, Philippus als Tetrarch von 
Trachonitis, Gaulonitis, Batanäa und fcaneas bezeichnet. 
Man sieht also, dafs diese Drei gewöhnlich miteinander 
verbunden wurden, und überzeugt sich um so mehr, 
dafs in der Einen Stelle, wo Philippus auch als fV7j<jiOQ 
adeXcfioQ des Archelaus genannt gewesen seyn mufs 
(S. 584. Arch. IT, 1.) dieser Name nur ausgefallen seyn 
kann. Avxi%ag xae ^iXmnoq xai Ag^tkaog u. s. w. 
müssen als Söhne der Samariterin genannt gewesen 
seyn. Diese machte Herodes im dritten und letzten Te- 
stament regierend. Augustus liefs es dabei , ungeachtet 
Antipas nach dem zweiten Testament Haupterbe zu werden 
versuchte (Arch. IT, 11. S. 604.), und die übrige He- 
rodischa Familie den Archelaus am wenigsten erhöht 
sehen wollte. 

Dagegen ist nun erst derjenige Herodes Phi- 
lippus bestimmt zu finden, welcher als Bruder des 
Antipas, aber nicht als Sohn derselben Mutter 
t= ov% 6[AO[i7iTpLog , die Herodias zuerst zur Frau 
gehabt hatte. Dieser Herodes war nach Arch. 18, 7. 
S. 626. Sohn der Tochter des Hoheprieste rs 
Simon. Als solcher ist er auch Arch. IT, 1. (S. 583. 
unten) aufgeführt. Unter den 9 Frauen des Herodes, 
die er nach Ermordung der Mariamne, zugleich hatte, 
war Doris, Mutter Antipaters (des noch vor dem König- 
thum gebornen, ältesten, lange intrikierenden Herodes - 
Sohns) die erste, alsdann ^vyarrig tou ag^iepeog , 
«4 ris xai Givovvyiog avzy (Herodi I.) naig tytyovei. 



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im Leben des Apoat. Paulus. 



847 



Audi Arch. 18, 7. S. 628. bemerkt abermals , dafs der 
erste Mann der Herodias, Sohn <Ier Mariamne (II.)» der 
Tochter des Hohenpriesters Simon gewesen sey, und 
dafs sie eine Tochter Salome gehabt haben. (Diese 
Salome wurde nach Arch. 18 , 7. S. 628. nachher Ge- 
mahlin des Tetrarch, Philippus, welcher also um so 
gewisser nicht der erste Gemahl der Herodias gewesen 
seyn kann. Er müTste seine eigene Tochter geheirathet 
haben.) 

Den Sohn der Hohenpriesterstochter, Herodes ge- 
nannt, hatte Herodes 1. im ersten Testament Arch. 11,4. 
S. 586. zum Haupterben eingesetzt, auf den Fall, dafs 
der zuerst eingesetzte älteste aller seiner Söhne, Anti- 
pater, Dorissohn, früherstürbe. Als nachher Herodes I. 
die Mutter verstiefs — Arch. 11, 6. S. 589. — strich 
er auch ihren Sohn ganz aus dem Testament. (Daher 
kam dann Herodes I. später darauf, die 3 Söhne der Sa- 
maritanerin, Archelaus, Philippus und Antipas regierend 
zu machen. Der Herodes der Hohenpriesters- 
tochter aber war seitdem Privatmann und nur 
ärmerer Miterbe am Privatvermögen des Va- 
ters.) 

Da der erste Mann der Herodias nach Josephus's aus- 
drücklicher wiederholter Versicherung Sohn der Hohen- 
priesterstochter war, nach Matth. 14, 3. aber der erste 
Mann der Herodias auch Philippus hiefs und eben 
dieser Philippus der Herodias nach Arch. 18, 7. S. 626. 
nicht zu Rom, sondern an einem Ort wohnte, wo ihn 
Antipas, erst nach Rom reisend, besuchte, ihm die He- 
rodias abdingte, aber bis er von Rom zurückkam, noch 
bei ihm liefs , so finden wir wahrscheinlich eben diesen 
(Herodes-) Philippus, nach Arch. 17, 12. S. 610. 
in Syrien bei dem Prätor Varus sich aufhal- 
tend. Dort war er offenbar Privatmann. Der Prätor 
schickt ihn, während Archelaus und Antipas vor Augustus 
um die Hauptherrschaft stritten , aus Syrien nach Rom, 
theils um den Bruder (Archelaus) , welchem Varus wohl- 
wollte, beizustehen, theils um, wenn getheilt würde 

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848 Karl Schräder, üb. d. Chronologie im Leben d. Apost. Paulas. 

auch einigen Antheil, fiotpav riva, zu bekommen. Wahr- 
scheinlich war dann derselbe, nachdem das Herodesreich 
ohne ihn besetzt war, wieder in Syrien bei dem römi- 
schen Prätor von Syrien, welcher gewöhnlich zu Antio- 
chia residirte. Bei diesem nahm der aus Galiläa nach 
Rom reisende Tetrarch Antipas Abschied, wurde dort 
in Herodias verliebt und konnte wahrscheinlich mit dem 
ärmeren Bruder über sie accordiren, so dafs dieser sie 
mit einem Scheidebrief entliefs. Johannes, der Täufer, 
sah strenger der Intrike auf den Grund, da nach jüdi- 
scher Sitte besonders Ehen mit des Bruders Frau , weun 
diese Kinder hatte, sehr mifsbilligt wurden. 

Ein dritter Herodessohn , auch Philippus genannt, 
war nach Arch. IT, 1. S. 584. von einer Kleopatra, einer 
Jerusalemitin, erzeugt. Von diesem sagt dort Josephus 
ausdrücklich : 6g xav avrog ev Po^j tQocpaq ei-/ßv. 
Wahrscheinlich blieb dieser zu Rom.* Er beweist auf 
jeden Fall , dafs Herodes I. zwei Söhne von verschiedenen 
Frauen, Philipp benannt, hatte, den Tetrarch und 
diesen Kleopatrasohn. Um so eher ist anzunehmen, dafs 
auch der Sohn der Hohenpiiesterstochter diesen Bei- 
namen haben konnte, also 3 Philippi unter des He- 
rodes Söhnen waren. 

Je schwieriger und für die meisten unangenehmer 
die Entwicklungen solcher Individualitäten seyn mögen, 
desto nöthiger ist es, dafs Geübtere sie durch wieder- 
holte Untersuchung der vorhandenen Ueberlieferungen 
zu entwirren streben. Von dergleichen in einander ver- 
schlungenen Zeitumständen, so kleinlich und veraltet sie 
seyn mögen, ist nicht selten eine zuverlässigere Ein- 
sicht in bedeutendere Begebenheiten abhängig. Gerade 
hier ist dies sehr der Fall. 

(Der ßeschlufs folgt.) 



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N°. 54. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 



Karl Schräder , über die Chronologie im Leben 

des Apostels Paulus. 

(Beschlufs.) 

V 

In der Specialgeschichte der Entstehung des Chri- 
stenthums durch die wenigen Wirksamkeitsjahre Jesu 
und der Apostel bleibt manches sehr dunkel oder ist auf 
sehr verschiedene Weise zu beurtheilen, je nachdem die 
richtige Zeitrechnung beobachtet oder zum wenigsten 
dies ubersehen wird, dafs unsere kirchliche Chronologie 
von der wahren Zeitrechnung des Lebens Jesu immer 
um 3 Jahre differirt, folglich die Apostelzeit nicht, wie 
der Verf. S. 37. annimmt, im dionysischen Jahr 35, viel- 
mehr schon um Ostern des Jahres 31. unsrer Aera an- 
gefangen hat Daher kann und mufs denn auch die Le- 
benszeit des Apostels Paulus und die Zeit seiner Bekeh- 
rung um mehrere Jahre früher gesetzt werden, als der 
Verf. es berechnet, weil er sich durch eine unbestimm- 
tere Stelle des Josephus sogar zu der Voraussetzung be- 
wegen siefs, dafs die Kreuzigung Jesu nicht im Dion. 
Jahr 31, sondern nicht früher, als Ostern 35. gesche- 
hen sey. 

Selbst die gewöhnliche Voraussetzung, dafs die Be- 
kehrung des Saul nicht schon im ersten Jahre der Apo- 
stelzeit = zwischen Ostern anni Dion. 31. und 32. ge- 
schehen seyn könne, entsteht nur aus einer nichtpragma- 
tischen Gewohnheit, dafs man als Schriftausleger für 
Erzählungen, bei denen wir jetzt uns ziemlich lange 
aufzuhalten pflegen , z. B. für die 9 ersten Kapitel der 
Apostelgeschichte, auch in der Wirklichkeit eine gar 
lange Zeit anzunehmen wie durch ein Gefühl der Zeit- 
länge bewogen wird. Psychologisch betrachtet aber 
sind vielmehr die Einrichtungen der Muttergemeinde 
zu Jerusalem, wie sie in den Kapiteln 1, 2, 3, 4. bis 
XXVI. Jahrg. 9. Heft. 54 



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850 Karl Schräder, über die Chronologie 

< 

Vs 12. *) 6, 6, 7, 8. bis Vs 3. incl. 9, Ü — 22. be- 
schrieben werden, offenbar Folgen eines noch ganz fri- 
schen Enthusiasmus, welcher nach seiner Natur schnell 
das Unerwartete bewirkt, aber eben deswegen auch nicht 
gar lange in gleichem Grade fortdauert. 

Der gewöhnlichen Annahme, wie wenn bis zur Be- 
kehrung des Saulus eine Reihe von Jahren vergangen 
wäre, ist auch dies entschieden entgegen, da(s die sad- 
ducäischen Hohenpriester und Magnaten, welche Jesus 
mit solchem Ingrimm ans Kreuz gebracht hatten, un- 
möglich nun mehrere Jahre lang die Verbreitung 1 dieser 
Neumessianer mitten in ihrer Tempelstadt mit so viel 
Nachgiebigkeit, als man gewöhnlich voraussetzt, hätten 
sich entwickeln lassen können. Die in Apostg. 4, 6. 
aufgezahlten, Hannas, Caiphasund, was an dieser herr- 
schenden Priesterfamilie hing, müTsten mit einem Mate 
ihre Natur geändert haben, wenn sie nicht schon im 
ersten Jahre, aber methodisch und stufenweise, auf die 
Vernichtung einer Parthei hingearbeitet hätten, die ohne 
Zweifel nicht einmal zu Jerusalem sich zu bilden und zu 



*) Die Rede Gamaliels kann nach ihrem Inhalt 5, 36. 37. nicht 
vor dem Jahr 46. 47. so gesprochen worden seyn. Judas kam 
um nach Arch. 20, 3. S. C90. uater Fadoa a. Dion. 45 , die Söhne 
des Judas Galil. unter der Frocuratur des Alexander« a. 46. 
oder 47. Data Lukas, dor unter den Augen des Paulus zu Rom 
schrieb, hier Irriges eingetragen habe, ist gar nicht wahr- 
scheinlich. Der Text erfordert nur eine verbesserte Inter- 
punetion. *0$ avygtBij x. irarrtg 6<rot «twSovtc auTw, 3/sXu5*^av, 
usii tyivocTo ««; ovätv /utcra rovro. So weit ist die Rede von 
Theudas und dessen Anhang. Alsdann beginnt eine neue Bei- 
spiela-Erzahlung. AvKrny (»c. längst schon) Iouda« c ITaA. sv t. 
rtji awyfatßw unter Quiriniiis nach des Archclaus Absetzung 
im n. Dion. 8 — 9. *. airscr. Aacv. eietew avrov ' y.omsivo^ a-rajXtro 
(Er selbst schon lange). Kai iravr«$, ceoi iirti9ovro uvtw, drsc-KOf- 
*t<rSi)<rav* Der grofse Anhang, der den Judas selbst überlebt 
halte, war seit a. Dien. 4i>. oder 47. zerstreut, da Alexander 
2 seiner Söhne fing und kreuziget» liefs. — Eingerückt ist die 
Rede Gamaliels vor der 'viel früheren Erwähnung der Diakonen 
und des Stcphanus, weil Lukas die Weise, wie die Sadducäer 
gegen die 12 Apostel procedirten , zusammen hatte fassen wellen. 



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im Leben dea Apott. Paolo». 



851 



bleiben vermocht hätte, wenn nicht die grausame Mifs- 
handlyng Jesu bei vielen vom Volke einen Abscheu gegen 
seine Verfolger erweckt hätte, welcher den Nachgeblie- 
benen wenigstens mehr Schutz, als sie anfangs selbst 
erwarteten, gewährt hat. 

Der Verf. rückt die Bekehrung des Saulus und seine 
dreijährige Abwesenheit in Arabien sehr weit hinaus und 
erhält deswegen einen ziemlich kurzen Zeitraum für die 
in Apostg. 9, 30. und Gal. 1, 21. angedeuteten Erfolge, 
dafs der 3 Jahre nach seiner Bekehrung erst nach Jeru- 
salem auf 14 Tage gekommene Saulus von dort nach 
Syrien und Cilicien gekommen sey, bis ihn Barnabas 
Ein Jahr vor dem Tode des Königs Agrippa, also im 
a. Dion. 43. in die Mutterstadt des Heidenchristenthums 
Antiochia von Tarsus herüber geholt habe. Er nimmt 
deswegen an, dafs Sauls Bekehrung in der Mitte des Dion. 
Jahres 39. erfolgt sey, nachdem er beinahe 4 Jahre (?) 
die Christen verfolgt habe. Für den Aufenthalt in Cili- 
cien aber denkt er sich dagegen nur ungefähr ein halbes 
Jahr; und doch finden wir in dem späteren bekannteren 
Leben des Apostels keinen Zeitraum, wo ihm alles das 
hätte begegnet seyn können, was er 2 Kor. 11, 23 — 28. 
von sich selbst andeutet. 

Umgekehrt Kalte ich deswegen auch au« diesem 
Grunde, weil alle jene Lebenserfahrungen einen ziem- 
lich langen Zeitraum voraussetzen, die Wahrscheinlich- 
keit für tberwiegend , dafs die .Christianisirung Sauls 
schon gegen Ende des ersten Aposteljahrs, seine erste 
Reise nach Jerusalem also, da er 3 Jahre abwesend ge- 
wesen war, in das 4te Aposteljahr oder a. Dion. 34. ge- 
fallen sey. Seine darauf erfolgte grofse Thätigkeit, von 
welcher wir aber, wenn sie nicht 2 Kor. 11, uns in den 
gedrängtesten Angaben doch gleichsam vorgerechnet 
wäre, gar nichts wissen könnten, erhält alsdann in seinem 
Lebenslauf vom a. Dion. 35. bis 42. einen Wirksamkeits- 
raum, wie sie ihn nothwendig" zu erfordern seheint. 

Für die übrige Berechnung der Lebenszeit des Apo- 
stels ist nichts noth wendiger , als eine richtige Bestim- 



852 Karl Schräder, über die Chronologie 

mung der ersten Bekehrungen in Neu - Galatien , da 
Derbe, Lystra und die umliegende Gegend, wo Paulus 
und Barnabas schon nach Apostg. 14, 7. Christenge- 
meinden gesammelt und geordnet haben , damals un- 
streitig zu Galatien gehörten und daher der Brief an die 
Galater vor jene Zeit zu setzen ist, wo nach Apostg. 15. 
erst wegen der Gemeinschaft zwischen Heiden- und Ju- 
denchristen vier Dogmata oder Bedingungen festgesetzt 
wurden, von denen im Galatischen Brief noch keiae 
Spur ist, und die doch Paulus nach Apostg. 16, 1 — 4. 
auch nach Derbe und Lystra zu bringen sich beeilte. 
Sonderbar scheint mir dagegen die auch in den neuesten 
Erklärungen des Galaterbriefs grundlos und blos nach 
der Herkömmlichkeit beibehaltene Hypothese, dafs GaL 
2, 1. von der dritten Reise des Apostels nach Jerusalem, 
d.i. von dem, was Apostg. 15. erzählt wird, zu ver- 
stehen sey und also in der Zeitordnung diesem (frühe- 
sten) Briefe des Apostels vorausgehe. Möchte man doch 
die bei jeder Untersuchung allein zur Wahrheit fuhrende 
Methode auch hier anwenden , dafs wir nämlich niemals 
das Herkömmliche blos deswegen, weil es das Ange- 
wohnte ist, als feststehend voraussetzen und alles Andere 
nur wie eine gewagte Opposition durch allerlei auswei- 
chende Antworten zurückweisen zu dürfen meinen, da 
wir vielmehr immer auch das Herkömmliche zuvörderst 
nach seiner Begründung strenge zu befragen und blos 
wenn diese hinreicht, als etwas Festes anzuerkennen 
haben. 

Gerne beschränke ich mich aber hierüber auf die 
Bitte, das in meiner Erklärung des Galaterbriefs voll- 
ständiger Dargelegte nicht blos umgehen , sondern prüfen 
zu wollen, weil in den früheren Theil der apostolischen 
Wirksamkeit Pauli ohne die wichtige Zeitbestimmung 
der galatischen Bekehrungen kein heller Zusammenhang 
gebracht werden kann. Eben so gewifs hindert das 
Vorurtheil , wie wenn der Brief an die Philipper nicht 
aus dem Prätorium zu Cäsarea , sondern zu Rom (wo 
doch Paulus nicht im Prätorium verhaftet war, sondern 



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iin Leben des Apost. Paulus. 853 

angeschlossen an einen Wächter in eigener Miethe wohnen 
durfte) geschrieben worden sey, durch mancherlei damit 
verbundene Umstände eine ineinandergreifende Einsicht 
in die späteren Briefe und das Leben des Apostels zu 
Rom. Darauf aber hier einzugehen, kann der Raum 
uns nicht erlauben. 

Der schwierigste Punkt in den für die apostolische 
Chronologie nothwendigen Voraussetzungeu scheint in 
der Bestimmung der Prokura tur des Felix als Bruders 
von Pallas überSamarien oder über ganz Judäa zu liegen. 
Josephus giebt weder in der Archäologie, noch im jüdi- 
schen Krieg irgend eine Spur, dafs bei den Klagen, die 
man gegen den Procurator Cumanus hatte, auch Felix' 
compromittirt gewesen sey. Tacitus hingegen in Annal. 
12, 54. bemerkt, beim 12ten Regierungsjahr des Clau- 
dius, d.i. bei ann. Dion. 52 — 53. sehr speciell, dafs 
die Provinz Palästina eigentlich getheilt, die natio Ga- 
Ulaeorum unter Cumanus, die Samaritaner aber unter 
Felix gestanden hätten. Bei Josephus ist offenbar Cu- 
manus eigentlich für die Samariter eingenommen und 
vielmehr den Galiläern, durch deren Ermordung die 
Samaritaner den Streit angefangen hatten, und den Ju- 
däern, welche sich der Tempel besuchenden Galiläer an- 
nahmen, mit Unrecht entgegen. Davon* aber, dafs der 
Statthalter von Syrien, Quadratus, den Felix mit auf 
den Richterstuhl gesetzt habe, ist bei Josephus keine 
Spur. Dennoch aber müfste auch nach der Rede des 
Paulus Apostg. 24, 10. Felix ix noXXav stcdv xpiTtig 
T<p i&vei to vt cd gewesen seyo, und diese Rede scheint 
bald nach Pfingsten des ann. Dion. 55. ausgesprochen 
worden zu seyn, so dafs zwischen ihr und der Absetzung 
des Cumanus nur das Jahr 53. und 54. gefallen seyn 
könnte. 

Wenn dennoch Tacitus recht hat, dafs Felix im 
Jahr 52. jam pridem Judaeae impositus gewesen sey 
und besonders die Samaritaner ihm untergeben waren 
(Felici Samartiae parerent), so wäre eine Vereinigung 
dieser verschiedenen Nachrichten vielleicht nur dann 



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854 Karl Schräder, über die Chronologie 

möglich, wenn man annehmen dürfte, da fs Felix zwar 
von Claudius eine gewisse, unstreitig einträgliche, Auf- 
sicht über Judäa, d.'i. Palästina überhaupt und besonders 
über Samarien erhalten , aber nicht die Obliegenheit 
gehabt hätte, gewöhnlich selbst in der Provinz gegen« 
wärtig zu seyn. Nach Suetonius vit. Claud. 28. war näm- 
lich Felix nicht blos durch seinen Bruder, sondern auch 
für sich selbst bei Cäsar Claudius begünstigt. Claudius 
Ubertorum praecipue suspexii . . . Felicem, quem 
cohortibua et alis provinciae Judaeae prae- 
posuit trium regmarum maritum. Einem solchen 
Günstling konnte dann vielleicht eine der Gewinnsucht 
erwünschte Aufsicht über jene zum Aussaugen bestimmte 
Provinz eingeräumt seyn, ohne dafs er gewöhnlich von 
Rom abwesend seyn mufste. So etwas mochten auch seine 
zwei ersten Frauen wohl leicht anders einleiten können. Am 
Ende, da die Anklagen gegen Cumanus zu heftig ge- 
worden waren , scheint Felix dann doch selbst in die 
Provinz gereis't zu seyn; der syrische Prätor Quadrat!/; 
aber war wohl klug genug, um den Günstling des Clau- 
dius über das, was in dessen Abwesenheit geschehen 
war, lieber wie Richter, als wie Mitschuldiger, zu be- 
handeln. Nachher, da im Oktober Dion. 54. Neros Re- 
gierung anfing, Agrippa II. aber die Tetrarchie des 
Philippus von Nero bestätigt und vermehrt erhielt, setzte 
Nero zugleich den Felix zum iniQonoQ elq ttiv Xomhv 
'lovdatav , d. h. über den gröfsten Theil von ganz Pa- 
lästina. Jüd. Kr. 2, 22, S. 790. Von da an mufste dann 
Felix in der Provinz seyn, weil Nero dem Pallas und 
jenen Freigelassenen überhaupt nicht sehr geneigt war. 
Als nun aber Panlus tiach Pfingsten des folgenden Jahres 
seine Vertheidigungsrede vor Felix zu halten hatte, 
konnte er dennoch darauf sich beziehen, dafs Felix schon 
von längerer Zeit her unter Claudius ein Richteramt über 
das jüdische Volk gehabt habe. Selbst der Ausdruck 
des Apostels, dafs Felix „tw fövei rovrn seit vielen 
Jahren Richter gewesen" sey, scheint sich nicht davon 
erklären zu lassen, dafs Felix besonders den Samaritanern 



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im Loben des Apost. Paulua. 855 

vorgesetzt gewesen seyn sollte, weil ein Hebräer diese 
nie so eigentlich zu seinem &vog rechnete. 

Felix war, so glaube ich eine Einstimmung zwischen 
Tacitus und Josephus vermuthen zu dürfen, unter Clau- 
dius meist mit seinen vornehmen Frauen zu Rom, den- 
noch aber „Judaeae imposUus " d. i. mit der einträg- 
lichen Aufsicht über den gröfsten Theil von Palästina, 
welcher nicht mehr der Herodischen Familie übergeben 
war, ausgestattet, jedoch so, dafs Cumanus dort gegen- 
wärtig sevu mufste, Felix hingegen von Rom aus mög- 
lichst die Vortheile besonders aus Samarien bezog. Den 
Samaritanern waren überhaupt die Römer günstiger, als 
den Juden, weil dieselben sich ihnen immer eher anbe- 
quemten. 

Nero nahm zwar schon in seinem ersten Regierungs- 
jahr = Dion. 55. dem Bruder des Felix , Pallas , die 
grofse Verwaltung der Staatsrechnungen ab. Tac.Annal. 
13, 14. Dennoch fiel des Pallas Ansehen, so lange 
noch die ihm ganz hingegebene Agrippina sich erhielt, 
also bis in das 5te Neronische Regierungsjahr = 59, 
nicht ganz, wie dergleichen festgewurzelte, reiche Höf- 
linge wenigstens den äufsereu Schein der Gunst noch 
lange zu erhalten verstehen. Doch war Pallas schou 
vor dem zweiten Jahr Nero's (vor dem Okt. 55.) nach 
Tac. Ann. 13, 23. kaum dem Verdacht einer Verschwö- 
rung gegen Nero entgangen. Und eine baldige Zurück- 
setzung auch des Bruders, Felix, war daher (lange vor 
des Pallas Vergiftung = a. Dion. 62.) bei jeder Veran- 
lassung zu erwarten. Indefs endigte auch wirklich , nach 
meiner Zeitberechnung , schon das 2te Jahr der Verhaf- 
tung des Apostels zu Cäsarea nach Pfingsten anni 
Dion. 57. = dem 3ten Reg. J. Nero's, wo Apostg. 24,27. 
Felix den Festus zum Nachfolger erhielt; so 
dafs Paulus im Frühjahr 58. Rom erreichte und im Früh- 
jahr 60, d.h. bald nach dem Anfang des 6teu Neroni- 
schen Regierungsjahrs, jene 2 Jahre sich schlössen, 
welche Er in der Verhaftung zu Rom , nach Apg. 28, 30. 
auf eine ziemlich leidliche Weise zugebracht hat. Nach 



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8*6 Dr. G. W. Böhmer 

Ermordung der Agrippina , wo Seneca und Burrhus nicht 
einmal durch halbe Nachgiebigkeiten das durch den 
Knechtsinn der Meisten ganz übermttthig gewordenen 
Kraftgenie Neros vom Schlimmsten zurückzuhalten ver- 
mochten (Tac. Ann. 14, 13. 14.) wäre ohnehin an keine 
Schonung gegen Felix mehr zu denken. 



Dafs der selbstdenkende Verf. in den beiden folgen- 
den Theilen des Werks viele interessante Ansich- 
ten über das Leben und die Lehre des Apo- 
stels theils beweist, theils wahrscheinlich zu machen 
sucht und dabei durchgängig eben soviel Talent , als Frei- 
sinn und Darstellungsgabe zeigt, kann, um des Raums 
willen, hier nur angedeutet werden. Vielleicht findet 
sich eine andere Gelegenheit, besonders über Einen 
Hauptpunkt in der Lehrdarstellung, nämlich über das 
Ute Kap. des Bandes 3. einige nöthig scheinende Unter- 
scheidungen mitzutheilen, um den Grundsatz des Verfe; 
„Der Glaube sey nach Paulus die wahre Tugend und 
die Tugend sey der wahre Glaube" (S. 188.), mit der 
Lehre von der Ueber zeugungstreue in diejenige 
Harmonie zu bringen, welche nach meiner Einsicht die 
ächtpaulinische ist. 

Dr. Paulus, 



Die Gleichstellung der Juden mit den christlichen Staats- 
bürgern, nach ihrer Möglichkeit und Wirklichkeit in geschicht- 
lichen Beispielen gezeigt von Dr. G. W. Böhmer. Göttingen 
1888. Vll u. 72 S. 8. 

Der für Andeutungen des Guten freisinnige und 
kenntnifsreiche Verf., welcher bei der Universitäts - Bi- 
bliothek zu Göttingen den bereits bis zum 12ten Bande 
fortgerückten juridischen Realkatalog mit anerkanntem 
Fleifse bearbeitet, giebt hier zuerst einen Ueberblick 
der für die Verbesserung der Juden und ihres ZuStandes 



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für die Gleichstellung der Juden mit den Uebrigen. 85? 

merkwürdigsten Schriften und Verordnungen, nnd als* 
dann S. 28. bis zum Ende Beispiele von moralisch gutem 
Charakter aus speciellen Handlungen mancher Mitglieder 
dieser Nation. Er hatte zu einer solchen Schrift um so 
mehr Veranlassung, da sein Grofsvater, Just Hen- 
ning Böhmer, der unvergefsliche Darsteller und Be- 
richtiger des Jus ecclesiasticum Protest antiurn , schon 
1708. durch eine Dissertation de cauta Judaeorum 
tolerantia für eine umsichtige bessere Behandlung der 
Judenschaft mit philosophischer und staatsrechtlicher 
Gründlichkeit die Bahn gebrochen hat. 

Das allein wahre Mittel dazu ist eigentlich schon in 
der Reichspolizeiordnung vom Jahr 1530. 
Tit. 27. §. 12. recht gut angegeben. Die deutsche 
Reichsregierung wollte damalen schon, dafs „sie ihre 
Leibesnahrung haben sollten." „Wer daun Juden bei 
ihm leiden will," sagt der weitere Text, „der soll 
sie — doch dermafsen — bei ihm behalten, dafs 
sie sich des Wuchers und verbotenen wucher- 
lichen Kaufs enthalten und mit ziemlicher 
Handthierung und Handarbeit ernähren, wie 
eine Obrigkeit dasselbe einem Unterthanen und dein ge- 
meinen Nutzen zum Besten und Träglichsten zu sevn an- 
sehen und ermessen wird" Ernährung durch ziem- 
liche Handthierung und Handarbeit, wie sie 
dem Einzelnen und dem Ganzen nutzlich ist, dies ist's, was 
die Staatsregierungen nicht vom Belieben der Ungleich- 
gebliebenen abhängig bleiben lassen können, vielmehr 
gegen den blos vorgeblichen Ceremonienglauben als vor- 
läufige Bedingung der Menge vorschreiben müssen. 

Böhmers Dissertation bemerkte: dafs diese salu- 
berrima constitutio hactenus plane in obser- 
vantiam non est deducta , quamvis optandum 
esset , ut deduceretur. vergl. dessen Jus eccl protest. 
tom. IV. 1. 5. tit. 6. § 29. Und wahr ist ohne Zweifel, 
dafs die Aufnahme zum Handwerklernen und in Hand- 
werksinnungen häufig erschwert wurde. Doch aber ist 
auf der andern Seite auch — in der Wirklichkeit, da 



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I 



858 Dr. G. W. Böhmer 

man die Menschen nicht zum voraus schon so, wie sie 
seyn sollen , sondern so, wie sie sind, zu nehmen hat — 
nach den wahren Ursachen , warum es bei der Aufnahme 
zu Handwerkern Schwierigkeit hat, zu fragen. Denn io 
dieser ganzen , meist nur einseitig vielbesprochenen Sache 
kann es dem Mann von Herz und Kopf gar nicht 
darauf ankommen, die Beschwerden, welche Juden und 
Christen gegen einander haben können , irgend zu häufen 
und zu steigern. Vielmehr mufs der in der Mitte ste- 
hende Unpartheiische, weder von einem Schein der Li- 
beralität noch von kirchlichen Vorurtheilen geblendet, 
die wirklichen Ursachen dieser Mi fs Verhält- 
nisse zu erforschen suchen, damit diese zuvör- 
derst aus der Wurzel gehoben werden , weil sonst eine 
nur wörtliche und gebotene Gleichstellung Derer, 
die in ihren Sitten und Erwerbsarten ungleich blei- 
ben wollen, für beide Theile voraussichtlich durch 
Vermehrung der Unzufriedenheit und der Zudringlich- 
keit, zum gröfseren Unglück werden muffte. 

Bei Handwerkern nun hindert vornämlich der 

- 

doppelte Wochenfeiertag. Denn wie kann der 
Meister . welcher am Sonntag nicht arbeiten lassen darf, 
Jungen und Gesellen annehmen, die auch noch am Sonn* 
abend nicht arbeiten dürfen? und wie kann überhaupt 
ein jüdischer Familienvater die Seinigen durch Hand- 
arbeit ernähren, wenn er unter 1 Tagen 2 der Handarbeit 
nicht widmen darf. Dies ist daher unstreitig eine Haupt- 
ursaohe, warum bei weitem der gröfste Theil nur durch 
den Hausir- und Schacherhandel sich zu ernähren fort- 
fährt. Hieraus aber entsteht eine zweite Hauptursache 
der NichtVerbesserung, dafs nämlich die an das hausi- 
rende Umherlaufen und den Erwerb durch Zu ngen ge- 
wandt Ii ei t Gewohnte meistens alles Handarbeiten 
zu beschwerlich finden. Denn wäre nicht diese 
Arbeitsscheue, so könnten die mehreren zu andern 
unzünftigen Handarbeiten und zum Ackerbau übergehen, 
bei welchem sie, wenn sie ihn nur mit eigener Hand 
betreiben wollten, von dem Widerwillen, den etwa die 



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für dio Gleichstellung der Joden mit den Uebrigen. 85!) 



Hand Werksinnungen gegen sie haben möchten, nicht 
abhangen würden. Kaiser Alexander hat deswegen den 
Nagel auf den Kopf getroffen, indem er Gütererwerb 
und Handarbeiten als Mittel , in der Staatsbürgerschaft 
tu bleiben, vorschrieb, aber auch das eigene Anbauen 
und Bewirtschaften forderte. Anders wird die Abge- 
wöhnung von der eingewurzelten Arbeitsscheue dem Zufall 
überlassen und nie verwirklicht werden. 

Nicht gerecht genug ist der Verf. S. 16, wenn er 
meint: „die Regierungen Seyen durch das Donner- 
wort angeblicher Zionswächter von der Ausfüh- 
rung jenes trefflichen alten Reichspolizeistatuts abgehalten 
worden. Zum Beispiel in Baden sind alle einem Bürger 
erlaubte Erwerbsarten auch den einheimischen Juden, 
die auf 17,000 angegeben werden, schon seit 24 Jahren 
frei gegeben; dennoch wird statistisch behauptet, clafs 
in dieser langen Zeit die Zahl Derer, die sich zum Er- 
nähren durch ziemliche Handlhieruug und Handarbeit 
gewendet haben , noch nicht auf 1000 gestiegen sey. 
Wovon ernähren sich nun die übrigen 16,000? Immer 
noch von jenem als jüdisch verrufenen Zwischenhandel ? 
ungeachtet in 24 Jahren eine ganz andere Nachkommen- 
schaft herangewachsen seyn müfste , wenn die Eltern so* 
gleich auf das erlaubte und von der Obrigkeit gewünschte 
Aendern jener gemeinschädlichen Erwerbsweise bei ihrer 
Kindererziehung freiwillig und dankbar gedacht hätten. 
Dauert aber der Schacher bei ungefähr 16,000 immer 
noch fort (bei einer Zahl, welche für Baden viel grofser 
und unverhältnifsmäfsiger ist, als wenn in Frankreich 
ungefähr 150,000 gezählt werden), so wird kein für 
beide Theile gleich menschlich und rechtlich Den- 
kender anders urtheilen können, als dafs diese übergrofse 
Zahl der blofsen Unterhändler für ihre Gegenden, be- 
sonders in denen von den Städten entfernteren Dörfern, 
leider immer verderblich waren, und also seit 1808. 
grofsentheils aus eigener Schuld auch in den Nachge- 
wachsenen bisher verderblich geblieben sind 

Können manche nicht zu Handwerkern übergehen, 



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860 Dr. G. W. Böhmer 

weil dies mehr Kosten verursacht, so könnten sie doch 
Tagelöhner und Handarbeiter beim Landbau seyn , wenn 
sie nicht arbeitsscheu wären , und dazu durch den dop- 
pelten Wochenfeiertag gleichsam genöthigt würden. Ver- 
suchen die Staaten diesem beharrlichen Schacherwesen 
nur indirect entgegen zu arbeiten und sogar beschrän- 
kende Mittel, welche die Humanität nicht billigen kann 
(z. B. Verbieten der Verehelichung vor dem 35sten Le- 
bensjahr) anzuwenden, so wird es dennoch durch freien 
Entschlufs nie aufgegeben werden, weil die, welche in 
5 Tagen sieh den Lebensunterhalt für 7 erwerben sollen, 
dies ohne ein aufsergewöhnliches Gewinnmittel nicht 
leicht möglich finden. Deswegen also, damit jede Ju- 
denfamilie nicht durch rabbinische Vorurtheile genöthigt 
sey, in 5 Tagen das Nöthige für 7 Tage zu gewinnen, 
ist das Verlegen des Wochenfeiertags auf den Sonntag 
eine Bedingung, die geradezu als Staatsgesetz anzuordnen 
nöthig seyn wird, und auch gar wohl befohlen werden 
darf, weil es nicht ein Eingriff in die Religion des Ja- 
denthums ist, vielmehr der am Sonnabend zu arbeiten 
befehligte Israelite, dadurch (s. Ladenburg über Gleich- 
stellung der Israeliten Badens. 1833. §. 5.) nicht aufhört, 
seinefReligion getreu zu seyn, indem (jetzt?) sogar die 
Rabbinischen Gesetzgerklärungen zugeben, dafs, wenn 
die Obrigkeit, z.B. im Kriegsstand, ein Verlegen des 
Sabbats befehle, alsdann der Jude von jener alterthüm- 
liehen Tagsbestimmung dispensirt sey. 

Nach dieser wohlthätigen Absicht machte ich an 
einem andern Ort die kluge Bemerkung eines alten Rab- 
binen bekannter, dafs zwar nach der Beschreibung der 
Schöpfung 1 Mos. 1 u. 2. der Schöpfer am letzten 
Tage der Woche seinen Sabbatstag gehalten habe, dafs 
aber der erste Mensch, welcher am 6ten Tage ge- 
schaffen worden war, alsdann gerade den ersten Tag 
derjenigen Woche, die er erlebte, als seinen mensch* 
liehen Ruhetag zu feiern hatte. Dies stimmt mit der 
Tradition unläugbar überein, und es wird also auch 
nicht einmal die alter thüm I iche Tageszäh* 



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für die Gleichstellung der Juden mit den Uebrigen. 801 

lung geändert, wenn die Landesobrigkeiten fest- 
setzen, dafs der wöchentliche Ruhetag eben derjenige 
erste in der Woche seyn solle, wie Adam seinen 
ersten Wochentag zu feiern gehabt habe. 

Für die Verständigen (wenn sie nicht aus blofsem 
Eigendunkel — 2 Mos. 32, 9. 34, 9. 5 Mos. 9, 6. — 
für Festhaltung dessen, was sie selbst als veraltert er- 
kennen, conträre Vereine stiften wollen) ist es ohnehin 
klar, dafs es nur eine Sophisterei wäre, wenn man be- 
haupten wollte, dafs den wöchentlichen Ruhetag gerade 
auf den letzten Wochentag zu verlegen, eine Reli- 
gionsangelegenheit sey. Was für eine Religion wäre 
dies, die von einer Tagwählerei abhinge? Und was 
mufste man von Menschen denken, die das Unpassende 
zu ihrer Religion 1 zu rechnen versicherten, nur um einer 
zeitgemäfsen Verbesserung in Nichts nachzugeben ? Der 
Geist und Zweck der mosaischen Gesetzgebung ist, 
dafs je von 7 Tagen Einer für Menschen und Vieh zur 
Erholung ausgesondert seyn solle. Diese Verfügung 
stammt aus einer äufserst wohlthätigen legislatorischen 
Klugheit; und es ist ohne alle Frömmelei sehr verwerf- 
lich, dafs die Wochenfeier bei den Christen meist nicht 
mehr ein wahrer Ruhetag für die körperlich Arbeiten- 
den , sondern ein Tag entweder besonderer Anstren- 
gungen für Menschen und Vieh öder eine Feier für Aus- 
schweifungen geworden ist. Diese Verkehrtheit nämlich 
entstund, weil man vergessen hat, dafs der Ruhetag um 
des Menschen willen seyn sollte, und weil man ihn blos 
nach Geboten der Kirche zu betrachten pflegte , über 
die man allmählig anders zu denken anfing, weil man 
das Mittel nicht mehr für den Zweck des Ganzen zu 
halten lernte. Was also die Christen zu wenig thun, 
darin sollten die Juden nicht länger zu viel zu thuu ver- 
anlafst seyn ; und dies kann geradezu als Polizeigesetz 
der Staaten verfügt werden , wie auch bei Mose nur die 
Feier Eines Tages unter sieben eine Religionsverordnung, 
die Bestimmung, des Tags aber eigentlich nach 4 Mos. 
15, 32 — 36. Polizeigesetz ist. 



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862 Dr. G W. Böhmer 

Hat alsdann der Familienvater 6 Tage, um für seinen 
Haushalt erwerbthätig zu seyn, so werden ihm auch dazu 
diejenige Arten von Arbeiten zureichen, durch welche 
der gröfste Theil seiner Mitbürger — ohne den schlech- 
terdings wechselseitig Betrug und Hafs erregenden Scha- 
cher — sich zu ernähren hat. Und auf diesem Punkt, 
dafs nicht die Erwerbsart der meisten Juden sie arbeits- 
scheu, mit Schlauheit gewinnsüchtig und dadurch ge- 
hässig mache, beruht die bedeutendste Bedingung, ohne 
welche ein Verwandeln ihrer in allen Lebensverhält- 
nissen und Sitten auffallenden Ungleichheit in wahre, 
wirkliche Gleichstellung immer unmöglich bleiben wird. 

Kommt alsdann noch hinzu, dafs die vielfach ge- 
drückten auch von denjenigen mancherlei rabbinischen 
Ceremoniengesetzen , welche ihnen so viele Kosten und 
Quälereien aufnöthigen, durch ein durchgreifendes Ge- 
setz des Staats, der keine dergleichen Winkelgesetze 
und fremdartige, pedantische Ceremoniengebieter zuge- 
ben oder gar geltend machen darf, frei gesprochen und 
dagegen geschützt werden, so kann es nicht lange an* 
stehen, dafs die Mehreren selbst diese reelle Verbesse- 
rungen ihres Wohlstands dankbar fühlen und zugleich 
durch das Abgewöhnen einer Menge widriger Ungleich- 
heiten die wahre Gleichstellung an sich selbst verwirk- 
lichen. Wundern mufs man sich nur, dafs die meisten 
Petenten um Gleichstellung doch nicht die Staatsgesetzge- 
bung um Hülfe zu Hebung jener Ungleichheiten, besonders 
um Nichtzulassung vorurtheilsvoller Rabbinen und um 
Entlastung von unnützen, kostspieligen, und daher auch 
zum Schacher - Erwerb hintreibenden Satzungen gebeten 
haben, sondern nur in Eile eine Zulassung zu Anstel- 
lungen erreichen wollten , die für den gröfsten , wahr- 
haft leidenden, Theil ihrer Volksgenossen keine Hülfe 
wäre. 

Allerdings haben schon manche Einzelne in der Na- 
tion gezeigt, dafs sie zur Ausgleichung jener anstos- 
sigen Ungleichheiten in der allgemeinen Geistes- und 
Sittenbildung Fähigkeiten genug haben. Auch raüTste 

s 

V 



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für die Gleichstellung der Juden mit den Uebrigcn. 868 

gewifs der zweite Theii der Böhmer i sehen 
Schrift, die Sammlung guter Charakterzuge von Ein- 
seinen der Nation, sich durch noch viele andere authen- 
tischer erweisliche zur Ehre des Göttlichen in der Mensch- 
heit vermehren lassen. Mir selbst ist in Meinem Leben 
mehrmals die Freude geworden, dergleichen (wenn auch 
äufserlich heterogen erscheinende) Ehrenmänner kennen 
zu lernen und sie dann zuvorkommend gar gerne auszu- 
zeichnen, wenn sie gleich meist nicht zu den reicheren, 
und noch weniger zu den sogenannten Aufgeklärten ge- 
hörten; da diese, wie neu ihnen der erhaschte. Lichtschein 
sey, durch das unverständige Schwirren und Schwärmen 
der Neulingschaft verrathen, und z. B. noch in so sehr 
unbestimmten Begriffen schweben, dafs sie Staatsge- 
sellschaf tsvorzüge wie Menschenrechte for- 
dern zu können sich bereden, gegen Diejenigen aber, 
welche ihnen das Ausführbare klar machen wollten, 
durch Ungeberdigkeit bemerklich machen, was von 
ihnen, wenn sie vorherrschend würden , zu erwarten wäre. 

Aber auch die erfreulichsten besseren Erfahrungen, 
dafe so manche intellectuell emporstrebende, oder durch 
Witz schimmernde Köpfe und gewifs auch manche red- 
lich rechtschaffene Herzen einzeln sich hervorheben, 
würde es nicht, wenn der Verf. ein weit vollständi- 
geres Musterbuch solcher Achtungswürdigen beurkunden 
könnte — gerade für Das ein Beweis sey«, was auch 
von mir immer angerathen wurde, dafs allerdings alle 
Die, welche sich im Gesellschaftlich - besseren als 
gleich beweisen, Einzelnen und Familienweise mit 
Vergnügen durch völlige Gleichstellung ausgezeichnet, 
die übrige Menge der Schwerverbesserlichen aber eben 
dadurch zum Gleich wer den aufgeregt werden sollten. 
Oder sollte es denn gesetzgeberisch klüger und moralisch 
christlicher seyn, der für das Unpassende und Wider- 
willen erweckende dennoch hartnäckigen Masse die er- 
reichbare Belohnung zuzuwerfen, ehe sie das, was sie 
seit 24 Jahren thun konnten , ernstlich benutzen zu wollen 
bewiesen haben? 



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804 Dr. 6. W. Böhmer für die Gleichstellung der Juden a. w. 

Nur, versteht es sich, dafs die fürsorgende Gesetz- 
gebung- auch ferner alle äufsern Hindernisse möglichst 
zu heben, besonders die Vollziehung der vor Decennieu 
gegebenen Concessionen und ihrer Folgen kräftig zu 
betreiben, vornämlich aber nicht durch Legitimation 
vorurtheilsvoller Rabbinen neue Hinderungen zu legali- 
siren und mehr als es vorher war, auf Kosten der Ge- 
meinden festzustellen , die Pflicht habe. Wer irgend 
vermag, der sinne nicht auf Streit und Wortgefechte, 
sondern auf sachkundiges Entdecken, worin auf beiden 
Seiten die Hindernisse des endlichen , reellen und nicht 
blos das Regierenwollen oder die Dominirungslust We- 
niger befördernden Besserwerdens bestehen? Er sinne un- 
parteiisch, auf welche nicht einseitige, nur liberal schei- 
nende Weise, sondern auch gegen die Mehrheit Derer, 
die den schon bestehenden Staatsverein constituiren , ge- 
recht ausfuhrbare Hülfen vorgeschlagen werden können? 
In dieser Gesinnung bekenne ich, vorzüglich auf das 
begierig zu seyn, was der Veit über das die Nationa/- 
Absonderung am meisten beweisende Problem von 
Ehen zwischen Juden und Christen bekannt zn 
machen, in der Vorrede zusagt. Oeffentliches vielsei- 
tiges Erwägen wird auch hierüber Licht und Rath 
schaffen. Ich bin darauf um so aufmerksamer, da ich 
kürzlich ein schaudervolles Pactum erfahren habe, wie 
ein unabhängiger und sonst belobter jüdischer Vater 
seine einzige Tochter lieber langsam dahin sterben liefe, 
als dafs er ihrer Liebe zu einem Christen, gegen wel- 
chen sonst nichts einzuwenden war, die elterliche Ein- 
willigung gewährte. 

14. Juli 1833. 

Dr. Paulus. 



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N\ 55. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1883. 



Der Jude. Periodische Blätter für Religion und Gewissensfreiheit. 
In zwanglosen Heften herausgegeben von Dr. Gabriel Messer. 
Erster Band. Altona, bei J. F. Hammerich. 1832. 208 S. 4. 

Zu der Verbesserung des inneren und äufseren Zu- 
standes des jüdischen Volks , ins Besondere in Deutsch- 
land, mitzuwirken, das ist das Ziel, welches der Heraus- 
geber dieser Zeitschrift zu erreichen wünscht und — zu 
erreichen hoffen darf. Er erklärt sich über diesen seinen 
Zweck ausführlich in einer wohlgeschriebenen Ankündi- 
gung, mit welcher die Zeitschrift beginnt. Er fordert 
darin zugleich Andere zu Beiträgen auf; uqd schon ist 
dieser Aufforderung von mehreren Seiten entsprochen 
worden. 

Es versteht sich von selbst, dafs der Verf. für sein 
Volk vollkommene Religionsfreiheit und eben so alle die 
politischen und bürgerlichen Rechte in Anspruch nimmt, 
welche der christlichen Bevölkerung der deutschen Staaten 
zustehn. Dem Verf. eigenthümlicher ist das, was er (in 
der Ankündigung) über die Möglichkeit der Fortbil- 
dung und Veredlung des Judenthumes und über den 
Weg, der zu diesem Ziele führt, äufsert. Wir können 
uns nicht das Vergnügen versagen, die Hauptstelle wört- 
lich mitzutheilen. „In die entschiedenste Abgeschlos- 
senheit versunken und von jeher ohne allen Anspruch 
auf Prosely tenmacherei , hatte das religiöse Leben der 
Juden in früheren Zeiten, besonders in den letzten Jahr- 
hunderten der Erschlaffung, die der zweiten Hälfte des 
vorigen vorangehen, kein Auge für Alles, was rings 
umher vorging, kein Bedürfnifs und keine Fähigkeit 
sich nach aufsen zu vertreten. Die Ersten aber, die aus 
dieser Abgeschlossenheit hervortraten, gaben, voll Freude 
über die gewonnene Freiheit, das System, von dem sie 
sich losgesagt , gern dem Spotte Preis. Unsere Zeit aber 
duldet keine Abgeschlossenheit; sie will, dafs keine Er- 
scheinung sich dem Lichte des Tages entziehe, dafs 

XXVI. Jahrff. 9. Heft. 55 



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Btiti Der Jade. Hernusgeg. von Rietwer. 

jede besondere Richtung sich vor dem Richterstuhle des 
Gesamrat-Bewufstseyns der Menschheit rechtfertige, und 
diejenige, die sich dieser Prüfung entziehen wollte, hätte 
sich das Todesurtheil gesprochen. Von der anderen 
Seite hat die jüngere Generation unter uns keinerlei Ur- 
sache, .dem alten Systeme, dessen Herrschaft sie sich 
nicht erst in mühsamem Kampfe entwunden, das der 
freien Entwickelung ihrer Bildung keine Schwierigkeit 
in den Weg gelegt, zu grollen; sfe vermag es ohne 
Hafs, wie ohne blinde Verehrung, wenn auch nicht ohne 
Liebe, zu beurtheilen. Wir, die wir dem Grundsatze 
des Fortschreitens und der freiesten Forschung huldi- 
gen, wir haben uns die Aufgabe zu setzen, die Befugnifs 
dazu aus dem Grund wesen unserer Religion abzuleiten, 
und nachzuweisen, wie das Haften an dem starren Buch- 
staben des Gesetzes von den ewigen unvergänglichen 
Wahrheiten unsrer Lehre zu trennen ist. Dafs der in* 
nere lebendige Gehalt dieser Lehre durch die eigne 
göttliche Kraft die Form zerbreche, die ihn seit Jahr- 
tausenden gefangen gehalten , mufs das Ziel unseres Stre- 
bens seyn, und darum ist es wesentlicher, dafs das Be- 
wufstseyn jenes Inhalts belebt und gestärkt, dafs der 
Funke der Begeisterung für göttliche Wahrheit in den 
Gemüthern angefacht, als dafs einzelne mangelhafte For- 
men von aufsen bekämpft und zerstört werden — Wer 
diese Ansicht von den religiösen Meinungen und von 
der Zukunft des jüdischen Volkes hat, verdient vor allen 
Andern über die Ansprüche und Bedürfnisse dieses Volkes 
gehört zu werden. 

Man wird dem Herausgeber gewifs beistimmen , wenn 
er sein Unternehmen als ein zeitgemäfses darstellt. Denn 
die jüdische Bevölkerung der deutschen Staaten , (von 
diesen Staaten wird in dem Folgenden allein die Rede 
seyn,) hat, im Ganzen genommen, in den letztverflos- 
senen 30 oder 40 Jahren in mehr als einer Beziehung 
bedeutende Fortschritte gemacht, und gleichwohl sind 
diese Fortschritte von den Gesetzgebungen jener Staaten 
noch nicht so allgemein oder nicht in dem Grade berück- 



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Der Jude. Hertwsgeg. von Rienser. 867 

sichtiget worden, wie sie in anderen Beziehungen die 
mit dein Zustande der bürgerlichen Gesellschaft vorge- 
gangenen Veränderungen berücksichtiget haben. 

In den letztverflossenen vierzig Jahren haben sich 
unter allen Standen und Classen der bürgerlichen Ge- 
sellschaft eine Menge neuer Ideen , vielseitigere und 
freiere Ansichten, selbst Kenntnisse, die sonst nur das 
Eigenthum der Gelehrten oder der gebildeteren waren, 
verbreitet. Die Begebenheiten , die Welthändel spra- 
chen ; sie veranlagten selbst den kurzsichtigsten Zu- 
schauer zum Nachdenken, zu LIrtheilen. Das neue Licht 
ging auch den Juden auf. Eine bedeutende Anzahl junger 
Leute aus diesem Volke widmeten sich den Wissenschaften, 
meist gute Köpfe und fleifsige Schüler. Diese wendeten 
uicht selten die Kenntnisse und Einsichten, die sie auf 
Schulen und Universitäten gewonnen hatten, dazu an, 
ihr Volk zu unterrichten und aufzuklären, auch wohl" 
aufzuregen; Viele aus achtungswerther Liebe zu ihrer 
Nation, Einige eingedenk der Demüthigungen, welche 
ihnen selbst in den Jahren der Kitidheit widerfahren 
waren. ( Möchte es doch unter ihnen nicht auch solche 
geben, welche — um den mildesten Ausdruck zu ge- 
brauchen — durch eine eckelhafte Eigenliebe und Leicht- 
fertigkeit sich und ihrer Sache schaden!) Andere wur- 
den schon von der Schreibseligkeit des Zeitalters er- 
griffen. 

Auch die religiösen Meinungen und Ueberlieferungen 
der Juden wurden von den aus der Nation hervorgegan- 
genen Schriftstellern öffentlich zur Sprache gebracht. Der 
Jugendunterricht wurde verbessert; es erschienen Reli- 
gionsschriften, in welchen das Judenthum in einer ver- 
edelten Gestalt, man kanu sagen, in einem christlichen 
Geiste dargestellt wurde. Einige dieses Volks hielten 
sich an den Kern der Mosaischen Gesetzgebung, an die 
Lehre von einem einigen Gotte. Noch merkwürdiger 
war die Erscheinung, dafs an einigen Orten eine Anzahl 
jüdischer Familien einen religiösen Verein stifteten, oder 
zu stiften beabsichtigten , dessen Grundlage ein veredeltes 



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8<>8 Oer Jode. Herttuegeg. von Rieaaer. 

Judenthum , des Deismus, war. So geschah es, dafs, 
fast unbemerkt, ein Mittelglied zwischen Juden und 
Christen oder einUebergang vom Judenthuine zumChri- 
stentbume ins Leben trat. Denn giebt es nicht unter 
den Christen Einige oder Viele, welche das Christen- 
thum nur als eine gemeinfafsliche und auf das Bedurf* 
nifs der Menschheit im Ganzen berechnete Einkleidung 
des Deismus betrauten? 

In derselben Periode verbesserte sich in den meisten 
deutschen Staaten auch der ökonomische Zustand der 
jüdischen Bevölkerung. Der Krieg ist dem Speculations- 
handel besonders günstig. Ueberdies fehlte es in dieser 
Periode nicht an Veranlassungen zu Geldgeschäften. So- 
wohl an jenem Handel als an diesen Geschäften nahmen 
die jüdischen Handelsleute ganz besonders Theil. Geld 
und Gut giebt Macht und Muth. (Es wäre der Mühe 
Werth, den Einflufs genau auszumitteln, welchen die 
Juden in Deutschland und in andern europäischen Staaten 
auf den Nationalwohlstand gehabt haben und noch jetzt 
haben. Er wird fast allgemein für nachtheilig gehalten 
Dennoch dürfte er auch seine Lichtseite haben Die 
Staatswirthschaftslehre hat schon so manche Irrthümer 
und Vorurtheile aufgedeckt. Vielleicht kann sie auch 
über diesen Gegenstand ein neues Licht verbreiten. Wir 
wünschen, dafs die Aufgabe auch in der* vorliegenden 
Zeitschrift nicht unerörtert bleibe.) 

Alle diese Veränderungen mufsten zugleich auf die 
Sitten und das Betragen und auf die gesellschaftliche 
Stellung der jüdischen Familien einen wohlthätigeu Ein- 
flufs haben. Dafs sie diesen Einflufs gehabt haben, kann 
Ree. wenigstens von seinen nächsten Umgebungen mit 
gutem Gewissen bezeugen. Er darf überdies aus meh- 
reren Gründen vermuthen, dafs man dieselbe Beobach- 
tung auch anderwärts gemacht haben werde. Wenn man 
aus dem Schulzwinger auf die Universität kommt, so 
sucht man sich vor allen Dingen in seinem Aeufseren 
seinen neuen Commilitonen gleichzustellen. 



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Der Jade. Herausgeg. von ßietser. 80** 

Mit allen diesem soll jedoch nur so viel behauptet 
werden , dafs sich die jadische Bevölkerung der deut- 
schen Staaten im Ganzen, nicht aber, dafs sie sich iu 
allen ihren Individuen gehoben hat Doch wenn es auf 
den Höhen Tag wird , verbreitet sich die Helle nach 
und nach auch über die Niederungen. Wenn auch die 
Besseren und Besten des jüdischen Volks — und der 
Herausgeber der vorliegenden Zeitschrift gewifs am mei- 
sten — darauf mit allen Kräften hinarbeiten werden, 
diejenigen Stammesgenossen , welche noch keinesweges 
anziehend sind, weniger abstofsend zu machen, so mag 
doch, was Einzelnen zur Last gelegt werden kann, nicht 
Mafsregeln rechtfertigen, welche gegen die Juden über- 
haupt gerichtet sind. Das ist ja eben der Streitpunkt! 
Die Gegner der Juden sagen : Ihr seyd eine Nation , ihr 
seyd Fremdlinge, denen wir die Bedingungen nach Ge- 
fallen vorschreiben können, unter welchen euch der Auf- 
enthalt im Lande gestattet seyn soll. Die Stimmführer 
des jüdischen Volkes antworten : Wenn wir auch einer 
andern Abstammung sind, als diejenigen, unter welchen 
wir wohnen, so ist es doch unser fester Entschlufs, mit 
euch ein bürgerliches Gemeinwesen zu bilden. An un- 
sere Abstammung knüpfen wir nur unsere religiösen Ueber- 
Zeugungen. Wir wollen in Zukunft — oder einstweilen, 
bis dafs ihr erkennt, dafs wir uns auch dem Glauben 
nach mit einander befreunden können, — nur eine be- 
sondere Religionsgesellschaft bilden. Ist es nun nicht 
ein Widerspruch , in welchen ihr euch verwickelt, wenn 
ihr euer Verfahren gegen uns mit unserer Nationalität 
vertheidiget, und gleichwohl Alles thut, um zu verhin- 
dern, dafs sich unsere Nationalität auf die Anhänglich- 
keit an die religiösen Ueberlieferungen unserer Voreltern 
beschränke? Die Gesetze dürfen und sollen die wider- 
rechtlichen oder gefährlichen Handlungen Einzelner 
bestrafen. Aber ist es recht und billig, wenn man eine 
ganze Klasse von Landeseinwohnern unter eine streuge 
polizeiliche Aufsicht stellt, weil Einzelnen dieser Klasse 
nicht zu tränen seyn mag? 



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870 



Der Jude. Herauegeg. vou Rieflaer. 



Doch, wenn Thatsachen in Frage stehn, ist mit all- 
gemeinen Behauptungen wenig oder nichts gethan. Am 
besten überzeugen Zahlen. Ree. kann wenigstens eine 
Thatsache, welche gar sehr zum Vortheile der Juden 
spricht, durchZahlen beglaubigen. Aus den trefflichen 
Criminaltabellen , welche das Grofsherzoglich Badensche 
Justizministerium alljährlich bekannt macht, geht hervor, 
dafs, wenn man die Zahl der Verbrechen und Vergehen, 
welche von Christen und welche von Juden im Grofs- 
herzogthume begangen werden, mit dem Zahlverhältnisse 
zwischen der christlichen und der jüdischen Bevölkerung 
des Landes vergleicht, die bei weitem geringere Zahl 
auf die letztere kommt. — Wir wünschen übrigens, dafs 
der Herausgeber der vorliegenden Zeitschrift, sowohl in 
dieser als in andern Beziehungen, auch auf die Zahlen- 
Statistik seine Aufmerksamkeit richte, z.B. auf die Frage, 
ob in dem und dem Lande die Zahl der Juden , welche 
sich mit einem Handwerke oder mit dem Ackerbaue be- 
schäftigen, in einer gewissen Reihe von Jahren zu- oder 
abgenommen habe. 

Gemäfs ihrem vielumfassenden Zwecke zeichnet sich 
die Zeitschrift durch die Mannigfaltigkeit ihres Inhaltes 
aus. — Sie enthält z. B. Nachrichten von den Landtags- 
Verhandlungen und den Gesetzen der einzelnen deutschen 
Staaten, welche die Verhältnisse der Juden betreffen; 
und es sind diese Nachrichten zugleich mit kritischen 
Bemerkungen ausgestattet Namentlich unterwirft der 
Herausgeber die Verhandlungen der Stände in Baden, 
(1831 ) in Baiern, und in Hannover, in so fern sie sich 
auf jenen Gegenstand bezogen, einer Prüfung, diezwar 
streng, vielleicht auch zuweilen einseitig, aber nicht 
bitter oder muthwillig ist. — Eben so kommen in der 
Zeitschrift mehrere Abhandlungen vor, welche einzelne 
Thcile der Verfassung der jüdischen Gemeinden ins 
Licht setzen; z. B. S. 75. eine Abb. über cfie Rabbinen, 
S. 106. eine Abh. über das Schulwesen. Rft. hat diese 
Abhandlungen mit besonderem Interesse gelesen , dir sie 
so Manches enthalten, was dem christlichen Publicum 



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Wehnen, üb. d. Preufo. StaaUorg u. Staatadienerschaft. 871 

* 

weniger bekannt ist. Beide Abhandlungen sind zugleich 
für die eben so schwierige als inhaltsschwere Frage von 
Wichtigkeit, ob und wie die Regierungen zur Verbes- 
serung des inneren Zustandes der jüdischen Gemeinden 
beitragen können uud sollen. Man hat, (um diese Be- 
merkung mit einem Beispiele zu bestätigen,) in einigen 
deutschen Staaten den jüdischen Gemeinden des Landes, 
den einzelnen uud der Gesammtheit, eine Organisation 
gegeben, welche ein Gegenbild oder ein Nachbild von 
der Organisation der christlichen Religionsgesellschaften 
ist. Aber vielleicht hat man sich nicht genugsam vor 
dem Fehler gehütet, die jüdischen Rabbinen den christ- 
lichen Geistlichen gleichzustellen. Die Rabbiner sind 
nur Schriftgelehrte. Ihr Einflufs ist dem Fortschreiten 
des jüdischen Volkes schwerlich günstig; auf jeden Fall 
dürfte es nicht gerathen seyn, demselben, der ohnehin 
grofs genug ist, durch Staatsgesetze noch zu steigern. — 
Auch Recensionen giebt die Zeitschrift; z.B. eine Re- 
cension von Josts allgemeiner Geschichte des Israeliti- 
schen Volks. — Endlich machen wir noch auf eine Bio- 
graphie aufmerksam, (S. 182) welche dem frühver- 
storbenen Arthur Lumley Davids, den Verfasser einer 
Grammatik der Türkischen Sprache, zum Gegenstande hat. 

Schliefslich wünschen wir der Zeitschrift den besten 
Fortgang, auf dafs sich der Geist, in welchem sie redi- 
girt ist, immer weiter verbreite. 

Zacharia. 



Üeber den Geist der Preufsischen Staatsorganisation und 
Staatsdienerschaft. Pom Regierungsrath Dr. IVthnert. 
Potsdam, bei Ferd. Riegel. 1833. 106 S. 8. 

Die Schrift enthält zuvörderst eine prüfende Dar- 
stellung der preufsischen Staatsorganisation , d. i. der Or- 
ganisation der Regierungs- und Verwaltungsbehörden 
der preufsischen Monarchie. Der Verf. vergleicht diese 
Organisation mit den Grundsätzen , welchen die Organi 



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B72 Wehner t, üb. d. Preufs. Staatsorg. u. Staatsdienerschaft. 



sation der Staatsverwaltung in einem jeden monarchischen 
Staate entsprechen soll. Er zeigt im Einzelnen, clafs 
und warum die preufsische Staatsorganisation mit diesen 
Grundsätzen übereinstimme. Die Ausführung ist eben so 
belehrend , als anziehend , auch für das Ausland , für 
welches dieser Theil der preufsischen Verfassung aus 
mehr als einem Grunde der Gegenstand einer besondern 
Aufmerksamkeit ist. 

Dafs der Verf. , ein erfahrner Geschäftsmann , die 
preufsische Staatsorganisation aus eigener Erfahrung kennt 
und sie daher nach dem Leben schildert, braucht nicht 
erst bemerkt oder versichert zu werden. Dagegen wollen 
wir einige Stellen aus der Schrift wörtlich anführen, aus 
welchen sich ergiebt, wie richtig der Verf. die Forde- 
rungen aufgefafst habe, welche man an die Organisation 
der Staatsverwaltung eines monarchischen Staates machen 
kann. „Grundregel einer wohlüberdachten planmäfsigen 
Organisation der Staatsverwaltung," sagt der Verf. S. 2, 
„ist Erhaltung der Einheit bei unvermeidlicher Trea- 
nung; die Aufgabe ist, formelle Einfachheit mit innerer 
Lebendigkeit und organischem Zusammenhang zu ver- 
binden; das System besteht in durchgreifender Theilung 
nach Realbeziehungen, Centralisirung der Hauptmassen 
in den Händen Einzelner, und in hierarchischer Ordnung 
der Mittel- und Unterbehörden nach geographisch -ge- 
bildeten Verwaltungsbezirken und in Wechselwirkung 

gesetzten Attributionen." „Das monarchische Princip 

in seiner edleren Bedeutung fordert Streben nach mög- 
lichster Uebereinstimmung, um das Ineinandergreifen aller 
Räder der Staatsmaschine zu sichern; im Mittelpunkt 
vereinigen sich die Leitung und der IJeberblick, und 
durch die Zwischenräder werden die verrchiedenen Stufen 
iu einer dem Ganzen anpassenden Bewegung erhalten. 
Die rationelle Ausbildung der Staatseinrichtungskunst 
macht in unserm Jahrhundert einen Hauptgegenstand des 
öffentlichen Interesses und Nachdenkens aus; nach Ver- 
edlung der Staatseinrichtungen strebt die Bewegung des 
Zeitalters; mit dem Bestreben der Regierungen begegnen 



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Wehnert, üb. d. PreuTs. Staat« org. n. Staatsdienerschaft. 873 

sich die Wünsche der Völker; und es kann für die Sache 
des reiuen König.thums nur Gewinn seyn, die Segnungen 
einer aufgeklärten Staatsverwaltung und den Werth der 
vom Monarchen ausgehenden organischen Einrichtungen 
den Kraftäufserungen der aufgeregten Geister, die sich 
an der Grundlage der gesellschaftlichen Verbindung 
selbst versuchen möchten, entgegenzustellen. Keinem, 
der die Gesinnungen der deutschen Völker beobachtet 
hat, kann es entgangen seyn, dafs der Sinn aller Glassen 
ungleich mehr auf administrative Verbesserungen als auf 
Verfassungsfragen gerichtet ist, dafs der wahren Theil- 
nahme am Gemeinwesen in den Fortschritten der Regie- 
rungskunst ein reelles, würdiges, erreichbares Ziel dar- 
geboten wird, während die auf das Schrankenlose ge- 
wendete Unruhe meistens fruchtlos bleibt. Auf diesem 
naturgemäfsen Wege kann sich die Staatsdienerschaft 
berufen fühlen, in ihrem freien Wirken für die Interessen 
des Staats die Höhe der Einsicht zu repräsentiren , zu 
welcher das gesellschaftliche Leben durch die fortschrei- 
tende Bewegung der Geister vorgedrungen ist." Und 
S. 5: „Die grofse Erfahrung von dem unzertrennlichen 
Zusammenhange der staatsbürgerlichen Freiheit mit einer 
unerschütterlich begründeten Regentenmacht verbreitet 
immer mehr das Bedürfnifs der Einheit und Ordnung in 
der Staatsverbindung; und so wie die festbegründete Re- 
gierungsmacht die sicherste Gewährleistung der bürger- 
lichen Freiheit enthält, so ist auch wiederum die geord- 
nete bürgerliche Freiheit der sicherste Träger der Re- 
gentenmacht. Die wahre Freiheit ist nichts Anderes als 
Herrschaft des Gesetzes; eine solche kann der Regent 
um so leichter geben, als sie für ihn selbst Gewinn ist; 
jede andere Freiheit ist nichts als die Gewalt , eigen- 
mächtig zu handeln. Keine Zeit war so erfüllt von dem 
Drange nach Gesetzlichkeit, nach dieser einzigen wahren 
Schutzwehr rechtlicher Freiheit, als die neueste; diese 
Anhänglichkeit und Ehrfurcht für das Reich der Ge- 
setze, die feste Ueberzeugung, dafs Fürst und Volk im 
Gesetze zusammentreffen und im Begriff des Staats un« 



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874 Wehucrt, üb. d. Preul«. Staatsnrg. u. Staatsdicnerschaft. 

zertrennlich sind , ist die erste Bedingung; des Flors der 
Monarchieen , und von Seiten der Völker das Palladium 
der rechtmäßigen Freiheit" 

In dem zweiten Theile der Schrift, (von S. 86. an,) 
ist von der Stellung und von dem Charakter des Beam- 
tenstandes in Preußen die Rede. Die Verfassung wür- 
diget die Beamten nicht etwa zu hlofsen Maschinen herab. 
Sie haben vielmehr, der Verfassung nach, diejenige 
Freiheit des Wirkens, welche die Bedingung des wahren 
Patriolismus ist, und das einzige Mittel , Geist und Leben 
in der Staatsdienerschaft zu erwecken und zu erhalten. 
Auch aus diesem Theile der Schrift wollen wir eine Stelle 
(JS. -91.) wörtlich anführen. „Mit diesen organischen 
Einrichtungen steht die ganz eigentümliche Bedeutung 
des preufsischen Staatsdienerstandes, als des gebildetsten, 
geistig am meisten emancipirteu Theils der Nation, in 
enger Verbindung. Wie ein zahlreicher Mittelstand die 
Hauptstütze der Staaten ist, so wird wiederum eine den 
wahren Anforderungen des Staatslebens entsprechend 
gebildete Staatsdienerschaft der Kern und die Seele des 
Mittelstandes; in dem Stande der Staatsdiener stellt sich 
im Durchschnitt der Fond der Nationalbildung, das gei- 
stige Element des Öffentlichen Lebens dar; und es wird 
im preufsischen Staat nicht verkannt, dafs der Beamten- 
stand als ein tüchtiger Vertreter der in dem Volke woh- 
nenden Bildung und Einsicht angesehen werden kann, 
dafs in der Beamten - Aristokratie der fähigste und talent- 
vollste Theil der Staatseinwohner, die eigentliche ideelle 
Kraft des Volksgeistes zu finden ist. Der Mangel an 
Brauchbarkeit und Tüchtigkeit für die Staatsgeschäfte 
aufser dem Beamtenstande und im eigentlichen Volk ist 
so fühlbar, dafs man auch bei einer etwa weiter gehenden 
Entwickelung des constitutionellen Lebens des Mittels 
nicht würde entbehren können, vorzüglich Staatsdiener 
zum Wohl des gesellschaftlichen Zustandes in den Stände 
Versammlungen zuzulassen, und dafs diese gutgesinnte, 
den Gesainmtvorrath von Geschäftsübung in sich sch lies- 
sende Classe ohne Zweifel bald ein Uebergewieht über 



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Welincrt, üb. d. l'rcule. StaaUorg. u. Staatsdienerschaft. 875 

jene unpraktische Volksvertreter erlangen würde, die 
sich durch nichts empfehlen, als durch erheuchelten oder 
wirklichen Fanatismus für die wandelbaren Zwecke einer 
repräsentativen Oppositionssucht." 

Die Stelle ist -so inhaltsschwer, dafs sie der Gegen- 
stand eines ausführlichen Commentars werden könnte. 
Der Beamtenstand ist in Preufsen — und in mehreren 
anderen deutschen Staaten — etwas ganz anderes, als 
er, um eine sehr nahe liegende Vergleichung zu wählen, 
z.B. in Frankreich ist. Zahlreich, gebildet und unter- 
richtet, eines bleibenden und standesmäfsigen Auskommens 
sattsam versichert, von einem rühmlichen Korporations- 
geiste belebt, mit der Nation mannigfaltig verschlungen, 
bildet er unverkennbar eine Art von Nationalrepräsenta- 
tion. Wenn die Einführung einer reichsstädischen oder 
einer Repräsentativverfassung oder die einer solchen Ver- 
fassung zu gebende Einrichtung in Frage steht, so ist 
dabei die neue Stellung, welche der ßeamtenstand durch 
eine solche Verfassung erhalten könnte , vielleicht eben 
sosehr, als das Interesse des monarchischen Princips, in 
Erwägung zu ziehn. 

Wir glauben genug gesagt zu haben, um das Publi- 
cum auf die vorliegende treffliche Schrift aufmerksam 
zu machen. 

Schliefslich können wir den Wunsch nicht bergen, 
(wenn es auch unbescheiden ist, von einem Schriftsteller, 
der so viel geleistet hat, noch mehr zu fordern,) dafs 
es dem Verf. gefallen haben möchte, sich auch über 
das Verhältnifs zwischen den Gerichten und den Regie- 
rung«- und Verwaltungsbehörden zu verbreiten. Es sind 
in den neueren Zeiten einige Stimmen laut geworden, 
welche die Selbstständigkeit der preufsischen Gerichte 
in einigen Beziehungen zweifelhaft gemacht haben. Wir 
sind überzeugt, dafs die Sache auch eine andere Seite 
habe. Auf jeden Fall hätten wir gewünscht, auch über 
diesen Gegenstand von dem Verf. belehrt zu werden. 

Z a c h a r i ü. 



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876 Jankr, Abhandl). über Preufi. Städte-Ordnung u. n. w. 

Abhandlungen über einige der wichtigsten Theile der Preufsischen Städte- 
Ordnung, Städte - Verwaltung und Kommunal - Verfassung. In Ver- 
bindung mit Mehreren herausgegeben' von J. K. Th. Janke, Dr. 
der Phil, und K. Pr. Regierungsrat he zu Berlin. Eine Zeitschrift 
in zwanglosen Heften. I. u II. Heft. Potsdam, bei Ferd. Bieget. 
1833. 8. 

t 

Ueber den Zweck dieser Zeitschrift erklärt sich der 
Herausgeber so : Die Zeitschrift soll das Organ werden, 
durch welche biedere Vaterlandsfreunde ihre Erfahrun- 
gen, Wünsche und Ansichten über die Verfassung und 
Verwaltung der preufsischen Städte und Gemeinden (ins 
Besondere über die k. preufsische Städteordnung) zum 
Nutzen , zur Belehrung und Belebung aussprechen. — 
Nach dem Inhalte der vorliegenden beiden ersten Hefte 
zu urtheilen, darf Rft. hoffen, dafs es dem Herausgeber 
gelingen werde, diesen wichtigen Zweck zu erreichen. 

Das erste Heft enthält mehrere Abhandlungen, 
welche den Herausgeber zum Verfasser haben und, wenn 
auch unmittelbar nur die Stadt Berlin , doch zugleich 
Fragen von einem allgemeinen Interesse betreffen, z.B. 
die Fragen von den städtischen Steuern, von der Gewerb- 
freiheit, von dem Armenwesen. Wir wollen aus diesen 
Abhandlungen , die übrigens Allen empfohlen werden 
können, die sich (in Preufsen oder anderwärts) für die 
Verwaltung städtischer Gemeinwesen interessiren, nur 
Einiges herausheben. Die Einwohnerzahl hat sich in 
Berlin seit 1815. von Jahr zu Jahr bedeutend vermehrt; 
zugleich aber auf eine höchst bedenkliche Weise die 
Armuth. (Der Herausgeber theilt zur Bestätigung der 
einen und der andern Thatsache mehrere interessante 
Data mit, welche aus amtlichen Berichten entlehnt sind. 
Sie gehen jedoch nun bis zum J. 1828. Nach den poli- 
zeilichen Seelenlisten lebten in diesem Jahre innerhalb 
der Ringmauern von Berlin 206,566 und aufserhalb der- 
selben in den engeren Polizeibezirken der Stadt 15,161 
Personen, also zusammen 219,613, das Militär nicht 
mitgerechnet. Im Jahre 1815. betrugen die Familien 
der Eigenthümer und Miethsleute 40,211 , im Jahre 1828 



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Janke , Abhandll. über Preufs. Städte-Ordnung h. «. w. 877 

aber 49,935. Vermehrung : 9664. Im Jahre 1815. gab 
es nur 2122 Familien, die Armuthshalber frei von der 
Kommunalsteuer waren, im Jahre 1828. aber 8556 solche 
Familien. Vermehrung: 6434. Demnach übertrugen 
sonst 15 Familien eine dürftige; im J. 1828. mufsten 
4 1 /2 Familien die Kosten einer dürftigen Familie über- 
nehmen.) Der Herausgeber verbreitet sich ausführlich 
über die Ursachen dieser besorglichen Zunahme der Ar- 
men, und seine Ansichten verdienen gewifs alle Beach- 
tung, wenn sie auch, der Natur der Sache nach, nicht 
allgemein Beifall finden dürften. Die Hauptursachen 
scheinen die im J. 1811. eingeführte Gewerbsfreiheit 
und die von den Einwohnern zu entrichtende Armen- 
taxe zu sevn; doch sind wohl der Uebergang vom 
Kriegszustande in den Friedenszustand und das in allen 
grofsen Staaten bemerkbare Zudrängen zur Hauptstadt, 
(wo Manche ein Eldorado zu finden glauben,) — viel- 
leicht auch noch eine andere tiefer liegende Ursache, 
von welcher ich an einem andern Orte zu sprechen ge- 
denke, — kaum von geringerer Bedeutung. Auf die 
erste dieser Ursachen, auf die Gewerbsfreiheit, scheint 
uns der Herausgeber zu wenig Gewicht zu legen. Wir 
sind zwar weit entfernt, die Meinung derjenigen zu thei- 
len, welche, (wie der Herausg. anführt,) diese Ursache 
für die einzige halten oder wegen dieser Folge der 
Gewerbsfreiheit die Wiederherstellung des Zunftzwanges 
verlangen. Kein Gut ohne ein Uebel ! (Die Religion 
ist unser höchstes Gut und doch — tantum religio po- 
tuit suader e malorum?) Wir geben auch gern zu, 
dafs die Gewerbsfreiheit in den ersten Jahren nach ihrer 
Einführung nachtheiliger, als in der Folge und nachdem 
eigne oder fremde Erfahrungen vorsichtiger gemacht 
haben, wirkt Aber das kann schwerlich geleugnet 
werden, dafs das Zunftwesen ein Hemmnifs der Ueber- 
völkerung und der Verarmung ist. Das ist vielmehr der 
einzige Grund, mit dem das Zunftwesen vertheidiget 
werden kann. Das Zunftwesen gewährt diesen Vortheil 
sogar dadurch, dafs es die Vervollkommnung 



i 



i 



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878 Janke, Abhandll. über Preufs. Städte-Ordnung o. n. w. 

der Gewerbe verhindert. Denn wo Gewerbsfrei- 
lieit besteht, da läuft der ältere Meister allemal Gefahr, 
seine Kundschaft über kurz oder Ober lang an den jün- 
geren und besser unterrichteten oder thätigern Meister 
zu verlieren. Gegen dieses mit der Gewerbsfreiheit ver- 
bundene Uebel giebt es vielleicht nur ein einziges Mittel, 
das in der Macht des Staates steht, — die Aufnahme 
neuer Bürger so zu erschweren, dafs man nur die, 
welche ein verhältnifsmärsig bedeutendes Vermögen nach- 
weisen können, zuläfst. Wir wissen recht wohl, dafs 
über dieses Mittel, als über eine Beschränkung 1 der 
bürgerlichen Freiheit, von gewissen Leuten, die sich 
Freunde der Freiheit nennen, der Stab gebrochen wer- 
den wird. Aber, indem man für die Freiheit streitet, 
vergifst man nur zu oft der physischen Bedingungen, 
ohne welche die äufsere Freiheit ein Unding ist. Jedoch 
die Armentaxe möchte gleichwohl die wirksamere Ur- 
sache seyn. Auch der Herausg. klagt über die UnvoJI- 
kommenheit der diese Taxe und das Armenwesen über- 
haupt betreffenden preufsischen Gesetze ; er fugt zugleich 
mehrere beachtungswerthe Verbesserungsvorschläge hin- 
zu. Wir würden aber noch einen Schritt weiter gehn, 
wenn wir auch keineswegs die Schwierigkeiten verken- 
nen , welche man zu besiegen hat , sobald man eine Mafs- 
regel, die man bereits ergriffen hat, wieder zurück- 
nehmen will. Eine jede Armentaxe ist ihrem 
Wesen nach ein Uebel und ein_gröfserea, als 
dasjenige, welchem man durch sie abhelfen 
will. Es ist bis jetzt wenigstens dem menschlichen Ver- 
Stande nicht gelungen und es wird ihm schwerlich je 
gelingen, den nachtheiligen Folgen einer solchen Taxe 
und den von der Verwaltung der Taxe fast unzertrenn- 
lichen Mifsbräuchen vorzubeugen. Warnend ist Eng- 
lands Beispiel; es ist bis jetzt dem vereinten Scharfsinne 
der Staatsmänner und der Schriftsteller dieses Landes 
nicht geglückt, das Uebel zu heilen oder auch nur dessen 
Fortschreiten zu hemmen. Ein Recht auf Wohlthä- 
tigkeit macht Bettler. Aber, was an die Stelle einer 



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Janke, Abhnndtl. über Freu Ts. Städte-Ordnung u. s. w. 87!) 



Armentaxe Selzen? Kehren wir zur Weisheit unserer 
Voreltern zurück! Bei diesen war die Armenpflege le- 
diglich und allein eine Angelegenheit der Kirche. Das 
ist sie noch in mehreren deutschen Ländern, und das 
sollte sie wohl überall seyn oder bleiben. Die Geistli- 
chen kennen in der Regel die Mitglieder ihrer Gemeinde; 
sie wissen zu den Herzen der wohlhabenderen zu spre- 
chen; eine Wohlthat aus ihren Händem empfangen, wür- 
diget nicht den Empfanger herab, wie das von andern 

Händen vertheilte Almosen u. s. w. 

» 

Wir haben uns bei dem Inhalte des ersten Heftes so 
lange verweilt, dafs wir den Inhalt des Zweiten nur mit 
wenigen Worten angeben können. Dieses zweite Heft 
enthält: 1) Eine Abhandlung des Herausgebers mit 
der Ueberschrift : Der Preufsische Städtebürger und 
Stadtverordnete nach der Slädteordnung vom 19. Novbr. 
1808. (Ein schätzbarer Commentar zu diesem Gesetze 
in Beziehung auf die in den Gegenstand der Abhandlung 
einschlagenden Stellen.) 2) Grundzüge einer ländli- 
chen Kommunalordnung für Preufsen. Vom Staatsrathe 
Krause in Erfurt. (Eine treffliche Vorarbeit zu einem 
Gesetze. Durch die Mafs regeln wegen Auseinander- 
setzung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse 
ist auch hier der Weg zum Ziele gebahnt.) 3) Nach- 
richten von den neueren Schicksalen der Stadt Königs- 
berg. — In der Folge wird die Zeitschrift auch Re- 
censionen geben. 

Zaehari ü. 



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880 



Spectilatite Philosophie. 



1) Hegel* Vorlesungen über die Philosophie der Religion, 

nebst einer Schrift über die Beweise vom Daseyn Gottes , herausge- 
geben von Dr. Ph. Marheinecke. 2 Bände. Berlin 1832. 

2) Die Idee der Gottheit, eine philosophische Abhandlung ; als 
wissenschaftliche Grundlegung zu einer Philosophie der Religion 
von C. //. H'eifse, Prof. der Philosophie an der Universität zu 
Leipzig. Dresden 1833. 

3) Die Grundzüge der philosophischen Religionslehre 

dargestellt von J. TA. A. Suabedissen , Prof. zu Marburg. 
Marburg und Kassel 1831. 

4) J. Erichson, Professor der Philosophie zu Greifswalde: über 
die Theodicee ; über das moralische und äs t he tischt 
Vebely Probleme der Theodicee} über d&n Endzweck 
der Welt. Drei Reden, zur Feier des Geburtstages des König* 
von Preufsen in den Jahren 1880 — 32. gehalten an der Universität 
zu Greifswaide. 

Sicherlich gehört zu den bedeutendsten Erschei- 
nungen der gegenwärtigen philosophischen Epoche da* 
überall kundwerdende Bestreben, den bisherigen Gegen- 
satz von Glauben und Frkennen völlig abzustreifen , und 
auf dem Wege reiner Vernunftforschung die Religion zur 
Wissenschaft zu erheben. Wohl erkennt man nämlich, 
dafs nur also die Heilung der vielfachen Zweifel und Spal- 
tungen möglich sey, die jetzt nicht nur die wissenschaft- 
lichen Theologen, sondern das Innere der christliche 
Gemeine selbst zerreifsen ; dafs nur aus der Klarheit freien 
Erkennens eine lebendige und fortwirkende Erneuerung 
wahrer Religiosität sich erwarten lasse. Weniger allgemein 
möchte dagegen zugestanden werden, dafs umgekehrt 
auch die Speculation erst dann, wenn sie das Gemüf/i, die 
religiösen Anforderungen tief und ganz zu befriedigen 
vermag, mit Einem Worte: wenn sie eine christliche 
geworden ist in wahrem und lauterem Sinne, selbst formell 
das Siegel der Reife irnd Vollendung an sich trage. Dafs 
übrigens in dieser Forderung die Würde des Gedankens 
nicht gefährdet, derselbe vielmehr zu seiner höchsten 
Vollendung aus und durch sich selbst aufgemahnt werden 
soll, versteht sich; und wie vielfach auch in dieser Sphäre 
speculativer Untersuchung die Differenz der Ansichten 
sey, über das Princip reiner und unbedingter Forschung 
selbst findet kaum irgend ein Streit mehr Statt. 

(Die Fortsetzung folgt.) 



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N°. 56. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 



Speculativc Philosophie, 

(Fortsetzung.) 

•» 

Dagegen scheint man sich von manchen Seiten diese 
endliche Versöhnung von Religion und Philosophie, und 
die damit zusammenhängende Vollendung der letzteren 
näher vorzustellen , als sie wirklich ist. Man möchte den 
Anfang für das Ziel, die eiste Aussaat für die Aerndte 
halten, die Einzelne, weil sie selbst an der Zeit sind, 
schon einzusammeln sich anschicken. Ja mehr noch bilden 
Andere sich ein, Feigen lesen zu können von den Dornen, 
und Trauben von den Disteln; und so zuversichtlich 
glauben sie, die eigensten und individuellsten Lehren in 
ihren abstrakten Formeln eingefangen zu haben, dafs es 
Noth thut, indem wir im Begriff sind, die oben ange- 
führten Schriften über Religionsphilosophie zur verglei- 
chenden Beurtheilung zu bringen, vorerst an den scharf 
ausgeprägten Charakter des Christenthums zu erinnern, 
damit die abstumpfende Auffassung und Auslegung des- 
selben, die sich für philosophische Behandlung giebt, 
daran gehörig sich contrastire. 

Das Christenthum an sich ist gar nicht speculativen 
Inhalts oder hat die Absicht solcher Unterweisung. Das 
Kosmogonische oder Mythische der altern Religionen 
schliefst es gerade aus ; nur , dafs die Welt freie Schöpfung 
des göttlichen Geistes und Willens ist, den Gedanken 
der Urpersönlichkeit Gottes über der Welt hält es fest 
und scheidet sich dadurch von jeder pantheistischen Re- 
ligion und Weltansicht. An den Menschen vielmehr ist 
es gerichtet, und beginnt lehrend eigentlich erst mit 
ihm, wie er sich findet in seinem Selbstbewufstseyn und 
Gewissen, im gesammten Verhalten zur Natur und zu 
sich selbst, seys im Einzelnen wie im ganzen Geschlechte. 

XXVI. Jahrg. 9. Heft. 56 



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802 



9 

Speculative Philosophie. 



Hier kann sich ihm nun nicht verbergen das Gefühl der 
tiefen Zerrissenheit und Ungenüge, aber auch der Schuld, 
und, in dieser endlosen Verflechtung, der forterbenden 
Sünde. Auf der einfachen Anerkenntnis dieses Faktums 
beruht das Christenthum. Dadurch erhält der Gedanke 
einer Erlösung, Wiederherstellung erst Sinn und reale 
Bedeutung, ist nicht b!os Allegorie oder in Vorstellung 
gehülltes Philosophen!. Ebenso ist es dabei nicht mit 
der blofsen Idee, mit dem subjektiven Gedanken einer 
Erlösung gethan, sondern Chnistus, diese Person, ist 
der Bürge wie der Mittelpunkt für die Wahrheit der- 
selben; und wie die Geschichte in Vergangenheit und 
Gegenwart erst durch dies in ihr niedergelegte und sich 
verwirklichende Erlösuiigselement Inhalt und Bedeutung 
empfangt; so müssen auch für die Zukunft prophetische 
Weisungen die Gewifsheit seiner Fortwirkung und seines 
endlichen Sieges bis an das Ende der Tage hinausführen. 
Dergestalt in sich abgerundet, aber aus Lehre in Wir- 
kung stets hinübergreifend, ist das Christenthum etwas 
durchaus Thatsächliches, sich selbst berührende und neu 
erweisende Energie: es beruht auf der Anerkennung 
freier Persönlichkeit, in Gott wie im Menschen, deren 
innerster Verkehr mit einander die Sphäre seines gehei- 
men offenbaren Waltens ausmacht. Daraus ergiebt sich 
der Begriff der Kirche, der Gemeine, des Cultus und 
des Sacraments. Die erlösende Anstalt, auf Christum 
und seinen Namen gegründet, ist die Kirche, die immer 
siegreicher und tiefer diese Erlösung in der Gemeine zu 
verwirklichen hat; deren gemeinsame Heiligung durch 
Lehre, Erbauung, wechselseitiges Beispiel ihr nie auf- 
hörender Cultus ist. Aber das Christenthum richtet sich 
* an den ganzen , ungetheilten Menschen : auch sein un- 
mittelbar leibliches Daseyn soll geweiht, von heiligen- 
dem Einflüsse durchdrungen werden. Dies ist die Idee 
des Sacraments als Taufe und Abendmahl. Aber die 
gan2e irdische Gegenwart, die Zeitlichkeit, ist selbst 
nur Bruchstück der Ewigkeit; lediglich in Bezug auf 



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Spcculutive Pliilogopliie. 



883 



diese, als Vorbereitung auf das Himmelreich, ist dem 
Irdischen Werth gegeben, und ohne den ernst- und 
wahrgemeinten Gegensatz eines Jenseits und Diesseits, 
eines Künftig und Jetzt ist der Charakter des Christen- 
thums dahin ! Hieran schliefst sich die Lehre von einer 
innigeren Vereinigung mit Gott nach diesem Leben, oder 
einer weitern Entfernung von ihm. Aber auch hier wird 
Seligkeit und Verdammnifs an die ganze ungetheilte Per- 
sönlichkeit geknüpft; es ist nicht eine vage Unsterblich- 
keit der Seele, noch weniger eine abstracte Ewigkeit in 
Gott: auch die Leiblichkeit ist unabtrennbar vom per- 
sönlichen Daseyn; sie ist nicht zufällige Hülle, sondern 
die un vertauschbare, ausgeprägte Wirklichkeit der Seele 
selber. Dies bezeichnet die Lehre von der Auferstehung 
des Leibes, über welche die Begriffe hergebrachter Auf- 
klärung wie bisheriger Speculation sich noch am wenig- 
sten haben zurechtfinden können. . 

Diese Hauptzüge reichen hin, um zu bezeichnen, 
worauf es uns ankommt. An sich ist nämlich durch das 
blofse Zeugnifs, dafs Etwas christlich sey, über die ob- 
jektive Wahrheit desselben wissenschaftlich noch Nichts 
entschieden; aber es handelt sich hier davon, seinen 
wesentlichen Gehalt nicht zu verlieren , welchen eine 
rationalistische Auslegung wie eine abstracte Begriffsme* 
faphysik fast gänzlich" nivellirt und ausgeleert habe. Jene 
hat allerdings sich selbst überlebt; aber an ihre Stelle ist 
neuerlich eine speculative Behandlung getreten, welche, 
indem sie, wie sie sagt, jenen christlichen Inhalt denkt, 
nicht blos über ihn denkt, damit zugleich behauptet, 
ihn nach seinem objektiven Bestände erst gewonnen, ja 
gerettet und wiederhergestellt zu haben. Die nachfol- 
gende Vergleichung mag zeigen, ob dem in der That 
also sey! 

Niemand verkennt, dafs wir hierbei besonders die 
religionsphilosophischen Arbeiten der Hegefschen Schule 
im Auge haben. Indem wir jedoch jetzt die Darstellung 
des Meisters selbst besitzen, unstreitig das Wichtigste, 



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884 Specnlative Philosophie. 

was über diesen Gegenstand seit lange her erschienen 
ist; mufs jener Vorwurf entweder bestätigt oder zurück- 
genommen werden. Aber selbst im ersteren Falle soll 
darin kein Tadel liegen, oder eine Anklage in gewöhn- 
lichem Sinne. Mehr oder Anderes nämlich von einem 
Erkenntnifsstandpunkte zu verlangen, als er darzubieten 
vermag, ist baare Ungerechtigkeit: nur sollte er selbst 
sich nicht zumuthen, was er nicht vermag, am wenigsten 
jedoch über seine sqharfgezogene Grenze hinübergreifen 
wollen in ein Gebiet, was ihm schlechthin unzugänglich 
bleibt. Der durchgreifende Grundmangel der Hegel'- 
schen Philosophie besteht darin : mit der Idee von Gott 
nur bis zum Begriffe des logischen Processes, der unend- 
lichen Weltdialektik gelangt zu seyn, ohne deti wahr- 
haften Begriff des absoluten Geistes, den der Persön- 
lichkeit, zu finden; überhaupt das grofse Princip, daß 
Alles Vernunft, Gedanke sey, auf das Formelle 
der blos logischen Momente des Denkens zurückbrin- 
gen zu wollen. So wie nun an einer andern Stelle ein- 
dringlich gemacht worden, dafs, bevor die Philosophie 
über diese abstracte Auffassung nicht gründlich und voll- 
ständig hinausgebracht ist, an eine Versöhnung derselben 
mit Erfahrung, Leben, mit allen Richtungen der geisti- 
gen Bildung nicht zu denken sey; und dafs gerade bei 
diesem Punkte Hand ans Werk gelegt werden müsse zu 
der rechten Fortentwicklung: so ist es der Zweck ge- 
genwärtiger Abhandlung, das Gleiche in Bezug auf ihr 
Verhältnifs zum Christenthum zu zeigen: nur eine Phi- 
losophie, nicht des Begriffes, sondern der Freiheit, kann 
auch eine christliche werden. Auch in den He gel- 
schen Vorlesungen über Religionsphilosophie tritt dieser 
Grundmangel des Princips noch überall hervor, selbst 
hier ist ihm Gott noch nichts mehr geworden, als der 
wohlbekannte dialektische Procefs der Idee: als Anderes 
ihrer selbst sich entgegenzusetzen , diese ewige Selbst* 
entzweiung eben so sehr aber wieder aufzuheben, und 
so, durch die Aeufserlichkeit der Natur, zu sich selbst 



» 



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Speculattvc Philosophie. 



885 



als dem Geiste zurückzukehren. Dieser unendliche Procefs 
der Welt- und Menschwerdung Gottes ist die Schöpfung: 
die Menschwerdung seine Personificatiou und sein Be- 
wufstwerden, und dies das höchste Ziel wie das Geheimnifs 
alles Daseyns, und so auch des Christenthums. Der 
Gott christlicher Lehre ist dagegen der ewig persön 
liehe: er hat geschaffen und sich offenbart , weil er es 
wollte; die Welterlösung ist nicht dialektischer Mo- 
ment, sondern freie Gabe an den freien Menschengeist 
Hiermit ist ein anderes Gebiet, eine neue, jenem For- 
malismus völlig unzugängliche Betrachtungsweise eröffnet. 
Zwar spricht Hegel oft davon, und auch in diesem 
Werke ist es sein wiederkehrender Lieblingsgedanke : dafs 
Gott nicht neidisch sey, dafs er sich und seine Natur 
dem Menschen offenbart habe. Wie kann jedoch Neid- 
losigkeit dem nachgerühmt werden, der seine Gabe 
nicht vorenthalten kann? Denn gleichwie der Begriff 
des Grundes die weitere Bestimmung einschliefst, nur 
in seiner Folge 6ich zu manifestireu und wirklich zu 
«eyn ; so liegt es im Begriffe dieses Gottes, sich zu of- 
fenbaren, falls man dies nämlich überhaupt noch Offen- 
barung nennen mag: denn er ist selbst nur der sich 
offenbarende Procefs ; und Alles bewegt sich in der Not- 
wendigkeit des apriorischen Begriffs, wie ein dialekti- 
sches Rechenexempel ! So kommt er mit der vermeinten 
Tiefe speculativer Auffassung eigentlich nur zu einer an- 
dern Art rationalistischer Accommodation und Verwü- 
stung: die speciellsten Lehren und Aeufserungen Christi 
müfsten sich bequemen, nur im Sinne jener Begriffsab- 
stractionen ausgedeutet zu werden. Die Erlösung durch 
das Christenthum , die künftige Seligkeit ist nur das ab- 
strakte Bewufstseyn des Menschen von seiner Einheit 
mit Gott, d.h. das Bewufstwerden Gottes in ihm: das 
Böse und die Sünde das formelle Aufsergottseyn , die 
unmittelbare Bewufstlosigkeit des Menschen über jene 
Einheit; die Unsterblichkeit wird aufgefafst als die 
Ewigkeit des denkenden Geistes in Gott, das Himmel- 

s 



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88« Spekulative Philosophie. 



reich und das ewige Leben als der Zustand des zur Wahr- 
heit gelangten Bewufstseyns in der Gegenwart. Noch 
haltungsloser wird die Deutung, wenn selbst historische 
Thatsachen, wie der Tod und die Auferstehung Christi, 
als Momente des Begriffes behandelt und für die dia- 
lektische Explication der allgemeinen Natur Gottes er- 
klärt werden: sein Tod für die in Gottes Wesen gesetzte 
ewige Negation, seine Auferstehung Ton den Todten, als 
der fernere Moment, diese dialektische Negation wieder 
aufzuheben und sie zu überwinden. Hat je ein Doket. 
ein Gnostiker willkührlicher und nüchterner allego- 
risirt ! 

Dennoch steht, was nicht zu übersehen, wissen- 
schaftlich betrachtet der abstracte Begriff am An- 
fange der vollendeten Wahrheit, .und nur durch jenen 
ist auch zu ihr zu gelangen. Es ist nämlich der grofse 
Gang speculativer Fortbildung, das Abstracte, als die 
Grundlage, mehr und mehr in sich zu vertiefen, und 
sie selbst dergestalt zur Lebendigkeit und Freiheit fort- 
zuführen. So enthält auch jener Standpunkt die Wahr- 
heit, nur noch in ihren allgemeinsten Grundzügen und 
in halber Entwicklung begriffen. Und dies gilt auch 
in vollem Mafse von der Hegelscheu Religionslehre, 
welche nicht nur eine acht speculative, sondern wahr- 
haft religiöse Seite darbietet. Daher auch das Gepräge 
der hohen Resignation, ja .der Erhabenheit, we/ches 
veredelnd auf ihr ruht. Sie kann als vollendete Mystik 
des Begriffes charakterisirt werden, nahe verwandt mit 
der der Phantasie oder des Gemüths: auch sie macht die 
Einheit der Seele mit Gott zum Mittelpunkte ihrer Lehre, 
aber, wie dort phantastisch oder blos gefühlvoll, so hier 
nur abstract gehalten, und, worin eben das Wesen aller 
Mystik besteht, nur noch halbentwickelt, und nicht zur 
Freiheit und Freudigkeit lebendiger Wahrheit entfaltet. 
Daher denn auch das Anziehende derselben und das Ab- 
stoßende zugleich in dieser Verflechtung und seltsamem j 
Wechsel Wenn jedoch, auch dem minder Kundigen 



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Spcculative Philosophie. 



887 



fühlbar, ein verborgenes Grundgebrechen wie ein ge- 
heimes Weh das Ganze durchzieht, ja wenn es stellen- 
weise in einem grellen Mifstone plötzlich hervorbricht: 
selbst dieser wird beschwichtigt durch die reine und 
hohe Religiosität, welche als Gesinnung überall sich 
offenbart, und so nahen wir dennoch mit anerkennender 
Verehrung und Dankbarkeit dem reichhaltigen Werke zu 
dessen näherer Betrachtung. 



Der Plan des Ganzen ist mit bewundernswürdiger 
Kraft und Begriffsstetigkeit entworfen und durchgeführt. 
Es ist ein Unternehmen so neu als an sich von der gröfsten 
Bedeutung, die historischen Erscheinungen der Religion 
mit dem Begriffe zu durchdringen, um sie theils in ihrer 
scharfen Sonderung aufzufassen, theils doch auch die 
Eiqe, durch sie hindurchgehende Grundidee zu recht 
fertigen. Dennoch zeigt sich hier schon in der Auffas- 
sung der vorchristlichen Religionen , viel mehr noch 
später, die Einseitigkeit des ganzen Standpunktes kennt- 
lich genug. 

Als Aufgabe dieser Vorlesungen wird bezeichnet 
( II. S. 288.) : die Vernunft mit der Religion zu versöh- 
nen, und diese in ihren mannigfaltigen Gestalten als 
noth wendige zu erkennen. Religion ist — was als 
abstraktester Ausdruck Wahrheit hat, — dasBewufst- 
seyn Gottes; in unmittelbarer Weise als Glauben; 
in vermittelter, denkender, als Philosophie: wodurch 
denn mit Recht der Religion wie Philosophie derselbe 
Inhalt vindicirt wird. — Nun kann jedoch die Religion 
ihrem Begriffe unangemessen seyn; daraus ergiebt sich 
der dialektische Procefs : dafs die dem Begriffe nicht 
entsprechenden Religionen aus sich selbst zur abso- 
luten Religion sich vollenden müssen. Dieser Fortgang 
des Begriffes ist zugleich das objektive Hervorbringen 
der wahren Religion: der Geist der Weltgeschichte 



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Spekulative Philosophie. 



realisirt eben jenen dialektischen Procefs, und es ist 
seine Arbeit durch Jahrtausende gewesen, ihn zu vollen- 
den. (I. S. 119. 183. 184.) — So erheben sich schon 
diese Fundamentalerklärungen nirgends über den Be- 
griff des absoluten Processes zur Idee der Persönlich- 
keit und einer freien Offenbarung , welche Bornirtheit 
der Grundansicht im Folgenden nur noch härter und 
abschneidender hervortritt. 

Aber auch die einzelnen beschränkten Religionen, 
wiewohl nicht entsprechend ihrem Begriffe, enthalten 
ihn wenigstens in sich; sonst wären sie überhaupt nicht 
Religion. Sie sind nur besondere Momente des Be- 
griffes: er ist da in ihnen, aber noch nicht als völlig 
verwirklichter. 

Die Unmittelbarkeit ist das Naturliche: daher ist 
die erste, die Religion in ihrer Unmittelbarkeit, — 
die Naturreligion; ihr Standpunkt — Einheit des 
Geistigen und Naturlichen. Eine unmittelbare Existenz, 
Sonne, Thier, Flufs u. s. w., wird als Gott gewußt. 
(I. S. 202.) — Die niederste Form derselben ist u"ie 
Religion der Zauberei (S. 220 ff.), deren Wesen es 
ist, dafs das Geistige absolute Macht über die Natur 
habe. Dies ist zunächst jedoch nur noch das einzelne, 
empirische Selbstbewufstseyn des Menschen, der sich 
höher weifs, als die Natur, und so durch Vorstellung 
und Willen, unmittelbar (magisch, zauberisch) einwir- 
ken zu können glaubt auf dieselbe. Dies sey die „äl- 
teste" Weise der Religion, und ihre wildeste, roheste 
Form. (S. 223.) Abgerechnet, dafs hier und an andern 
Stellen die ganz unhistorische, wiewohl in der Conse- 
quenz des Princips liegende Ansicht hindurchblickt, dafs 
diese Religion, als dem Begriffe nach die unvollkom- 
menste, auch die älteste seyn müsse: so scheint mehr 
noch in der ganzen Auffassung ein Irrthum zu liegen, 
der weit in das folgende hinübergreift. — Nur da kann 
noch von Religion die Rede seyn, wo der Mensch 
über sich ein Allgewaltiges erkennt, sich ihm unterwirft, 



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Spekulative Philosophie. 880 

oder, seine Uebermacht anerkennend, es wenigstens zu 
seinem Besten zu Jenken, für sich zu gewinnen sucht. 
In dem Bewufstseyn magischer Gewalt des Menschen 
über die Natur aus sich selbst, wie es hier darge- 
stellt wird , wäre daher das letzte Element des Religiösen 
ausgetilgt. Aber der ganze Begriff ist überhaupt nur 
aus falscher, dem Principe des Systemes accommodirter 
'Auffassung hervorgegangen, wie nicht minder der des 
Petischdienstes. (S. 231) Es giebt nirgends sol- 
ches Bewufstseyn und Verhalten des Menschen zur Natur. 
Ueberall vielmehr, auch in seiner tiefsten Erniedrigung 
und rohesten Gestalt, scheuet oder verehrt der Mensch 
eine unsichtbare Macht, ein furchtbar Unbekanntes, das 
fördernd oder störend plötzlich über ihm hervorbrechen 
kann. Dies unentfliehbar beengende Gefühl des Menschen 
ven seiner Abhängigkeit ist jedoch nur die erste rohe 
Hülle, der Boden, worin die Offenbarung des Geistes 
Gottes ihm aufgeht. Daher ist jenem das Göttliche 
noch ein Geheimes, Verschlossenes, schwer zu Enträth- 
selndes: Alles droht, weil es ein Unbekanntes ist; daher 
jede ahnungsvolle Naturerscheinung, jedes merkwürdige 
Geschöpf ihm Symbol dieser Macht wird , und so schafft 
es sich Fetische, die Träger und gegenwärtigen Sinn- 
bilder jenes geheimnifsvollen Waltens. Aber eng ver- 
bunden mit dieser superstitiösen Götterfurcht ist die 
Theurgie, gleichfalls ein fast durch alle Religionen 
sich hindurchziehendes Princip. Die Verehrung, der 
Cultus gewinnt und besänftigt die drohenden Gewalten: 
da meint der blinde, in Aeufserlichkeit erstarrte Sinn, 
durch die Gebet- und Beschwörungsformel selbst diese 
Macht sich unterwerfen, zum eigenen Dienste zwingen 
zu können. So sind die Schamanen , die Naturzauberer 
aller Art Theurgen im rohesten Sinne: nicht durch ihre 
Persönlichkeit, ihr Selbstbewufstseyn meinen sie Stürme 
und Gewitter beherrschen zu können, sondern durch die 
Zauberformeln, die sie erlernt haben, die durch alte 
Tradition ihnen überliefert sind. Ueberhaupt ist die 



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890 



Spcculative Philosophie. 



auch von Hegel (I. S. 376.) angeführte Tempel inschrift 
zu Sais der Schlüssel zu allen heidnischen Religionen, 
zumal den rohesten und aberglaubigsten : „Ich bin, was 
war, ist, und seyn wird: aber meinen Schleier 
hat noch Niemand gehoben." 

Als die zweite Form der Naturreligion wird die 
jüdische aufgeführt, die Religion der Phantasie. 
(S. 275 ff.) Wir müssen es tief und bezeichnend nennen, 
wenn von dieser gesagt wird , dafs sie zwar an das Höchste 
der Idee erinnere, aber auch die Verkümmerung an sich 
trage , in der Zerflossen he it der einzelnen Göttergestalten 
die geistige Einheit nicht festhalten zu können, wodurch 
sie zur Mißgestalt des rohesten Aberglaubens herab- 
sinkt. Wirklich sehen wir in Religion und Philosophie, 
dafs , je wahrer und tiefer ein Erkenntnifsprincip an sich 
ist, aus seiner abstracten oder einseitigen Auffassung eio 
desto widrigerer Irrthum hervorgeht, wie auch gerade 
die Verzerrung der edelsten Gestalt die grauenvollste und 
widrigste ist. So wird in der indischen Religion, außer 
der pantheistischen Grundlage: (Brahm ist Alles;) alles 
Uebrige durch die Phantasie endlos und oberflächlich 
personificirt. Grofse Naturgegenstände, sinnliche Natur- 
gewalten , geistige Leidenschaften oder Kräfte werden 
phantastisch als die Bethätigungen Brahms aufgefafst; 
und so entsteht eine unendliche, willkührlich erdachte 
und dem Spiele der Phantasie unterworfene Götterwelt; 
welche wieder von der pantheistischen Abstracüon des 
Einen in Allem absorbirt wird. 

Der Begriffsübergang von hier aus zum Parsismus, 
als der Naturreligion des Guten (S. 336. 37. 342.) 
ergiebt sich nicht ohne einige Harte. Brahm war 
das noch Bewufste und Bestimmungsloseste, die ab- 
stracte Substanz. Diese mufs zur logischen Selbst- 
bestimmung fortgehen , und diese Selbstbestimmung; ist 
das Gute. Das Gute jedoch in der Form der reinen 
Unmittelbarkeit und Natürlichkeit ist Licht; diesem 
steht der Gegensatz , das Böse, als die Finsternifs ge- 



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Speculativc Phijoaopki«. 



8<)1 



genüber, u. s. w. — Wie indefs hier schon, in <ler Sphäre 
der Naturreligion, die tiefe ethische Idee des Guten 
sich ergebe , ist in der That nicht abzusehen , und der 
angenommene logische Fortgang frommt hier wenig. 
Es ist eine der tiefsten Bestimmungen von Gott, zu sagen: 
die Macht ist das Gute, weshalb allein schon dem Par- 
sismus ein anderes Begriffsverhaltnifs hätte angewiesen 
werden müssen. Der Raum verbietet, auf das Einzelne 
der Deduction, wie auf weitere Ausführungen einzuge- 
hen; aber selbst äufserlich beurtherlt kann die Stellung 
dieser Religion , bei der Reinheit ihres Cultus und ihrem 
durchaus ethischen Gepräge, zwischen der Rohheit und 
Ungeschlachtheit indischen und ägyptischen Aberglau- 
bens nur Widerspruch erregen. — 

Die vierte Form ist die Religion des Räthselsi 
die ägyptische. (S. 342.) Hier ist das Göttliche 
wieder die Macht; diese tritt jedoch in vereinzelten 
Subjektivitäten und Existenzen, an Menschen, Thieren, 
hervor: es ist die Vermischung' von Substantialität und 
Subjektivität. (IL S. 5.) In sofern die göttliche Macht 
in dieser Vereinzelung erscheint, kann sie es nur im 
Gegensatze mit den Naturgesetzen ; hier ist daher der 
Ort der Wunder, während dagegen in der indischen 
Religion Alles wunderbar, phantastisch ist (S. 348.) 
Doch ist es das Höhere der ägyptischen Religion gegen 
die persische und indische, dafs die Momente der Affir- 
mation und Negation des Lebens und des Todes, welche 
in diesen auseinanderfallen, oder als änfserlicher 
Kampf des Guten und Bösen, des Lichtreiches mit der 
Finsternifs erscheinen , in jener zur immanenten Einheit 
des Subjekts vermittelt werden. Der Gott, Osiris, 
stirbt, d.h. er giebt sich dies Andersseyn selbst: die 
Negation ist ihm eine immanente, und dies ist das Hö- 
here. Die dritte Bestimmung zu diesem Schmerz und 
Tode ist aber, aus demselben wiederaufzustehen. 
Auch diese findet sich in der ägyptischen Religion : Osiris 
ersteht ewig von dem Tode, und erscheint so als das 



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892 Spftcolatire Philosophie. 

freie Subjekt, als die unendliche Persönlich- 
keit (S. 354.55.) So sehen wir die ägyptische Religion 
plötzlich zu den höchsten Begriffen hinaufgeklärt y deren 
die Philosophie überhaupt fähig ist: wir finden hier Be- 
stimmungen, wie sie bei der Auffassung des Todes Christi 
gerade also wiederkehren, und schwer möchte es seyn, 
einen durchgreifenden Unterschied hierbei aufzuweisen. 
Vielmehr müfste man nach der ganzen Lage der Sache 
dem ägyptischen Symbole sogar den Vorzug lassen vor j 
dem christlichen, weil dort der Gott in der Vorstellung 
der Glaubigen ewig stirbt und ewig wiederaufersteht, 
der Gott in Christo jedoch nur einmal! (Man vergl. 
auch, was über den Begriff des Strebens der Gottheit 
in den alten Religionen überhaupt gesagt wird. (S. 352 
bis 359.) 

Die zweite Hauptstufe ist die Religion der gei- 
stigen Individualität: Gott fangt an, in die Subjektivität 
einzutreten; er ist nicht mehr absolute Macht, sondern 
Person, und der Gedanke ist das Herrschende und 
Bestimmende der Welt. Aber auch diese Stufe durch- 
läuft mehrere Formen: 

1) eines Gottes, der im Gedanken , die reine unsinn- 
liche Subjectivität ist. Gott ist der Eine, nur sich selbst 
Gleiche, keinen andern neben sich habend, noch Etwas 
duldend, was Selbstständigkeit hätte. Er ist die Weis- 
heit, die sich fortbestimmt zur Thätigkeit aus sich selbst: 
er erschafft die Welt aus Nichts, aus reiner Allmacht; 
es sind keine Kosmogonien, wo das Natürlich -Sinnliche 
Gestaltung des Göttlichen ist. Dadurch werden aber die 
erschaffenen Dinge etwas Aeufserliches , Unwesentliches, 
in Nichts Verschwindendes, nur dazu da, um Gottes 
Allmacht zu bewähren. Es ist die Religion der Erha- 
benheit, das Judenthum, als deren Charakteristisches 
es bezeichnet wird, dafs die Natur entgöttert, zu 
einem Werthlosen herabgesetzt ist; Gott hat in ihr noch 
nicht, wie in der Religion der Schönheit, der grie- 
chischen, in dieser Aeufserlichkeit sein Fürsichseyn, 



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Spcculative Philosophie. 8!)3 

seine wesentliche Verwirklichung. (II. S. 51.) Die 
Einheit des Ideellen und Reellen ist in der jüdischen 
Religion nicht nur nicht festgehalten , sondern ausdruck- 
lich negirt : Gott ist wieder in ein blofses Jenseits hinaus- 
gerückt. 

2) Dies ergänzt die Religion der Schönheit, in 
welcher das Endliche und Natürliche verklärt ist im 
Geiste, dadurch dafs essein Zeichen wird; wobei zu- 
gleich das Natürliche selbst sign als die andere Seite, 
als wesentlicher Moment verhält zur göttlichen Substanz. 
Es ist daher wesentlich, als freie Subjektivität in dein 
Endlichen, als seiner Manifestation, zu erscheinen: dies 
ist die Weise der präsenten Individualität, der Schön- 
heit. (S. 102.) Aber jene Manifestationen der Schönheit 
sind selbst mannichfacher Art; und so tritt sie in eine 
Vielheit schöner Götterindividualitäten auseinander. Aber 
darüber schwebt noch das Allgemeine als die selbstlose 
Macht, weisheitslos und unbestimmt in sich, das Fatum, 
die kalte Noth wendigkeit, welcher jene Gestalten der 
Schönheit selbst unterworfen sind. 

3) Diese absolute Macht mufs sich zunächst zum 
absoluten Zweck fortbestimmen, zuvörderst jedoch 
mit dem Mangel, dafs er ein von Menschen gesetzter, 
äufserlicher , empirischer ist, der Staat und die Welt- 
herrschaft: die Religion der Zweckmäßigkeit, 
die römische. (S. 130.) Wesentlich ist, dafs sie bei dem 
äufsern Zwecke stehen bleibt. Im Christenthum näm- 
lich ist es absoluter Zweck, dafs alle Menschen zur Er* 
kenntnifs der Wahrheit kommen ; da ist der Zweck ein 
innerlicher, er nimmt das Individuum in sich auf und 
macht sich mit ihm identisch. Dort hingegen ist er 
noch äufserlich, zwar absolut, aber nur in Form der 
Gewalt , der äufsern Notwendigkeit : die Freiheit und 
die Rechte der Individuen werden vielmehr unterdrückt, 
ist an sich die Forderung des Höchsten in ihr gesetzt, 
nämlich Vereinigung des reinen Ansichsey enden und der 
Zwecke; aber diese Vereinigung ist nur noch eine un- 



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894 Speculative Philosophie. 

göttliche, rohe. (S. 132.) Die römischen Götter sind 
daher praktische, nicht theoretische, prosaische, nicht 
poetische Gestalten, obgleich eben deshalb diese Stufe 
an Erfindung immer neuer Götter am reichsten ist. — 
Hierauf folgt eine treffliche, wenn auch nicht durchaus 
neue, Charakteristik des römischen Geistes in Religion 
und Staat; und so wenig uns auch das Formelle, der 
dialektische Uebergang aus dem Vorigen genügt, so 
stehen wir doch nicht an, die weitere Ausführung dieses 
Abschuittes für das Trefflichste des ganzen Buches zu 
erklären. 

So weit die Vorstufen zur absoluten Religion, 
dem Christenthume. Wir überlassen es Andern , den 
Plan und die Anordnung des Bisherigen nach ihrer wis- 
senschaftlichen Berechtigung und der Wahrheit des In- 
halts ausführlicher zu würdigen: uns mufsten kurze An- 
deutungen genügen. Doch können wir die Stellung der 
jüdischen Religion als blofser Vorstufe zur griechischen 
und römischen nicht anders als unverträglich finden mit 
der historischen und dogmatischen Entwicklung des Chri- 
stenthums selbst. In demselben Mangel der Grundauf- 
fassung ist es auch zu suchen, dafs gerade die charakte- 
ristische Seite des Judaismus unberücksichtigt geblieben 
ist: die prophetische, wodurch es, selbst als un- 
vollendet sich bekennend , auf die Zukunft und deren 
Vollendung hinweist. Dies unterscheidet die jüdische 
Religion nicht minder von allen übrigen, als ihr urbild- 
licher Begriff von der Einheit Gottes, ihre erhabene 
.Symbolik des Schaffens durch das Wort, die Idee der 
Allmacht, welches Alles Hegel selbst anführt, um es 
sich jedoch wiederum durch den ungehörig eingemischten 
Gedanken des Jenseits und Diesseits, der Xaturentgötte- 
rung und dergl. zu verkümmern. Und so hätte eine 
Religionsphilosophie, die in der That das Christliche 
zum Mittelpunkt macht, vielmehr von der scharfen Son- 
derung des Judenthums von allen Natur- und Phautasie- 
religionen auszugehen, wodurch sich auch eine völlig 



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Spcculative Philosophie. 



veränderte Grundansicht der letztern ergeben möchte. — 
Endlich ist vom Herausgeber schon erwähnt worden, 
dafs die nordische Mythologie nnd der Muhamedanismus 
in dem Plane des Ganzen fehlen. Wenn jedoch, wie 
hier behauptet wird, alle Momente des Begriffes mit 
dem Vorhandenen schon erschöpft seyn sollen; so tödtet 
ein überzähliges Glied die ganze Begriffsentwicklung in 
ihrem Keime. 

Aber der beengende Gesichtspunkt der speculativen 
Grundansicht tritt in der Darstellung des Christenthums 
mir noch deutlicher hervor. Indefs behaupten wir damit 
nicht, dafs die Hegelsche Ansicht desselben eigentlich 
falsch sey: vielmehr enthält sie, wie jede wahrhaft spe- 
culative Auffassung, die ernste, tiefe Wahrheit, nur nicht 
die ganze Wahrheit. Nicht was er positiv erkennt, 
sondern wie weit er das Erkannte durchführt, nicht was 
er behauptet, sondern zu wessen Behauptung er nicht 
gelangt, was er jedoch, wegen des ausschliefsenden 
Geistes seiner Philosophie, damit zurückweist und ver- 
läugnet, ist das Element des Irrthums in ihm. Er bleibt, 
wie schou angedeutet, überall nur bei der äufserlichen , 
formellen Seite der Wahrheit! 

Die^ Religion , heifst es hier von Neuem, ist das 
Selbstbewufstseyn Gottes von sich : aber erst in der ab- 
soluten ist die letzte Schranke desselben durchbrochen. 
Indem der Mensch überhaupt nur von Gott weifs, ist 
Gott zwar Bewufstseyn im Menschen, aber nur an sich, 
nicht für sich. Erst indem das endliche Bewufstseyn 
sich selbst als Eins weifs mit Gott, ist darin Gott auch 
für sich Bewufstseyn geworden. Es ist der absolute 
Procefs Gottes , Sich Gegenstand zu seyn, aber in diesem 
Unterschiede seines selbst Sich zu wissen, darin also 
mit sich identisch zu bleiben. Der Fortgang zur abso- 
luten Religion ist selbst eben dies Thun, diese entwik- 
kelte Lebendigkeit Gottes, sich zum Wissen seiner selbst, 
zum absoluten Geiste zu machen. Das Allgemeinste fafst 



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S9<> Specnlatite Philosophie. 

sich darin als Eins mit sich im Concretesten , und Gott 
hat so sein Selbstbewufstseyn in der christlichen Ge- 
meine. (IL S. 151. 52 ff. m u.s. w.) 

Hieraus ergiebt sich die bekannte Deduction der 
Dreieinigkeit. Die absolute Idee ist «) Gott an 
sich, in seiner Ewigkeit, vor Erschaffung der Welt ge- 
dacht; eigentlich eine Abstraction und, wenn dabei ste- 
hen geblieben wird, eine Einseitigkeit: — jlas Reich 
des Vaters. Aber Gott unterscheidet sich ß) absolut 
von sich selbst: seine Entzweiung. Dies ist die 
Schöpfung, als Natur und als Geist. Aber erst im Geiste 
kommt er zu sich selbst, bereitet er sich die Versöh- 
nung dieser Aeufserlichkeit : so ist er nicht in der 
Natur, sondesn erst im Geiste, im Menschen, als der 
Sohn bestimmt. — Diese Versöhnung wird jedoch erst 
c) in der Sphäre des Geistes erreicht. Das endliche 
Selbstbewufstseyn , der Mensch, weifs sich darin als 
Eins mit Gott; Gott selbst ist Person , Ich geworden; 
die unendliche Versöhnung des Allgemeinen und Con- 
creten, näher des Menschen mit Gott, und damit i\aa 
Ziel, der absolute Zweck der Schöpfung ist voll- 
bracht. Diese Verwirklichung und Ausbreitung des gött- 
lichen Selbstbewufstseyns , die geistige Gegenwart 
Gottes in der Gemeine, ist die Thätigkeit und das 
Reich des heiligen Geistes. — 

Dies ist die speculative Grundlage und der eigent- 
liche Inhalt des Christenthums: alles Uebrige besteht 
in weitern Expositionen und Anwendungen desselben. 
Wir heben noch einzelne charakteristische Zuge daraus 
hervor. 

(Die Fortsetzung folgt.) 

V 



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N°. 5T HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 



Spe culative Philosophie. 

(Fortsetzung.) 

Gott ist nicht blos die abstracte Identität des ersten 
Moments, sondern auch der unendliche Unterschied, 
aber auch dieser nicht unversöhnt mit sich und von sich 
abgefallen, sondern auf dem Gipfel dieser Entzweiung, 
im Menschen , stellt er sich wieder her, und weifs sich 
darin als Eins. Diese sich ewig unterscheidende und 
darin bei sich bleibende Thätigkeit, diese unendliche 
Totalität macht Gott zum Geiste. Es ist dies das „Spiel 
der ewigen Liebe" mit sich selbst, wodurch es nicht 
zur Ernsthaftigkeit des Andersseyns, zur wahren Tren- 
nung und Entzweiung kommt. So ist es grofs und wahr- 
haft gesagt, wenn es heifst : Gott sey die Liebe; aber 
man mufs nicht stehen bleiben bei dieser einfachen Be- 
stimmung , sondern sie analysiren. Es liegt eben 
darin — die Entzweiung, die doch keine 'Entzweiung 
ist, der Unterschied Zweier, die für einander doch nur 
Pins sind, der ewig sich trennende, und doch darin als 
Eins sich wissende absolute Procefs! — Schwerlich 
jedoch möchte mit solcher „Analyse" auch nur ange- 
streift seyn an das, was im christlichen Sinne göttliche 
Liebe heifst, wo Gnade, Erlösung, Erbarmen, kurz die 
persönlichsten Eigenschaften der höchsten Persönlich- 
keit gemeint sind. Was hat damit das hohle Spiel' jener 
Selbstliebe unter den Gegensätzen des absoluten Pro- 
cesses zu schaffen? Soll sie nichts mehr seyn, als das 
Unabweisliche einer exakt durchgeführten dialektischen 
Rechnung in Gott? An diesem einzigen Zuge charakte- 
risirt sich der Hegelianismus auf s Vollständigste. Wer 
etwa Brod des Lebens von ihm erwartete, dem reicht er 
Stein, die regelrechte Crystallisation seines logischen 
Formalismus, und damit jede Erinnerung an einen per- 

XXVI. Jahrg. 9. Heft. 57 



Specnlative Philosophie. 



sölllichen Gott und eine freie Offenbarung verstumme, 
werden alle darauf deutenden christlichen Lehren uoge- 
scheut ins Abstracto zurückversetzt, und die Bedeutung 
des Thatsächlichen , Concreten, Vollen ihnen ausgemer- 
gelt. Es ist ein vollständiger Entleerungsprocefs des 
Christenthums, den wir nun Schritt vor Schritt zu be- 
gleiten gedenken. 

Der Mensch ist an sich, dem Begriffe nach, gut, 
weil er Gottes Ebenbild ist; aber doch zugleich auch in 
seiner unmittelbaren Natur böse, weil er nur durch 
Entwicklung der Freiheit aus seiner Substantialität heraus- 
treten kann: er mufs für sich selbst erst werden, was 
er an sich schon ist (S. 210 ff.) Darin liegt aber der 
Begriff der Freiheit, mithin der Gegensatz des Guten 
und Bösen, der hiernach an jedem Einzelnen zu seiner 
Krisis kommt Dies geschieht dadurch , dafs er aus der 
Natürlichkeit, der Selbstsucht seines Willens heraustritt, 
und mit der Allgemeinheit des Willens, seiner Vernünf- 
tigkeit Eins wird. Die fernere Dialektik dieses Gegen- 
satzes ist scharf und vortrefflich durchgeführt; aber es 
-ist auch hier nur der dialektische Gegensatz. In der 
Wurzel nämlich und nach der Schärfe des Begriffes 
bleibt der Unterschied des Guten und Bösen lediglich 
ein theoretischer. Als blos Sich wissend, ohne 
sich darin als Eins zu wissen mit Gott, ist der Mensch 
böse. Versetzt er dagegen sich in das Bewufstseyn 
dieser Einheit, so ist seine Versöhnung, Wiedergeburt, 
Erlösung vollbracht; die sittliche Umschaffung des Ge- 
müths, die eigentliche Wiedergeburt, wird dabei von 
Hegel keinesweges in Abrede gestellt; aber das Princip 
ist zu abstract - ohnmächtig , um sie entscheidend in den 
Vordergrund zu stellen. Aus gleichem Grunde wird 
(S. 244.) dem Spruche: „Liebe Gott über Alles und 
den Nächsten wie Dich selbst;" überhaupt Allem, was 
als moralisches Gebot angesehen werden kann , und was 
sich theils schon im Alten Testament, theils auch in 
andern Religionen finde, ausdrücklich die Lehre vorge- 
zogen: „Trachtet am Ersten nach dem Reiche Gottes;" 

V 



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Specnlative Philosophie. 



899 



d. h. : „Werft Euch unmittelbar in die Wahrheit, ver- 
setzt Euch schlechthin in die intellectuelle gei- 
stige Welt," was eben nichts Anderes ist, denn jenes 
(abstracte) Sich als Eins wissen mit Gott! Und mit 
wie warmer Begeisterung der Verf. hier und an andern 
Stellen das Erhabene dieser Einsicht andringlich zu 
machen weift: dennoch kann man nicht umhin, sich von 
einem kalten Hauche angeweht zu fühlen, wenn man auf 
die Eisfelder zurückblickt, auf welchen man sich zu 
solcher Höhe erhoben, und auch hier nur — Eis um 
sich erblickt! 

Ferner wird als Hauptlehre der absoluten Religion 
hervorgehoben: dafs die Seele unsterblich sey. Aber 
auch hier bleibt über den eigentlichen Sinn dieses Aus- 
spruches kein Zweifel übrig, indem die nachfolgenden 
Bestimmungen hinzutreten. Das freie Subjekt ist unend- 
liches Fürsichseyn , über die Endlichkeit, Abhängigkeit, 
über äufsere Umstände erhaben, von Allem schlechthin 
zu abstrahiren fähig. Das Subjekt hat hierdurch abso- 
lute Wichtigkeit, ist wesentlicher Gegenstand des In- 
teresse Gottes; denn es ist die reine Gewifsheit 
Seiner in sich selbst; es ist zwar abstract, aber abstractes 
An und für sich Seyn. Dies kommt in der Gestalt vor, 
dafs der Mensch als Geist unsterblich ist 

Dies mufs aber nicht also vorgestellt werden, als 
wenn die Unsterblichkeit erst später in Wirklichkeit 
träte; vielmehr ist sie seine gegenwärtige Qualität; 
der Geist ist ewig, also schon deshalb gegenwärtig: 
für ihn als den Denkenden, ist das Allgemeine Ge- 
genstand ; dies ist seine Ewigkeit. Der Geist hat nicht 
in seiner Natürlichkeit zu verharren , sondern er soll sich 
zum An und für sich seyn, zur Allgemeinheit er- 
heben, und diese innere Ewigkeit ist seine „Unsterb- 
lichkeit." Der Mensch ist durch das Erkennen unsterb- 
lich ; denn nur denkend ist er keine sterbliche, thierische 
Seele, ist er die freie, reine Seele u. s. w. (S. 210. 20.) 

Dies ist nun ohne Zweifel eine werthvolle, aber ganz 
abstracte Einsicht: der Begriff der apriorischen 



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Speculative Philosophie 



Ewigkeit ist mit der höchsten Schärfe ausgesprochen 
worden, und es ist ganz richtig, zu behaupten, dafs 
der Geist, indem er allgemeine Wahrheiten erkennt , d.h. 
indem das Allgemeine in ihm zum Selbstbewufstseyn 
kommt, damit an sich selbst die Sphäre des Ewigen 
betreten hat: er lebt in der allgegenwärtigen Welt ewiger 
Wahrheiten. Und wie es ein logischer Widerspruch 
wäre, zu behaupten, dafs etwa der mathematische Be- 
griff des Dreiecks sterben , oder die reine Idee des Guten 
oder der Freiheit als ein einzelnes Ding vorgefunden und 
irdischer Zerstörung unterworfen werden können : ebenso 
widersinnig ist es, die Einsicht eines ewig Wahren im 
erkennenden Geiste mit den Begriffen der Endlichkeit 
oder Sterblichkeit in Verbindung zu bringen. Deshalb 
hat aber auch diese Betrachtung nicht das Entfernteste 
zu thun mit der Frage nach der Forldauer der geistigen 
Persönlichkeit, und Hegel hat hier, wie viele seiner 
Vorgänger, zwei ganz entlegene Begriffssphären mit 
einander verwechselt, die des apriorisch Ewigen, 
und der unendlichen Zeitdauer: nur diese, der indi- 
viduellen Seele zugeschrieben, heifst ihre Unsterblich- 
keit; jener Begriff dagegen kann zu einem versuchten 
Beweise derselben Nichts beitragen und ihm Nichts ent- 
ziehen : es ist ein ganz anderes Gebiet weit speciellerer 
Fragen und Betrachtungen. Dennoch ist zuzugeben , 
dafs Hegel weit weniger unbefangen in diese Verwech- 
selung gerathen ist, als frühere Denker, indem er offen 
genug ausspricht, dafs Unsterblichkeit bei ihm etwas 
ganz Anderes bedeute, als man gewöhnlich dem Worte 
beizulegen pflegt; denn die Individualität wird hier 
vielmehr absorbirt und verschlungen in der abstracten 
Ewigkeit des geistigen Processes. Er hat eigentlich nur 
das Wort: Unsterblichkeit aufgeuommen als äufsere 
Decoration seiner Lehre; weshalb er denn auch nicht 
unterläfst, an allen Stellen, wo es vorkommt, eleu Aus- 
druck: Ewigkeit ihm zur gehörigen Rectification bei- 
zufügen. — 

Der Mittelpunkt christlicher Lehre ist jedoch die 



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Speculativc Philosophie. 901 

Einheit der göttlichen Natur und der menschlichen in 
Christo, wodurch der Begriff des Sohnes Gottes erst ein- 
zelne sinnliche Realität erhält (IL S. 237.) Dies ist für 
die Anschauung das unmittelbare Zeugnifs und die Ge- 
wifsheit, dafs die Versöhnung zwischen Gott und Mensch- 
heit in dieser einzelnen Person, die da Mensch zugleich 
und Gott ist, vollbracht sey. Der sinnlich erscheinende 
Gott ist Christus: dies „Ungeheuere," was dem Verstände 
schlechthin widerspricht, dessen Notwendigkeit aber 
gezeigt worden, ist in ihm vollbracht. Es ist darin 
faktisch ausgedruckt : dafs in der ewigen Idee das An- 
dersseyn keinen Eintrag thue der Einheit, die Gott ist. 
(S. 238. 39.) 

In der Lehre Christi wird ferner unterschieden, 
dafs sie Anfangs nur als abstracte in sich concentrirte Be- 
hauptung, in einzelnen Aussprüchen energischer Parrhesie, 
mithin polemisch, ja revolutionär auftreten konnte, wäh- 
rend sie erst später, nach dem äufsern Verschwinden 
seiner Person, im Bewufstseyn der Gemeine entwickelt 
und vermittelt werden konnte. Als Kirchenlehre 
konnte sie also erst nachher allmählig ihre äufsere Vol- 
lendung erreichen. — - Aber seiner Lehre ist auch das 
Schicksal, das er als endliches Individuum gehabt hat, 
hinzuzufügen: er ist Mensch mit aller endlichen Bedürf- 
tigkeit ; aber die besondern Neigungen , Schwächen , 
weltlichen Interessen desselben bleiben ihm fern, weil er 
schlechthin in der Wahrheit ist, weil er in der Endlich- 
keit des Erscheinens dennoch Gott bleibt So mufs er 
auch das Loos der endlichen Naturen auf sich nehmen: 
zu sterben. Aber Christus ist zugleich den gesteigerten 
Tod des Missethäters gestorben ; die Menschheit ist an 
ihm auf dem äufsersten Punkte erschienen. Daran offen- 
bart sich aber die furchtbarste Paradoxie : „Gott ist ge- 
storben ; — Gott selbst ist todt." Dies ist der fürch- 
terlichste Gedanke , dafs alles Ewige, alles Wahre nicht 
ist, die Negation selbst in Gott sich findet. — Aber 
gerade hier tritt die Umkehrung ein : Gott nämlich erhält 
sich in dieser äufsersten Negation , und steht wieder auf 



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902 



Speculative Philosophie. 



zum Leben; womit die Negation dieser Negation, der 
Tod des Todes an ihm vollbracht ist Dies ist die 
Auferstehung Christi. „Die Auferstehung gehört we- 
sentlich dem Glauben an: Christus ist nach seiner 
Auferstehung nur seinen Freunden erschienen; dies 
ist nicht äufserliche Geschichte für den Unglau- 
ben, sondern nur für den Glauben ist diese Erschei- 
nung." (S. 249. 50.) 

Indem hier eine Begebenheit, welche sich zu einer 
bestimmten Zeit und unter bestimmten Umständen ereignet 
habensoll, als die nothwendige Explication der 
Natur Gottes selbst gefafst wird, haben wir nur eine 
einzige Frage zu thun : Behält jenes behauptete Factum 
des Todes, die Auferstehung, factische Wirklichkeit, 
oder ist es nur Symbol, Allegorie, mythische Hölle 
jenes Philosophems? Die zuletzt angeführten Worte 
könnten dergleichen verborgenen Sinn allerdings vermu- 
theu lassen : doch müssen wir diese Auslegung verwerfen 
in Betracht anderer Stellen (z. B. : „ Die Bedeutung der 
Geschichte ist, dafs es die Geschichte Gottes selbst ist. 
Gott ist die absolute Bewegung in sich selbst, die der 
Geist ist, und diese Bewegung ist hier an dem Indi- 
viduo vorgestellt;" u. s. w. S. 255.) Aber dadurch 
wird die Begriffsverwirrung nur noch gröfser; denn 
nach dem Sinne der Lehre ist jenes Sterben Gottes und 
seine Auferstehung daraus etwas Immanentes, Ewiges, 
unendlich Erneuertes : es ist der Procefs der absoluten 
Selbstentaufserung Gottes in die Welt, und ihrer Zurück* 
nähme in den Geist. Warum bedarf Gott deshalb noch, 
im Individuo, dies Schicksal zu erleiden, oder im 
Einzelnen dies symbolische Spiel mit sich selbst zu trei- 
ben ? Dagegen gehalten verdiente fast der Osirismy thus 
den Vorzug; denn er ist klar in sich und bezeichnend: 
jedes Jahr stirbt der Gott, aber bei der wiederkehrenden 
Fruchtbarkeit der Natur steht er wieder zum Leben auf. 
Hier ist wirklich die ewig wiederkehrende That der 
Belebung das Symbol zugleich und die factische Bewäh- 
rung der Macht des Gottes, 



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I 



Spekulative Philosophie. 003 

Natürlich kann es uns nicht einfallen , Hegels 
Rechtglaubigkeit in Frage zu bringen; nur gezeigt soll 
werden, wie bei dem bestandigen Rück Ob ersetzen histo- 
rischer Lehren des Christenthums ins Hohle und Ab- 
stracte, gerade um der überall dabei zu Tage gelegten 
Orthodoxie willen , eine Sprachverwirrung entstehen 
müsse, die um so störender ist ^ als demjenigen, was 
dort etwas durchaus Bestimmtes bezeichnet, hier überall 
sofort ein anderer Sinn, ein quid pro quo, stillschwei- 
gend untergelegt wird. 

Von dieser unwahren Grundauffassung abgesehen, 
ist jedoch fast durchaus vortrefflich, was im dritten Ab- 
schnitte: vom Reiche des Geistes (S. 257 ff.) ab- 
gehandelt wird. Die absolute Idee im Momente des 
Geistes stellt sich in der Gemeine dar: es sind die 
Subjekte, die im Geiste Gottes stehen, denen aber jener 
Inhalt, als göttliche Geschichte, gegenüber steht, die 
demnach den Glauben daran haben sollen. Hieraus 
entsteht 

a) der Begriff der Kirchenlehre, welche zunächst 
als Autorität gilt und so verbreitet wird : bei dem Be- 
stehen der Gemeine ist die Lehre schon fertig, und es 
ist in ihr schon enthalten und aufgezeigt, was am Indi- 
viduum als solchem hervorgebracht werden soll. 

b) Aber das Individuum ist, selbst noch bewufstlos, 
dazu bestimmt, dieser Wahrheit theilhaftig zu werden. 
Dies spricht die Kirche im Sacramente der Taufe aus. 
Er sey nicht im Elende geboren, und werde nicht eine 
feindliche Welt antreffen , sondern er habe sich der Ge- 
meine nur anzubilden, die als sein Weltzustand schon 
vorhanden ist — Aber der Mensch mufs zweimal ge- 
boren werden: das natürliche Herz, worin es befangen, 
ist der Feind, den es bekämpfen mufs. Der reale 
Schmerz seiner Unangemessenheit im Verhältnisse zu 
Gott ist ihm indessen, wenn auch nicht erspart, doch 
gemildert, denn er hat sich das dargebotene Element 
der Wahrheit in der Kirche nur anzueignen. (S. 270 ff.) — 
Das Letzte in dieser Sphäre ist aber der Genufs dieser 



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904 Speculative Philosophie. 

Aneignung, der Gegen wart Gottes : dies ist das Sacra- 
ment des Abendmahls, in welchem dem Menschen 
auf sinnliche Weise das Bewufstseyn seiner Versöhnung 
mit Gott, und das Einkehren des göttlichem Geistes in 
ihn gegeben wird. Die lutherische Vorstellung desselben 
wird übrigens als die einzig tiefe gebilligt. (S. 275.) 

c) Der Geist hat sich endlich jedoch zur allge- 
meinen Wirklichkeit zu realisiren. Dies enthält zu- 
gleich die weitere Entwicklung, Fortbildung und Um- 
formung der Gemeine. Die göttliche Wahrheit tritt in 
ihr dem Bewufstseyn zunächst als ein Anderes entge- 
gen, das als Autorität dem Glauben verbleibt, oder durch 
Andacht dem Einzelnen angeeignet wird. Aber dies ist 
theils etwas Aeufserliches, theils etwas Vorübergehendes, 
Schwindendes: der göttliche Inhalt, die Wahrheit, wird 
nicht absolut gewufst, sondern nur vorgestellt; ihr 
Genufs zerrinnt in ein Vormals der Erinnerung oder einen 
jenseitigen Himmel der Zukunft. Der Geist aber 
hat sich schlechthin als die Gegenwart, als erfüllte 
Wirklichkeit zu begreifen: jedes unklare, trübe, nur ! 
in der Vorstellung oder Sehnsucht liegende Jenseits 
soll aufhören. So mufs die Weltlichkeit zum Gepräge 
des Geistes umgeschaffen werden. Die wahre Versöh- 
nung, wodurch das Göttliche sich im Gebiete der Wirk- 
lichkeit realisirt, besteht in dem sittlichen und rechli- 
chen Staatsleben: dies ist die wahre Subactioo der 
Weltlichkeit. (S. 279.) Dann hat aber auch die ideale 
Seite, der Glaube, sich zu entfalten und zu reinigen. 
Die Religion in der Form der Wahrheit und Nothwen- ( 
digkeit ist aber Philosophie. Erst darin ist die christ- 
liche Wahrheit vermittelt, gerechtfertigt, schlechthin 
bei sich selbst; alle verworrenen Vorstellungen eines 
Dereinstigen, erst noch zu Erfüllenden, sind verschwun- 
den. Die Welt und in ihr die Gemeine sind selbst der 
realisirte, manifestirte, gegenwärtige Gott, in seiner 
vollen Wirklichkeit. — 

Und so begegnet uns noch am Schlüsse eine tiefe 
Wahrheit, verflochten in die alte einseitige Härte. Hegel 



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Speculative Philosophie. 



905 



weist hierdurch, wie durch seine ganze Philosophie mit 
Recht alle Jenseitigkeit des Ewigen zurück, und besteht 
auf der Allgegenwart Gottes me auf der Einheit de« 
Ewigen und Endlichen, in dem Sinne, dafs das Endliche 
eben das unendlich Schwindende, Nichtige nur die Er- 
scheinung sey. Dies ist die wahre, tiefe, eben so spe- 
culative wie religiöse Seite seiner Lehre, und diesen Sieg 
des Begriffes durch alle Instanzen durchgesetzt zu haberv, 
macht die grofse Bedeutung derselben aus. Aber damit 
läugnet er zugleich aus blos formellem Mifs verstände ein 
gerade bestätigtes Jenseits anderer Art und verwechselt 
Begriffe, die in entgegengesetzte Sphären fallen. Er 
verwirft die Idee des Himmelreichs, als eines Derein- 
stigen und Zukunftigen, und in den abstracten Begriff 
der Wirklichkeit sich einengend, zertrümmert er damit 
für Christenthum wie Speculatiori den andern Grund- 
pfeiler der ganzen, umfassenden Wahrheit. Weil Gott 
schon im Irdischen sich offenbart, und es Nichts giebt, 
als seine Wirklichkeit und Offenbarung: so bleibt die 
Gegenwart darum doch nicht die höchste Gestalt der- 
selben; und weil der Mensch schon hienieden seiner 
Erlösung und Versöhnung mit Gott versichert seyn soll 
und kann, und aus dem Geiste wiedergeboren; so mufs 
dies darum nicht als Vollendung, als höchste Staffel 
seiner Seligkeit gelten, und alle Verheifsungen des Chri- 
stenthums sich nur an der, so oder anders beurtheilt, 
immer verkümmerten Gegenwart erschöpfen ! Wenn wir 
vielmehr frei von der Selbstbornirung eines mangelhaften 
Systemes oder einer einseitigen Halbaufklärung den Men- 
schen in seiner Tiefe auffassen; so findet sich das Cha- 
rakteristische, dafs gerade das Höchste an ihm mit ge- 
heimer Trauer und Sehnsucht gemischt erscheint, dafs 
selbst Liebe und Andacht, die reinsten Blüthen seines 
Daseyns , dies Gefühl der Ohnmacht des über sich Hinaus • 
Verlangens an sich tragen. Nicht Sich sucht und hofft 
er im angestrebten Jenseits wiederzufinden, sondern ein 
unendlich Höheres und Besseres; und dies ist sogar die 
Wurzel aller religiösen wie geistigen Entfaltung. Der 



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906 Speculaüve Philoaophie. 

Mensch in seinem tiefsten Selbstbewufsiseyn zeigt sich 
als halbvolleudetes, mithin ahnendes, sehnsüchtiges We- 
sen; und wie dies der Schlüssel zu einer lebendigen 
Psychologie ist, so kann auch die Religion, die an ihn 
als einen Solchen sich richtet, nicht verstanden werden, 
ohne diese Einsicht gegenwärtig zu erhalten. — 

Haben wir es nöthig gefunden , das Wahre und Tiefe 
in diesem Werke scharf abzuscheiden von dem Verfehlten 
und Falschen, von Beidem jedoch als gemeinschaftliche 1 
Mutter die Consequenz des Principes erkannt, welches 
Hegel mit scharfer Klarheit durchzuführen berufen war: 
so verliert dadurch das Werk selber Nichts von seiner 
Wichtigkeit und Bedeutung, vielmehr wird diese nur 
genauer fixirt durch die vollständige Einsicht, was jene« 
Erkenntnifsprincip zu gewähren vermöge, und was durch- 
aus nicht! Und so wollen wir nicht abschrecken, son- 
dern aufmahnen zu einer selbstständigen Auffassung der 
hier niedergelegten Ansichten, die besonders für jeden 
wissenschaftlichen Theologen nicht ohne die bedeutend- 
sten Anregungen bleiben kann. Denn auch nach unserer 
Ueberzeugung bedarf die Theologie jetzt der Ideen, 
der Tiefe, nicht nur des Gemüths, sondern auch des 
Gedankens , der speculativen Behandlung. Dies kann 
nicht besser gefördert werden, als durch scharfe Sich- 
tung der Principien, Klarheit Ober die Consequeozeu 
eines jeden Standpunktes, und die Einsicht, was der 
gegenwärtig herrschenden speculativen Bildung wesent- 
lich noch fehle. Uns kam es darauf an, diese Einsicht 
auch an unserm Theile zu fördern, nicht aber die leeren 
Wortgefechte zu erneuern, die von Leuten ohne rechte 
Einsicht angefacht, desto endloser fortgesetzt werden 
können, als sie selbst, possirlich genug, an dem wahren 
Punkte der Controverse immer vorbeischlagen. 

Für die Letzteren erwähnen wir deshalb noch beson- 
ders des Anhanges von' Hegel : über die Beweise 
vom Daseyn Gottes; welche ihnen über die von uns 
angeregte Streitfrage allerdings Licht geben könnte. Die 
bekannten Schulbeweise für das Daseyn Gottes bedeuten 



uiyinzeo Dy 



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Speculative Philosophie. »67 

nämlich nach Hegel nichts Anderes, als die Entwick- 
lung und Erhebung des Bewufstseyns aus seiner Un- 
mittelbarkeit zum Denken, und darin zum Denken 
des Ewigen. (S. 300. 301.) Diese Erhebung könne 
entweder vom Seyn zum Begriffe, oder vom Begriffe zum 
Seyn fortgehen. In ersterem Falle führe das Bewufst- 
fleyn des zufälligen , endlichen Seyns auf die Gewifsheit 
eines noth wendigen, ewigen; — dies der kosmo lo- 
gische Beweis: die Erkenntnifs einzelner Endzwecke 
erhebe sich zur Einsicht eines absoluten Endzwecks, — 
der teleologische. In zweiter Beziehung, indem vom 
reinen Begriffe der Wahrheit und Wirklichkeit ausge- 
gangen werde, darin also Begriff und Wirklichkeit zu« 
sammenfalle, entstehe der ontologische Beweis. Ihnen 
allen liege aber die allgemeine Bestimmung zu Grunde, 
dafs das unmittelbare, endliche Bewufstseyn sich in sich 
selbst aufgeben mufs, um sich zur Wahrheit, zum 
Deuken des Ewigen zu erheben. Hätte nun Hegel 
den Inhalt dieser, wie es scheint, gelegentlichen Be- 
trachtung vollständig auszuführen und in das Ganze seines 
Systemes einzureihen versucht; ihr Platz wäre nur vor 
der Logik gewesen, als die wesentlich einleitende Vor- 
wissenschaft derselben, wodurch er derselben zu- 
gleich einen tiefern und wesenhafteren Anfang gesichert 
hätte, als die leere Dialektik des Seyns = Nichts. Diese 
immanente Selbstentwicklung des Bewufstseyns, und darin 
der Beweis , dafs in der vermeintlichen Endlichkeit ein- 
zelner Dinge und Gegenstände selbst nur das Absolute, 
Ewige, als das unendlich sich offenbarende, erkannt 
werde, diese Einkehr in die allgegenwärtige, allversöh- 
nende Wahrheit ist nämlich die langgesuchte erste 
Philosophie (ph. prima); und es ist merkwürdig, 
dafs Hegel am Ende seiner Lautbahn wenigstens indi- 
rekt hingedeutet hat auf diese wesentliche Ergänzung 
und Erweiterung seines jeweiligen Standpunktes. 

(Die Fortsetzung folgt.) 



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908 Herzog Weif VI. Von Behrens. 

Herzog W elf VI., letzter weißscher Sfammherr in Süddeutsehland 
und seine Zeitgenossen, Von F. W. Behrens, Herzogl. Brauns chu 
Districtsgerichts - Auditor in Braunschweig. Braunschweig 1831. 
Gedruckt in Herzogl. Waisenhaus- Buchdruckerei. XVI u. 276 Ä. 8. 

Es ist ein eignes Unglück, was kaum irgend eine 
andere Wissenschaft mit der Geschichte (heilt, dafs sie, 
wohl ihres nahen Anschliefsens an die allgemeinen Ver- 
hältnisse des Lebens wegen, von allen auch nur einiger- 
maßen wissenschaftlich Gebildeten gleichsam wie eio 
Gemeingut angesehen wird, welches man nach Gefallen 
bebauen und benutzen könne, auch ohne sich einen be- 
sondern Rechtsgrund für dessen Ausbeutung erworben 
zu haben. Dem verdanken wir es, dafs, was in anderen 
Wissenschaften in dem Grade wenigstens gewifs unerhört 
ist, Leute, die auch nicht die geringste Mühe, nicht 
die geringste Zeit auf das Erwerben der zur geschicht- 
lichen Forschung nöthigen Vorkenntnisse gewendet haben, 
so bald sie die Lust anwandelt, sich unter der Zahl der 
teutschen Schriftsteller zu erblicken, rasch und munter, 
ohne Besinnen Darstellungen geschichtlicher Gegenstände 
in die Welt senden, und dadurch fast jedes Jahr die 
geschichtlichen Schriften der Zahl nach zur gröfsten 
Masse hinauftreiben, mag sonst der wirkliche Gewinn 
eines solchen Jahresertrags auch noch so gering gegen 
die Früchte an andern Zweigen des Baumes wissenschaft- 
licher Erkenntnifs seyn. 









Mi 



die gar zu glimpflichen Urtheile, die nur zu häufig übet 
solche leichte Erzeugnisse der geschichtlichen Literatur 
gefällt werden. Denn wenn ein Schriftsteller der oben 
bezeichneten Art mit Anwendung des möglich geringsten 
Fleifses ein recht oberflächliches und seichtes Büchlein 
in die Welt geschiekt hat, und er nun selbst fürchtet, 
es möchte doch vielleicht Jemand sich unterfangen, zu 
sagen, dafs das Werkchen eben ein recht oberflächliches 
und seichtes Büchlein sey, so sucht er diesen harten 
Tadel gewöhnlich dadurch xon sich im Voraus abzuwen- 
den , dafs er erklärt, er verzichte auf den Ruhm selbst- 



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Herzog Weif VI. Von Behrens. 



ständiger, gelehrter Forschung, diese anzustellen halte 
gar nicht iu seinem Zwecke gelegen , sein Buch sey 
nicht für Gelehrte vom Fach bestimmt, der Klasse von 
Lesern, für die er geschrieben, werde diese Forschung 
doch nichts nützen, es komme da nur auf die zweck- 
mäfsige Benutzung des schon von Anderen Erforschten, 
auf deutliche Darstellung, übersichtliche Anordnung, 
ansprechende Schilderung und dgl. an, — und was die 
beliebten Ausreden weiter sind. Die Beurtheiler aber 
sind dann gewöhnlich auch menschenfreundlich genug, 
diese Ausrede gelten zu lassen , das schon gezückte 
Schwert entsinkt ihrem mitleidigen Arme, und die Er- 
klärung der offenkundigen Nutzlosigkeit des Werkchens 
verwandelt sich wohl gar in eine Anerkennung, dafs der 
Hr. Verf. den bescheidenen Ansprüchen, die er selbst 
nur an sein Werkchen gestellt, vollkommen und auf eine 
höchst anerkennuugswerthe Weise genügt habe. Ref. ist 
aber der Ansicht, dafs eine solche Milde höchst unzeitig 
und dem Gedeihen der Wissenschaft selbst höchst nach- 
theilig ist. Sage man doch ja nicht: „Ei nun, wenn 
ein solches Werkchen keinen Nutzen bringt, so bringt 
es doch gewifs auch keinen Schaden, und man kann ja 
den Verf. also seine unschuldige Freude gern gönnen." — 
Jene Schriftchen sind keineswegs so unschädlich , als es 
scheinen möchte, der Nachtheil, den sie der Wissen- 
schaft bringen, ist grofs genug. Erstens, und das ist 
schon oft genug gesagt worden, da es gar zu deutlich 
in die Augen fällt, erstens verderben sie den Geschmack 
an ernsteren, streng wissenschaftlichen Werken, da ihre 
Verff. bei der geringen Achtung vor der Wahrheit, von 
der sie gewöhnlich beseelt sind, leicht ihren Sehriften 
einen gewissen Glanz der Dichtung verleihen können, 
den seinem Werke zu geben der gewissenhafte Forscher 
im Dienste der Wahrheit verschmäht Leicht bewirken 
sie daher, dafs jene ernsteren Werke neben den ihrigen 
trocken und unerquicklich erscheinen. — Dann, wenn 
das auch nicht der Fall ist, so stillen sie wenigstens 
eben so gut den Durst nach geschichtlichen Darstel- 



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910 Hertog Weif VI. Von Behrens. 

lun^en, und Mancher, der ohne das Bestehen jener 
leichten Werkchen an den ächten Quellen der Wahrheit 
seinen Durst gelöscht hätte, tritt gar nicht zu ihnen 
heran, weil er durch jene schon befriedigt und gesättigt 
ist — Endlich, um nur noch das Eine aufzuführen, bei 
dem ärmlichen Zustande unserer wissenschaftlichen Lite- 
ratur, wo bei der beschränkten Theilnahme an wirklich 
grundlichen Werken, nur die ungetheilte Unterstützung 
derer, die dafür noch Sinn und Liebe haben, das Er- 
scheinen solcher, ächt wissenschaftlicher Werke ohne 
Opfer von Seiten derer, die sie der Wissenschaft dar- 
bieten wollen, möglich macht, — bei diesem ärmlichen 
Zustande unserer Literatur verschliefst ein solches ober- 
flächliches Werkchen gar oft dem besten Buche Ober 
denselben Gegenstand den Weg zum Tageslichte, und 
dieses stirbt vor der Geburt, weil die durch jenes Zwit- 
tergeschöpf getheilten Kräfte nicht hinreichen , auch 
noch dem ächten Kinde der Wissenschaft zum Leben zu 
verhelfen. Also gewifs ist es nicht gleichgültig-, ob 
solche leichte Schriftchen von Tage zu Tage sich mehren, 
und es ist eine wahrhafte Pflicht, zum Nutzen und Ge- 
deihen der Wissenschaft die gutmuthige Nachsicht bei 
Seite zu setzen und, so viel durch rücksichtslose Darle- 
gung der Untauglichkeit dieser Büchlein möglich ist, 
von dem Herausgeben ähnlicher, die Wissenschaft nicht 
fördernder Compositionen abzuschrecken. Dies mag Ref. 
entschuldigen, wenn er für die Beurtheilung des in der 
Ueberschrift genannten Werkchens einige Seiten dieser 
Blätter in Anspruch nimmt, die er sonst gern der An- 
zeige werthvollerer Schriften offen gelassen hätte. 

Die Leser dieser Blätter, denen die Schrift des 
Hrn. B. noch nicht selbst vor die Augen gekommen ist, 
werden aus diesen Vorbemerkungen schon schliefsen, 
dafs ihnen hier nicht ein Werk von wissenschaftlichem 
Werthe, nicht das Ergebnifs gründlicher Forschungen 
vorgelegt werden wird. Diese Vermuthung würde auch 
der flüchtigste Anblick des Buches selbst ihnen bald fast 
zur Gewifsheit erheben, wenn sie beim Durchblättern 



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Herzog Weif VI. Von Behrens. 911 

desselben zufällig auf die Bemerkungen des Hrn. Verfc. 
stiefsen, die auf seine Ansichten von Quellenforschung 
und historische Kritik für die Geschichte des Mittelalters 
schliefsen lassen. Ref. fuhrt daher einige davon , die 
ihm gerade wieder in die Augen fallen, auf, ehe er sich 
zur Betrachtung dessen wendet, was diese Art von For- 
schung denn wirklich zu Tage gefördert hat. 

So zeigen uns gleich die ersten Worte des Hrn. Verfs., 
seine Ansichten von Quellen seines Gegenstandes und 
von dem Werthe derselben, und wir erfahren dabei 
nebenher auch , wie deutlich er sich den Zweck des Ci- 
tirens von Belegstellen in historischen Darstellungen ge- 
macht hat 

Das Werkchen beginnt nämlich gleich nach dem 
Titel , Dedication u. s. f. S. 3. folgendermafsen : 

„Der Verf. erfüllt vor Allem die strenge Pflicht jeder 
Geschichtschreibung, die Quellen der erzählten That- 
sachen nachzuweisen. Doch mufs sich diese Nachwei- 
sung besonders des Raumes wegen auf die wichtig- 
sten (!) und vorzüglichsten (!) früheren (!!) 
Berichte beschränken, und diese können hier gleich im 
Eingange deshalb genannt werden , weil gewifs der 
bloJse Geschichtsfreund es gerade nicht bedauert, die 
meisten Belege einzelner Thaisachen an ihren eigentlichen 
Stellen im Fortlaufe der Geschichte selbst zu vermissen 
und es dem forschenden Kenner lieber seyn mufs, sie in 
ihrem ganzen Zusammenhange in den Quellen selbst auf- 
zusuchen, eine Muhe, die, was vorausgesetzt werden 
darf, durch genaue Kenntnifs der Zeit sehr erleichtert 
wird." 

Nun kommen die Titel folgender Werke: 
1) Ottonis Friamgenaia chronicon und Ubb. de gestia 
Friderici I. cum contmuatione Radevici; — 2) Otto 
de S. Blasio ; — 3) Conradi de Lichtenau abbatia 
Urapergenaia chronicon; — 4) Sigismund Feyerabeuds 
Turnierbuch ; — 4) Helf erich de comitum Suev. palat. 
Tubing.familia ; — 6) Leutneri hiat. monaaterii Weaao- 



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913 Herzog Weif VI. Von Behrens. 

9 

fontani; — 7) Arsenii Sulgcri annales Z/wifaltenses ; — 
8) Lucä Grafensaal ; — 9) Leibnitzii Scriptores rerum 
Brunsvicensium ; darin : Anonymi Weingartensis historia 
de Guelfis et chronicon a Chr. n. usque ad arm. 1197; 
— Ladisl. Sundheim; — Otho et Acerb. Morena; — 
Mscr. Steingademe ; — Excc. ex Arenbeckii c/iro- 
nico; — 10) Muratori delle antichitä Estensi ; — 
11) Origmes Guelficae; — 12) Sattler Geschichte von 
Würtemberg. 

Weniger wundern wird man sich über diese wirklich 
possierliche Zusammenstellung freilich , wenn man erst 
die Anmerkung S. 56. gelesen hat : „ Die Geschichte der 
Rheinpfalzgrafen von Tollner und die Origines Guelficae 
setzen Gottfrieds Tod in das Jahr 1148, gegen welche 
Angabe aber ein anderes Werk Bedenken erhebt. Denn 
das von Marquard Freher, einem sehr gelehrten und 
fleifsigen Geschichtsforscher herausgegebene Chronicon 
Laureshamcnse , welches jene Quellen an Alter 
ubertrifft und daher auch wohl, obgleich diese Fol- 
gerung schon manchmal getäuscht hat, in seinen Be- 
richten zuverlässiger seyn möchte," u. s. f. Also Tollner, 
die Origg. Guelficae und das Chron. Laureshameuse l 
Denn was hat Freher mit den Angaben des von ihm und 
bekanntlich nicht von ihm" allein herausgegebenen Chrbn. 
Laureshamcnse zu thun? Wahrlich eine wahre Parodie 
auf geschichtliche Kritik, die freilich aufser der obigen 
Zusammenstellung unter Anderem auch noch £. 153. ein 
Analogon findet, wo Hr. B. schreibt: „wie unter Anderen 
Otto von Freising, der Mönch von Weingarten und Leib- 
nitz sagen." Unwillkührlich ist Ref. bei dieser Art von 
Quellenkritik, namentlich bei dem ernsten Untersuchungs- 
tone des Hrn. Verfs. in der oben angeführten Anmerkung 
das Sprüchwort eingefallen: „Er hat läuten gehört, aber 
nicht zusammen schlagen." 

(Die Fortsetzung folgt.) 

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N°. 58. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 



Herzog Weif VI. Von Behrens. 

(Fort 8 et zun g.) 

Doch nun auch etwas über die Resultate dieser son- 
derbaren Art von Forschung, die in der That so ausge- 
fallen sind , wie die Leser dieser Blätter sie nach diesen 
vorläufigen Notizen erwarten werden. Zwar ist nämlich 
gar manche Angabe des Hrn Verfs., manche einzelne 
Erzählung richtig Das wird Niemand wundern. Es 
giebt, was so den Gang der Geschichte im Allgemeinen 
betrifft, so gute und ziemlich zuverlässige Vorarbeiten 
(wohiu z. B. die Darstellungen der Schicksale Heinrichs 
des Stolzen , Welfs selbst und Heinrichs des Löwen im 
zweiten Bande der Origmes Guelficae gehören , die der 
Hr. Verf., wie er S. 5. selbst sagt, vorzuglich benutzt 
hat), — dafs man durch deren Benutzung, auch ohne 
die Quellen selbst zu studieren, eine wenigstens zum 
grofsen Theile richtige Erzählung zusammensetzen kann, 
und so viel hat der Hr. Verf. denn auch glücklich zu 
Stande gebracht, — aber eben so viel wenigstens, was 
er erzählt, ist auch ungewifs, theilweise falsch oder 
geradezu unwahr. 

Um mit möglichster Raumersparnifs einen . hinrei- 
chenden Begriff von der unzähligen Menge einzelner 
Irrthümer zu geben, die in Hrn. B.s Buche sich finden, 
will Ref. etwa 3 Seiten aus der Mitte desselben willkühr- 
lich herausheben und ihren einzelnen Angaben nach etwas 
genauer durchgehn, daraus wird man durch eine ein- 
fache Multiplication so ohngefahr einen Ueberschlag 
von der Zahl solcher Irrthümer im ganzen Buche be- 
kommen. 

Wir nehmen dazu die Seiten 85 bis 87, wo mit der 
Thronbesteigung Konrads des Dritten eine neue Epoche 
in der Geschichte des weifischen Hauses beginnt. 

XXVI. Jahrg. 9. Heft. 58 



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«114 Herzog Weif VI. Von Behren*. 

Hier helfet es: 

„Dem Herzoge von Schwaben, Konrad von Staufen, 
bahnten jetzt (nämlich nach Lothars Tode) der Neid 
und die Mifsgunst, welche in aller Stärke gegen das 
Weifenhaus aufwucherten, den Weg zum Kaiser throne.' 

Hier ist erstens „Herzog von Schwaben" durchaus 
falsch. Konrads Vater bekleidete diese Wurde wohl, 
aber Konrad nicht, denn nach des Vaters Tode erhielt 
sie Konrads älterer Bruder Friedrich (Otto Frwingemk 
Just. Fridcrici l I. c. 10.) und behielt sie bis zu seinem 
Tode, wo sie sein Sohn Friedrich der Rothbart von ihm 
erbte, (ibid. h I. c. 39.) 

„Neid und Mifsgunst u. s. f." als Grund der Wahl 
Konrads ist, am Gelindesten ausgedrückt, schielend und 
lange nicht erschöpfend: schielend, — - weil die Abnei- 
gung der Fürsten gegen Heinrich natürlich und nicht 
unverdient war; nicht erschöpfend , — weil aufs er jenem 
Grunde noch manche andere Ursache für Konrae) mit- 
wirkte. Hätte der Hr. Verf. die Quellen gekannt und 
nur ganz einfach wiedergegeben, was sie selbst aus- 
drücklich über die Ursachen von Konrads Ueberwiegen 
sagen, so würde dies hingereicht haben, Jedem diese 
Ursachen völlig deutlich zu machen. Man würde sehen, 
dafs ein Hauptgrund allerdings die Uebermacht war, die 
Heinrich schon als Herzog von Baiern und Sachsen besafc, 
deren weitere Vergröfserung die Fürsten natürlich für 
ihre bisherige unabhängige Stellung besorgt machen 
mufste. Man würde aber zugleich auch finden, dafs 
Heinrich selbst durch sein Betragen (was Hr. B. wieder- 
holt gegen die ausdrücklichen und unverwerflichen Zeug- 
nisse der Zeitgenossen zu beschönigen sucht) das Gewicht 
dieses Grundes aufserordentlich erhöhte, indem er ira 
Gefühle seiner Macht die Fürsten stolz behandelte , und 
vielfach, namentlich auf Lothars zweitem Zuge in Italien, 
beleidigte, den Thron gleichsam wie ein ihm von Rechts 
wegen gebührendes Eigenthum ansprach, und eben des- 
wegen die Fürsten nicht einmal um ihre Wahlstimmen 
ersuchen mochte. (Siehe hierüber unter Anderem die 



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HerEOg Weif VI. Von Behren». 



915 



ausdrücklichen und deutlichen Angaben bei Berthold 
Zwifuldens. in Hefs Monum Guelf. Pars hist. p. 213. — 
bei Otto Frismgens. hi$t..Frid. I. lib. I. c. 22. und chron. 
I VII. c. 22. u. 24.) Man wurde endlich sehen , dafs 
noch manche sehr wirksame Nebenursachen hinzukamen. 
Dahin gehört z.B., dafs der Grund weggefallen war, 
welcher bei der vorigen Wahl die öffentliche Meinung 
von den Staufen abgelenkt hatte, dafs nämlich der Hafs 
gegen das fränkische Königshaus und dessen Angehörige 
in den dreizehn Jahren, die nun seit Heinrichs des 
Fünften Tode verflossen waren, nach und nach seine 
Kraft verloren hatte. (Otto Frismg. hist. Frid. I. I 1. 
c. 22.) Dahin gehört auch, dafs Adalbert von Mainz, 
der als Kanzler so bedeutenden Einflufs auf die Wahl 
hatte, und diesen nach Heinrichs des Fünften Tode gegen 
die Hohenstaufen geltend machte, jetzt gestorben war, 
und daher ihren Wünschen nicht mehr hindernd ent- 
gegentreten konnte. Dahin gehört* endlich , was Hr. B. 
im Folgenden nur flüchtig andeutet, dafs derPabst, der 
damals gleichfalls gegen die Staufen gewirkt hatte, aus 
Gründen, di^in Lothars Geschichte und Heinrichs des 
Stolzen Charakter und Stellung deutlich genug hervor- 
treten , jetzt eifrig für Konrad arbeitete und durch seinen 
Legaten Theodewin dessen Erwählung auf das Wirk- 
samste unterstützte u. s. f. Kurz, man sieht, wie unvoll- 
ständig und selbst fehlerhaft die obige Angabe des Hrn. 
Verfs. über diesen Gegenstand ist, wie er den richtigen 
Standpunkt, von dem die Leser denselben betrachten 
müfsten, um ihn im gehörigem Lichte zu sehen, ver- 
rückt, zugleich aber, wie leicht er durch einige Ver- 
trautheit mit den Quellen seine Darstellung hätte ver- 
bessern und vervollständigen könneu, so dafs sie die 
einfachste und klarste Anschauung der wahren Verhält- 
nisse gewährt hätte. 
Hr. B. fährt fort : 
„Ohne Mühe gewann er (Konrad) die Stimmen der 
meisten geistlichen und weitlichen, von dem Pabste In- 
nozenz II. aufgereizten , zum Theil gegen Heinrichen 



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Herzog Weif VI. Von Behren«. 



heftig erbitterten Fürsten, liefs sich in den Osterfaslen 
1138. zu Koblenz wählen, und von einem päbstlichen 
Gesandten, dem Kardinal Theodnin, in Aachen salben 
und krönen, in solcher Eile, dafs Heinrich keine Zeit 
hatte, es mit Gute oder Gewalt zu hindern." 

Das Bild, welches sich hiernach der Leser von den 
Vorgängen vor und bei Konrads Wahl machen nwfs, 
wird wieder durchaus falsch sejn. Es ist ganz and gar 
nicht wahr, dafs Konrad ohne Mühe die Fürsten zu 
seiner Wahl bestimmte, es bedurfte aller Anstrengung 
seiner Freunde, vor Allen des aus Eigennutz höchst thä- 
tigen Erzbischofs Adalbero von Trier (siehe vorzüglich 
die hier aufsei ordentlich lehrreichen Gesta Treverorm 
in Eccard corp. lüst. Tom. II. column. 2199.), es be- 
durfte aller möglichen Kunstgriffe, z. B. des Vorgreifeos 
vor der angesetzten regelmäfsigen Wahlversammlung 
(Annali8ta Saxo ad arm. 1138. und Otto Frisingm 
chron. VII, 22.), um die Wahl durchzusetzen. Ebenso 
ist es durchaus nicht wahr, dafs Konrad die Stimmen 
der meisten Fürsten zu seiner W r ahl gewann: dennow 
derselben waren aufser ihm nur der schon genannte 
Adalbero von Trier, Arnold, von Köln, Buggo W» 
Worms und Konrads Bruder, Friedrich von Schwaben 
anwesend, und diese gaben ihm damals allein ihre Stim- 
men (Gesta Trev> L t. vergl. d. allgem. Ausdrucket 
aller Zeitgenossen über die geringe Zahl der Wahler), — 
erst nach der Wahl und nach der Krönung , und unter- 
stützt durch das einmal Geschehene gewann Konrad 
nachträglich die Zustimmung der meisten Fürsten, wobei 
denn freilich die vom Verf. angedeuten , vom Brf- °b^ D 
weiter auseinandergesetzten Gründe bestimmend auf sie 
wirkten. 

„Dieses rasche Verfahren, diese dem Baiernherzogc 
60 unerwartete und mifsfalüge Wahl zerrifs alle «eine 
grofsen Entwürfe, alle seine glänzenden Hoffnungen von 
- Hoheit und Glück. Seine Hoffnung zum Erwerbe des 
Kaiserthums zerrann. Denn ihre Schutzwehren waren 
gefallen : seine hohen Verdienste um das Reich gälte" 



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Herzog Weif VI. Von Behrens. 



917 



den Neidern und Hassern als verächtliche Einschmeich- 
lungen in die Kaisergunst; seine nahe Verbindung mit 
dem vorigen Kaiserhause als schlau gewähltes Mittel zur 
Unterdrückung der reichsständischen Gewalt und zur 
Anmaßung der Kaiserwürde, und das diese Meinung 
bestätigende Daseyn eines Erben von der Kaisertochter 
Gertrud, so wie der Empfang der Reichskleinodien von 
dem sterbenden Lothar, als der stärkste Antrieb zur 
Vereitelung seiner hochfahrenden Absichten." 

Aus diesem Satze können unsere Leser zugleich die 
Ausdrucks weise des Hrn. Verfs. kennen lernen , die un- 
nöthige Anhäufung von Redensarten bei Dingen, die 
sich ganz einfach sagen lassen, die Uebertriebenheit in 
den einzelnen Ausdrücken, wodurch immer die Hälfte 
der Wahrheit in dem Gesagten aufgehoben wird, endlich 
am Schlüsse der langen Phrase die bombastische Steige- 
rung zur völligen Unverständlichkeit oder , genau genom- 
men, eigentlich zur völligen Sinnlosigkeit. 

Was ist das schon für eine gespannte Redensart : 
„die Hoffnung — zerrann, denn ihre Schutzwehren waren 
gefallen?" Wie schief, wie unwahr geradezu ist der 
Satz: „seine hohen Verdienste um das Reich galten — 
als verächtliche Einschmeichelungen in die Kaisergunst?" 
Jene Verdienste um das Reich erwarb ja Heinrich offen- 
bar erst nach seiner Vermählung mit Gertrud, und da 
bedurfte es ja doch gewifs keiner Einschmeichelung in 
die Kaisergunst mehr, da Lothar aus Liebe zu seinem 
einzigen Kinde ja schon unaufgefordert Alles für Hein- 
rich thun mufste. Was ist das nun wohl ferner für eine 
grofse Schlauheit, die in der Vermählung mit Gertrud 
zu dem angegebenen Zwecke lag, eine Schlauheit, die 
in ähnlichen Verhältnissen auch der Dümmste besitzen 
würde? Wie völlig sinnlos ist endlich „das diese Mei- 
nung bestätigende Daseyn eines Erben von der Kaiser- 
tochter Gertrud ," wenn man diese Redensart nur etwas 
analysirt? Die Meinung ist, Heinrich habe Gertrud ge- 
heirathet, um sich dadurch die Kaiserwürde zu ver- 
schaffen, und diese Meinung wird dadurch bestätigt, 



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- 



918 Herzog Weif VI. Von Behrens. 

dafs er mit ihr einen Sohn erzeugt hat. Also das Daseyn 
eines Sohnes aus H.'s Ehe mit Gertrud bestätigt die Mei- 
nung, die man hat, von der Absicht, aus welcher Hein- 
rich mehrere Jahre früher jene Ehe schlofs, — was 
offenbar nur daun einen Sinn haben würde, wenn man 
annehmen wollte, H. würde keinen Sohn gezeugt haben, 
hätte er jene Absicht bei Eingehung der Ehe nicht 
gehabt. 

„Heinrich dagegen, vom Hochgefühle seiner Macht, 
von beleidigtem Stolze und verletzter Ehre zur muthig- 
sten Gegenwehr und zur beharrlichsten Vertheidigung 
seiner Ansprüche an den Thron aufgerufen, erklärte die 
Wahl Konrads von Staufen für erschlichen und nichtig, 
und blieb an den von Konraden zur Auslieferung der 
Reichskleinoden und zur Huldigung nach Bamberg 1 und 
Regensburg ausgeschriebenen Reichstagen aus. Kurz 
darauf nach Augsburg vorgeladen, erschien er zwar per- 
sönlich, und lieferte die Reichskleinoden aus; weigerte 
aber die Abtretung eines Theiles der von Lothar empfan- 
genen Lehen, was der neue Kaiser verlangte, dem 
vorher noch nie einem Reichsfürsten verliehene Herrschaft 
über die beiden mächtigsten deutschen Länder, Baiern 
und Sachsen, allzu bedenklich zu seyn schien. Zugleich 
nahm Heinrich, mit einer zahlreichen Schaar erschienen, 
in seinem Lager aufserhalb Augsburg eine so drohende 
und gefahrliche Stellung ein, dafs Konrad, Arges be- 
fürchtend, eines Abends nach der Mahlzeit ganz in der 
Stille , ohne sich von einem der anwesenden Fürsten zu 
verabschieden, in Begleitung einiger Ritter nach Würz- 
burg eilte." 

Hierin sind wieder mehrere offenbare Fehler. Er- 
stens : Zu Regensburg blieb Heinrich nicht aus, wie 
Hr. B. sagt, sondern erschien dort persönlich, wie wir 
im Otto Frmngena. (chron. I VII. c. 23.) finden. Gegen 
diese Auctorität Ottos, namentlich in einer Sache, die 
sich in Baiern zutrug, würde Hr. B. seine Meinung nicht 
durch Dodechin's Angabe (Contm. Mariani Scott ad cmn. 
1138.), dafs nur die Gesandten des Königs, von Heinrich 



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Herzog Weif VI. Von Behrens. 919 

zurückkehrend , dort mit Konrad zusammengetroffen 
wären, stützen können, wenn ihm auch Dodechins Er- 
zählung bekannt gewesen wäre, was, wie das gleich 
Folgende zeigt, nicht der Fall war. 

Zweitens: Die Regalien lieferte Heinrich nicht zu 
Augsburg, wie Hr.B. sagt, sondern schon zu Regensburg 
ab (siehe Otto Frismgensis l. I (und nach demselben 
Anonym. W eingart, ap. Hejs Mon. Guelf. P. hist. p. 34.) 
— und Dodechbi l. L); — nur kam es zu keiner förm- 
lichen Unterwerfung und zu keiner vollständigen Aus- 
söhnung, weil Konrad die Versprechungen nicht halten 
wollte, durch welche er die Herausgabe der Regalien 
bewirkt hatte (siehe Otto Fris. I. l). Vielleicht, dafs 
auch an der Nachricht etwas Wahres isi, <J* e der spätere 
Albericus monach. triam fonthim (Lemnitz Access, 
hist. T. II. p. 283.) seiner sonst ganz aus Otto Fris. ge- 
nommenen Erzählung von der Zusammenkunft in Regens- 
burg einflicht : „ Konrad habe Heinrich nicht vorgelassen," 
dafs also Konrad durch stolze Behandlung seines früher 
übermächtigen, jetzt. von ihm überflügelten Gegners die 
Aussöhnung hinderte. 

Drittens : Zu Augsburg erschien Heinrich überhaupt 
gar nicht, sondern lagerte sich gleich, ohne in die Stadt 
zu kommen, wo Konrad war, mit zahlreichem Gefolge 
der Stadt gegenüber, am rechten Ufer des Lech's. Die 
Unterhandlungen wurden daher nur durch Unterhändler 
geführt, die sich drei Tage vergeblich bemühten, eine 
Versöhnung zu Stande zu bringen, wie dies Alles der 
Anon. Weingart. I. I. deutlich genug erzählt, welcher 
hier die genaue Erzählung von den Vorgängen zu Augs- 
burg (aus der die anderen Angaben genommen sind, 
die der Hr. Verf. hat) seiner sonst ganz aus Oltonis FW- 
smgensis chron. entlehnten Darstellung einflicht. 

„Hier sprach er über den Herzog als einen Reichs- 
feind die Acht aus, und ihm gleich darauf auf dem 
Reichstage zu Goslar Sachsen und ßaiern ab. Jenes be- 
kam Albrecht dieses Leopold 



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920 Herzog Weif VI. Von Behrens. 

Auf dem Reichstage zu Goslar sprach Konrad Hein- 
rich dem Stolzen die Herzogthümer Sachsen und Baiern 
gewifs nicht ab. Das sagt keine einzige Quelle. Wäre 
dem Anonymus Weingart ensis nach Hefs's Ausgabe zu 
trauen, so wären sie ihm schon zu Wurzburg abgespro« 
chen worden, aber es fragt sich, ob das Msc. des Ano- 
nymus diese Angabe selbst überhaupt hat, denn Leib- 
nitz s Ausgabe : Scriptores Herum Brunsvicensivm Toml 
pag. 789. hat statt ducatus abjudicantur den Singular, 
und sollte die Angabe auch ächt seyn, so ist sie doch 
offenbar nur aus einer nachlässigen Zusammenziehung 
der aus Ottonis Frisingensis chronicon l. VII. c. 23. ge- 
nommenen und sonst wörtlich abgeschriebenen Nachriebt: 
„tandem jui^cio quorundam pr'mcipum apud Herbh 
polim prosenbitur ac m proxima nativitate dornst 
m palatio (leg. placilo) Goslar iensi ducatus ei ab- 
Judicatur" entstanden. Es ist hierauf also nichts zu 
geben. Wahrscheinlich wurde Herzog Heinrich in Wurz- 
burg nur in die Acht gethan , womit allerdings der Ver- 
lust der Herzogthümer verbunden war, über die Herzog- 
thümer aber, da di3 Versammlung auf fremden Boden 
war, nichts Weiteres verfügt, dann zu Goslar Sachsen an 
Adalbert, später in Bai er n Baiern an Leopold ver- 
liehen und damit die Absetzung vollends vollzogen. (Siehe 
Ottonis Frisingensis chronicon L l. und die Zusätze zu 
dessen Nachrichten im Anonym. Weingart hl 

Auf der folgenden Seite (87) finden sich ferner noch 
folgende Irrthümer: 

„Heinrich eilte — aus Baiern — , wo die höchst 

abgeneigte Stimmung ihm Gefahr drohte nach 

Sachsen." Dies war gewifs nicht die Ursache seiner 
Reise, sondern er wollte ganz natürlich in Konrads Nähe 
seyn , um sich dessen etwaigen Unternehmungen in Sachsen 
entgegenstellen zu können. 

„Seine Ankunft war Vielen unvermuthet, aber Allen 
e r f r e u 1 i c h." Das ist wieder gewifs nicht wahr , denn 
Sachsen bestand gar nicht etwa aus lauter Anhängern 
Heinrichs, Adalbert hatte eine ziemlich starke Parthei, 



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Herzog Weif VI. Von Behrens. 921 

das zeigen die Ereignisse im Anfange desselben Jahres 
1138, in dessen Ende vielleicht Heinrichs Ankunft in 
Sachsen noch fällt, die Vereitelung der von Richenza 
ausgeschriebenen Zusammenkunft zu Quedlinburg durch 
ihn (Annalista Saxo ad arm. 1138.), die Gefangenneh- 
mung seiner Gegner bei Mimirberh (ibid.), die Erobe- 
rung von Lüneburg, Bardewick, Bremen, Nordalbin- 
gien (Helmold chron. Slav. I. L c. 54.) u. s. f. Diesen 
Anhängern Adalberts war Heinrichs Ankunft aber doch 
gewifs nicht erfreulich. 

„ — trieb den bereits eingerückten Grafen 
von Anhalt weit über die sächsischen Grenzen hinaus." 
Dies zeigt wieder recht, dafs der Hr. Verf. eigentlich 
gar keinen Begriff von Stellung und Lage der Personen 
und Dinge hat. Klingt es doch gerade, als ob Adalbert 
in Sachsen wer weifs was für ein Fremdling wäre, der 
mit irgend einem ausländischen Heere über die sächsi- 
schen Grenzen einrückt, um das Land zu erobern; 
während er einem sächsischen Geschlechte entsprossen, 
ja ein Abkömmling der sächsischen Herzoge, im Besitze 
einer Menge von Gütern in Sachsen, bekanntlich ebenso 
viele Ansprüche auf das sächsische Herzogthum hatte 
und Sachsen wenigstens eben so gut angehörte, als der 
nur von mütterlicher Seite aus Sachsen stammende Baiern- 
herzog Heinrich, • — auch seinen Wohnsitz in Sachsen 
hatte, so dafs er unmöglich in Sachsen einrücken, son- 
dern höchstens dort sich ausbreiten und Eroberungen 
machen konnte, so wie er nicht weit über die sächsischen 
Grenzen hinausgetrieben werden konnte, etwa wie man 
ein feindliches Heer hinaustreibt, sondern genöthigt 
wurde, für seine Person aus Sachsen zu entfliehen . als 
Heinrich seine Anhänger besiegte, ihre und Adalberts 
eigne Burgen eroberte u. s. f. 

„H. stellte sich in Goslar ohne Bedenken ein und 
arglos." Heifst das nicht den Glauben an die Vergif- 
tung Heinrichs bestätigen? Da doch der Hr. Verf. un- 
mittelbar darauf sich gegen dessen Wahrheit und wie es 
scheint für die Meinung erklärt, die den Tod Heinrichs 

1 ■ 



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922 Herzog Weif VI. Von Behrens. 

dem Grame über sein Unglück zuschreibt , was wir übri- 
gens, trotz dem Zeugnisse des Auctarium Gemblacense 
adJnselmi contmuationem Sigeberti Gemblacensis (arm. 
1139.) eben so wenig mit grofser Bestimmtheit behaupten 
mochten, da die ganze Angabe leicht ihren Grund in 
dem Wunsche des Mönches haben kann, seine schöne 
moralische Phrase: „nec attendens illud dictum mun- 
danae sapientiae : levius fit patientia, quid quid nefas 
est corrigere" anzubringen, wie das in tausend anderen 
Stellen bei Schriftstellern des Mittelalters der Fall ist 
Doch wir halten ein, denn wir wurden ein dickes 
Buch schreiben müssen, wollten wir in dieser Weise 
die Fehler alle angeben, die wir beim Durchgehen von 
Hrn. B. s Buche bemerkt haben. So wie auf diesen 
Seiten, so geht es im Durchschnitt durch das ganze 
Buch hindurch , und wir sagen gewifs nicht zu viel, 
wenn wir behaupten, von einzelnen, rein factischen An- 
gaben des Hrn. Verfs. ist vielleicht nicht viel weniger als 
die Hälfte geradezu falsch oder wenigstens nicht nach- 
weisbar, von solchen Darstellungen aber, die auf einet 
Combination mehrerer einzelner Thatsachen , auf einem 
etwas allgemeineren Ueberblicke über die Verhältnisse 
der handelnden Personen und dergl. beruhen, ist fast 
keine so, wie sie aus reinem, ungetrübtem Anschauen 
der Quellen sich ergeben würde, enthält fast jede irgend 
etwas Schiefes, Halb wahres, Unkunde der eigentlichen 
Zeitverhältnisse Verrathendes. Die übergrofse Ausdeh- 
nung, welche diese Anzeige so schon gewonnen hat, 
hindert uns, zu den bereits mitgetheilten Belegen noch 
neue aus dem unerschöpflichen Schatze hinzuzufügen, 
den das Buch daran darbietet. Die Darlegung der Fehler, 
die sich auf drei einzelnen Seiten finden, dispensirt uns 
aber wohl auch von der Verpflichtung, weiter nachzu- 
weisen , dafs die Resultate der Forschung des Hrn. Verfs. 
den sonderbaren Ansichten entsprechen, die derselbe, 
wie wir oben bemerkt, von Forschung und Quellen und 
Kritik damals, als er sein Büchlein schrieb, gehabt zu 
haben scheint. 



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Herzog Wolf VI. Von Behren«. 



923 



Ref. könnte hier eigentlich diese Anzeige schließen, 
denn mit dem Nachweise von der Unzuverlässigkeit des 
vorliegenden Buches in allen seinen Angaben, welchen 
Ref. hinreichend geliefert zu haben glaubt, ist anch zu- 
gleich nachgewiesen, dafs es für die Wissenschaft nutzlos 
und zu der Klasse von Büchern zu zählen ist, die wir 
im Anfange unserer Anzeige bezeichnet haben als schäd- 
liche Erzeugnisse des Glaubens, zu geschichtlichen Dar- 
stellungen bedürfe es eben weiter keiner besonderen, 
gründlichen Vorbereitung, einige allgemeine wissen- 
schaftliche Bildung sey dazu völlig hinreichend. Doch 
wollen wir noch einige Worte über Hrn. B.'s Buch für 
die genügsamen Leute sagen, die ihre Ansprüche an ge- 
schichtliche Werke so gar sehr zu beschränken wissen, 
dafs sie bei allen Fehlern in den einzelnen Angaben, 
denselben doch noch einen gewissen Werth beilegen, 
wenn sie nur sonst durch Anordnung der Begebenheiten, 
durch die Betrachtung derselben von allgemeinerem 
Standpunkte aus, durch die Art der Darstellung und 
Sprache irgend einer an sie gerichteten Forderung ent- 
sprechen. Auch diese leicht befriedigten Leute würden 
nämlich trotz ihrer Genügsamkeit nach unserer Meinung 
doch ihre Rechnung nicht bei dem Büchlein des Hrn.B. 
linden. 

Was zuerst die Anordnung der dargestellten Bege- 
benheiten betrifft , so scheint uns diese auch verfehlt und 
so eingerichtet zu seyn, dafs sie durchaus dengerechten 
Forderungen an eine Biographie und namentlich an eine 
Darstellung der Schicksale eines Mannes und „seiner Zeit- 
genossen wie sie Hr. B. nach dem Titel seines Buches 
verhelfst, nicht entspricht, den Forderungen, dafs eine 
Solche Darstellung ein einiges , leicht übersehbares Bild 
der Schicksale des Mannes, ihres Zusammenhanges unter 
sich und auch ihrer Beziehungen auf die Verhältnisse 
der Zeit, in der er lebte, überhaupt gewähre, welche 
letzte Forderung namentlich bei einem Manne mit Recht 
gestellt werden kann, der so tief, wie Weif VI., in die 
allgemeinen Ereignisse seiner Zeit eingriff. Der Hr. Verf. 



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924 Hertog Weif VI. Von Behren«. 

klagt so oft Ober Dürftigkeit der Nachrichten, über die 
vielen Fragen hinsichtlich der Schicksale Welfs , welche 
unbeantwortet bleiben: — dies hätte ihm einen Finger- 
zeig geben können , dafs er die Geschichte eines Mannes 
aus dem zwölften Jahrhundert nicht so behandeln müsse, 
wie man vielleicht die Geschichte eines in den neuesten 
Zeiten Lebenden behandeln könnte, wo viele, reiche 
Quellen fast über alle, auch die einzelnsten Gestaltungen 
seines Lebens Nachricht geben, — dafs er sich nicht 
zum Zwecke setzen müsse, dieses Leben selbst gleichsam 
isolirt in den Mittelpunkt der Ereignisse zu stellen und 
durch alle Perioden und Verhältnisse hindurch zu ver- 
folgen, wo so viele vorkommen, von denen die Quellen 
ihrer Natur nach ganz schweigen, sondern dafs er es in 
seiner höheren Bedeutung für das Allgemeine auffassen, 
dieses zum Hauptgegenstand der Darstellung machen und 
das Wirken seines Helden gleichsam nur als den Stand- 
punkt für die Betrachtung des Allgemeinen benutzen 
müsse. Weif des Sechsten ganze allgemeinere Bedeutung 
besteht aber in seiner Stellung zu dem beginnende* 
Kampfe seines Hauses mit dem Hause der Hohenstaufen; 
diesen Kampf mufste der Hr. Verf. in den Vordergrund 
seiner Erzählung bringen. Dessen Beginn , dessen Fort- 
gang, das Einwirken Welfs auf dessen Entwickelung, 
sein männliches Ringen in diesem Streite, endlich sein 
verzweifelndes Aufgeben desselben nach dem Tode seines 
Sohnes, sein Lostrennen von den weiteren Schicksalen 
seines Hauses, sein hoffnungsloses Versinken in genufs- 
süchtige Schwelgerei nach dem Zerreifsen jenes Bandes, 
das ihn an die Schicksale seines Hauses gekettet hatte, 
das mufste er schildern, und er konnte uns ein sehr an- 
sprechendes, sehr schönes, sehr belehrendes Gemälde 
vorführen. Jener Kampf ist für unser Vaterland, ist für 
Italien, ist für ganz Europa so unendlich einflufsreich 
gewesen, sein Entstehen, sein Gang, seine überraschen- 
den Wendungen sind so anziehend, die grofsen Cha- 
raktere der Einzelnen, der Corporationen , der Ideen, 
die in ihm hervortreten, so interessant, dafs sich nicht 



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t 



Hcraog Weif VI. Von Behrens. 925 

leicht ein schönerer Stoff finden läfst, die Betrachtung 
des ersten Theiles jenes Kampfes von dem Standpunkte 
Welfs aus aufserdem so neu, so eigenthümlich (da man 
im Allgemeinen denselben immer von dem gleichsam 
officiellen Standpunkte der Hohenstaufen aus zu betrachten 
gewohnt ist), dafs der schöne Stoff dadurch nur an Reiz 
und Interesse hätte gewinnen können. Für eine solche 
Darstellung wären aufserdem auch die Quellen, recht 
benützt, reich genug gewesen, ein schon zusammenhän- 
gendes Ganzes zu geben, Hr. B. wurde sich nicht über 
Dürftigkeit des Stoffes zu beklagen gehabt haben , wozu 
er bei dem Wege, den er gegangen ist, freilich oft genug 
Veranlassung fand. Hr. B. hat diesen Weg nicht ein- 
geschlagen. Jener Kampf selbst ist ihm nur der Hinter- 
grund seines Gemäldes, er geht davon aus, eine regel- 
rechte, zusammenhängende Biographie Welfs von seiner 
Geburt bis zu seinem Tode zu liefern, ihn zu verfolgen, 
da wo er in jenem Kampfe hervortritt und da, wo sein 
Leben bedeutungslos dahinfliefst, oder wenigstens sich 
nur auf untergeordnete Verhältnisse bezieht. Daraus sind * 
aber neben der Verringerung des Interesses, was die 
Schrift überhaupt gewähren könnte, zwei grofse Mängel 
des Buches entstanden. 

Erstens hat Hr. R sich seinem Plane gemäfs genö- 
thigt gesehen, auch über die Verhältnisse in Welfs 
Leben, über die Zeiten desselben zu sprechen , worüber 
die Quellen uns durchaus keine Nachrichten aufbewahrt 
haben, wo er sich also genöthigt sah, die Lücken, 
welche die urkundlichen Nachrichten liefsen , mit reinen 
Vermuthungen auszufüllen, die entweder geradezu auf 
Nichts oder nur auf ganz allgemeinen Verhältnissen, die 
fiir alle Zeitgenossen Welfs gleich gut gelten, — « be- 
v ruhen. 

Ref. fuhrt als Beispiel dafür nur das an, was Hr. B. 
S. 17 u. ff. über Welfs Jugendschicksale sagt, was nur 
auf ganz vage, allgemeine Vermuthungen gegründet ist; 
dann das , was er S. 33. über den Aufenthalt Welfs in 
Italien seit dem Tode seines Vaters anfahrt, was sich 

> « i 

» ■ • 



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92« Hersog Weif VI. Von Bebren«. 

wieder theils auf ganz unsichere Hypothesen , gröfsteu- 
theils wohl sogar auf einen mi fsverstandenen Ausdruck 
des Anonymus Wemgartenste stützt (vergl. Origines 
Guelficae T.II. p. 360.); endlich das, was eben so uner- 
weislich S. 46. über Weif s Wehrhaftmachung erzählt 
wird. 

Der zweite Nachtheil , welcher aus der Weise her- 
vorgeht, wie der Hr. Verf. seine Aufgabe betrachtet hat, 
ist die Reihenfolge, in welcher er die Begebenheiten 
erzählt, die den wahren Zusammenhang derselben , so wie 
die ganze Bedeutung von Welf's Wirken in einen ganz 
verdüsternden und undeutlich machenden Schatten stellt 
So wird man bei der Anordnung, die Hr. B. gewählt 
hat, den engen Zusammenhang gewifs nicht ahnen, in 
dem Weif s und seines Bruders Schicksale auch in den 
früheren Perioden ihres Lebens schon zu dem begin- 
nenden Kampfe mit den Hohenstaufen, der alle ihre ein- 
zelnen Kämpfe und Lebensverhältnisse in sich aufnah/n 
und gleichsam verschlang, stehen. 

Erstens bleiben schon die Ursachen und ersten Ge- 
staltungen dieses Kampfes, sein Zusammenhang mit den 
allgemeinen Verhältnissen der damaligen Zeit, mit der 
Stellung der kirchlichen und politischen Partheien , so wie 
mit der Lage der einflußreichsten Familien in Deutsch- 
land bei der Anordnung und Darstellung des Hm. Verfs. 
durchaus dunkel. Denn die Erzählung, welche Hr. B. 
davon S. 76 u. ff. giebt, ist durchaus ungenügend. So 
ist z. B. eines der wichtigsten Momente in der Entstehung 
des Kampfes, ja das, auf welchem die Uebertragung 
der schon bestehenden Feindseligkeiten zwischen Lothar 
und Heinrich dem Fünften auf die Hohenstaufen eigent- 
lich ganz beruht, völlig übergangen, die Verwandtschaft 
der beiden staufischen Brüder, Friedrichs und Konrads 
mit Heinrich dein Fünften nämlich. — Der Leser, wel- 
cher der Verhältnisse nicht schon kundig ist, übersiebt 
daher gewifs, dafs die Hohenstaufen nach Heinrichs des 
Fünften Tode sich etwa in derselben Stellung befanden, 
in welcher wir Heinrich den Stolzen nach Lothars Tode 



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Hereog Weif VI. Von Bebrens. 



finden, and dafs sie auf diese Stellung ganz ähnliche 
Ansprüche gründeten, wie dieser sie bei der folgenden 
Thronerledigung machte. 

Zweitens übersieht der Leser bei Hrn. B/s Anordnung 
(und darauf wollten wir hier vorzüglich aufmerksam ma- 
chen) gewifs auch, dafs schon der Kampf um die Be- 
setzung des Regen6burger Bisthums, der um die cal- 
wischö Erbschaft, das Verfahren Heinrichs gegen Fried- 
rich von Schwaben zu Zwiefalten , kurz fast alle die 
Vorgänge, welche aus Heinrichs des Stolzen und Welfs 
des Sechsten früheren Leben erzählt werden, in näherer 
oder fernerer Beziehung auf jenen grofsen Kampf, das 
Hauptereignifs der damaligen Zeit, standen. Nachdem 
nämlich schon S. 37. der Vorgang zu Zwiefalten, S. 43. 
die Regensburger Fehde, S. 56. der calwische Erbfolge- 
streit erzählt worden ist, kommt erst S. 76. die erste 
ausfuhrlichere Erwähnung von Lothars Kampf mit den 
Staufen, S. 77. die Erzählung von Heinrichs des Stolzen 
Vermählung mit Gertrud, endlich erst S. 93. eine Be- 
trachtung über den Kampf der Weifen und Waiblinger, 
seine Bedeutung und seine Folgen , obgleich die mittel- 
bare Entstehung dieses Kampfes sich schon aus den Zeiten 
Heinrichs des Fünften herschrieb und eine frühere Dar- 
stellung der Verhältnisse desselben alle die erwähnten 
Ereignisse erst in ihrem wahren Lichte, ihrer allgemei- 
neren Bedeutung würde haben erscheinen lassen. 

Der Hr. Verf. hat also durch diese Anordnungsweise 
sich selbst die Mittel geraubt, seiner Darstellung Einheit 
und Klarheit zu gehen und auch den Ansprüchen auf 
Uebersichtlichkeit nicht genügt, die man mit Recht an 
eine Darstellung seines Stoffes machen konnte. Er wird 
also, wie wir oben anführten, auch den so bescheidenen 
Ansprüchen derer nicht genügen , die , auf Zuverlässig- 
keit der einzelnen Angaben und auf wissenschaftliche 
Forschungen über die wahren Thatverhälrnisse verzich- 
tend, nur eine klare Uebersicht über den Zusammenhang 
der erzählten Ereignisse durch das Buch gewinnen möch- 
ten, auch ihnen wird es nicht bieten, was sie suchen, 



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928 Herzog Weif VI. Von Bohrern. 

ein einiges, zusammenhängendes, leicht überschaubares 
Bild der Schicksale Welfs und ihres Einflusses auf die 
allgemeinen Staatsverhältnisse, der Umgestaltungen, die 
sie in diesen mit hervorrufen halfen, so wie der Art, 
wie sie von ihnen selbst bestimmt, von ihnen modificirt 
und gewendet wurden. 

Trotz aller der Mängel , die wir nun bisher in dem 
vorliegenden Schriftchen gerügt haben, würde dasselbe 
doch noch bei einer gewissen Klasse von Lesern Gnade 
finden können, wenn es den Forderungen entspräche, 
welche diese Leute an geschichtliche Werke machen. Es 
sind das nämlich die Leser historischer Schriften (wie 
grofs ihre Zahl ist, zeigt der Beifall, den Werke in un- 
seren Tagen finden, die gerade nur ihren Bedurfnissen 
angemessen sind), welche auf Gründlichkeit der For- 
schung, auf Zuverlässigkeit der einzelnen Angaben, auf 
Wahrheit der Combinationen, selbst auf Zweck mäfsigkeit 
der Anordnung verzichten, wenn ihnen dafür nur Ideen, 
wie sie sagen , d. h. allgemeine Betrachtungen , ßäson- 
nements, Declamationen u. s. f. moralischer, religiöser, 
philosophischer, psychologischer oder endlich politischer 
Art geboten werden. Dann übersehen sie ja gern den 
Mangel der erwähnten Nebensachen. Wer wird aber 
auch beschränkt genug seyn, bei der Nachweisung grofset 
Gesetze im Leben der Menschheit, bei der Darstellung 
neuer Offenbarungen des Weltgeistes, bei der Verfol- 
gung philosophischer Grundsätze durch die erzählten 
Ereignisse, oder gar bei der Vertheidigung der oder 
jener politischen Ansicht noch solche Kleinigkeiten, wie 
Wahrheit der Erzählung , oder solche Aeufserlichkeiteo, 
wie Uebersichtlichkeit der Zusammenstellung, zu verlan- 
gen? Wer kann dem Genius in seinem Fluge die Berück- 
sichtigung solcher, jeden Aufschwung hemmenden, Ne- 
bendinge zumuthen? Vor diesem Tribunale könnte also 
selbst eine so leichte Arbeit, wie Hrn. B/s Schrift , noch 
gerechtfertigt erscheinen; haben ja doch Bücher da 
Beifall gefunden , die an historischem Werthe noch weit 
unter Hrn. B.'s Werkchen standen. 

(Der Betchluf» folgt.) 



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N". 59. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 



Herzog Weif VI. Von Behrens. 

( Bes c hl Ufa.) > 

Aber leider fehlt dem vorliegenden Büchlein auch 
die Art von Vorzügen, die vor diesen Richtern ein 
günstiges Urtheil auswirkt. Denn mögen wir auch unsere 
Ansprüche an solche Zuthaten und Einschiebsel in histo- 
rischen Werken so niedrig, als nur immer möglich, 
stellen : der Inhalt der Abschweifungen von der Erzäh- 
lung, die wir bei Hm. B. finden, ist doch in der That 
zu wenig ansprechender Art, als dafs er irgend als Ersatz 
der übrigen Mängel des Buches dienen könnte. Denn 
dies werden weder die gar alltäglichen und flachen , mo- 
ralischen oder psychologischen Bemerkungen thun, denen 
wir hier und da z. B. S. 20, 28, 84, 85. u. a. a. O. be- 
gegnen ; — noch die Beurtheilungen von Verhältnissen 
des Mittelalters, die auch so gar keinen Sinn für die 
Eigeuthümlichkeiten dieser freilich in Denk - und Hand- 
lungsweise von der unsrigen ganz verschiedenen Zeit 
verrathen, wie die sehr gewöhnlichen, durchans nicht 
individualisirten und daher unwahren, tadelnden Urtheile 
über die Geschichtschreiber des Mittelalters S. IT 20. 
u. a. m. a. O. die eben so alltäglichen Bemerkungen über 
Wundergeschichten S. 68, über Welfs Religiosität S. 21. 
und über die Wulfhildens S. Ti\ — hoch die auf die 
gewaltsamste Weise herbeigeholten Hindeutungen auf 
politische Verhältnisse anderer Zeiten, wie z.B. das wirk- 
lich komische Hereinziehen der Lehren von dem politi- 
schen Gleichgewichte in die Betrachtung so ganz und 
durchaus verschiedener Verhältnisse, wie die des stau- 
fischen und weifischen Hauses gegen einander waren, in 
Vergleich mit den Staatenverhältnissen, wo jene Lehren 
ihre Entstehung, Ausbildung und Anwendung gefunden 
haben, S. 91. — noch die juristischen Untersuchungen 
S. 59, ob „nach dem Artikel 18. §. 2. des hier an- 

XXVI. Jahrg. 9. Heft. 59 



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930 Hereog Weif VI. Von Behrens. 

wendbaren (!) schwäbischen Lehnrechts" Albrecht 
vonCalwe rechtlich begründete Ansprüche auf die Lehne 
seines verstorbenen Oheims, Gottfried von Calwe machen 
konnte; — noch die, gezwungen genug, eingeschobene 
Tirade zu Erhebung des Braunschweig- Lüneburgischen 
Regentenhauses, S. 12 ; — noch alle die verschiedenen 
Ansichten, Bemerkungen, Gefühle, Betrachtungen u.s.f., 
die der Hr. Verf. auf die bezeichnete Weise hier und da 
angebracht hat. Also wir zweifeln, ob Hrn.B.'s Schrift- 
chen, so wie es ist, selbst als Lese- und Unterhaltung«- 
buch Beifall finden würde. 

Dazu kommt noch, um endlich auch darüber noch 
.ein Wort zu sagen, dafs auch Hrn. B.'s Sprache, die 
äufsere Form seiner Darstellung im Einzelnen, nicht dazu 
beiträgt, das Lesenseines Buches angenehm zu machen. 
Zwar ist nämlich im Allgemeinen seine Erzählungs weise 
keineswegs unangenehm, vielmehr ist sie fliefsend und 
klar und wohl 'verständlich. Aber nur gar zu oft wird 
ihr ruhiger Fortgang unterbrochen. Bald steigert sich 
in den Declamationen und Tiraden des Hrn. Verfs. seine 
Sprache zum unverständlichen Bombast, bald fallt s\e\n 
seinen kritischen Untersuchungen und Betrachtungen 
unter den Erzählungston herab, so dafs durch das ganze 
Werk eine höchst unangenehme Ungleichheit derSchreib- 
art herrscht, die desto unangenehmer auffallt, je "weniger 
durch das in den Abschweifungen von der Erzählung 
Gebotene irgend ein Ersatz für deren Unterbrechung 
gewährt wird. 

Fast von allen Seiten sah sich sonach Ref. genöthigt, 
entschiedenen Tadel über das vorliegende Werkchen 
auszusprechen. Warum er überhaupt ein UrtheiK abzu- 
geben für Pflicht hielt und die unbedeutende Erschei- 
nung nicht vielmehr ganz mit Stillschweigen überging, 
hat er auf den ersten Seiten «lieser Anzeige angeführt, 
dafs er aber ein anderes Urtheil der Wahrheit gemäfs 
über das Schriftchen nicht fällen konnte, davon wird 
sich Jeder, der sich etwas näher mit historischen For- 
schungen, namentlich gerade über den behandelten Zeit- 



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Brucbmanir, üfcef Bahrbruonen. 031 

» 

räum beschäftigt hat, schon tlnrch flüchtige Ansicht 
des Buches leicht überzeugen, und wird bei näherer 
Durchsicht desselben unseren Tadel gewifs auch in jedem 
einzelnen Punkte gegründet finden. Ja Ref. ist versi- 
chert, dafs der ihm sonst völlig unbekannte Hr. Verf., 
wenn er sich seit dem Erscheinen des Buches noch 
weiter mit historischen Arbeiten beschäftigt und sich 
seitdem vielleicht mit den Erfordernissen geschichtli- 
cher Forschung , so wie mit den dazu nöthigen Vor- 
kenntnissen einigermafsen vertraut gemacht hat, selbst 
die Wahrheit des oben ausgesprochenen Urtheils über 
sein früheres , mit gar zu grofser Flüchtigkeit und gar 
zu wenig Vorkenntnissen verfafstes Werk anerkennen wird. 
Möge Hr. B., ist die Voraussetzung gegründet, dafs er 
sich noch weiter mit geschichtlichen Arbeiten beschäf- 
tigt hat , dereinst die Ergebnisse seiner reiferen und mit 
etwas mehr Aufwand von Zeit und Mühe angestellten 
Forschungen über irgend einen Theil unserer vaterländi- 
schen Geschichte bekannt machen, damit Ref., ohne 
der Wahrheit zu nahe zu treten , durch Anerkennung 
der bessern Leistungen des Hrn. B. den entschiedenen 
Tadel aufwiegen könne, den er über das vorliegende, 
unreife Erzeug nifs einer flüchtigen Schrisstellerlaune aus- 
sprechen mufste. 

Mittler. 



■> * , 

Vollständige Anleitung zur Anlage, Fertigung und neueren Nutzan- 
wendung der gebohrten oder sogenannten artesischen Brunnen, 
Gr öf stent heils auf eigene Erfahrung gegründet und für die prak- 
tische Ausführung bearbeitet von J. A, von Bruck mann , Kon. 
fVürtemb. Baurath, Ritter d. KönigL Civil - Verdienst - Ordens und 
seinem Sohne A. S. Bruckmann, Architect. Mit IX Steintafelm, 
Heilbronn 1833. X u. 382 S. 8. 

Reines und in hinlänglicher Menge vorhandenes 
Quellwasser gehört unter die nothwendigsten Bedürfnisse, 
wurde daher von den ältesten Zeiten an und wird noch 
gegenwärtig vorzüglich geschätzt, und wenn sieh Men- 



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932 Bruckmano, übe» Bohrbrunnen. 

sehen wegen anderweitiger Bequemlichkeiten oder Vor- 
theile entschliefsen, an Orten zu wohnen, wo jenes man- 
gelt, ohne hierüber viel und anhaltend zu klagen, so ist 
dieses nur aus der Macht der Gewohnheit zu erklären, 
indem der Mensch nach einer höchst schätzenswerthen 
natürlichen Anlage sich willig in alle Verhältnisse fügt, 
ja sogar in ihnen zufrieden und selbst glücklich ist , so- 
bald er sie aus innerer Ueberzeugung als nothwendig 
erkannt oder sich von früher Jugend an damit vertraut 
gemacht hat. Inzwischen regt sich doch an allen Orten, 
wo jenes nothwendige Bedürfnifs mangelt, ziemlich all- 
gemein und bei Vielen sehr stark der Wunsch nach einer 
Verbesserung in dieser Hinsicht, man pflegte daher alle- 
zeit wiederholte Versuche neuer Grabungen anzustellen, 
und nahm oft seine Zuflucht zu künstlichen Filtrirungea, 
ohne jedoch demUebel hierdurch gründlich abzuhelfen. 
Es ist daher merkwürdig, dafs man das so nahe liegende 
und treffliche Mittel des Bohrens für diesen Zweck, man j 
darf wohl sagen gar nicht benutzte, ohngeachtet das- 
selbe schon seit 1671. in Modena, Frankreich und ver- 
muthlich schon weit früher in der Umgebung von Wien | 
nicht blos praktisch angewandt, sondern auch schon da- 
mals durch Cassini öffentlich bekannt gemacht wurde, 
und das Bohren in die Erde im Allgemeinen unter die 
seit undenklichen Zeiten üblichen Operationen gehört Erst 
seit wenigen Jahren suchte man in England und in America 
häufig die Quellen durch Bohren auf, in Frankreich 
wurde die Sache durch nähere Untersuchung der in 
Artois seit mehr als 100 Jahren üblichen Methode des 
Brunnengrabens allgemeiner bekannt, von den Franzosen 
kam Kunde davon zu den Teutschen, und in dem ge- 
genwärtigen Augenblicke geben Hunderte erbohrter, 
oder nach jenen sogenannter Artesischer, Brunnen 
einen reichlichen Ersatz für die dabei aufgewandten Ko- 
sten. Insbesondere haben Garnier und nachher Heri- 
cart de Thury durch ihre ausführlichen Werke den 
Gegenstand zur allgemeineren Kenntnifs gebracht, in 
Teutschland aber erschienen sehr bald mehrere Schriften 



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Bruckmann , über Bohrbrahnen. ' ^ 

über dieses interessante Problem. Einige derselben be- 
handelten die Aufgabe als eine rein physikalische und 
mechanische blos im Allgemeinen, weil das Publicum 
sich einmal dafür interessirte, und die darüber bekannt 
gewordenen Schriften begierig las , die meisten be- 
schrieben dar von ihnen bei selbstgemachten Versuchen 
angewandte Verfahren , nur wenige behandelten die Sache 
in einem weiteren Umfange , und verbanden die Resul- 
tate fremder und eigener Erfahrungen zur Erreichung 
einer zweckgemäfsen Vollständigkeit. 

Unter diese letztere Classe gehört das vorliegende 
Werk, dessen Charakter hiermit also im Allgemeinen be- 
zeichnet ist; es mufs jedoch' zugleich berücksichtigt 
werden , dafs die Verfasser zunächst nicht beabsichtigten, 
die Aufgabe streng wissenschaftlich zu behandeln, son- 
dern vielmehr gebildete Hydrotecten und Baumeister mit 
dem Ganzen bekannt zu machen, die zahlreichen Regeln 
beim praktischen Verfahren anzugeben, die vielfachen 
Werkzeuge, deren man sich bei ungleichen Tiefen und 
bei verschiedenen zu durchbohrenden Erd- und Fels- 
Arten mit Vortheil bedient, genau zu beschreiben, und 
jene dadurch in den Stand zu setzen, ohne stets wieder- 
holt eigene Erfahrungen zu sammeln, vielmehr mit Si- 
cherheit und hinlänglicher Gewifsheit eines günstigen 
Erfolges an geeigneten Orten die vorhandenen Quellen 
durch Bohren aufzusuchen. Nicht leicht aber konnte 
jemand einen näheren Beruf zur Abfassung einer solchen 
allseitig genügenden praktischen Anweisung haben, als 
die Verfasser, denn beide hatten bereits theils gemein- 
schaftlich theils einzeln an mehreren Orten unter sehr 
abweichenden Bedingungen durch ungleiche Erd- und 
Fels -Lager und bis zu bedeutenden Tiefen wirkliche 
Bohrversuche mit günstigem ferfolge ausgeführt, als sie 
es unternahmen, dem Publicum das vorliegende Werk 
zu übergeben. Wenn man ferner hinzunimmt, dafs die 
Verfasser sich vorher mit der vorhandenen Literatur über 
diesen Gegenstand bekannt gemacht , aber nicht die 
fremden Angaben unverändert wiedergegeben, sondern 



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«J84 



V Bruckmann, über Bohrbrunnen. 



vorher kritisch geprüft haben, außerdem aber hinläng- 
lich gewissenhaft sind, so dafs ihre Erfahrungen volles 
Vertrauen verdienen, so ist hiermit alles dasjenige an* 
gegeben, wonach sich der Werth der vorliegenden 
Schrift von selbst beurtheilen läfst. 

Nach dieser allgemeinen Bezeichnung des Inhalts 
würde es überflüssig seyn, alles Einzelne namhaft anzu- 
geben, und Ref. begnügt sich daher mit einer kurzen 
Uebersicht der wesentlichsten, hier vereinten Untersu- 
chungen. Das Werk beginnt mit einer nur populären, 
keineswegs erschöpfenden, aber für den vorliegenden 
Zweck genügenden Betrachtung über den Ursprung der 
Quellen aus den Hydrometeoren, die hier allerdings am 
rechten Orte ist, weil hierauf eben die Kennzeichen be- 
ruhet], ob man nach Wahrscheinlichkeitsgründen an irgend 
einem gegebenen Orte Quellen zu erwarten habe; zu- 
gleich ist in einer Anmerkung gezeigt, wie sich die aus 
einem Rohre von gegebener Weite abfliefsende Wasser- 
menge berechnen lasse, um den bei Vielen herrschenden 
und oft schwer zu beseitigenden Glauben zu berichtigen* 
als ob diese blos von der Weite des Ausgufsrohres ab- 
hänge, da doch die Druckhöhe von einem noch viel 
wensentlicheren Einflüsse dabei ist. Es folgt dann eine 
allgemeine Beschreibung der 10 Bohrbrunnen, welche 
durch v. Bruckmann den Vater in Heilbronn mit glück- 
lichem Erfolge hergestellt wurden , deren reichliches 
Wasser nicht blos im Allgemeinen zum Betriebe mehrer 
Gewerke benutzt, sondern zugleich als ein Mittel zur 
Sicherung gegen das Gefrieren anderer Betriebswässer 
verwandt wurde, und wofür die Gesellschaft zur Auf- 
munterung vaterländischer Industrie in Paris die goldene 
Medaille als Belohnung zuerkannte. Hierauf folgt von 
S. 04. an das ganze beim Bohren der Brunnen anzuwen- 
dende Verfahren, also auch eine vorausgehende Anlei- 
tung, die Schachte bei den Bohrbrunneu abzubauen, da 
es aus vielen Gründen vorteilhafter ist, zuvor einen 
solchen Schacht niedergehen zu lassen, und in diesem 
dann weiter zu bohren, als sofort von der Erdoberfläche 



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v. Brinkmann, über Bohrbruonen.^ 935 

an den Bohrer einzutreiben. Die von S. 72 bis 174. fol- 
gende Beschreibung des Verfahrens beim Bohren , der 
dazu erforderlichen Gerätschaften , der anzuwendenden 
Vorsichtsmafsregeln, der Hülfsmittei, deren man sich 
bei möglichen Schwierigkeiten und Unglücksfällen, z B. 
beim Brechen einer Stange bedient und dergl. m., über- 
geht Ref. mit Stillschweigen , da sich kein kurzer Auszug 
daraus mittheilen läfst , und alle Angaben praktisch sehr 
brauchbar sind, weswegen es keiner Bemerkungen darüber 
bedarf. 

Eine vorzügliche Beachtung verdient die von S. 174. 
an gegebene Anweisung, die in geringerer Tiefe er- 





1 




1 



serer lieie auigew;iiiv»»eiicu ciiijwid»^^) . v .«w~.~— 
außerdem an Ergiebigkeit nachstehen, desgleichen solche 
Erd- und Stein- Lager, in denen sich das aufsteigende 
Quell wasser wieder verliert, so dafs es sich nicht über 
die Oberfläche der Erde oder auch nicht bis zu derje- 
nigen Höhe erhebt, die es ohne solche Ableitungen er- 
reichen wurde, auf eine zweckmäßige und sichere Weise 
abzuschliefsen , und somit das Wasser tieferer Quellen 
bis zur möglichen erreichbaren Höhe abgesondert auf- 
steigen zu machen. Obgleich nämlich keineswegs jede 
Bohrung überhaupt eine Quelle noth wendig aufschliefst, 
auf allen Fall aber nicht jederzeit eine über die Erd- 
oberfläche ausfliefsende liefern kann, so ereignet es sich 
doch sehr oft, dafs man mehrere Quellen in ungleicher 
Tiefe antrifft, von denen die tiefsten wo nicht in der 
Regel, doch in sehr vielen Fällen das meiste und das 
am höchsten aufsteigende Wasser zu geben pflegen. Wenn 
im Falle mehrerer in ungleichen Tiefen erbohrter Quellen 
alle bis zur nämlichen Höhe aufsteigen , so vereinigt man 
ihr gesammtes Wasser in eine gemeinschaftliche Ausgufs- 
röhre, findet es sich dagegen, dafs die tiefer liegenden 
mehr Wasser und höher aufsteigendes geben, als die 
flacher liegenden, durch die letzteren aber abgeleitet 
und an Reichthum und Höhe vermindert weiden, oder 
das Wasser der Quellen durch lockere Erdschichten 



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* 



936. v. Bruck mann, über Bohrbrunnen. 

und zerklüftete Felslager ahfliefst, so mufs das der ergie- 
bigsten gegen diese Abflösse geschützt, und für sich zur 
gröfsten erreichbaren Höhe gefördert werden , wozu hier 
bestimmte, deutliche und praktisch ausführbare Anwei- 
sungen ertheilt werden. Indefs steigen auch manche 
reiche und in den gröfsten für den vorliegenden Zweck 
räthlichen Tiefen aufgefundene Quellen nicht über die 
Oberfläche der Erde empor, sondern bleiben mehr oder 
weniger tief unter derselben stehen. In diesen Fällen 
hat man auf allen Fall einen Pumpbrunnen in der Hegel 
mit gutem trinkbaren Wasser, welches wohl im Allge- 
meinen am besten durch eine gewöhnliche Pumpe ge- 
fördert wird, denn selten möchte es räthlich oder über- 
haupt nur möglich seyn, dasselbe durch ein Wasserrad 
oder einen Stofsheber zu heben, welche nach der hier 
mitgetheilten Angabe durch den Ueberflufs der Quelle j 
selbst bei vorhandenem Ablauf getrieben werden sollen. 
Ein Wasserrad dürfte nämlich in der Regel zu viel Wasser 
erfordern, auch dessen Anlegung, noch dazu in der unter 
diesen Umständen und für eine solche Anlage nie unbe- 
trächtlichen Tiefe, mit grofsen Schwierigkeiten verbun- 
den seyn, der Stofsheber aber, dessen Anlage gleichfalls 
unter den in solchen Fällen meistens vorwaltenden Um- 
ständen keineswegs leicht seyn würde, ist für die prak- • 
tische Ausführung noch immer nicht hinlänglich erprobt, ! 
so dafs man mit völliger Sicherheit auf die vollständige 
Erreichung der erwarteten Wirkung rechnen dürfte; 
denn so vollendet auch die Theorie desselben aufser den 
vom Verf. genannten Männern namentlich durch v. L a n gs- 
dorf, Eytelwein, Brunacci und Andere dargestellt 
ist, so gaben doch die angestellten Versuche keineswegs 
die durch Rechnung gefundenen Resultate bleibend , und 
es scheinen noch nicht genugsam erforschte Hindernisse ' 
obzuwalten, welche das Spiel der Ventile hemmen , und 
dann einen Stillstand der Maschine erzeugen, worin ohne 
Zweifel der Grund liegt, warum dieser höchst sinnreich 
ausgedachte, so einfache und bequeme Apparat bisher 
so selten in Anwendung gebracht wurde. Ref. würde 



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v. Bruckmann, über Bohrbrunnen. 



für diesen Fall des alten Schott s vervielfältigende 
Rad -Eimer- Maschine für am meisten geeignet halten, 
welche mit einem geringen Verloste für die Reibung 
Wassermengen liefert, die im umgekehrten Verhältnisse 
der Höhen zu dem Betriebswasser stehen. Ueber die 
Kosten des Brunnenbohrens sind blos allgemeine Be- 
trachtungen mitgetheilt, wie sich auch bei den unglei- 
chen Preisen des Materiales an verschiedenen Orten nicht 
anders erwarten läfst. 

Vielfache Belehrung für Praktiker enthält die fol- 
gende Beschreibung der verschiedenen anderweitig von 
den Verfassern gebohrten Brunnen, nämlich zwei zu Er- 
langen, zwei zu Nürnberg, einer zu Crailsheim, wobei 
zugleich die durchbohrten Schichten und die Tiefe, in 
welcher die Quellen gefunden wurden, nicht blos ange- 
geben, sondern auch durch eigene Zeichnungen versinn- 
licht sind. Hieran schliefsen sich dann die folgenden Be- 
schreibungen sonstiger Bohrungen, namentlich in Teutsch- 
land und in Prankreich, mit jedesmaliger Angabe der 
dabei vorgekommenen geognostischen Verhältnisse. Na- 
mentlich sind für die in Frankreich angelegten zahlrei- 
chen Brunnen die gediegenen Werke von Garnier und 
Hericart de Thury nach der durch Wald auf von 
Waldenstein gelieferten Uebersetzung benutzt. Hier- 
bei findet man zugleich eine durch Figuren erläuterte 
Beschreibung der in Frankreich gebräuchlichen Werk- 
zeuge, welche verschiedentlich von denen abweichen, 
deren sich die Verflf. des vorliegenden Werkes zu be- 
dienen pflegen, jedoch haben die letzteren meistens den 
Vorzug gröfserer Einfachheit und daher auch minderer 
Kostbarkeit. Von den übrigen Bohrbrunnen in England, 
in den Niederlanden, bei Wien, in Italien, selbst in 
Africa und hauptsächlich in den Nordamericanischen 
Staaten werden blos kurze Nachrichten gegeben, aus- 
führlicher dagegen ist die Mittheilung des Verfahrens, 
welches die Chinesen seit mehreren Jahrhunderten beim 
Erbohren ihrer Salz- und Feuer - Brunnen anwenden, 
nach Imbert, wobei man eben so sehr die kunstlose 



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D38 , v. Bruckmann , über Bohrbrunneo. 

Erfindungsgabe der Chiuesen , als insbesondere ihre ganz 
unerreichbare beharrliche Geduld bewundern mufs. Ei- 
nige Zweifel, welche man hier gegen die Richtigkeit 
der Erzählung geäufsert findet, dürften indefs nicht wohl 
durchaus begründet seyn; namentlich sollen nicht Bam- 
busröhren , sondern metallene angewendet werden , was 
jedoch minder wahrscheinlich ist, da man iu jenen Ge- 
genden die ersteren sehr allgemein in Anwendung bringt, 
mit mehrerem Grunde wird aber in Abrede gestellt, 
dafs man einen abgebrochenen Bohrer durch neue all- 
mählig zermalmen könne; allein wenn man bedenkt, 
dafs hierzu der Angabe nach fünf bis sechs Monate erfor- 
derlich 6ind, so wird man in der That zweifelhaft, ob 
nicht auch hierbei, wie beim gutta cavat lapidem, 
das Unglaubliche durch unüberwindliche Beharrlichkeit 
möglich wird. 

Den Beschlufs des ganzen Werkes machen einige Zu- 
gaben , welche zwar nicht von bedeutendem wissenschaft- 
lichen oder technischen Werthe, sicher aber viele« Le- 
sern sehr willkommen sind. Hierunter gehören <toe 
Reduction der in verschiedenen Ländern üblichen Fufe- 
mafse auf die im Werke gebrauchten würtemberg'schen, 
indem sich der würtemberg'sche Fufs zum pariser wie 
0,8875 zu 1 verhält, desgleichen die Literatur über die 
Bohrbrunnen, die bis auf einige italienische Werke nach 
sehr vollständig ist, ferner eine Uebersicht der Lage- 
rungsverhältnisse der vorzüglichsten Gebirgsformationen, 
hauptsächlich nach v. Leonhard 's Grundzügen der 
Geognosie und Geologie, und endlich noch eine Ab* 
Handlung über die Eigentümlichkeiten der Quellen nebst 
» ihrem Vorkommen in den verschiedenen Gebirgsarten, 
wobei Waldauf v. Waldensteins bekanntes Werk 
über die Bohrbrunnen benutzt ist. 

Wir wiederholen nochmals, dafs dieses, einen höchst 
wichtigen technischen Gegenstand allseitig behandelnde 
Werk für den Praktiker vom gröfsten Nutzen und un- 
gleich belehrender ist, als irgend eins der anderweitig 
bekannt gewordenen. Druck und Papier sind sehr gut, 



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Guizetti Spec. princ. gen. jar. Rues. de det. et poen. 939 

aufsenlem aber sind die Zeichnungen von den erfor- 
derlichen Apparaten ausnehmend deutlich , so dafs ein 
geübter Kunstler sie hiernach und mit Benutzung der 
hinzugefugten Beschreibung sehr gut und mit Sicher- 
heit verfertigen kann, ein für die Anwendung höchst 
wichtiges Erfordernis. 

M u n c k e. 



KURZE ANZEIGEN. 



Specialen prineipiorum generalium juris Russiae de delictis et poenis ad 
artem redactorum. Scripsit Herrn. Guizetti, S. C. M. Imp. Rus- 
siarum a eollegiorum secretis. Konigsb. 1832. 54 8. 

Diese Abhandlung, welche der Verf. hei der Juristcnfacultät 
zu Königsberg zur Erlangung der Doctorwürde einreichte, enthält 
einen willkommenen Beitrag zur Erweiterung und Berechtigung un- 
serer Kcnntnifs des russischen Straf rechts. Der Verf. hat in derselben 
die Vorschriften dieses Rechts über diejenigen Gegenstände, welche 
in dem allgemeinen Theilc des Criminalrechts abgehandelt werden, 
zusammengestellt. Er handelt daher von dem Begriffe und der Ein- 
teilung der Vergehen; von der Zurechnung; von dem Versuche der 
Vergehen ; von den Theilnebmern ; von den Strafen u. s. w. — Ref. 
will Einiges aus der Abh. herausheben , was von einem allgemeineren 
Interesse seyn durfte. Noch immer sind die Gesetze des Kaisers 
Alexis, des Sohnes Michaels, v. 29. Jan. 1649. (Uloshenia) die Grund- 
lage des russischen Criminalrechts. In der Regel werden auch die 
schwersten Verbrechen nicht mit dem Tode bestraft. Doch leidet 
diese Regel gewisse Ausnahmen. Desto zahlreicher sind die Arten 
der die persönliche Freiheit treffenden Strafen. An der Spitze dieser 
Strafen steht die Verweisung nach Sibirien, welche wiederum zwei 
Grade hat, indem der Verbrecher entweder zu öffentlichen Arbeiten 
oder zum Anbaue des Landes vernrtheilt wird. Aach körperliche 
Züchtigungen sind in verschiedenen Abstufungen unter den gesetzli- 
chen Strafarten. Jedoch sind gewisse Stände denselben nicht unter- 
worfen. Das Aufschlitzen 4er Nasenflügel ist durch ein Edict vom 
25. Dee. 1811. aufgehoben worden. 



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»40 Feuerbach's kleine Schriften. Abth. 2. 

Ansclm's von Feuerbach kleine Schriften vermischten fafaj* 
Zweite Abtheilung. Nürnberg, bei J. A. Stein. 1833. 8. 

Mit Vergnügen zeigen wir diese Fortsetzung einer Sammle 
an, die gew.ls Vielen willkommen sevn wird. Die in dieser Fort' 
• «• den 

Wissenschaften zu früh ent- 
rissenen Verfs. haben vielleicht ein noch größeres oder doch ein de, 
Ge^e„ wart no h „äher liegendes Interesse, als die Schriften derer«!« 
Abtheilung. Wenn sie auch insgesammt bereits früher in Druck er- 
schienen waren, so waren sie doch groTstentheils , entweder in Zeit- 
sehnften oder einzeln abgedruckt, nicht nach Verdienst bekannt » 
worden. - Die Schriften dieser Abtheilung sind folgende: „Erkli- 
rnng über meine angebl ich geänderte Ucberzeugang ii 
Ansehung der Gesch wornen-Gerichte. (Der Verf. erklärt, 
daft er seine den Schwurgerichten günstige Meinung nie geändert 
habe. Aber nie habe er diese Gerichte unbedingt oder ünter einer 
jeden Voraussetzung angepriesen) ^ üeber die obersten Epu- 
copalrechte der protestantischen Kirche. (Sehr aarfohr- 
lieh und befriedigend.) - Worte des Dr. Martin Lutheräber 
christliche Freiheit, sittliche Zucht und Werkheilig 
keit. — Religionsbeschwerden der Protestanten in 
Baiern im Jahre 1822. (Auch die unmittelbar vorhergehen 
beiden AbhandU. scheinen mit besonderer Rücksicht auf Baien toi- 
gearbeitet worden zu seyn.) - Ist denn wirklich Katldet 
Grofse im Jahre 793. von Regensburg aus, durch deo 
Altmuhlgraben, zu Schiff nach Würzburg gefahren! 
(Der Verf. zeigt, dafs die Nachricht von einer solchen Wawcrfahrt, 
welche in einigen Chroniken vorkommt, falsch sey.) 



Ge,chiektliehe Gemälde au, dem Rheinhreiu Boier... 
Erste, Heft : Da, Ipininger Thal. Entworfen von Job. Georg 
Lehmann, proteH. Pfarrer zu H'eißenheim am Berg. MK*te> 
jJJfS Heidelberg, gedruekt und in Commivio« bei 8m, 

Der Hr. Verf will unter die.em Titel nach und nach die 6e 
sch.chte mehrerer e.nzelner Gegenden nnd Orte aus der Nachbar.ch.fi 
sc.ne. Wehnort.. dar.tellen. So wie dieses Heft die Geschieh!« fo 
le.n.nger Thale. enthält, .o will er in dem näeh.ten die Schickt 
de. durhhe.mer Thale. erzählen und darin eine ao.führlich. Ge- 
schichte der Stadt Dürkheim und die Besehreibung ihrer rei«so« 
Umgebungen d.e Haupt- Momente au. der Gerichte der Grafen." 
H. ZTL "p 2? G . eS , ch . ichle Grafschaft Himburg (»elcher d« 
•H i ZT 1 Bef „ mcht irrt > «<*»<> früher eine eigene Mono K r.,hi« 
gewidmet hat), der Hartenburg, endlich eine Beschreibung de. Thal« 



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Lehmann, Geschichtl. Gemälde a. d. Rheinkreise Baierns. Mi 

und der mit demselben in geschichtlichem Zusammenhange stehenden 
Burg Frankensteiii, nebst allen über diese Gegend im Munde des 
Volkes lebenden Sagen liefern. 

Vorzüglich bestimmt der Hr. Verf. diese kleinen Schriften den 
Bewohnern der darin geschilderten Gegenden selbst und deren Nach- 
baren, doch auch Fremden, welche die reichen und schonen Floren 
längs der weinreichen Hardt besuchen und sich über die Schicksale 
unterrichten wollen, durch welche die zahlreichen Burgen und Klöster 
nach und nach die Gestalt erhielten, in der sie jetzt so ?iel zur Ver- 
schönerung jener reizenden Gegenden beitragen , oder über die Bege- 
benheiten der Städtchen , welche in schneller Aufeinanderfolge ihm 
ihren gastlichen Schoos öffnen. Diese Bestimmung hat der Hr. Verf. 
unablässig bei seiner Arbeit im Auge behalten und daher die geo- 
graphische Anordnungsweise nicht im Allgemeinen auf die Verkei- 
lung der Materien, unter die einzelnen Hefte u. dergl. beschränkt, 
sondern sie auch in den einzelnen Heften selbst bis auf das Einzelnste 
durchgeführt. Wir erhalten daher eigentlich nicht eine Geschichte 
des leininger Thaies, oder de6 kleinen Gebietes, zu dem es gehörte, 
oder des Grafenhauses, welches es Jahrhunderte lang besessen hat, 
sondern über das Alles hören wir nur gelegentlich einzelne Bemer- 
kungen; den Hauptfaden aber bildet die speciellste Geschichte der 
Burgen, Klöster, Dörfer u. dgl. in jenem Thale, kurz jedes einzelnen 
Punktes, der nur irgend einer selbstständigen Geschichte fähig ist 

Das Werkchen beginnt mit der Beschreibung und Geschichte der 
Feste Neuleiningen am Eingange des Thaies, einer Feste, die 
dadurch interessant ist, dafs sie seit dem Jahre 1508. zwischen den 
Grafen von Leiningen und dem Bischöfe von Worms getheilt war, so 
dafs die ersteren die nördliche Hälfte, die Bischöfe "die sudliche bc- 
6afsen und die Grenze dieser Besitzungen auch äufserlich dadurch 
bezeichnet wurde, dafs die Grafen ihren Antheil mit Kalk bewerfen 
liefsen , während der wormsische Antheil die rohen Steine zeigte. 
Dann führt uns der Hr. Verf. in das liebliche Thal selbst, dem rau- 
schenden silberhellen Karlebach entgegen und giebt uns eine kurze 
Beschreibung von dessen vordersten Theile mit dem Bischofs- 
walde, dem Hinkelsteine, dem Silberthale, dem Maihofe', 
den verschiedenen Mühlen, die längst des Karlebachs das Thal bele- 
ben, dem Dorfe Karlsberg u. s. f. So gelangen wir zu einem der 
Hauptgegenstände der Darstellung, zu der Feste Alt-Leiningen. 
Deren Beschreibung und Geschichte wird ziemlich weitläufig gegeben, 
und damit werden nebenbei mancherlei Notizen über die Grafen von 
Leiningen, ihre früheren Besitzer, verbunden. Dann führt uns der 
Hr. Verf. nach dem Kloster Höningen, welches eine halbe Stunde 
von Alt -Leiningen entfernt liegt. Hierbei verweilt Hr. L. mit sicht- 
licher Vorliebe und giebt uns zuerst eine genaue Beschreibung von 
den Ueberresten dieses Klosters und dann eine weitläufige Darstellung 



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1142 Leh mann«$ Geschtchtl. Gemälde n. d. Rheinkreise Baierns. 



«einer Geschichte von seiner Stiftung, welche der Verf. in da« Jahr 
1120. setzt, an bis zum 6. Jan. 1569, wo der letzte Prior Arnold und 
die noch übrigen Klostergeistlichen das Kloster den Grafen von Lei- 
ningen als Stiftern und Landesherren übergaben, selbst au der evan- 
gelischen Kirche übertraten und als Pfarrer angestellt wurden. Der 
Prior Arnold z. H wurde zum Pfarrer für Hüningen selbst ernannt 
und ihm 70 Golden Geld, freie Kost und einige sonstige Vortheile 
als Besoldung angewiesen. Mit derselben Ausführlichkeit schildert 
der Hr. Verf. die Geschichte der lateinischen Schule, welche im Jahre 
1573. von den Grafen Philipp, Reinhard und Georg in Höningei 
selbst errichtet und mit dem gröfsten Theile der Einkünfte des ehe* 
maligen Klosters dotirt wurde. Diese letztere Erzählung ist nicht 
ohne Interesse, vorzüglich durch die Darstellung der Noth nnd der 
Bedrängniste, mit denen diese Anstalt während des drei foigjähr igen 
"Krieges und sonst zn kämpfen hatte, so wie durch die Mittheilang 
zweier Lectionsverzeichnisse, des einen aus den ersten Zeiten der 
Schnle, des andern vom Jahr 1614, aus denen wir die geringen aa- 
sprüche kennen lernen , die man damals an eine solche wissenschaft- 
liche Vorbereitungsanstalt machte. Nach dem ältesten Verzeichnisse 
waren nämlich alle Schüler nur in 2 Klassen getheilt, und obgleich 
jede derselben täglich H Unterrichtsstunden hatte, so wurde voa Klas- 
sikern z. B. doch in der ganzen Schule nichts gelesen , als Cicero 1 » 
Briefe, Reden, und Cato und Plutarch's Bnch über die Erziehung 
der Kinder. Anhangsweise folgt nun endlich noch die Geschichte von 
Grünstadt, welches eigentlich nicht zu dem leininger Thaic se\\>«t 
gehört, sondern etwa eine halbe Stunde von dessen Auegange entfernt 
liegt. 

Alle diese kleinen Speci algeschichten hat der Hr. Verf. recht 
fleifsig und genau ausgearbeitet und dabei die Quellen, die dafür vor- 
handen sind, zum Theil auch nngedruckte, sorgsam benutzt. Aufser- 
dem unterstützte ihn hierbei sowohl , als vorzüglich bei der Beschrei- 
bung des gegenwärtigen Zustandes der einzelnen Punkte «eine äufserst 
genaue Kenntnils der Ortsverhältnisse in diesen, seiner Hetmath so 
nahe gelegenen Gegenden. Kurz das Büchlein, welches keinen An- 
spruch darauf macht, eine u irkliehe Bereicherung der historischen 
Literatur zu seyn, wird doch gewifs von Jedem dein oben angegebenen 
beschränkten Zwecke angemessen gefunden werden. Vielleicht war« 
es diesem Zwecke entsprechend (und bei der Fortsetzung dieser k leinet 
Sammlung möchte Ref. dem Hrn. Verf. rathen, auf diese Heiner kam 
Rocksicht zu nehmen), wenn Hr. L. sich eine etwas grü fitere Ge- 
drängtheit zur Regel gemacht hätte, damit nicht der Leser dorch gar 
zu viele Kleinigkeiten ermüdet, ehe er im Stande ist, die interessan- 
teren Angaben aus denselben herauszufinden. 



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Rhiani quae supersunt , cd. N. Saal. 943 

Rhiani quae supersunt. Dissertatio , quam ad summos in phitoso- 
phia honores ab illustri ordine philosophorum in alma universitate 
Fridericia U'ilhelmia Rhenana legitime impetrandos seripsit Meo- 
lau8 Saal, Treverensis, seminarii regit philologici sodalis Ordina- 
rius. Bonnae. Typis Caroli Georgii, MDCCCXXXL 89 & in gr. 8. 

Unter den zahlreichen Versuchen, die Fragmente verlorner 
Schriftsteller zu sammeln und zu ordnen, wie sie in neueren Zeiten 
erschienen sind, nimmt vorliegende Schrift, welche die Bruchstucke 
des Dichters Rhianus enthalt, gewife eine rühmliche Stelle ein, 
indem sie sowohl durch Vollständigkeit und umfassende Behandlung 
des Gegenstandes, als durch einen classischen Vortrag sich auszeich- 
net, und in uns den Wunsch erweckt, den Verf., der mit diesem 
Versuch zuerst in der gelehrten Welt aufgetreten ist, noch öfters 
auf diesem Felde zu erblicken. Die Zusammenstellung und Erörte- 
rung der wenigen aus dem Leben des Dichters Rhianus (den eine 
Angabc bei Suidas zu einem Zeitgenossen des Eratosthenes macht, 
also zwischen 276 — 190. a.Chr. setzt) bekannten Angaben, eröffnet,' 
wie billig, das Ganze, dann folgt die Angabe der Schriften und der 
daraus uns erhaltenen, freilich leider sehr unbedeutenden Bruchstücke. 
Unter die Gesänge epischer Art fuhrt der Verf. auf: Msatnjvianu , 
'HfatcAi & , Oco-craAnta, 'A^aiW, 'HA<aKa; unter diesen Titeln nämlich 
sind eine Anzahl Fragmente vorhanden, neben andern, von denen es 
unbekannt ist, welchem Gedichte sie angehörten. Die messen i sehen 
Gesänge erhalten dadurch eine besondere Bedeutung, dafs Pausanias 
aus ihnen hauptsächlich seine Darstellung der messenischen Kriege 
genommen hat: ein Punkt, den der Verf. mit Recht näher behandelt 
und erörtert hat. Ueber die Herakleen sind unsere Machrichten zu 
dürftig, als dafs wir über Anlage, Inhalt und Gang derselben nähere 
Aufschlüsse erwarten oder neue Vermuthungen wagen dürften. Eher 
läfst sich dies bei den drei andern Gedichten thun , so wenig genau 
wir auch im Ganzen über deren Inhalt unterrichtet sind. Es waren 
dies zweifelsohne Gedichte, wie sie jenes Zeitalter der alexandrini- 
schen Poesie lieferte, beschreibende Poeme, erzählende Epea, histo- 
risch-geographisch -mythischen Inhalts, in sofern in ihnen die alten 
Traditionen über Ursprung und Schicksale der hellenischen Stämme, 
über deren erste Sitze und Anlagen von Städten und dergl. m. be- 
handelt wurden, und die Dichter in der Darstellung und Erzählung 
dieser Gegenstände ihre Gelehrsamkeit und ihre geographisch - histo- 
rischen Kenntnisse an den Tag zu legen suchten. In wie weit dies 
auch bei den bemerkten Gedichten des Rhianus der Fall gewesen, 
erlauben indefs die wenigen Bruc stücke kaum näher zu bestimmen. 
In der zweiten Abtheilung bringt der Verf. die Stellen bei, in wel- 
chen des Rhianus als eines Grammatikers und Kritikers gedacht wird, 
der eine leider nur zu wenig uns bekannte Reccnsion der liomeri- 



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944 WeUel, Altes und Neues. 

Rehen Gedichte lieferte, die selbst Wolf weit höher anschlagen zu 
müssen glaubte, als ähnliche Recensionen anderer Grammatiker jene« 
Zeitalters. — In der dritten und letzten Abtheilung führt der Verf. 
die bei Stobäus und in der Anthologie befindlichen Epigramme auf, 
das einzig vollständige, was wir besitzen, und was uns zugleich über 
das poetische Talent dieses Dichters cinigermafsen urtheilen läfst. 
Der Verf. hat mit Benutzung der früheren Erklarer die zum Ver- 
ständnifs not h igen Erörterungen bei jedem Epigramm beigefügt and 
so einen vollständigen kritisch-exegetischen Commentar geliefert, wel- 
cher überall die Beweise eines gründlichen und umfassenden Sprach- 
studiums enthalt 



Altes und Neues. Blätter für die Jugend, zur Beförderung wahrer 
Verstandes - und Herzensbildung herausgegeben von ff 7 , ff'etzel, 
Director der höhern Stadtschule zu Barmen. {[Der Rrtrag ist :u 
woklthätigen Zwecken bestimmt.') In Commission bei C, J. Becker 
in Elberfeld. Is u. 2s Quartalheft, 1831. 123 und 88 Ä in 8. 

Es sollen diese Blätter „in sorgfältig gewählten Erzählungen, 
guten Gedichten, Lebensbeschreibungen, Merkwürdigkeiten aus der 
Länder-, Völker- und Naturkunde der Jugend eine angenehme und 
nützliehe Lektüre dnrbietcn und das Herz nuf Gottesfurcht und wahre 
Frömmigkeit Innleiten." "Wir glauben wohl das Urtheil ansprechen 
zu können, rtafs dieser Zweck durch den Inhalt, und durch die Art 
und Weise der Behandlung erreicht sey, und nehmen kein Bedenken, 
diese Blätter deshalb denen, für welche sie bestimmt sind, zu em- 
pfehlen, als eine nützliche, belehrende, den Sinn auf höhere Gegen- 
stände richtende Leetüre. Auch die einzelnen Gedichte ( z. B. über 
die Blumen, das Frühlingslied, Winterlied) empfehlen sich durch 
einen einfachen, das kindlich« Gereuth ansprechenden Sinn. Unter 
den Erzählungen machen wir aufmerksam auf Heft I. S. 14 : „Wie 
hat der Herr Jesus die Kinder so lieb," oder die ausführliche Erzäh- 
lung S. 49 ff. : „Der merkwürdige Bauersmann. Eine wahre und 
lehrreiche Geschichte," oder Heft II. S. 18 ft. auf die gröfsere Erzäh- 
lung „Johann Christian Stahlschmid's Leben und Schicksale zu Wasser 
und zu Lande." — Wir wünschen dem Unternehmen segensreichen 
Fortgang. 



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N°. 60. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 



De A gobardi, archiepiscopi Lugdunensis , vita et acriptia. Com- 
ment. pertincns ad hist. eccl. seculi IX. quam in Acad. Ludoviciana 
ad summos in philos. honorea rite capessendos a. 1831. publ. defendit 
Car. Bern. Hundeshagen. P. I. Agob. vitam continena. 
dessen, bei Licktenberger. 94 8, 8. 

Unter den jungen Männern, welche ihren auf kir- 
chengeschichtliche Forschungen verwendeten Fleifs 
neuerlich durch gute Probeschriften bewiesen haben, 
verdient der Verf. nicht nur durch die Bearbeitung, son- 
dern vorzüglich auch durch die Auswahl des Gegen- 
stands dieser Schrift eine rühmende Auszeichnung. Aus 
dem Mittelalter ist für unsere Zeit hauptsächlich nur 
der spätere Theil, von Pipin und Karl dem 
Grofsen an, einflufsreich und in diesem Betracht eines 
besonderen Studiums werth. Wozu hilft es sonst, dü- 
stere Zeitalter, wie das sechste und siebente Jahrhundert, 
zu durchforschen, wenn ihre Wirkungen bis auf unsere 
Zustände herab fast von keiuer Bedeutung mehr sind und 
solches Bemühen etwa nur durch die Richtung auf das 
Unübersehbare und die unbegrenzte Wahrheit, dafs doch 
alles Menschliche in einem Zusammenhang stehe, für 
Die gerechtfertigt scheinen möchte, welche überall vom 
Ei anfangen wollen und daher kaum bis zur Henne selbst 
kommen ? 

Dagegen ist die Epoche der Losreifs ung des 
Westen vom morgenländischen Kaiserthum 
für die indefs gewordene europäische Staatenwelt nicht 
nur an sich der wichtigste Scheidepunkt, sondern auch 
deswegen, weil durch den Charakter der Regierung 
Karls des Gr., in welcher sein gleichsam hausväterlicher, 
immer erst vom Einzelnen ins Ganze übergehender und 
dennoch genialer Ordnungsgeist vorherrscht, eine sehr 
gründliche und ziemlich schnelle Verbesserung des ganzen 
staatsgesellschaftlichen und kirchlichen Zustands vorbe- 
reitet war. 

Dafs aber dieses Begonnene keine, oder vielmehr 

XXVI. Jahrg. 10. Heft. 60 



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946 Dr. Hundeihigen , Tita Agobardi , Archiepi Lngdae. 

- schädliche Fruchte trug, und durch diese nicht nur die 
Carolingische Dynastie zu Grunde ging, sondern auch 
für Jahrhunderte Zerrüttungen des Regiments und Zer- 
stückelungen der Staaten veranlafst waren , davon lag die 
Schuld fast allein in der Person und Regierungsart seines 
Nachfolgers, des, zum Unheil für ihn und für Alle, nur 
aberglaubig frommen Ludwigs. Diese Quelle der Uebel 
ist demnach eines vorzüglich genauen Studiums und der 
Vergleichung mit dem Werth, was nach dem Regie- 
mngstypus Karls des Grofsen zu erwarten gewesen wäre, 
weit derselbe nach der Art wahrhaft grofser Geister 
durch umfassende Verbesserung der einzelnen Theile ein 
tüchtiges Ganzes zu schaffen angefangen hatte. 

Traurig genüg ist es, dafs gerade das, wodurch 
Karl alle weiteren Verbesserungen möglich machen wollte, 
nämlich die Verbreitung gelehrter Kenntnisse 
unter der sogenannten Geistlichkeit deswegen 
das Gegentheii wirkte, weil mehr die Kirche, als die 
Religion, und mehr ein Lernen für das Wissen als eine 
Bildung der Gemüther für christliches Rechtwollen \md 
Rechthandeln, zum Ziele jener Bestrebungen gemacht 
war* und weil zugleich die sogenannten Weltlichen 
meist noch als eine sich absondernde Kaste in der ange- 
wohnten Barbarei und Rohheit zurückblieben. Dazu 
kam dann die besondere unglückvolle, Fügung, dnfs ge- 
rade die Hauptperson, welche Karls Werk hatte fort- 
setzen müssen, durch das ihr von Kindheit auf 
eingeprägte Erlernen und Verehren der 
Kenntnisse des Clerus ein Knechi desselben 
geworden war. 

Es ging hier noch schlimmer, als bei Kaiser Va- 
lentinian, welcher, weil er selbst wenig gelernt, aber 
natürlichen Verstand genug hatte, um, wie viel ihm 
früher erlernte Kenntnisse nützen könnten, zh begreifet), 
nun den Thronfolger, Gratia n, desto eifriger «um Ge- 
lehrten bilden liefs, dadurch aber dem Reiche n«r einen 
Mann vorbereitete, welchem die Mufse bei weitem lieber 
War, als das Regieren. Auch Karl hatte im Früheren 
kriegerischen und ritterlichen Hof leben wenig .gelernt. 



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Dr. Hundeahagen, vita Agobaräi, Archiepi Lugdae. 94? 

» 

aber durch eigenthümliche Geisteskraft wufste Er als 
ein ohne Geräusch überall thätiger Regent für Vieles die 
Kenntnisse Anderer bedachtsam zu benutzen und zum 
Theil selbst noch sich anzueignen. Gar sehr betrieb er 
es dagegen , dafs der Sohn Ludwig desto mehr eingelernt 
und eingeübt haben sollte. Der einzige Fehler war, daß* 
der Vater nichts von seinem Geiste in ihn übertragen 
konnte. Auch um das Regieren einzulernen, versetzte 
ihn Karl frühzeitig als Unterregenten nach Aquitanien, 
und viel Lobens verbreitete sich von dort über das unter 
Ludwigs Namen geführte Regiment. Aber, wie es bei 
allzuweichen und schwachen Gemüthern zu geschehen 
pflegt, Ludwig selbst lernte nicht, zu regieren, sondern 
nur durch die vom Vater ihm Zugegebenen regiert zu 
werden. Dies offenbarte sich, da ihm Karl die grofse 
Aufgabe, eine begonnene Staatsreform über die drei so 
verschiedenen , so grofsen Reichsbestandtheile weiter zu 
führen, hinterliefs. 

Ludwig gehörte mit seinem immer wankenden und 
doch immer wieder auf sich selbst zurückkommenden 
Eigensinn überdies unter die Nachahmer, welche das 
leidige Geschick haben , das , was von Andern passend 
unternommen war, gerade unter den unpassendsten Um- 
ständen ebenso machen zu wollen. Karl hatte die geist- 
lichen und weltlichen mit ihm zugleich gesetzgebenden 
Magnaten wechselsweise durch einander in Schranken 
gehalten, die Geistlichen aber, vornämlich durch die 
de« Weltlichen fehlenden Kenntnisse den Mangel der 
äufserliehen Macht zu ersetzen angetrieben. Ludwig war 
für seine Person den Studien und Uebungen der Geist- 
lichkeit so ergeben, dafs er einen tiefen Respect vor 
ihrem Stande haben mufste, dennoch war Er zugleich so 
herrisch, dafs Er selbst manche im Einzelnen sehr will- 
kührlich behandelte, noch mehr aber seinen Höflingen 
und Rittern Eingriffe in ihr Ausehen und Stiftungsgut 
zuliefs, die als Neckereien der Uebermächtigen desto 
tiefer aufreizten. Schon aber begann jetzt die weniger 
scheinbare Uebermacht der Studien und die Kraft des 



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- 



948 Dr. Hundeshagen, Tita Agobardi, Archiepi Lngdae. 

Worts oder Beredsamkeit gegen die Unkundigeren zu 
wirken. Aufserdem, dafs die Verstandesbildung allein 
nicht besser , sondern nur auch für das Schlechte ge- 
wandter und mittelreicher macht, wurde auch der zum 
Lernen angetriebene, geistliche Stand meist durch Em- 
porkömmlinge aus den ungebildetsten Klassen überfüllt, 
deren Sitten und Leidenschaften, wie sie erziehungslos 
erwachsen waren, roh und ungebändigt blieben, durch 
die erworbenen Kenntnisse aber nur um so eher die in- 
neren und äufseren Mittel , ihre Selbstsucht bis zum 
Uebermuth zu befriedigen, erhalten konnten. Ueberdies 
^bestund alles nur aus zwei Ständen, deren jeder als Kaste 
zusammenhielt , dem andern entgegenstand , an einen 
dritten Stand aber noch gar nicht denken liefs. Alle 
Machthabenden im Reiche theilten sich nur in die beiden 
Klassen, welche als weltliche und geisliche unterschieden 
wurden, und nur im äufsersten Fall aus der übrigen 
Menge die hervorstechendsten unter sich aufnahmen, die 
Menge selbst aber in der Unmacht zu erhalten strebten. 
Bald nachdem Karl nicht mehr die Wage hielt, zeigte 
es sich durch die schlimmsten Erfahrungen , wie gefahr- 
lich es ist, wenn die zur Wissenschaft fortschreitenden 
Kenntnisse meist nur einer gewissen Kaste angehören und 
darin zunftmäfsig getrieben werden, so dafs die Unwis- 
senden unter den Mächtigen auch wieder ihre eigene 
Kaste dagegen bilden und geltend zu machen suchen. 

Zwischen diesen zweierlei Kasten stund nun der 
schwache Ludwig wie eingezwängt und meinte, seinen 
Vater möglichst bald auch darin nachahmen zu können, 
dafs er sein Reich, in 3 Theile zerstückelt, seinen Söhnen 
untergab, den ältesten sogar als Mitkaiser annahm und 
unbedachtsam genug voraussetzte, die Dankbarkeit (diese 
ohnehin unter den Menschen so seltene Tugend!) werde 
jene erhobenen Machthaber immer aus Pietät zur folg- 
samsten Unterordnung unter ihn bewegen. Statt des 
. Einen Hofes, von dem man mit Recht witzelte, dafs 
die aula für die Meisten nur eine olla sev, drängten 
sich nun um vier Throne alle Die, welche als Günst- 



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t 



Dr. Hundeshagen , vita Agobardi, Archiepi Lugdac. 1149 

linge sich Klerikalisch oder Ritterlich auf Kosten des 
Volks zu erheben und also dieses zu unterdrücken ver- 
mochten. Murrend vermehrten sich die Klagen über 
Mangel an Gerechtigkeit und Staatsverwaltung. Weil 
man in einem solchen Zustande gerne nimmt , wo etwas 
zu finden ist, so wurden auch die Klagen immer schreien- 
der, dafs die Kaiser, die Könige und ihre Ritterschaften 
besonders die Kirchen- und Klostergüter wie etwas nur 
für sie Gesammeltes behandelten und die Männer des 
Kriegs und Hofes, wenn sie im Dienste der Welt gleich- 
sam ausgedient hatten, in die heiligen Pfründen Gottes 
oder der Kirche eingedrängt würden. Da es dem Klerus 
au äufserer Schutzmacht fehlte, so wuchsen diese Be- 
schwerden im Stillen, bis Gelegenheit zur Gewalt ent- 
stand. Doch bereitete sich der Klerus für diesen Fall, 
der nicht ausbleiben konnte, dadurch vor, dafs die Mei- 
nung, Ludwigs Regierungsrecht sey „von Gott," aber 
eben deswegen auch den Stellvertretern Gottes; den Kir- 
chenhäuptern , zur Reurtheilung unterworfen , in ihn 
jselbst und in die Glaubigen festgepflanzt wurde. 

Endlich entwickelte sich die mühsam zurückgehaltene 
Zwietraeht. Ludwig vermählte sich aufs Neue, wurde 
jetzt auch noch von der zweiten Gemahlin Judith und 
Deren gewaltthätigem Günstling, Graf Bernhard von 
Septimania, beherrscht, bekam einen Sohn, Karl, und 
sollte nunmehr auch für Diesen ein Regierungsland 
schaffen. Die drei Besitzer hatten nicht Lust, etwas ab- 
zutreten; ihr Interesse vielmehr war, alle Regierungs- 
fehler Ludwigs öffentlich auszustellen. Jetzt wurde vor- 
nämlich ein kirchlicher Zelote, Wala, der als naher 
Verwandter ( consobrinus Caroli M. patrui eius filius. 
Vita Walae f. 442. auch Schwager des Grafen Bern- 
hard) unter Karl und Ludwig vielen Einflufs gehabt, 
und da er diesen verlor , sich mit vollem mönchi- 
schen *) Ernst zu dem ineinander wirkenden gallischen 

*) Jnxta professionem monasticam argumentose monebat, ne nostrüm 
aliquis propriam voluniatem sea.ucrctur. Alioquin , ajebat, quo- 
modo rationem pro aliquo reddituros ero (Abbas) nisi et potesta- 
tem corporis sui et voluntatem proprii arbitrii mihi rdinquat. Vita 
Walae. f. 459. 



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950 Dr. Hundeshagen, vita Agobardi , Archiepi Lugdae. 

und deutschen Doppelkloster Corvai zurückgezogen hatte, 
dazu benutzt, dafs er auf einem Reichstage 829. (Note 
zur Vita Walae fol 867.) zuvörderst „von Seiten Gottes" 
(oder der Kirche) Ludwigs Regierung als kirchen- 
räuberisch angriff, wogegen er den späterhin immer 
mehr verfolgten Plan, dafs die Kirche mit allen ihren 
einmal an Gott abgetretenen Besitzungen in die möglichste 
Unabhängigkeit von dem ganzen weltlichen Regiment 
versetzt werden müfste, als das einzige Gegenmittel her- 
vorblicken liefs. Wala, als ein streng enthaltsamer Mönch, 
verlangte freilich nur, dafs die Kirchengüter nicht blos 
nach Belieben des Kaisers und der Weltlichen gemifg- 
braucht werden sollten, dafs vielmehr durch bestimmte 
Verabredung und Theilung von der Kirche abgetreten 
würde, si quid (rationabiUter) ad usus militiae exhi- 
bendum esset , und dafs nemo , miUtuhs Deö , gezwun- 
gen sevn sollte, ad sevularia transvolare. Vita Walae. 
f. 470. Dieses Streben nach kirchlicher Selbstständig- 
keit aber mufste um so auffallender sevn, weil die/Vatioo 
der Franken von jeher das heidnische und nachher 
christliche Priesterthum nicht sehr andächtig zu behan- 
deln, gewohnt war. Jetzt hingegen fühlte der Klerus 
die unter Karl erworbene Macht der Kenntnisse, die 
Hofgeistiichkeit besonders benutzte ihre Stellung (f. 471.}, 
und das Gute selbst wurde Mittel zum Schlimmsten, D*eU 
Ludwig von Kindheit auf ein Knecht des pfafnscheti 
Aberglaubens geworden war und selbst die seit Piwitt 
gewöhnlich gewordene heiligend -schützende Formel: 
„Von Gottes Gnaden" buchstäblich sieh so erkläre« 
liefs, wie wenn die Bischöfe als Gottes Stellvertreter 
von seiner Regierungsweise Rechenschaft zu fordern, 
und ihn durch Kirchenbufse zu degradiren befugt vvSren! 
Unübersehliche Verwirrungen und der sonderbarste t^ar- 
theienwechsel waren hiervon die Folge. 

Bald (c. a. 830. Vita Walae fol 47t.) vereinigte 
sich Alles wider den schwachen Kaiser und den Anhang 
seiner Judith. Graf Bernhard ( über welchen Paschasius 
f. 472. als tyrannus naso =± der seine gtofce Nase hoch- 



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Dr. Hundeshagen, vita Agobardi, Archiepi Lugdae. 951 



trug, spottet) flüchtete nach Spanien , die Kaiserin, deren 
Sohn Karl man ihm zuzuschreiben ein Interesse hatte, 
mufste sich durch den Klosterschleier vom Tode retten, 
Ludwig selbst sollte das Beispiel der Merovinger er- 
neuern und die Mönchstonsur annehmen. Aber in Kur- 
zem zeigte sichs, dafs das blofse Verwechseln der Einen 
Regierung mit Dreien andern nichts verbessere und nur 
die Fabel von denen, am kranken Bein einmal schon ge- 
wohnten, Fliegen erneuere. Das Volk, so gutmüthig, 
wie die kurzsichtige Menge immer zu seyn pflegt, fühlte 
gegen den mifshandelteu Kaiser Mitleiden nnd die Män- 
ner, denen es wirklich mit dem Verbessern in Staat und 
Kirche Ernst war, gewannen zweimal die Hülfe der 
Mehrheit so weit, dafs der abgesetzte und durch die 
feierlichste Pöuitenz selbst des Rechts , Ritterwaffen zu 
tragen, beraubte Pius doch wieder auf den Thron ge- 
setzt wurde. Aber wider Wala und die, wie gewöhn- 
lich, kleine Parthie der Ordnungsfreunde aus beiden 
Kasten stunden bald wieder zwei eigennützigere, von 
denen die eiue das Reich förmlich unter dem Namen 
Gottes in eine Herrschaft der Priester verwandeln wollte, 
die andere aber bei den drei, oder vierfach getheilten 
Höfen und Regierungen ihren Vortheil sicherer im Kriegs- 
und Hofdienst zu finden glaubte. 

Agobard nahm durch Schriften und persönliche 
Thätigkeit für den Vortheil der Kirchenkaste auch an 
der Parthei der weltlichen Feinde Ludwig6 grofsen An- 
theil. Deswegen konnte der Verf. mit Recht das Leben 
dieses Erzbischofs als die Schilderung der ganzen Zeit, 
von der wir indefs eine psychologisch - historische Skizze 
gaben, mit hinreichender Auswahl so behandeln, dafs 
wirklich die Biographie des Einzelnen von der Geschichte 
seiner Mitwelt mehr als von ihm selber enthält, und also 
eigentlich in das Studium jenes Zeitalters einleitet, wo 
der Kampf der weltlichen Kaste zunächst die ungleich- 
artigen Nachfolger des grofsen Karl zu Grunde richtete, 
Deutschland alsdann zum Wajilrekhe oder zum Spielbali 
der Geistlichen und Weltlichen, aus Staatsbeamten in 



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952 Dr. Hundeshagen, Tita Agobardi, Archiepi Lugdae. 

Staatsamtbesitzer verwandelten Magnaten machte , und 
auch, bis auf die Zeiten der vorsichtigeren Habsburger 
herab, in jenen unbeschreiblich verderblichen Streit mit 
der Pabstmacht und in Anmafsung eines Rechts , über 
Italien, welches ohne Reichsstände war, in Römerzugen 
zu despotisiren , verwickelte. 

Das noch für unsere Zeiten Wichtigste wird im Ka- 
pitel XII. S. 67 — 82. richtig, zugleich aber doch so 
dargestellt, dafs wir gerne eine noch bedeutendere An- 
wendung daran knüpfen möchten. Damals, da Ludwig 
sein« Judith und ihien Bernhard wieder an sich gezogen 
hatte, und deswegen 833. seine Söhne aufs Neue be- 
waffnet gegen ihn anrückten, kam auch der römische 
„summus Dei Pontifex" (foL 484.) Gregor IV., wahr- 
scheinlich durch Lothar, den Kaiser und König von Ita- 
lien, aufgeregt, zur Theilnahme wider den Vater Ludwig 
in Bewegung. Walas Parthie hielt (fol. 479.) sehr 
darauf, dafs die erste Theilung des Reichs und die Er- 
nennung Lothars zum Mitkaiser apostolica satis auclo- 
ritete firmata gewesen sey. Wala hatte auf die Wahl 
des Pabst Eugen grofsen Einflufs gehabt (fol. 464.), da 
er Anfangs 812. dem Lothar als paedugogua beigegeben 
(f. 462.). Ueberhaupt war die zelotische Parthie Walas 
weit mehr dem entfernten apostolischen Stuhl , als denen 
aus der Nähe bekannten fränkischen M et ropoli tanea zu- 
gethan. Des Pabstes Aufenthalt im Heere der Söhne bei 
Colmar machte Aufsehen, und selbst die fränkische Geist- 
lichkeit war in der Meinung, ob? und wie weit er sich 
in ein Richten über diesen Streit einzulassen hätte? sehr 
getheilt. Eine beträchtliche Anzahl von Bischöfen hatte 
den gedemüthigten Ludwig wieder auf den Thron ge- 
setzt, weil sie selbst durch ihn Alles zu beherrschen 
hoffte. Sie war daher gegen den Pabst, wenn er mit 
kirchlichen Waffen die Söhne zu unterstützen suchen 
würde, höchst aufgebracht. Dieser Theil des fränki- 
schen Klerus war noch so wenig an die Idee von einem 
niversal - Episkopat Roms gewohnt, dafs sie Gregor IV 
(f. 486.), wie in der vHa PH Ludovici bezeugt ist, be- 



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Dr. Hundeshagen , vita. Agobardi , Archicpt Lugdae. 953 



drohten, wenn er, um zu exeommuniciren (Ludwig 
durch Kirchengewalt zu befehden), hergekommen wäre, 
sollte Er vielmehr als exeommunicirt wegzuziehen haben. 
Auch wußte Gregor selbst, nach seiner epistola an die 
Bischöfe, dafs sie ihm in ihren Sprengein Jemand (d.h. 
Anhänger Ludwigs) zu exeommuniciren, nicht gestatten 
wollten. Sogar der fromme Ludwig behandelte ihn, da 
der Pabst endlich ihm in seinem Lager einen Besuch 
machte, ohne alle gewöhnliche Ehrenbezeugungen (fol. 
489.), weil er ungerufen und nicht wie seine Vorfahren 
nur vocatus ^=z auf Befehl des Regenten, vor ihn ge- 
kommen sey. 

Dennoch ereignete sich hier der sonderbarste plötz- 
liche Wechsel der Ansichten und Erfolge. Nach der 
über diese Thatsachen offenbar sehr glaubwürdigen Le- 
bensgeschichte des Wala (die von seinem Begleiter, Pa- 
schasius Radbert, ebenfalls Mönch im deutschen Corvey, 
verfafst in Mabilloris Acta sanetorum ordinis Benedict L 
See» IV. P. I. f. 489. nachzusehen ist), wurde der 
vorher lange von der Kaiserin Judith verfolgte Wala aus 
seiner Zurückgezogenheit in jenem Kloster, Deutsch- 
Corvey, durch Gesandte des Pabstes und der Könige, 
in das Lager der letzteren zu kommen, genöthigt, wo 
er den Pabst durch jene Bischöfe sehr in Furcht gesetzt 
antraf. Wala und Radbert, wie dieser selbst als „comes 
mremotus" erzählt, übergaben dem Pabst „einige 
durch die Autorität der heiligen Väter befe- 
stigte Schriften seiner Amtsvorfahren, nach 
welchen Niemand widersprechen könne, dafs 
Er (der Pabst) die Vollmacht, ja Gottes und 
des heiligen Petrus und seine eigene Auto- 
rität dafür habe, um an alle Völker für den 
Glauben Christi und den Frieden der Kirche, 
für Verkündigung des Evangeliums und Be- 
stätigung der Wahrheit zu gehen und zu 
schicken [folglich auch non vocatus zu komineu], 
und daf6 auch in Ihm alle die überwiegende 
Autorität des seligen Petrus und eine leben- 



954 Dr. Hundeshagen, Tita Agobardi, Archiepi Lugdae. 



dige Vollmacht sey, damit Alle vod Ihm sich 
richten lassen müfsten, Er selbst aber von 
Niemand zu richten sey. 

Leicht ist zu glauben, was Radbert hinzusetzt, dafs 
der Pabst diesen Schriften*) froh und dankbar bei- 
gestimmt habe' und dadurch sehr ermuthigt worden sey 
Alle Erwartung aber übertrifft es, dafs hierauf Radbert 
§. 18. fol. 490. versichern konnte, der Pabst sey zwar 
von Ludwig ohne Effekt und ohne Ehrenbezeugung in 
das Lager der Sohne zurückgekommen , in der darauf 
folgenden Nacht aber hätten durch eine be- 
sondere Wirkung Gottes (!) den Kaiser alle 
die Seinigen mit einemmale verlassen und 
sich mit dem Lager des Mitkaisers Lothar au« 
Italien (a parte filiorum et Pontificis) zum Erstau- 
nen Aller so vereinigt, dafs dieser nunmehr 
den Vater cum Justina sua ohne Schwert- 
streich gefangen nehmen und sich, ohne einen 
Reichstagsbeschlufs , zum alleinigen Ober- 
haupt des Reichs (auf eine Zeit lang) erheben 
konnte. 



•) Feh gebe, wegen der Merkwürdigkeit, wörtlich, was Pascha »im 
Radbert us, als Augenzeuge von dem Verlauf, erzählt: „Oblati 
sanettssimo pontiflci. Satjjs venerabiliter cum magna alacritate 
hob excepit, quia cruciabatur et ipse animo, pro taJibus, quae 
reoercrat, qualia nunquam prius credere potuisset. (!!) Ter- 
rebatur autem, quod valde dolendum est, ab Augusto et ab 
omnibus suis, etiatn ab EpUcopis , qui sibi [sich untereinander] 
pridie quam venissimus, dextras dederunt (so genau weifs ei 
Paschas!), quod im animo« esse ad resistent um Iiis, qui ex ad- 
verso erant, Regibus filijs, Priucipibus et populo. Insu per 
consiliabantur firmantes (prob dolor!) quod eundem Jpostolieum, 
quia non voemtus venerat , deponere deberent. Erat entm iki 
Pagkur [ Ebbo als Gegner des mit Jeremias verglichenen Wala: 
et reliqui, eadem cum Justina (Judith) sentientes. Qulbu- 
auditis pontifex plurinmtu mirabatar et verebatur. 

„Unde et ei dedimus nonnulla, sanetorum patrum auciori- 
täte firmata, praea\ecessorumque conscripta, quibus nullus con 
tradteere possit , quod Ejus esset potestas, irao Uei et b. Pelri 
Apostoli, suaque auetoritas, tre, mittete ad omnes gentes pro 
fiele Christi et pace eedesiarum , pro praedisatione evangelü ft 
assertione veritatis , et in eo esset omni* auetoritas beati Petri 
cxcellens et potestas viva, a quo oporteret universos Judicari iu, 
ut ipse a nemine judicandus esset" 

„Quibus profecto scriptU gratauter aeeepit [venu, accessil' 
et valde confortatui est" 



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Dr. Hundcshagen, vita Agobardf, Archiepi Lugdae. 055 



Paschasius sagt uns zwar, dafs diese immutatio mentis 
smgulorum sine ullius, quantum rescire potui, 
persuasione auf exhortatione geschehen sey* 
unde valde diluculo ad eundem Pontificem ve- 
nimus pro miraculo, und Einer der Börner ihnen 
entgegen gesungen habe: Dextera Dommi fecit vir- 
tutem 8fc. 

Sehr wichtig aber wird, in diesem Zusammenhang, 
die Frage: Von welcher Art denn jene nonnulla 
sanctorutn patrum auctoritate firmata praedeces- 
sorum (pontißcis) conscripta gewesen seyn müfs- 
teii, die dem Pabste so viel Ermuthigung gegeben hätten, 
und die doch wohl auch auf jenes plötzliche, sonst fast 
unbegreifliche Uebergehen Derer, qui pridie tarn fort es 
erant et constantes , vom Vater zu den Söhnen Einflufs 
gehabt haben möchten. 

Charakteristisch ist es, dafs der Hauptinhalt jener 
Schriften in dem Satze bestand : Von dein Pabste müfsten 
»ich Alle, Er aber sich von Niemand richten lassen 
(a quo oportebat universos judicari , ita ut ipse a 
nemine judicandus esset). Bekanntlich geht dieser 
Sat2 von mifsge deuteten Worten des Apostels 1 Kor. 2, 15. 
«us, welche im lateinischen Kirchentext sagen : „Spi- 
rttnaiis autem judicut ©www*, et ipse a nemine 
juditovtur!' An die Stelle des Pneumatischen, d. i. des 
Christlich -vernünftigen, welchen allerdings die anima- 
lisch- sinnliche Denkart — das ^u^iao*, nicht richtig 
zu heuriheilen vermag, setzte der Klerus oder die Geist- 
lichkeit gar zu gerne sich selbst, wie wenn sie 
allein und gewifs die Geistigen wären. (So viel 
hängt oft an einem Titel y an einem Kunstwort!) Auch 
Paschasius Radbert selbst (eben der, welcher nicht nur 
die Transsubstantiattanslehre in ihrer handgreiflichsten 
Gesteh vorzutragen angefangen hat, sondern auch, s. Gie- 
seler K.Gr. III. Periode §. 14. S. 99. eine Nottue belehrte, 
dafs Christus wie ckiitsis visceribus cvnceptus, ebenso 
ofnnmo et clauso utero nutus gewesen sey) erklärte 
jewe Stelle gat zu gerne von der bischöflichen über alles 
andere Urtheil erhabenen Autorität. 



956 Dr. Hundeghagen, Wta Agobardi, Archiepi Lugdae. 



Nicht das Ehrenvollste ist es, dafs Gratians Deere- 
tumDist.40. can. 6. den auffallendsten Satz : Si Papa 
8uae et fratemae saluti negligens deprehenditur m- 
utiüs . . nihilommus rnnumcrabiles populos catervatim 
secum ducit primo maneipio g enenn a e , cum 
ipso plagis multis m aeternum vapulaturus [vapula- 
turos?], hujus culpas istic redarguere prae- 
8umit mortalium nullus, quin cunetos ipse 
judicaturus a nemine est judicandus , rmi 
deprehendatur a fide devius — unser m deutschen 
Apostel, Bonifacius, zuschreibt, welcher kaum da- 
durch zu retten seyn möchte, dafs Le Pia t in Dm. 
de spuriis in Gratiano canonibus c. 10. diesen canon 
als perperam Bonifacio Martyri tributus 
bezeichnet (s. Collectio Praest antior. operum Jus Ca- 
nonic. illustrantium T. XVI. p. 932. Mai uz 1190. 4.), 
aber keine Grunde für diese Ehrenrettung des Bekehrers 
angiebt, welcher nur dadurch entschuldbar scheint, weil 
Er ohne Rom seine Art von Christianisirung nicht für 
ausführbar halten mochte. 

Dennoch ist, wie bekannt, die besonderste Anwen- 
dung jenes Satzes von der römischen Universal- Juris- 
diction und Exemtion = vom „judicari universos , ita 
ut ipse a nemine judicandus esset" auf den römischen 
Oberbischof etwas eigentümlich Charakteristisches in den 
— Pseudo - Isidorischen Dekretalien, welche, wie Blondel 
in seinem Pseudo- Isidorus (Genf 1628.) von S. Tl. an 
augenscheinlich gemacht hat, erst nach dem Jahr 830. 
bekannt geworden sind. Eine erneuerte (vergL in der 
angef. Collectio Mogunt. Blaset Com. de Canon. Tsidori 
mercatoris c. 3. p. 20.) Aufmerksamkeit scheint uns 
demnach die Frage zu verdienen : ob sich nicht durch 
diese Stelle der Lebensbeschreibung Walas eine weiter 
zu verfolgende Spur ergebe, dafs dieser, der Vereiniger 
des gallischen und sächsischen Benedikt i ne r- Klosters 
Corvey, die Person war, welche wenigstens einen be- 
trächtlichen Theil jener Pseudo -Isidorischen Aufsätze 
(= conscripta) dem Pabste zuerst zu seiuer eigenen 



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Dr. Hundeehagen, vtta Agobardi, Arohiepi Lngdae. 957 

Ermuthigung vorgelegt und dadurch auch in dem Lager 
Ludwigs einen so plötzlichen Schlag möglich gemacht 
habe? Entstehen konnte dieser nicht, ohne etwas, was 
auch den damals Ludwig beherrschenden Theil der Bi- 
schöfe mit einem Male niederschlagen und von ihren 
Drohungen, den Pabst selbst zu excommuniciren , zur 
demüthigen Nachgiebigkeit bewegen konnte. Der Titel : 
1 „cons cript a praed e cessorum" und „firmata 
sanctorum patrum auctoritate" kann nichts treffender 
bezeichnen , als den gröfsten Theil jener Pseudoisido- 
! riana, welche fast alle den älteren römischen Bischöfen 
i vor Siricius namentlich beigelegt und zugleich aus man- 
1 cherlei patristischen Stellen compilirt sind. Das dritte 
Auffallende ist, dafs diese prae de cessorum cor- 
scripta dem Pabste selbst unbekannt waren und ihm 
erst durch Wala vorgehegt wurden. Gerade so zeigt es 
die übrige Geschichte. Vom Jahre 835. findet sich bei 
MansiXlV. fol. 513 — 517. eine epistola Gregorii IV V 
von 835. in der Sache Aldrichs von Mans, welche offen- 
bar pseudo- isidorisch klingt, s. Le Plat Diss. I. c. c. 17. 
p. 881. Hatte Wala 833. jene seine (vermuthlich noch 
nicht vollständige) Sammlung dieser Art Gregor dem IV. 
auf dem sogenannten Lügenfeld zwischen Strasburg und 
Basel das erste Mal so annehmbar gemacht, so kann jene 
epistola vom J. 835. die erste Anwendung von Rom aus 
gewesen seyn, den Walaschen Ftfnd versuchsweise zu 
benutzen. 

Noch eine Zeitlang nachher war man dennoch damit > 
von Rom aus sehr behutsam. Nach Mastricht Histor. 
Juris eccl (Halae 1719. 8.) S. 277. citirte Leo IV. 
zwischen 847 — 855. immer noch Dekretalien von Siri- 
cius an. Selbst Pabst Nicolaus I. beruft sich im J. 863. 
nur noch auf Dekretalien seit Siricius, doch mit dem 
Zusätze: „ac ceterorum romanae sedis pontificum!' 
s. Mansi XV. fol. 374. Erst im Jahre 864 und 875. ist 
Nikolaus 1. entschlossen, sich auf alle dergleichen De- 
kretalien entschieden zu berufen, vgl. Schröckhs K.G. 22. 
S. 151 — 155. Und dieses Mannes Charakter konnte es 



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958 Dr. Hundeshagen , viU Agobardi ,. ArcWepl Lugdae. 

allerdings mit sich bringen, dafs er endlich das, was 
schon unter den Franken gleichsam wie eine Entdeckung 
in Umlauf gekommen war, nunmehr auch von Rom ans 
wie etwas Anerkanntes zu behandeln wagte und ver- 
mochte. 

Der Verf. hat nach dem ganzen Inhalt seiner Dis& 
sich in jenes von einer langen Zukunft schwangeres Zeit- 
alter so gut hineinstudiert, zugleich beweist er auch in 
der Beurtheilung der gewählten Hauptperson des in der 
That zweideutigen Agobards eine so rühmliche Unpar- 
teilichkeit, dafs wir Ihn vorzuglich aufmuntern mochten, 
der Geschichte Walas überhaupt und beson- 
ders allem, was jene praedecessorum con- 
scripta und ihre pseudisi dorische Wirksam- 
keit betrifft, vollständig nachzuspüren. E$ 
ist ein wahrer Mangel, dafs jene pseudisidorische Dekre- 
taliensammlung nur in den Conciliensammlungen zerstreut 
zu finden und also nicht leicht in einen vollständigen 
Ueberblick zu fassen ist, da nur die ganz selten gewor- 
dene Collectio Conciliorum quatuor gener alium von Jac. 
Merlin (Coloniae 1530. T. I. IL in kL Fol.) sie im zu- 
sammenhängenden Abdruck gegeben hatte. Eine neue 
Ausgabe von diesem Autor classicus des römi- 
schen Curia 1 rechts, äus tieferen Nachspürungen in 
der Geschichte und besonders aus Blondels Pse uüisitlorm 
so vollständig und partheilos wie möglich beleuchtet, 
wird ein grofses Verdienst für die nächst bevorstehenden 
Zeiten 6evn. Man beruft sich bei der gegenwärtigen 
Vernachlässigung der kirchenrechtlichen Studien auf eine 
allzu unbestimmte Weise, wenn z.B. in unsern Repräsen- 
tativ- Verfassungen, welche jede fremde Gesetzgebung 
ausschliefsen müssen, von der kirchlichen Disciplin die 
Rede ist, Überhaupthin auf kanonisches Recht, und sucht 
dadurch (wie neuerlich in der Würtembergischen Stände- 
versammlung am 11. März 1833. s. Allg.Ztg. Beil. No. 16. 
S. 303.) Minister und Stände von der gesetzgeberischen 
Aufsicht über die Kirchen Verfassung zurückzuschrecken. 
Man hat in die Konkordate den weit ausdehnbaren Aus- 



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Dr. Hnndeehagen , vita Agobardi, Archfapi Lngdae. 959 

druck von Beobachtung der Canomim, qui vtgent sich 
einreden lassen. Man verwahrt sich insgeheim gegen die 
gemeinschaftliche Verordnung der deutschen Rheinländi- 
schen Regierungen vom 30. Jan. 1830. und hofft in der 
Stille mit diesem Scheinrecht weiter dagegen vorzu- 
rücken. Fragt man aber genauer, so soll sich das Meiste, 
wogegen Einwendungen nach dem besseren Geiste des 
Zeitalters nöthig sind, doch genau genommen nur auf 
die vermeintliche Gesetzgebung jener Dekretalien, deren 
Unächtheit jetzt kein Sachkundiger mehr zu bezweifeln 
wagt, und auf die weiteren Folgerungen gründen, welche 
dann von Päbsten und Concilien auf die falsche Voraus- 
setzung , dafs dort eine uralte Kirchengesetzgebung ent- 
halten gewesen sey, bona fide gebaut werden. Soll 
denn nun aber unabänderlich für Kirche und Staat Das 
verbindlich sey n, dessen u nächter, dunkler Ursprung von 
Niemand mehr geläugnet werden kann? Mufs nicht ein 
Gebäude, das auf einem solchen Fundamente errichtet 
Worden ist, vom Grande aus untersucht und das einge- 
schobene Unhaltbare abgetragen werden, gerade damit 
das, was vor der ächten Gesetzgebungs- Klugheit ge- 
rechtfertigt werden kann, desto williger beobachtet 
werden könne! 

In der Verzweiflung , die pseudisidorische Sammlung 
als Schrift nicht mehr vertheidigeti zu können, ver- 
sucht man wohl gerne die Behauptung, dafs, wenn auch 
die Form unächt sey, doch der Inhalt nichts anderes 
gebe , als was damals längst in den Verhältnissen des 
fränkischen Reichs zu der römischen Kirche Gewohnheits- 
recht gewesen sey. Wollte man aber auch über den 
grofsen Unterschied zwischen unbemerkt gangbar gewor-r 
denen Gewohnheiten und schriftlich bestimmten, gesetz- 
lichen Aussprächen wegsehen, so zeigt das oben gegebene 
Walaische Geschichtfragment, tfafs ein grofser Thei! der 
fränkischen Bischöfe jene Unternehmung des Pabstes 
Gregor IV., sich als Richter unter dem Vorwand: für 
den Frieden der Kirche und für die Wahrheit! in die 
Staatsverhältnisse zu mischen, und als einer, der von 



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960 Dr. Hundesbagen, Tita Agobardi, Archiepi Lngdae. 

Niemand gerichtet werden dürfte, zu erscheinen, keines- 
wegs anerkannt war. Es zeigt sich, dafs Gregor IV. 
selbst diese praedecessorum conscripta nicht 
gekannt hatte. Und war dann gleich der Glaube an die 
Kenntnisse und die Rechtlichkeit des (in der Haupt- 
sache allerdings über sein Zeitalter erhabenen) Wala sogar 
bei den Gegnern damals so stark, dafs sie, an der Gültig- 
keit jener Schriften als Kirchengesetze gar nicht zwei- 
felnd, in Einer Nacht auf die Seite des Papstes und der 
Söhne wider den Vater überzutreten , für unvermeidlich 
hielten, so darf doch eine solche höchst unkritische Ueber- 
eilung gewifs nicht die Wurzel einer unabänderlichen Ver- 
bindlichkeit für die jetzt nicht mehr so kurzsichtige Nach- 
welt bleiben. Auf anerkannt unächte Gesetze und deren 
Folgen gegenwärtig sich noch zu berufen, kann wenig- 
stens, in der europäischen Ausdehnung der Rationalität 
über die Länderstrecken zwischen den Pyrenäen und den 
Karpathen, nicht mehr zeitgemäfs und zulässig sevn. 

Der Geschichtforscher, statt um so vielerlei andere 
verschollene Dinge sich zu bekümmern, kann der Gesetz- 
gebung unsrer Zeit, welche allzuoft durch dunkle Cita- 
tionen des mittelalterlichen Geistes in Schauder versetzt 
wird, keinen wichtigeren Dienst leisten, als wenn er der- 
gleichen spectra so recht in ihrer ersten Erscheinung 
mit historischer Unbefangenheit ergreift, enthüllt und 
dadurch die Zurückweisung derselben in ihre Ungültig- 
keit bei den nunmehrigen Gesetzgebungsbehördeu um so 
augenscheinlicher rechtfertigt. Es kann gewifs nicht fehlen, 
dafs — wenn junge Männer von der Art, wie sich hier 
der Verf. zeigt, die sonst so wenig gelesenen Schriftsteller 
des 9ten und löten Jahrhunderts mit einem auf diesen 
universalhistorischen Gegenstand scharf gerichteten Blick 
und mit dem Gedächtnifs eines Blondeis durchforschen , 
diese meist absichtlich im Dunkeln gehaltene Materie zur 
vollen und wohlthätigsten Klarheit durchzuführen ist. 

Dr. Paulus, 



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N°. 61. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 

« 

; 

Die Probleme der Staatskunst, Philosophie und Physik. 
Zur Herbeiführung eines besseren Zuslandes für Fürsten und Völker, 
Wissenschaft und Üben auf das befriedigendste gelbst. Von K. F. 
Kau er. Leipzig, \bei Chstn. Kollmann. 1838. 1U8 S. u. IV S. 
Vorrede. 8. 

Mit einem wahrhaft peinlichen Gefühle unternimmt 
Reft. die Anzeige dieser Schrift. Der (uns gänzlich un- 
bekannte, wahrscheinlich noch jugendliche) Verf. ist 
unstreitig ein guter Kopf; auch Kenntnisse, besonders 
in den Naturwissenschaften , verräth er ; ihm liegen die 
Meinungen, zu welchen er sich bekennt, am Herzen; er 
hat die Sprache in seiner Gewalt; die Schrift enthält 
einige dem Inhalte und dem Vortrage nach treffliche 
Stellen. Auf der andern Seite gehört die Schrift zu der 
Klasse derer, in welchen der Verfasser dem Verstände 
und der Aufklärung den Krieg ankündiget, damit er in 
der Ideenwelt, die er sich selbst geschaffen hat, desto 
ungezügelter walten , die Gegenwart vor einem Richter- 
stuhle, den er selbst hingestellt hat, desto entschiedener 
anklagen könne. Besonders ein Gedanke hat sich Rftn. 
beim Durchlesen dieser Schrift wiederholt aufgedrungen. 
Möge doch der Himmel unser liebes deutsches Vaterland 
vor einer jeden inneren Erschütterung bewahren ! Wie 
viele einander geradezu widersprechende Vorstellungen 
von dem, was den deutschen Staaten noth thut, gähren 
auch in den besseren Köpfen! Wie ganz anders lauten 
die Stimmen, die hin und'wieder in Norddeutschland, 
und die, welche am Rheine ertönen. (Die Vorrede der 
Schrift ist von Berlin datirt.) Während von den Einen 
das Mittelalter und eine auf die Verschiedenheit der 
Stände gegründete Verfassung und der politische Werth 
grofser Körperschaften gepriesen wird, wird von Andern 
das System der französischen Revolution und die Reprä- 
sentativverfassung und die Einheit des Volks bis zum 
Himmel erhoben. Die Einen scheuen die Andern lieben 

XXVI. Jahrg. 10. Heft. . .61 



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962 Hauer, die Probleme d. Staatsk., Pliilos. u. Physik. 

die fremde Weisheit. Unter der Einheit Deutschlands 
denken sich die Einen etwas anders, als die Andern. Und 
kommt es dann zu Vorschlägen, die ins Einzelne gehn, 
da setzen wir uns nur zu oft dem Vorwurfe aus, welcher 
uns von Ausländern gemacht zu werden pflegt, data wir 
uns mehr durch die Speculatiou als durch praktische 
Kenntnisse auszeichnen. 

Rft. glaubt den Inhalt der vorliegenden Schrift kurz 
so bezeichnen zu können: Die Schrift enthält eine neue 
Auflage des Systemes des Pantheismus. Diese neue Auf- 
lage unterscheidet sich von den älteren hauptsächlich 
dadurch, dafs sie theils auf die Physik nach ihrem der- 
maligen Stande, theils auf den dermaligen gesellschaftli- 
chen Zustand der europäischen Menschheit Bücksicht 
nimmt — Rft. will offen gestehen, dafs er das System 
des Pantheismus für das einzige hält, welches das Räthsel 
der Welt auf eine consequente Weise zu lösen vermag. 
Hiermit bekennt er sich nicht zu diesem Systeme. Denn 
ist das eine Gewährleistung für die Wahrheit dieses 
Systemes, dafs es auf eine jede Frage eine Antwort giebt? 
Der Geisteskranke, der eine fixe Idee hat, vermag nicht 
selten Alles, was ihm widerfährt, nach dieser Idee zu 
erklären. Aber ist deswegen seine Grundidee richtig? 
Jedoch, hiervon auch abgesehn, dürften einige der frü- 
heren Auflagen desselben Systemes, z. B. die Darstellung 
Spinozas, der hier in Frage stehenden vorzuziehn seyn. 
(Wir machen den Verf. namentlich auf Spinozas tractatus 
theologico-poUticus aufmerksam. Nirgends findet man 
vielleicht das Wesen des Staates im Geiste des panthei- 
stischen Systemes besser dargestellt, als in dieser Ab- 
handlung.) Wie kommt der Verf. zu dem Begriffe oder 
wie erklärt er das Daseyn der Materie? Reft. hat 
darüber in der Schrift keinen Aufschlufs gefunden. Oder 
hat sich nicht der Verf., Wenigstens in der Darstellung, 
eines Sprunges schuldig gemacht, wenn er, zum Men- 
schen fortschreitend, au die Idee des durch die ganze 
Natur verbreiteten Lebens sofort die Ideen des Rechts 
und der Sittlichkeit reiht? 



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Hauer, die Probleme d. Staatuk., Philo«, u Physik. 963 

Es ist schwer, von einer Schrift, wie die vorlie- 
gende ist, einen Auszug zu geben. Doch will Rft., um 
einer Pflicht nachzukommen, die einem jeden Rftn. die 
erste seyn sollte, den Versuch machen, aus der Schrift 
wenigstens die Hauptsätze, (so viel als möglich mit den 
eigenen Worten des Verfs.,) herauszuheben. 

I) Einleitung. Die höchste Aufgabe des Menschen 
ist die Erforschung und vernünftige Entwickelung dessen, 
was wir Leben nennen. Die Wissenschaft hat das Leben 
zu erklären, sie soll der Spiegel desselben seyn. Da sie 
von dem zeitlichen Leben zu dessen Ursprünge, d. i. zu 
dem ewigen und göttlichen Leben aufsteigen mufs, so 
ist sie zugleich die Wissenschaft von Gott. Sie kann 
auch durch den Namen: Philosophie, bezeichnet wer- 
den. — II) Das Leben. Dieses ist das Erscheinen 
des Urgeistigen in der Wesenheit und Körperlichkeit 
Behufs der unendlich mannigfachen Uebung der ewigen 
alllebendigen Kraft. Daher uberall Notwendigkeit und 
Ziveckmäfsigkeit. Die Körper sind diejenigen materiellen 
Werkzeuge, durch welche das Urgeistige wirksam wird 
und im Leben erscheint. — III) Das Lebensprincip. 
Das 4 Princip alles Lebens, das Urgeistige oder Allbele- 
bende, kann nur ein Wesen seyn, welchem das Leben als 
eine Eigenschaft zukommt. Dieses Wesen, (Gott 
oder die Weltseele,) mufs sich in allen Körpern, je- 
doch, da dfe Körper unendlichen Modifikationen uuter- 
Hegea, in unendlichen Modifikationen offenbaren. (Der 
Unterschied , den man zwischen belebten und nicht be- 
lebten Körpern macht, ist daher ein Unding.) Das 
Wesen, welches e r fa h r u ngsmäfsig in jedem Körper 
zu finden ist, ist der WärmestofT; dieser ist das sinnlich 
erkennbare Lebensprincip; er ist geistiger Art,* da ihn 
keine Kunst zu zersetzen vermag. Steigerungen dieses 
Lebensprincipes sind die Wärme, dann das Licht. Die 
Verschiedenheit der Körper beruht auf der Verschie- 
denheit des Grades, in welchem sich jener Stoff in ihnen 
offenbart und, ohue dafs sie untergeh n , offenbaren kann. 
Wirklich selbstleuchtende Wesen und Körper oder Licht- 



* 



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«MM Raucr, die Probleme d. Staattk., Philos. n. Physik. 



wesen und Lichtkörper können auf unserer unvollkom- 
menen Erde nicht vorhanden seyn. Die uns bekannten 
Lichtkörper , die ihre Lebensgeister als Licht ausstrahlen, 
sind die Sonnen. — IV) Die Lufthaltigkeit. Sie 
besteht in derjenigen Eigenschaft gewisser Körper (z. B. 
der Fische, der cartesischen Taucher,) vermöge wel- 
cher dieselben in gewissen Behältnissen ein dünneres Ele- 
ment enthalten, das dem äufseren dichteren Elemente, 
in welchem der Körper sich bewegt, das Gleichgewicht 
hält und dadurch dem Körper das Vermögen derSchweb- 
barkeit verleiht. Die Erde ist ein solcher Körper. Sie 
ist nicht dicht, sondern voll unermefslicher , ein höchst 
dünnes Element enthaltender Gefafse. So erhält sie sich 
im Schweben In ihrem Innern liegen Feuer und Wasser 
in einem ewigen Kampfe. Darin besteht das Leben der 
Erde. — V) Die Bewegung. Sie ist das auf allge- 
meinen oder besonderen Gesetzen beruhende Vor-, Rück- 
oder Seitwärtsgehen eines Körpers im Räume. Sie be- 
ruht auf der Lebenskraft und ist eine Aeufserung dieser 
Kraft. Je höher ein Körper auf der Stufenleiter der 
Körper steht, desto freier ist seine Bewegung, — VI) Die 
Wahrnehmbarkeit der Körper. Ein jeder 
Körper hat ein Wahrnehmungsvermögen, d. i. die Fä- 
higkeit, wodurch er von der Aufsenwelt gewisse Ein- 
drücke empfängt und sich mit ihr in Berührung zu setzen 
vermag. Dieses Vermögen ist eine nothwendige Folge 
von dem durch die ganze Natur verbreiteten Leben und 
von der Einheit dieses Lebens. Gleichwohl steht dieses 
Vermögen nicht allen Körpern in gleichem Grade noch 
in einer jeden Beziehung (oder in Beziehung auf alle 
Sinne) zu. — VII) Der Sonnenkörper. Der Verf. 
stellt hier die Sonne als den Repräsentanten des bele- 
benden Princips in unserem Sonnensysteme dar. — VIII) 
Der Lichtglanz der Körper. Was man gewöhn- 
lich Farben nennt, ist die Art, wie sich die den Kör- 
pern inwohnende Wärme oder Lebenskraft, (als ein mehr 
oder weniger mattes Licht,) dem Auge offenbart. Die 
Farbe ist daher auf das Innigste in das Leben eines jeden 



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Hauer, die Probleme d. Staatsk., Philos. u. Physik. 965 

Körpers verwoben. — IX) Magnetismus und Elek- 
Iricität. Sie sind das Mittel, durch welches die Le- 
bensgeister gleichartiger oder verwandter Körper in 
Gleichgewicht erhalten werden. Wirkt dieses Mittel in 
der Form der Wärme und erkennen wir es lilos an dieser 
Wirkung, so wird es magnetisches, wirkt es in der 
Form des Lichts, so wird es elektrisches Fluidum 
genannt. Der Verf. handelt hier noch von Sternschnup- 
pen, Irrwischen und einigen andern Naturerschei- 
nungen, auch von den Heilungen durch Magnetismus. — 
X) Die Wechselrichtungen (oder, in der ge- 
wöhnlichen Sprache der Physiker, von der Polarität) 
der Körper. Die ganze Schöpfung ist eine grofse 
Einheit. Ein jeder einzelne Körper steht in einer dop- 
pelten Beziehung, in einer geistigen, vermöge wel- 
cher er dem Alllebendigen oder der Gesammtheit ange- 
hört, und in einer körperlichen, auf welcher seine 
individuelle Existenz beruht und vermöge welcher er 
einer andern Gesammtheit, der des Materiellen, ange- 
hört. Diese beiden Eigenthümlichkeiten , von welchen 
die eine auf das Jenseits, die andere auf das Diesseits 
gerichtet ist, zusammen nennt der Verf. die Wechsel- 
richtungen der Körper. (In dem Menschen zeigen sich 
diese zwei Wechselrichtungen in dem Kampfe zwischen 
der göttlichen und irdischen Natur des Menschen.) Die 
eine und die andere Richtung mufs in einem bestimmten 
Punkte concentrirt seyn ; sie müssen also ihre Pole haben. 
Sonst würde die eine und die andere Richtung nicht 
einer bestimmten Regel unterworfen seyn. Aber beide 
Richtungen und ihre Pole, das Göttliche und das Ir- 
dische, stehen in ununterbrochener Wechselwirkung mit 
einander. — XI) Die Menschwerdung Gottes. 
Sie ist das Erscheinen Gottes in der Menschheit über- 
haupt. Der Mensch ist seiner geistigen Natur nach das 
Ebenbild Gottes. In ihm offenbart sich Gott selbst, so 
weit auf unserer Erde eine solche Offenbarung möglich 
war; durch ihn erhielt die Schöpfung auf unserem Pla- 
neten ihren Schlußstein, ihren Endzweck. Mit dieser 



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v 



966 Raaer, die Probleme d. Stnatsk., Philos. u. Physik. 

Ansicht stellt die Menschwerdung' Jesu in einer unmi 
telbnren Verbindung. „Aus der Tiefe der Philosoph 
schöpften wir die Gewifsheit, dafs eine Offenbarung Gott 
im Menschen nicht nur möglich, sondern dafs sie not 
wendig und wirklich eingetreten, die Mosaische Myt 
also kein Traum der Einbildungskraft sey. Die gleic 
Möglichkeit ejner zweiten Offenbarung ist also nicht n 
eben so vorhanden, sondern diese zweite Offenbarui 
erweiset sich sogar ebenfalls als nothwendig, weil 
die Selbsterhaltung des Göttlichen im Menschen , < 
Fürsorge dafür galt, dafs nicht aller Zusammenhang zv 
sehen Gott und seinem irdischen Ebenbilde sich ai 
Joste." — XII) Die geistige Form. Die verschi 
denen Formen und Gestalten der Körper sind die v< 
schiedenen Arten , wie sich das Leben oder Gott in d 
Materie offenbart. Die Verschiedenheit dieser Offenl 
rungen (oder der Körper) beruht auf der Verschiedenh 
der Materie, in welcher und durch welche die Leber 
kraft wirkt. Ueberall aber wirkt sie zweckmäfsig, un 
wenn auch vereinzelt, doch zugleich als ein Ganzes. V 
dürfen annehmen, „dafs es auch eine Centraisonne gel 
auf welcher Gott selbst im reinsten Lichte throne." 
XIII) Der Staat. Schon die Thierwelt bietet uns < 
Bild der Staaten weit dar. Indem Biber, Bienen u 
Ameisen ein Volk bilden, hat ihr Leben ein gemei 
schaftliches Ziel , einen Mittelpunkt, in dem jedes im 
viduelle Interesse verschwindet. Der Staat, der v 
Menschen gebildet wird, mufs auf eine ähnliche We 
der Anhalts- und Mittelpunct der gesellschaftlichen Tli 
tigkeit wie der menschlichen oder sittlichen Vervo 
kommnung seyn. Der erste, jedoch untergeon 
nete Zweck des Staates bezieht sich also auf die Th 
tigkeit oder auf die materiellen Interessen der Bürg 
Die Interessen der Einzelnen müssen innerlich an einand 
geknüpft, die Einzelnen durch einen materiellen Vorth 
an einander gebunden seyn. Eine solche Verbindung <1 
Einzelnen finden wir in der Gemein de Verfassung- nie 
einmal in der Idee, vielweniger der Wirklichkeit nac 



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Rttaer, die Probleme d. Stanlsk., Philo», o. Physik. 967 

wohl aber legt sie sich uns dar in den verschiedenen 
Ständen und Korporationen , durch deren Aufhebung; also 
ein Staat seinen Zweck nicht nur nicht erreicht, sondern 
gänzlich verfehlt. Indem übrigens die Stäode und Kor- 
porationen wiederum Theile eines Ganzen sind, das ihnen 
ihren Besitz garantirt, machen sie in diesem Ganzen den 
Staat aus; der Schutz, den sie in diesem Ganzen ge- 
messen, erzeugt ein moralisches Band, den Patriotismus. 
Der zweite und höhere Zweck, die sittliche Vollen- 
dung, hat zum Gegenstande, den Menschen zum Gött- 
lichen empor zu heben und ihn an dieses zu fesseln. 
Durch das sogenannte Aufklärungssystem wird dieser 
Z\veck gänzlich verfehlt; die Bildung des Verstandes ist 
vielmehr nur in so weit an ihrem Orte, als sie sich auf 
den ersten Zweck bezieht. Der Urquell der sittlichen 
Vollendung ist dasGemüth; das Band, das sittliche In- 
dividuen zu einem Ganzen vereiniget, ist die Kirche. 
Die Religion ist das lebendige, innige, zweifellose Eins- 
seyn unseres geistigen Individuums mit Gott, das Leben 
des Theiles im Ganzen und des Ganzen im Theile, ein 
unbewufstes Leben in Gott. Die wahre Civilisation be- 
steht darin, dafs Alle zu jener friedlichen Gemeinschaft 
hinstreben, bei der das Privatinteresse in das allgemeine 
Wohl verschwimmt und jeder Zwiespalt eine Ausnahme 
von der Regel ist. Auf diese Civilisation, auf das innere 
Leben, auf das Leben in Gott sind die Gesetze und Re- 
g-ierungsmafsregeln vorzugsweise zu berechnen. 

Ref. hat den Verf. sprechen lassen, ohne ihn durch 
irgend eine Bemerkung oder Frage , oder auch nur durch 
ein Fragzeichen, zu unterbrechen. Auch jetzt will er 
das Urtheil über die Billigkeit oder Unbilligkeit des zu 
Anfange dieser Anzeige ausgesprochenen Tadels dein 
Leser gänzlich anheimstellen. Eben so wenig will er den 
schneidenden und selbstgefälligen Ton rügen, in wel- 
chen der Verf. sehr oft, und schon auf dem Titel, ver- 
fallen ist Es wird die Zeit kommen, wo der Verf. selbst 
der Meinung seyn wird , dafs es einen andern und bes- 
seren Weg gebe, wie man Aufsehen erregen oder seinen 



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968 Raaer, die Probleme d. Staatsk., Philo«, u. Physik. 

Schriften Eingang verschaffen könne. Newton sagte : 
Ich komme mir vor, wie ein Rind, das an dem Ufer 
des Oceans mit Kieselsteinen spielt. Und das sagte ein 
Newton! — Doch der Verf. ahndet (in der Vorrede) 
selbst seine nahende Bekehrung. 

Der Verf. bemerkt in der Vorrede, dafs die gegen- 
wärtige Schrift der Vorläufer eines gröfseren, jedoch 
erst nach Jahren erscheinenden Werkes seyn solle. Da 
Rft. wünschte, den Verf., einen Mann von Talent, der 
Wissenschaft zu gewinnen, so erlaubt er sich, an ihn 
eine Bitte zu richten , — die Bitte , dafs der Verf. doch 
vor allen Dingen Kants Kritik der reinen Vernunft stu- 
dieren wolle. Nicht als ob Rft. die Absicht hätte, den 
Verf. zu einem Proselyten der Kantischen Philosophie 
zu machen; (obwohl diese Philosophie, entkleidet von 
ihren Aufsen werken, nur einen Coimnentar zu den Aus- 
sprüchen der Schrift enthält: Unser Wissen ist 
Stückwerk, d.i. auf die Erfahrung beschränkt. Der 
Glaube allein macht selig, d. i. der wahrhaft 
moralische Mensch vermag seine Ahndungen einer über- 
sinnlichen Welt in Glaubenswahrheiten zu verwandeln.) 
Sondern weil Rft. überzeugt ist, dafs jenes Werk das 
Schulbuch eines jeden denkenden Kopfes 
seyn sollte. Und warum? Weil es die Lehre durch 
die That prediget, dafs man sich wegen eines jeden 
Wissens oder Erkenntnisses, das man zu besitzen oder 
errungen zu haben glaubt, vor allen Dingen die Frage 
vorzulegen habe: Wie, auf welchem Wege, bist Du zu 
diesem Wissen, zu diesem Erkenntnisse gelangt? 

Zachariü. 



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Thilo, die Volkssouveränetat 



Die Folkssouverdnetät in ihrer wahren Gestalt. Von 
Dr. Lud. Thilo, ord. off, hehrer d. Phüoe. a. d. Univ. Breslau. — 
Nebst einem Anhange: Ist Friedrich Murhard ein Kompilator? — 
Breslau, bei Fr. Hentze. 1833. 286 S. 8. 

Wer. wird nicht gern die Stimme eines Veteranen 
über die höchsten Fragen der Staats Wissenschaft ver- 
nehmen? Die Stimme eines Mannes, der, (wie er selbst 
in der Zueignungsschrift sagt,) „fast an das Ende seines 
akademischen Lebens gestellt in diese Schrift gleichsam 
sein politisches Testament niedergelegt hat? Wenn auch 
dieselben Fragen schon oft und viel besprochen worden 
sind, so ist doch eine neue Erörterung derselben, wenn 
sie, wie die vorliegende , mit Verstand und Mäfsigung 
angestellt wird, um so willkommener, da in Deutschland 
die Literatur eine ihr eigenthümliche und eine andere 
Stellung zur öffentlichen Meinung hat, als z.B. in Frank- 
reich oder in Grofsbritannien. 

Man kann den Verfasser, als politischen Schriftsteller, 
vielleicht so charakterisiren : Er ist ein Freund der durch 
Stände oder Kammern gemäfsigten Monarchie. — Wir 
wollen jetzt versuchen, eine kurze Uebersicht des Inhalts 
der Schrift zu geben. 

Es giebt zwei Wege, zu einer Verbesserung des 
Staats zu gelangen , den Weg der Gewalt und den Weg* 
des Rechts. Der letztere, der allein erlaubte, wird sich 
von selbst eröffnen und ebnen, wenn bei einem Volke 
die Ueberzeugung von der Zweckmäfsigkeit und Ausführ- 
barkeit einer Veränderung mit der Zeit allgemein ge- 
worden ist. — Der Staat , wenn auch ein Werk der 
Menschen, hat dennoch den aus dem Wesen der Mensch- 
heit hervorgehenden , also in dem Plane der Vorsehung 
Hegenden Zweck, den Menschen die Entwickelung ihrer 
gesammten Anlagen und Kräfte möglich zu machen, ihre 
auf dem Bedürfnisse der Kultur und Civilisation beru- 
henden Ansprüche in wirkliche Rechte zu ver- 
wandeln. — Die Staatsverfassung ist die Gewährleistung 
für die Uebereinstimmung des Staates mit seinem Zwecke. 
Diejenigen irren also, welche auf die Beschaffenheit der 



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- 

* 

970 Thilo, die Volkssouveriinctat. 

Verfassung* keinen oder nur einen geringen Werth legen. 
Soll aber eine Verfassung diese Gewährleistung enthalten, 
so mufs sie, in der Monarchie , einerseits den Willen des 
Volks und andererseits die Sanction des Fürsten Pur sich 
haben. Durch die Sanction des Fürsten wird der Wille 
des Volks, an sich nur ein Wille Einzelner, allererst zu 
einem allgemeinen und einzigen Willen. — Die in der 
Staatsgewalt enthaltenen besonderen Gewalten sfnd die 
gesetzgebende, die richterliche und die vollziehende 
Gewalt. Wenn auch das Volk bei der Gesetzgebung 
unmittelbar oder mittelbar zu hören ist, so ist es doch 
ein Irrthum, ihm deswegen die gesammte Staatsgewalt 
beizulegen. Der Verf. zieht hierauf eine jede dieser 
Gewalten für sich in Betrachtung, z. B. in Beziehung auf 
die Frage, wie eine jede derselben zu organisiren sey, 
damit sie das, was an sich Rechtens ist, verwirkliche. — 
Diese Gewalten sollen einander nicht fliehen oder befein- 
den , sondern in einander wirken , auf deuselben Zweck 
hinarbeiten. Der Fürst ist der Mittelpunkt dieser Verei- 
nigung , der Schlufsstein des Gebäudes« — Im Staate 
bestehen zwei Mächte, der Wille des Volks und der 
Wille des Fürsten, dieser Wille aber ist der höhere. 
Dem Fürsten kommt die Souveränetät und zwar von 
Hechtswegen zu. Diese aber besteht in dem ansschliefs- 
Jichen Rechte, die Gesetze zu sanetioniren und in dem 
unbedingten Veto. Der Souverän steht nicht über dem 
Gesetze in dem Sinne, dafs er es für erlaubt halten 
dürfte, die Gesetze zu verletzen. Dagegen kann er 
wegen einer Verletzung der Gesetze nicht zur Verant- 
wortung gezogen werden. Jedoch nimmt der Verf. von 
dieser Regel die Verletzung des Staatsgrundgesetzes 
aus. — Wollte man dem Volke die Souveränetät beHe- 
gen, so müfste man annehmen, dafs sein Wille wesent- 
lich ein einiger und ein mit dem Rechtsgesetze überein- 
stimmender Wille Märe. 

Ref. hat seinen Zweck erreicht, wenn diese Andeu- 
tungen über den Inhalt der Schrift hinreichen , das 
Publicum auf die Schrift selbst und auf die Veranlas- 



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Sclimitthcnner, über Staat nnd StanUviMoatchart 971 



siiDgen, die sie zu wetteren Erörterungen enthält,* auf- 
merksam zu machen. Er bemerkt nur noch, dafs der 
Verf. den Werth seiner Arbeit durch die Berücksich- 
tigung und Beurtheilung der Meinungen Anderer nicht 
wenig erhöht hat 

Der Inhalt des Anhanges kann in das Wörtehen : Ja! 
zusammengezogen werden. 

Za chariä. 



Ueber den Charakter und die Auf gaben unserer Zeit in 
Beziehung auf Staat und St aatswissenschaft. I. lieft t 
Vom Staate überhaupt und die Geschichte seiner Wissenschaft. Faß 
Fr. Schmttthenner, Prof. der Kamerai Wissenschaft in dessen, 
dessen, bei G. F. Heyer. 1832. 212 S. 8. 

Anspruchslos kündiget der Verf. seine Arbeit (in 
der Vorrede) an. Aber die Arbeit ist so ausgefallen, 
dafs sie gegründete Ansprüche auf die Aufmerksamkeit 
des Publicums hat. Wir kennen keine Schrift, welche 
eiue so gute und vollständige Uebersicht der gesamm- 
ten Geschichte der Staatswissenschaft enthielte, als die 
vorliegende. Und „ besonders wegen dieser Uebersicht 
können wir die Schrift mit gutem Gewissen allen denen 
empfehlen, welche sich der Staatswissenschaft widmen 
wollen oder gewidmet haben Möchte sich doch der 
Verf. entschließen , diesen Theil seiner Schrift in einem 
gröfseren Werke noch mehr auszuführen. Er weifs recht 
wohl, (das beweist die vorliegende Schrift,) dafs die 
Geschichte der Staatswissenschaft , nicht ohne zugleich 
die Geschichte der Staaten und der Völker zu berück- 
sichtigen , mit Erfolg vorgetragen werden kann. Auch 
die Geschichte der übrigen Wissenschaften würde in 
einem gröfseren Werke dieser Art nicht unbeachtet blei- 
ben dürfen. Die staatswissenschaftliche Literatur nimmt 
von Tag zu Tag an Umfang zu; man kann sagen, auf 
eine fast beängstigende Weise. Desto mehr werden Werke 
über die Literatur der Wissenschaft Bedürfnifs. Viel- 



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972 Schinittlienner , über Staat und Staatswiesenschaft. 

leicht würde es rathsam seyn, das Werk mit der Ge- 
schichte der Wissenschaft bei den Völkern des heu- 
tigen Europa zu beginnen, des Mittelalters aber und 
des Einflusses der griechischen und der römischen Lite- 
ratur auf die der Völker deutschen Ursprungs nur in 
der Einleitung zu gedenken. 

Den Inhalt des vorliegenden ersten Heftes bezeichnet 
schon der Titel genugsam. Der Verf. hat dasselbe in 
zwei Bücher eingetheilt. Das erste Buch (S. 1 • — 48.) 
handelt von dem Wesen des Staates, von dessen Zwecke, 
von der Entstehung der Staaten, von dem Begriffe und 
den Theilen der Staatswissenschaft Das Buch enthält 
zwar gröfstentheils nur Bekannteres; doch ist dieses mit 
Klarheit dargestellt« Das zweite Buch hat die Ge- 
schichte der Wissenschaft zum Gegenstande. Der Verf. 
macht drei Hauptperioden: I) Die alte Welt, (der 
Orient, die Griechen, die Homer,) II) das Mittelalter, 
III) die neuere Zeit. Von den ersten beiden Perioden 
sagt der Verf. nur wenig; desto ausführlicher ist er bei 
der dritten Periode. In dieser verbreitet er sich über 
die Literatur aller der Nationen, welche an der Spitze 
der europäischen Cultur stehn; auch spricht er von den 
Fortschritten der Wissenschaft nicht etwa blos im Ganzen, 
sondern so, dafs er die verschiedenen Theile der Wis- 
senschaft unterscheidet. 

„Das zweite Heft (dieser auf drei Hefte berechneten 
• Schrift) wird eine Statistik der politischen Interessen 
und Potenzen der Gegenwart und eine unbefangene Prü- 
fung der inneren Wahrheit, der Bedeutung und Macht 
der herrschenden Doctrinen geben. Das dritte endlich 
soll, so weit es aus den Vorzeichen in der Gegenwart 
möglich ist, die Gestalt der Zukunft deuten." 

Zac hart iL 



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Villerme;, Statistiqne de Givors. 



1) Statistique de Givors, ou recherches sur le nombre des naissanecs, 
de» deces et de» marriages, et sur leurs rapports entre eux et avec 
le» »aisons etc. par le docteur Brächet, de Lyon. Ouvrage cou- 
ronne" par VAcademie roy. des sciences, arts et belles-lettres de Lyon. 
Lyon, imprimerie de Louis Perrin, 1882. 79 5. 

■ - 

2) De la distribution par mois des conceptions et des naissances de 
Vhomme, conside're'e dans ses rapports avec les Saisons, avec les 
climats, avec le retour piriodique annuel des tpoques de travail et 
de repos, d'abondance et de rarete" des vivres et avec quelques tn- 
stitutions et coulumes sociales; par L. II. Villerme. 1831. 101 & 

Die Statistik wird nicht mehr als ein Gegenstand 
der Neugierde betrachtet, ihr segensreicher Einflute auf 
medicinisch- polizeiliche Einrichtungen ist allgemein an- 
erkannt und gebührend gewürdigt. Vor allein verdanken 
wir Männern, wie Hofmann, Villerme, Quetelet 
und Reiffenberg sehr gediegene Arbeiten und Unter- 
suchungen, deren Ergebnisse zu ferneren Forschungen 
anspornen. 

Dr. Brächet, dem ärztlichen Publicum rühmlichst 
bekannt durch seine gekrönten Schriften über die Con- 
vulsionen der Kinder, über den Mohnsaft, über die 
Functionen der Gangliennerven, errang einen neuen Lor- 
beer durch die statistischen Untersuchungen über seinen 
Geburtsort Givors, eine kleine, an der obern Loire 
fruchtbar gelegene Stadt von 6000 Seelen. 

Eine Zusammenstellung der Geburten innerhalb der 
Jahre 1803 bis 1830. nach Monaten , Geschlechtern 
u. s. w. zeigt an, dafs die meisten Geburten auf die Mo- 
nate Januar, Februar, März, April, Mai, Oktober, 
November und December kommen, woraus hervorgeht, 
dafs der Winter und der Frühling für die Empfang nifs 
günstiger, als der Sommer und der Herbst sind, was 
theils durch unsere socialen Verhältnisse bedingt seyn 
mag, theils aber auch tiefer in der Natur begründet ist. 
Aehnliche Resultate erhielten Villerme und Que- 
telet, was um so bemerkenswerther ist, als diese Letzten 
ihre Untersuchungen in Ländern und Provinzen machten, 



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914 Villerm^, Statistiquc de Gtvora. 

welche durch den Charakter des Badens und der Be- 
wohner wesentlich verschieden von dem Departement der 
Loire sind. 

Die männlichen Geburten überwiegen hier bedeutend 
die weiblichen, indem sie sich wie 11 : 10 verhalten, 
indefs in andern Gegenden sich ein Verhältnis 22 : 21 
herausstellt. 

Die Jahreszeiten scheinen indessen ohne Einflüfs auf 
die Erzeugung der Geschlechter zu sevn, indem inGivors 
Wenigstens sich nichts Bestimmtes herausstellte 

Die unehelichen Geburten zu den ehelichen verhalten 
sich wie 1 : 45, ein in Vergleich zu andern Gegenden 
und Städten sehr günstiges Verhältnifs. 

Auf 103 Geburten kommt eine Zwillingsgeburt, und 
von 8 Zwillingskindern starben 1 innerhalb der ersten 
beiden Wochen nach der Geburt. 

Durch eine gröfsere Sterblichkeit zeichneten sich die 
Jahre aus, in welchen Mifserndten statt hatten und wo 
in Folge einer bedeutenden Ueberschwemmung in der 
Nähe der Stadt Sümpfe entstanden, welche von den Be- 
wohnern noch nebenbei zum Flachsrösten benutzt wur- 
den. Nach Beseitigung dieser Foci emanatwnis ver- 
minderte sich die Mortalität auf sehr auffaltende Weise. 

Rücksichtlich der Monate wurde die geringste Sterb- 
lichkeit im April, Juni und December, die stärkste im 
August und September wahrgenommen (was von den 
Beobachtungen in andern Gegenden, wie Paris und die 
preußische Rheinprovinz, wesentlich abweicht, indem 
hier die drei ersten Monate des Jahrs durch eine auf- 
fallend grofse Sterblichkeit,, der August und der Sep- 
tember dagegen durch eine sehr geringe Mortalität sich 
auszuzeichnen pflegen. Ref.) Die Bezeichnung der Ur- 
sachen dieser gröfsern Sterblichkeit in den genannten 
beiden Monaten ist der Verf. uns schuldig geblieben; 
wenigstens können wir die von ihm angedeuteten nicht 
als genügend anerkennen und sind im Gegentheil sehr 



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Villerra«?, Statisliquc de Givors. !K5 

geneigt, hier den Einflufs versteckter, an Oertlichkeiten 
gebundener Schädlichkeiten zu vermuthen. 

Wie überall , so starben auch hier mehr Individuen 
männlichen, als weiblichen Geschlechts, und zwar im 
Verhältnifs von 41 : 40. Der Januar war besonders ge- 
fährlich den Mänuern, der August und September den 
Frauen. 

Auch in Givors, wie in andern Gegenden, trifft 
die gröfste Sterblichkeit das Kindesalter, indem der 
vierte Theil sämmtlicher Sterbefalle auf «las erste Le- 
bensjahr und zwei Fünftheile auf die drei ersten Le- 
bensjahre kommen. Mit dem vierten Jahre zeigt sich 
eine merklich geringere Mortalität bis zum dreißigsten 
Jahre, wo eine aulfallende Zunahme derselben wieder 
sichtbar wird. * 

August, September und October waren dem kind- 
lichen Alter vorzugsweise gefahrlich, Februar, April 
und October Maren es am wenigsten, eine Thatsache, 
welche die heifsen Sommertage als den Kindern nicht 
zuträglich bezeichnet, aber mit den in anderen Län- 
dern gemachten Beobachtungen im Widerspruch ist. 
Der Ueberflufs an Brennmaterialien in Givors erklärt 
vielleicht einigermaßen die geringere Sterblichkeit im 
Winter, läfst aber die auffallend grofse Sterblichkeit in 
den Sommermonaten unerörtert. 

Es erreichten mehr Frauen, als Männer, ein hohes 
Alter, das mittlere Lebensalter in Givors betrug 28 Jahre 
und ist analog dem in Schweden. 

Es fielen nur sechs Selbstmorde in der angegebenen 
Zeit vor, fünf bei Männern, worunter ein einundsie- 
benzig jähriger, und 1 bei Frauen. Es erscheint als 
eine grofse Lücke, dafs der Verf. es sich nicht hat an- 
gelegen sevn lassen, zu ermitteln, wie viele Indivi- 
duen in dieser Zeit durch Unglücksfälle, durch die 
natürlichen Blattern und andere eontagiöse Krankheiten, 
durch Hydrophobie, durch acute und durch chronische 
Krankheiten ihr Leben eingebüfst haben, wodurch wir 



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91« . ViUerm<< , StatUtique de Gi vors. 

gewifs manchen Aufschluß über die namhaft gemachten 
Abweichungen von andern Städten und Gegenden er« 
halten hätten. 

Die Zahl der geschlossenen Ehen in diesen 28 Jahren 
ist 1037. Ausgezeichnet reich an neuen Ehen waren 
die Jahre 1812. und 1813, und zwar deshalb, weil die 
Ehe vor der Conscription schützte. 

Die meisten Ehen kommen auf die Carnevalsmonate 
Januar und Hornung, die wenigsten auf den März, in 
welchen die Fastenzeit fallt. In 137 Fällen hatte nur 
eine bürgerliche, aber keine kirchliche Trauung statt 
gefunden. 

Die Geburten zu den Sterbefällen verhielten sich 
im Allgemeinen 9:6, die männlichen Geburten zu den 
weiblichen 11 : 10, die Sterbefalle bei den Männern zu 
denen beim weiblichen Geschlechte 40 i 39. Auf eine 
Ehe kommen V/ 2 Geburten. 

Zu bedauern ist es, dafs der Verf nicht die Ver- 
hältnisse der Ehen , Sterbefalle, Geburten, des Alters zu 
den verschiedenen Ständen ermitteln konnte. 

Die zweite Schrift enthält die Resultate einer Zu- 
sammenstellung der Geburten innerhalb einiger Decen- 
nien in vielen Ländern Europas. In Frankreich kom- 
men die meisten Geburten auf den Monat Februar, 
den zweiten Platz hat der März, nächst diesem der 
Januar, hierauf der April , der November, der Septem- 
ber; die wenigsten Geburten fallen dem Julius anheim, 
dann folgen der Junius, der August, der Mai, der 
October, der December. Dem gemäfs finden die mei- 
sten Conceptionen statt im Mai, Juni, April, die we- 
nigsten im October, September, November. — 

( Der Betchlufa folgt.) 



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« 



1V°. 62. 1IE1DELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1833. 



Vi Herme, Statistique de Gwors. 

(he s chlufa.) 

1 

Aus einem Vergleiche der Zahl der Geburten in den 
nördlichen und südlichen französischen Departe- 
ments ergiebt sich eine gröfsere Empfangnifs während 
der Wintermonate für die südlichen Provinzen, indefs in 
den nördlichen mehr Empfängnisse in den Sommermo- 
naten, namentlich im September, erfolgen. Aehnliche 
Resultate liefern andere Länder, nur ist in Coppenhagen , 
Holland, Belgien, England u. s. w. nicht der Februar, 
sondern der IVlärz an Geburten xler reichste, welchem 
letzten rücksichtlich der Conception der Juni us entspricht, 
und in Buenos-Avres kommen die meisten Geburten auf 
die dortigen Wintermonate Julius, August und September, 
die wenigsten auf die dortigen Sommermonate Januar, 
Februar und März. 

Aus diesen und ähnlichen statistischen Zusammenstel- 
lungen glaubt Villerme sich zu dem Schlüsse berech- 
tigt, dafs die letzte Hälfte des Frühlings und der Anfang 
des Sommers, die Zeiten der Volksfeste, Gelage und 
häufigen Gesellschaften, sowie ein mäfsiger Beischlaf, 
für die Fortpflanzung günstige Momente seyen, wäh- 
rend der Spätsommer und der Anfang des Herbstes, die 
Fastenzeit, die durch Theurung der Nahrungsmittel aus- 
gezeichneten Zeitabschnitte einen entgegengesetzten Ein- 
flufs zu üben scheinen. 

Auch die Nähe bedeutender Sümpfe sind der Zeu- 
gung nicht förderlich, wenigstens fand der Verf. in den 
an Sümpfen reichen Landstrecken eine ungewöhnlich ge- 
ringe Geburtenzahl. — Die Sumpfausdünstungen gehören 
zu den schwächenden Einflüssen und können schon aus 
diesem Grunde di* Fortpflanzung nicht begünstigen. 

XXVI. Jahrg. 10. Heft. 62 



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Speenlative Philosophie. 

Ein Umstand, der auch einigermafsen für die grös- 
sere Geschlechtslust im Frühling und Frühsommer spricht, 
ist die um diese Zeit in Frankreich beobachtete unge- 
wöhnliche Häufigkeit der Nothzucht, welche zur Kennt- 
nifs der dortigen Gerichte kam. 

Die gröfsere oder geringere Zahl der in manchen 
Zeitperioden neugeschlossenen Ehen scheint nicht we- 
sentlich auf die Zahl der Geburten zu influiren, ja sie 
scheinen sogar aufser aller Beziehung zustehen, wenig- 
stens ergiebt sich nichts Bestimmtes aus den hier mitge- 
teilten Schiffern. 

Villerme verspricht ähnliche Untersuchungen über 
die Mortalität im Allgemeinen , über die Sterblichkeit 
eines jeden Alters, über die Krankheiten in Beziehung 
zu den Jahreszeiten, Klima's, welche zusammen die 
Bruchsteine zu einem umfassenden Werke über Hygiema 
publica und Medicinalpolizei abgeben. 

H e yf eld e r. 



1) Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Religion, 
nehst einer Schrift über die Beweise vom Daseyn Gottes, herausg. 
von Dr. Ph. Marheinecke u.s.w. 

2) Die Idee der Gottheit, von C. H. Weifse u. s.w. 

3) Die Grundzüge der philosophischen Religionslehre 
dargestellt von J. Th. A. Suabedissen u s. w. 

4) J. Eric hson , über die Theodicee ; über das moralische 
und ästhetische üebel, Probleme der Theodicee; über 
den Endzweck der Welt u.s.w. 

( Fortsetzung der im vorigen Heft abgebrochenen Recension.) 

Diese Betrachtungen leiten zum Werke des Prof. 
Weifse: „Ueber die Idee der Gottheit" hin- 
über, in welchem uns nicht nur eine scharfe Einsicht 
über den charakteristischen Mangel des HegeTschen 



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Speculati?e Philosophie. 



919 



Standpunktes entgegentritt, *) sondern das zugleich die 
bestimmte Aufgabe zu lösen beginnt, Wissenschaft« 
lieh Uber jenen Standpunkt hinaus zu gelangen. Alle 
die Ideen, welche wir in der HegeT sehen Religions- 
philosophie theils verkttmmert , theils nicht erreicht 
sahen, die Begriffe einer göttlichen Persönlichkeit jen- 
seits der Welt, einer freien Schöpfung und Offenbarung 
Gottes, einer substantiellen Individualität deskreatürlichen 
Geistes, mithin auch einer eigentlichen Unsterblichkeift 
desselben, finden wir hier in den Vordergrund gerückt, 
und zu leitenden Hauptideen gemacht ; und so verdient 
diese Schrift um desto gröfsere Aufmerksamkeit, als sie 
nicht nur, was wir bisher allerdings als die Höhe der 
gegenwärtigen Philosophie betrachten durften, weiter- 
fuhrt und fortsetzt, sondern bestimmter noch dabei die 
eigentlichen Lebens- und Wendepunkte zur Sprache 
bringt, die- nach wissenschaftlichem Rechte eben jetzt 
an der Tagesordnung zu sevn verdienen. Aber noch 
näheres Interesse gewährt sie dem Referenten, der, in 
ähnlichen Untersuchungen und Darstellungen begriffen, 
die erfreulichste Bürgschaft für sein eigenes Streben darin 
findet, nicht nur in der allgemeinen Grundansicht, son- 
dern auch in vielen speciellen Resultaten dem Verf. zu 
begegnen. In Betracht dieses Einverständnisses jedoch 
und des aufrichtigen Dankes, welchen er ihm bei dem 
Studium seines Werkes für vielfache Belehrung schuldig 
geworden, glaubt er sein Bedenken gegen einzelne Theile 
der Darstellung um so weniger zurickhalten zu dürfen; 
und überhaupt kann es, bei der Beengtheit und Parthei- 
— »~ 

*) Man vergl. damit die Abhandlung desselben Verfs. : „über di« 
eigentliche Grenze des Pantheismus und des philosophischen 
Theismus, mit besonderer Rücksicht auf Hegels Rcligions- 
philosophie": in Senglers religiöser Zeitschrift. Mainz 
1833. Heft I. II. III., welche nicht nur eine durchgreifende Be- 
leuchtung des Heg eTschen Standpunkts, Sondern auch eine 
weitere Ausführung mancher im oben erwähnten Werke ange- 
deuteten Ideen enthält, welche man mit der Hauptichrift zu 
vergleichen wohl thun wird. 



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980 



Speculative Philosophie 



lichkeit, die jetzt ärger als je, die einzelnen philosophi- 
schen Bestrebungen auseinander hält, sogar nicht ohne 
Belehrung seyn, jetzt wie künftig denselben wesent- 
lichen Inhalt von zwei verschiedenen Seiten betrachtet 
zu sehen. 

Zur Orientirung über des Verfs. Ansichten ist Fol- 
gendes vorauszuschicken: die speculative Theo- 
logie bildet nach ihm einen besondern, und zwar den 
letzten Theil der Philosophie des absoluten Geistes. Sie 
selbst zerfallt aber in drei Theile: 1) die Idee der 
Gottheit, welche im gegenwärtigen Werke ausgeführt 
ist; 2) die Philosophie der Religion, worin die 
Gottheit in ihrer concreten Offenbarung nach den ein- 
zelnen Religionen, oder, wie der Verf. (S. 12.) sich 
ausdrückt, nach ihrem „Erfahrungsbegriffe" erkannt 
wird; 3) die religiöse Ethik, welche das substan- 
tielle Verhältnifs des Menschen zu Gott , den Begriff 
des Guten und Bösen , der Erlösung u. s. w. zu unter- 
suchen hat (S. 372. 73.) — Ihrerseits schliefst sich die 
speculative Theologie nach dem Verf. an die Aesthetik 
an, aus Gründen, welche der weitere Verlauf darlegen 
wird. Ueberhaupt nämlich zerfällt nach ihm die Lehre 
vom absoluten Geiste in die Idee der Wahrheit, welche 
in der Wissenschaft; der Schönheit, welche in der 
Kunst; der Güte, welche in der Gottheit die ihr ent- 
sprechende Realität findet. So bildet die speculative 
Theologie nicht nur den Schlufsstein des ganzen Syste- 
mes, sondern alle Hauptfragen der Speculation können 
erst hier in letzter Instanz ihre Auflösung finden. Alles 
Vorhergehende ist daher, wenn auch nicht von blos 
problematischer Wahrheit , doch lediglich Vorbereitung 
auf den höchsten Standpunkt, der erst am Ende des 
Ganzen erreicht wird. 

Gegen diese Gesammtanordnung desSystemes können 
wir einiges Bedenken nicht zurückhalten. Hiernach schiene 
nämlich fast das Ende des Systemes ein neuer Anfang 
zu werden , der von hinten Alles aufzulösen und umzu- 



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Speculaüvc Philosophie. 981 

gestalten droht, was bisher in ihm ausgemacht war. Die 
Ideen nämlich, deren Erörterung der Verf. bis ans 
Ende aufspart, wie jene der Persönlichkeit Gottes, der 
Schöpfung, der freien Entwicklung der Kreatur aus sich 
selbst u. s. w. , sind von so fundamentaler Bedeutung, 
dafs sie durch das gesammte System hindurchgreifen und 
ihm das charakteristische Gepräge aufdrücken. Falls 
nun dieselben erst dann zur Sprache kommen, wenn alle 
speciellen Fragen der Natur- und Geistphilosophie be- 
reits erledigt sind : so bleiben sie entweder ohne rück- 
wirkende und berichtigende Kraft für die ganze Ansicht 
in ihren früheren Theilen, wie es allerdings nach strenger 
Consequenz sich verhalten müfste; und wir haben dann 
zwei Philosophien , nicht Eine. Oder e&r wird jenes 
höchste Resultat schon stillschweigend für die früheren 
Theile des Systemes anticipirt, sie bereiten durch ihren 
Inhalt jene höchsten Ideen vor, und leiten ihre wissen- 
schaftliche Begründung ein, wie denn das Letztere wirk- 
lich die Meinung unseres Verfs. ist: so bleibt wenigstens 
der unbequeme Zirkel übrig, dafs, wenn zuerst von der 
Folge zum Grunde, von der Welt zu Gott aufge- 
stiegen worden , nachher anf irgend eine Weise der Rück- 
weg von Oben herab gesucht werden mufs, um auf die 
einzig speculative Art des Beweises das Begründete wie- 
derum aus seinem Grunde hervorgehen zu lassen. Immer 
wird man dazu gedrängt werden, nachdem man den 
Gipfel gewonnen , auch das Vorhergehende darnach von 
Neuem umzugestalten , wodurch die Form des Systemes 
äufserlich auseinanderweicht. — Wir erkennen jedoch 
in dieser Anordnung eigentlich nur ein noch nicht abge- 
streiftes Erbstück aus der Hegel'schen Lehre vom ab- 
soluten Geiste, welches dort ganz am Platze, hier aber 
schlechthin zu beseitigen seyn möchte. Dort ist es näm- 
lich Gott selbst, der sich, wie auf den vorhergehenden 
Stufen, so auch in den Momenten des absoluten Geistes 
dialektisch vollendet; daher er auch nur im kreatürlichen 
Bewufstseyn Person wird. Weifse erhebt sich ent- 
scheidend über den Begriff des absoluteu Processes zur 



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982 Speculative Philosophie. 

Idee der göttlichen Persönlichkeit: damit gewinnt 
Alles ein anderes Ansehen, und wie er dadurch dem 
V Leichnam jener Philosophie zuerst Leben und Beseelung 
einhauchte; so ist diese Idee selbst viel zu umschaffend 
für die gesammte Grundansicht in allen ihren Theilen , 
um bis an's Ende aufgespart zu werden. Vielmehr ist es 
nach unserer Ueberzeugung schon die Aufgabe der Onto- 
togie oder Metaphysik, als der Lehre von den ewigen 
Ideen dasselbe, was Hegel die Logik genannt 
hat — den Begriff der Gottheit bis zu jener Höhe zu 
vollenden, wodurch sie sich in ihrem Fortgange zu spe- 
culativer Theologie verklärt. Der Schlufsstein der letz- 
tern wäre daher die Idee der absoluten Persönlichkeit 
Gottes, woraus sich der Begriff der freien Schöpfung 1 , 
als Basis der Natur- und Geistphilosophie, und damit 
der Uebergang in die concreten Theile der Philosophie 
naturgemäfs ergeben wurde. Aber auch unsern Verf. 
hält Ref. dieser, wie er meint, einzig folgerichtigen 
Anordnung des Systemes weniger abgeneigt , indem er 
(S. 13 ff. u. sonst) ausdrücklich zu erkennen giebt: wie 
die speculative Theologie, selbst in der von ihm gege- 
benen Stellung, zur reinen Metaphysik zurückzu- 
kehren scheine, dafs man ihre Begriffsentwicklungen 
abstrakt logische nennen könne, ohne jedoch dabei 
zu vergessen: „dafs sie empirische Thatsachen 
vor sich und hinter sich habe." Es ist nicht zu ver- 
kennen, dafs in den letzten Worten der Hauptgrund 
liegt, warum der Verf. die speculative Theologie hinter 
die Aesthetik, mithin aus Ende des Systemes gestellt hat. 
Jene vor sie fallenden „empirischen Thatsachen" sind 
ihm uämlich die in der Aesthetik abgeleiteten Begriffe 
der Schönheit , des Genius, der Liebe, der Güte, weiche 
sich in der Idee der Gottheit dialektisch concentriren , 
mithin dieser ihre Entstehung geben.*) Sollte indefs 



•) S. „Idee der Gottheit," S. 33 — 56. und „Abrifs meines Sy- 
stem»" in Weifse's Schrift: „über das Verhältnifs des Publi- 
kums zur Philosophie," S. 74. 75; — eine Schrift, welche 



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Speculative "Philosophie. 983 

sich finden , wie Ref. in eigenen Darstellungen zu zeigen 
hofft, dafs jene Idee auch auf kürzerm Wege und an 
anderer Stelle sich wissenschaftlich entwickeln lasse , so 
glaubt er gerechtfertigt zu seyn, wenn er jene Gründe 
zwar anerkennend, doch nicht von ihnen uberzeugt, für 
sich von dieser Anorduung keinen Gebrauch macht 

Wir -.geben vorerst eine zusammengedrängte Ueber- 
sicht des Gedankengangs, bevorwortend jedoch, dafs 
manches Einzelne, besonders die interessanten historischen 
Erörterungen der Schrift, fibergangen werden mufs. 

Die Abhandlung zerfällt in drei Hauptabschnitte, 
von denen der erste den pantheistischen Standpunkt 
darstellt Dieser geht dialektisch In den zweiten, den 
Deismus über, welcher sich als direkten Gegensatz 
des ersten erweist: beide vollenden sich endlich in dem 
dritten, vermittelnden, der Idee der Gottheit. Jedem 
dieser Standpunkte entspricht zugleich nach des Verfs. 
Behauptung eine der bekannten Beweisformen für da« 
Daseyn Gottes, dem pantheistischen der ontologische, 
dem deistischen der kosmologische , dem vermittelnden 
endlich der teleologische, wodurch diese Beweise nicht, 
wie gewöhnlich, blos vereinzelt betrachtet, sondern als 
in einander übergehende und sich ergänzende nachge- 
wiesen werden. 

Der Begriff der Gottheit ist abzuleiten aus den vor- 
hergehenden Ideen der Wahrheit und der Schön- 
heit, welche in der Idee des Guten vermittelt werden. 
Während aber bei jenen ihre Realität sich empirisch 
und faktisch von selbst erweiset; ist für diese dagegen 
der Beweis der Realität erst zu führen. Aber in welcher 
Weise? Aus der Idee des Urguten selbst mufs das 
Seyn desselben, seine Realität erschlossen werden: * 
dieser Gedankengang ist vorgebildet in dem ontologi- 

überhaupt mit der hier angezeigten verglichen werden mufe, 
um die wissenschaftlichen Ansichten des Verfs. in ihrem ganzen 
Zusammenhange zu übersehen. 



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984 Speculative Philosophie. 

4 * 

sehen Beweise : es ist der Schlüte von dem Begriffe auf 
das Seyn Gottes, welcher hier indefs entwickelt, und 
von seinem äußerlichen syllogistischen Formalismus be- 
freit werden mufs. 

Der Welt in ihrer Totalität, wiefern in ihr das Gute 
sich zur erscheinenden Existenz herausbildet, kommt 
Schönheit zu. Die schöpferische Kraft derselben in 
der Welt ist aber Eines und Dasselbe mit jenem Einheits- 
prineipe der weltlichen Dinge: in Gott ist das höchste 
Princip der Schönheit, weshalb er, mit Ausdrücken , die 
sich aus der Aesthetik von selbst zur Entlehnung dar- 
bieten, der Weltgenius, oder auch das alle Kreaturen 
zur Schönheit verknüpfende Band der Liebe genannt 
werden kann. (S. 62. 63 ) — Wir haben diese Stelle 
herausgehoben, um die nähere Anknüpfung unseres Verfs. 
an die Aetthetik zu zeigen, wodurch freilich in diesem 
Zusammenhange sein Standpunkt gerechtfertigt erscheint. 
Bei uns tritt an die Stelle jenes Begriffs der Schönheit 
der rein ontologische : der Einheit in der Unendlich- 
keit, oder populär ausgedrückt : der Wohlordnung, der 
Harmonie (xocrfiog), worin in höchster Abstraktion 
dasselbe Princip ausgesprochen ist, was sich in sinnli- 
cher Erscheinung als Schönheit, in der Geisterwelt 
als sittliche Weltordnung, in Gott als höchste Vor- 
' sehung manifestirt. Je weniger wir deshalb selbst den 
Umweg durch die Aesthetik nothwendig finden, um so 
mehr müssen wir im nächsten Fortgang des Werkes darin 
einen Absprung, ja ein Rückgreifen in das Abstrakte und 
blos Metaphysische erblicken, wenn er nach einer so 
ästhetisch -geistigen Auffassung der Idee der Gottheit 
(S. 66 ff.) die Untersuchung über ihr Verhältnifs zu Zeit 
und Raum folgen läfst, wiewohl wir dem darin Ausge- 
führten dem Inhalte nach vollkommen beistimmen. Es 
ist nämlich unsers Erachtens eines der gröfsten, aber 
verbreitetsten speculativen Vorurtheile , die räumlich - 
zeitliche Existenz dem Absoluten, als dem Dinge an sich 
abzusprechen, und es so zu einem wahrhaft Unwirkli- 



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t 



Speculativo Philosophie. 085 

chen , ja wenn man den Begriff schärfer erwägen wollte, 
in sich Widersprechenden zu machen; und es verräth 
von Seiten unseres Verfs. die tiefste Einsicht in die bis- 
herigen Gebrechen der Speculation , dafs er diesem tra- 
ditionellen Vorurtheile kühn entgegentritt Seyn heifst 
nach ihm: in derZeit seyn, d. h. eine Vergangenheit, 
Gegenwart und Zukunft haben. *) — Deshalb wurde ich 
jedoch den Ausdruck : A ufser zeitlichkeit (S. 70. 71. 
vergl. auch S. 77.) auf die apriorische Begriffswelt nicht 
anwendbar finden, um zu bezeichnen, dafs sie, als blofse 
Begriffe, das noch nicht Wirkliche sind: ich würde den 
Ausdruck: Nicht- oder Unzeitlichkeit für dieses 
Yerhältnifs bezeichnender finden, in dem Sinne, dafs 
sie noch zu abstrakt sind, um etwas Wirkliches = Zeit- 
liches zu bezeichnen, wiewohl in ihnen die Grundlage 
aller Wirklichkeit enthalten ist. Dennoch ist Gott eben 
die Einheit jener Nicht --Zeitlichkeit und der unendli- 
chen Dauer in der Zeit, weil er nicht blos der aprio- 
rische Begriff, sondern damit zugleich auch die volle 
Wirklichkeit ist. Gleicherweise verhält es sich mit dem 
Begriffe des Raumes, und so „bildet sich das Seyn 
Gottes in die Formen der Zeit" (und des Raumes) 
„hinein, so gewifs es ein Wirkliches ist." (S. 78.) — 
Dies ist damit zugleich der wahre Kern der ontologischen 
Beweisführung: der Beweis der Raum-Zeitlichkeit 
Gottes ist zugleich der seiner Allgegenwart, oder 
der absoluten Wirklichkeit seiner Idee. Damit nun 
der Sache nach einverstanden, finden wir nur den oben 
angeführten Ausdruck nicht ganz bezeichnend, ja viel- 
leicht Mifsverständnifs erweckend. Zunächst ist nämlich 
das Absolute sich selbst das Formgebende; nicht aber 



*) S. „Abrifs meines Systems" a.a.O. S. 56. „Existenz und 
Wirklichkeit ist nur demjenigen zuzuschreiben, was entweder 
unter der Form der Zeit gesetzt, oder der beharrliche Grund 
eines unter dieser Form Gesetzten ist, d. h. für das es eine Ver- 
gangenheit, Gegenwart und Zukunft giebt." Idee d. Gotth. 
• S. 82. 83. 

r 

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!>8t> Speculative Philosophie. 

bildet es sich ein in irgend eine (blos vorauszusetzende) 
v Form. Wesentlicher jedoch ist Oberhaupt nicht einmal 
zu sagen: dafs Gott eintritt oder sich einbildet in Raum 
und Zeit, als ob beide irgend etwas wären neben oder 
au Ts er ihm. Vielmehr ist zu zeigen, was unsere orito- 
logische Raum- und Zeiltheorie nachzuweisen gedenkt, 
welche bisher freilich mehr nur in polemischer Beziehung 
von uns dargestellt werden konnte: wie das Absolute, 
als thatkräftig sich auswirkendes, die unendliche Fülle 
des Daseyns in sich vollzieht und ist, deren ausgeleerte 
Form unser Denken als Räumlichkeit und Zeitlichkeit 
fafst, welche an sich selbst jedoch, d. h. als leere, Wi- 
derspruche sind, und in den Begriff der wesen- 
haften, realen Unendlichkeit zurücklaufen. Gott ist 
die absolute All Wirklichkeit, d. h. Alldauer und All- 
räumlichkeit, das schlechthin Raum und Zeit Schaf- 
fend - Erfüllend e. Dies ist unseres Erachtens die 
bleibende Wahrheit des pantheistischen Standpunkts, 
und es wird hierdurch in unserer Metaphysik dasjenige 
geleistet, was etwa mit dem ontologischen Beweise ver- 
glichen werden könnte: die Idee Gottes hat sich als die 
unendliche Wirklichkeit nachgewiesen. 

Hierdurch betreten wir mit uuserm Verf. die Begriffs- 
sphäre des Deismus (IL Abtheil. S. 139 ff), als dessen 
historischer Repräsentant Leibnitz bezeichnet wird. 
Damit begegnen wir jedoch unerwartet einem Rückschritt 
auf einen, wie wir glaubten, für immer überwundenen 
Standpunkt, welchen der Verf. zwar als dialektisch noth- 
weudig nachweisen will, ohne uns jedoch von dieser 
Notwendigkeit überzeugen zu können. Um nämlich die 
Begriffe der A ufser weltlich keit (?) und Persön- 
lichkeit Gottes abzuleiten, knüpft er an die Form des 
kosmologischen Beweises an, woraus ein Gegenüber, ein 
Gegensatz sich ergeben soll zwischen dem Grunde der 
Welt, Gott, und der Welt selbst. (S. 158.) Am Be- 
griffe der Welt soll sich die Gewifsheit eines jensei- 
tigen Grundes derselben ergeben , „weil eben die Schön- 



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heit die Aufbewahrerin jenes in dem Weltbegriffe unter- 
gegangenen, aber als Forderung eines Höheren, nie zu 
vertilgenden Einheitsbegriffes ist." Die Dinge der 
Welt, wiefern sie dieser Einheit entbehrten, wären zu» 
fällige; diese Zufälligkeit jedoch hebe sich selbst auf 
durch die in der Welt gesetzte Schönheit, worin die 
Gewifsheit eines geistig Absoluten als eines Jensei- 
tigen ausgesprochen sey. (S. 159.) Warum jedoch der 
letztere Begriff damit als jenseitiger, aufser welt- 
licher bezeichnet wird, ist nicht abzusehen. Der Be- 
griff des „Grundes" erweiset sich dialektisch vielmehr 
als wirklich nur in seinem Begründeten; der Begriff der 
„Einheit" (des lebendigen Einens) ebenso als nur in der 
Wirklichkeit seines Vielen gegenwärtig: und so ist 
jene« vermeintliche Gegenüber zwischen Gott und Welt 
durch die Dialektik jener Begriffsbestimmungen vielmehr 
wieder aufgehoben und vernichtet, was auch des Verfs. 
schliefsliche Meinuug ist, während er hier nur einen 
Zwischenstandpunkt einnimmt, der nach unserm Dafür- 
halten gar keibe philosophische Bedeutung hat. Wir 
werden vielmehr mit den Ausdrücken von extramundan 
und intramundan an die Vorstellungen erinnert, mit wel- 
chen sich etwa Jacobi noch herumschlug, die aber 
schon Lessing kurzweg für ungeniefsbar erklärte, 
und sich in diesen Gegenständen , was auch jetzt noch 
zu beherzigen , „ Alles natürlich ausgebeten haben wollte." 
Soll darin aber der wesentliche Begriff des Deismus 
bestehen, so sind wir völlig der Meinung, ihm als einer 
anbrauchbaren Ansicht damit für immer den Abschied 
zu geben. Allerdings hat der Verf. recht, wenn er in 
solchem Deismus die Wurzel der gewöhnlichen rationa- 
listischen Ansichten findet, und behauptet, dafs Gott 
damit in ein Unbekanntes, blos Geglaubtes sich ver- 
wandle; aber wir leugnen, dafs es ein speculativer Stand- 
punkt sey, noch mehr, dafs er, als der höhere, den 
Pantheismus widerlegen könne. Doch ist die Betrachtung 
wichtig und wesentlich, zu der sogleich Übergegangen 
wird, dafs erst durch den Begrff der göttlichen Per- 



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968 Speculative Philosophie. 

sönlichkeit (im Deismus) ein Mittel gegeben werde, 
dem Pantheismus „entgegenzutreten" (S. 161.) Nur 
meinen wir, bedarf es gar nicht, eines Theils eines sol- 
chen Entgegentretens, andern Theils einer solchen 
deistischen Persönlichkeit Gottes, wenn vom panthei- 
stischen Standpunkt auf den theistischen in der That 
dialektisch übergangen, jeder derselben also mit dem 
andern wahrhaft vermittelt und zu einem höhern dritten 
erhoben wird. Was am Pantheismus wahr ist, die un- 
verbrüchliche Einheit Gottes mit der Welt, bedarf nicht 
erst wieder aufgehoben oder zweifelhaft gemacht zu 
werden, sondern es wird durch den Theismus nur weiter- 
geführt, damit aber berichtigt und verklärt, indem Gott 
hier zugleich als der urpersönliche begriffen 
wird. Wie Gott als Substanz Eins ist mit der Welt, 
so erhebt ersieh über dieselbe als Subj ekt, d.h. nach 
unserer Terminologie : als absolutes Selbst und Allbe- 
wufstseyn : und es ist das tiefe und doch sonnenhelle 
Mysterium der Person, des Selbst in Gott wie in der 
Kreatur, dafs es das Aussondernde zugleich und das 
frei Vereinende, — das Unterscheidende, aber gerade 
im Unterschiedenen Bindende ist. Aus diesem Theis- 
mus aber, der zugleich panth eistische Grundlage hat, 
mufs sich die neue Philosophie erheben , in der diese 
den Leib, jener die Seele des Ganzen bildet, und worin, 
was sonst nur Gegenstand eines Glaubens, oder entferntes 
Ziel einer aufdämmernden Sehnsucht war, hier der einzig 
stichhalteede Gegenstand des freien Erkennens , ja der 
unmittelbar vergegenwärtigenden Anschauung wird. Wir 
brauchen fortan über Gottes Geist und seine Absichten 
nicht mehr speculativ oder phantastisch -ahnungsvoll zu 
' träumen: er ist vielmehr allgegenwärtig und ailer- 
kenubar in jedem Zuge der Welt; das Tiefste und 
Höchste ist damit das Fafslichste geworden, und jeder 
wahrhafte Gegensatz zwischen Erkennen, Glauben, An- 
schauen darin aufgehoben. 

Aus gleichem Grunde scheint uns von diesem Deis- 
mus aus ein neues „dialektisches Umschlagen des Deis- 



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Specolative Philosophie. (>8$> 

mu8 und Rückgang in den Pantheismus" (S. 196 ff.) 
gleichfalls nicht nothwendig, welche nach unserm Verf. 
in den beiden Formen des Identitätssystemes (als teleolo- 
gischem Pantheismus) und der dialektisch speculativen 
Methode (in Hegel) bestehen sollen. Das letzte System 
wird abstrakter Begriffspantheismus genannt, und als die 
letzte Spitze und als Endresultat aller auf dem ontologi- 
schen Standpunkte zurückbleibender oder vom kosmolo- 
gischen auf ihn wieder zurücksinkender Theologie be- 
zeichnet. (S. 229.) Allerdings verharren jene Systeme 
noch auf dem überwiegend pantheistischen Standpunkte; 
aber wir müssen sie schon als wesentliche Vorstufen- er- 
kennen zur wissenschaftlichen Vermittlung des Pantheis- 
mus und des Theismus. Schöllings Naturphilosophie, 
— so lange er nämlich nur diese Seite hervorhob; später 
hat bekanntlich der tiefsinnige Urheber derselben die 
gerechte Erwartung eines weit höhern Abschlusses seiner 
Philosophie erregt; — hatte das Absolute unter dem 
Begriffe des absoluten Lebens, der immanenten Vernunft 
fixirt, und damit die unendlich wichtige Idee des Dyna- 
mischen in die Wissenschaft eingeführt Hegel zog 
schon deutlicher die Hülle hinweg von dem tiefsten Ge- 
heimnisse : er bezeichnete gleich Anfangs die absolute 
Idee geradezu als das Subjekt, den absoluten Geist; 
aber mit charakteristischem Mangel verkümmerte er sich 
selbst nachher diese Entdeckung , indem er jenen ur- 
lebendigen , alle Erkenntnifs erlösenden Gedanken noch 
als etwas Abstraktes behandelte: das absolute Denken 
bleibt bei ihm nur der dialektische Procefs, der logisch 
formelle Gedanke, der sich noch nicht in Gott zur abso- 
luten, in der Kreatur zur unendlich concreten Persön- 
lichkeit befreit hat. — 

Aus jenem „Rückgänge" soll sich aber die Erhebung 
in den höchsten, Alles vermittelnden Standpunkt erge- 
hen: dies ist der teleologische Beweis oder die 
Idee der Gottheit. (III. Abtheil. S. 234 ff.) Er 
kommt durch eine dialektische Ableitung des Begriffes 



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Um SpecttUttfe Philosophie. 

der Dreieinigkeit zu Stande, and ist, wie der wichtigste 
und inhaltsreichste, so auch derjeuige, bei welchem wir 
mit fast durchgängiger Beistimmung verweilen können. 

Der von Ewigkeit zu Ewigkeit wirkliche Gott ist 
allein der dreieinige; sonst wäre er wieder nur das leere 
Ahstraktum des Deismus. Gott nämlich , als Persönlich- 
keit gedacht, ist hierin nicht blos einfaches Selbstbe- 
wufstsevn, was wiederum ein Abstraktum wäre, sondern 
die Beziehung auf Anderes, und zwar auf andere 
Persönlichkeit ist damit in ihm gesetzt. Dies absolute 
Verhältnifs zu sich selbst ist als die zweite Persönlich- 
keit in Gott zu fassen, aber das Verhältnifs zu derselben 
als einer ihm andern, mithin als Schöpfung, Kreatur: 
die zweite Persönlichkeit ist daher eben so sehr das Ob- 
jekt, als der realisirte Zweck der Schöpfung. Sie ist 
das der Schöpfung eingepflanzte Gegenbild des göttli- 
chen Geistes; kreatürlicher Geist, aber zu gleicher 
Göttlichkeit mit jenem berufen. Damit wird jedoch der 
einseitige Begriff eines Zweckes aufgehoben: was Ziel 
oder Zweck der Schöpfung ist, wird zugleich als die 
schlechthin anfanglose und ewige Selbstbestimmung, das 
immanente Wesen Gottes begriffen. — Diese zweite Per- 
sönlichkeit Gottes in der Wett würde jedoch mit der 
ersten einen Gegensatz bilden, und wir damit in einen 
Dualismus verfallen, wenn nicht ein dritter Moment in 
Gott, gleichfalls als Persönlichkeit, gesetzt wäre, in 
welcher sich die Einheit jener beiden ausdrücklich be- 
währt und bethätiget. (S. 271.) So erhalten wir einen 
dreifachen Mittelpunkt der Selbstheit in Gott, — eine 
dreifache Ichheit, woraus sich die alte Trinitäts- 
lehre von Vater, Sohn, und Geist, dem letztern, als 
ausdrücklich ausgehend zugleich von Vater und Sohn, — 
speculativ abgeleitet findet (S. 273) Das teleologische, 
die Welt schöpferisch ordnende und zusammenhaltende 
Bewufstseyn ist nur Eines, die der Welt gegenüber- 
stehende Persönlichkeit des Vaters: die zweite, der 
kreaturliche Geist, aber zur Göttlichkeit bestimmt, 



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Speculative Philosophie. 



also an sich oder dem Begriffe nach, Eins mit j euer , 
ist der Sohn; die thatkräftige Einheit beider, das Er- 
heben des kreaturlichen Geistes zur Göttlichkeit, ist die 
driUe Person, der Geist. (S. 275. 76.) 

In dieser Deduction könnte die Behauptung einer 
dreifachen Ichheit in Gott allerdings unerwartet er- 
scheinen, und wir glauben nicht, dafs speculativ oder 
auch nach dem kirchlich dogmatischen Sprachgebrauche 
die Substantiirung des Geistes als drittes Ich in Gott 
ein adäquater Ausdruck sey. Er ist, und deshalb heifst 
er ausdrucklich der heilige Geist, auch nach Weifse's 
Darstellung die hergestellte Einheit zwischen dem gött- 
lichen und kreaturlichen Ich, die verwirklichte Sohn- 
schaft des letzteren, wodurch beide wesentlich Eins, 
nämlich Zwei sind ohne innere Trennung, vielmehr im 
Bande der Liebe geeinigt, wodurch erst die Erlösung 
vollbracht ist. — Es ist hier nicht der Ort, nach diesen. 
Prämissen unsere Ansicht von der Trinität weiter darzu- 
legen ; wir wollen nur aufmerksam machen : dafs hier- 
nach Gott, unter der Kategorie des Weltschöpfers 
gefafst, noch gar nicht als Drei einiger zu denken sey. 
Er ist als solcher nur die weltschöpferische Vernunft, 
der Logos, der, im Anfange bei Gott und Gott selbst, 
dennoch dem Begriffe nach von ihm zu unterscheiden 
ist : diese schöpferische Offenbarung in die Welt ist die 
unmittelbare und ewige Folge seines Seyns, — nach 
bildlicher Analogie, der ewig und allein Gezeugte 
(icpcndroitOQ xal fiovoyivrjg) y der ewige Sohn des 
Vaters, durch den alle Dinge sind. Diese Einsicht 
von der ewigen Selbstoffenbarung der göttlichen Vernunft 
als Welt war jedoch auch der tiefern Speculation des 
Alterthuras keineswegs fremd , wie ja selbst der Aus- 
druck: Logos oder Nus nur aus platonischer und ari- 
stotelischer Philosophie sich in die jüdisch -christliche 
Gnosis fortgepflanzt hat. Aber entschieden blieb dem 
Alterthume die fernere Erkenntnifs Gottes, dafs er der 
Welterlöser sey, versagt: diese ist die eigentümlich 



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»92 Specalative Philosophie. 

christliche, den Begriff Gottes erst vollendende, so wie 
er auch hierin erst als Dreieiniger gefafst werden kann. 
Daraus ergiebt sich, mit welchem Rechte die allen Kir- 
chenlehrer behaupten konnten, dafs in der Trinität nicht 
nur das charakteristische Mysterium de6 Christenthums 
enthüllt, sondern auch, dafs die Einsicht in dieselbe 
allein dem Christenthume vorbehalten sey, weil Gott 
erst in ihm sich ganz und nach allen Richtungen seines 
Wesens offenbart habe. Aus demselben Grunde können 
wir auch nicht ganz dem Satze beistimmen: „dafs die 
Dreiheit der Personen in Gott wäre, auch wenn es keine 
Welt noch Schöpfung gebe" (S. 269.); wodurch 
fast wieder an den deistischen Standpunkt eines Gegen- 
satzes und einer Trennung Gottes und der Welt erinnert 
zu werden scheint. Doch bezeichnet jener Satz vielmehr, 
wie der folgende Zusammenhang ergiebt, dafs die Mo- 
mente des Unterschiedes, die Nacheinanderfolge im Be- 
griffe Gottes als in absoluter, aber nicht todt mechani- 
scher, sondern lebendiger Einheit zu denken sind. 

Vom Begriffe der Schöpfung redend (S. 276 ff.), 
setzt der Verf. nämlich sogleich hinzu, dafs dieser in 
dem Vorhergehenden schon mittelbar gefunden sey: 
der dreieinige Gott ist zugleich der schaffende und das 
Verhältnifs der Welt zu ihm ist darin gleichfalls ge- 
geben. Hier jedoch ergiebt sich der Begriff der Frei- 
heit als ein schlechthin universaler: auch den selbst - 
(bewufstf-) losen Naturdingen wird sie zugeschrieben. 
Unter Freiheit ist nämlich nicht die Eigenschaft schon . 
fertiger Geschöpfe zu verstehen, sondern der eigentliche 
Hergang des Werdens und Entstehens dieser Geschöpfe 
selbst, — ihre sich vollziehende Selbstgestaltung, 
die jedoch nicht ihrer realen Notwendigkeit entgegen- 
gesetzt, vielmehr mit dieser identisch ist. (S. 286.) 

• * 

(Die Fortsetzung folgt.) 



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N". 63. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1883. 



Spe culativ e Philosophie. 

( Fo r t 8 e t zun g.) 

Der Verf. unterscheidet nämlich zwischen der apriori- 
schen oder logisch -abstrakten Notwendigkeit, und der 
realen, iu bestimmter Weise erfüllten; eine Unterschei- 
dung, welche zugleich auch erst die rechte Einsicht in 
den vorhin aufgestellten Begriff der Freiheit giebt. Die 
Notwendigkeit ersterer Art ist die eines dialektischen 
Fortschreitens im Begriffe, des reinen Gedankens, 
welche wir überhaupt den ewigen Wahrheiten zuer- 
kennen. Die andere dagegen ist die einer positiven, der 
Kreatur verliehenen Anlage, die Summe von Kräften, 
welche das Wesen eines Dinges ausmachen, und dessen 
Natur und Entwicklung absolut bedingen. Die letz- 
tere ist innerlich Eins mit seiner Freiheit, ja sie ist selbst 
nur das von innen her treibende Princip der Entwicklung, 
in welcher die Kreatur ihre positive (eigentümliche) 
Wirklichkeit behauptet und ausfüllt. Hieraus ergiebt 
sich unserm Verf. der Begriff der Schöpfung. (S. 293.) 
Die göttliche SchÖpferthätigkeit giebt nämlich den zu- 
reichenden Grund nur der Möglichkeit, nicht der 
Wirklichkeit der Geschöpfe : jene reale Noth wendigkeit, 
die Anlage derselben , ihre materia prima ist aus 
Gott; die Entwicklung aus ihnen selbst, d.h. ihre 
Verwirklichung ist ihre Sache. „Die aus dem Wesen 
ihres Schöpfers, wie aus einer Basis sich herausarbei- 
tende Kreatur ist demnach ein Höheres, als ihr Schöpfer, 
wiefern dieser nämlich in keiner andern Bestimmung, 
als der des Grundes oder der Materie gedacht würde. 
Das wahrhaft Höchste aber, oder der als Gott da- 
seyende Gott ist allein der frei über der Schöpfung, 
die zugleich sein Werk und nicht sein Werk ist , schwe- 
bende, allumfassende und selbstbewufste Gottesgeist, in 

XXVI. Jahrg. 10. Heft. 63 



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994 Speculaüve Philosophie. 

welchem alle neu entstehenden Geschöpfe präformirt, 
alle vorhandeneu aber als in einer höhern Einheit des 
Erkennens oder der Idee vereinigt sind." (S. 296.) — 
Darin liegt aber zugleich die Unterscheidung, in wiefern 
die Schöpfung in Gott als ewig, innerhalb des kreatür- 
lichen Daseyns als zeitlich, d.h. in der Zeit anfan- 
gend zu denken ist: was, der Schöpferidee nach, ewig 
und untheilbar in Gott ist, wird erst, vollzieht sich in 
eigener Entwicklung, hat demnach ein Beginuen in 
der Zeit. 

Hieraus ergiebt sich der Begriff der göttlichen Vor- 
sehung (S 309 — 33?.), weiter der Erlösung. 
(S. 337 — 373.) Auch dabei tritt jedoch als leitende 
Grundidee hervor die ununterbrochene Fortwirkung Got- 
tes in die Welt, in lebendiger Wechselwirkung mit der 
frei sich entwickelnden Kreatur. Und so ist auch der 
Gedanke „des zum Besten Lenkeus," oder der besten 
Welt, wie er der Idee der Vorsehung zu Grunde 
liegt, hier nicht in gewöhnlicher Weise zu fassen, als 
wenn Gott unter den unendlich möglichen Weltplanen 
den besten hervorgesucht hätte, um ihn nun, in allen 
Theilen fertig und präformirt, ein- für allemal hinzu- 
stellen : sondern die Leitung und Wahl des Besten, d. h. 
des absolut Guten, gestaltet und steigert sich fort- 
während nach dem jedesmaligen Resultate der vorher- 
gehenden Schöpfung : es ist eine wirksame Ueberwin- 
d u n g der relativ widerstrebenden Elemente in der 
Schöpfung, ein stetes Hervorrufen des Guten aus dem 
Bösen, Mifsleiteten, indem ein relativ Widergöttliches 
in der zum Bösen erregten Freiheit allerdings anzuer- 
kennen ist. — Darin ist zugleich schon der Begriff der 
Welterlösung gegeben. Höchster oder absoluter End- 
zweck der Schöpfung ist Gottgleichheit des Geschöpfs, 
d. h. Einheit des kreatürlichen Ich s mit Gott. Die Welt 
ist im Sohne geschaffen; Gott hat ihr seine Ebenbild- 
lichkeit aufgedrückt. (S. 345.) — Hier findet jedoch 
eine Art von Antinomie Statt: die Freiheit der »ich 
c ' Ibst verwirklichenden Geschöpfe läfst für Gott selbst 



i 



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Speculative Philosophie. m 99fr 

einen Moment der Zufälligkeit zurück. Dennoch ist 
jener „Zweck" ein absoluter, a priori notwendiger, 
mithin nicht nichtseynkönnender, und so ist er eben so 
sehr der Anfang, der Schöpfung dem Begriffe nach, 
als er, verwirklicht, erst allmählich und in unend- 
licher Steigerung erreicht wird. (S. 357.) Da ist 
denn nur der Moment der Zeit, der einzelnen Verwirk- 
lichung ein Zufälliges, noth wendig aber, dafs überhaupt 
der Zweck der Schöpfung erreicht werde, weil er in 
Gott, an sich, schon vollendet ist Aber das äufsere 
Wann hat sich Gott vorbehalten. 

Die Gottgleichheit der Kreatur, als ihre absolute 
Bestimmung, kann aber nur bedeuten ihr Erschaffensejrn 
zur gleichen Ewigkeit, oder zur Unsterblichkeit. 
Diese kann jedoch blos als der Preis einer selbstthätigen 
Erfüllung ihrer gottverliehenen Bestimmung erreicht wer- 
den : der Mensch erwirbt sich erst durch Freiheit seine 
Unsterblichkeit (S 852.); durch die Wiedergeburt zur. 
geistigen Absolutheit. Diese durch die Offenbaruug im 
Gewissen, im religiösen Triebe, in den geschichtlichen 
Religionen durchzusetzen und zu vollenden, ist die That 
der Welterlösung, für welche alle andern Weltzwecke 
nur vorbereitende Stufen sind. Daher eine doppelte Te- 
leologie des Reiches der Natur und des Reiches der 
Gnade, welche dennoch in einander greifen. Hieran 
schliefst sich die Einsicht in die Möglichkeit, und 
durch die Freiheit der Geschöpfe bedingt, die Wirk- 
lichkeit des Btisen. Es ist nicht ein blos relativer 



stantiellem, ja geistig absolutem Inhalte. Das Böse ist 
nicht ein abstrakt Ungöttliches, sondern positiv Wi- 
dergöttliches, dessen attgemeine Möglichkeit den- 
noch in dem Wesen Gottes wie der Schöpfung liegt, in 
der Wurzel der Selbstheit eben, wodurch die Kreatur 
zur Gottgleichheit berufen ist : so kommt das Gute wie 
das Böse nicht blos äufserlich oder als eine zufällige Ein- 
zelheit zur Schöpfung hinzu; sondern es ist der tiefe., 
immanente Verlauf derselben, durch die Freiheit Und 



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9% Speculalive Philosophie. 

deren Krisis hindurch das Gute aus positiver Ueberwin- 
dung des Bösen hervorgehen zu lassen , wodurch der 
Begriff der Erlösung eine universale, die ganze Schöpfung 
umfassende Bedeutung erhalten hat — 

Wir haben in kurzem, freilich zumTheil verblafstem 
Abrifs die Hauptgedanken der Schrift wiedergegeben, 
und möchten hier beinahe unsern Bericht schliefsen , um 
die bedeutenden Anregungen, die darin enthalten sind, 
vorerst nur zu weiterer Beherzigung und Erwägung zu 
empfehlen. Mancher Begriff wird freilich noch näher 
durchbildet, mancher zu scharf gefafste Ausdruck be- 
richtigt und eingeschränkt werden müssen ; indefs ist 
dies Sache der weitern Verhandlung , wenn nur der lei- 
tende Grundgedanke des Ganzen gezündet hat. Es ist 
der Begriff der Persönlichkeit, in Gott wie in der 
Kreatur, und die Einsicht über das Verhältnifs beider zu 
einander, welche eben so sehr die rationalistische Jen - 
seitigkeit Gottes und den Begriff eines mechanischen, 
wie Aeufseres zu Aeufserem sich verhaltenden Schaffens 
und Wirkens der Gottheit in die Welt ausschliefst; als 
den blos pantheistischen Begriff einer Identität beider, 
oder einer dialektisch processirenden Selbstvollendung 
Gottes im Menschengeiste abweist. Eins ist die Kreatur 
mit Gott in ihrer Uran läge (was hier nach dem Vor- 
gang der alten Mystiker die materia prima genannt 
wird), aber aus dieser sich entwickelnd, kommt sie zur 
Wirklichkeit durch sich selbst; die Wurzel ihres 
Daseyns ist die Freiheit, d.h. dasjenige Princip ist 
hier zum universalen gemacht, was erst in der selbst- 
bewufsten Kreatur als eigentliche Freiheit hervortritt. 
(Und hier glauben wir allerdings, dafs der Verf. den zu 
weit gefafsten Begriff der Freiheit näher zu specialisiren 
hätte, — wiewohl er ihn selbst schon gelegentlich ein- 
schränkt und berichtigt ; *) — besonders w enn er nach 
seinen Grundprämissen eine Philosophie der Natur aus- 



♦) *. B. S. 300. 328 u. f. 



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Speculative Philosophie. 



zufuhren gedächte, wobei sich ihm wahrscheinlich er- 
geben würde, data im Gebiete der Schwere und der 
elementaren Physik recht eigentlich die Notwendigkeit 
herrscht, welche erst in der Welt des Organischen in 
Selbstentwicklung, dem ersten Analogon der Frei- 
heit, in der selbstbewußten Schöpfung in Freiheit 
sich auflöst.) Von der letzteren, dem kreatürlichen 
Geiste , deshalb auch der eigentlichen Schöpfung , gilt 
jedoch Alles, was der Verf. ferner entwicket. Jeder ist 
ihre Krisis und Entscheidung selbst übergeben : sie ist 
emancipirt durch Gott, und doch bleibt sie Eins mit ihm. 
Er hat ihr ein Pfund verliehen, mit dem sie wuchern, 
oder es verderben lassen kann. Sie steht frei Gott ge- 
genüber, dennoch kann sie sich nicht losreifsen von ihm, 
weil die Kraft zu jener Selbstthat nur die verliehene ist. 
Und so vermag die wildeste Selbsterhebung die ewigen 
Grundfesten der Schöpfung nicht zu erschüttern, wie- 
wohl ihre Freiheit eine wahre, und ihre Seligkeit oder 
Verdammnifs ihr eigener Ertrag ist. Dadurch ist aber 
der. Begriff der Vorsehung, der Welterhaltung und Er- 
lösung erst ein lebendiger und Gottes würdiger gewor- 
den , der bisher, wenn er gedacht werden sollte, 
immer an den entgegengesetzten Klippen zu scheitern 
drohte : entweder zu einem abstrakten Determinismus zu 
erstarren, oder in ganz anthropopathische , Gottes Voll- 
kommenheit einschränkende Vorstellungen auszuarten« 
Hier ist Gott in der empörten Freiheit allerdings ein 
relativer Widerstand geboten > er hat die mifsleitete that- 
kräftig zu überwinden, die beschränkte, in sich unge- 
nügsame zur Vollendung emporzuführen : der Gedanke 
einer göttlichen Vorsehung, Leitung, Erlösung wird 
damit ein allgegenwärtiger, wirksam naher und völlig 
verständlicher. Der Weltplan Gottes, sein ordnendes 
Schaffen und Entwickeln ist nie abgeschlossen ; dennoch 
ist er kein mechanisches Nachbessern oder Einfügen eines 
nachträglichen Gliedes in die ewige Ordnung, sondern 
das Hervorrufen und Entfalten der Kräfte des Guten, 
die als das Ursprüngliche und einzig Reale in der Kreatur 



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91)8 Speculative Philosophie. 

vorausgegeben sind. Wir können dabei an den Aus- 
spruch desThnäus erinnern; dafs Gott sey, der aus Allem 
das Bessere hervorrufe, d. h. das ursprunglich Gute, 
als das nur noch nicht aktualisirte Wesen jeder Kreatur. 
Das teleologische Princip wird dadurch, wie es auch 
u,nser Verf. richtig bezeichnet, zum schlechthin univer- 
sellen, indem es das ontologische und kosmologische 
dialektisch überwunden, damit aber zugleich in sich 
aufgenommen hat. — 



Vielfach verwandt mit dem Standpunkte, der den 
teleologischen Begriff der Schöpfung zum durch- 
greifenden macht, kann die Behandlung der speculativ- 
religiösen Hauptprobleme gelten, wie sie sich in den Ab- 
handlungen Erichsons über die Theodicee fin- 
den.*) Sie sind vom Standpunkte des religiös- 
ästhetischen Bewufstseyns aufgefaßt, welches durch 
die Räthsel und Widersprüche der erscheinenden Welt 
sich hindurchkämpfend , dennoch an der Idee der ewigen 
Harmonie und Schönheit, in der geistigen wie der natür- 
lichen Schöpfung, sich über jene Zweifel erhebt. Es ist 
der Sieg des ursprünglichen Gottesbewufstseyns, der 
eingeborenen Religiosität über die einzelnen Härten der 
Erscheinung, und die Beruhigung eines durch Fröm- 
migkeit geläuterten und befestigten Vernunftglaubens, 
indem sich hier das Bekenntnis aufdrängt, dafs die ein- 
zelnen Incongruenzen der Welt, als gegründet in dem 
unendlichen Zusammenhange der Dinge, als Einzelne 
unerforschlich bleiben, aber in jener höhern Einsicht 
verklärt, nicht mehr ein Grund des Zweifels und der 
Anklage werden können. 

« • 

*) „Ueber die philosophische Idee des Optimismus, oder der besten 
Welt;" Greifsw. 1827- (N. I): „über die Theodicee;" Das. 
1830. (N. II.) : „über das moralische, theoretische und ästhe- 
tische Uebel 5 " Das. 1831. ( No. III.) : „über den Endzweck 
der Welt;" Das. 1832 (No. IV.) 



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Spekulative Philosophie. 



Unleugbar ist dieser Standpunkt der allgemein- 
menschliche zu nennen, weil er ausdrücklich davon 
absieht, jenes ursprüngliche Gottesbewufstseyn selbst 
speculativ begründen oder vermitteln zu wollen. Den- 
noch hat er seinerseits für die Speculation ein doppeltes 
Interesse, Zuerst nämlich tritt er als ursprüngliche That- 
sache des Bewufstseyns in den Umkreis ein, welchen die 
Speculation' anzuerkennen und zum Gegenstande ihrer 
Untersuchung zu machen hat: sodann aber wird er be- 
sonders interessant durch die Tiefe, durch die religiöse 
Genialität mit Einem Worte, mit welcher er die re- 
ligiöse Wahrheit; welche zugleich die acht speculative 
ist , über die endlichen Reflexionsbestimmungen hinaus- 
führt und selbst im Ausdruck derselben die Einseitig- 
keiten überwindet, welche aus der vereinzelten Anwen- 
dung der Kategorien auf sie entstehen. Dies unbewufste 
Zeugnifs der Wahrheit für sich selbst und darin der 
thatkräftige Sieg des Religiös - speeulativen über die 
mangelhafte, am Gegensatze zwischen Glauben und Er- 
kennen, zwischen Empirie und Speculation hartnäckig 
festhaltende Verstandesbildung unserer Zeit ist gerade 
jetzt von der gröfsten Bedeutung. Bekannt ist, dafs 
jener Standpunkt der religiösen Unmittelbarkeit beson- 
ders durch Jacob i repräsentirt wird : von diesem wurde 
er indefs polemisch gegen die Speeulation gerichtet, in- 
dem er denselben Inhalt nicht einmal approximativ in 
den philosophischen Systemen wiedererkennen mochte, 
vielmehr selbst mit den Waffen der Reflexion und unter 
einseitiger Anwendung der Kategorien die Speculation 
zu widerlegen suchte. Anders der Standpunkt Erich- 
sons, der durchaus und überall auf harmonische Verei- 
nigung der verschiedenen Richtungen des Geistes dringt 
(No.IV. S. 8. und sonst) und sich zur wichtigen Einsicht 
erhebt, dafs die vermeintlichen Gegensätze des Erken- 
nens, als Glauben und Speculation, wie nicht minder 
eine sinnig forschende Empirie, doch nur Einen Ge- 
genstand und Inhalt haben, die göttliche Idee, die 
eben das allein und absolut Wirkliche ist 



1000 Speculative Philosophie. 

- (No. IV. S. 16. 17 ff.) Dies ist der wahre und höchste 
Weltbegriff, wofür nach Erichs od die speculative 
Weltphilosophie („Kosmologie") den apriorischen Be- 
weis (d. i. aus den reinen Begriffen von Gott und der 
Wirklichkeit aufserGott); dieTheodicee den Beweis 
aus der wahrhaften Erkenntnifs der Gegebenheit 
zu liefern hat. So erhält vor allen Dingen die Theo* 
dicee selbst eine höhere Bedeutung als gewöhnlich : sie 
ist nicht eine fade Rechtfertigung Gottes wegen der 
einzelnen Weltmängel, sondern durchbildete speculative 
Theologie: sie hat Gott in seinen unendlichen Eigen- 
/ Schäften und in seinem ewigen Verhältnisse zur Weh all- 
seitig zu erkennen; weshalb auch jene, die Gott für 
wissenschaftlich unerkennbar erklären, die Probleme der 
Theodicee für unlösbar erklären müssen. (No. III. S. 5 ff.) 
In diesen Problemen behandelt er nun, nach der alten 
Anordnung, den Ursprung des s. g. metaphysischen 
Uebels, oder der Endlichkeit der Geschöpfe überhaupt, 
sodann das physische und moralische Uebel , 
endlich das Mifsverhältnifs zwischen Verdienst und Glück 
in der Welt, wozu nachher noch, unserm Verf. eigen- 
thümlich (No. III. S. 21.), der Ursprung des ästhe- 
tischen Uebels oder der Häfslichkeit hinzukommt. 
Doch nach seinen, besonders in den letzten Abhandlun- 
gen , mit Kraft und Klarheit durchgeführten Einsichten 
erhebt sich der Verf. alsbald über eine so populäre Auf- 
fassung. — Die sogenannten Anklagen Gottes wegen der 
Endlichkeit der Kreatur, wegen der Schranken unseres 
Wissens und Vermögens zerfallen ohnehin in Nichts: sie 
sind Produkt einer modernen Hypochondrie, und mehr 
in subjektivem Mifsgefühle als im Thatbestande gegrün- 
det: und jene „Schranken" beklagen die am meisten, 
welche nicht einmal diese selbstthätig und selbsterken- 
nend auszufüllen im Stande sind. — Wenn daher zuletzt 
gefragt wird ( No. IV. S. 13 ff.), was absoluter Endzweck 
der Welt sey? so ist die rechte Antwort: die Unend- 
lichkeit des Daseyns ist sich selbst Zweck, die absolute 
Vollkommenheit des Ganzen durch das 7 Einzelne, des 



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Suenilali ve PIitlAftAultie 1(101 

Einzelnen durch das Ganze, wodurch die Frage nach 
einem besondern Endzweck, und das ähnlich lau- 
tende, in diesem Zusammenhange sogar absurde Problem : 
warum Gott geschaffen, abgewiesen ist. Die Schöpfung 
ist ein System von Zwecken: jedes Geschöpf ist Zweck 
an sich und dennoch auch Zweck Mir das Ganze : Alkes 
dient, entwickelnd und vollendend, dem Ganzen, und 
empfangt diesen Dienst von ihm zurück. Dies kann man, 
mit populärem Ausdruck für diese sich selbst geniefsende 
Positiv i tat alles Daseyns, die Gifickseligkeit der 
Geschöpfe nennen, und diese mit unserm Verf. als Eud- 
zweck der Schöpfung bezeichnen, wenu man damit nur 
nichts Aeufseres, acciclentell dazu Tretendes, sondern 
das Selbstgefühl der eigenen Lebensharmonie und Voll- 
kommenheit sich denkt. Hierdurch erledigen sich von 
selbst jene Fragen wegen , der Unvollkommenheit der 
Welt, wegen der Zulassung des Bösen. Der Widerspruch, 
die Negation ist selbst in der Fülle des Positiven gesetzt, 
weil dies nicht ein todt Fertiges, sondern Selbstentfal- 
tung, Leben, Freiheit ist, mithin den Kampf der Ge- 
gensätze in sich trägt und sie thatkräftig überwindet. 
Dies giebt der hergebrachten theologischen Vorstellung 
von der göttlicheu Zulassung des Bösen eine positive 
Bedeutung: es ist nicht blos das negative Gewähren- 
lassen, das Zusehen, was immer Gottes unwürdig wäre, 
sondern in der zum Bösen verkehrten Freiheit das Her- 
vorarbeiten einer Krisis (wie in Krankheiten), um an 
der Ueberwindung des Widerstandes (der Versuchung) 
das Gute sich befestigen und verklären zu lassen. Keine 
positive, selbstkräftige Wirklichkeit ohneUeberwältigung 
von Gegensätzen, was sogar, vorandeutend für das Gei- 
sterreich, durch alle Naturprocesse hindurchgeht: dies 
ist der positive Begriff der Verklärung, welche immer 
Dunkel, Disharmonie, Widerstand voraussetzt, wobei 
wieder nur die verkehrende Reflexion abzuhalten ist, 
dafs dieser Consequenz zufolge das Böse sey, damit 
jene Verklärung zu Stande komme. Jedes solche damit 
verlischt in dem Gedanken, dafs das Positive ein Leben- 
diges, der Entwicklung Unterworfenes ist, 

i 



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* 

Speculative Philosophie. 



„Woher also zuletzt noch tler Irrthum?" Er ist 
unvermeidlich , weil die Wurzel des Denkens die Frei- 
heit ist, und so kann es sich, wie diese zum Bösen, 
also auch zur theoretischen Gottesscheu verhärten, die 
ihre Einseitigkeit und Willkühr hartnäckig festhält gegen 
die höhere Idee der Einheit, und wie einen in sich ver- 
strickten Irrthum des Willens, so giebt es einen Eigen- 
sinn des Denkens, von dem Beispiele genug gefunden 
werden in der Geschichte des Meinen». Hier aber ar- 
beitet sich der Widerspruch vpn selbst hervor, der 
diese Verhärtung' löst, und in die allgemeine Wahrheit 
wieder zurückleitet. Aber es ist eben das grofse Werk 
umfassender Speculation, gegen die Einseitigkeit des Wi- 
derspruches nicht nur tolerant zu seyn, sondern ihn sogar 
, in sich aufzunehmen als einen Moment im gesammten 
Systeme der Wahrheit. So ist auch hier die Wissenschaft, 
die allversöhnende und erkennende Speculation, die 
beste, ja die einzige Theodicee. 



Wenn sich die Bedeutung der eben entwickelten An- 
sicht darin ergab, dafs ihr Verfasser, durch die Inten- 
sität seines religiös - ästhetischen Bewufstseyns geleitet, 
der höchsten speculativen Weltanschauung mit Kraft sich 
bemächtigte, und so einen Gehalt in sich antieipirte, der, 
streng wissenschaftlich behandelt, freilich einer tiefern 
Unterbauung bedurft hätte; weshalb wir auch, wenigstens 
in der Darstellung, manchmal ein Schwanken und Zurück- 
sinken in die Auffassung und Ausdrucks weise gewöhnter 
Reflexionsphilosophie bemerken konnten : so zeigt sich 
in dem Werke von Suabedissen *) das Streben nach 
methodischer, von Grund aus aufbauender Behandlung. 
Aber auch hier begegnet uns noch ein Kampf zweier 
Elemente, nicht unähnlich dem vorhergehenden, der 
sich mehr im Formellen ausspricht. Der tiefe Sinn, der 



*) „Grundzüge der philosophischen Keligionslehrc." Marburg und 
Cassel 1831. 



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Speculative PhiloAoplue. 



speculative Takt de« Verfc. hat ihn fast uberall richtig 
geleitet auch bei ungenügendem Begriffsaugdruck, wie 
sich denn überhaupt die Wahrheit dem tiefer sinnenden 
und sinnigen Geiste niemals qnbezeugt läfst, und als Ah- 
nung, als Aufschwung des Gemüths oder der Phantasie 
da und dort in vielfachen Zügen uns begegnet. Aber 
in solcher Form bleibt es mir eine isolirte Erhebung, 
eingeschlossen in einen besondern Winkel des Geistes, 
ohne Verkehr mit dem gesammten Erkennen und der 
gewohnten Weltansicht. Vielmehr steht «las Denken, 
weil noch nicht durchgeführt, mit seinen Vorurtheilen 
und Einseitigkeiten ihr noch gegenüber, mannigfach 
sie bekämpfend und sie irre machend an sich selbst. Es 
ist ein vorübergehendes Leuchten, nicht die Alles um- 
fassende und durchdringende Klarheit sehnsuchtsloser 
und selbstgewisser Vernunftansicht Dieser Zwiespalt, 
der geheimer oder offenbarer durch unsere ganze reli- 
giös-wissenschaftliche Bildung sich hindurchzieht, ist 
auch im vorliegenden, sonst trefflichen Werke nicht ganz 
ausgeglichen ; hier liegt er besonders im Incongruenten 
der Form zu dem speculativen Inhalte. Der Gedanken- 
fortgang ist meist nur ein äufserlicher , die Begriffsbe- 
stimmungen gehen hervor aus einseitiger Anwendung der 
Kategorien, wodurch sie, statt das Princip des Fort- 
schreitens und Näherbestimmens in sich selbst zu haben, 
Mos nebeti und gegen einander gestellt, in Wider- 
spruch mit sich geratheo, 

Weifs der Mensch von Gott, und wie und was 
weifs er von ihm? Von dieser Frage wird angehoben, 
ohne jedoch das Verhältnifs des wissenden Subjekts zum 
gewufsten Objekte tiefer zu bezeichnen. Es wird nur 
zurückgeschlossen vom Seyn des Bedingten auf ein Un- 
bedingtes: es ist das Urwesen, welches nun ferner 
als Urgrund, als Urleben, endlich als'Urgeist 
fortbestimmt wird (§§. 8 — 18.); und der Verf. bemerkt 
richtig, dafs erst indem das Unbedingte als Urgeist, 
Urwissen erkannt wird, es Gott ist, in dem Sinne, 
in welchem die Religion von ihm weifs. „Gott ist von 



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1 



1004 Speculative Philosophie. 

seinem Geiste aus der lebendige Gott, und so er- 
zeugt sich der rechte Begriff seiner Persönlichkeit. Sie 
ist seine Lebendigkeit als eine solche gedacht, deren 
Grund und Wesen die Geistigkeit sey." (§. 59.) 
Richtig; doch bleibt auch hier der Beweis, dafs Gott 
der Urgeist, das Urwissen ist (§. 19.) fast nur äufser lieh 
und formell, weil er nicht immanent entwickelt ist aus 
dem Begriffe des Urwesens selber, woraus sich das wich- 
tige, allein speculative Verhältnifs ergeben hätte, dafs 
der Fortschritt vom abstraktem Begriff zum concretern, 
und mithin wahrern , zugleich der Rückgang in das 
wahre „Wesen" und den „Grund" jenes Begriffes ist; 
durch welche Betrachtung die ganze Form des (hier 
nur formellen) Beweises eine eigentlich speculative Be- 
deutung erhalten hätte. — Als Urgrund aber, fahrt 
der Verf. fort, ist und bethätigt sich der Urgeist nur in 
seinem Werke, und so ist die Welt nicht geschieden 
von Gott (§. 38.): dennoch wird sogleich wieder hinzu- 
gesetzt, dafs Gott nicht die Welt ist, und nicht zur 
Welt gehört, da er blos der Urgrund derselben ist. 
In diesem Nichtgeschiedenseyn und doch nicht Einsseyn 
Gottes und der Welt liegen offenbar gegenseitig sich 
aufhebende Bestimmungen, die, blos also neben einan- 
der gestellt, nicht umhin können, zu einem äufsern Wi- 
derspruche fortgetrieben zu werden. Die Art jedoch, 
wie dieser nothwendige Gegensatz gelöst wird — wirk- 
lich gelöst aber mufs er werden, und wenn es nur auf die 
formellste Weise geschieht: dafs Gott in der Welt das 
Andere seiner selbst ist; — diese Art begründet erst die 
rechte Einsicht in das Wesen des Theismus. Die- 
selbe Frage kehrt indefs bei dem Verf. nur in anderer 
Gestalt wieder, wenn er Gott für Einheit erklärt im 
blofsen Gegensatze zur Mannigfaltigkeit, abermals ohne 
zur innern Vermittlung beider Begriffe fortzugehen. 
(§. 40.) Doch auch hier fehlt eigentlich nicht die rich- 
tige Einsicht; sie ist nur unausgesprochen zwischen den 
Zeilen zu lesen. Wenn es nämlich heifst: dafs Gott an 
sich keine Mannigfaltigkeit von Kräften, Eigenschaften 



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Speculative Philosophie. 1005 

u.s. w. , sondern Lireinheit; alle Mannigfaltigkeit da- 
gegen nur in der Welt zu suchen : nachher aber gleich- 
wohl hinzugesetzt wird : dafs sich der Begriff Gottes in 
seinem Verhältnisse zur Welt vor der Betrachtung 
zu einer solchen Mannigfaltigkeit entwickelt oder Ver- 
deutlicht: so sehen wir nicht ein, warum — nicht blos 
in unserer (subjektiven) Betrachtung, sondern real und 
wirklich die Einheit Gottes sich nicht selbst in diese 
unendliche Mannigfaltigkeit einer Welt explicirt und 
„verdeutlicht" haben sollte. Die Einheit „scheint" sich 
nicht blos zur Mannigfaltigkeit zu erschliefsen , wodurch 
wir plötzlich in eine fast eleatische Abstraktion eines 
leeren Eins, die Schcinwelt einer eben so leeren Vielheit 
irim gegenüber , zurücksinken : sondern beide Seiten 
durchdringen sich, und ihre Trennung erwächst uns 
blos aus einseitiger Betrachtung dieser Kategorien« 
Ebenso zeigt sich derselbe Gegensatz unaufgelöst in der 
entscheidenden Untersuchung, wie sich Gott zu Raum 
und Zeit verhalte. (§. 49.) „Gott ist nicht zeitlich und 
nicht räumlich, da er vielmehr der Grund aller zeitli- 
chen and räumlichen Wirklichkeit ist; da sie also in ihm 
steht, er nicht in ihr. Aber er ist darum nicht von 
der Zeitlichkeit und Räumlichkeit geschieden u.s. w. 
Er wirket also nicht in der Zeit und im Räume, als 
wäre er ein weltliches, also zeitliches und räumliches 
Wesen: er wirket auch nicht in die Zeit und den Raum, 
als stände er neben und aufser der Welt Aber er 
wirket zeitlicher und räumlicher Weise , da das Zeitliche 
und Räumliche, also auch Zeit und Raum, aus seinem 
Wirken ist. — So stehet die Zeit und der Raum in der 
Einigkeit, weil alle zeitliche und räumliche Wirklichkeit 
in dem ewigen Leben stehet" u. s. w. Man sieht, 
die einzig richtige Erkenntnifs dieses Verhältnisses liegt 
im Hintergrunde, als unentwickelte Prämisse: dafs Gott, 
als die unendliche Wirklichkeit, das Zeit und Raum 
Schaffende sey in dem oben von uns entwickelten 
Sinne. Deshalb sind alle von Sua bedissen aufgeführ- 
ten negativen Bestimmungen richtig, aber sie sqhliefsen 
sich zu keinem vollständigen und durchaus begreiflichen, 



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1000 S palliative Philosophie. 

positiven Resultate zusammen, weshalb immer etwas 
Mystisches, Unbegreifliches, der schärfern Fassung Wi- 
derstrebendes in jenen Behauptungen zurückbleibt. — 
Gleicherweise läfst uns seine Lehre von den Eigenschaften 
Gottes (§§• 51 — 59.) nur vereinzelte Abstraktionen er- 
kennen, welche, nebeneinandergestellt, nicht aus einan- 
der entwickelt, in dieser Aeufserlichkeit sich gegenseitig 
beschränken oder aufheben: die Unveränderlich- 
keit Gottes z. B. neben seiner Allwirksamkeit, die 
(hier abstrakt gefafste) Allmacht neben der gleich- 
falls behaupteten Freiheit der Kreatur zum Bösen. 
So hat auch der Begriff" der göttlichen Allwissenheit, 
(eines „ Vor h er Wissens auch des Unwahren und Bösen*' 
§.5T.) in dieser Darstellung grofse Schwierigkeiten, oder 
vielmehr er löst sich in einen unbegreiflichen Hergang 
auf, weil er nicht aus einer dialektischen Ineinander- 
arbeitung der Ideen des Urgrundes und des Urbewufst- 
seyns hervorgegangen ist. 

Wir glauben, durch das Bisherige den philosophi- 
schen Standpunkt des gegenwärtigen Werks hinreichend 
charakterisirt zu haben; auch hier ist nämlich das In- 
teressanteste, zusehen, wie die Idee der Wahrheit die 
spröden Formen und Gegensätze eines unvollständigen 
Denkens zur Löge macht und in sich aufreibt. Aber 
nicht bei ihrem Widerspruche soll es bleiben, vielmehr 
wird erst jenseits desselben, aber durch ihn hindurch, 
die freie, den Gegensatz versöhnende Wahrheit errun- 
gen; in dieser Einsicht liegt die grofse Bedeutung des 
gegenwärtigen speculativen Umschwunges auch fiir die. 
Religionsphilosophie. Ein jedes Begriffsabstraktum ist, 
was es ist, nur im Gegensatze zum Andern; mehfere 
solche Abstraktionen daher, als Eigenschaften einend 
und demselben Subjekte, wie hier Gott, beigelegt, ma- 
chen dies zu einem Zusammen Entgegengesetzten, 
d. h. einem Widerspruche. *) Aber jene behauptete Be- 



*) Auf diese Einsicht, im Vorbeigehen gesagt, gründet sich die 
Her bar tische Philosophie, die nun freilich die dnrin enthal- 
tene metaphysische Fintion durch eine Reihe anderer erklären 
oder begreiflich machen will. 



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i 



Speculative Philosophie. 10417 

Sonderheit des Abstrakten ist nur Erdichtung eines un- 
vollendeten Denkens: Nichts ist dergestalt vereinzelt, 
sondern als Besonderes ist es nur Moment der leben- 
digen Einheit, die zuhöchst in der Persönlichkeit ihre 
Verwirklichung findet. So ist die Idee des Lebens und 
der Persönlichkeit , zuhöchst der göttlichen, der 
letzte, Alles ausgleichende und versöhnende Aufschluß*, 
«od wir sind auch von diesem Punkte der speculattven 
Peripherie zum Centrum des Einen Grundgedankens wieder 
vorgedrungen. 

Im Begriffe der göttlichen Persönlichkeit erkennen 
wir nämlich zugleich die Basis und den Anfang einer 
christlichen Philosophie, aber darin auch allein und 
ausschließlich. Erst hieraus ergiebt sich die Möglichkeit 
einer eigentlichen (d.h. freiwilligen) Offenbarung 
Gottes, nicht nur in der Natur und im Menschengeiste, 
sondern auch in der dritten Form eines besondern Sich- 
offenbarens an den Menschen; ohne deren Anerkenntnifs 
das Positive des Christenthums immer etwas Paradoxes, 
der freien Vernunfteinsicht Widerstrebendes behält, and 
so entweder rationalistisch als Fabel und Mythe angesehen, 
oder, wie es bei Hegel geschieht, als die Vorstellungs- 
hülle des Begriffes, demnach als das Geringere und 
Werthlosere behandelt werden niufs. Hier dagegen wird 
durch die Philosophie selbst darauf gedrungen, jenes 
positive Offenbarungselement zunächst überhaupt nur als 
etwas Bedeutsames anzuerkennen, allinahlig auch es 
immer verständlicher zu finden , endlich es wirklich zu 
verstehen. So ist die Anerkenntnifs einer Geisterwelt, die > 
sich über die Grenzen menschlicher Vollkommenheit, 
über die Extreme des menschlich Guten und Bösen erhebt, 
unerläfsliche Voraussetzung des Christenthums, -wie jeder 
positiven Religion : die hier bezeichnete Grundansicht 
laTst aber eine solche Anerkenntnifs nicht nur übrig, son- 
dern sie ergiebt sich sogar aus derselben, als eine natür- 
liche Consequenz. Aber dringender wird noch eine völ- 
lige Umgestaltung der Psychologie nach diesen Prämissen 
nöthig, um über eine Menge bedeutender, auch in die 



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1008 



Speculative Philosophie. 



Religion eingreifender Fragen besseren Aufschi ufs geben 
zu können, als bisher Vernunft und Metaphysik es ver- 
mochte. So sind ohne die richtige Einsicht in das Ver- 
hältnifs von Seele und Leib und von dem unbedingten Un- 
terworfenseyn des Dunkel-Seelischen (d.h. Leib- 
lichen) unter die Macht des bewufsten Geistes manche 
Lehren des Christenthums und manche wunderbar ge- 
nannte Thatsachen des gesteigerten intelligenten Lebens 
unbegreiflich oder widersprechend; überhaupt dürfte eine 
tiefere Psychologie, wie sie schon die Reife der Wissen- 
schaft verlangt, und worauf selbst die dringendsten That- 
sachen hinführen, in den sogenannten Geheimnissen der 
Religion einen unerwarteten Aufschlufs versprechen , na- 
mentlich, was den Glauben an persönliche Fortdauer, 
verbunden mit der Lehre von der Auferstehung des Leibes 
betrifft. Jener wie diese bleibt gleich unbegreiflich, ja 
begriffswidrig, so lange man noch an der gewohnten An« 
sieht einer Doppel heit des Menschen oder gar eines Ge- 
gensatzes von Körper and Geist haftet : dann ist der leib- 
liche Tod die Trennung jener Doppelheit , und damit 
offenbar die Vernichtung (oder der Rückfall in die blofse 
Potenz) für jene Hälften , die nur mit einander zu existiren 
vermögen. Nach unsern psychologischen Ansichten da- 
gegen besteht der Mensch in keinem Sinne aus Seele 
und Leib ; sondern er ist nur S e e I e — oder auch Leib- 
lichkeit; denn diese ist jene. Die Einheit der, zu 
einem in sich selbst abgegrenzten Ziele zusammenwir- 
kenden Ziele nennen wir überhaupt Seele, Mittelpunkt 
des Organismus, deren Selbstauswirkung im Räume, 
wie sie vom Begriffe der Wirklichkeit überhaupt unab- 
trennlich ist, als das erscheint, was wir Körper", Masse 
nennen. Nach dieser Ansicht ist der Tod organische 
Krisis, Fallenlassen einer bestimmten Form seelischer 
Selbstgestaltung, worin die Wurzel des Menschen, die 
Individualität, nicht nur nicht angetastet wird , vielmehr 
sich steigert und (leiblich) weiter entfaltet. — 

{Der Betekluft folgt.) 



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N°. 64. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1883. 



Speculative Philosophie. 

» 

(Be$chlu/8.) 

Wie damit, was man sonst viel zu abstrakt Unsterb- 
lichkeit der Seele zu nennen pfleget, eine weit tiefere 
Begründung erhält, liegt am Tage: hier führt die ganze 
Natur diesen Beweis. Das Menschenleben ist nur das 
Sichentfalten aus innerer, individueller Anlage in das 
Licht des Bewufstseyns, nach einem Grund- und Ur- 
typus, dessen Kraft und Verwirklichung weit über die 
Grenzen unmittelbarer Gegenwart und Erscheinung des 
Menschen hinausreicht: (wobei wir zur Erläuterung nur 
an die inneren Lebensrechnungen der Somnambulen nach 
einer, wie sie es bezeichnen, dem Menschen einge- 
pflanzten Grundzahl erinnern wollen.) In jenem sich 
entfaltenden, organisch -seelischen Bewufstwerden des 
Menschen liegt aber auch seine Selbstentscheidung 
im Verhältnifs zu Gott, und der wahre Punkt der sitt- 
lich - religiösen Lebenskrise fällt gleichfalls hierher. Wenn 
wir aber oft genug im Falle sind, bei intellektuell oder 
sittlich tief verworrenen Individualitäten, denen wir nicht, 
und die sich nicht helfen können, zur Einsicht zu kom- 
men : dafs hier nur eine höhere, die eigenwillige Selbst- 
verstrickung lösende, durch eine Gegenkrise die gei- 
stige Gesundheit herstellende Ergänzung aus ihrem 
schöpferischen Ursprünge her helfen könne; so haben 
wir damit den Begriff eines erlösenden Gottes, gleichsam 
als psychologisches Postulat, gefunden, und stehen an 
der Schwelle eines Geistermysteriums, wo Seelenlehre 
und Religion sich unerwartet begegnen und in fortge- 
setzter Wechseldurchdringung die Aussicht in Wahrheiten 
bieten, von denen die bisherige Begriftsmetaphysik sich 
noch Nichts träumen läfst. Wir können diese Andeu- 
tungen und Perspektiven hier nicht weiter verfolgen; 
wir wollen nur hinzusetzen, dafs uns hier die Grenze der 

XXVI. Jahrg. 10. Heft. 64 



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1010 Lindley, System der Botanik. 

gegenwärtigen wissenschaftlichen Bildung bezeich- 
net scheint Was bis jetzt darüber hinausgegangen ist 
in jenes Gebiet, war unentwickelte Ahnung, hervorge- 
rufen durch halbbewufste Sehnsucht des unbefriedigten 
Geistes, öfter noch ein in die Hülle barocker Phantasie 
eingehüllter Halbwahn. Das Dämmernde und Gährende 
«oll davon abgeschieden, und hier vor Allem der feste 
Boden der Wirklichkeit, der klare Begriff und die 
Beobachtung nicht verlassen werden. Dabei ist es aber 
von der höchsten Bedeutung, zu sehen, wie Speculation 
und höhere Naturbetrachtung gleicher Weise sich der 
Religion zu nähern und in sie überzugehen beginnen. 
Wie weit diese Wechselwirkung gediehen, eben so sehr 
aber auch, welche Kluft dabei noch zu überwinden sey, 
dies zu zeigen war der Zweck der gegenwärtigen Beur- 
theilung, welche deshalb nicht die alten Gegensätze zu 
bestätigen oder zu vergrofsern trachtet, sondern auf eine 
nahe erreichbare Zukunft und in ihr auf eine tiefere 
Versöhnung und Befriedigung der Geister hinzuweisen 
beabsichtigt. *) 

Fichte. 



Einleitung in das natürliche System der Botanik: oder 
systematische Uebersicht der Organisation, natürlichen Verwandt- 
schaften und geographischen Verbreitung des ganzen Pflanzen- 
reichs, nebst Angabe des Nutzens der wichtigsten Arten in der 
Heilkunde, den Künsten und der Haus- und Feldwirtschaft. Von 
John Lindley, Professor der Botanik an der Universität zu 
London u. s. w. Aus dem Englischen. Weimar , tra Verlage des 
Landes- Industrie- Comptoirs, 1883. 624 S. 8. 

Die Lehre von dem natürlichen Systeme des Ge- 
wächsreiches ist in Deutschland längst verbreitet, und 
wird schon geraume Zeit hindurch auf den Universitäten 
öffentlich vorgetragen; seitdem Cassel im Jahre 1817. 

*) Da über 

J. F. Fries Handbuch der Religions - Philosophie und philoso- 
phischen Aesthetik 

schon (in No. 44. 45. 46 ) von einem andern Reo. berichtet worden, 
so konnte dieses Werk, den Gesetzen des Instituts gemata, nicht 
mit in diese Gesammtrecension aufgenommen werden. 



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Lindley, System der Botanik. 



1011 



sein Lehrbuch der naturlichen Pflanzen-Ordnung schrieb, 
ist eine ganze Reihe anderer Werke gefolgt, die dem- 
selben Gegenstande gewidmet, dennoch von ganz ver- 
schiedenen Grundsätzen ausgehen und von sehr unglei- 
chem Werthe sind. Schwieriger fand diese berühmte 
Lehre in England Eingang, und unser Hr. Verf. spricht 
von einer grofsen Menge tief gewurzelter Vorurtheile, 
die man zu bekämpfen habe, um ihr Eingang zu ver- 
schaffen; ja zu der Zeit, als der Druck des vorliegenden 
Werkes angefangen wurde (1830.) existirte auf den brit- 
ischen Inseln noch, keine in englischer Sprache geschrie- 
bene Einleitung zur Kenntnifs der natürlichen Familien 
des Gewächsreiches, und erst seit Kurzem ist eine Ueber- 
setzung- von Richards Notweaux Elemens de Bota- 
nique, von Clinton bearbeitet, in London herausge- 
kommen. 

Bei einem zum allgemeinen wissenschaftlichen Ge- 
brauche bestimmten Wcxke , meint unser Hr. Verf. , müsse 
man vorzuglich zwei Gegenstände im ^Auge behalten, 
man müsse -nämlich erstens die Wissenschaft der Po- 
pularität nicht aufopfern, dann aber zweitens die 
Sache den Studierenden so leicht machen , als es die Be- 
schaffenheit des Gegenstandes nur immer zulasse. Beiden 
Anforderungen glaubt Hr. Prof. L. besonders dadurch 
genügt zu haben, indem er eine Clavis anahjUca ver- 
fertigte, durch deren Hülfe die Familien auch von An- 
fangern , in sofern sie nur auch die kleinsten Organe der 
Pflanzen genau zu unterscheiden wissen, bald aufge- 
funden und bestimmt werden kann, in welche jedes ein- * 
seine Gewächs gehöre. Es ist ihm nicht entgangen, 
dafs auf diese Weise das natürliche System in ein künst- 
liches umgewandelt wird, und er sucht sich auch auf 
mancherlei Weise deshalb zu entschuldigen. 

Die Einleitung enthält zuvörderst eine, doch auch 
wirklich gar zu dürftige Geschichte der Pflanzensysteme, 
und sodann auf sehr ausführliche Weise eine Auseinander- 
setzung der Vorzüge des natürlichen Systems vor dem 
allbekannten des Linne, wo jedoch, für einen Deut- 
schen wenigstens, gar nichts Neues beigebracht wird. 



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1012 



Lindley, System der Botanik. 



Gewifs ist übrigens, dafs die Pflanzenkunde heut zu Tage 
eine viel schwieriger zu erlernende Wissenschaft gewor- 
den ist, als sie es noch vor zwei Jahrzehenten war, und 
Hr. Prof. L. hat vollkommen Recht, wenn er sagt: es 
' giebt keine Wissenschaft, welche eine mehr auf's Kleinste 
gerichtete Beobachtung, eine gröfsere Geduld bei Un- 
tersuchungen , oder eine fortlaufendere Uebung des Beur- 
theilungsvermögens erforderte, als die der Botanik. — 

Von besonderem Interesse ist die fleifsige und scharf- 
sinnige Erörterung des verschiedenen Grades von Wich- 
tigkeit der Charaktere , welche die einzelnen Organe zur 
Bestimmung der Affinitäten liefern, sie sind deshalb ein- 
zeln von der Wurzel bis zum Embryo desSaamens durch- 
gegangen und aus dem gedachten Gesichtspunkte kritisch 
beleuchtet worden. Vortrefflich ist der Grundsatz, dafs 
Charaktere von rein physiologischer Natur, d. h. solche, 
die von Verschiedenheit in dem innern anatomischen Bau 
hergeleitet sind, einen gröfsern Werth haben, als Ab- 
weichungen in Form, Stellung, Zahl und dergl., wel- 
ches blofse Veränderungen äufserer Organe sind; nur 
mufs man bedauern , dafs der Hr. Verf. diesen Grundsatz 
in der praktischen Ausführung ganz vergessen zu haben 
scheint, und bei den einzelnen Ordnungen doch nur 
höchst selten darauf zurückkommt. 

Was nun die Ausführung oder Anordnung des Systems 
betrifft , so theilt L. sämmtliche Gewächse in Vasculares 
und Cellulares, und die ersteren wieder in Exogenen 
und Endogenen , wie schon viele Andere vor ihm ; aliein 
die weitere Unterabtheilung ist neu , denn die Exogenen 
zerfallen blos in zwei und zwar höchst ungleiche Klassen, 
die Angiospermia und Gymnospermia , welche letztere 
nur zwei Ordnungen enthält — die Coniferae und Cy- 
cadeae — während die Angiospermia 226 Familien in 
sich begreift; sie werden wieder zerspalten in Polype- 
talae, Apetalae> Achlamideae und Monopetalae , worin 
man die alten bereits von Jussieu benutzten Anord- 
nungen wieder erkennen wird. Die Polypetalae ihrer- 
seits zerfallen wieder nach Decandolles Vorgang in 
^hatamiflorae und Calycjflorae, deren jede wieder zwei 



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Lindl ey, System der Botanik 



1013 



Unterabtheilungen — die Apocarpae und Syncarpae — 
hat. Die Endogenen sind in zwei Unterclassen gebracht, 
die Glumaceae und Petaloideae, so wie die Zellen- 
gewächse in Filicoideae, Muscoideae und Aphyllae ge- 
theilt sind. 

Die deutschen Bearbeiter des natürlichen Pflanzensy- 
stems haben grofsentheils sich bemüht, nachzuweisen, 
welche Familie des Gewächsreiches als die am meisten 
entwickelte und am vollkommensten ausgebildete ange- 
sehen werden müsse, ohne dafs deshalb die Ansichten 
übereinstimmten, indem bald die Leguminosen, bald die 
Rosaceen, bald die Aurantiaceen für die vollkommensten 
aller Pflanzen ausgegeben wurden, während Decao- 
dolle sein System mit den Ranunculaceen beginnt. Hr. 
Prof. L. hat um diesen Gegenstand sich wenig beküm- 
mert, und scheint es überhaupt nicht der Mühe Werth 
zu halten, deshalb sich in specielle Untersuchungen ein- 
zulassen. Er fangt mit den Araliaceen an, und hätte 
eben so gut eine jede andere Familie aus der Abtheilung 
der Exogenen an die Spitze des Systems stellen können* ; 
allein gerade diesen Gegenstand vernachlässigen, heifst 
offenbar, die wichtigste und erste Rücksicht, ja die 
Basis des natürlichen Systems aus den Augen setzen. — 
Musterhaft ist übrigens die specielle Bearbeitung der 
einzelnen Ordnungen ; nach Angabe der Literatur folgt 
die Diagnose, dann die Erörterung der etwa vorhan- 
denen Anomalien, hierauf der wesentliche Charakter, 
die Verwandtschaften, auf deren Ausmittelung beson- 
derer Fleifs und Scharfsinn verwendet ist, die Angabe 
des Vaterlandes und der geographischen Verbreitung, 
sodann der Heilkräfte und anderer Eigenschaften. Zum 
Schlüsse werden jedoch bei jeder Familie nur einige 
wenige Gattungen als Beispiele genannt, so dafs man 
also hier (ein Hauptmangel!) eine vollständige Aufzäh- 
lung und Eintheilung sämmtlicher Genera in die natür- 
lichen Familien nicht suchen darf. 

Sehr zweckmäfsig ist es, dafs bei jeder einzelnen 
Familie ihre Bestandteile und Heilkräfte erörtert werden, 



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I 



1014 Lindley, System der Botanik. 

indem gerade diese Verhältnisse äufserst brauchbare Winke 
über die Anordnung selbst und die natürlichen Verwandt- 
schaften abgeben können, nur ist zu bedauern, dafs unser Hr. 
Verf. nicht immer am besten unterrichtet zu seyn scheint, 
auch hängt er unverrückt an den Aussprüchen Decan- 
dolle's, denen er gleich Orakeln folgt, und doch hat der 
Genfer Botaniker seiner Theorie zu Gefallen, mancherlei 
Dinge geäufsert, die eine genaue Prüfung nicht aushalten ; 
ja schon bei der zweiten Familie, die der Umbelliferen , 
kommt dieser Umstand vor, indem Hr. Prof. L. nach- 
spricht:' „Die Saamen der Dolden sind in keinem Falle 
Gefahr bringend, und gewöhnlich ein erhitzendes und 
angenehmes Gewürz." Die Unrichtigkeit dieses Satzes 
hat Ref. schon früher gegen Decandolle nachgewie- 
sen, und die jüngsten Untersuchungen haben dies noch 
mehr bestätigt, denn gerade in den Saamen des Coniurn - 
maculatum oder des gemeinen Schierlings (die Hr. De- 
candolle für unschädlich ausgiebt) ist das Cöniin, jene 
so äufserst heftig und giftig wirkende Substanz, weit 
reiner und reichlicher enthalten , als in den übrigen 
Theilen der Pflanze. Das Gummi ammomacum leitet 
Lindley noch von Heracleum gumrniferum ab, und 
zeigt dadurch, dafs ihm die neueren Nachrichten über 
die Mutterpflanze dieses Gummiharzes unbekannt ge- 
blieben sind. Die Paeonien sind hier noch mit den Ra- 
nunculaceen vereinigt, worüber man sich um so mehr 
wundern wird, da an andern Orten um viel geringerer 
Merkmale willen, als die sind, welche die Ranunkeln 
von den Gichtrosen trennen , neue Familien von unser in 
Hrn. Verf. aufgestellt wurden. Die Saamen der Aquilegia 
werden von ihm einfach tonisch genannt, ein Fehler, 
den er hätte vermeiden können, eben so wie Hr. Decan- 
dolle, wenn Beide die Schriften des Linne fleifsiger 
gelesen hätten. — 

Bei den Nymphaeaceen vermifst man ganz die doch 
wohl zu beachtenden Ansichten der Hrnn. Bartling 
und Schultz über die Stellung dieser Familie im Sy- 
steme, wie denn überhaupt unser Hr. Verf. aufser Mar- 



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Lintley, System der Botanik. 101* 

tius und Link kaum noch irgend einen andern deut- 
schen Botaniker kennt. 

Die Calycantheen bilden eine von Lindley neu auf- 
gestellte Ordnung, die auch von mehreren Schriftstel- 
lern angenommen worden ist; sie stehen hier zwischen 
den Wintereen und Monimieen, und doch sagt der Hr. 
Verf. selbst, Jussieu habe Recht gehabt, sie zu den 
Rosaceen zu zählen, da keine andere Ordnung mit ihnen 
näher verwandt sey; eben so sonderbar ist es, dafs das 
Aroin der Calycantheen nur den Blumen zugeschrieben 
wird, da dieses doch vorzugsweise in der Rinde seinen 
Sitz hat Dafs die Berberideen, namentlich die Beeren 
von Berberk vulgaris ihren sauren Geschmack von der 
Sauerkleesäure erhalten sollen , ist vielleicht nur ein 
Schreibfehler. — 

Nach Ehrenberg's Vorschlag ist die neue Fa- 
milie der Reaumurieen, blos aus den Gattungen Reau- 
muria und Halolachne bestehend , aufgenommen , wach 
früher auch schon Kunth gethan hatte; letzterer stellt 
sie zwischen die Hypericeen und Guttiferen, Lindley 
zwischen diese und die Saxifrageen. Die Gattung Bauera, 
von Robert Brown zu den Cunoniaceen gerechnet, 
ist hier zu einer eigenen Familie erhoben, wozu beson- 
ders der abweichende Habitus, nebst einigen, doch eben 
nicht sehr bedeutenden Verschiedenheiten im Baue der 
männlichen Genitalien die Veranlassung gaben. Bei 
den Grossularieen verweilt der Hr. Verf. lange, um ihre 
Verwandtschaft mit den Cacteen nachzuweisen ; er hebt 
die wenigen Annäherungspunkte beider Familien recht 
sorgfaltig heraus, vergifst aber ganz die aufserordent- 
liche Abweichung beider in Hinsicht der Vegetationsart 
und der Eigenschaften, wenn man auch den so gewaltig 
abweichenden Habitus (der so oft den Grund zur Auf- 
stellung neuer Gruppen abgab) hier für ganz unbedeu- 
tend halten will , und doch der Unterschied zwischen 
einem Johannisbeerstrauch und einer Fackeldistel ist 
warlich nicht klein ! Betrachten wir aber ihre vorherr- 
schenden Bestandteile, die Cacteen haben reichlich 



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1016 Lindley, System der Botanik. 

S 

einen Milchsaft, der den Grofsularien ganz fehlt, die 
scharfen und purgirenden, hautröthenden Eigenschaften 
jener, wird mau bei diesen vergeblich suchen. Stark 
riechende ätherisch -Ölige Theile sind häufig bei den 
Grofsularieen, den Fackeldisteln mangeln sie ganz. Nimmt 
man nun noch auf die Gröfse und Schönheit der Blume 
der Cacteen , auf ihre eigenthümliche Art des Oeffnens 
und Schliefsens derselben Rücksicht , so wird man ge- 
stehen müssen, dafs die vielbeliebte Nebeneinanderstel- 
lung der Grofsularien und Cacteen eine höchst unnatür- 
liche ist. Schicklich könnte man die Grofsularien die 
Myrten des Nordens nennen, und demgemäfs ihnen eine 
Stelle im System anweisen. 

Aus der Gattung Circaea hat Lindley eine eigene 
Familie gebildet Man wird dies nur billigen müssen, 
denn der Unterschiede derselben von den Oenotheren , zu 
denen man sie bis jetzt rechnete, sind so viele und so 
deutliche, dafs man sich wundern mufs, warum diese 
Trennung nicht schon früher vorgenommen wurde. Da 
unser Hr. Verf. offen gesteht, dafs ihm die Eigenschaften 
der Circaea unbekannt Seyen , so mufs man ihn auf die 
Schriften der alten Botaniker verweisen , wo er sie ange- 
zeigt finden wird; auch über die Eigenschaften der Sa- 
mydeen, Sanguisorbeen, Celastrineen, Passifloreen, Or- 
chideen und so vieler anderer ist er nur höchst unvoll- 
ständig unterrichtet, indem er kaum etwas mehr anführt, 
als sein Vorbild Decandolle darüber gesagt hatte. 

Die Aufstellung und Erörterung der Pomaceen als 
eigene Familie rührt von unserm Hrn. Verf. her, der 
diesen Gegenstand schon im Jahre 1821. auf sehr genü- 
gende Weise bearbeitete. Die Amygdaleen sind hier 
ebenfalls als eigene Ordnung behandelt, sie sollen sich 
von den Rosaceen und Pomaceen durch ihre Drupa, durch 
die ein Schleimharz liefernde Rinde und die Gegenwart 
der Blausäure unterscheiden, welchen letzteren Umstand 
der Hr. Verf. als ein Hauptmerkmal ansieht und mehrmals 
wiederholt; allein er hat vergessen, dafs diese Säure 
auch bei den Pomaceen vorkommt, namentlich in den 



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t 



Lindley, System der Botanik. 1017 

Saamen der Quitten und in den Blumen von Sorbus 
aueuparia, und andern. 

Wenige Pflanzenfamilien sind so vielfaltig in den Sy- 
stemen der Botaniker herumgeworfen worden, als die 
Resedaceen ; nirgends haben sie eine sichere Stelle. Hr. 
Decandolle hat sie schon da und dorthin gestellt, 
ohne dafs er sie stehen liefse ; B a r 1 1 i n g bringt sie zwi- 
schen die Polygaleen und Fumariaceen; Kunth zwi- 
schen die Capparideen und Datisceen; Reichenbach, 
der sie charakteristisch genug Coliocarpicae nennt, theilt 
sie den Cruciferen zu, und durfte damit am richtigsten 
ihre nächste Affinität angedeutet haben, wenn gleich 
ihre Stelle neben den Papaveraceen schwerer zu ver- 
teidigen seyn möchte. Schulz setzt sie zwischen die 
Droseraceae und Tumeraceae ; Hefs zwischen diese 
und die Violarieae ; Richard zwischen die Flacour- 
tianae und Capparideae; Don hat auf ihre Verwandt- 
schaft mit den Ranunculaceen aufmerksam gemacht, und 
besonders hat man die genaueste Affinität zwischen den 
Gattungen Reseda und Delphinkim finden wollen. End- 
lich setzt sie unser Hr. Verf. neben die Euphorbiaceen ! 
Doch das ist noch nicht Alles und die Zeit ist noch nicht 
gekommen, die ihnen eine ruhige Stelle versprechen 
könnte. 

Als eigene Familie (Brexiaceae) stellt Hr. Prof. L. 
die Gattung Brexia auf, worüber Ref. aus Mangel an 
Autopsie dieser madagaskarischen Pflanze nichts sagen 
kann; auch die Gattung Staphylea hat der Hr. Verf., 
getrennt von den Celastrineen , zu einer eigenen Gruppe 
erhoben , was sich allenfalls vertheidigen läfst , so wie 
die Aufstellung der neuen Familien der Nepentheae, 
Nitrariaceae und Pyrolaceae. Als neue und eigene 
Familien sind ferner die Scaevoleae und Brunoniaceae 
behandelt, nachdem sie vorher mit den Goodenovieen 
vereinigt waren. 

Die sehr ausgezeichnete Bearbeitung der Boragineen 
oder Asperifolien von Schräder in Göttingen kennt 
unser Hr. Verf. nicht; eben so wenig die ungemein fleis- 



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1018 Lindley, System der Botanik. 

sige und gründliche Bearbeitung der Caryophylleen von 
B a r 1 1 i n g ; auch das, was Ober die Eigenschaften dieser 
letzten Familie gesagt wird, hätte bei weitein vollstän- 
diger und genauer seyn können und sollen. 

Wie schwierig die Abtheilung der Endogenen in gut 
charakterisirte Gruppen ist, fühlten alle Botaniker, die 
eich diesem Geschäfte unterzogen; was unser Hr. Verf. 
hier Neues und Eigenes liefert, besteht hauptsächlich in 
der Aufstellung der Gillesiaceae , als einer eigenen Fa- 
milie, die Gattungen Gillicsia und Miersia enthaltend, 
die bisher mit den Asphodeleen vereinigt waren. 

Man hat bei der Erscheinung des vorliegenden Bu- 
ches in England grofse Lobeserhebungen von demselben 
in Deutschland verbreitet, schon frühzeitig die zu lie- 
fernde Uebersetzung angeküudigt , weshalb denn auch 
grofse Dinge davon erwartet und "gehegt wurden ; man 
dürfte sich jedoch, wie dies unter dergleichen Umständen 
so oft geht, nicht ganz befriedigt finden. Dennoch ist 
Lindley's Einleitung eine wahre Bereicherung der bo- 
tanischen Literatur, in der ihr eine ehrenvolle Stelle 
gebührt, denn sie enthält viele neue und eigene Ansichten 
über den Bau und die Structur der Fruchttheile so man- 
cher Familien , nicht wenige scharfsinnige Beobach- 
tungen und Andeutungen über die wahren Affinitäten der 
Ordnungen; sie ist dem deutschen Botaniker besonders 
noch darum schätzbar, weil man hier gesammelt findet , 
was in den englischen, zum Theile sehr kostbaren, bei 
uns wenig verbreiteten Schriften, über die Kenntnifs der 
natürlichen Familien des Gewächsreiches, enthalten ist. 
Gar sehr mufs man übrigens bedauern, dais der anonyme 
Uebersetzer der Botanik wenig kundig zu seyn scheint; 
wenigstens hat er nirgends Notizen und Nachträge bei- 
gefügt, so zahlreich auch die Gelegenheiten sind, die 
fast bei jedem einzelnen Abschnitte sich dazu darbieten. 



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Machiavcl. Par Artaud. 



10W 



Mackiavel, ton g£nie et scs erreurs. Par J. F. Artaud. Parti, 
1833. T. 1. XI u. 455 & T. //. 531 & 8. 

Nie sind vielleicht zu Einer Zeit über Einen Gegen- 
stand zwei so verschiedene und doch miteinander so ver- 
trägliche Werke geschrieben worden, als dieses Buch 
über das Leben des Machiavell und die Charakteristik 
dieses Mannes in den historischen Schriften des unter- 
zeichneten Referenten, die neulich ausgegeben wurden. 
Hier schreibt ein Franzose und ein Deutscher, der eine 
ein älterer, der andere ein jüngerer Mann; der eine 
durch eine Reihe von Werken über italienische Malerei, 
Antiquitäten, Poesie bekannt und seine Werke selbst 
gesacht, der andere kaum aus dem Dunkel hervortretend 
und durch einen im Mifsverständnifs über sich selbst 
begonnenen früheren Versuch bei einer Klasse von Ge- 
lehrten ein wenig discreditirt; der eiue vormals franzö- 
sischer Geschäftsträger in Florenz, Wien und Rom, der 
andere ein simpler deutscher Privatdocent ; den einen 
macht sein langer Aufenthalt in Italien und ein langes 
Studium des florentinischen Staatsmannes zu seinem Un- 
ternehmen hinlänglich befugt, der andere, der kaum 
acht Monate in Italien anwesend, seine Zeit zwischen 
Kunst, Alterthum und mittelaltrige Literatur theilte, 
schrieb in dieser Zeit, ohne andere als allgemeine Vor- 
studien gemacht zu haben, nicht allein sein ganzes Gut- 
achten über den Machiavell , sondern auch eine Geschichte 
der florentinischen Historiographie dazu ; der eine ist in 
einem Hauptfach des Helden seines Werkes erfahren und 
bewandert, der andere in einem anderen Fache dessel- 
ben, so hofft er wenigstens, kein Fremdling. Dies sind 
Gegensätze in der Persönlichkeit der zwei Autoren ; sie 
mufsten grofse Verschiedenheiten in ihren beiderseitigen 
Werken hervorbringen. Dazu kommt, dafs die beiden 
Verfasser beinahe ihre Nationalität ausgetauscht — nicht 
haben, nur zu haben scheinen. Der Franzose schreibt 
ein Opus von zwei Bänden , der Deutsche fafst sich etwa 
in den achten Theil dieses Raumes zusammen ; jener be- 
nutzt sein Buch, um in Noten und Text gelegentlich 



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1020 



Mnchiavel. Par Artaud. 



politische Ansichten und Meinungen , Erörterungen ein- 
zelner Puncte aus der neueren Zeit, Räson nements über 
Charaktere und Begebenheiten der alten Geschichte nie- 
derzulegen, der andere verfolgt seinen Zweck vielleicht 
mit allzuvieler Strenge und Kürze. Haben uns nicht die 
Franzosen vorgeworfen, wir verstünden kein Buch zu 
machen , weil wir mit unserer cruden Gelehrsamkeit den 
Leser plagten, mit unserer breiten Weitläufigkeit den 
Leser langweilten, mit unserer Achtlosigkeit im Styl den 
Leser verletzten, mit all unserer Anstrengung zu keinem 
Ziel, zu keinem Resultat gelangten? Wohlan, dieser 
Franzose besitzt eine crude Gelehrsamkeit, wenn er auch 
den Leser nicht eben damit plagt, der Deutsche plagt 
vielleicht den Leser , aber gewifs nicht mit cruder Ge- 
lehrsamkeit; der Franzose verfährt mit einer breiten 
Weitläufigkeit, sollte sie auch nicht eben langweilen, 
der Deutsche aber, falls er langweilt, thut's zuverlässig 
nicht durch breite Weitläufigkeit; der Franzose hat 
eigentlich gar keinen Styl , sondern er läfst fast immer 
den Machiavell selbst reden, der Deutsche behandelt 
nicht selten den Machiavellischen Text selbst da, wo er 
übersetzt, mit einiger Freiheit; der Franzose gesteht es 
bescheiden selbst, dafs er mit seiner grofsen Anstren- 
gung zu keinem Ziele kommen wollen, der Deutsche 
meint ganz treuherzig, mit seiner ungleich kleineren 
Anstrengung zum Ziele gekommen zu seyn. Hr. Artaud 
ist ein Mann, der seinen Machiavell mit einer scrupu- 
lösen Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit gelesen hat; 
noch mehr, er hat den ganzen Procefs, der seit drei- 
hundert Jahren vor dem Publicum anhängig ist, durch- 
studirt; er widmet den Schriften, die pro und contra 
erschienen sind . mehrere hundert Seiten seines zweiten 
Bandes, während der Deutsche diese Angriffe und Ver- 
theidigungen ganz knapp von sich abwies; Hrn. Artaud 
entgeht nicht die kleinste Falte in Machiavell's Herzen, 
nicht die versteckteste Zeile in seinen Schriften, nicht 
der kleinste Fehler in seinem Gedächtnifs. Macht er 
einen lateinischen Schnitzer, Hr. Artaud corrigirt ihn; 



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Machiavel. Par Artaad. 1021 

braucht er in seinen Briefen ein französisches Wörtchen, 
so freut es Hrn. Artaud und er zweifelt nicht, dafs er 
vortrefflich Französisch gesprochen habe; begeht er 
einen historischen Irrthum, Hr. Artaud spürt ihn auf; 
citirt er den David falsch, Hr. Artaud weist ihn zu- 
recht; spielt ein gewisses Pillenrecept in MachiaveU's 
Leben eine gewisse Rolle, Hr. Artaud läfst es von 
Chemikern und Apothekern machen; die Rede fuhrt 
Hrn. Artaud auf ein Gebetbuch der Königin Anna von 
Bretagne, er beschreibt es, wie es noch existirt, in 
seiner Eigenschaft als Präsident der Gesellschaft der 
französischen Bibliophilen ; soll eine Stelle aus Commines 
citirt werden, so läfst sie Hr. Artaud in derselben Ei- 
genschaft in alten Charakteren drucken; jedem kleinen 
Tractat in MachiaveU's Werken weist er nach chronolo- 
gischer Forschung seine Stelle an; nicht das kleinste 
Fragment ist in seiner allgemeinen Analyse unberücksich- 
tigt geblieben; keine Unterschrift in MachiaveU's Briefen 
und Berichten ist übersehen, denn der erfahrene Diplo- 
mat weifs, dafs unter seines Gleichen die zärteste Beob- 
achtung der Regeln der Etiquette herrscht, und dafs 
aus dem Uebergang von einem „unterthänigen Diener" 
zu einem blofsen „Diener Machiavell" auf gestiegenen 
Rang und Selbstgefühl in dem florentinischen Secretär 
zuschliefsen ist Was hat nun der Deutsche hiergegen 
zu setzen? Dafs er seinen Autor kennt, trotz dem Hrn. 
Artaud, würde er wohl nicht gerne bezweifelt sehen; 
dafs er seines Autors Fehler nicht übersehen hat, giebt 
er hier und da zu verstehen, lehnt es aber ab, sie zu 
bekritteln; dafs er aber Citate, Unterschriften und jedes 
Bruchstückchen mit so diplomatischer Genauigkeit er- 
wogen, mit so chronologischer Schärfe an die richtige 
Stelle gewiesen habe, das darf Er nicht behaupten wollen, 
der von fünf bis sechs Werkchen des Machiavell gar 
nicht redet, der von den Büchern über den Krieg eher 
handelt, als vom Fürsten, oder, wie uns Hr. Artaud 
künftig zusagen heifst, von derri Büchlein über die Für- 
stentümer. Der französische Verfasser giebt eine voll- 



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1022 



< 

, Machiavel. Par Artaud. 



ständige Analyse der sämmtlichen Werke Machiavel Fs; 
eine minutiöse Erörterung seiner Legationen und Nego- 
tiationen , meistentheils mit den treu ubersetzten Worten 
des Autors selbst; sein Grundsatz ist dabei, es gäbe 
nichts Kleines in dem politischen Leben eines solchen 
Genies. Dafs bei einer so gründlichen Ausführung na- 
mentlich dieses letzteren Theils von Machiavells Werken 
der Verf. viele Leser zu ermüden fürchten mufste, war 
natürlich und wird von ihm selbst geäußert; dagegen 
bekennt sich auch der Deutsche für diese Methode im 
Allgemeinen, nur dafs er sie nicht so kleinlich wird aus- 
gedehnt wissen wollen. Ihm scheint es, als ob in un- 
serer Welt der Bücher und der Gelehrsamkeit in der Fülle 
und Masse nicht das Wissen bestehen könne, als ob der 
Stein der Weisen nicht sowohl durch 'Aufschichten als 
durch Wegräumen und Ansscheiden zu finden sevn müsse. 
Er hat sich deshalb scherlich darum gekümmert, wenn 
hier so viel Gewicht auf mancherlei der kleineren Pro- 
ducte des Florentiners gelegt wird, wenn der Verf. des 
französischen Werkes z.B. (I, 202.) in den Decennalen 
die „höchste Poesie" findet, denn dem Deutschen mifs- 
hagt an diesem Ausspruch der Geschmack des heutigen 
dichtenden und lesenden Publica ms, das für Poesie nimmt, 
was irgend ein junger, unruhiger und leidenschaftlicher 
Mensen, aufgeregt durch die Frische seiner ungestüm- 
men Empfindungen, nicht selten durch Unmuth über 
seine Verhältnisse, durch gestörte Ideale mit heifsern 
Blute, mit fieberhafter Laune, mit erbitterter Seele in 
Verse bringt, die ihm die gemachte poetische Sprache 
einer kaum emporgeblühten Literatur bietet, in Reime, 
die ihm aus der nämlichen Quelle zufliefsen, in Gedan- 
ken, die allzuoft Reminiscenzen derselben Art scheinen. 
Diese Heftigkeit, dieser patriotische Eifer, diese glatten 
Reime, diese scharfsinnigen Antithesen, diese Allegorien, 
sprüchwörtliche Sentenzen und Witzworte reizen auch 
in Machiavells Versen ,„ allein der Reiz ist kein poeti- 
scher. Dies also und dergleichen liefs den deutschen 
Verf. unbesorgt , allein wie mochte ihm wohl zu Muthe 



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Machiavel. Pur Artaud. 



1023 



werden, als er hier den halben Band des Werkes eines 
Diplomaten, eines ehemaligen Geschäftsträgers in Flo- 
renz, Wien und Rom über einen Diplomaten, über das 
Master aller Geschäftsträger vor sich sah? Gewifs, 
ohne Besorgnifs ging er nicht an das Buch, denn wie 
leicht konnte er mit seinen unerfahrenen Paar Jahren 
sich in jener Beurtheilung der Gesandtschaft an Cäsar 
Borgia die gröfsten Blöfsen gegeben haben, so altklug 
~ter sich auch dabei anzustellen scheint; doch ging er 
darum nicht minder in dem ernsten Wunsche daran, 
wirkliche Aufklärung und Belehrung zu finden. Aber 
hier fand er sich getäuscht; zu seiner Freude vielleicht? 
nein, vielmehr bis zum Mifsmuth, denn durch die Ver- 
gleichung dieses Buches belehrt zu werden, wäre ihm 
unendlich wichtiger gewesen, als sich durch sie etwa ein 
wenig geschmeichelt zu sehen. Die nationale Eitelkeit 
scheint Hrn. Artaud veranlafst zu haben, Machiavel Ts 
Gesandtschaft am französischen Hof ausführlicher als alle 
andere zu verhandeln, und dabei allerhand Puncte genau 
zu besprechen , die man für unbedeutend halten möchte. 
Er hebt dort den Geiz der florentini sehen Signorie her* 
vor, der den Gesandten immer in Noth und Schulden 
bringt, allein er scheint wirklich übersehen zu haben> 
bei all seiner sonstigen Gründlichkeis, dafs der Geld- 
mangel von anderen Gesandten nicht so empfunden ward , 
wie von Machiavell , der aus Grundsatz volle und offene 
Hände an den Legaten forderte. Hier dagegen , in der 
Legation an den Herzog Borgia, die weit wichtiger ist 
und weit lehrreicher, wo wir zuversichtlich in die Schlan- 
genwege des diplomatischen Verkehrs näher eingeführt 
20 werden hofften, hier zeigt uns Hr. Artaud weder 
das ängstliche, kleine Benehmen der Signoren, noch 
den schärferen Blick, das gesunde Urtheil , die peinliche 
Lage des Machiavell ; dort rühmte er an dessen Berichten 
die Unerschrockenheit , den Wahrheitssinn, den Patrio- 
tismus, und verwechselt dabei die Zeiten, die damals 
mehr ertrugen als heute, hier aber übersieht er die 
Feinheit der Rathschläge, den Tact in seinen Vorwürfen 



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1024 Machiavel. Par Artaud. 

und, als Alles nichts helfen will, die ungestümme For- 
derung der Abberufung, die nichts anderes bezweckt, 
als die Siguoren zu entschiedeneren Mafsregeln anzu- 
feuern, während Hr. Artaud dies ganz anders und ganz 
übel zu deuten scheint.*) Man hätte denken sollen, 
über den Redekampf, über die Verhandlungskunst zwi- 
schen dem Herzog und dem Secretär hier mehr zu finden, 
als die biofsen Andeutungen des deutschen Verfs., allein 
man findet selbst die Andeutungen nicht. Wo dieser 
lauter Schlauheit, List, Vorsicht zwischen Beiden sieht, 
sieht Hr. Artaud Freundschaft; wo der Herzog mit 
einem gezeigten Vertrauen den Florentiner einzunehmen 
und cordial zu machen sucht, sieht Hr. Artaud Inti- 
mität; wo der Herzog den Secretär zu übertölpeln sucht, 
sieht Hr. Artaud gar nichts. Die Unmöglichkeit, in 
der sich Machiavell findet, das Geheimnifs des Herzogs, 
das Dunkel, in das er sich hüllt, zu durchdringen, wird 
nicht erwähnt, wohl aber des Breiten über eine Geleits- 
versicherung für die florentinischen Kaufleute gehandelt, 
die in der ganzen Geschichte eine ganz unnöthige Epi- 
sode ist; was der Herzog durch sein auffallendes Allein- 
stehen, durch die Art, wie er ganz auf sich selbst ruht, 
auf Machiavell s politische Ansichten wirken konnte; was 
des Herzogs Plane Seyen ; was für Reden über seine Plane 
gingen , wird nicht hervorgehoben : und doch ist es nur 
dies, was die Signoren, was selbst* den Machiavell in 
diesen Unterhandlungen vor den äufsersten Vorwürfen 
schützen kann. 

{Der Beachlu/9 folgt.) 



*) Er scheint dafür zu halten, doli Machiavell etwas von de« 
Herzogs Planen gewußt oder gemerkt hätte , und dafs er des- 
halb, um seine Seele zu retten, so ungeduldig von seiner Seite 
wegbegehrt hätte. I, 114. II a peut-etre exagere l'etat de 
de'trcsse oü il s'est vu dann cette mission ; il a pleurc misörc, 
comme un ve'ritable enfant: il a manifeste' le plus opiniätre 
empressement de aortir de cet enfer. — Le crime apparüent 
tout entier ä Cesar Borgia. 



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I 



N°. 65. HEIDELB. JAHRB. d. LITERATUR. 1883. 



Machiavel Par Artaud. 

V 

( B e« c hlufi.) 

Bei Gelegenheit der Erwähnung des Hofmannes, der 
dem Secretär einige vertrauliche Mittheiiungen macht 
(p. 105.), in Bezug auf die Geschicklichkeit der Leute, 
mit denen der Herzog umgeben ist (p. 104 ), stimmen 
die Verff. einmal zusammen. Gleich nachher aber wird 
bei Hrn. Artaud über die Bundesartikel und die Unter- 
handlungen des Herzogs mit seinen Feinden leicht weg- 
gesprungen, und sein Benehmen gegen Florenz bleibt 
ein Räthsel. Dafs der Verf. des französischen Werks 
übrigens den Machiavell in dieser Sache theilnahm- und 
schuldlos sieht, ist natürlich, da keiner anders kann, 
der die Quellen durchliest; auch dafs er ihm kein Ver- 
brechen daraus macht, wenn er sein Mißfallen in dem 
berüchtigten Document unterdrückt, ist erklärlich, da 
auch er dies Document als einen amtlichen Bericht an- 
sieht, in den kein Lob und kein Tadel gehört, und da 
er weifs, wie wenig man einen Menschen nach seinem 
Auftreten in einem Amte beurtheilen mufs, das ihm „die 
Regeln der strengsten Convenienz, des Ernstes und der 
Kälte, und Rücksichten auf unwissende, eitle und pe- 
riodisch wechselnde Magistrate auferlegt" 

Ich konime zurück , um meine summarischen Aus- 
sprüche im Eingang zu erhärten. Der französische Autor 
sieht sich dem ganzen Europa, das in den Angelegen- 
heiten des Machiavell seit dreihundert Jahren als ein 
permanentes Assisengericht constituirt ist, um den grofsen 
Procefs über den Mann zu instruiren, gegenüber, und 
tritt — weder als Ankläger noch als Vertheidiger auf, 
sondern er scheint bestellt, die Acten zu revidiren, in 
Ordnung zu redigiren und den Geschwornen zur leich- 
teren Uebersicht vorzulegen. Der Deutsche sitzt in der 

XXVI. Jahrg. 10. Heft. 65 



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1026 Machiavcl. Par Artaud. 

Jury, resumirt und giebt sein Votum bereits ab, und 
mufs nun gewärtig seyn, ob die übrigen Mitglieder mit 
ihm oder gegen ihn oder gar nicht stimmen, und dem 
Franzosen beifallen werden, der wieder von vorne zu 
untersuchen anfangen will. Kenne ich meine Deutschen 
recht, so werden bei ihnen Stimmen in jedem Sinne 
fallen, bei dem letzten aber wird es sein Verbleiben 
haben. Hier steht also Hr. Artaud in einem grofsen 
Vortheile. Zudem gewinnt er durch die grofce Gewis- 
senhaftigkeit, mit der er an seine Aufgabe geht, durch 
die hohen Begriffe, die er davon hat, durch seine wahr- 
haft deutsche Bescheidenheit jeden Hörer und Leser 
eben so sehr, als der Deutsche durch sein vorlautes Ab- 
stimmen und seine wahrhaft französische? das möchte 
ihn kränken , aber doch nicht eben deutsche Anmafsung 
abstofsen könnte. Hr. Artaud sagt in seiner Vorrede, 
er wolle des grofsen Processes sämmtliche Aktenstücke 
dem Publicum wieder vorlegen, und sie mit den erfor- 
derlichen Erläuterungen und Erörterungen begleiten. 
Nichts wolle er übergehen, er werde den Dichter, den 
Politiker, den Moralisten, den belustigenden Erzähler, 
denComöden, den Strategen , den Historiker Machiavell 
vorführen; Alles in diesem Universalgenie hätte er beur- 
theilen, oder vielmehr vorlegen müssen, um dem Publi- 
cum das Urtheil möglich zu machen. „Enfin (introd. 
p. XL), resolu, malgre quelques resistances , a placer 
mon nom en tele de cet ouvrage , fai senti la neces- 
site de prouver au public le respect que je porte a 
ses decisions; je riai rien neglige pour excüer son 
attention, pour meriter sa bienveillance , et pour rem- 
plir ma lache en komme d'konneur, en komme scru- 
puleux observateur des r&gles prescrites en tous pays 
par les habitudcs de la societe choisie, en komme 
qui aspirait ä &re lu par les esprits justes et gene- 
reux. Je nai rien onus, rien laisse en arriere, ni 
temps , ni v etiles , ni sollicitations , ni priores, ni sacri- 
fices , pour achever convenablement wie tacke diffi- 
cile, que iout le monde ne pouvait pas entreprendre, 



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9 



Machiavel. Par Artaud. 



102? 



et a laquelle je me suis devoue , corps et biens, ctvec 
le plus entier abandon." Gewifs, dies ist sehr ehren- 
werth; und Ref. mufs bekennen, dafs diese Unverdros- 
senheit, dieser redliche Eifer durch das ganze Buch 
durchgeht, das uns eigentlich mehr an die Forschungen 
neuerer englischer Gelehrten erinnerte, als an frauzö- 
sische. Wenn uns der wackere Mann seine Aktenstücke, 
wo er excerpirt, mit mehr Umsicht excerpirt hätte; denn 
nach dem, was der erwähnte Geschworene im Gedächt- 
nifs hat aus dem früheren Lesen der ganzen Acten, kam 
es ihm vor, als ob viele sehr wichtige Dinge in den 
Schatten gestellt, viele sehr unwichtige herausgehoben 
seyen; dazu hat der Berichterstatter, der im Grofsen dem 
Publicum das Urtheil freilassen wollte, im Einzelnen 
allzuviel geurtheilt. Mir dünkt, dafs er zu sehr sich an 
die einzelnen Fälle gehalten hat mit seinen Vertheidi- 
gungen , und an das Ganze der Handlungen und der Ab- 
sichten des Angeklagten zu wenig, oder eigentlich gar 
nicht; mir dünkt, dafs er sich dadurch des gröfsten 
Vortheils begeben hat, dessen er sich vor einer Jury 
bedienen konnte, bei der die moralische Ueberzeugung 
gilt ; die abgerissenen Worte des Machiavell , vereinzelt 
discutirt, brechen ihm den Hals, ohne alle Rettung; des 
Mannes Maximen, Leben, Werke im Ganzen setzen ihm 
die Bürgerkrone auf. Wenn er den Helden seines Buchs im 
Allgemeinen charakterisirt, was thut er? Er zählt (p. 1.) 
auf, was er nicht Alles war; ein praktischer, ein theo- 
retischer Staatsmann, ein tiefer Cominentator des Plato, 
des Aristoteles , des Titus Livius, des Tacitus, des Sat- 
lust, des heiligen Thomas, ein Hersteller der Comödie, 
ein Novellist, ein erotischer und satyrischer Poet, ein 
unermüdlicher Vertheidiger der vernünftigen Rechte 
seines Landes, ein durchdringender und scharfer Beob- 
achter der Sitten des civilisirten Europa seiner Zeit, ein 
grofser Historiker, ein Universalpublicist, ein Stratege. 
Aber armer Machiavell, wenn nicht ein gemeinsamer 
Mittelpunkt da ist, auf den sich alle diese disparaten 
Eigenschaften concentriren lassen, wenn sie nicht alle in 



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1028 Machiavel. Par Artaud. 

derselben Peripherie gröfsere oder kleinere Räume be- 
schrieben, wenn nicht die Enge des Einen durch die 
Weite des anderen dieser Räume bedingt und entschul- 
digt würde, welch eine kümmerliche Stelle würde dann 
der treffliche Mann in vielen dieser Qualitäten einnehmen ! 
Der tiefe Commentator des Plato, des heiligen Thomas! 
der Novellist, der Poet! Doch dies mag so hingehen. 
Allein schlimmer ist's, dafs Hr. Artaud sich auf die 
Verteidigung einzelner politischer Lehrsätze des Ma- 
chiavell einläfst, indem er sie aus dem Ganzen heraus- 
reifst. Wenn er für den florentinischen Secretär über- 
haupt sich in günstiger Stimmung zeigt, so bedenke 
jeder Leser, dafs der Mann weit entfernt ist von diplo- 
matischer Nichtachtung moralischer Vorschriften, im Ge- 
gentheil hat es mich überrascht, einen so strengen Sit- 
tenrichter in ihm zu finden und einen so vortrefflichen 
Begriff von der modernen politischen Moral von ihm zu 
bekommen, wie ich ihn in meinem Leben nicht gehabt 
habe. Man lese nur seinen Abscheu gegen einen Cäsar 
Borgia,*) seinen Abscheu gegen die Doctrin des Ma- 
chiavcll , dafs unter gewissen Umständen Wort halten 
unklug sey. Wenn er aber den Machiavell zu retten 
meint gegen den Vorwurf einer Vorliebe für den Herzog*, 
indem er aufspürt, dafs er ihn mit den Namen eines 
Verstellers, eines lauernden, lockenden Basilisken be- 
legt, so werden sich wenige seiner Leser beruhigt fühlen ; 
und wenn er mit Vergleichung der heutigen , ihm in so 
gutem Lichte erscheinenden Sitte **) das einzelne Capitel 

*) I, 116. Ce miserable sans patrie, cspece de brigand sur le 
tröne, et dont on pouvait dire qu'il dtait sans pcre, puisqu'il 
ne pouvait nommer le sien, ne manquaii pas d'une sorte de 
talent, d'dloquence et d'habilcte en affaires , meine il savait 
punir justeinent , — mais toutes ces consid<?rations ne serrent 
qu'ä l'accuser encore plus de n'avoir pas cherclie* a fonder une 
autorite que protegeaient tant de puissances , sur la fidelite a sa 
foi, et sur ces verlus dont quelques princes de ce temps-la lui 
donnaient l'exemple. 

■*) 1, 350. Aujourd'hui — il n'est plus permis de mentir. Un 
diplomate qui suivrait de tellcs maximes serait le jouet de son 



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Machiavcl. Par Artaud. 1029 

über den Wortbruch bestreitet, so wird ihm eben so 
wenig Jemand beipflichten, der dies in seinem richtigen 
Zusammenhang sieht. Wenn er (I, p. 220.) dem Ma- 
chiavell den schnellen Uebergang zu den Mediceern vor- 
wirft, jso hätte er auch da nicht übersehen sollen, welche 
allgemeine Grundsätze den Florentiner dabei leiten; hier 
ist ein Punkt, wo die Kenntnifs der Sitte jener Zeiten 
wieder unumgänglich war. Auch p. 311. veitheidigt er 
in solch einer schwachen Weise wieder den Machiavell 
gegen die Anklage seiner Neigung zu Borgia ; er wünscht 
nur, dafs Machiavell sich offner, deutlicher, bitterer 
über ihn geäufsert habe, und doch glaubt er, dafs das 
bischen moralische Mifsfallen , was er in feinen Aeufse- 
rungen über ihn findet, das sonstige politische Wohlge- 
fallen aufwiegen könnte. Hier sind wir im Mittelpunkt 
der Kritik des Hrn. Artaud angekommen. Er wägt 
hin und her, Wahres gegen Falsches , gutes gegen Böses 
in den Schriften des Machiavell , und denkt mit dem 
Ersteren dem Letzteren ein siegreiches Gegengewicht 
zu halten. Dies liegt in seinem Verfahren, es liegt auch 
ziemlich deutlich in einer Stelle auf I, p. 293. ausge- 
drückt, *) Er legt daher auf Machiavells humanere 



• 

pays et des autree nations ; i'homme cn place , qui passerait 
pour manquer ä ea parole, qui ee complairait dane cette poll- 
tique d'nne ei pCtite «Schelle, comparaltrait devant un tnbunal 
qui read ansei .ee arreta : mille journaux proclameraient toue 
lee marine ees nouvelles perfidiea. On ne tromperait pas trois 
foie eane Ätre dömaequd. Aujourd'hui lee prineipaux diplomates 
de l'Europe eont dee hommes aussi distinfrues par la droiture 
de leur esprit que par leure talente; et la eocie*te* ne recoit-elle 
pas tone les jours, dans sons sein, des ministres, qui souvent 
ont, le matin nieme, discute les affaires de TEtat? La, lee 
femmes, les hommes de lettres, les proprie*taires d'une fortnne 
independante, les bons esprits , mille puissauces divereee fe- 
raient justice du menteur et de l'iinpie. 
•) Je ne die pas, qu'cn continuant d'exaroiner les prineipautes, 
nous ne trouvions matiere a observations tres- serieuses sur 
plusienrs prCceptes iniques qu il y aura lieu de coiubattrc, comroe 
le fameux cbapitre 18. sur la manicre de maintenir sa parole; 



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e 



1080 Machiavel. Par Artaud. 

Doctrinen eine ganz besondere Bedeutung ; seine Be- 
kämpfung der Confiscation ist eine derselben, die ihm 
sehr schwer in die Wagschale fallt. Hr. Artaud ver- 
zeiht dem Machiavell seine Lehre vom Wortbruch wegen 
der von der Confiscation ; er vergiebt ihm das Unrecht, 
das er mit seinen Urtheilen hier und da den Franzosen 
thut, wegen seiner sonstigen Welt- und Völkerkenntnifs ; 
er hält ihm seine Träume über italische Einheit zu Gute, 
weil sie von Patriotismus zeugen , und weil er nicht ein- 
sieht, dafs ein MachiaveNischer neuer Fürst in derglei- 
chen Bedenklichkeiten, wie Er sie (I, 413.) vorbringt, 
gar leicht Rath schaffen kann; Hr. Artaud entschuldigt 
Machiavell s frühere, im Exil, in der Noth, in grösserer 
Jugend geschriebene Schriften mit seinen späteren, rei- 
feren; die Discurse mit der Kriegskunst r den Castracani 
mit dem Gutachten an Leo X. , mit der Instruction an 
Rafael Girolamo; den Fürsten (II, 170.) mit der Ge- 
schichte, und er hat nicht gesehen, dafs in der Ge- 
schichte die Lehre vom neuen Fürsten an verschiedenen 
Beispielen deutlicher, klarer vorgetragen wird, als in 
dem Fürsten selbst, der alle Köpfe zu verwirren be- 
stimmt scheint. Er meint mit seiner chronologischen 
Reihe der Machiavell'schen Schriften die Inconsequenz 
darin zu erläutern und zu entschuldigen; die Verände- 
rungen in denselben sind successiv; er meint (I, p. 368.), 
Machiavell habe allmählig seine verschiedenen politi- 
schen Lehren modificirt, verlasseu, wieder ergriffen und 
unter neuen Gesichtspunkten dargestellt, bis er zuletzt 
bestimmte Ansichten festgehalten habe. Diese bestimmten 



mais je ne saurais trop de'plorer qu'on ait si peu lu cet ouvrage, 
et que surtout on connaissc si imparfaitemcnt en France cette 
quantite de pages eloquentes, aninie'es et brillantes, qui four- 
millent dans ee traite'. Je finirai l'examen de ce chapitre, en 
faisant obscrver, que tous les jugemens portds, ici sur la France, 
ei Ton excepte la petite durete maligne que le cardinal s'e'tait 
bien attiree par sa provocation, offrent un caractere d'urbanite 
et de gravite*, qui portent bien plus avant la conviction dans 
resprit mcmc du lecteur francois. 



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Machiavel. Pnr ArUutl. 1031 

Ansichten in seinen Geschieht« - und Kriegsbüchern aber, 
sagt der deutsche Autor, sind die nämlichen, die in den 
Discorsen und im Principe liegen; die gröfsere Reife in 
ersteren Werken erkennt er an, die gröfsere Ordnung 
auch, eine Veränderung der Grundsätze und Ooctrin 
nicht, auch nicht die kleinste. Wenn Hr. Artaud ge- 
legentlich bedauert, dafs man so viele Aussprüche dein 
Machiaveli , nicht aber dem Tacitus oder Aristoteles ver- 
dacht habe, aus denen er die nämlichen entlehnte, so 
hätte ihn eben dies auf den Weg leiten müssen, auf 
dem einzig zu einer richtigen Ansicht des Machiaveli zu 
gelangen ist. Bei jenen sah man die guten Principien 
vorherrschend; das sah man auch in den Discursen, 
und hat deshalb diese immer gelobt, obgleich sie um 
kein Haar besser sind , als der Fürst, *) es sey von Grund- 
sätzen oder Forschung, oder Styl die Rede. Studium 
der Geschichte überhaupt, um dies recht deutlich zu 
sagen, dann Studium der italischen und florentinischen 
Geschichte im Besonderen, dann Studium der Werke des 
Machiaveli und die Erforschung des obersten politischen 
Grundsatzes des Staatsmannes, und des Einhejtspunktes 
in dem .moralischen Charakter des Menschen kann allein 
zu einem Urtheil über diesen Mann berechtigen. Das 
Studium der Geschichte besitzt Hr. Artaud nicht in 
dem nöthigen Maafse, das Studium der Werke des Ma- 
chiaveli vielleicht in allzu grofsem; einen politischen 
Grundsatz hat er nicht gefunden, sondern nur Wider- 
spruch und Schwanken , Wahrheiten und Paradoxen. Wer 
mit Machiaveli über seine politischen Sätze philosophirend 
räsonniren und um die Wette diviniren will , dem wendet 
er verächtlich den Rücken und zeigt ihn auf griechische 
und römische Geschichte , wo seine Lehren Thaten sind, 
und Glück und Gröfse brachten; er will nicht erst ahnen 

*) £• freut den Ref. ungemein, da Ts nach einer Notiz, die er in 
diesem Werke gefunden hat, der vortreffliche Dahlmann iu 
seinen Vorlesungen eine Ansicht über den Fürsten des Machia- 
veli auszusprechen pflegt, die mit der »einigen ganz überein- 
zustimmen scheint. 



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1082 



Machiavel. Par Artaud. 



und rathen , was möglich and im Reich des Peisthetäros 
ausfuhrbar ist, er weifs, was möglich war und ausge- 
führt worden ist, und täuscht sich nur darin, dafs er 
meint, alles möglich Gewesene müsse immer möglich 
seyn. Wenn man mit dem Machiavell um seine morali- 
schen Sätze zanken will und auf sein blutendes, von 
des Vaterlands Schicksal gerührtes, menschliches Herz 
bauend , allerhand sentimentale Milderungen seiner harten 
Predigten zu erhalten hofft, so wiederholt er kalt sein 
8ed ego censeo — denn er wufste voraus, weil man 
mit dem neuen Cato das ungerechte Schwert nicht zog 
gegen den Feind, gegen welchen ein Vertilgungskrieg 
nothwendig war, darum mufste sein bedrohtes Land der 
siegenden Kraftlosigkeit und Schwäche, dem Geiz und 
dem Eigennutz erHegen. So ungefähr würde der deutsche 
Verfasser urtheilen, der vielleicht mit seinem kleinen 
Werkchen ( si parva magnis componwe licet ) in eine 
ähnliche Lage kommen dürfte, wie Machiavell selbst. 
Weder Machiavelli war seine Wahl als das Ideal eines 
Menschen oder Schriftstellers oder Staatsmannes, noch 
das aragonische Volk, dessen Geschichte er in demselben 
Bande historischer Schriften behandelt, als das Ideal 
eines Volkes. Aber die Eigenschaft der Kraft und Con- 
sequenz, die in dem Manne und in dem Volke herrscht, 
die war seine Wahl, die schien ihm als Muster der Ge- 
genwart vorgehalten werden zu müssen, die allerhand 
Tugenden kennt, aber Beharrlichkeit und energische 
Grundsätze nicht kennt. Dieser Mann und dieses Volk 
wiesen ihn vielfach auf das römische Alterthum. Auch 
Rom gehört nicht zu seinen Idealen ; er hat daher die 
griechische aocpQoavvri neben die pa>firj 9 vielleicht hier 
und da nicht ohne Zwang, gestellt. Gegen die Art 
von Beurtheilung aber, wie sie in Artaud 's Werk sich 
findet, und gegen die Art von Büchern, wie Artaud's 
Buch eines ist, hat derselbe sein eignes Buch und die 
Beispiele seines Autors ausdrücklich gerichtet. Er hat 
die Gegenwart im Auge und die Vergangenheit ist ihm 
besonders als Lehrerin der Gegenwart wichtig. Er 



Schweikart, matrinionü conscientiae definitio. 1033 



mufste daher urth eilen, nicht blos wieder auf die ver- 
flossenen Jahrhunderte das Publicum zurückweisen, wie 
Artaud thut. Aber herzlich kann er anerkennen, dafs 
sich die beiden besprochenen Bucher aufs Beste ver- 
tragen, dafs Jedes von beiden so ziemlich Alles giebt, 
was das Andere nicht giebt, und dafs sich doch die 
allgemeinen Endurtheile, auch in vielen Fällen die ein- 
zelnen, hier und da durch ein eignes Zusammentreffen 
fast bis auf dieselben Worte entsprechen. 

Gervinus. 



i 

KURZE ANZEIGEN. 



D. F. C. Schweikart pr. matrimonii contcientiae definitio. König sb. 
1832. 15 S. 8. 

Reff, las die hier anzuzeigende Schrift mit besonderem Interesse, 
da sie ihn in Gedanken an die ferne Ostsee zu einem alten geehrten 
Freunde versetzte. Hätte doch der Körper des Menschen Flügel , wie 
sein Wort. — Der Verf. bestimmt den Begriff der Gewissensehe 
(richtig) so, dafs sie nach dem jure canonico diejenige Ehe sey, bei 
deren Abschliefsung kraft einer in foro contcientiae erhaltenen Dis- 
pensation nicht die gesetzlichen Förmlichkeiten beobachtet worden 
sind. Er handelt zugleich von ilen Fällen, in welchen eine Dispen- 
sation dieser Art ertheilt zu werden pflegt. — Vor wenigen Monaten 
kam eine solche Ehe vor den englischen Gerichten zur Sprache. Die 
Ehe war in Rom von einer Engländerin ex dispensatione papali ein- 
gegangen worden ; ohne Zustimmung der Mutter, welche sich mit 
der Tochter zugleich in Rom aufhielt ; von einem für die Trauung 
besonders bevollmächtigten Geistlichen. Der Fall hatte noch mehrere 
andere keineswegs erfreuliche Eigenthürolichkeiten. Vgl. die Times 
v. 10. Mai 1833. Das englische Recht wendet den Grundsatz: Lociu 
regit actum, auch auf Ehen an. 



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-• 



1034 Verschiedene Schriften. 

Napoleon und die churhessischen Staatsschulden. Ein Erkenntnifs über 
den Rechtsbestand der, in NapoUons Auftrage, einem churhessischen 
Capitalschuldner ertheilten Quittung. Mit Anmerkungen herausge- 
geben von Ferd. Carl Schweikart, ostpreufs. Tribunahathe und 
ord. Prof. der Rechte zu Königsberg. — König sb. b. A. W. Unzer. 
1833. 110 S. 8. 

Die Schrift hat eine von den vielen Rechtsstrcitigkeiten zum 
Gegenstände, zu welchen die von Napoleon verfügte Einziehung der 
churhessischen Capitalicn Veranlassung gegeben hat. Das in dieser 
Sache (von der Juristenfaenltät zu Königsberg) gesprochenr Urtheil 
entschied für die Schuldner, also für die Gültigkeit der auf dem 
Titel der Schrift bezeichneten Quittung. Die rechtliche Ausführung 
ist gründlich und so ausgearbeitet, dafs die Schrift einem Jeden em- 
pfohlen werden kann, für welchen die allgemeine Streitfrage ein un- 
mittelbares oder mittelbares Interesse hat. 



Das revolutionäre und constitutionelle Treiben oder der Liberalismus 
unserer Zeit. Von Ed. Hö nicke, Dr. der Philos. Dessau, bei 
J. C. Fritsche u. Sohn. 1833. 46 i 8. 

Eine mit Wärme und in blühender Sprache geschriebene Ab- 
handlung über die politischen Hauptfragen des Tags ! Der Verf. 
schreibt im Geiste der Parthci des rechten Mittels. 



Grammaticae arabicae Element a et f ormarum doctrina' 
per tabulas descript a. In usum praelectionum digessit J. A. 
Füllers, Ph. Dr. privatim docens in Universitate Bonnensi. 
Bonn 1832. 40 & 4. 

Je einfacher das Grammatikalische der orientalischen Sprachen 
gelehrt werden kann, desto besser. Nicht nur dürfen die ohnehin 
nicht allzuzahlrcichen Liebhaber derselben nicht durch entbehrliche 
Künstlichkeiten zurückgeschröckt werden. Auch die Natur dieser 
Sprachen selbst ist nicht für eine ausgekünstelte Regel mäfsigkeit. 
Nur was zur Bestimmung des Sinnes genau beachtet werden raufs , 
ist gleich anfangs festzuhalten. Ueber t vieles Andere mag man, in- 
sofern es freier Sprachgebrauch ist, Beobachtungen machen, aber den 
Namen von Regeln oder Gesetzen oder dann wieder von Ausnahmen 
und Anomalien sollte man nie dafür gebrauchen. In den orientali- 
schen "Sprachen sind die freien Naturspiele der Sprechenden noch hör- 
barer und sichtbarer geblieben. Ist doch auch im Arabischen die 



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I 



Dr. Völlers tabeliar. arab. Grammatik. 1035 

genauere Ponctation nur späteren Ursprungs Und immer eine unzu- 
reichende Bezeichnung dessen, was die lebende Aussprache nicht dem 
Auge, sondern dem Ohr gegeben hatte. Deswegen gestehe ich, da Ts 
mich, der ich einst in alle die Subtilitäten von Danz, Hiller, Schi- 
kard-Speidel, Schröder u: s.w., trotz einem, eingeweiht, nur desto 
mühsamer das Nöthige von dem Zufälligen selbstzusclieiden gelernt 
und als Prof. orientalimu zu Jena mit einem die Erleichterung be- 
lohnenden Erfolg gelehrt hatte, seit der doch so kunstreich gewor- 
denen hebräischen Grammatik meines vormaligen Zuhörers, Dr. Vater, 
▼or mehreren solchen ausführlichen Kunstwerken ein wahres Schau- 
dern ergreift, weil am Ende ja doch nur die Consonanten in den 
meisten Fällen als alter Text gelten können, die Massoretinche Puncta- 
tion aber mit allen ihren Pünctlichkeiten und Anomalien viel zu spät 
iit, um über die ältere Aussprache des längst ausgestorbenen Dia- 
lekts auch nur eine zuverlässige Ueberlieferung gewähren zu können. 
Anfserdem erschweren die ursprünglich noch von Orientalen ver- 
fafsten Grammatiken durch viele ihnen eigenthümliche Kunstworte, 
welche aber meist Metaphern sind , die das Wesentliche der Sache 
nicht beschreiben, das aller Erleichterung bedürftige Erlernen der 
mit dem Hebräischen verwandten Dialekte. Deswegen inachte ich 
schon 1790. einen Versuch, die arabische Grammatik unsern occiden- 
talischen Sprachlehren ähnlicher in der Kürze darzustellen ! Wozu 
z. B. das Aufzählen von fast drei Dutzend Wortformen unter der un- 
deutlichen Bennnnug: Pluralia fr acta j&J&ii. — Sind doch 

diese Formen nichts anderes als nomina collectiva, welche in das 
Wörterbuch gehören. 

Der Verf. wird für seine Schüler in der That Vieles dadurch er- 
leichtert haben , dafs er ihnen das Meiste , was vor dem Lesen ein- 
zelner Texte überschaut und dem Gedächtnis eingeprägt werden 
niafs, tabellarisch vor Augen legt. An diesen Formen kann auch am 
besten das Lesen selbst für den Anfang geübt upd das Auge an die, 
leider! neue Schriftzüge gewöhnt werden. Denn Fertigkeit im Lesen- 
lernen und das Auswendigwissen der gewöhnlichsten Wortformen mnfi 
wohl berichtigt seyn , ehe man zu den Texten übergeht , bei denen 
man sich gerne um den Sinn und daher desto weniger um das nöthige 
Gedächtnifswcrk bekümmert. Bleiben bei einem neuen Abdruck auch 
«He schon bemerkten Pluralia irregularia weg, die, weil die Bedeut- 
samkeit der vielerlei Formen doch nicht im Allgemeinen angegeben 
"werden kann, ohnehin jedesmal lexikalisch aufgesucht werden müssen, 
>e kann vielleicht dagegen bei denea p. 38. 39. blos arabisch ange- 
gebenen Adverbien , Präpositionen , Conjunctionen die Bedeutung, 
ebne welche sie dem Schüler nicht wohl etwas nützen können, bei- 
geschrieben werden. Auch möchte ihre Menge eher in eine alpha- 
betische, tabellarische Reihe zu stellen seyn, wodurch die Uebersicht 



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1086 



Tetzner, Geschichte 1 für Schulen. 



su erleichtern i§t. Wir bemerken hier zugleich, dafs der Verf. auch 
den Vorrath lesbarer Texte durch 

Harethi, Moallaca cum scholiis Zuzenii e codicibus Parisiensibus 
et Abulolae carmina duo inedita e codice petropolitano. Edidit , 
latine vertit et commentario instruxit J o. Füllers. Typis regit» 
arabicis. gr. 4. (1 Rthlr. 16 gr.) 

und durch 

Tarafae Moallaca c. Zuzani acholüs nach Pariser Handschriften 
(mit einer Auswahl Reiskescher Noten, dem Leben des Dichter» 
und einem arabischen Wortregister ausgestattet) 

s 

verdienstlich vermehrt hat. Schade nur, dafs diese Abdrücke, un- 
geachtet die königlichen Typen dazu benutzt werden durften, doch 
um so hohe Preise verkauft werden. Das zweite kostet 2 R|hlr. 8 gr. 
Wird nicht der Buchhandel die gründliche deutsche Gelehrsamkeit 
und dadurch sich selbst durch die immer steigende Preiserhöhung 
ersticken? 

Dr. Paulus. 



1) Allgemeine Geachichte für Bürgerschulen , Seminarien und 
Selbstunterricht. Von D. Theodor Tetzner, Schulendirector zu 
Langensalza. Leipzig, bei Fr. Chriat. Dürr, 1831. 8. Erstes 
Bändchen. Die Staaten des Alterthums. X u. 198 S, Zweites 
Bändchen. Geschichte des Mittelalters. IV u. 195 5. Dritte» 
Bändchen. Geschichte der neueren Zeit. VI u. 362 S. 

2) Leitfaden für den Unterricht in der Allgemeinen Geschichte, be- 
sonders in Bürgerschulen ; nach dem gröfseren Lehrbuche von 
D. Theodor Tetzner, Schulendirector zu Langensalza. Leipzig, 
bei Fr. Christ. Dürr, 1832 VIII u. 216 S. in 8. 

Bücher der Art müssen sich vor Allem durch eine einfache und 
leicht fafsliche Darstellung empfehlen, welche zwischen dem streng 
gelehrten Ton und dem Trivialen klüglich die Mitte zu halten weils; 
ihr Hauptinhalt muls sich auf klare Darlegung der Fakta und Nach- 
weisung ihres Zusammenhangs erstrecken, ohne gelehrten Prunk und 
ohne gewisse Reflexionen, welche dem Ganzen den Schein des Geist- 
reichen geben , in der That aber nnr die Mangel geschichtlicher 
Forschung bedecken sollen. Es , verdient dies vor Allem Beachtung 
in einer Zeit, wie die unsrige, wo man lieber durch glänzende Ti- 
raden zu prunken, und den Leser einzunehmen, als durch einfache, 
getreue Erzählung zu belehren sucht, wo man sich der Geschichte 
als eines Vehikels zu bedienen sucht, um gewisse politische An- 
sichten zu verbreiten und die Masse für bestimmte Absichten su ge- 



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-I 



Tetzner, Geschiebte für Scholen. 1037 

Winnen, wo man sich nicht scheut, die einzelnen Fakta der Geschieht« 
nach einem bestimmten Sinn zu modeln , oder durch deren theil weise 
Versen weigung in einem andern Licht darzustellen, oder wo man 
dem Faktum durch die beigefugten Reflexionen einen ganz andern 
Sinn unterzulegen sucht, blos in der Absicht, den, der nicht die 
Mittel und die Zeit besitzt , die historische Wahrheit aus den Quellen 
selbst zu ermitteln, zu täuschen. Wenn manche Werke in diesem 
Geiste und in dieser Tendenz geschrieben, in der neuern Zeit zu 
einem Ansehen gekommen sind, das sie von Seiten ihres historischen 
Gehalts nimmermehr verdienten, so ist dies ein beklagenswerthes 
Zeichen unserer Zeit, dem nur dnreh gründliche Jugendbildung und 
fortgesetzte Sclbstbildung mittelst brauchbarer Hülfsmittel, so wie 
durch die Wiederkehr strengerer häuslicher Zucht und eines dadurch 
erweckten besseren Sinns, abgeholfen werden kann. Vorliegendes 
Buch gehört zu den Hülfsmitteln, die wir zur Erreichung dieses 
Zweckes als brauchbar und geeignet empfehlen können; frei von 
den oben berührten Gebrechen , ist der gewaltige Stoff der Geschichte 
hier mit verständiger Auswahl, wie es die Bestimmung des Buchs 
erforderte, bebandelt, die Thatsachen sind einfach erzählt, der in- 
nere Zusammenhang der Fakta so klar als möglich nachgewiesen, 
•o dafs der Leser zu einer klaren Anschauung der Begebenheiten 
gelangt und über deren Zusammenhang, Bedeutung und dergl. sich 
selbst ein Urtheil zu bilden im Stande ist. Denn der Leser soll hier 
nicht für ein oder die andere politische Ansicht, die gerade im Geiste 
der Zeit ist, gewonnen, sondern über die Vergangenheit getreulich 
belehrt werden. Dabei wird auch überall auf Cultur- und Bildungs- 
geschichte, Sitten und Einrichtungen u. dergl. m., so weit es dem 
Zweck und der Bestimmung des Buchs entspricht , verdiente Rück- 
sicht genommen. — Das erste Bändchen umfaßt nebst einer allge- 
meinen Einleitung, worin der Begriff der Geschichte, die Hülfswis- 
senschaften derselben und Anderes der Art berührt ist, die Staaten 
des Alt erthu ms in vier Abschnitten, wovon der erste bis auf Cyrus, 
der zweite bis auf Alexander den Grofsen reicht, der dritte zunächst 
das römische Reich bis auf August begreift; im vierten wird die 
Geschichte bis auf den Untergang des abendländischen Reichs fort- 
geführt. — Das zweite Bändchen enthält das Mittelalter, bis 
enr Reformation durch Luther und Zwingli reichend, in drei Ab- 
ichnitten , wovon der erste bis auf den Untergang des karolingisehen 
Hauses, der zweite bis an das Ende der Kreuzzüge, der dritte dann 
bis auf die Reformation reicht. — Das dritte Bändchen ist in vier 
Abschnitte eingetheilt, deren -erster die Kirchenreformation erzählt 
und bis auf den Anfang des dreißigjährigen Krieges reicht, der 
aweite von da bis auf den Tod Ludwig's XIV. , der dritte bis auf den 
Anfang der französischen Revolution, welche selber Gegenstand des 
Werten Abschnittes ist, worin die Geschichte bis auf die neueste 



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1038 K. F. W. Lanz , Lateinische Lesebücher. 

Zeit herab geführt ist. Einem jeden Bändchen sind aufrer der voran- 
geschickten Uebersicht des Inhalts nach den einzelnen Abschnitten 
und Paragraphen genaue Register beigefügt. 

No. 2. ist eine zweckmässige Zugabe, bestimmt, dem Schüler 
in die Hände gegeben zu werden, als ein Haltpunkt, an welchen 
der weitere Unterricht sich anknüpft, oder als eine Grundinge, auf 
welcher dann der Unterricht weiter fortgebaut werden kann. Ein- 
teilung und Anordnung des gesammten Stoffs ist daher hier un- 
verändert geblieben, natürlich konnte aber in den einzelnen Ab- 
schnitten nur das Bedeutendere , was von allgemeinem Interesse und 
allgemeinem Einflufs war, hervorgehoben werden. Hält man diesen 
Standpunkt fest, so wird man diesem Leitfaden Brauchbarkeit und 
Nützlichkeit nicht absprechen können. 



1) Lateinisches Lesebuch für die unteren Klassen der Gymna- 
sien von K. F. W. Lanz. Hadamar und tt'eilburg. Druck und 
Verlag von L. E. Lanz. 1823. XVI und 343 S. in gr. 8. 

2) L ateinl s ches Lesebuch für die mittleren Klassen der Gymna- 
sien von K. F. W. Lanz. Darmstadt und Leipzig. Druck und 
Verlag von K. W. Leske. 1832. X und 293 & in gr. 8. 

Ohne dafs wir hier die Gründe ausführlich darlegen können, 
mit welchen der Verf. in der Vorrede die Erscheinung dieser Lese- 
bücher zu rechtfertigen bemüht ist, glauben wir doch versichern zu 
können, dafs dieselbe nicht als überflüssige oder nutzlose Erschei- 
nungen zu betrachten sind, dafs vielmehr der Verf., ein stetes Fort- 
schreiten vom Leichteren zum Schwereren beabsichtigend , und von 
Stufe zu StuTe, von Schritt zu Schritt den Knaben in der lateini- 
sch on Sprache weiter führend, ein brauchbares und zweckmäßig ein- 
gcrichtetetes Lesebuch für den Unterricht im Lateinischen zu liefern 
suchte, welchem aus diesem Grunde auch eine allgemeinere Verbrei- 
tung und Einführung an andern Orten als Darmstadt zu wünschen 
ist. Der ganze Stoff ist in drei Abschnitte getheilt; im ersten stehen 
solche Sätze und Stücke, wo ein gut lateinischer Ausdruck von der 
wörtlichen Uebertragung weniger abweicht oder doch leicht aufge- 
funden werden kann , wie z. B. das Einfachere aus der Syntax der 
Casus, leichtere Participinlconstructionen und dergl. id. Zuerst kom- 
men Sententiae , dann Dicta memorabilia , dann Fabulae und darauf 
Narratiunculae (kurze Erzählungen). Unter dem Texte stehen hier 
und dort bei schweren Formen die Infinitive angegeben. Im zweiten 
Abschnitte geben die Anmerkungen schon freiere Wendungen an und 
suchen dem Schüler mehr nachzuhelfen ; sonst finden sich auch hier 



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K. F. W. Lanz, Lateinische Lesebücher. 1039 



dieselben vier Unterabtheilungen, die wir eben bei dem ersten Ab- 
schnitt angegeben haben. Im dritten Abschnitte werden die An- 
merkungen (und mit Recht) seltener, damit der Schüler sich selbst 
zu finden lerne und an Selbstständigkeit sich gewöhne. Auch hier 
dieselben vier Unterabtheilungen; die Scntcntiae enthalten meist kurze 
Sätze ohne schwere Verbindung, durch ihren Inhalt bezeichnend und 
znm Meinoriren daher Torzugsweise geeignet; die Dicta et fueta 
memorabitia bilden dann zu den schon mehr zusammenhängenden 
Darstellungen in den Fabulae (an deren Stelle im dritten Abschnitt 
Kpistolae kommen) und Narratiunculae die Mitte , welche letzteren 
besonders zum schriftlichen Uebersetzen oder doch überhaupt zur 
Bildung des deutschen Sfyls geeignet sind. Die Erzählungen in der 
letzten Abtheilung des dritten Abschnitts (aus Justin entlehnt) gehen 
in die Anfänge der Geschichte über, und so enthält dann der vierte 
Abschnitt Lineamenta historiue Romanae ex Eutropio exeerpta. Denn 
dafs Eutrop von Knaben mit Interesse gelesen werde, ist eine Erfah- 
rung, die auch unser Verf. gemacht bat. Eine brauchbare Zugabe 
ist das beigefügte Wörterverzeichnifs. 

No. 2. Auch das andere Lesebuch, das an das eben erwähnte 
Bich unmittelbar anschliefst, ist nach gleichen Grundsätzen ausgear- 
beitet, und namentlich ein stetes Fortscbreiten vom Leichteren zum 
Schwereren durchgängig berücksiehtigt, auch durch reichhaltigen 
Stoff der Lehrer in den Stand gesetzt, leicht überall bei der Leetüre 
die gehörige Auswahl zu treffen. Auch hier findet eine gleiche Ab- 
theilung des Stoffs statt; die beiden ersten Abschnitte sind vorzugs- 
weise zum schriftlichen Ucbertragen .bestimmt. Die erste Abtheilung 
des ersten Abschnittes enthält Apophthegmata et narratiuneulac , die 
zweite Narrationes et Descriptiones , die dritte Kpistolae (aus Cicero), 
die vierte Loci murales et sententiae , wie z. B. De.,deo et pietate , De 
virtute , De grato animo , De mortc Sfc. ; in dem zweiten Abschnitt 
stehen zuerst die i\arraliunculae et descriptiones, dann Oratiunculue , 
dann Epistolae und dann Loci morales. Der dritte Abschnitt schliefst 
sich in Absicht auf den Stoff genau an den vierten des ersten Bänd- 
ebens an, und giebt, wie jener eine Cebersicht der römischen, bo 
dieser das Wichtigste aus der griechischen Geschichte; zuerst kom- 
men Fragmenta historica, aus Justin entnommen, und zwar mit Weg- 
lassung des rhetorischen Sehimmers, der sich hier und dort bei die- 
sem Schriftsteller findet, und dann folgen Vitae excellentium impera- 
torum aus Cornelius Nepos. Wir wünschen dem Bestreben des Verfs., 
ein durch Mannigfaltigkeit des Stoffs und zweckmäßige, Auswahl so- 
wie passende Anordnung brauchbares Uebungsbuch geliefert zu haben, 
die verdiente Anerkennung und seinem Buche allgemeinere Verbreitung. 



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1040 Beving , Remarques sur l'anthologie de Stobe*e. 

Remarques critiques sur quelques pdssages de VAntholo gie de 
Stobe'e par Charles Auguste Beving, doeteur en philos. et 
des lettres. Bruxelles. AI Hagez , imprimeur de VAcademie, 1833. 
23 S. in gr. 8. ' 

In dieser Schrift behandelt der Verf. eine Anzahl von Stellen 
ans der Anthologie des Stobäus in kritisch -exegetischer Hinsicht 
und mit besonderer Rucksicht- auf die (bisher nicht gekannten) Va- 
rianten eines Brüsseler Manuscripts, das allerdings für die Kritik 
des Textes von Belang ist , dessen der Verf. auch früher bei einer 
andern Gelegenheit bereits gedacht hatte. Vergl. Jahn's und See- 
bode's Jahrbb. Suppl. 1,3. p. 344. Die Bemerkungen und Urtheile 
des Verfs. zeigen von gründlicher Sprachken ntnifs und richtigem 
Takt; weshalb sie allerdings gröfsere Beachtung verdienen. — Wir 
erinnern bei dieser Gelegenheit noch an eine andere Schrift des- 
selben Verfassers: 

Lettre & Mr. V. Cousin, sur Vitat de Venseignement en Belgique (par 
Ck. A. Beving). Bruxelles, che» J. P. Meline, libraire, rue de la 
Montagne, iVo. 51. 1832. 31 & in gr. 8. 

Wer sich ein Bild von dem traurigen Zustande machen will, 
in welchen die höheren Bildungsanstalten in Belgien, für welche 
die holländische Regierung so Viel gethan hatte, seit der Revolu- 
tion, die dieses Land von Holland losrifs, gerathen sind, der lese 
dieses Schreiben eines ruhigen, wahrheitliebenden Mannes, um daraus 
zu erkennen, wie eben diese Revolution, die dem Lande die Frei- 
heit (d. h. die Zügellosigkeit und Ungebundenheit) zu gehen sich 
rühmte, die zur wahren Freiheit, zu der Freiheit des Geistes bil- 
denden Anstaltan, die früher einer so sorgsamen Pflege sich erfreu- 
ten, zerstört hat. Die Folgen dieser Zerstörung werden nicht aus- 
bleiben. Unser Verf. sieht sie wohl ein, und daher seine wohlge- 
meinten Bemerkungen, denen wir nur Berücksichtigung wünschen 
können. 



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N°. 66. HEIDELB. JAHRB. o. LITERATUR. 1833. 

» < 

e ==eaa— • 

De Libri Sapientiae Alesandrina indole perperam a«- 
serta. . Scripsit C. L. W. Grimm, philo». Dr., TheoU Baeeal. et 
in Acad. Jenensi privatim docena. Jenae 1833. 39 & 8. 

Der Verf. hat in den 5 eisten §§. sehr richtig dar- 
gethan, dafs das Buch der Weisheit, die Hocpia in 
Gott zwar schon etwas stärker, als im Anfang der Sa- 
Jomon. Sprüche Kap. 8, 12. 22 — 31. 9, 1 — 18. ge- 
schieht, personif ici re, aber doch noch nicht wie 
eine wirkliche Person in oder aufser Gott, so 
wie es bei Philo häufig geschieht, vorgestellt habe. Man 
sieht hierdurch am besten auf dem unläugbaren histori- 
schen Wege, wie allmählig aus der einfachen Voraus- 
setzung, dafs in Gott höchste Weisheit, wie höchste 
Wahrheit, gedacht werden müsse, zuerst das poe- 
tische Spiel, von jener Weisheit wie von einer 
Person zu reden, gefiel, weil überhaupt die mei- 
sten Menschen, statt reiner Gedanken, sinnliche Vorstel- 
lungen sich gerne vordalten lassen und ihnen daher durch 
Poesie als ein scheinbares Wirklichmachen der Mög- 
lichkeiten und durch Oratorie als Ueberredungskunst 
eine Menge Irrmeiuungen wie Philosopheme unterscho- 
ben werden. 

Am weitesten geht im Weisheitsbuch diese Personi- 
fication der Sophia in zwei Stellen, w'O sie (8, 3.) 
Mitleben mit Gott habend, avpßiacriv %eov 
exovaa und (9, 4.) die der göttlichen Throne 
Beisitzerin ri tqv tov §eov Spdiw ndpedgog ge- 
nanut wird. Doch so lange das Hauptwort ein Femininum 
war, konnte davon ninht so leicht, wie von einem „deu9 
8ecundarhi9" gesprochen werden , und die übrigsn Prä- 
dicate, welche „der mit Gott lebenden Beisitzerin seiner 
Throne" beigelegt werden, zeigen immer noch deutlich 
genug, dafs der Verf. sie nur wie eine poetische 
Person dachte. Zwar sagt er T, 22. auch: „in ihr 
ist Geist, iv aurjf nvevyLa? aber dies sagt bei weitem 

XXVI. Jahrg. 11. Heft 66 



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I 



1043 Dr. Grimm, vom nichtalexandrin. Ur8i»r. d. B. der Weisheit. 

noch nicht, dafs sie selbst ein besonder bestehen- 
der Geist seyn sollte. Da Geist oder Geistigkeit immer 
das Höchste auch im menschlichen Wesen bedeutet, so 
mufste auch dem Gotteswesen ein Geist (Ps. 139, ?. 
Spr. 18, 4.), und sodann weiter auf poetische Weise 
auch der personificirten Weisheit MtVfia oder Geistig- 
keit zugeschrieben werden. 

So lange die in diesem Dogma gebrauchten Worte : 
chochmah, mach, sophia und pneuma Feminina oder 
Neutra waren, wurde es noch nicht so leicht, sie in eine 
selbstständige Person zu verwandeln. Zum Unglück gab 
es denn aber auch ein Masculinum, durch welches 
ebenfalls, wiewohl anfangs sehener, die durch Wollen 
und Befehlen wirkende und ordnende Kraft Gottes aus- 
gedrückt werden konnte. Die Veranlassung dazu wurde 
schon durch das sogenannte Schöpfungslied 1 Mos. 1 , 3. 
gegeben. Kurzer und energischer konnte dort der Ge- 
danke: „Was Gott will, das wird und ist!" nicht aus- 
gedrückt werden , als durch das bekannte „Gott sprach: 
Es werde! und es ward." Daraus nun entstund unmit- 
telbar der Ausdruck im Psalm , dafs durch Gottes 
„Wort" "Dl Alles geworden sey. Nachher aber bil- 
dete man im Chaldäischen und im Volksdialekt aus dem 
hebräischen Amar das dem Dabar gleichbedeu- 

tende feOtPB M ei mera. Jetzt war schon ein Anlafs 

gegeben, Gott und Meimera des Jehovah gewis- 
sermafsen von einander zu distinguiren , ungefähr so; 
wie man den redenden und dadurch wirkenden Gott von 
dem denkenden und wollenden, gleichsam als einem noch 
ruhenden , menschlicher Weise zu distiguiren wagen mag. 

Nun aber wurde dieses „Wort" auch griechisch 
ausgesprochen als 6 A070C und jetzt hatte man ein 
Masculinum, von welchem weit eher, als von der 2o<pta 
oder ratio dwma, wie von einer wirklichen Person oder 
Subsistenz eu reden war. Wie viele Meinungen bildet 
man zunächst aifs der Sprache ! Denn entstehen gleich 
die Sprachzeichen zuvörderst aus dem Gedachten, so 



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Dr. Grimm, vom nichtwlexandrin. Urspr. d. B. der Weisheit. 1043 

wirken dann doch die Zeichen der Gedanken wieder auf 
das Denken zurück, welches ohne den schnellen Ge- 
brauch der Worte, als bedeutsamer, aber oft allzu viel- 
deutiger Zeichen, nur sehr langsam wirken könnte. 

Zwar hat dann doch das Weisheitsbuch auch den 
Aoyog immer noch als das vernünftige Willens- 
wort Gottes, der Sophia parallel gestellt, wie K. 9, 
1 — 2. „Du, der du das alles machtest in deinem Logos 
(= Denk- und Willenswort), hast auch durch die 
Sophia (= Weisheit) den Menschen ausgerüstet." 6 oroo?- 
aag xa navxa iv Xoya> aov xai ry vocpia xareayeva- 
aag tov äv^ponov. Auch redet sie 16, 12. den Herrn 
an, dessen Logos Alles heile es 6 aog , xvgte, 
koyog 6 itavta ia[ievog. Vergl. Ps. 127. Jes. 55, 11. 
Ps. 147, 15. Denn Gott ist dort 6 navrav a&triQ 
ssa der Heiland von Allen. Bei den Alexandrinern 
aber wurde es (man weifs, da Aristobuls Fragmente 
nichts vom Logos haben, nicht, wie lange schon vor 
Philo) Gewohnheit, alle Geister, durch welche 
Gott redend und wirkend gedacht wurde, 
hogoi zu nennen , gleichsam Vernunftsprecher. 
Ueber diesen dachte man sich dann einen höch- 
sten Logos, wie unmittelbar aus Gott auf eine eigene 
Weise, nicht durch Schaffen, sondern durch Zeugen, 
d. i. durch Fortpflanzen wesentlicher Aehnlichkeiten — 
hervorgegangen, so, dafs durch Ihn Gott alles und alles 
Uebrige, alles Gewordene habe inachen und werden las- 
sen, weil Gott selbst (so meinte man Gott aufs Höchste 
ehren zu können!) für das Schaffen aller einzelnen Dinge 
viel zu erhaben wäre. 

Durch dieses sonderbare Vorurtheil wollte man Gott 
<lie gröfste Vollkommenheit, Reinheit (Abgeschieden- 
heit) von aller Materie und von allem Unvollkommenen 
überhaupt zuschreiben-, während man ihm doch dadurch, 
dafs nicht sein blofses unmittelbares Wollen für alles, 
was ist, genügend seyn sollte, gerade das Gegentheil, 
eine grofse Beschränktheit und Unvollkommenheit an- 
dichtete und zugleich viel zu sinnlich sich beredete, wie 



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1044 Dr. Grimm , vom nichtalexaodrin. Urapr. d. B. der Weisheit. 

wenn die Materie an sich verunreinigend wäre. Dennoch 
wurde durch diese einmal angenommene (phantastische) 
Voraussetzungen sofort eine sonderbare Unterscheidung 
hervorgebracht. Der aus Gott hervorgegangene, alles 
schaffende und regierende, höchste Logos mufste ja wohl 
als voll Weisheit gedacht werden Man fingirte 
sich: Gott habe, als weiser vovg, oder in seiner ewi- 
gen Sophia (Sprüche 3, 19. 20. 8, 22.) von Allem, 
was werden sollte, in sich Urbilder, iSeag tdeov, oder 
generische Ideale = apxervna yevixa. Da er nun durch 
„den in seiner Art einzigen" Logos = Aoyog ^ovo- 
yevijg alles Uebrige verwirklichen lassen wollte, habe 
Gott alle jene generische Ideale von dem Wesentlichen 
aller Dinge, welche werden sollten, in jenen Logos Con- 
centrin. So ausgestattet sey Dieser aus dem Gotteswesen 
als ein zweiter Gott für alles „Unvollendete" 
(ärsXsg) hervorgegangen, so dafs er nun für sich sub- 
sistire = vcf>KTTarai. Leicht aber mufste es doch 
diesen phantastisch Philosophirenden zu Alexandrien bei- 
fallen , dafs , wenn gleich der ersterzeugte Logos = nQ<a- 
totoxoc, alle Ideale der weltlichen Dinge aus dem Got- 
teswesen in sich herüber bekommen habe und deswegen 
ein deus mtermedius sey, dennoch Gott selbst nicht 
ohne Weisheit seyn könne. Daher trifft man denn 
bei Philo die Sonderbarkeit an, dafs eine ätherische 
Eocpta in Gott geblieben ist und der hervorgetretene 
Aoyog nur aus dieser £o<äta erzeugt und ausgegangen 
seyn sollte, um das älteste aller wirklichen Dinge = npeg- 
ßvrarog tqv övtcqv zu seyn. Dem Philo ist es nicht 
zu viel , jene innere inwohnend gebliebene Weisheit 
Gottes die Tochter Gottes zu nennen, dabei aber 
doch De profug. T. I. p. 553. ed. Mang, zu behaupten, 
sie sey „männlich und ein Vater, welcher säe 
und erzeuge in Seelen das Lernen, die Zucht, die 
Wissenschaft, die Gesinnung und lobenswürdige Hand- 
lungen." 

Zu Philo s Zeit hatte also die alexandrinische Gott- 
heitslehre nicht nur zwei Weisheiten Gottes, Eine in 



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Dr. Grimm, vom nichtalexandrin. Urspr. d. B. der Weisheit. 1045 

ihm gebliebene und Eine als Untergott aus ihm hervor- 
gebrachte =z 7tQO(popt,xoQi sondern es war nahe dabei, 
dafs auch die in Gott gebliebene, wenn sie einmal als 
Mann und Vater = äppnv und rcaT7?p * angenommen 
war, zu einer wirklichen Person innerhalb des Got- 
tes wesens ausgebildet werden konnte. 

Bis dahin kam es jedoch erst vollends durch die 
populärer und nichtalexandrinisch-philosophirenden, an- 
tiarianischen Kirchenväter, denen es nicht mehr genug 
war, den aus der Gottheit hervorgegangenen Logos als 
das höchste Mittelwesen zu betrachten. Vielmehr meinten 
sie, jenen Dualismus von zweierlei göttlichen Weisheiten 
(der immanenten und der als Logos emanirten) dadurch 
monotheistisch aufheben zu können, dafs die ganze Weis- 
heit Gottes im Gotteswesen s= eydiofeetogi sey, aber 
doch als eine eigene Person innerhalb dieses 
Wesens subsistire. 

Diese ganze historische Entwicklung ist besonders 
für unsere Zeiten und für die speculative Tendenz 
derselben wohl zu bedenken. Es wird nämlich dadurch 
geschichtlich unverkennbar, dafs das religiöse Alter- 
thum nicht etwa tiefe geheimnifsvolle Ideen von der 
Gottheit geahnet hatte, sondern dafs vielmehr das end- 
lich versuchte Denken eines persönlichen Logos im 
Gotteswesen selbst nur das Product der Phantasie 
war, durch welche die Gotteskraft, Weisheit, zuerst 
nur als eine poetische, alsdann wie eine wirkliche , aber 
aus Gott hervorgegangene und untergeordnete Person 
gedacht oder vielmehr versinnlicht wurde, bis man end- 
lich die emanirte Person wieder zurück und in Gott 
hineinversetzte. 

Auch nach diesem Wagestück der patristischen Hyper- 
physik dachte man, — zum Beweis, woraus diese Phan- 
tasiespiele entstanden waren — lange noch den als zweite 
Person in der Gottheit anerkannten Logos wie einen 
Sohn, welcher doch minor patre seyn müsse. Nur 
der Vorwurf, dadurch der heidnischen Mythologie vom 
Jupiter und dessen untergeordneten Söhnen ähnlich zu 



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1046 Dr. Grimm , vom nichtalexandrin. Urapr. d. B. der Weisheit. 

werden, und das bessere Streben nach einer Monar- 
chie in Gott führte endlich bis dahin, dafs Vater 
und Sohn einander gleichgesetzt (parificirt) seyn müTsten, 
und dafs das Gotteswesen als Substanz nur Eines sey, 
wenn gleich drei Subsistenzen (Hypostasen) darin als 
• persönlich unterscheidbar bestünden. Die patristische 
Dialektik meinte: es sey ebenso möglich und denkbar, 
dafs Drei Ein Wesen seyen, wie es freilich denkbar 
und der Erfahrung gemäfs ist : dafs in drei Einzelnen 
Einerlei (aber nicht Ein und dasselbe) Wesen verwirk- 
licht sey, so dafs das Wesen dreimal da ist, wie die drei 
einzelnen Personen. Sie ahneten aber durch diesen Fehl* 
begriff nicht etwa tiefe Geheimnisse; vielmehr verwech- 
selten sie, in ihrer etwas stumpfen Dialektik, das unitum 
mit dem unurn idemque oder nahmen, wie manche Na- 
turphilosophen, das denkbare Vereintseyn für wesent- 
liche Identität oder Einerleiheit. 

Deswegen, da dieser erst poetische und alsdann ohne 
Beweis eine aus Gott hervorgegangene Weisheit in eine 
Person verwandelnde Ursprung des kirchlichen Begriffs 
Logos historisch unbestreitbar ist, kann derselbe auch 
nicht zu einer Grundlage speculativer Entdeckung eines 
inneren Verhältnisses in Gott, nämlich zweier Personen 
i n Einem und Ebendemselben Wesen gemacht werden. 
Wenn eine philosophische Speculation dieses versucht, 
so hat sie weder den Sinn de« urchristlichen Satzes 2 
Geog i\v o Aoyc* für sich , noch entdeckt sie nach phi- 
losophischer Methode eine Zweihek, die im Gotteswesen 
bestehe. Wir wollen diese beiden Behauptungen, weil 
die historische Aufklärung dafür im Vorhergesagten etrt- 
halten ist, kurz verdeutlichen. 

Sagt der philosophirende Theolog: Gott ist — Lo- 
gos, so ist gegen diesen Ausdruck als Bezeichnung des 
göttlichen Seyns, dafs es nämlich ein Seyn der vollkom- 
men wirksamen Weisheit sey, nichts einzuwenden. Er 
bedeutet, dafs die Gottheit zu denken ist als wesent- 
liche Weisheit und zwar als sprechende, d.i. 
nicht blos denkende, sondern durch Wissen wir- 



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Dr. Grimm, vom nichtaleinndrin. Urspr. d. B. der Weisheit. 1047 

kende Weisheit In diesem Salze ist demnach Logos 
als gleichbedeutend mit H,o<pia gedacht, wie dies der 
frühere einfache Sinn der Gottesverehrer auch noch im 
Weisheitsbuch gewesen ist. Erst weiterhin findet man 
als alexandrinisch -jüdische Vorstellung einen aus der 
Weisheit Gottes zur Weltbildung hervorgegangenen, vor 
allem übrigen Werden für sich sey enden persönlichen 
Logos. Diesen meinten freilich die Alexandriner, wenn 
es gleich nirgends geoffenhart wäre, als einen Mittelgott 
denken zu müssen, weil sie nach speculativer Methode 
als unläugbar voraussetzten, dafs der eigentliche 
Gott, der ungezeugte ewige Vater, mit dem Werden 
und Bleiben aller nichtvollkommenen Dinge nichts un- 
mittelbar zu thun haben könne. Da aber diese Voraus- 
setzung , wodurch man in der Gottheit die höchste i 
reinste Vollkommenheit zu behaupten meinte, vielmehr 
dem Wollen und Wirken der Gottheit eine Unvollkom- 
menheit, nämlich eine nicht unmittelbare Wirksamkeit 
auf alles, zuschreibt, so ist das vermeintliche Philoso- 
phen! nur ein Versuch, etwas in der Gottheit als mög- 
lich zu denken, das bei genauerer ßeurtheilung als nicht 
gotteswürdig und folglich als nichtmöglich anzuerkennen 
ist. Das sehr gut gemeinte alexandrinische Philosophen!, 
zwischen Gott und die Welt einen Mittelgott zu setzen, 
ist demnach blos ein Versuch der menschlichen Denk- 
kraft, in sofern sie Möglichkeiten ersinnt, das ist, der 
Phantasie. Die Möglichkeiten , welche dieselbe zu denken 
proponirt, können aber nicht für Wirklichkeiten gehalten 
werden , wenn die genauere ßeurtheilung den dafür an- 
genommenen Grund, weswegen sie zu denken seyen, 
unhaltbar findet. 

Indefs war zur Zeit, als das Urchristenthum sich 
aufser Palästina verbreitete , dieser Glaube an einen Logos 
als einen zweiten , die Weltschöpfung vermittelnden Gott, 
unter den hellenischen Juden allgemein bekannt. Ferner 
ist es unverkennbar, dafs, wo die zwei unter der Auto- 
rität des Apostels Johannes kanonisch gewordenen Theile 
des Neuen T.'s , zuerst die Apokalypse 19, 14. und dauu 



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1048 Bkr. Grimm, Tom nichtalexandrin. Urspr. d. B. der Weisheit. 

der Prolog des Evangeliums, den Logos Gottes als Ei- 
nerlei mit dem Messiasgeist beschreiben, sie diesen Na- 
men ohne alle weitere Erklärung, also offenbar 
nach der damals bekannten und keiner Begriffsbestim- 
mung bedürfenden Bedeutung, also nach der alexandri- 
nisch -judischen Theologie, ausgesprochen. haben. Of- 
fenbar ist auch durch den Zusammenhang im Prolog, 
dafs dort dieser Logos als ein persönlicher Gott (durch 
den Satz: §eog rjv o Aoyog = ein Gott war der Logos) 
von dem Verf. des Prologs geglaubt wurde, aber als ein 

Gott, der von 6 Sehe, D\-PN,-| d em Gott an sich 

= avroSeoQ, zu unterscheiden und in Beziehung 
auf denselben = irpdg tov §eöv 9 wirklich da sey. Da 
noch überdies derselbe als der Logos beschrieben wird , 
durch welchen ohne Ausnahme alles Das geworden 
sey, was geworden ist (also alles aufser Ihni selbst, 
der nicht ein gewordenes, sondern ein aus Gottes 
Weisheit gezeugtes und ins Besondere emanirtes seyn 
sollte), — so bezeichnen alle diese Prädicate zusammen 
genommen gerade den Logos, welchen zu denken oder 
vielmehr philosophisch zu dichten die Alexandriner, 
aber ohne genügenden Grund, eingeführt hatten. 

Wer nun jenen Logos des Prologs, als urchrist- 
lich gedacht, zu weiteren philosophisch -christlichen 
Lehrentwicklungen anwenden will, der müfste demnach 
ihn gerade in jenem alexandrinischen Sinn als eine aufser 
dem Gotteswesen existirende, über allem Gewordenen 
als Gottes Organ für alles Werden stehende Person an- 
nehmen, durch welche alles, was wurde, geworden 
sey. Wer hingegen dem Ausspruch: „der Logos 
war ein Gott" einen andern, wenn auch höheren, 
Sinn beilegt, der hat wenigstens gewifs nicht den Logos 
des johanneischen Prologs zur Basis seines weiteren Phi- 
losophirens, und kann daher nicht ohne Widerspruch der 
historischen Interpretation dies andeuten, dafs er einen 
urchristlichen Satz philosophisch weiter auslege, oder 
sogar aus dem speculativen Philosophien über Gott zu 
begründen wisse. 



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Dr. Grimm , vom niditalexandrin. Urapr. d. B. der Wewheit. 1049 



Ueberdies kann auf keine Weise behauptet werden, 
dafs das, was in jenem Prolog von 6 KoyoQ prädicirt 
ist, im eigentlichen Si nn urchristlich und nicht 
blos der vermeintlich vernunftvolle Glaube Dessen war, 
welchem jener Prolog zuzuschreiben ist. Denn sammelte 
gleich der Verfasser desselben aus den Ueberlieferungen 
von Jesus selbst, die ihm wahrscheinlich vom Apostel 
Johannes angegeben oder hinterlassen seyn mochten, 
alles, was nach der Tradition Jesus über seine Person 
Verherrlichendes ausgesprochen hatte, so ist doch in 
diesem allem nicht nur keine Andeutung, dafs der Mes- 
siasgeist mit den Eigenschaften, welche die Alexandriner 
ihrem Logos beilegten, von Jesus gedacht worden sey. 
Vielmehr hatte Jesus weder die Benennung Logos ge- 
braucht, noch von sich selbst behauptet, dafs durch ihn 
als Messiasgeist Gott sein Vater alle werdenden Dinge 
geschaffen habe. Schreibt doch Jesus die Macht, 
ihm die Seinigen zu erhalten, nach Joh. 10, 28. 29. 
nicht sich, sondern dem gröfseren Vater zu , da viel- 
mehr der schaffende Logos Macht genug für 
dieses in sich selbst gehabt hätte. 

Sehr achtüngswerth ist die Redlichkeit des johannei- 
schen Prologisten, dafs er, so sehr begeistert er selbst 
von der Vorstellung eines weltschaffenden Untergottes 
^ar, doch dieses nur in Stellen, wo er selber spricht, 
ausdrückt, durchaus aber nichts davon in die überlieferten 
Reden Jesu hinein legte. Eben so sehr ist es (besser 
als gewöhnlich geschieht) zu bemerken, dafs der Pro* 
logist, indem er jenen Logos und den Messiasgeist für 
einerlei Person hielt und unbedenklich identificirte, den- 
noch bei weitem von der späteren Meinung, wie wenn 
in Jesus dreierlei, nämlich der Logos, der mensch- 
liche Geist und der irdische Leib zu denken wäre, 
entfernt blieb. Da er V. 14. bis zur Menschwerdung 
seines Logos fortgerückt ist, sagt er vielmehr keines- 
wegs, dafs der Logos Mensch, dv^paitoQ , sondern 
nur, dafs er ein lebender Leib, aag% geworden, 
also der Logos incamirt (aber nicht $i>ctv$pfimisirt) 



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1050 Dr. Grimm, vom nichtalcxandrin. Ur«pr. d. B. der Weisheit. 

sey, und dafs er in dieser Wohnung, nämlich des 
Leibs, unter ihnen gelebt habe und von ihnen betrachtet 
wurde. Nehmen wir also die Sache, wie es seyn soll, 
genau, so ist 1) das Denken über den Logos überhaupt, 
nicht im eigentlichen Sinn urchristlich , weil selbst Der, 
welcher dafür eingenommen war, weder die Benennung, 
noch die Eigenschaften seines Logos mit Aussprüchen 
von Jesus Christus zu belegen gewufst hat. Noch we- 
niger urchristlich aber ist es 2) wenn die Speculatiou 
einen Logos entdecken zu können meint, welcher als 
Person in dem Gotteswesen sey. Denn der Prolog spricht 
vielmehr von einem auf alexandrinische Weise denkbaren 
Logos , welcher aufser Gott als ein IVIittelwesen zwi- 
schen Gott und allen Geschaffenen seyn sollte« lEr ßfC" 
braucht daher nicht den Ausdruck: 6 AoyoijLyv iv t<v> 
§€qy sondern nur itgdg xbv Seöv, wo itgoq dem hebräi- 
schen = ad correspondirend , nicht einmal mit 

itaga verwechselt werden kann. Wobei zu bemerken 
ist, dafs auch im ersten Johannes -Brief 1, 2. der näm- 
liche Ausdruck i]v ito6<; rdv nariga gewählt ist. 3) 
weicht, wer den Logos als Person in Gott mit einem 
ganzen Menschen, also mit einem menschlichen 
Geist und Körper in Verbindung denkt, selbst von 
dem Prologisten ab, der seinen Logos nur mit einer 
aapl als Wohnung, crxxivq, in Verbindung gesetzt hat. 

So gewifs demnach eine philosophische Speculation, 
welche den Logos als eine Person im Gotteswesen ent- 
deckt zu haben glaubt, nicht mit Dem übereinkommt, 
was wir historisch als urchristlich anerkennen müfsten 
oder könnten ; eben so gewifs ist ferner ein solches Phi- 
losophema, wenn man es auch blos für sich betrachtet, 
als eine philosophische Entdeckung über die Gottheit 
gründlich zu legitimiren, nicht möglich. Man sagt wohl: 
Wenn Gott sich selbst ewig anschaut, oder denkt, so 
ist dadurch ein alter ego ewig wirklich. Was Gott als 
seyend denkt, das ist eine Wirklichkeit. (Der Ewig- 
sich Denkende wäre alsdann der Vater und der durch 



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Dt Grimm, vom nichtalexandrin. Urepr. d. B. der Weisheit 1051 

Gottes des Vaters ewiges Selbsterkennen gleich ewig 
Seyen« Je wäre der Sohn zu nennen, so dafs zwei einander 
gleiche Personen ein Ego und ein silier- Ego der 
ewige Gott seyn müfsten.) Wäre die Voraussetzung 
dieser tiefsinnigen Deduction richtig, dafs nämlich, wenn 
Gott sich selbst als wirklich denke oder anschaue, eben 
damit das Anschauende und das Angeschaute wie eine 
verschiedene Wirklichkeit oder Subsistenz (Person, Hy- 
postasis) wirklich seyn müsse, so müfsteo nun von Ewig- 
keit her jene beiden Personen entweder sich selbst nicht 
ferner als wirklich gedacht haben oder es müfste, so- 
bald sie sich ewig wieder dachten , abermals eine gleich 
ewige Person in Gottes Wesen da gewesen seyn. Dieser 
Versuch , zwei oder drei Personen im Gotteswesen phi- 
losophisch denkbar zu machen, müfste demnach viel 
weiter fuhren. Wenn dadurch , dafs das Gotteswesen 
sich selbst anschaut oder sich selbst offenbart, es wie 
Vater und wie Sohn ist und nun wegen dieser Unter- 
scheidung ewig zwei Personen als Gott subsisürten , so 
müfste ja wohl auch die Person Sohn wieder die Person 
Vater sich zum Gegenstand des Anschauens oder Den- 
kens machen. Auch würde der Vater sich ferner selbst 
als Vater und der Sohn sich weiterfort als Sohn an- 
schauen müssen. Sind aber durch die Selbstanschauung 
Gottes zwei Personen geworden, so müfste ja wohl 
durch die Selbstanschauung des Vaters auch wieder etwas 
personlich -subsistirendes und ebenso durch die unver- 
meidliche Selbstanschauung des Sohns ein persönliches 
subsistiren, welches als das Angeschauete sich zum An- 
schauenden wie ein Anderes verhielte. Und wo- 
durch sollte speculativ zu bestimmen seyn, dafs die zwei 
Personen sich mit einander nur noch einmal als wirk- 
lich zu denken hätten, und dafs deswegen der Geist 
die dritte Person in der Gottheit wäre? Wo fände die 
philosophische Speculation überhaupt gleichsam eine 
Grenzbestimmung, dafs jenes göttliche Denken seiner 
selbst nur drei Personen und nicht mehrere in seinem 
ewigen Seyn ewig zu verwirklichen hätte? 



1002 Dr. Grimm, vom nicbtalcxandrin. Urgpr. d. B. der Weisheit. 



Dr. Marheinecke schrieb im §. 169. seiner Grund- 
lehren der christlichen Dogmatik (Berlin 1819.) „Indem 
Gott sich selbst erkennend sich gleichsam 
selbst objectivirt, ist dieser Andere , der sein voll- 
kommenstes Gegenbild ist, selbst wiederum doch nur 
aus ihm. Mithin sind zwar Beide als Gegenstand 
und Grund, nicht aber dem Wesen nach ver- 
schieden." Dazukommt, dafs, ungeachtet eine dritte 
Person gar nicht urchristlich ist (denn das Heilig- 
geistige in der Taufformel ist urchristlich nirgends 
als eine Person gelehrt!), und ungeachtet ein nvev^ia 
als Person, wie 6 Koyoq , nicht einmal alexandrinisch 9 
auch nicht vom johanneischen Prologisten uns überliefert 
ist, sondern bekanntlich nur kirchlich und später ange- 
nommen wurde, doch die Speculation auch dieses zu 
rechtfertigen oder vielmehr aus sich selber zu deduciren 
versucht Und wie Dies? Man möfste wohl, da die 
Heiligkeit das distinctive Prädicat des Pneuma, wel- 
ches der christliche Täufling anzuerkennen erinnert wurde, 
erwarten, dafs das Heilige im Verhältnifs des Vaters 
und Sohns gegeneinander, als der Grund der dritten Per- 
son speculativisch zu entdecken seyn möchte. Aber nein! 
Der ewige Vater und Sohn soll auch ein ewiges Drittes 
durch die ewige Liebe innerhalb des göttli- 
chen Wesens so spirirt haben, dafs der Geist als die 
dritte Person eigenthümlich und hypostatisch sey. S. eben- 
daselbst §. 469 und 412. Welch willkührliche Fiction, 
da in Beziehung auf das heilige Pneuma nie in der 
Bibel von der Liebe, die zwischen Gott Vater and 
dem Gottessohn Jesus ist, ein Wort gesagt wird. 

Wäre aber dennoch dieses zweimalige Objectiviren 
durch die Speculation philosophisch begründet, so mutete 
man an diese so viel wissende Entdeckungskunst nur 
noch die Frage richten: wie sie denn darzuthun ver- 
möge, dafs nicht nach ähnlicher Weise jene drei Per- 
sonen des göttlichen Wesens sich selbst noch einmal ob- 
jectiviren mufsten, um jetzt — etwa die Wahrheit 
als das ewige Erzeugnifs des Vaters, Sohns und Geistes 



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I 



Dr. Grimm, vom nichtalexandrin. Urtpr. d. U. der Weisheit. 105a 

ebenfalls im Gotteswesen hypostatisch zu raachen; be- 
sonders da neuerdings ein so grofses Gewicht auf das 
Wort Jesu gelegt wird, dafser: „Ich bin die Wahr- 
heit" nach Joh. 14, 6. ausgerufen habe, wodurch er 
sich für die wesentliche Wahrheit wie Gott er- 
klärt haben soll. Wäre dies, so wurde wohl ebendie- 
selbe Speculatiou wenigstens noch zwei weitere Personen 
mit gleichem Recht anzunehmen haben. Denn nach der 
angeführten Stelle hatte Jesus zuerst gesagt: „Ich bin 
der Weg," alsdann: „und die Wahrheit," und ebenso 
endlich: „auch das Leben." Oder sollte es etwa dieser 
speculativen Philosophie schwerer werden, einen we- 
sentlichen Weg und ein wesentliches Leben zu denken, 
als eine wesentliche Wahrheit oder als einen Geist, der 
von Vater und Sohn persönlich unterschieden wäre, 
ungeachtet doch gewifs Gott Vater ein ewiger Geist ge- 
wesen seyn mufs und als solcher nicht von sich selbst 
unterscheidbar seyn kann. 

Nur weil die dogmatischen sowohl als die spe- 
culativen (das was so seyn mufs, von oben herab er- 
schauenden) Hyperphysiker fast immer an die Intel- 
ligenz (= das denkende Erkennen oder Wissen) allein, 
nicht aber auch an das Wollen oder die innigste 
Selbstbestimmungskraft zu denken pflegen, wird 
es erklärbar, warum man nicht neben der zur besondern 
Person gemachten Intelligenz, dem Logos, auch als 
eine dritte Person den Willen (die ßovXrj oder evSo- 
xia) quasi -philosophirend aufstellte. Da der Wille 
Gottes ohne Zweifel eine heilige Geisteskraft ist, 
so würde es für die speculativen Kenner dessen , was in 
Gott ewig seyn mufs, räthlicher und um vieles wahr- 
scheinlicher seyn , auf die dritte Hypostase durch Per- 
sonificirung des heiligen Willens, der in Vater und 
Sohn seyn mufs, hinzuleiten, da das heilige 
Pneuma aus der Liebe zwischen Vater und Sohn zu 
deduciren , nicht einmal in den Prädicaten des Hagion 

Pneuma einen Schein von Anhaltnng hat. Wieviel 

anders und besser würde sich überhaupt das verineint- 



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1054 Dr. Grimm , vom nichtalexandrin. Urtpr. d. B. der Weisheit. 

liehe theologische Wissen angefüllt und gestaltet haben, 
wenn die Tiefsinnigen mehr an das Wollen und 
Sollen des Guten gedacht, und nicht blos auf der 
Einen Seite über dem allmächtigen Denken, auf 
der andern über dem Bösewollen wie brütend ge- 
messen hätten, so dafs ihr, den alleinguten Gott Vater 
fast vergessendes System , neben dem nur durch Intelli- 
genz schaffenden Logos den leidigen Diabolos als 
absolut bösen Willen zum Hauptgegenstand hat. 

Genug! Diese vermeintlich speculative Verwicklun- 
gen hören von selbst auf, sobald mit historischer Evi- 
denz anerkannt ist, dafs vom Logos als einer weltschaf- 
fenden Person Jesus seldst nichts gesagt hat, der alexan- 
drinische Logos aber nur, weil vorher die Weisheit 
Gottes dichterisch personificirt war, endlich als eine 
wirkliche Person gedacht worden ist, ohne dafs für diesen 
durch damalige speculative Dogmatiker gewagten Satz 
eine Art von Offenbarung nachgewiesen werden kann. 

Dr. Marheinecke hat zwar in der „völlig neu 
ausgearbeiteten Auflage seiner Grundlehren der christ- 
lichen Dogmatik" die den Beisatz: „als Wissenschaft" 
erhalten hat, die beiden oben angeführten Stel- 
len (wir wissen nicht, nach welcher Inspiration eines 
bessern Wissens?) weggelassen, in Wahrheit aber 
nichts verbessert. Denn nunmehr erklärt §. 208 : „Wenn 
Gott in seiner innern Offenbarung betrachtet werde als 
Denken rein für sich, nur sich darin vernehmend, so 
sey er Vernunft = Xoyog , vorgestellt als Sohn." 
Eine Erklärung, die man im Alterthum von Seiten der 
Kirche zu verketzern beliebt hat, in sofern der wegen 
Anmafslichkeit verhafste Bischof vonSamosata sich Vater, 
Logos und heil. Geist als drei Kräfte im Gotteswesen 
zu denken beschuldigt war. Dieser Verketzerung weicht 
der §. 210. dadurch aus, dafs der Sohn ein Anderer 
genannt wird, in welchem sich das Wesen (Gottes) 
seihst anschaue, als das Wissen seines Wesens in 
sich selbst unmittelbar zurückgehe und in der Bewegung 
*su seinem andern Seyn (sich) zugleich sich selbst 



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Dr. Grimm, vom nichtalciandrin. Urtpr. d. B. der Weisheit. 1055 

gleich mache. Dieses tiefe Speculiren — oder Hinein- 
schauen in das, was durch Gottes ewiges Anschauen 
seiner selbst in Gott ewig seyn und sich bewegen müsse — 
mögen wohl Die verstehen , welche sich ihres Verstandes 
mehr, als es mir gelungen ist, entäußert und ent- 
selbstigt haben. Doch verstehe ich glücklicher Weise ' 
noch soviel, dafs auf jeden Fall auch dieser nmi ausgear- 
beiteten Dogmatik als speculativer Wissenschaft, der 
Sohn wie ein Anderer (also immer noch, wie ein 
Alter -ego des Vaters) geblieben ist, wenn gleich er 
jetzt auch als Vernunft dargestellt wird, und doch 
die Vernunft ohne Zweifel in Gott selbst ewig seyn mufs 
und nicht, als objectivirt, zur unterscheid baren Person 
werden kann. 

Man kann nicht anders, als über diese erkünstelten 
Widersprüche um so mehr erstaunen , weil sie doch , 
nach dem eigenen Bekenntnifs in §. 426, nicht einmal 
ein biblisch aufgegebenes Räthsel, sondern nur ein 
kirchlich selbstgemachtes sind. Denn S. 263. 
wird (ganz leise) das Bekenntnifs abgelegt: „Wer die 
Wahrheit von der Einheit Gottes in drei Personen nicht 
zunächst aus dem Unterricht, dem Wissen und Glau- 
ben der Kirche habe, den könne die heil. Schrift 
an und für sich dieselbe nicht lehren, obgleich 
sie ihr nichts weniger, als fremd sey. Matth. 28, 19. 
2 Kor. 13, 13. Joh. 15, 26. „Der Geist sey es, wei- 
cher Gott als den dreieinigen schon im alten Bunde, 
obgleich noch verborgen , erkennen gelehrt habe ; im 
neuen Bunde habe er ihn viel klarer und unverkennbarer 
geoffenbart; in der Kirche aber erst diese Lehre 
in die Form des Wissens erhoben, jedoch auf 
eine zwar nie der abstracten Vorstellung, 
aber dem Begriff vollkommen genügende Weite. 

Vier höchst sonderbare Gradationen ! Dort wo die 
Kinder der ersten Offenbarungszeiten noch am wenigsten 
eine Lehre zu erratheu vermochten, und also, dafs sie 
ihnen recht bestimmt ausgesprochen worden wäre, be- 
durft hätten, soll sie ihnen gelehrt, aber noch ver- 



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1050 Dr. Grimm, vom nichtalexandrin. Urspr. d. B. der Weisheit. 

borgen zu erkennen gegeben worden seyn Ein 
Erkennenlehren, das doch ein verborgenes sey, 
begreift nun freilieh wieder der arme Verstand , gar 
nicht ! 

Die zweite Gradation wäre, dafs Gott als der Drei- 
einige im neuen Bunde durch den Geist viel klarer und 
unverkennbarer geoffenbart sey. Dennoch weifs gewifs 
Dr. ML eben so wenig, als z. B. der ehrwürdige Knapp 
in seiner Dogmatik, eine Bibelstelle anzugeben, in wel- 
cher Gott Vater als eine besondere Person und nicht als 
Gott überhaupt verstanden werden müfste. Eben so ge- 
wifs ist biblisch keine Stelle nachzuweisen, wo das Prä- 
dicat des lebendigen Gottessohns etwas anderes, als den 
Messias nach der Verwandtschaft seines Wis- 
sens und Wollens mit Gott bedeute, wie der jü- 
dische Hohepriester Matth. 26, 63. dieses Wort ge- 
braucht und so gebraucht hat, dafs es auch Jesus selbst 
V. 64. durch ein „Wie Du sagst!" von sich bejaht und 
nicht anders erklärt hat. 

Die dritte Gradation ist freilich wichtig. Nur die 
Kirche und diese erst, nachdem man 3 Jahrhunderte 
hindurch nichts Bestimmtes gewufst, sondern nur man- 
cherlei Erklärungsversuche gemacht hatte , brachte es 
endlich dahin, dafs der Logos in das Gotteswesen zu- 
rückgedacht und auch die Unterordnung der zwei andern 
Personen unter den Vater allmählig in eine Parität ver- 
wandelt wurde. Ist denn aber nun dem Protestanten 
die Kirche eine OfTenbarcrin von Lehren, die „der 
Bibel nur nicht fremd" wären? Kann die Kirche 
Geheimnifslehren , die anders nicht als wenn sie geoffen- 
bart sind, den Menschen bekannt sevn können, dennoch 
wissen, ohne dafs die Bibel sie deutlich, als geoffenbart, 
enthält? Und war es denn wahrhaftig der Geist? 
oder vielmehr nach der klaren Kirchengeschichte , die 
Macht der Hoftheologir, was eine Zeitlang alle Welt 
arianisch, endlich aber doch homousianisch machte? 

( Der Beschlufs folgt.) 



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X°. 6T HEIDELB JAHRB. d. LITERATUR. 1838. 



Dr. Grimm, vom nicht alexandrinischen Ursprung des 

Buchs der Weisheit 

(Beschlufs.) 

Bin grofses GlOck aber mufs es seyn, dafs die 
Kirche diese Lehre zwar viel bestimmter und begreif» 
eher als die Bibel geoffenbart hat und sie doch nie 
auf eine der abstracten Vorstellung genugende Weise zu 
geben vermochte. Denn daher stehen jetzt dergleichen 
speculativ- philosophische Theologen auf der vierten 
und höchsten Stufe, um jenes Dreieinige als ein 
Philosophem zu offenbaren , das ihre Vernunft noch weit 
besser zu objectiviren wisse, als selbst die Kirche, die 
es doch besser, als die Bibel vermocht hatte. 

Zur nöthigsten Beleuchtung aber für diese speculative 
Geheimnifsoffenbarung ist wenigstens noch zu berühren, 
durch welche tiefsinnigste Einsichten der speculative 
Wisser zu Berlin — seit 182T — diese vierte Stufe 
seiner abstracten Vorstellung- von den drei Personen in 
dem Einen göttlichen Wesen erstiegen hat. 

Sein §. 205. schickt als eine grofse Entdeckung voraus, 
dafs „in der wahren Religion die Mehrheit nicht 
mehr die Negation der Einheit, sondern die 
Differenz sey und dafs die Einheit nicht mehr 
die .Negation der Mehrheit sey, sondern die 
Identität des Unterschiedenen." Höret, leset, 
und leset wieder, was diese viererlei Sätze bedeuten 
sollen. Allerdings klingen sie, durch ihre Schallworte 
von Negationsdifferenz und Identität , zum Erstaunen tief- 
sinnig. Aber warum suchen sich doch Die, welche sol- 
chen Klingklang anhören oder lesen, nicht ohne Staunen 
deutlich zu machen, was denn eigentlich dadurch? und 
ob damit Wahres oder baarer Unsinn gesagt werde ? Wir 
wollen das Gewirr entwickeln. Hat denn je ein verstän- 

XXVI. Jahrg. IL Heft. 67 



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1058 Dr. Grimm, vom nichtalexandiin. Ur»pr. d. B. der Wciiheit. 

diger Mensch gemeint : „die Mehrheit sey eine 
Negation der Einheit?" Hat erst die sogenannte 
Begriffsphilosophie uns Uebrige von diesem M i f s b e - 
griff befreit? oder hat nur sie selbst erst den Mifs- 
begriff erfunden , wie wenn irgend einem Denker das 
Wesentliche der Mehrheit in der „Negation" der 
Einheit zu bestehen scheinen könnte? Wer nicht obstu- 
pescirt ist, wird sogleich sagen: Die Mehrheit ist — 
weder in der Religion noch sonst — Negation der Ein- 
heit; Mehrheit ist überall nicht durch ein Verneinen der 
Einheit; denn Mehrheit ist vielmehr ein Wieder- 
holen, ein Denken und Wiederdenken der 
Einheit!! Ebenso ist umgekehrt weder in der wahren 
Religion, noch in irgend einem Denken — die Ein- 
heit Negation der Mehrheit. Wenn man die 
Mehrheit negirte, so bliebe nicht etwa die Einheit, son- 
dern es bleibt das liebe „Nichts." Die Einheit aber 
ist vielmehr immer die „Wurzel" der Mehrheit; 
denn durch 1 und 1. ist Mehrheit 

Eben so unrichtig ist die vermeintliche Begriffsbe- 
stimmung, laut welcher die Mehrheit die Diffe- 
renz der Einheit seyn soll. Ist denn die Mehrheit 
dadurch, dafs in der Einheit eines vom andern unter- 
schieden wird , also das Eins gleichsam in Theile getheilt 
werden kann? Vielmehr sobald irgend eine Gröfse, 
ohne andere Beziehung gesetzt wird, ist Einheit gesetzt. 
Einheit ist der erste Begriff bei jeder Gröfse, in sofern 
sie gesetzt und nicht wiederholt wird. Sie ist also 
keineswegs „die Identität des Unterschiedenen.** 
Denn wenn Einheit gedacht wird , geht kein Unterschei- 
den voraus; vielmehr ist das Eine immer das Erste. Nur 
wenn es wieder gedacht wird, und man A von A un- 
terscheidet, so entsteht alsdann die Differenz, 
wegen welcher eine Mehrheit zu denken ist. 

Traurig ist's, dafs dergleichen speculative Verwir- 
rungen den Verständigen zu dergleichen Auseinander- 
setzung hochtrabender Irrthumer nöthigen, weil die 
Zeiterfahrung zeigt, dafs gar zu viele, im Genaudenken 



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Dr. Grimm, vom nichtalexandrin. L'npr. d. B. der Weisheit. 1099 

ungeübt , dergleichen speculative Prämissen wie Grund- 
wahrheiten anstaunen, die ja wohl wahr seyn müfsten, 
weil sie, so kategorisch ausgesprochen, über allen Ver- 
stand weit in das Ueberverständige hinaus gehen sollen. 
Allerdings nämlich versteht eine grofse Mehrheit der 
seit ungefähr zwei Decennien Nachgebildeten nicht mehr, 
was sie sonst wohl verstanden hätte, jetzt aber nur so 
ganz dumpf anschaut, seit der hochfliegende Ueberver- 
stand der Speculatiou, sich den Titel Vernunft für seine 
spitzfindige Begriffsverwirrungen anmafsend, das Ver- 
ständigseyn und die Uebung in Zerlegung und Prüfung 
der Begriffe, wie etwas Niederträchtiges, in Verruf ge- 
bracht hat. 8 

Einem solchen speculativen Dogmatiker ist nun freilich 
daran gelegen , dafs sich der glaubige Zuhörer einreden 
lasse : die Einheit sey Identität des Unterschiedenen. Denn 
wenn dies so wäre, so könnte er alsdann 1, 2, 3 Per- 
sonen als unterschieden angeben und doch behaupten, 
dafs dadurch die Einheit, weil sie Identität des Unter- 
schiedenen sey, gar nicht gestört werde. Daher wird 
es ihm ein leichtes, an jene Prämissen mit grofser Zu- 
versicht seine „Dreiheit in der Einheit" anzuhängen. So 
Dr. M. Man höre und erwäge. „In der christlichen 
Religion," sagt Er, „ist Gott in seiner abstracten 
Unterschiedslosigkeit und grundlosen Unmittel- 
barkeit vorgestellt als Vater. Er ist in der Un- 
terscheidung seiner von sich unendlich mit 
sich identisch = Gott in Gott!" 

Soll nicht auch diesen Mischmasch, wer noch seinen 
Verstand gerettet hat, ein bischen auseinanderlegen? 
Was heifst denn dies: „Unterscheidung Seiner von 
Sich?" Wer, wenn er nicht ein Doppelgänger ist, 
kann, auch nur im Denken, sich von sich selber so unter- 
scheiden, dafs dadurch Einer und — ein Anderer 
wurde ? Ein Geist , ein seibstbe wufstes Ich , mag sich 
als ein Ganzes und dann auch nach seinen verschiedensten 
Kräften und Beziehungen betrachten ; aber wenn z. B. 
der Geist sich selbst von seinem Denken oder Wollen 



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1060 Dr. Grimm, vom nichtalexandrin. Urapr. d. B. der Weisheit 

oder Wirken unterscheidet, so unterscheidet er nicht 
sich von sich selbst, sondern eine oder die andere seiner 
Kräfte betrachtet er, in sofern sie von den übrigen ver- 
schieden ist. Jede solche Kraft ist alsdann mit den an- 
dern in dem Einen Wesen, das sie ausmachen; nie- 
mand aber kann sagen, wenn die Vernunft oder der 
Wille vom Geist unterschieden wird, dafs alsdann doch 
der „Geist im Geiste" sey, wie Dr. M. behaupten 
will* dafs Gott in Gott sey, wenn Gott als Vater sich 
von sich selber unterscheide und doch unendlich mit 
sich identisch bleibe. 

Der speculative Wortkünstler versteht hier nicht ein- 
mal sein eigenes System. Nach diesem ist Vater die 
Bezeichnung einer Person, also — eines Unter- 
scheidbaren! Gott, als Vater betrachtet, ist also nicht 
in einer abstracten Unterschiedslosigkeit. 
Denn wie wird Gott, nach diesem speculativen System, 
Vater? Gerade dadurch , dafs Gott sich selber anschaut 
und nun sich als den Anschauenden von dem Angeschauten 
abstract unterscheidet Demnach wäre gerade das Ge- 
gentheil von Dem zu sagen, was Dr. M. — in seinen. 
Wortformeln sich selbst verlierend, so hingeschrieben 
hat. Gott ist (in dem System) als Vater vorgestellt — 
gerade Wegen seiner abstracten „Unter- 
scheidbarkeit," durch welche er, sich selbst an- 
schauend , dieses angeschaute Selbst als Sohn betrachtet 
und daher Vater ist, weil Er, der sich selbst An- 
schauende, dadurch sich zum Sohn hat (oder — haben 
soll). 

Wenn nun dies nach dem System so ist, so kann 
man, demselben gemäfs, nicht sagen: Gott ist in 
Gott, sondern: der Vater und der Sohn ist in Gott. 
Denn der sich selbst Anschauende und der Objectivirte 
oder Angeschaute (Gott) ist in dieser Unterscheidung 
dennoch der nämliche Gott Dadurch wäre dann 
nicht nur der Sohn der unendliche Unterschied in 9 der 
unendlichen Identität. Vielmehr ist der Vater, als 
Person, eben so sehr wie der Sohn Gottes des Vater« 



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Dr. Grimm, vom nichtalexandrin. Urtpr. d. B. der Weisheit. 1061 

auch der unendliche (nämlich persönliche) Unterschied 
in der unendlichen Identität (nämlich der Gottein- 
heit). Der Eine wesentliche Gott unterscheidet sich 
als Vater (oder als den sich selbst Anschauenden) eben 
so sehr von dem angeschauten Selbst oder dem Sohn, 
als der Sohn für unendlich oder ewig unterschieden 
gelten mufs. 

Dadurch aber wird dann auch nicht „Gott aus 
Gott," vielmehr wird nur Vater und Sohn aus 
Gott, wenn der sich selbst anschauende Gott deswegen 
Vater ist, weil der von ihm Angeschaute als Sohn zu 
betrachten seyn soll 

Das dritte speculative Spielwerk über den Geist als 
Person ist noch sonderbarer ; und schon der heil. Basi- 
lius war, wie bekannt, nicht umsonst über der Per- 
sönlichkeit des Geistes in grofser Verlegenheit, da 
Gott an sich absolut Geist und heilig seyn mufs und 
folglich kaum zu sagen ist, wie er als eine dritte 
Person in einem unterscheidbaren Sinn Geist seyn soll. 

Dr. M. schreibt: „Gott aber, die Identität der Iden- 
tität und Differenz, ist vorgestellt als Geist. Er ist Der 
in und aus Gott Seyende und so für sich. 
In der wahren Religion, welches die christliche ist, 
offenbart sich Gott als der Dreieinige." 

Wie müssen wir dies, um nicht blofse Worte zu haben, 
entwirren und verstehen, dafs Gott sey die Iden- 
tität der Identität und Differenz?" Allerdings 
ist der sich Selbst Anschauende und der angeschaute 
Selbst (dem Worte nach) nur in einem Schein von 
Differenz. Denn wer sich selbst anschaut , der bleibt 
gewifs Er Selbst, und wird dadurch nicht ein Anderer. 
Wenn also der Unterschied zwischen Vater und Sohn auf 
diesem Anschauen und Angeschautseyn beruhete, so wäre 
dadurch in der Identität nicht das Geringste geändert, 
und der speculative Philosoph sollte schon daran ge- 
wöhnt seyn, weil so oft und viel gesagt ist, dafs der 
Vorstellende und das Vorgestellte, Subjekt und Objekt, 
Eines und ebendasselbe sey. Dies ist wenigstens alsdann 



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■ 



1062 Dr. Grimm , vom nichtalexandrin. Urapr. d. B. der Weisheit. 

durchaus wahr, wenn der Vorstellende sich sich selber 
zum Objekt macht Die Differenz ist Vater and 
Sohn. Diese Differenz aber ist nur durch eine Selbst* 
Unterscheidung des Selbst von sich selbst, des sich selbst 
anschauenden von sich dem selbstangeschauten Selbst. 
Diese Differenz ist demnach immer Identität Ihr Sinn 
ist: der Eine Gott ist Vater und Sohn! Wie aber nun 
ein Dritter, ein persönlich davon unterscheid barer? und 
zwar ein heiliger Geist? Wie soll dieser von Gott, dem 
vollkommenen Geist, in eine Differenz zu bringen seyn? 
Ist nicht vielmehr Gott, der vollkommene Geist, die 
höchste Identität der (angenommenen) persönlichen Dif- 
ferenz, die das System Vater und Sohn nennt? Dr.M. aber 
ist noch einmal wider sich selbst oder wider sein System, 
indem er die dritte Person , den Geist , dadurch gezeigt 
haben will, dafs Dieser die Identität der Identität und Dif- 
ferenz in Gott sey. Der in Gott Seyende ist in diesem 
System der Vater, der aus Gott Seyende ist der Sohn. 
Diese beide sind and bleiben identisch = Gott selbst, 
das sich Selbst anschauende und der angeschaute Selbst. 
Also ist die Auflösung dieser Differenz in die Identität 
als Gott unmöglich ein Grund einer dritten Person, die 
der heilige Geist seyn soll. Denn dieser soll ja wohl aus 
Vater und Sohn ausgehen, aber nicht Vater und Sohn 
seyn. Er soll auch nicht ihre Differenz oder Unter- 
scheidbarkeit aufheben and in Identität verwandeln, viel- 
mehr soll er selbst ein Dritter, ein Unterscheid barer 
seyn. 

In wiefern er ein Dritter sey, gerade dies ist in der 
Schrift immer angedeutet, indem er der Heilige 
oder Heiligwollende genannt wird. Wozu also 
alle diese Künsteleien, die allerdings, wie Dr. M. selbst 
bekennen mufs, nur eine Offenbarung (nicht der — leider 
unmündigen — Kirche, sondern) derjenigen Kirchenväter 
ist, welche am Ende, nicht durch den Geist Gottes, 
sondern durch die zuletzt herrschenden Hofbischöfe herr- 
schend geworden und die Meinungsherrscherin geblieben 
ist. Wozu also die Verschwendung all dieser speculativen 



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Dr. Grimm, vom nichlalcxandrin. Urspr. d. B. der Weisheit. 1063 

Verwicklungen und Widersprüche, um nur das Patri- 
stisch - kirchliche gegen das Biblische für Diejenigen 
noch eine Zeitlang scheinbar zu machen, die durch der- 
gleichen Wort- undBegriffsmengerei, wie durch ein tiefes 
Denken, staunend oder gar stupid gemacht werden können. 

Lösen wir all das Gerede von Differenz, die doch 
Identität sey, und sogar von Identität der Identität und 
Differenz, in Das auf, was dadurch gesagt seyn soll, so 
ist durch die schwerverständlichsten Anstrengungen der 
Speculation nichts gesagt, als was längst, ohne dafs es 
irgend jemand schwindeln macht , als baare , klare 
biblische und vernünftige und wohlverständliche Wahr- 
heit erkennbar wurde und von Vielen in jeder Kirche 
erkannt ist. Die biblische D r e i h e i t ist unverkenn- 
bar. Es ist durchgängig der nämliche Gott, wel- 
cher als Vater verehrt wird, weil alles durch ihn 
ist, weil besonders die Geister, seine Söhne seyn oder 
werden sollen, und weil der Messias Jesus im vorzüglichen 
Sinn sein geistiger Sohn war. In eben diesem nach Joh. 
17, 3. alleinwahren Gott -Vater ist aber vorzüglich zu ver- 
ehren seine all waltende Weisheit und seine heilige 
Willenskraft. Diese werden in der biblischen Sprache 
oft personificirt. Durch sie beide ist Gott „Geist" 
= vollkommen wissend und vollkommen wollend. Nur 
ist sein Geist, oder besser: „Er als Geist" nicht 
ein Drittes, sondern Gott ist Weisheitsgeist und Heilig- 
keitsgeist als Ein und ebenderselbe Gott und „voll- 
kommner Vater im Himmel." Matth. 5, 48. 

Dafs aber das vollkommene Wissen vollends ganz wie 
eine Person gedacht worden ist, dies hat nur die mifs- 
lungene , unkritische Speculation oder Pseudonymos 
Gnosis der Alexandriner und der über Jesu Selbstschil- 
derung hinausgehende johanneische Prologist zu recht- 
fertigen oder zu verantworten. Möchte also doch ja nie 
weiter behauptet werden, dafs Dies „zur wahren Reli- 
gion gehöre," oder gar das Wahreste in dem Christen- 
thum sey. Weifs man doch nur allzusehr, durch welche 
geistlose, den Staat durch die Kirche zerrüttende Pfaffen- 



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1064 Dr. Grimm , Tom nicht a exandrin. Uripr. d. B. der Weisheit. 



und Hofschranzenkämpfe es kirchlich geworden ist Nun- 
mehr aber verursacht es einen grofsen Theil der leidigen 
Unkirchlichkeit , die sich weder durch ein Gebieten 
noch durch ein Vermummen jener unbiblischen Kirchen- 
gnosis verbessern und in Liebe dessen, was nicht kirch- 
lich seyn sollte, umwandeln Jäfst. So verkünstelt und 
über allen Verstand hinausstrebend, jene — nur patri- 
stisch- kirchliche — Lehrverwicklungen des 3. 4. 5ten 
Jahrhunderts unsere speculativen Köpfe zu werden ver- 
fuhren, so einfach ist der biblische Sinn über eine Trias 
(Dreiheit) Gottes und deren Verbindung mit dem Logos 
in Jesus. Einfachheit aber ist der Charakter der Wahr- 
heit, besonders der für Alle nöthigen, der reli- 
giösen. 

Die Philosophie, unter dem Namen einer wie von 
oben herab (quasi e* specula und per specula) alles, 
was in Gott und aufser ihm seyn müsse, erschauenden 
Speculation ist auf dem Wege, sogar in Auslegung und 
Ausschmückung von Kirchenmeinungen , welche in den 
Zeiten des Sinkens und Fallens der wissenschaftlichen 
und ästhetischen Geistesbildung über die biblisch- christ- 
lichen Religionslehren hinausgehen wollten, sich von 
jener Einfachheit des Wahren ins Unabseh- 
bare zn verlaufen. Um so mehr ist es die Auf- 
gabe und das Verdienst geschichtlicher, philologisch 
und psychologisch begründeter Forschungen , theils das 
unläugbarFactische, wie das Unbiblische , leider, kirch- 
lich geworden ist , nachzuweisen , theils aber auch daran 
zu erinnern , dafs am Ende doch alle je,ne speculativ er- 
künstelte Dialektik keineswegs eine Verteidigung dessen 
ist, was jene kirchlichen Sätze behaupten. Sind doch 
diese nicht durch Vernunft und Ideen glaublich gewor- 
den, sondern nur als eine durch bischöfliche und höfische 
Intriken der Kirche aufgezwungene Glaubenstradition so 
lange noch fortdauernd , als man die klare Wahrheit aus- 
zusprechen und das Urchristenthutn durch Wegreinigung 
der patristischen Fictionen und Meinungskünste wieder- 
zustellen Scheue hat. Was hilft die Täuschung, das 



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Dr. Grimm, vom nichUlexundrin. Urapr. d. B. der Weitheit. IMi 

Kirchen tu in dadurch erhalten zu wollen, dafs man 
Dogmen einen Sinn anzukünsteln versucht, den die Kirche 
nie gehabt, nie beabsichtigt hat? Was kann es auf die 
Dauer helfen, wenn man Idealnaturphilosophien und spe- 
culative Begriffsspiele dadurch zu empfehlen sucht, dafs 
darin die Worte Dreieinigkeit, Versöhnung u. s. w. in 
einem völlig unkirchlichen Sinn wied erschallen , in der 
Menge aber doch das unbiblisch-aberglaubige gangbar er- 
halten , und den Uebergang in das Urchristenthum , z. B. 
,dem besser unterrichteten- Juden oder dem den reinen Leh- 
ren Jesu redlich ergebenen Theisten schwerer machen? 

Auch um der dogmatischen Anwendung willen war 
es demnach wohl dar Mühe werth, dafs der Verf. einen 
neuen Fleifs auf das apokrvphische Weisheitsbuch wen- 
dete. Umfafst man nämlich den Gedankengang und den 
Ton desselben ganz, so kann nirgendsher deutlicher 
werden, wie allmählig in der Phantasie jener Zeit das 
Personificiren der Eotpia in Gott dem Verwandeln jener 
Gotteskraft in eine wirkliche Person ganz nahe kam. 
Wo der alte Verf. noch an das Femininum „Weisheit" 
denkt, da ist sie ihm nur eine Beisitzerin, eine Mitlebende 
bei Gott, in welcher er aber doch schon, wie in einer 
Person, ein eigenes nvsvfia zu denken versucht So- 
bald er aber das Masculinum Aoyog dafür substituirt, 
so wird ihm dieser (aber freilich nicht durch Philoso- 
phiren, sondern nur poetisch) fast ganz eine Person; 
jedoch nicht eine von der Gottheit zu einem aufser und 
neben Gott bleibenden Subsistiren ausgehende. Die auf- 
fallendste Stelle dieser Art ist 18,15. 16. Der Verderber, 
welcher die Erstgebornen der Aegyptier in der Auszugs- 
nacht getödtet habe, ist dem Verf. „der alivermögende 
Logos Gottes — 6 ütavrodvvafxog koyoQ tov Seov — 
welcher vom Himmel, von den herrschenden Thronen 
(Gottes) als ein entscheidender Krieger mitteu in das 
zum Verderben bestimmte Land sprang, als ein scharfes 
Schwert tragend den göttlichen Befehl , dem nicht aus- 
zuweichen ist. So stund er und erfüllte dies alles mit 
Tod. Er reichte an den Himmel ; war aber doch auf 
die Erde getreten." 



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1066 Dr. Grimm, vom nichtalcxandrin. Urspr. d. B. der Weialie.it. 

Für uns Occidental en , die wir das populär und poe- 
tisch Gesagte gar zu gerne als dogmatischen Ernst und 
Geheimnifslehre nehmen, sind gerade dergleichen Bei- 
spiele am meisten nöthig, um uns den Uebergang vom 
Personificiren in wirkliche, unterscheid bare Personen als 
möglich und orientalisch gewöhnlich zu zeigen. Ent- 
stehen doch auch in uoserm Philosophiren viele blos 
scheinbare Schwierigkeiten aus der Gewohnheit, allzuoft v 
Vernunft, Verstand", Willen u. s. w. wie Personen einan- 
der gegenüber zu stellen, worauf dann erst die Gegen- 
~ sätze derselben mit grofser Kunst gelöst werden sollen, 
während es vielmehr nur Ein Menschengeist ist , der in 
all jenen seinen Wirksamkeiten nur mit sich selbst zu 
thun hat. Eben durch solche historische Nachweisung 
aber, dafs die angeblichen Personen, Logos, Pneuma 
Hagion, nur aus poetischen Personificationen entstanden 
sind, müssen wir uns um so mehr warnen lassen, sie 
nicht wie hyperphysische Wirklichkeiten uns vorzuhal- 
ten, deren Notwendigkeit In Gott die Speculation zu 
erklären habe, vornämlich damit die Kirche, welche sie 
sich als Personen künstlich genug ausbilden liefs, da« 
durch aber doch nur etwas Patristisches und Unbibli- 
sches erhalten hat, auf eine scheinbare, den Mystiker 
und den Denkscheuen täuschende Weise noch eine Zeit« 
lang recht behalte und nicht vielmehr — durch Still- 
schweigen — davon entwöhnt werde. 

Der Verf. berücksichtigt auch noch andere in dem 
Weisheitsbuch bemerkbare Lehrmeinungen als nicht - 
alexandrinisch. Sobald man einen Logos als einen Geist 
annahm, der alle zur Weltschöpfung nöthige Ideeu oder 
Urbilder aus der Weisheit Gottes in seine Persönlichkeit 
herüber erhalten habe, so erschien in diesem Philoso« 
phieren Alles, was geworden ist, auch die Materie, als 
eine Emanation der Geistigkeit des Logos, so wie auch 
bei den Indern *) alles Gewordene aus den geistigen Göt- 



*) Ich kann nicht anders, als mich sehr wundern, dafs in den 
„ Kosmogonischc n Ansichten der Inder nnd He* 



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Dr. Grimm , vom nichtalexandrin. Urspr. d B. der Weisheit. 1007 

tern hervorgeht, die eich selber als Körper gestalten. 
Denn wo die Körper, wie bei den Indern, nur für Ph&« 
nomena (für maia , wie sie es nennen) gehalten werden, 
kann auch das Materielle als Wirkung oder Hervorbrin- 
gung von Geistern gedacht werden. Im Welsheitsbuch 
hingegen wird 11, 9. die materielle Welt vorgestellt als 
it> täriq ä{ioQ<pov. Sein Verfasser setzte demnach wie 
1 Mos. 1, 2. dasDaseyn einer Erdenmasse voraus, welche 
wüste und grauenvoll da gelegen habe als ein Abgrund , 1 
über welchem der Geist Gottes, nämlich die bildende, 
die Elemente aus dem Chaos hervorrufende Denk- und 
Willenskraft Gottes , sich bewegt habe oder die prima 
motrix gewesen sey. Von Ideen hingegen als von 



bräer," von Prof. Johansert zu Kopenhagen (Altona 1833.) 
die Indische Vorstellung, welche nach S. 4. ausdrücklich sagt: 
„Ursprünglich war dieses All wirklich Geist (Seele, soul), 
allein . . Anderes als er war nichts da," mit der alt- 
hebräischen identificirt werden soll , wo doch der Verf. selbst 
sagt, dafs man aus den Worten Genes. 1. und Hiob 26, 7. die 
Vorstellung lerne : dafs Dunhel dai Weltall umgab, dafs 
Gewässer existirten (und ein Tehom =a eine Tiefe und 
Breite war, welches als ein vastum et ttupendum vom Geist 
nur bewegt, nicht erzeugt wurde). Menuisch war zuerst der 
Geist Alles und durch ihn wird alles wie eine Abspiegelung, 
die ebendeswegen nur eine Erscheinung ist. Althebräisch 
ist die Aercz pi£ von yy\ Untere, worauf gegangen 

wird) schon da als etwas, zu welchem der Geist hinzukommt 
and aus welchem Gott nach und nach Licht, Himmelsgewölb, 
Meerwasser, Gestirne u.a. w. hervorruft und als bestehende 
Wirklichkeiten an Ort und Stelle zu geben gebietet Alles dies 
emanirt nicht aus Gottes geistiger Substanz, sondern aus 
dem Tohu va-Bohu oder Tehom. Nur der Menschen g e i s t 
wird dem Erdenbild von Gott aus ihm selbst eingehaucht. Was 
kann in dieser ersten Inspiration deutlicher seyn. als dieses 
Unterscheiden , dafs das Geistige dem Althebräer aus dem Gei- 
stigen kam, das Materielle aber als Mischung vorlag, die nur 
des Geistigen zum Scheiden, Hervorrufen, Ordnen bedurfte, 
nn") ™t arab. weich seyn, im Pihel also weich machen. 
Dies hatte die Ruach Gottes zu bewirken, die Masse tracta- 
hel zu machen. (Auch die syrische Bedeutung beruht auf 
Weichheit. Daher erst brütende Mutterliebe, Mitleiden u.s.w.) 



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1068 Dr. Grimm , vom nichtalexandrio. Urspr. d. B. der Weisheit. 

wesentlichen Urbildern für alle Arten der 
Dinge denkt das Weisheitsbuch nichts. 

Das Resultat ist, dafs das „Sophia- Buch " also 
nicht in die Zeiten zu versetzen sey, in welchen die 
alexandrinische Theologie auf die Weise platonisirte, 
wie wir es am meisten in den Philonischen Schriften 
finden. Daraus schliefst Hr. Dr. Grimm auf einen pa- 
lästinischen Verfasser, der in der makedonischen 
Zeit mit griechischer Sprache und Denkart bekannter 
geworden sey. In die Unterscheidung vom alexandrini- 
schen Philonisiren bewegen auch mich alle diese Grunde, 
einzustimmen. Es wäre aber vielleicht ein Drittes noch 
wahrscheinlicher. 

Das ganze Buch nämlich enthält, wenn ich nicht 
irre, ebensowenig etwas Charakteristisches aus Palästina, 
als aus Aegypten. Seine Hauptrichtung ist: Volksbe- 
herrscher, die es bald als Könige und Richter, bald als 
„Tyrannen" anredet, warnend aufzufordern, dafs sie 
gerecht regieren, besonders aber das Volk Gottes, wel- 
ches 18, 13. der Sohn Gottes genannt wird, nicht 
mifshandeln sollten. Deswegen wird an viele alte Beispiele 
erinnert, wie Gott die Voreltern als die Rechtha- 
bende = Sixaiovg immer geschützt und gerettet habe. 
Daher die Hinweisungen auf die ägyptischen Plagen, 
die aber doch gar nicht so eingekleidet sind, wie wenn 
Aegyptenland dem Beschreiber näher bekannt gewesen 
wäre. Er stellt auch die Abgötterei überhaupt 
meist als Bilderdienst, selten als Thierverehrung, der 
Religion der Söhne Gottes gegenüber. 

Es wäre demnach leicht möglich, dafs der Urheber 
dieser Ab Warnungen an damalige Tyrannen ebensowohl 
aufser Palästina, als aufser Aegypten , folglich ein ju- 
disch-griechischer Gelehrter im syrisch- makedonischen 
Reiche, etwa noch vor den Zeiten des Antiochus Epi- 
phanes gewesen seyn möchte, als die Nation durch ihre 
schlimme Lage zwischen Syrien und Aegypten von bei- 
derlei heidnischen Dynastien her manches Tyrannische, 
doch aber noch nicht so viel zu leiden hatte, als spä- 



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Dr Grimm, vom nichtalexandrin. Uripr. d. B. der Weisheit. 100!) 

terhin zur Makkabäerzeit , auf welche noch keine An- 
spielung vorkömmt. Bei einem aus diesem Gesichtspunkt 
wiederholten Durchlesen des Weisheitbuchs ist mir we- 
nigstens nichts, was dieser Vermuthung entgegenstünde, 
wohl aber manches vorgekommen , was mir dadurch er- 
klärbarer erscheint. Ich unterwerfe diese Ansicht der 
Prüfung hauptsächlich deswegen, weil es oft denUeber- 
blick jener Zeitbegebenheiten und besonders die zeitge- 
mäße Ansicht der Entstehung und Verbreitung des Ur- 
christeuthums zu hindern scheint , dafs man um die Zeit 
zwischen Alexander und dem Urchristenthum gewöhnlich 
nur an Palästina oder Aegypten denkt, nicht aber zu- 
gleich die vom Euphrat an durch Asien und Griechen- 
land bis nach Rom und nach Afrika zerstreute grofse 
Menge meist gräcissirender Juden in Rechnung nimmt, 
unter denen manches Apokryphische entstanden seyn 
kann, da in der That der Hellenismus der uns bekannten 
griechischen Apokryphen und Pseudepigraphen von dem 
neutestamentlichen Idiom besonders des Matthäus, Petrus, 
Jakobus auf mancherlei Weise verschieden ist Die Frage 
also ist: Sollte nicht jene unter Salomos Namen an 
auswärtige Herrscher, als Bedränger des Volks Gottes 
gerichtete Ab Warnung, jene Lobpreisung der die „Söhne 
Gottes ," die Juden , immer lehrenden und schützenden 
Gottesweisheit, eher autiochenisch, als alexan- 
drinisch oder palästinisch seyn? Man denke, wie grofs 
die Zahl der Juden zu Antiochia war, in dieser Mutter- 
kirche desfreieten, paulinischen Urchristenthums, ohne 
welches das Christenthum wieder zur Judensecte (Apg. 
21, 20 — 25.) herabgesunken wäre und nie das hätte 
werden können, dessen Fortschreiten zur Welt- 
religion — von Ammon so eben, wahr und frei- 
mttthig, zu schildern angefangen hat. 

Dr. Paulus. 



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1070 Mos. et Rom. leguin collatio. Ed. Biumii. 

Lex Dei eive Mosaicarum et Romanarum legum Collatio. 
E codicibu» manuscriptis Vindobonenei et Vercellensi nuper reperti» 
auctam atque emendatam edidit , notis indicibusque illustravit Fri- 
dericue Blume, Hamburgensü , in Aeademia Georgia August a 
Antecessor, Magn. Brit. Hannover aeque Regl ab aulae cone. Bon- 
. nae, impenei» Adolphi Mord. MDCCCXXXIU. XLVlll u. 208 5. 8. 
(2 fl. 42 kr.). 

Data die vorliegende Ausgabe der Collatio sehr 
Vieles vor ihren Vorgängerinnen voraus haben müsse, 
deutet schon das Titelblatt derselben an, wornach hier 
zwei, erst seit etwa zehn Jahren bekannte, Handschriften 
derselben benutzt worden sind. 

0 

Die Ausgabe zerfallt in vier Theile : in Prolegomena, 
den Text der Collatio mit Anmerkungen , Excursos Gri- 
ffe! und Indices. Die Prolegomena sind in drei Kapitel 
eingetheilt, von welchen das erste, de Origme Cölla- 
tionis überschrieben, von dem Verfasser der Collatio, 
von ihrem Zwecke, von ihrem Titel und von ihren 
Quellen handelt. Es zeigt hier der Hr. Herausgeber, 
dafs Cujas keineswegs, wie man so oft behauptete, 
(Schütting, Jurisprud. antejust. pag. 72t. not. 1. — 
Zimmern, Gesch. d. röm. Privatrechts. ThI. 1. §.7. 
Anm. 26. — Schweppe, Rechtsgesch. 3. Aufl. S. 211. 
Anm. 1.) geradezu als gewifs angenommen, dafs der 
Jurist Licinius Rufin us der Verfasser der Collatio 
sey, sondern ihn manchmal wohl nur der Kurze wegen 
so genannt habe, und überhaupt von der Wahrheit dieser 
Autorschaft nicht überzeugt gewesen sey. Hat doch 
schon Pithou in der Vorrede seiner Ausgabe der Col- 
latio eine solche Absurdität von sich gewiesen ! Dafs 
sich in Deutschland ein Manuscript der Collatio vorfinde, 
welches Licinius Rufinns als Verfasser nenne , steht 
zwar in Cujacii Recitat. solerrm. ad Pauli Quaest. 
Üb. XI. *./., wie sie Marq. F reher sechs Jahre nach 
dem Tode ihres Verfs. zu Frankfurt herausgegeben hat; 
allein der Hr. OAR. meint, es sey dies wohl eher ein 
Zusatz von Fr eher, als eine Erzählung von Cujas, 
indem der Letztere , wenn er eine solche Nachricht er- 
halten hätte, gewifs Alles aufgeboten haben würde, um 



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Mo«, et Rom. legum collatio. Ed. Blumii. 1071 

dies Manuscript näher besichtigen zu können. *) Die 
Verfertigung der Collatio setzt der Hr. Herausgeber an 
das Ende des fünften Jahrhunderts und hält es für nicht 
unwahrscheinlich, dafs der Verfasser derselben ein Cle- 
riker gewesen sey. Es habe das Buch wohl dazu dienen 
sollen, die Uebereinstimmung des mosaischen und römi- 
schen Rechts ins Licht zu setzen, um so zu zeigen, 
dafs für Christen die Kenntnifs beider von Nutzen sey. 
Dafs der ursprüngliche Titel des Werks gelautet habe: 
„LexDei, quam Dommus (s. Dem) dedit ad Moysen " 
damit stimmen nun auch die vom Hrn. OAH. benutzten neu 
entdeckten Handschriften überein; fast alle Ausgaben 
der Collatio kennen ihn, wenn sie ihn auch nicht auf 
dem Titelblatte fuhren. Die Stellen des mosaischen Rechts 
sind , wie der Hr. Herausgeber annimmt, vom Compilator 
der Collatio entweder aus dem Gedächtnisse oder aus 
irgend einer, uns nicht bekannten, griechischen Ueber- 
setzung des Pentateuch entnommen, indem sie sowohl 
von der Hieronymianischen Uebersetzung als von allen 
übrigen bekannten bedeutend abweichen. Die aus dem 
römischen Rechte entlehnten Fragmente sind, wie be- 
kannt, nur Stücke aus den fünf im Citirgesetze begün- 
stigten Juristen und den drei Codices; Paulus und 
Ulpianus sind am meisten benutzt; nächst ihnen der 
Gregorianus Codex.**) 

♦) Diese Ansicht des Hrn. Herausgeber« scheint dadurch bestätigt 
zu werden, dafs der ganze Satz, welcher die Erzählung von 
jenem in Deutschland befindlichen Manuscripte enthält, in der 
Lyoner Ausgabe der Cujasischen Werke von 1614 (Tom. 1. 

f» 738.) weggelassen worden ist; über den Grund dieser Weg- 
aflsung miifste jedoch das Verhältnifs dieser Ausgabe zu der 
Frankfurter vom Jahre 1596 entscheiden. 
**) Es sey Ref. erlaubt, hier noch herauszuheben, dafs der Hr. 
Herausgeber durch eine scharfsinnige Conjectur einen neuen, 
schlagenden Beweis dafür ^beigebracht hat , dafs die Zeit der n 
Abfassung des Gregorianischen Codex wohl an das Ende des 
dritten oder den Anfang des vierten Jahrhunderts gesetzt werden 
müsse. Es wird nämlich in der Collatio (Tit. I. Kap. 10.) ein 
Rescript aus dem Gregorianischen Codex angeführt; da aber, 
wo man den Namen des rescribirenden Kaisers lesen sollte, 
steht in der Pithou sehen Ausgabe : „QnodNrt dnm>" in den beiden 
neuentdeckten Manuscripten: „quod si DMV." Der Hr. OAR. 
hat nun (vgl. die der Ausgabe beigegebenea Scriptnrae Spectm. 
III, f.) trefllich gezeigt, dafs diese Worte unzweifelhaft bim 



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1072 Mos. et Rom. legum collatio. Ed. Blumii. 



Im zweiten Kapitel wird von den Manuscripten 
der Collatio gesprochen. Nachdem die Nachrichten über 
die Handschriften, welche der Erzbischof Hinkmar 
von Rheims, Tilius, Contius und Charondas 
gesehen haben, mitgetheilt worden , wird von derjenigen 
gehandelt, nach welcher Peter Pithou seine Ausgabe 
(1573.) veranstaltete. Die Resultate der höchst fleifsi- 
gen Untersuchung gehen dahin, dafs man nicht weifs, 
wo dieses Manuscript gefunden und wohin es später 
gebracht worden ist. Gewifs ist aber, dafs dasselbe 
Cujas auf einige Zeit fiberlassen ward , welcher es mit 
einer gedruckten Ausgabe collationirte ; dies Cujasische 
Exemplar findet sich noch in der Bibliothek der Stach 
Bern. Es enthielt die Pithou'sche Handschrift aufser der 
Collatio noch das Dictatum de consiliariis, die Collatio 
de tutoribus und einige justinianeische Novellen , hatte 
sehr häufig dieselben Fehler und Irrthfimer des Abschrei- 
bers, wie die beiden neuerlich aufgefundenen Codices, 
war aber wohl älter, als diese, und am Ende der Collatio 
vollständiger. — 

{Der Be$cl,lufa folgt.), 

„ Diocl. et DNN." entstanden sind; er glaubt, dal« nach „et" 
der Name des Kaisers Maximianus ausgefallen, und die übrigen 
drei Zeichen für „domini fio*fri"*zu lesen seyen. Auch wird 
man es wirklich , wenn man die Züge der Handschriften an- 
sieht, für sehr leicht möglich hallen, dafs aus di ein qu ent- 
standen ; data aber d von dem Abschreiber sehr oft statt cl ge- 
setzt sey, dafür bringt der Hr. Herausgeher mehre Beispiele bei. 
Oasselbe Rescript steht auch im justinianeischen Codex (L. 5. C. 
ad leg. Com. de eicar. [9, 16.]) und trägt hier die Namen der 
Kaiser Diocletian und Maximian an der Stirne. Nannte nun 
aber Gregorianus diese Kaiser „domini nogtri" so mufs er unter 
ihrer Regierung seinen Codex verfertigt haben ; überdies werden 
an einem andern Orte der Collatio {Tit. VI. Kap. 4.) ebenfalls 
bei einer Stelle aus diesem Codex dieselben Kaiser „nobilissimi 
Caesare»" genannt. Es mag hier noch bemerkt werden, dafs in 
der Cujasischen Ausgabe von 1586* die Worte: „quod si domi- 
num" in den Text aufgenommen sind, am Rande aber ,,/mp. 
Diocl* et Maxim." steht; die Lyoner Ausgabe von 1593 dagegen 
liifst die Worte qu. s d. ganz weg. Van de Water in seinen 
Observ. jur. rom. lib. I. c. 19 (nicht lib. II, wie bei Schütting 
steht) verwandelte das quod si in „quod est" (es sollte sich auf 
das vorhergehende „^scriptum" beziehen), und wollte in den 
Zeichen dum die Namen der Kaiser ( „ Diocletiani et Maxi- 
mian*") finden. 



N«. 88. HEIDELB. JAHRB. ». LITERATUR. 1838. 



Mos. et Rom. legum coüatio. Ed. Blum it. 

* — 

(Keschlu f. 9.) 

Der Hr. Herausgeber zeigt ferner, dafs das Mann- 
script, welches als ein Legat von Scaliger in der 
Bibliothek zu Leyden aufbewahrt wird , eine von diesem 
Gelehrten verfertigte Abschrift des Pithou sehen Codex 
sey; von dieser Reliquie ist auch in der jetzigen Ausgabe 
Gebrauch gemacht. — Nach diesen Untersuchungen 
kommt die Reihe an die beiden erst neulich entdeckten 
Manuscripte. Das erste derselben, aus dem eilften Jahr- 
hunderte, wurde zu Wien im Herbste des Jahres 1822 
von Hrn. Prof. von Lancizolle aufgefunden, und ist 
schon langst von Hrn. Geh. Just Rath Bieuer in der 
Zeitschr. für geschichtl. R.Wiss. Bd. V. S. 338 
bis 35? genau beschrieben worden. Das zweite ent- 
deckte der Hr. OAR. Blume selbst im October 1822 
in der Biblio